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Komödiantinnen: Roman cover

Komödiantinnen: Roman

Chapter 4: 3.
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About This Book

A young law student is jolted awake preparing for a corps duel and stumbles on a tiny lacquer shoe left in the corridor, an encounter that sparks a flood of daydreams about actresses and the theater. The narrative contrasts the regimented, combative world of student ritual with the seductive, emotive realm of stage life, alternating immediate campus episodes with evocative portraits of performers and recalled stage scenes. It traces youthful longing and artistic awakening while examining the social and emotional distance between academic obligations and theatrical enchantment.

3.

Am Mittwoch nachmittag um fünf war der allwöchentliche Seniorenkonvent: die Zusammenkunft der Korpsburschen sämtlicher Leipziger Korps. Sie fand auf der Kneipe des präsidierenden Korps statt: zurzeit war's Neo-Borussia, die ihr Heim in nächster Nähe der Franken aufgeschlagen hatte, im ersten Stock eines gleich uralten, verräucherten, verwahrlosten Kneiphauses, wie der altberühmte Cafébaum eins war, in dem Franconia residierte. Es stand irgendeine der welterschütternden Fragen auf der Tagesordnung, um welche sich ein hoher S. C. an jedem Mittwoch Nachmittag die Köpfe zu zerbrechen pflegte. Diesmal lag vor — na was noch? — lag vor ein Antrag von Misnia und Thuringia, ein wohllöblicher S. C. wolle beschließen, daß die Klingen der Mensurspeere an der Spitze in Zukunft nicht mehr rechtwinklig und scharfkantig abgeschliffen würden, wie es bisher üblich war, sondern abgerundet ... Infolge des eckigen Schliffs waren nämlich an den letzten Bestimmtagen ein paar so hahnebüchene Knochensplitter herausgekommen, daß die Paukärzte kategorisch Wandel verlangten: die Klingen sollten in Zukunft an der Spitze halbkreisförmig geschliffen werden ... Das war natürlich ein Problem von fundamentaler Bedeutung, und so erhitzten sich die Gemüter immer mehr und mehr, immer stärker wurde der Bierkonsum, immer massiver der Zigarren- und Zigarettenqualm ... und immer hastiger rückte der Zeiger jener Stunde zu, da im Carolatheater das Gastspiel der Meininger beginnen sollte ... Theater — pah! Wer hat Zeit, ans Theater zu denken, wenn der bittre Ernst des Lebens einen im Bann hält?

Einer hatte Zeit: der schlanke Fuchsmajor der Franken natürlich — er saß auf Kohlen und hätte sich mit Vergnügen bereit erklärt, sich am Sonnabend auf Mensur mit einem kantig geschliffenen Speer ein halbes Dutzend Knochensplitter aus dem Schädel hauen zu lassen, wenn er dadurch diese entsetzliche Debatte hätte abkürzen und den Anschluß an den Beginn der Vorstellung hätte erreichen können ...

Endlich wagte er ein Aeußerstes. Er ging leise zum Ersten hinüber, neigte sich und flüsterte ihm — der mit aller Nervenanspannung der hitzigen Rede seines Gegenpaukanten vom vergangenen Sonnabend, des Meißner Zweiten, folgte — flüsterte ihm ins Ohr:

»Pilgram, ich darf Dich vielleicht daran erinnern, daß Durchlaucht mich auf heut abend in seine Loge eingeladen hat — da darf ich doch keinesfalls zu spät kommen ... würdest Du wohl gestatten, daß ich den S. C. verlasse?«

»Du bist verrückt!« knurrte Pilgram halblaut. »S. C. geht doch vor allem andern vor! Du siehst, ich muß ja auch aushalten!«

»Du —?! Ja, wie soll ich das verstehen, Pilgram? Gehst Du ... denn auch ... ins ...«

Der Erste errötete tief. Es war ihm herausgefahren, das Geheimnis, dessen er sich vor allen Korpsbrüdern schämte: daß der traditionelle Feind aller neun Musen sich ein Theaterbillett erstanden hatte — und noch dazu eine Studentenkarte zu einer Mark und zwanzig Pfennigen, um gänzlich unstandesgemäß — selbstverständlich im Bummel, also im tiefsten Inkognito — zwischen allerhand proletigen Kommilitonen, das Parterre, ganz hinten, zu bevölkern — sintemalen und alldieweilen es auch bei ihm am Monatsschluß nicht mehr zu dem für das Korps vorgeschriebenen Platz im ersten Rang hatte reichen wollen ...

»Allerdings — ich geh' auch!« zischte Pilgram. »Wir gehen nachher zusammen — aber im S. C. wird ausgehalten, und wenn uns die ganze Affenkomödie durch die Lappen gehen sollte!«

Vor solchem Pflichteifer verstummte Hans Thumser — völlig erschüttert ... Freilich, was galt diesem Banausen die Versäumnis eines, zweier, dreier Akte Schiller! Wie mochte der bloß auf die Idee gekommen sein, ins ... Hallo — sollte da am Ende ein ... trotz allem ... erwachtes Interesse für seine berühmte filia hospitalis?! Alle Wetter — das war am Ende doch wohl die einzige Erklärung!

