WeRead Powered by ReaderPub
Komödiantinnen: Roman cover

Komödiantinnen: Roman

Chapter 14: 13.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A young law student is jolted awake preparing for a corps duel and stumbles on a tiny lacquer shoe left in the corridor, an encounter that sparks a flood of daydreams about actresses and the theater. The narrative contrasts the regimented, combative world of student ritual with the seductive, emotive realm of stage life, alternating immediate campus episodes with evocative portraits of performers and recalled stage scenes. It traces youthful longing and artistic awakening while examining the social and emotional distance between academic obligations and theatrical enchantment.

13.

Auf der Sophienstraße geriet Valentin Pilgram in den Schwall der Theaterbesucher hinein, der zum Carolatheater drängte.

Ach so — ha, ha! natürlich, da spielte man ja Komödie, heut' wie alle Abende!

Und Jucunda Buchner natürlich wieder der Stern des Abends, der Zielpunkt aller Blicke, die Sehnsucht aller Herzen! Ja gewiß: wie er sich durch die Menge schob, auf allen Lippen das leise, andächtig hingesprochene: Die Buchner ... die Buchner ...

Der lange Gesell, der im tollen Schneetreiben hemdärmelig und barhaupt sich durch die Menge zwängte, machte alles stutzen, alle Hälse sich wenden.

»Nanu, was hat denn der? Das is wohl ä Verrickter am Ende! Schutzmann! he, Schutzmann! Nähmen Se'n doch feste, den Langen da!«

Nein — so ging's nicht weiter. Er erwischte eine Droschke, warf sich hinein, befahl Katharinenstraße zweiundzwanzig. Er konnte ja auch unmöglich so auf Korpskneipe erscheinen, sie hätten ihn da wohl auch für wahnsinnig gehalten — hätten sein Rächeramt, seine heilige Mission, die beleidigte Ehre des grün-gold-roten Bandes wiederherzustellen, für einen Ausfluß des Aberwitzes genommen. Und dann: es schüttelte ihn. Fieberglut und Frostschauer tobten abwechselnd durch seine Reckenglieder.

Herrgott! Dieser alte Klepper wollte gar nicht vom Fleck.

Und doch — es wurde geschafft. Er flog die Treppe hinauf, langte keuchend oben an. Als er den Schlüssel suchte, taumelte er — das Fieber verwirrte sein Hirn. Kaum gelang es ihm, den Schlüssel einzustecken — so leise er konnte, drehte er um, schlich sich auf Zehenspitzen durch den dunklen Flur, machte drinnen Licht — erschrak, als er sein fahles Gesicht im Spiegel sah mit den stieren Augen, den rotfleckigen Wangen.

Einerlei — nur fort, nur es zu Ende bringen!

Er riß die triefenden, dunstigen Kleider vom Leibe, die schweißnasse Wäsche, zog sich vom Kopf bis zu Füßen frisch an, schauerte zusammen in der Siedeglut, die ihn durchrann. Er fühlte sich plötzlich müde zum Sterben — das aufgeschlagene Bett zog ihn magnetisch an. War's nicht das beste, da hineinzukriechen, die Decke über die Ohren zu ziehen und unterzusinken in bleiernes Vergessen ...?

Aber nein — das ging ja nicht. Die Mission! die Mission ... Abrechnung mußte gehalten werden. — Sauber mußte die Welt wieder werden ... Der Schandfleck mußte weg ... Und mit fliegenden Händen kleidete er sich an. Taumelte abermals, als er die Stiefel anziehen wollte, biß die Zähne zusammen, bezwang die todgleiche Erschlaffung.

Als er vor dem Spiegel die Halsbinde zu schlingen versuchte, versagten die Hände. Da knüpfte er nur die Enden in einen wüsten Knoten, stülpte statt des Hutes, der draußen an der Pleiße geblieben, eine schwarzseidene Mensurmütze auf, hing statt des Winterpaletots, den er ebenfalls im Schnee gelassen, einen dünnen Sommerhavelock um ... und nun fort — fort ...

Er warf einen Blick auf die Uhr — dreiviertel neun, gerade recht. Die offizielle Kneipe mußte eben begonnen haben, und bis zur Kleinen Fleischergasse waren's ja nur zwei Minuten.

Halt! Einen Stock brauchte man noch, man konnte nicht wissen ...

Nun, so mochte es schon das silbern beschlagene spanische Rohr sein, die Dedikation seines Leibburschen. Daß er kein Recht mehr hatte, dieses Stück zu führen, das mit dem Zirkel Franconias geschmückt war, was verschlug's in dieser Stunde —?! Es war eben doch ... ein Stock ...

Noch einer war an diesem Nachmittage bis tief in den endlosen Novemberabend hinein draußen im Schnee umhergeirrt: Hans Thumser.

Als er aus Jucundas Zimmer gestürzt, an dem verblüfften Erbprinzen vorüber, da war es auch ihm unmöglich gewesen, es auszuhalten zwischen den hastenden Menschen, den keuchenden, dampfenden Droschkengäulen, in den engen, finstern Straßen, unter den blinzelnden Laternen.

Er war ins Rosental geraten und stundenlang durch die schweigende Einsamkeit des schneeverwehten Parks geirrt.

Ha! ha! Also so lief die Karre! Freilich, freilich! Wenn Fürstengnade winkte, was galten da ein paar armselige Studentlein ...? Denen spielte man eine nette kleine Komödie vor: Hilflose, beleidigte, schutzbedürftige Unschuld dem einen, glühendes Verständnis, tiefinnige Seelenharmonie dem andern ... Und dann — dann ließ man einfach im rechten Augenblick den Vorhang fallen, und ein neues Stück fing an.

Komödie — Komödie — jedes Wort, jeder Blick, nichts als Reminiszenzen aus abgespielten Stücken, nichts als der Nachhall erlogenen, erheuchelten Gefühls ... Komödie ... Komödie ... Komödie —!

War das nicht Strafe? War dieser Abfall, diese Blamage, die fressende Scham — da drinnen — war das alles nicht verdient?! Hatte nicht auch er selber leichtherzig den Vorhang fallen lassen über einem lieblichen Spiel voll erster Seligkeit, voll flammender Glut und reizender Tändelei, das die vergangenen Wochen seinem jungen Leben beschert hatten?

War er besser als jene Jucunda? Er, der danklos und roh die Gesellin so köstlicher Entzückungen beiseite geschoben, um diesem gleißenden Phantom nachzujagen, das heute vor seinen entsetzen Augen die Larve hatte fallen lassen?

Asta! Asta! Dich hatte ich. Du hast dich mir geschenkt ... und ich ließ dich los und rannte einem Irrwisch nach ...

Ja, Hans Thumser ging streng mit sich ins Gericht. Er kam sich so klein vor, so dummejungenhaft, so unwert alles dessen, was die vergangenen Wochen ihm in den Schoß geworfen. Eine jähe Sehnsucht kam über ihn, sich in Astas Arme zu flüchten, die Stirn an ihre Knie zu drücken und um Verzeihung zu betteln.

Und doch — Knabentrotz und Knabenscham jagten ihn immer tiefer in die Schneewildnis hinein. Jetzt vor Asta hintreten und bitten: vergiß —?!

Sie würde sogleich begreifen, daß er — nun, daß er eben ... abgefallen war bei Jucunda. Und würde sie dann nicht triumphieren, sich bedanken für das Vergnügen, ihn über seinen Abfall trösten zu sollen?

Nein — das ging nicht. Das mußte man allein hinunterwürgen. Ha ha! Gab's nicht ein Mittel, die Qual dieser Beschämung, dieser fürchterlichen Blamage abzukürzen? Wozu war man denn Student — Korpsstudent — Fuchsmajor?! Und wozu heut abend offizielle Kneipe?

Ganz recht: besaufen werden wir uns! einen Eimer Bier in uns hineinpumpen, bis wir mitsamt der ganzen Corona der Füchse unterm Tisch liegen und den Himmel für 'nen Dudelsack ansehen. Hol' der Teufel die Weiber —!

Und morgen früh auf dem Fechtboden — Filzmaske aufgesetzt, drauflos gedroschen, solange Arm und Schädel halten wollen —!

Kaum konnte Hans die Stunde der offiziellen Kneipe erwarten. Als er zum Cafébaum schlenderte, grinsten ihm von allen Anschlagsäulen die riesigen Lettern entgegen:

»Wallensteins Lager«
»Die Piccolomini«

Pah! was für Hieroglyphen waren das eigentlich?! Was ging das alles ihn an? Pah, die Meininger! Pah! Schiller —!

Komödie ... Komödie!

Damit war man fertig, das mußte versunken sein und vergessen. — Und was stand ganz unten am Rande des Zettels?

»Freitag: Wallensteins Tod« —?!

Ja, hatte man gestern nicht selbst probiert, sollte morgen früh wiederum probieren für die Komödie von übermorgen? Hatte man nicht im Eisenwams der Pappenheimer Kürassiere gesteckt und sich als Friedländischer Reitersknecht gefühlt, eine Stunde lang?

Lüge, alles Lüge ... äffisches Spiel mit längst verpulster Glut, längst verschütteter Leidenschaft — Komödie das alles! Unwürdig des jungen sehnenden Menschentums, das man in allen Knochen fühlte, das leidend sich aufkrampfte gegen die Not der Stunde — das nach wildem Rausch, nach taumelnder Betäubung sich sehnte, das sich selbst vergessen wollte und vergessen alles um sich her —!

Nein — Hans Thumser wird niemals wieder Komödie spielen ...

Hans Thumser wird mehr nicht sein wollen, als er ist: ein ungarer, unfertiger Mensch, dessen verdammte Pflicht und Schuldigkeit das eine nur ist: zu lernen, zu arbeiten, sich zu stählen für die kommenden Kämpfe des wahren, des wachen Lebens. Morgen, morgen soll's beginnen — heut aber: Bier her! Saufen bis zum Umsinken! Vergessen ... vergessen ... vergessen ...