Und während ein wohllöblicher S. C. sich weiterhin über krummen oder geraden Schliff der Klingenspitzen aufregte, griff Hans Thumser alle fünf Minuten heimlich nach seiner Taschenuhr ... halb sieben — — sieben Uhr jetzt — verflucht! War denn diese verdammte Zwiebel rasend geworden? Und nun — nun war es auf einmal halb acht — in diesem Augenblick hob sich da unten fern in der Südstadt, in der Sophienstraße, der Vorhang zum Prolog, und der biedere Thibaut d'Arc verlobte seine zwei ältesten Töchter ... Nun stand sie auf der Bühne — sie, die Madonna aus der oberen Kirche seines Herzens ... noch im schlichten Kleide der Bäuerin, doch schon überlagert vom tragischen Schatten ihrer göttlichen Sendung ...

»Meine Herren,« sagte der Vorsitzende, Herr Borgmann, Neo-Borussiae, die linke Stirnseite noch immer von mächtigem Wattebausch unter schwarzer Kompresse bedeckt, da, wo Hans Thumsers kecker Durchzieher ihm wider alle Vorsicht Schwarte, Knochenhaut und alle Aeste der Temporalis durchgesäbelt — »meine Herren, meiner Ueberzeugung nach würden wir uns vor sämtlichen Glocke schlagenden S. C. eines hohen Kösener unsterblich blamieren, wenn wir als einziger S. C. den allgemein üblichen scharfkantigen Schliff abschaffen wollten — und zwar aus einer Anwandlung von Humanitätsdusel heraus, der für mein Empfinden einen bedenklichen Beigeschmack von Kneiferei hat —«

»Ich bitt' ums Wort!«

»Ich auch! Ich auch!« so scholl's heftig aus der Korona.

»Silentium für Herrn von Schubart, Misniae!« sagte Borgmann gelassen.

»Ich muß mir aufs entschiedenste verbitten,« schrie Herr von Schubart, der Zweite der Meißner, in den Zigarrenbrodem hinein, »daß der Herr Erste Chargierte des präsidierenden Korps von einer Maßregel, die mein C. C. befürwortet, erklärt, sie habe einen Beigeschmack von Kneiferei! Ich verlange, daß der Herr Vorsitzende diese Aeußerung mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknimmt — andernfalls behält sich mein C. C. weitere Schritte vor, sowohl gegen einen wohllöblichen C. C. des präsidierenden Korps als auch gegen Herrn Borgmann persönlich!«

Dreiviertel acht —! wimmerte Hans Thumsers sehnsüchtige Seele — und in seinem Herzen klang's:

»Nichts von Verträgen! nichts von Uebergabe!
Der Retter naht, es rüstet sich zum Kampf —
Vor Orleans soll das Glück des Feindes scheitern,
Sein Maß ist voll, er ist zur Ernte reif!«

Thuringia schloß sich den Erklärungen Misnias an; Guestphalia schwankte, während Franconia und Neo-Borussia gemeinschaftlich gegen den Antrag auf Abänderung des Klingenschliffs auftraten. Unter allgemeiner Erregung schritt der Vorsitzende endlich um zehn Minuten vor acht zur Abstimmung, und nun fiel Guestphalia definitiv zur Partei des runden Schliffs. Franconia und Neo-Borussia waren überstimmt: die holde Menschlichkeit oder, wie Herr Borgmann Neo-Borussiae es nannte, der Geist der Kneiferei hatte gesiegt ... Und mit dem Zigarrenrauch hingen unzählige P. P. Suiten und Säbelforderungen in der Luft ... Morgen früh zum Frühschoppen würden sie explodieren ...

»Nu aber raus!« zischte Pilgram seinem Korpsbruder zu. »Weh Dir, wenn Du den andern was davon sagst, daß ich ins Theater geh — offiziell büffle ich heut abend!«

Drunten wartete des Ersten Chargierten der Korpsdiener mit Hut und Regenschirm. Pilgram riß ihm beides aus der Hand, zog Mütze und Band ab und übergab sie dem Getreuen. Thumser, der vornehm in der Proszeniumsloge sitzen würde mit dem Erbprinzen, blieb natürlich in Couleur. Und in rasendem Tempo hasteten nun die beiden Studenten die kleine Fischergasse hinab.

Auf dem Alten Markt standen Droschken aufgefahren. Die Wanderer warfen einen wehmütigen Blick hinüber:

»Wenn's doch schon der Erste wäre!« knirschte Hans Thumser.

»Beine in die Hand!« knurrte Pilgram.

Als Hans Thumser sich auf Zehenspitzen in die Proszeniumsloge schob, hatte der erste Akt bereits begonnen. Der Erbprinz und der Major wandten kaum zu flüchtiger Begrüßung die Köpfe — schon waren sie im Bann. Und hinter den schwarzen Silhouetten der Vordermänner sah Hans nur mit einem flüchtigen Blick die von der Bühne her matt erleuchteten vordersten Reihen des Publikums im Parkett — lauter Gesichter, im Lauschen und Schauen erstarrt. Und schon schlugen auch über ihm die Wogen zusammen.

Ein hoher gotischer Saal am Hoflager König Karls von Frankreich. Düstere pfeilergetragene Holzdecke, die Wände eichengetäfelt, darüber Gobelins mit steifen Reihen buntgewandeter Ritter und Edeldamen. Und ganz tief hinten ein buntes Fenster, durch das sich ein paar verirrte Sonnenstrahlen stehlen. Und mit zweien Getreuen der unglückliche weichherzige König, dessen Knabenhand wohl seine Agnes Sorel zu kosen vermag, nicht aber die Zeit, die aus den Fugen gegangen, wieder einzurenken ... drei Ratsherren knien vor ihm, seine vielgetreuen Bürger von Orleans, und flehen um Hilfe, um Entsatz ihrer hartbedrängten Stadt ... Verzweiflungsvoll ringt der König die kraftlosen Arme:

»Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?«

Doch sieh: ein Lichtstrahl zittert in das Dunkel der Szene: Die Geliebte kommt: Sie bringt opfermutig all den blinkenden kostbaren Tand, den ihr König in süßen Stunden ihr um den Nacken gewunden ... Ein schwarzlockiges, schmiegsames, kätzchenweiches Geschöpfchen ... Ihre Augen schimmern in koketten Tränen, ihre Hände, weich und rosig wie Frühlingswolken, umschmeicheln den Freund, noch in der Angst der Verzweiflung liebeheischend, sehnsuchtsweckend ...

»Agnes Sorel ... Asta Thöny«

sagt der Theaterzettel. Herrgott ... das ist sie ...

Und einen Moment ist Hans Thumser wieder Hans Thumser ... Er tastet nach seiner Brusttasche, wo ein etwas zu stark parfümiertes rosa Billetchen steckt: Die Worte, die es enthält, ach, die kann er auswendig, im Träumen, von vorn und von hinten:

»Nach zierlichen Schuhchen und dem, was drin steckt,
Liegt mancher Fuchs auf der Lauer —
Eintritt verboten! Hier wird nicht geschleckt!
Füchschen, die Trauben sind sauer!«

Also — das ist sie ... das ... Füßchen werden nicht vorgezeigt, nur zwei zierliche Goldspitzen lugen im Schreiten ab und an für einen winzigen Moment unterm schweren Brokat des gotisch starren Gewandes vor ... dafür aber läßt dies neidische Gewand einen Hals frei ... einen Hals ... o Gott, o Gott ...

Einen Augenblick ist Hans Thumser Hans Thumser — der sehnsüchtige Knabe an der Schwelle des Lebens ... nur einen Augenblick ... und schon wieder ist er ... niemand und alles ... nur Auge, nur weitgeöffnet schauendes Gottesauge — nur Seele, alliebende, alldurchdringende Weltseele ...

Höher schwillt die Flut des Entsetzens um den verlorenen Königsknaben und sein zitterndes Lieb ... Eine Hiobspost jagt die andere, das Maß des Ertragens ist voll, sein Land und seine Ehre gibt der Schwache preis, und empört fallen die letzten seiner Getreuen von ihm ab ... Verlassen steh'n die beiden Kinder ...

Da auf einmal ... kommt einer der Entwichenen zurück ... auf seinem zuckenden Gesicht, seinen stammelnden Lippen glüht ein Wort ... ein Wort, das längst ins Fabelland entschwunden schien ... das Wort: Sieg ...

Und sieh — da führen die edlen Herren aus des Königs Gefolge einen riesigen Krieger heran: einen Ritter im zerhauenen, blutbekrusteten Harnisch: ein blutiger Fetzen windet sich um seine kampfglühende Stirn, aus seinem blutunterlaufenen Auge lodert das gleiche Zauberwort: das unfaßbare: Sieg ... Sieg ...

Und atemlos, stockend oft und nun in wahnwitzigen Jubel ausbrechend, kündet er die phantastische Mär:

Das Wunder ist herabgestiegen vom Himmel ... Ein weißes Mädchen ist in die Mitte der umzingelten Franzosen getreten — hat dem Fahnenträger das Banner entrissen und an der Reisigen Spitze sich in den Feind gestürzt!

»Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!«

Und daß fassungsloser Unglaube kniebeugender Glaube werde — — wird sie selber kommen! wird kommen — hierher, an diese Stelle, auf der wir stehen, harrend, bis ins Mark erschüttert und dennoch zweifelnd ...

Und horch! Schon kündet sich's an: Da draußen, in den fernen Gassen der Stadt, hören wir den Lärm eines jäh triumphierenden Empfangs ... Näher und näher kommt das festliche Getös ...