Da war der »Cafébaum«. Da winkte vom Sims des ersten Stockwerks das dreifarbene Schild, schneeüberlagert. Und der steingemeißelte riesige Türke, der sich von dem feisten kleinen Putten die Mokkaschale kredenzen läßt, trug über seinem steinernen Turban einen doppelt so hohen aus Schnee ...

Nun die enge, muffige Stiege hinauf, nun die Klingel gezogen. Drinnen lärmten schon die Korpsbrüder, die sich zum gewohnten Zechgelage versammelten. Als der Korpsdiener öffnete, empfing den Ankömmling schon auf dem Korridor, wo rings die grünen Kneipjacken mit den rot und goldenen Schnüren an den Wänden hingen, lautes Hallo.

Volkner, der Senior, hatte geschwatzt: er war Hans Thumser begegnet, als dieser mit einem mächtigen, seidenpapierumhüllten Rosenstrauß in das Haus Katharinenstraße zweiundzwanzig hineingegangen war. Daß dieser Besuch nicht etwa dem früheren Korpsbruder Pilgram gegolten habe, das hatte der Blumenstrauß verraten. Wo also konnte Thumser gewesen sein als bei Jucunda Buchner? Halb mit Ulk und halb mit Neid empfing man den Glücklichen. Der Name Jucundas war ein bißchen verdächtig von dem Fall Pilgram her. Obwohl der weiland Senior sich bei den Besuchen der früheren Korpsbrüder hartnäckig über seine Beziehungen zu der Diva ausschwieg, hatten die Korpsbrüder doch allmählich herausbekommen, daß jenem sein ritterliches Eintreten für das gekränkte Mädchen wenig Dank eingetragen hatte ...

Sich mit Jucunda Buchner einzulassen, das hatte also beinahe schon einen Beigeschmack von Komik und drohendem Hereinfall ...

Und dennoch ... der Duft des Lorbeers, der eine ganze Stadt berauschte, zog wie lichter Weihrauchdunst auch durch die Hirne, welche die grünen Mützen bedeckten ...

Der Schwall der Neckereien, die sich über Hans Thumser ergossen, ging ihm heiß in das siedende Blut — immer wilder schwoll die sinnlose Saufstimmung in ihm empor.

»Füchse, ad loca!« brüllte er und nahm am unteren Ende der Kneiptafel Platz, auf dem hochlehnigen Stuhl, der in Eichenschnitzerei die Märchengestalt eines aufrechtstehenden Fuchses zeigte, in Cerevis, Couleurband und Kanonenstiefeln, den Vorderlauf mit einem Schläger bewehrt. Und um ihren jungen Herrn und Meister zur Rechten und zur Linken scharte sich die Fuchscorona, sieben junge Bürschlein, darunter vier Krasse, die erst seit ein paar Wochen der Zucht ihres Schulmeisters entronnen waren, um der noch viel gestrengeren des Fuchsmajors zu verfallen — und drei Brander, Wangen und Nasen schon mit den ersten Dokumenten bewährten Mensurschneids verziert.

»Füchse, ich komm Euch den ersten und den zweiten Halben!« rief Hans Thumser und schüttete das volle Glas hinunter, das der Korpsdiener vor ihn hingesetzt.

Gleichzeitig beschied auch der Senior Volkner alles, was der Fuchtel des Fuchsmajors bereits entwachsen war, an das obere Ende der Kneiptafel: die Korpsburschen, die Inaktiven der Kartell- und befreundeten Korps, die sich in Leipzig studienhalber aufhielten und beim Korps verkehrten, und einzelne Alte Herren aus der Stadt, die sich dann und wann zu den Zusammenkünften des Korps einfanden.

Und nun entwickelte sich das altvertraute Bild: von allen Wänden schauten die Wappenschilder, die gekreuzten Fahnen und Schläger, die Ehrenhumpen und silberbeschlagenen Trinkhörner, die zahllosen jahrzehntealten Gruppenbilder, Silhouetten, Porträte der einstigen Mitglieder des Bundes auf die zechende und lärmende Schar herunter.

Mit zeremoniellem Anstand erhob sich der Erste:

»Silentium! Wir trinken zur Eröffnung einer fidelen, offiziellen Kneipe unser Glas in Gestalt eines Schoppens Salamander! Ad exercitium salamandri — eins, zwei, drei!«

In langen Güssen kollerte der erste Ganze in die zechbereiten Mägen, rasselnd wirbelte der Salamander und endete mit einem krachenden Aufklappen aller Gläser auf die massive Eichenplatte der Kneiptische.

»Silentium!« klang da wieder die Stimme des Präsidenten: »Wir singen als erstes offizielles Lied auf Seite 159: Brüder, zu den festlichen Gelagen ...«

In rauhem, taktfestem Unisono schwoll das Lied durch den niedern Raum, in dem das Brandopfer der Pfeifen und Zigarren sich mystisch über der Sängerschar emporkreiselte:

»Brüder, zu den festlichen Gelagen
Hat ein guter Gott uns hier vereint,
Allen Sorgen laßt uns jetzt entsagen,
Trinken mit dem Freund, der's redlich meint.
Da, wo Nektar glüht,
Holde Lust erblüht,
Wie den Blumen, wenn der Frühling scheint.«

Und Hans Thumser fühlte beglückt, wie die dumpflastende Beklemmung der einsamen Spätnachmittagstunden von ihm abfiel, und in grimmigem Behagen stürzte er sich hinein in den schäumenden Strudel des Gelages, spürte, wie alles, was ihn so im Tiefsten erschüttert, verschwamm, versank, verflog — und nichts mehr war, als der tolle Rausch der Stunde.

»Füchse! Ich komme Euch den elften und zwölften Halben!«

»Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
In dem Becher winkt der goldne Stern!
Honig laßt uns von den Lippen saugen,
Lieben ist des Lebens süßer Kern!
Ist die Kraft versaust,
Ist der Wein verbraust,
Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«

— so verscholl das hellaufrauschende Lied ...

»Silentium — schönes Lied ex! Ein Schmollis den Sängern!«

Da trat der Korpsdiener ein. Das glänzende Bemmchengesicht verstört, fassungslos. Er schlich sich zu dem ragenden Stuhl des Ersten heran, flüsterte mit vorgehaltener Flosse seinem jungen Herrn etwas ins Ohr, das diesen stutzen und auffahren machte. Einen Augenblick sann Volkner nach — dann flüsterte er dem Korpsdiener zu:

»Es ist gut — sagen Sie's Herrn Thumser — er mag hinausgehen.«

Mit scharfen Blicken verfolgte Volkner den Gang des Korpsdieners, der sich nun mit so lächerlicher Behutsamkeit, als tripple er auf Eiern, hinter den Stühlen seiner Herren entlang zum Fuchsmajor schob und auch diesem seine Botschaft zuraunte:

»Entschuld'gen Se, Herr Thumser — da draußen is Sie nämlich der Herr Pilgram — der läßt Ihn' bitten, ob Se nich mächten so freindlich sinn und gomm'n een Augenblickchen auf'n Flur — er hat 'n ä wicht'ge Mitteilung zu machen!«

Ganz deutlich sah Volkner, wie Thumser zusammenschrak, hastig aufsprang, einen Augenblick nachsann, dann mit einem fragenden Blick die Erlaubnis erbat, die Kneiptafel zu verlassen. Nachdem Volkner Gewährung genickt, bat Thumser den ihm zunächst sitzenden Korpsburschen, ihn in seinem Amt als Vorsitzender der Fuchsentafel eine Weile zu vertreten. Dann raffte er sich zusammen und schritt aufrecht, doch blaß, mit zusammengezogenen Brauen zur Tür hinaus.

Als er mit dem Korpsdiener durch das anstoßende Konventszimmer schritt, flüsterte der Alte ihm zu:

»Se missen nämlich wissen, Herr Thumser, es is Sie schon vor eener Viertelstunde eene sähre hiebsche, junge Dame dagewesen und hat mich gefragt, ob der Herr Pilgram mächte uff der Kneipe sinn. Nu, da hab'ch ihr natierlich nur kennen sagen, daß der Herr Pilgram ieberhaupt nich mehr wirde uff Kneipe komm' — und da is se denn wieder abgemacht. Ich kann Ihn' nur sagen, Herr Thumser, sähr ä hiebsche Dame is es gewesen! Nobel, püh, ich kann Ihn' sagen, Herr Thumser —!«

Hans Thumser war einen Augenblick stehengeblieben. Wirre Vermutungen schossen hin und wider. Pilgram —? Und eine Dame, die nach Pilgram fragte? Was für unwahrscheinliche Begebenheiten — auch nicht den Schimmer eines Verständnisses fand Hans.

Wer konnte die Dame sein, die Pilgram auf der Frankenkneipe vermutete —? Was wollte Pilgram von ihm selber —?!

Nun — man würde ja hören ... Und abermals straffte Hans den Nacken und öffnete die Tür zum Korridor.

Herzklopfend, von Glut und Frost hin und wider geschüttelt, war Asta Thöny vor dem Cafébaum aus der Droschke in den weichen Schnee gesprungen, der nun schon fußtief Bürgersteig und Fahrdamm der schmalen Gasse überzog. Ob ihr Retter wohl schon drüben sein mochte?

Hell erleuchtet glänzten die Fenster des ersten Stocks in das schummerige Dunkel der Straße hinaus, während die ragenden Fronten der geschwärzten Gebäude ringsum nur noch wenige matte Lichtspuren zeigten. Auf der Kleinen Fleischergasse wohnte nur bescheidenes Bürgertum, da ging man früh zur Rast.

Asta trat auf das jenseitige Trottoir und spähte hinauf. Ab und an huschte droben schattenhaft der Umriß einer jungen bemützten Männergestalt vorüber. Durch die verschlossenen Doppelfenster drang Lachen, vielstimmiges Gespräch, Tabakwolken kräuselten zur Decke, Wappenschilder, Schläger blinkten an den Wänden — sonst war nichts zu erkennen.

Es blieb nichts übrig: Asta mußte sich in das dunkle jahrhundertalte Gebäude hineinwagen, mußte fragen, ob droben Herr Pilgram schon eingetroffen. Mit versagendem Herzschlag kletterte sie die winklige, dunstige Stiege hinan, hielt einen Augenblick vor der Tür still, an der ein grün-gold-rotes Farbenschild angebracht war und ein längliches Porzellanschildchen mit der Aufschrift:

»Corps Franconia.«

Drinnen klang lauter nun Lärm und Gelächter. Was half's — sie mußte es wagen ...

Eine schrille Klingel schlug an, Schritte tappten heran, ein ältliches, gerötetes, glattrasiertes Männergesicht lugte durch den Spalt und blinzelte befremdet, als es des ungewohnten Besuches ansichtig ward.

Mit stammelnden Lippen fragte Asta, ob Herr Pilgram schon angekommen. Verblüfft grinste der Türhüter und erklärte: Herr Pilgram gehöre nicht mehr zum Korps, er komme überhaupt nicht mehr.

Gottlob — also jedenfalls noch nicht zu spät gekommen ...

Und Asta huschte wieder die Treppe hinunter, stapfte in den Schnee hinaus und patrouillierte auf dem jenseitigen Bürgersteig, frostgeschüttelt, erwartungfiebernd.

Ab und zu kam noch eine grünbemützte Jünglingsgestalt und bog in den schlechterleuchteten Flur des Cafébaums ein. Von Pilgram keine Spur! — Ob er seinen Vorsatz aufgegeben hatte? Sie wußte ja nicht, was er eigentlich geplant hatte, aber etwas Grausames, etwas Wildes, etwas Schauerliches mußte es gewesen sein! Davon hatten seine Züge deutlich genug gesprochen. Und geduldig trippelte das Mädchen auf und ab, ohne einen Blick von dem schmalen Lichtspalt zu wenden, der durch die angelehnte Tür des Restaurants auf die Straße lugte.

Der Schneefall hatte aufgehört. In winterlicher Schwermut gähnte die menschenleere Straße. Und in die lautlose Stille, welche die abendliche Stadt überlagerte, klang nun von drüben ein munterer Burschensang, gedämpft durch die Doppelfenster, doch deutlich vernehmbar. Die Weise meinte Asta zu kennen, aber Worte dazu wußte sie nicht. Ach, da oben war er, der liebe, böse Junge ...

Schau! zur Rechten, vom Marktplatz her glitt lautlos ein riesiger Schatten heran, scharf abgezeichnet von dem weißen Grunde der Straße, vom gelben Lichthof, den die Laternen in die Nebel der Nacht zeichneten.

Er war's! Mit raschen Schritten steuerte er dem »Cafébaum« zu. Da schoß Asta über den schmalen Straßendamm, traf hart an der Tür auf Pilgram:

»Herr Pilgram — ach, Herr Pilgram!«

Gesenkten Blickes war jener geschritten, nun schrak er zusammen bei der unerwarteten Begegnung.

»Ah — Sie, mein gnädiges Fräulein? — Ja, um Gottes willen, sind Sie denn toll? Warum nicht im Bett — warum hier — was soll das heißen?!«

»Ich hatte solch entsetzliche Angst, Herr Pilgram!«

»Angst? Was fällt Ihnen ein! Angst? Um wen?«

»Um Sie, Herr Pilgram, um Sie und ... ach! Sie wissen's ja ... um wen — um wen noch. Herr Pilgram, ich bitte Sie — ich flehe Sie an, was haben Sie vor gegen Herrn Thumser?«

Flehend hatte sie mit beiden Händen den linken Arm des Studenten umklammert.

»Aber Verehrteste ... ich begreife faktisch nicht ... wie kommen Sie auf derartige Vermutungen?«

»Ach, ich weiß ... ich weiß ... Sie wollen sich rächen an Herrn Thumser! Ich weiß alles — alles weiß ich ... Fräulein Buchner, meine Kollegin — Sie sind für sie eingetreten damals ... und dann ... dann hat sie sich schlecht gegen Sie benommen ... und Sie, Sie hatten doch so viel für sie dahingegeben, nicht wahr, so war's doch? Und heut — heut ist Herr Thumser bei Fräulein Buchner zum Tee gewesen, nicht wahr? ... Und Sie, Sie haben das gehört und sind wütend auf ihn — weil Sie denken, er hat mehr Glück bei Fräulein Buchner als Sie nicht wahr? O, gestehen Sie's nur, es ist ja keine Schande — und dann, dann haben Sie mich gefunden da draußen und denken, er hat mich auf dem Gewissen ... Sie sehen, ich weiß, ich weiß alles. Und nun, nun wollen Sie ihn — ich weiß nicht, was Sie mit ihm machen wollen, aber etwas Schreckliches ist's gewiß. Sehen Sie — Sie schweigen — sehen Sie, ich habe alles begriffen, alles! Ist's nicht so?«

Mit zusammengekniffenen Lippen, die Augen fast geschlossen, regungslos hatte Valentin Pilgram den Schwall dieser bebenden Fragen über sich dahinschauern lassen. Mit grimmiger Scham fühlte er sich durchschaut, fühlte den geheimsten Trieb seines Wollens bloßgelegt, den er vergeblich mit dem lügnerischen Pomp eines Rächers verratener Ehre verhüllt hatte, und der doch nichts anderes war im letzten Grunde als der Neid des Verschmähten gegen den Glücklichen, als Eifersucht — ganz ordinäre, banale Eifersucht ...

Doch nein, das war ja nicht wahr — das durfte ja nicht wahr sein! Da oben klang der muntere Burschensang — da oben tafelte die Runde derer, die sich Mitglieder des ältesten Korps der Hochschule nennen durften, die das grün-gold-rote Band tragen durften, das nur den Makellosen schmücken soll. Und in ihrer Mitte saß einer, der doppelten Verrats schuldig war: an dem Gefährten dreier Semester und an der Gesellin glückseliger Liebesstunden.

Und er —? Er hatte auf all das verzichtet, verzichten müssen um der Ehre willen. Hatte das einen Sinn? Durfte das so bleiben? Nein, beim Himmel, das sollte es nicht, solange es einen Valentin Pilgram gab. Wenn er denn schon selber die geliebten Farben nicht mehr tragen durfte, deren er doch wahrhaft würdig war wie einer, sollte dann der andere sich mit ihnen brüsten dürfen, der das Recht auf sie schmählich verscherzt hatte ...?!

»Herr Pilgram,« klang's da in schmelzendem Flehen neben ihm, »so sprechen Sie doch! Bitte, bitte, so sprechen Sie doch, habe ich nicht recht?«

»Mein verehrtes Fräulein,« sagte der Student, indem er seinen linken Arm der flehenden Umschlingung entzog, »ich bedaure, Ihnen über mein Tun und Lassen keine Rechenschaft ablegen zu können. Es mag sein, daß ich etwas Aehnliches, wie Sie denken — nun, daß ich ... das gewollt habe ... und noch will. Wenn es so ist, so dürfen Sie überzeugt sein: ich weiß genau, was meine Pflicht ist ... Und darum muß ich Sie schon bitten, mich gewähren zu lassen.«

Da trat ihm das Mädchen in den Weg, legte beide Hände auf seine Schultern, brennende Augen starrten zu ihm empor, aus denen Tränen rannen, hell aufblitzend im matten Lichtstreifen, der aus der Flurtür in den Schnee der Gasse fiel:

»Nein — nein, das dürfen Sie nicht! Mir zuliebe dürfen Sie's nicht ... Ja, es ist wahr, wegen dem da oben hab' ich heute das Leben wegwerfen wollen — nun haben Sie mich gerettet — aber wenn Sie ihm etwas zuleide tun, dann ist alles aus, dann hätten Sie mich nur lieber gleich da unten in der Pleiße lassen sollen ... Ich will nicht, daß ihm ein Leids geschieht um meinetwillen — ich will's nicht — und Sie, Sie dürfen's nicht — Sie dürfen mich nicht wieder dahin zurückstoßen, woher Sie mich heut abend geholt haben — nein! Herr Pilgram, das dürfen Sie nun und nimmermehr.«

»Gnädiges Fräulein,« sagte Valentin, »wenn es Sie beruhigen kann, so will ich Ihnen versichern: das, was jetzt gleich geschehen wird, war beschlossene Sache schon ehe ich Sie ... da draußen ... fand. Ich kann mich nicht darauf einlassen, Ihnen das alles so auseinanderzusetzen. Was Sie von mir denken mögen oder nicht denken mögen — ich kann's bedauern, aber ich kann's nicht ändern. Das alles muß nun seinen Lauf gehen. Versuchen Sie nicht mich aufzuhalten, es hat keinen Zweck.«

Es sollte wohl nur ein sanfter Druck sein, mit dem die hageren Hände des weiland Frankenseniors die runden Gelenke der Schauspielerin von seinen Schultern lösten, doch er war unwiderstehlich, wie das Zupacken stählerner Zangen. Mit der gleichen unerbittlichen Gewalt, mit der er vor wenig Stunden des Mädchens Glieder der Flutenumschlingung entrissen, schob er sie nun zur Seite, wie ein willenloses Püppchen, und war mit zwei raschen Schritten im gähnenden Toreingang verschwunden.