Und da — da fangen ja die Glocken von allen Türmen plötzlich an zu schwingen ... und heller tönt draußen das tolle Jauchzen der Begeisterung ... und nun stürzen sie alle, die in der dumpfen, ragenden Kammer weilen, in kindischer Hast ans Fenster da hinten und beugen sich hinaus, und sieh, sie sehen's schon, das Wunder, das Unmögliche — sie schreien und winken und schreien —

Und horch, nun stürmt's da draußen die Stufen hinauf, nun stürzt, nun strömt es herein. Ratsherren und Rittersleute und Bürger und Weiber und Soldknappen und Kindervolk und ... eben Menschen, schreiende, tobende, vor Erlösungstaumel sinnlose Menschen ... Vor dem König, der mit der Geliebten, zitternd, schwindelnd, da vorn geblieben, werfen sie sich auf die Knie, in den Staub, heulen und jauchzen: Sieg! Sieg! Sieg!

Und nun — nun öffnet sich auf einmal, wie die Flut des Roten Meeres vor dem Durchzug der Kinder Israel, so klaffend öffnet sich durch die Menschenflut eine Gasse ... und durch die Gasse ... schwebenden Schrittes ... kommt ... sie ...

Kommt ein weißes Mädchen, nein, kein Mädchen, kein Mensch ... ein Gedanke, ein Gottgedanke, der Gedanke der Erlösung, der Gerechtigkeit, der Freiheit, des Vaterlandes ...

Und steht so vor dem König ... das Ewige, das Heilige, das Unendliche selbst ...

Und doch ... nur ein Mädchen ... ein junges, weißes Weib ...

In der winzigen Garderobe, rechts vom Schauspieler, auf der Frauenseite, wartete Mutter Buchner ihrer berühmten Tochter. Sie hatte es sich zwar nicht versagen können, sich von einem Eckplatz des Parketts aus an Jucundas Spiel, den neidisch-ehrfurchtsvollen Blicken der Bekannten, dem Jubelsturm des Publikums zu weiden; aber am Anfang des zweiten Aktes, das wußte sie, trat Jucunda nicht auf, und da drängte es sie in die Garderobe ihres Kindes, um ihr Zofendienste zu leisten. Ach, am liebsten wäre sie ja von Ort zu Ort mitgereist ... Wenn ein Mädchen so ungeheuer viel Talent hatte ... und so gut gewachsen war — na, man wußte ja, von wem sie das hatte! — und so heißblütig — ach Himmel, man war ja selber auch mal jung gewesen! — Das war ja ganz selbstverständlich, daß die Mannsbilder hinter so einer her waren wie verrückt — da hätte man ja doch als Mutter eigentlich auf Schritt und Tritt aufpassen müssen ... Aber da war ihr Alter, der Herr Rat ... der konnte ja nicht leben ohne seine Doris ... Na, solange das Kind in Leipzig war, sollte es wenigstens fühlen, was man an einer Mutter hat ... Und kaum war der Vorhang nach dem ersten Akt gefallen, da flog — während das Publikum noch immer tobte, die Gardine auf und nieder tanzte, die Darsteller sich immer und immer wieder süß lächelnd verneigten — flog Mutter Doris aus dem Zuschauerraum zu dem bekannten Pförtchen, das nur denen vom Bau sich öffnet, hastete die steinerne Treppe hinauf in das winzige, von Schminke, Puder und Menschendunst geschwängerte Kämmerchen und wendete das gewärmte Hemd, das auf der Heizung bereit hing ... Denn wie ihre Jucunda schwitzte bei so'ner großen Szene, das war schon nicht mehr schön ... Von Kopf bis zu Füßen mußte sie die Unterwäsche wechseln jedesmal, wenn irgend Zeit blieb ... Freilich, wie das Mädchen sich auch ins Zeug legte ...

Und nun kam sie — kochend, dampfend, wie aus dem Backofen ... fiel in den Frisierstuhl und streckte alle Viere von sich ... Frau Doris umarmte sie zärtlich und drückte ihr einen begeisterten Mutterkuß auf die triefende Stirn ...

»Schinderei, verfluchte!« pustete Jucunda. »Wie aus dem Wasser gezogen ist man — und das schon nach dem ersten Akt! Schnell, Muttel, die Lappen runter und frische Wäsche! Ich komm' ja um!«

In der Tür der Garderobe drängten ein paar Kollegen nach, der Heldin des Abends die Hand zu drücken. Alle mochten sie das stramme junge Ding leiden, das mit seinen achtzehn Jahren so resolut durch diese schminkestarrende Welt stapfte, als sei sie darinnen geboren und nicht in einem engbrüstigen Leipziger Spießermilieu ...