Asta taumelte, als der Druck der gewaltigen Hände plötzlich nachließ. Dabei trat sie unversehens einen halben Schritt rückwärts, geriet mit dem Fuß in den lockeren Schneeaufwurf über dem Rinnstein, sank tief ein, strauchelte, fiel in die Knie, stieß einen Schmerzenslaut aus: sie mußte sich den Fuß verstaucht haben. Aber die heiße Angst um das, was werden mochte, jagte sie wieder empor. Sie humpelte mit schmerzverzogenem Gesicht zur Tür, stieß sie auf, lauschte hinein. Droben auf der Treppe waren Pilgrams Schritte schon verhallt. Nur das Burschenlied brauste noch immer weiter, klang und schwang durch das ganze altersmüde Gebäude. In dem kleinen Restaurant des Erdgeschosses zur Linken das schläfrige Stammtischgeschwätz, das Auftrumpfen der Karten, das Klappern der Biergläser. Asta schlich durch den Hausflur, hinkte mühsam die Treppe hinauf, stand wieder an der Tür mit dem Porzellanschildchen: Corps Franconia, legte das Ohr an die dünne Holzwand und lauschte.

Ganz deutlich dröhnte nun ein neuer Vers des feierlichen Liedes da drinnen, dazwischen halblaute Stimmen, es schien Pilgram zu sein, welcher im Flur mit dem alten Mann verhandelte, der sie vorhin an der Pforte beschieden. Aber dies leise Gespräch blieb unverständlich, dagegen war der Text des Liedes Wort für Wort zu verstehen. In frohem Trotz scholl die alte Jugendweise daher:

»Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
In dem Becher winkt der gold'ne Stern!
Honig laßt uns von den Lippen saugen,
Lieben ist des Lebens süßer Kern!
Ist die Kraft versaust,
Ist der Wein verbraust,
Folgen, alter Charon, wir Dir gern!«

Und nun plötzlich war das Lied zu Ende, ein paar unverständliche, kommandoartige Worte klangen von drinnen, ein lustiger Aufschrei von vielen Stimmen, dann munter durcheinander schwirrendes Stimmengewirr. Einige Sekunden verflossen so: dann hörte Asta ganz deutlich, wie drinnen eine Tür heftig aufgerissen wurde und jemand in den Flur trat — und jetzt klang drinnen gedämpft, doch klaren, festen Klanges des geliebten Jungen Stimme:

»Guten Abend, Pilgram — Du hast mich zu sprechen gewünscht? Bitte, was steht zu Deinen Diensten?«

Da fühlte Asta, wie der Puls ihres Herzens aussetzte. Ganz fest preßte sie ihr Ohr an das glatte, ölgestrichene Holz, ihre froststarren Hände umklammerten krampfhaft den messingenen Türgriff, und in schlotterndem Lauschen vernahm sie jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde, vernahm sie alles, was drinnen geschah ...

Hochaufgerichtet standen die zwei schlanken Jünglingsgestalten einander drinnen gegenüber in dem schmalen Flur, den nur eine schwelende Petroleumlampe erleuchtete. Rechts und links hingen Kneipjacken und Garderobenstücke an den Regalen, welche die Wände umzogen — ein fader Dunst von altem Tabak und Bierneigen füllte den dumpfen Raum. Hinter der mittleren Tür, die zum Kneipzimmer führte, klang heftiges Stimmengewirr, das stiller und stiller ward. Offenbar war man drinnen aufmerksam geworden, daß hier draußen sich Ungewöhnliches vollziehe, wartete man gespannt, wie das wohl werden möchte.

Hans Thumser hatte Pilgram die Hand hingestreckt. Der übersah sie, griff stumm in die Brusttasche seines Rockes und reichte Hans Thumser einen Brief hin.

»Lies!« sagte er.

Hans ließ die erstaunten Blicke hin und wider gleiten zwischen dem Schreiben und dem, der es ihm gereicht, dann trat er in den Lichtbereich des mattglänzenden Flurlämpchens und erkannte, daß der Brief mit fahrigen, steilen Schriftzügen einer Frauenhand bedeckt war:

»Sehr geehrter Herr! Ihr dankenswertes Eintreten für meine Ehre hat schnell den gewünschten Erfolg gehabt. Die beiden Herren, welche mir zu nahe getreten waren, haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich danke Ihnen innigst für das große Opfer, das Sie mir gebracht haben ...«

Verblüfft ließ Hans den Brief sinken:

»Was soll ich damit?« fragte er, »was geht das mich an?!«

»Dreh doch gefälligst einmal den Bogen um!« befahl Pilgram in ingrimmiger Ruhe.

Hans wandte den Bogen um und entdeckte mit grenzenlosem Staunen rechts an der unteren Ecke der vierten Seite, auf dem Kopfe stehend, seine Initialen und darüber den Frankenzirkel. Er drehte den Bogen um, und richtig: es war kein Zweifel, das war einer von seinen eigenen Briefbogen. Völlig verdutzt sah er den einstigen Korpsbruder an, um dessen festgeschlossene Lippen ein mattes Lächeln des Triumphes irrte.

»Von wem ist der Brief?« fragte Hans Thumser mit unsicherer Stimme.

»Spiel' mir gefälligst keine Komödie vor!« brauste Pilgram auf.

»Aber ich versichere Dir, ich habe nicht den leisesten Schimmer.«

»Pfui Deubel — nicht mal den Mut hast Du ... Gib her den Brief! Und nun weiter! Warst Du heut' nachmittag bei Fräulein Buchner?«

»Aber ich verstehe faktisch nicht,« stammelte Hans. »Wenn ich Dir sage, daß ich auch nicht die entfernteste Ahnung habe —!«

»Ich frage Dich, ob Du heut nachmittag bei Fräulein Buchner warst? Gib Antwort — oder ich mache kurzen Prozeß mit Dir!«

Nun richtete sich Hans denn doch aus der unsicheren Haltung verlegenen Staunens zu seiner ganzen Größe auf. Zwar reichte er nicht an die riesige Länge des einstigen Freundes, aber gleich straff emporgereckt stand er ihm gegenüber, sah ihm von unten frei und trotzig ins Gesicht, und funkelnd, wie zwei Säbelklingen in der Auslage, so blitzten das braune, das blaue Augenpaar einander an.

»Ich frage Dich,« sprach er kalt gemessen, »was Dich berechtigt, mich in einem derartigen Ton zur Rede zu stellen?«

»Das weißt Du.«

»Nein, ich weiß es nicht. Ich wünsche es von Dir zu hören.«

»Ich verzichte darauf, Dir Aufklärung zu geben. Ich wiederhole Dir meine Frage — willst Du antworten?!«

»Wer mich in diesem Tone fragt, bekommt keine Antwort!«

»Schön! Was wirst Du nun aber sagen, wenn ich Dir mitteile, daß in derselben Stunde, in der Du bei Jucunda Buchner warst, Fräulein Asta Thöny am 'Wassergott' in die Pleiße gesprungen ist —?!«

Da wurde Hans Thumsers fester Blick plötzlich stier und starr. Die Kinnbacken klappten herunter, langsam schob sich seine Rechte an der Brust empor, glitt tastend nach dem Achtzentimeterkragen.

»Das ist ... das ist nicht wahr!«

»Mein Ehrenwort, daß es wahr ist ... und Du weißt, scheint's, auch, wer sie hineingetrieben hat?!«

Da umklammerte Hans Thumser plötzlich mit beiden Händen des ehemaligen Korpsbruders Arm und stammelte, schlotternd vor Entsetzen:

»Sie ist tot?!«

Valentin Pilgram machte sich frei, trat einen halben Schritt zurück.

»Ich hatte das Glück sie zu retten ... bedank' Dich also bei mir, daß Du nicht als Mörder vor mir stehst.«

Ein stöhnender Laut, ein Jauchzen halb und halb ein Schluchzen brach aus Hans Thumsers Brust zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor:

»Erzähl' doch — so erzähl' mir doch.«

»Nein,« sagte Valentin Pilgram hart, »Du hast Fräulein Thöny von Dir gestoßen — es mag Dir genügen, daß sie lebt — alles weitere geht Dich nichts mehr an.«

»Also was willst Du von mir?« schrie Hans Thumser, »sag' mir endlich, was Du von mir willst?!«

»Du sollst bekennen, daß Du ein elender, wortbrüchiger Bube bist ... Du sollst das Korpsband da abziehen ... Du verdienst nicht mehr, es zu tragen. Willst Du? Oder soll ich Dich dazu zwingen?«

Da straffte sich Hansens Gestalt aufs neue. Seine Fäuste ballten sich, als erwarteten sie den Angriff des Feindes — ja, des Feindes, denn was in den blauen Augen drüben düster flammte, war Feindschaft — Todfeindschaft ...

»Versuch's!« sagte er nur.

In diesem Augenblick ward die Tür zum Kneipzimmer hastig von drinnen aufgerissen, blendender Lichtglanz quoll hervor, und hinter der Tür, Kopf an Kopf, drängte sich das Korps: ein zu Tode erschrockenes Jungmännergesicht hinter dem andern, ganz hinten stand man auf Stühlen und Tischen, um das entsetzenerregende Schauspiel zu erreichen, wie da zwei Jünglinge, die einst die gleichen Farben getragen, auf Leben und Tod einander gegenüberstanden.

»Pilgram! Thumser!« schrie alles durcheinander, »um Gottes willen, was habt Ihr nur?!«

Gleichzeitig schlug mit gellendem Schrillen die Etagenklingel an, und gegen das Holz der Flurtür hämmerten matte Schläge, wie von einem zarten Kinderhändchen. Und wie ein Schrei klang draußen das wimmernde Flehen einer Frauenstimme:

»Herr Pilgram — tun Sie's nicht, Herr Pilgram!«

Mit halbem Blick nur überflog Valentin Pilgram die hervordrängende Schar der einstigen Korpsbrüder ... dann, als sei er noch allein mit dem Gegner Aug' in Auge, wandte er sich wieder zu ihm und wiederholte:

»Also noch einmal: Gibst Du es zu, daß Du ein elender Schelm bist? unwürdig des Bandes, das Du trägst?«

Mit eisiger Festigkeit hielt Hans Thumser des Feindes haßsprühenden Blick aus.