»'raus!« befahl Mutter Doris. »Alles 'raus! Meine Tochter wünscht alleene zu sein!«

Und rasch vollzog sich die Verwandlung. In kräftiger Frische, schweißgebadet, stieg der derbe Mädchenleib aus den klatschnaß zusammensinkenden Hüllen, wurde von sorglicher Mutterhand mit lauen Güssen überspült und in die frischen gewärmten Unterkleider gesteckt. Die Garderobiere, ein verknittertes, verhutzeltes Weiblein, stand müßig daneben und träumte von der goldenen Zeit, als auch sie einmal am Stadttheater zu Stallupönen erste Naive gewesen und von den Leutnants der Garnison mit billigen Buketts und falschen Schmucksachen überschüttet worden war ... Dann aber mußte sie eingreifen, denn über das weiße Gewand des Bauernmädchens wurde nun die wuchtige Rüstung geschnallt und mit einem Dutzend Riemen und Oesen befestigt — darauf verstand Mutter Doris sich denn doch nicht. Inzwischen aber schwatzten die Frauen ohn' Unterlaß:

»Gott, war das ein Spektakel zum Aktschluß! Namentlich da hinten im Parterre!« sagte Jucunda und warf das langflutende braune Gelock über die Rüstung zurück.

»Natierlich — das gloob' ich ooch!« erwiderte die Mutter und strich mit glättendem Kamme bedächtig durch die krause Mähne der Tochter. »Da sitzen doch die Herren Studenten! Was die trampeln kenn'! Gott soll mich bewahren! 's ganze Parkett war Dir doch eene Staubwolke! Und unserer is ooch dabei — wirscht mer's glauben?«

»Wer? Der unverschämte Mensch aus dem Eckzimmer?«

»Freilich, der! Un gezogen is er noch lange nich!«

»I nee so was!« lachte Jucunda.

»Eegentlich is mer'sch ganz lieb, daß er noch nich weg is,« sagte Mutter Doris. »Immerhin er is der Erste Scharschierte vons älteste und angesehenste Korps in Leipz'g ... Un so lang als ich denken kann, hab' ich immer Korpsstudenten bei mir wohnen gehabt — 's wär doch sehr unangenehm für mich gewäsen, wenn er wär' mit'n großen Krach von mir fortgegangen — leicht hätt's kenn' passieren, daß die ganzen Korps mich hätt'n in'n Verruf getan — damit sin se immer sehr fix bei der Hand, wenn ma een' von ihn' mal schief angekuckt hat ... Unser Nachbar Wunderlich, der Mützenmacher, der kann e Wertchen davon erzählen ... Der hat mal een' von die Korpsstudenten, der absolut nich wollt' zahl'n, nu, dem hat er en groben Brief geschrieben — und iebermorgen war er schon im S. C. Verruf — das kost'n an sechshundert Mark jährlich!«

»I herrjemerschnee!« lachte Jucunda, »das hätt' ich wissen sollen, daß unser Student so ein großes Tier ist! Da hätt' ich durch meine Grobheit ja beinahe Deinen Geschäftsbetrieb ganz bösartig geschädigt! Na, hoffentlich kommst Du noch mal mit 'nem blauen Auge davon! Uebrigens, Muttel, wenn ich mich recht erinnere, so hast Du den einflußreichen Jüngling auch nicht gerade mit Glacéhandschuhen angefaßt ...«

»Nu, ich hab' mich eben lassen hinreißen,« sagte Frau Doris. »Weeßte, wenn eener mir mit mein' Goldkinde tut anbinden — hernach weeß'ch mich nich zu beherrschen — reinweg wie ene Furie werd' ich Dir dann!«

»Muttel!« sagte Jucunda zärtlich und legte einen Augenblick lang das lockenumflutete Haupt an den mächtig wallenden Mutterbusen.

In diesem Augenblick trat Franz Burg herein, der Oberregisseur, in der klirrenden Rüstung des englischen Oberfeldherrn, in einer Maske so voll schrecklichen Ingrimms, daß Jucunda hell auflachte:

»Donnerwetter, lieber Freund — mit Ihrem Konterfei kann man ja die Pferde scheu machen!«

»Himmel — für die guten Leipziger muß man eben ein bißchen dick auftragen ...«

»Schön,« sagte Jucunda, »werd' ich mir merken. Passen Sie mal auf, Meister, wie ich jetzt loslegen werde!«

»Aber gefälligst mit einem vernünftigen Stimmansatz, und nicht wieder so aufs Organ loswüsten wie im ersten Akt! Ihnen geht's zu gut, Kindchen, Sie werden mir zu üppig ... In einem Alter, wo andre Kolleginnen froh sind, wenn sie einmal ein Servierbrett mit Kaffeegeschirr hereinbringen dürfen, toben Sie schon abendfüllend durch ganz Deutschland — da muß ja so ein achtzehnjähriger Verstand aus dem Leim gehen ...«

»Ach, lassen Sie mich doch ...« Jucunda reckte den herrlichen Körper, daß alle Niete und Scharniere der Rüstung knackten ... »Lassen Sie mich doch, lieber Freund ... Es ist ja so schön ...«

Franz Burgs Augen schimmerten hinter den grimmigen, rotgrauen Brauen in einem ganz seltsam weichen Licht ... Sie glitten über die schlanke, waffenblanke Gestalt, wie ein Streicheln.