»Geh!« sagte er, »das weitere findet sich morgen.«

In derselben Sekunde hatte Valentin Pilgram dem Gegner das Korpsband von der Brust gerissen und es zu Boden geschleudert. Nun holte seine Rechte weit aus, um ihm die Mütze vom Kopf zu schlagen. Im selben Augenblick aber warfen sich die Korpsburschen mit lauten Entsetzensschreien auf beide Gegner von hüben und drüben, trennten sie, alles schrie wie toll durcheinander:

»Pilgram, Du bist wohl wahnsinnig!«

»Zurück, haltet Ruhe, zum Teufel!«

»Was fällt Euch ein?!«

»Wir sind auf Korpskneipe!«

»Schmeißt ihn hinaus, er hat hier nichts mehr zu suchen!«

»Laß gut sein, Thumser, er wird Dir Satisfaktion geben, morgen findet sich alles — morgen!«

Volkner, der Senior, brach sich Bahn durch die dicht zusammengekeilte Schar der jungen Männer.

»Silentium!« schrie er. »Ich bin hier der Herr im Haus. Tritt vor, Pilgram, was soll das, was fällt Dir ein? Dich hier einzudrängen und Dich an einem von uns zu vergreifen? Du weißt, Du hast kein Recht mehr, hier zu sein!«

Die Zucht vieler Semester, die eiserne Disziplin des Korps rief Pilgram zur Besinnung zurück.

»Du hast recht, Volkner,« sagte er. »Habt die Freundlichkeit mich loszulassen ... es wird nichts weiter passieren, verlaßt Euch drauf.«

Und ruhig und gemessen trat er vor den Senior:

»Verzeih mir — ich hatte mich vergessen. Ich denke, Ihr verzichtet wohl alle auf eine weitere Aufklärung ... dafür ist ja das Ehrengericht da.«

»Allerdings,« sagte Volkner, »dafür ist ja wohl das Ehrengericht da.«

»Gut,« sagte Pilgram. »Ich bitte das Korps also nochmals feierlichst um Entschuldigung — ich bin morgen vormittag bis ein Uhr in meiner Wohnung. Guten Abend.«

Alles wich zur Seite. Noch einmal maß Valentin Pilgram mit kurzem Blick der Todfeindschaft seinen Gegner, der schwer atmend, mit rotunterlaufenen Augen, doch völlig gefaßt inmitten seiner Korpsbrüder stand ... schritt zur Tür, riß sie auf.

Da bot sich ein unerwartetes Schauspiel: Auf der Schwelle kniete, tränenüberströmt, zusammengekauert, ein Mädchen im grauen Pelzjackett. Nun sprang sie auf die Füße, starrte mit angstverzerrten Zügen, blöden Blicks in den Korridor hinein, in dem Kopf an Kopf Grünbemützte sich drängten, warf sich dann jählings herum und floh wie gejagt die Treppe hinunter.

Und langsam, schwerfälligen Schritts ging Valentin Pilgram von dannen und ließ die Tür ins Schloß fallen.

14.

Asta hatte nicht schlafen können. Das Fieber hatte in dem zierlichen, doch kerngesunden Körperchen rumort — doch der Gedankensturm, der ihr Hirn durchbrauste, der Drang zu leben, zu helfen, ihr armes bißchen Sein dafür einzusetzen, daß nicht unsagbar Entsetzliches geschähe — dies inbrünstige Wollen hatte die heraufbrauende Krankheit niedergeworfen. Und früh um neun schon klopfte sie an Jucunda Buchners Tür.

Frau Kanzleirätin, noch in Nachtjacke und Unterrock, hatte hoch und teuer geschworen, Jucunda sei noch nicht zu sprechen. Asta Thöny hatte sich nicht abweisen lassen.

»Sie wird mir's danken, gnädige Frau!«

Aber Jucunda Buchner dankte nicht.

Aus unruhigen Morgenträumen voll ehrgeiziger Hoffnungen und ahnungsvoller Beklemmungen hatte das Pochen der Kollegin sie aufgeschreckt. Nun saß sie aufrecht im Bett, sehr ungnädiger Laune, kaum, daß sie der Besucherin einen Stuhl anbot. Sie liebte es nicht, sich unvorbereitet überraschen zu lassen.

Mit fliegenden Worten berichtete Asta: ihren Spaziergang an der Pleiße verschwieg sie allerdings, um so genauer aber erzählte sie von dem Renkontre zwischen Pilgram und Thumser auf der Frankenkneipe und sparte nicht an grellen Farben. Sie war überzeugt gewesen, Jucunda würde alsbald um Hans Thumsers willen mit allen Anzeichen des Entsetzens aus dem Bette springen und Hals über Kopf zu dem Geliebten wollen, um ihm nicht von seiner Seite zu weichen, bis die Gefahr an ihm vorübergegangen war ...

Statt dessen sah Jucunda sie stillschweigend mit spöttisch zusammengebissenen Lippen an, als sie hocherglühend ihren Bericht geendet.

»Nun?« fragte Asta ganz erstaunt.

»Mir fällt etwas auf an Deiner Erzählung, liebes Kind,« sagte Jucunda. »Du erzählst mir da von einem Auftritt, der sich auf der Frankenkneipe zugetragen hat ... und zwar wenn ich recht verstanden habe, hast Du nicht nur vom Hörensagen berichtet, sondern Du warst selber dabei gewesen — stimmt's oder stimmt's nicht?!«

Astas Wangen, vom heftigen Gang durch den Schnee gerötet, glühten noch höher auf.

»Ja ... ich habe alles ... selbst mit angehört ...« gestand sie.

»Hm — dann darf ich mir wohl die Frage gestatten: wie kommst denn Du auf die Frankenkneipe?«

Astas Hände zupften unstet an den Falten ihres Rockes.

»Ja, wie soll ich Dir das ... erklären? Es ist ja auch ... eigentlich gleichgültig ... wie ich hingekommen bin — ich war eben ... da.«

»Nun, so gleichgültig kann ich das eigentlich nicht finden,« meinte Jucunda. Sie lehnte sich zurück in die Kissen, stützte sich auf die Ellbogen und fixierte die niedliche Kollegin mit überlegen spöttischem Blick. »Na, also lassen wir das einstweilen mal dahingestellt. Aber: zu welchem Zweck teilst Du mir denn das alles mit?«

»Ja, aber um Gottes willen, Jucunda, das geht doch nicht, das darf doch nicht sein, daß die zwei guten Jungens sich totschießen Deinethalb!«

»Meinethalb?« Jucunda hatte sich hochaufgerichtet. »Wieso meinethalb? Erkläre mir das!«

»Ja, aber Jucunda — das ist doch ganz klar! Uebrigens, um Gottes willen, der eine, der Pilgram, der wohnt doch hier nebenan, gelt, kann der uns auch nicht etwa hören?«

»Beruhige Dich, liebes Kind, meine Mutter hat mir schon mitgeteilt, daß er heut nacht nicht nach Hause gekommen ist. Also bitte, wie kommst Du auf diesen Einfall?«

»Aber begreifst Du denn das noch immer nicht?! Der Pilgram ist doch nur eifersüchtig auf den Thumser, weil Du ihn hast abfallen lassen und den andern — —«

»Und den andern?!« fragte Jucunda scharf. »Na, was denn! Bitte, was denn?!«

»Nun, der andere ... ist denn der andere nicht gestern nachmittag bei Dir ... bei Dir gewesen —?«

»Er war gestern nachmittag zum Tee bei mir, nu! Und was weiter?«

»Zum — Tee —?!« fragte Asta mit einem halb wehmütigen, halb verschmitzten Lächeln. »Nur zum Tee —?«

»Na! zu was denn sonst, bitte?!« fragte Jucunda heftig.

»Na, wir wollen nicht streiten,« meinte Asta. »Also: ob die zwei braven Kerle sich Löcher in den Leib schießen Deinethalb, Dir ist's rund herum egal, scheint's?!«

»Meinethalb? Ich weiß nicht, ob sie's meinethalb tun, mir haben sie's nicht gesagt. Und übrigens — ich möchte wissen, was ich daran ändern kann, wenn die zwei sich's in den Kopf gesetzt haben, aufeinander loszuknallen. Ich habe sie nicht geheißen, ich kann sie nicht hindern!«

Asta Thöny spielte mit den Zipfeln ihres Pelzjacketts und sann angestrengt nach mit zusammengekniffenen Brauen. Dabei stieg eine helle Freude, ja ein lustiger Uebermut langsam, aber immer mächtiger in ihr empor. Das war ja eigentlich wunderschön, was sie da erfuhr. Sieh da, Hanschen! Viel Glück scheinst du mit deinem Teebesuch bei der großen Jucunda ja nicht gehabt zu haben! Und für das bißchen Ehre auch noch totgeschossen zu werden — nein, das wollen wir doch mal sehen, ob wir das nicht hintertreiben können. Aber dazu brauchen wir ja wohl nicht die große Jucunda — das können wir uns schließlich auch allein verdienen ...

»Verzeih, liebe Jucunda,« sagte sie. »Ich habe mir eingebildet, Du hättest was übrig für Hans Thumser, da habe ich mich also anscheinend geirrt. Nun dann freilich —«

»Allerdings, mein Kind, da hast Du Dich geirrt. Vielleicht erinnerst Du Dich daran, daß Herr Thumser zwanzig Jahr und ein Student ist. Es mag ja Kolleginnen geben, die sich aus derartig — ungaren jungen Herren was machen. Ich für meine Person — ich lege auf derartige Bekanntschaften keinen Wert.«

Ach so, die Großartige willst du spielen! Na warte —!

»Wenigstens nicht, wenn's ein x-beliebiger Bürgerlicher ist, willst Du sagen, nicht wahr? Wenn's freilich ein Prinz wäre — das ist was andres, gelt, Jucunderl, denn kann er so ungar sein wie er will, hab' ich recht?«

Da fuhr Jucunda Buchner so heftig in die Höhe, daß Asta Thöny unwillkürlich aufstand und einen halben Schritt zurückwich. Die schönen Hände krallten sich, das majestätische Gesicht verzerrte sich zum Ausdruck einer Medusa, die stahlblauen Augen funkelten Wut gleich den Lichtern einer gereizten Katze:

»Was fällt Dir ein, was erlaubst Du Dir?!« Doch rasch glätteten sich ihre Züge zum Ausdruck eiskalter Verachtung, sanken die schönen Schultern nachlässig in die Kissen zurück, und mit einer Handbewegung, gleich jener, mit der eine Königin eine unbotmäßige Kammerfrau entläßt, befahl sie:

»Verlassen Sie mein Zimmer, mein Fräulein!«

Asta Thöny lächelte ihr boshaftes Spitzbubenlächeln. Sie sank in einem tiefen Hofknix zusammen:

»Zu Befehl, Frau Marquise, wünsche gute Karriere.« Und schon war sie hinaus.

Während sie die Katharinenstraße hinunterschritt und den Marktplatz überquerte, dessen Schneedecke grell im duftumschleierten Lichte des frühen Wintermorgens gleißte, fühlte sie sich fast erstickt von der Seligkeit, die verhaßte Rivalin einmal bis aufs Blut geärgert zu haben.

So eine Hundeschnauze! so eine eiskalte! Tut, als hätte sie keine Ahnung, daß sie es doch allein ist, die all den Unfug angestiftet hat in den Brauseköpfen hüben und drüben — Gott! und wer weiß, was für Dummheiten sie sonst noch alles auf dem Gewissen hat! Ist nicht dies ganze Nest wie verrückt nach ihr? Aber das ist das Blödsinnige an dem Ruhm: hat unsereins sich erst mal durchgesetzt, dann liegt die Welt vor ihr auf dem Bauch, und das verrückte Mannsvolk bringt sich um für das Glück, von ihr mit Füßen getreten zu werden ...

Aber jetzt — jetzt ist sie wild. Jetzt faucht sie zu Hause, jetzt hat sie einmal gespürt, daß auch noch andere Katzen Krallen haben —!

Aber schau — wer war denn das? Da kamen aus der Kleinen Fleischergasse zwei grüne Mützen heraus, zwei Franken-Korpsburschen, sehr feierlich. Der eine, der ältere, trug den Paletot nachlässig geöffnet, und man sah darunter den bis hoch hinauf zugeknöpften Bratenrock ... Handschuhe trugen sie, gestreifte Hosen und Gummigaloschen. Der ältere, den kannte sie, den hatte ihr Hans einmal von ihrem Fenster aus gezeigt, es war Volkner, der jetzige Häuptling des Frankenbundes. Ingrimmigen Ernst auf den jungen Gesichtern, steuerten die zwei über den Marktplatz, bogen in die Katharinenstraße und verschwanden in der Tür, die sie selber soeben verlassen.

O Gott — sie wußte, was die zwei zu suchen hatten bei Valentin Pilgram da droben ... sie wußte: die sollten ihm Hans Thumsers Forderung überbringen ... das waren die Kartellträger ...

Daß Hans Thumser kein Glück gehabt bei Jucunda ... und daß sie selber es der verhaßten Rivalin einmal gründlich gegeben — über dieses doppelte Glück hatte Asta völlig den blutigen Ernst der Situation vergessen ... Sie wußte: Kavaliere — und waren sie auch erst seit ein paar Semestern flügge geworden, wie die Herren Korpsstudenten — die fackeln nicht lange mit dem Austrag solcher Händel. Und wenn erst die Pistolen geladen sind, dann kommt guter Rat zu spät ... und dabei mußte sie ja doch in die Probe. Morgen abend war ja Abschiedsvorstellung — »Wallensteins Tod« — und wenn sie auch nur ein winziges Röllchen hatte, das Fräulein von Neubrunn, Theklas Gesellschafterin und Vertraute — die Probe versäumen, das hätte sie sich doch nicht getraut. Der stramme Pflichtgeist, der das Meininger Ensemble beseelte, ließ einen solchen Gedanken selbst in höchster Not niemals aufkommen. Schon dreiviertel zehn, also höchste Zeit! Asta sprang in eine Droschke, befahl »Zum Carolatheater!« und drückte sich fröstelnd in den verschlissenen Plüsch. All ihr Uebermut war verweht. Was auf den starren, korrekten Amtsgesichtern der zwei jungen Gesellen da gestanden hatte, das legte sich wie eisig umklammernde Knochenfinger um ihr Herz.

Die zwei suchten Pilgram ... und wenn er jetzt noch nicht daheim war, er würde kommen, sie würden ihn finden, würden ihre Botschaft ausrichten ... Und dahinter lauerte ein Schreckensbild: das Bild einer tiefverschneiten Waldblöße, die in unberührter, weiter Fläche daliegt im ersten Morgenschein ... Nun rollen von hüben und drüben zwei Wagen heran, lautlos ... ein paar junge Männer entsteigen ihnen, rüsten sich zu geheimnisvoll grausigem Tun — nun treten sie alle rechts und links zur Seite, und zweie nur bleiben inmitten stehen, wenige Schritte nur voneinander, sie heben blitzende Läufe — einer zielt nach des andern Herzen ... und der eine von ihnen heißt Hans Thumser ...

Was tun? o Gott, was tun?!

Da, ein rettender Gedanke: Franz Burg ... der war doch einmal akademischer Bürger ... Wenn einer der Meininger nicht mehr ein noch aus wußte, ging er ja immer zu Franz Burg ...

Ja, das war's! Franz Burg mußte Rat schaffen. Aber wie den Gestrengen erreichen? Wenn sie auf die Bühne kam, würde die Generalprobe bereits begonnen haben — und bis die beendigt war, durfte man dem Szenenleiter mit nichts anderm kommen, aber auch mit gar nichts. Solange gehörte er nur seinem Werk. Und jeder Versuch, ihn mit andern Dingen zu befassen, würde höchstens eine erstaunliche Grobheit eingetragen haben.

Und darüber würde es drei Uhr werden ... Gott, was konnte inzwischen alles geschehen! So lange war man machtlos, war man im Dienst ... war man »Fräulein von Neubrunn, Hofdame der Prinzessin«.

Und die Prinzessin? — Selbstverständlich Jucunda Buchner ... die große Jucunda ...

Drei Uhr nachmittags.
Auf der Kneipe des Korps Misnia tagte das S. C. Ehrengericht zur Entscheidung über die hängende Pistolenforderung des Korpsburschen eines wohllöblichen C. C. der Franconia Thumser wider den früheren C. B. Pilgram.

Der Kneipsaal, sonst nur »zu den festlichen Gelagen« bestimmt, war nun zu verhängnisschwerer Tagung eingerichtet. An den hufeisenförmigen Tischen saßen die Ehrenrichter, je zwei von jedem der fünf Leipziger Korps, und von dem präsidierenden Korps Misnia noch ein dritter Korpsbursch als Protokollführer.

Wie um das feierlich Eindrucksvolle des Femgerichts zu unterstreichen, waren die Schlagläden heruntergelassen, und die gelben Flammen der Gaslichtkrone warfen zuckende Reflexe auf die bunten Mützen, die dreifarbenen Bänder, die blinkenden Scheiben der Klemmer und Monokels, die schmißdurchsetzten Jugendwangen, die in feierlich offizielle Falten gelegt waren.

Hans Thumser, als der Beleidigte, wurde zuerst gehört.

Mit knappen Worten berichtete er den Vorfall, der sich am gestrigen Abend auf der Kneipe seines Korps zugetragen. Als er geendet, fragte der Vorsitzende, Graf Schmettow, der Erste der Meißner, ein über die Maßen patenter, hagerer Gesell, dessen linke Wange eine furchtbare Säbelnarbe von der Schläfe über den Mundwinkel bis ins Kinn hinein durchzog:

»Danke, Herr Thumser. Ihre Erzählung ist natürlich so, wie sie da vorgetragen worden ist ... äh ... nicht so recht verständlich ... offenbar ist doch zwischen Ihnen beiden ... äh ... noch irgend etwas andres vorgekommen ...? Wollen Sie uns auch darüber Auskunft geben, oder wünschen Sie, daß zunächst sich Ihr Herr Gegner ... äh ... über den von Ihnen vorgetragenen Tatbestand erklärt?«

Hans Thumser sann einen Augenblick nach. Astas Bild, Jucundas tauchte einen Augenblick vor seinem Geiste auf. Hatte es einen Zweck, diese Erlebnisse in die Verhandlung mit hineinzuziehen? — Es war ja schließlich ganz gleichgültig, wie das alles geworden war ... wie es hatte kommen können, daß der einstige Korpsbruder ihm das Band von der Brust gerissen ... das war nun einmal geschehen. Die Tat lag vor, nackt und unerbittlich ... Für sie hatte er Sühne zu fordern — sie zu erklären war allenfalls des andern Sache, nicht die seine ...

»Ich habe vorläufig nichts weiter mitzuteilen, Herr Vorsitzender.«

Damit war er entlassen.

Und mit angespannter Neugier hingen nun die Blicke der jugendlichen Ehrenrichter an der Reckengestalt des Jünglings, der so lange als der Besten einer in ihrer Mitte gestanden hatte, dessen scharfe Klinge nicht nur, dessen scharfes Wort, dessen ganzes vorbildliches Wesen einem jeden stets den vollkommensten Respekt abgezwungen. Da war keiner im Leipziger S. C., der nicht den Fall Pilgram mit brennendem Interesse, mit aufrichtiger Sympathie verfolgt hätte. Und jeder hatte Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie Franconias einstiger Senior schon gar bald nach seinem Ausscheiden aus dem Korps wie unter der Last eines grundstürzenden Erlebnisses förmlich in sich zusammengesunken war, verändert, verwildert, tiefster Verbitterung anheimgefallen.