»Schön ist's, das glaube ich — Sie sind eben ein Sonnenkind, Langbeinchen!« So nannte er sie noch immer, aus jener Zeit, wo sie als blutige Novize wegen ihres knabenhaften Wuchses immer die Pagen hatte spielen müssen ... Jetzt freilich wäre das nicht mehr zu machen gewesen — sie war ein Weib geworden ...

»Na also — Sie sind fertig ... Nun halten Sie aber Ruhe, bis Sie geholt werden ... Und nicht zu toll mit dem Organ aasen, verstanden? Adieu, Langbeinchen!«

»Adieu, Sie Bester!«

Ein Blick so voll dankbarer Zärtlichkeit, daß der grimme Talbot rasch das Visier herunterklappte ... Und durch die Augenlöcher klang sein Knurren:

»Also fang'n mer an!«

Er rasselte von dannen. Jucunda warf ihm ein halbes Dutzend Kußhände nach.

»Aber Jucunda!« rief die Mutter ganz entsetzt.

»Ach laß doch, Muttel! Einmal ein Mensch beim Theater, ein einziger, der selbstlos gütig ist — einen lehrt, einem vorwärts hilft, ohne gleich — —«

Der zweite, der dritte Akt waren vorübergebraust, mit Schlachtgetöse und Siegesjubel und Sterbegrauen ... und hatten geendet mit der naiv-gewaltigen Szene, in der Johannas tragisches Geschick sich wendet: der Fluch ihrer übernatürlichen Sendung sich wider sie kehrt. Das Herz der Jungfrau hat mit Entsetzen sein Mädchentum empfunden ...

Große Pause nun — alles strömte hinaus in die schmalen, schlechtbeleuchteten Gänge, das dürftige Foyer des dumpfen winkligen Hauses ...

Und da oben fanden sich die beiden Franken, ihr fürstlicher Konkneipant und sein Erzieher. Die Herren begrüßten einander mit dem gewohnten starr offiziellen Gesicht, dem korrekten Händeschütteln der hoch gewinkelten Arme ... Keiner mochte verraten, wie sehr er gepackt war.

»Ganz nett — wie?« näselte der Erbprinz.

»Na ja ... Aber immer dies ewige eintönige Pathos, das hält kein Pferd auf die Dauer aus!« schnarrte Pilgram.

»Wie fanden Sie die Buchner?« fragte nachlässigen Tones der Prinz.

»Na — mein Himmel — spielt eben Schiller!« erwiderte der Rechtskandidat.

Hans Thumser blieb stumm. Ihm standen Erregung und Entzücken bis an den Hals — die Tränen, die er mühsam hatte unterdrücken müssen, preßten ihm die glühenden Augen. O Gott — so Erhabenes, so Ungeheures erlebt zu haben ... Und dann den gelassenen Weltmann mimen zu müssen mit zwanzig Jahren ... Was war das für eine Jugend? Sie schämte sich aller jugendlichen Empfindungen ... der Begeisterung, des Glaubens an das Große, das Weltbezwingende ...

Und schnell vollendete sich's nun. Wie ward es Valentin Pilgram zumut, als er nun im festlich geputzten Saale zu Reims die Verse erklingen hörte, die er neulich so schmählich unterbrochen?

»Sollt' ich ihn töten? Konnt' ich's, da ich ihm
Ins Auge sah? Ist Mitleid Sünde?!«

Was war denn das, was so heiß und fremd unter der linken Westentasche zuckte und hüpfte? Was war dieser geheimnisvolle Schmerz, dieser brennende, der durch Hirn und Glieder rumorte, wenn dieses Mädchen seine stählernen blauen Augen verloren in den dunklen Raum hinausschweifen ließ, in dem er saß, inmitten der proletigen Finken ringsum, die er verachtete, wie er alles verachtete, was nicht zu den Angehörigen eines hohen Kösener S. C. Verbandes zählte?! War es die Scham, daß er dies Mädchen, diese weiße, stolze Weibesgestalt da hinten, gekränkt, gestört in ihrem Studium — sich benommen gegen sie wie ein Rauhbein, ein Knote ohne Kinderstube und Direktion!

Ja, das mußte es sein, das und nichts andres ... Er wird morgen früh seinen Bratenrock anziehen und seine beste Mütze aufsetzen — wird sich feierlich durch die Frau Kanzleirätin anmelden lassen und förmlich und devotest um Verzeihung bitten ... Es ist männlich, begangenes Unrecht einzusehen und zu sühnen, und durch Revokation und Deprekation einer Dame gegenüber vergibt auch Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster ad interim sich nichts — nein, ganz gewiß nicht!

Also das mach' ich! Gesegnet meine wüste Laune, gesegnet meine Examensnervosität ... So hab' ich doch wenigstens einen anständigen Grund, mich ihr vorzustellen, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen ... Und ich werde mich dermaßen kavaliermäßig benehmen ... Ich werde ... Ueberhaupt ... Ich werde — hol' mich der Teufel — Eindruck werd' ich machen, so wahr ich Valentin Pilgram bin, Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster ad interim!