Nun schien er wieder der Alte, zum mindesten in seiner äußeren Erscheinung. Korrekt gescheitelt und gekleidet, in tadellosem Gehrock und Lackschuhen stand er vor dem Ehrengericht, nur um seine Brust fehlte das Band und auf seinem Gesicht das alte trotzig-heitere Selbstbewußtsein ...

»Herr Pilgram,« begann der Vorsitzende, »ich brauche Ihnen nicht zu sagen, worum es sich handelt. Herr Thumser Franconiae hat Ihnen eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit übersandt wegen eines Renkontres, das Sie mit ihm gestern abend gegen neun Uhr auf der Frankenkneipe gehabt haben. Entsinnen Sie sich der Ausdrücke, die Sie gebraucht haben, und ist es Ihnen auch bewußt, daß Sie ihm das Korpsband von der Brust gerissen, dann zum Schlage ausgeholt haben, und nur durch das Dazwischentreten der Herren Korpsbrüder des Herrn Thumser verhindert worden sind, Herrn Thumser noch weiter tätlich anzugreifen?«

»Allerdings,« erklärte Pilgram ruhig. »Ich entsinne mich des Vorfalls genau. Ich war vollständig Herr meiner Sinne und übernehme für meine Handlungsweise die volle Verantwortung.«

»Sie sind also bereit, Herrn Thumser die standesübliche Genugtuung mit der Waffe zu geben? Und haben andrerseits nicht die Absicht, irgendwelche andere Formen der Sühne in Vorschlag zu bringen?«

»Nein!« sagte Valentin Pilgram.

Einer der Ehrenrichter bat ums Wort. Herr ten Brink, der Erste Chargierte der Guestphalia, ein langer, semmelblonder, sommersprossiger Sohn der roten Erde.

»Es ist mir was aufgefallen in der Erzählung des Herrn Thumser,« sagte er. »Herr Thumser hat erzählt, Sie hätten ihm einen Brief zu lesen gegeben, dessen Inhalt ihm vollständig unbekannt gewesen sei. Wollen Sie sich über diesen Punkt vielleicht auslassen?«

»Darf ich mir die Frage gestatten, Herr Vorsitzender,« erwiderte Pilgram, »ob Herr Thumser über diesen Punkt bereits nähere Erklärungen gegeben hat?«

»Nein!« sagte Graf Schmettow. »Wir haben vorläufig darauf verzichtet, uns überhaupt mit der Frage zu beschäftigen, was für ... äh ... Motive hinter dem ... Renkontre vorhanden gewesen sein mögen.«

»Dann —« sagte Valentin Pilgram, »dann würde ich für meine Person vorziehen, diese Seite der Sache ebenfalls unerörtert zu lassen, vorausgesetzt, daß ein hohes Ehrengericht nicht seinerseits darauf besteht.«

»Ich verstehe,« sagte der Vorsitzende. »Die Herren scheinen also einig darüber zu sein, daß der Tatbestand der Beleidigungen lediglich an und für sich hier zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden soll, ohne daß auf ihre Veranlassung weiter einzugehen sein würde — aus Gründen der Diskretion vermutlich, nicht wahr?«

Pilgram nickte stumm.

»Wenn ich recht verstehe,« fuhr der Vorsitzende fort, »so stellen die beiden Herren Gegner sonach den Sachverhalt übereinstimmend dar. Danach würde wohl eine Vernehmung von Zeugen und jede weitere Aufklärung des Sachverhalts erübrigen, nicht wahr, meine Herren?!«

Zustimmend nickten die Ehrenrichter, und der Vorsitzende entließ den Beleidiger.

Die Beratung war nur kurz. Der Fall lag ganz klar: es handelte sich um eine tätliche Beleidigung, die zur Ausführung gekommen war, und um eine solche, deren Ausführung nur durch das Eingreifen Dritter verhindert worden war. Die erstere, das Abreißen des Korpsbandes, kam an Schwere der zweiten, vereitelten mindestens gleich. Neben diesen Realinjurien spielen die vorgefallenen wörtlichen Beleidigungen nur eine nebensächliche Rolle. Der Beleidiger hatte zugegeben, bei klarem Verstande und wohlüberlegt vorgegangen zu sein. Unter diesen Umständen war es vollkommen klar, daß die Forderung genehmigt werden mußte, und zwar ohne daß ein Anlaß vorlag, die sehr scharfen Bedingungen zu ermäßigen.

Schon neigte sich die Verhandlung ihrem Ende, da erbat Herr ten Brink Guestphaliae Erster noch einmal das Wort:

»Ich weiß nicht, meine Herren, die Sache kommt mir eigentlich ein bißchen merkwürdig vor. Die Geschichte mit dem Brief will mir nicht aus dem Kopf, ich habe das Gefühl, da steckt ein Mißverständnis hinter. Ich meine, das Ehrengericht ist doch schließlich nicht bloß dazu da, über eine Forderung zu entscheiden — ich meine, unter Umständen wäre es doch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Mißverständnisse aufzuklären ... kurz, zwischen den Parteien zu vermitteln. Ich meine, wir sollten in diesem Fall doch ein wenig genauer auf die Vorgeschichte des Renkontres eingehen. Um so mehr, als meines Erinnerns Herr Thumser geäußert hat, der fragliche Brief sei von einer Dame geschrieben gewesen. Na, meine Herren, wir wissen doch alle, wenn die Weiber in so 'ne Affäre hineinspielen, dann ist es meistens halb so schlimm.«

Ein kurzes, verständnisinniges Schmunzeln auf allen Gesichtern, das aber schnell der gewohnten, feierlichen Korrektheit wich. Der Vorsitzende meinte:

»Ich halte uns nicht für befugt, in die persönlichen Angelegenheiten der Kontrahenten einzudringen, wenn diese nicht selbst Wert darauf legen. Ich glaube — der Versuch einer Vermittlung zwischen den Herren würde ... äh ... eine Ueberschreitung unserer Kompetenz sein ... und zugleich ein Eingriff in die Verfügungsfreiheit der Herren, den sie sich nicht gefallen zu lassen brauchten. Aber ich weiß nicht, wie die anderen Herren darüber denken? Bitte sich zu äußern!«

Es stellte sich heraus, daß ten Brink mit seiner Auffassung ganz allein stand. So wurde denn die Forderung mit den Stimmen aller Ehrenrichter gegen die seinige genehmigt und dies den beiden Parteien mitgeteilt.

Das Schicksal war gefallen.

Gleich nach dem Ehrengericht traten die Sekundanten der beiden Parteien zusammen. Volkner für Thumser und Herr Borgmann Neo-Borussiae Erster für Pilgram. Sie verabredeten als Platz für das Duell die Heiderwiese, eine Waldlichtung im Ratsholz, südwestlich von Connewitz, unfern des linken Pleißeufers, am Reitwege nach Gautzsch, und als Zeit für die Austragung punkt sechs Uhr am folgenden Morgen.

Hiervon benachrichtigten sie ausschließlich den Grafen Schmettow und ersuchten ihn, als Senior des derzeit präsidierenden Korps das Amt eines Unparteiischen zu übernehmen.

Dann wurden die Korpsdiener unter Hinweis auf ihre Pflicht zu absoluter Verschwiegenheit ins Vertrauen gezogen und angewiesen, den Pistolenkasten instandzusetzen, Wagen zu bestellen. Den Vertrauensarzt des S. C. in derartigen Fällen, den Sanitätsrat Dr. Collwitz, einen Alten Herrn der Neo-Borussia, übernahm Herr Borgmann zu bestellen.

Diese Vereinbarungen hatten im Konventszimmer der Misnia stattgefunden, welches den Herren für diesen Zweck zur Verfügung gestellt war. Nun verabschiedete man sich voneinander mit dem üblichen Händedruck bei hochgehobenen, eingewinkelten Ellenbogen und zeremonieller Verbeugung.

Volkner begab sich in eine gegenüberliegende Konditorei, in der Hans Thumser seine Mitteilungen abwartete, und benachrichtigte ihn vom Geschehenen.

Das alles geschah in kurzen, formelhaften Wendungen. Kein Wort wurde gesprochen zwischen den beiden jungen Leuten, das über das sachlich absolut Notwendige hinausging. Jeder mußte die letzte Kraft aufwenden, Haltung zu bewahren angesichts des Grauens, das von diesem Unabwendbaren ausging, von diesem Unabwendbaren, das nun herankroch mit dem schleichenden Schritt der Sekunden und Minuten; das sich vollenden mußte, bevor es abermals Tag geworden.

Nach Schluß der Probe mußte Asta lange warten, bevor sie den Oberregisseur für sich allein bekam. Tausend Geschäfte, tausend Bitten drängten sich noch an ihn heran. Schließlich wurde es ihm zu toll:

»Kinder, ich bin auch nur ein Mensch und muß heut abend den Wallenstein spielen. Jetzt schert Euch gefälligst alle zum Teufel! Ich will schlafen.«

Asta schoß hinter ihm drein.

»Meister, eine Bitte, Sie müssen mich anhören, es geht um Tod und Leben!«

»Und wenn's um sechsundzwanzig Paar Regensburger Würschte geht, ich kann nicht mehr.«

»Helfen Sie mir, Meister, oder soll ich hier auf dem Korridor einen Kniefall tun?«

»Nützt Ihnen auch nichts, kommt alle Tage vor. Lassen Sie mich in Frieden!«

Asta brach in Tränen aus und hängte sich an des Davonhastenden Arm.