Hans Thumsers Seele war aber zwiegeteilt, wie fast immer — fast immer ... Noch einmal, in der zweiten Szene des vierten Aktes, kam die andere — nach der er ein geheimes, lästerliches und süßes Schmachten verspürt hatte, nun sie so lange verschwunden war ... kam Agnes Sorel, stand neben der herrischen Gestalt Jucundas in ihrer kätzchenhaften Holdseligkeit ... schmiegte an Jucundas gepanzerten Busen die unverhüllte, die rosige lockende Brust ... O Hans Thumser, und denken zu müssen, daß diese Himmelswonne Nacht für Nacht neben deinem Knabenstübchen schläft, nur durch eine dünne Ziegelmauer von dir getrennt, in der es gar noch eine Tür gibt, die freilich verschlossen ist und mit einem Kleiderschrank verstellt ... O Hans Thumser, wie wirst du dies Bewußtsein ertragen, nun du sie kennst, sie gesehen hast mit deinen scheuen, brennenden Augen, ihr Bild hineingesogen in deine lechzende, lebenshungrige Seele ... Wie wirst du's ertragen?

Füchschen, die Trauben sind sauer ... So hat sie geschrieben. Ach, du Schelm, du böser, neckender Traumspuk du — du warmes, weiches, nahes, fernes, weltenfernes Menschenkind — —!

Still — es erfüllt sich Johannas Geschick ... Vor dem Bannspruch des Vaters, der sie höllischer Blendekünste zeiht, verstummt sie ... verstummt vor dem Donner des Himmels ... flieht in Einsamkeit und Verzweiflung — fällt stumm und wehrlos in die Hand der Feinde ...

Doch dann, in letzter, höchster Not, kommt noch einmal über sie die alte, magische Kraft: Sie zerreißt ihre Ketten, entrafft sich den entsetzten Feinden, trägt noch einmal das Banner der Jungfrau zum Kampf ... und dann, die Todeswunde in der Brust, von Siegesbannern überbauscht, läßt sie ihre reine Seele ins All hinüberströmen ...

O Dichter! Dichter! betet Hans Thumser — großer, herrlicher mit Deiner wunderbaren Cherubseele — einen Tropfen von Deinem Geist in mein junges Herz — einen Flammenfunken von Deinem Himmelsfeuer!

»Wie wird mir? — leichte Wolken heben mich —
Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide —
Hinauf — hinauf — die Erde flieht zurück —
Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!«

Ein heftig gestammelter Dank an den Prinzen, ein feierliches Schütteln der korrekt eingewinkelten Hände mit ihm und dem Major, und dann hinaus — hinaus in die herbstliche Abendluft ... O glühende Stirn, o glühendes Herz ...

Und nun — warten — sie noch einmal sehen, sie, »die alles Herrliche vollendet« ... nicht jene andre, das Kätzchen, den Spukgeist ... Nein, die eine, die weiße, die königliche ...

Warten auf sie — sie warten ja alle ... Eine dichtgedrängte Schar, lauter blutjunges Volk. Konservatoristinnen und Ladenmamsellchen untermischt mit Primanern und Studenten ... Sie warten vor dem Portal, vor dem ein einziger Wagen noch hält, ein einziger, während all die andern mit ihrer Fracht schleierumhangener, kapuzenverhüllter Weiblichkeit von dannen donnern — ein einziger Wagen, in dem, hüstelnd und frierend, ein bebrilltes Männlein hockt mit grauem Kragenbart: der Kanzleirat Buchner ...

Es dauert lange, dies Warten ... Aber Hans Thumser wartet nicht allein: An seiner Seite, geduldig fröstelnd, harrt der gestrenge Senior, ganz gegen jede Wahrscheinlichkeit und Psychologie ...

»Ne, Pilgram, wie Du mir heute vorkommst!«

»Na, was denn? Wieso denn?« knurrt der Erste. »Denkste vielleicht, Du hast die Kunstbegeisterung alleene gepachtet?!«

Und endlich — endlich — — am Bühneneingang fliegen die Hüte, die Mützen von den Köpfen —

»Jucunda Buchner — hoch! hoch!«

Voran schiebt sich eine derbe Matrone in uraltmodischer schleifenbesetzter Kapuze — und dann kommt — sie — so mädchenhaft auf einmal, so spießbürgerlich schlicht ... Wie ein Backfisch schaut sie aus, so menschlich, so nahe ...

»Hoch! hoch!« brüllen die Studenten, juchzen die Mädels — sie huscht vorüber, kopfnickend, so lieb, so einfach, so — so fabelhaft nett — sie schlüpft in die Wagentür, nickt noch einmal vom Fensterrand — neuer Jubel —

Ach was — längst nicht genug!

Eine neue, eine würdige Huldigung dem wundervollen Menschenkind!