»Pah!« brummte der, »auch noch flennen! nützt Dir auch nichts, kommt auch alle Tage vor!«

Aber er schüttelte sie doch nicht ab, als sie sich an seinen Arm hing und das feuchte Gesichtchen an seiner Schulter barg — als sie sich hinter ihm in seine Garderobe drängte.

»Also in drei Teufels Namen, was gibt's? Aber kurz, bitte!«

Er ließ seine lange Gestalt mit einem Grunzen halb des Grimms, halb des Behagens auf das schminkfleckige Sofa fallen. Wies der Besucherin mit Handwink den Frisierstuhl als Sitzgelegenheit. Asta drehte den Stuhl herum, hockte auf seiner vordersten Kante, erzählte stockend, befangen, verwirrt ...

Als sie schwieg, tippte Franz Burg mit dem Mittelfinger der Rechten auf seine Brust und zuckte ein paarmal langsam die Schultern. Seine Brauen waren hochgezogen, um die schmalen Lippen spielte in tausend Fältchen ein Mephistoschmunzeln.

»Sie sollen mir raten, was ich tun soll, Meister!«

»Ja, Kindchen, soweit ich aus der Geschichte klug geworden bin, handelt es sich also um zwei Studenten, und einer von ihnen ist momentan Quartiergast in dem Kämmerchen da drüben unter Ihrem Pelzjackett, das freilich, soviel mir bekannt ist, häufig seinen Mieter wechselt. Aber, wat sall ick dorbi dauhn?«

»Einen Rat — einen Rat will ich, lieber Herr Burg. Sie sind doch Student gewesen — was fängt man nur an, um die zwei wieder auseinanderzukriegen? Was soll ich tun, sagen Sie mir, was soll ich tun?!«

»Die Karre laufen lassen, wie sie laufen will! Ich bitt' Sie — die jungen Leute müssen doch was erleben ... Sehen Sie sich doch um in der Welt! da geht ja heute alles so verflucht ehrbar, korrekt und vorschriftsmäßig zu, es passiert nichts — und passieren muß doch was in der Welt ... wovon sollen wir denn sonst leben, wir armen Komödianten, und die Poeten, die für uns Komödie schreiben! Ist ja 'n wahrer Segen, daß wenigstens auf deutschen Hochschulen noch manchmal 'n bißchen gerauft und geknallt wird. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, daß noch Leidenschaft in der Jugend drin steckt ... daß noch Tragödien passieren. Das wäre ja doch ein wahrer Jammer, wenn man so was hintertreiben wollte.«

»Aber wenn nun ein Menschenleben dabei zugrunde ginge, bedenken Sie doch, Meister! So ein blühendes, herziges, junges Studentenleben!«

»Na — wenn schon!« knurrte Burg, »Studenten gibt's doch weiß Gott genug auf der Welt. Eine große Sensation ... eine — na, einen Stoff — das ist wahrhaftig so'n Allerweltsstudentenleben wert!«

»Herr Burg, Sie sagen Allerweltsstudentenleben ... das stimmt hier aber nicht; der eine, das ist kein Allerweltsstudent, das ist was ganz Besonderes —«

»Der eine? Also Ihrer selbstverständlich, nicht wahr?«

»Gott ja, meiner, wenn Sie wollen.«

»Nun, was ist denn so Besonderes an ihm?!«

»Er ist ein Dichter! Ach, so wundervolle Gedichte macht er. Wenn ich doch nur eins bei mir hätt'!«

»Sieh, sieh!« schmunzelte der Oberregisseur. »Also ein zukünftiger Bühnenlieferant. Na, dann soll er sich erst recht schießen!«

»Aber Herr Burg ... um Gottes willen!«

»Ja gewiß soll er. Entweder er geht drauf — na, in Gottes Namen: er ist der erste nicht. Wie mancher Homer ist blind geworden, ehe er Zeit gehabt hat, die Welt, das Leben so tief in sich hineinzusaugen wie der alte Griechenbarde ... Wie mancher Aeschylos mag in der Seeschlacht gefallen sein, wie mancher Schiller auf der Karlsschule in Verzweiflung und Verblödung hineingeknutet ... Das ist Kismet ... Wenn er aber übrig bleibt, glauben Sie nicht, daß er dann ein ganz andrer Kerl ist wie vorher, wenn er mal dem Tode ganz nahe ins Gesicht gesehen hat? Glauben Sie nicht, daß er Ihnen nachher noch viel schönere Verse machen wird; daß er noch 'ne ganz andere Nummer von Tragödie zustandebringt, wenn er erst mal erlebt hat, wie einem zumute ist, der die Nase hinhalten muß, wenn's drüben blitzt und knallt?«

Asta sprang auf, rannte schluchzend zum Fenster.

»Das ist entsetzlich, Herr Burg, das ist grausam!«

»Ne, das ist klug, das ist weise, Kindchen!«

»Also gut!« schrie die Kleine, warf sich herum, stand mit geballten Fäusten vor dem Oberregisseur, das reizende Gesicht von Grimm und Haß verzehrt. »Also gut! Sie sollen sich schießen ... einer soll auf dem Platze bleiben, alle beide — was kommt dabei heraus?! Nur eine neue Reklame für sie, für die große Jucunda! Was wird's heißen? Zwei Studenten haben sich geschossen ... wegen ihr, wegen Jucunda Buchner! Das ist's ja auch, was sie will, darauf hat sie's ja auch angelegt mit allem Raffinement, die Katze, die verdammte! Der ist's recht, wenn ein paar so fesche junge Kerle zum Teufel gehen ihretwegen — das paßt ihr grad in ihren Kram, dem hundeschnauzenkalten Weibsbild, das an nichts denkt — nur an sich, nur an sich!«

»Ach so!« lächelte Franz Burg. »Da zielt's hinaus! Mag sein, Sie haben recht, Kindchen ... Vielleicht ist unsere große Jucunda wirklich eine ganz haarsträubende Egoistin — aber ich wollte zu Ihrem Besten, Kleine, Sie selber wären's auch. Wenn Sie das erfreuliche Temperament, das Sie anscheinend im Leben besitzen, ein bißchen mehr zusammenhielten und auf Ihre Kunst losließen, statt auf Ihre ... auf die Mieter Ihres Herzenskämmerleins — glauben Sie mir, Sie wären eine größere Künstlerin, als Sie's leider sind. Sagen Sie mir nichts gegen die Jucunda, die ist ganz gut so wie sie ist. Die ist, was Sie nicht sind: eine Komödiantin. Die fühlt und weiß, wozu sie auf der Welt ist: nämlich zum Komödienspielen! Lieben und sich lieben lassen — schöne Sache, o ja, für die andern, für die Alltagsweiber — aber nicht für Euch. Zusammenhalten sollt Ihr Eure Glut, kalt wie Hundeschnauzen sollt Ihr meinetwegen sein im Leben, wenn Ihr nur abends, sobald der Lappen in die Höhe fliegt, Vulkane seid, wie die Jucunda einer ist! — Na, haben Sie noch weiter Schmerzen, Kleine?«

Gesenkten Blickes, mit zuckendem Kinn hatte Asta die Standrede des Meisters über sich ergehen lassen. Nun warf sie den Kopf trotzig in den Nacken, stampfte mit dem Fuß auf:

»Ich will aber nicht, ich will nicht, daß der lange Pilgram mir meinen süßen Jungen totschießt! Wollen Sie mir helfen, wollen Sie mir einen vernünftigen Rat geben?! Oder soll ich meiner Wege gehen?«

»Hm ... also das sage ich Ihnen, Astachen, gehen Sie weg vom Theater, aus Ihnen wird niemals was. — Also, wenn's denn absolut sein muß, die Sache ist doch entsetzlich einfach: Wenn Studenten Dummheiten machen, dann steckt man sich hinter ihre Eltern. Leben die respektiven Herren Väter noch?«

»Beide, soviel ich weiß.«

»Na also, und wo wohnen sie denn, die würdigen Erzeuger der beiden Hitzschädel?«

»Der eine wohnt da hinten im Rheinland irgendwo, soviel ich weiß.«

»Welcher? Ihr moralischer Schwiegerpapa oder der andere?«

»Nein, der eine,« sagte Asta, und das alte Schelmenlächeln blitzte durch Grimm und Tränchen wieder hindurch.

»Also an den wird bis morgen nicht dranzukommen sein — und der andere?«

»Der andere, der ist, soviel ich weiß, irgendein hohes Tier in Dresden!«

»Teufel, das trifft sich ja glänzend! Also, setzen Sie sich auf die Bahn, Kindchen, und rücken Sie dem Alten — wie heißt er? — dem alten —?«

»Pilgram,« half Asta ein.

»Also, rücken Sie dem alten Pilgram auf die Bude und petzen Sie ihm, daß sein wackerer Sprößling seinen Monatswechsel dazu mißbraucht, statt hinter seinen Büchern zu hocken, andern jungen Leuten Löcher in den Bauch zu schießen. Ich wette, dann entwickelt sich alles weitere historisch.«

Asta sprang auf den Oberregisseur zu, der noch immer langhingestreckt auf dem schminkfleckigen Sofa lag, fiel ihm um den Hals und küßte ihn stürmisch.

»Ach, Franzel, Sie sind doch der Allerbeste! Das wird gemacht, das ist die Rettung!«

»Aber bitte, erst nach dem 'Lager' — die kleine Oerzen ist krank geworden. Sie spielen heut abend die Gustel von Blasewitz. Nachher reisen Sie meinetwegen, wohin Sie wollen.«

»Ich danke Ihnen, oh, ich danke Ihnen tausendmal, Sie Goldiger!«

»Es ist ein Skandal,« knurrte Franz Burg. »Da hat unser Herrgott endlich mal wieder eine richtiggehende Tragödie angelegt, und so ein dummes, kleines Gör zerreißt ihm das Konzept und macht eine Posse draus!«