»Kommilitonen!« ruft Hans Thumser und schwenkt die grüne Mütze, »Kommilitonen! Wir spannen ihr die Pferde aus, wir fahren sie im Triumph nach Hause!«

Ein Beifallsgeheul ist die Antwort. Und auf die Gäule stürzt sich der Schwall — im Nu sind die Scheuenden, Schäumenden abgesträngt, der fluchende, peitschenschwingende Kutscher entwaffnet und vom Bock gezerrt ...

»Verrickt seid 'r! Alle mitenander seid 'r übergeschnappt! Der Deifel soll Euch hol'n!«

Und hundert Hände packen zu, langen nach der Deichsel, den Zugscheiten, den Strängen — hundert Hände greifen in die Speichen — hurra! Der Wagen rollt, rollt mit seiner vielgeliebten Fracht ... Und allen voran als Führer, den Hut auf dem Stock balancierend, den Stock im Takt schwingend wie ein Tambourmajor schreitet einer, der den Weg kennen muß: Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster ad interim!

Und der Wagen rollt die Sophienstraße entlang, umdröhnt vom Jauchzen schönheitstrunkener, größeberauschter Jugend ... Rollt die Zeitzer Straße, den Peterssteinweg hinab, der Altstadt zu ... Und immer zahlreicher wird das Huldigungsgefolge hinter dem Triumphzug, den Jugend der Jugend, der Schönheit, der Kunst bereitet, immer betäubender schwillt der allgemeine Jubel:

»Jucunda Buchner — hoch — hoch Jucunda — unsre Jucunda!«

4.

Als der Triumphwagen endlich in der Katharinenstraße hielt, zog der alte Buchner den riesigen Hausschlüssel aus der Tasche und stieg als erster aus. Ein hundertstimmiger Jubel empfing ihn ...

»Das ist der Vater — Jucundas Alter ist das — Papa Buchner hoch! hoch!«

Ein Dutzend Hände waren ihm behilflich, hoben ihn über die Bordschwelle, ganz betäubt humpelte er durch die Gasse, die sich vor seinen Schritten öffnete, fand die Tür seines Hauses zu seiner Verwunderung bereits geöffnet und schlüpfte hinein, wie erlöst, daß er dem Getös entronnen ...

Und nun schob sich Mama Buchners massives Gestell aus der Droschke.

»Achtung, jetzt kommt Mamachen!« schrien kecke Stimmen. »Platz für Mamachen!« Geblendet vom grellen Licht der Gaslaterne, dicht neben dem finstern Hauseingang, verwirrt vom Stimmengewirr, dem Glanz blitzender Augen, dem Durcheinander winkender Hände, flatternder Tücher verfehlte Mutter Doris mit unbehilflich suchendem Fuß den Wagentritt und wäre gestürzt, hätte nicht ein sehniger Arm sie gefaßt und ihre schwerfällige Gestalt mit sicherem Griff aufs Trottoir, auf die Beine gestellt. Und gleich darauf fühlte sie ihre Hand in diesen sehnigen Arm hineingezogen, fühlte sich sicher und ritterlich der Haustür zugeführt — sah dankbar zu ihrem Beschützer empor und — sah in das verlegenheitglühende Gesicht ihres Mieters ...

»Gnädige Frau —« stammelte Pilgram.

Gnädige Frau —?! Es war das erstemal, daß ihr Student diese Anrede für die Frau Kanzleirätin fand ... sie war direkt erschüttert ...

»Herr Pilgram — nee heer'n Se, das is aber hibsch von Ihn' ...«

»Darf ich Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch zu dem Riesenerfolge Ihres Fräulein Tochter — gnädige Frau? und zugleich auch meine Bitte um Entschuldigung wegen meines unqualifizierbaren Benehmens von vorgestern morgen —«

»Ach sei'n Se still, Herr Pilgram — scheen war's ja grade nich ... Aber Sie haben's ja gut gemacht ... Also woll'n mer uns wieder vertragen! Aber wo bleibt denn 's Kind?«

's Kind war noch nicht abkömmlich. Sie mußte draußen die Dutzende von Händen schütteln, die sich ihr entgegenstreckten ... Und dabei liefen ihr die hellen Tränen nervöser Seligkeit über die Backen ...

»Dank ... tausend, tausend Dank!« Das war das einzige, was sie nur immer wieder stammeln konnte ...

Und endlich fiel die Pforte denn doch ins Schloß, während die begeisterte Jugend draußen weiter jubelte und tobte. Kanzleirat Buchner wollte abschließen, aber Valentin Pilgram kam ihm zuvor. Und dann entzündete er ein Wachsstreichholz und geleitete Mama Doris mit der Galanterie eines Oberhofmarschalls die knackenden Treppen des altehrwürdigen Baues hinan, der einstmals ein feierlich elegantes Patrizierhaus gewesen war ... Der Kanzleirat und die Heldin des Abends folgten.

Oben wollte sich Valentin verabschieden, um in seinem Zimmer zu verschwinden, aber Jucunda rief:

»Was? Sie wollen schon schlafen? Nee, gibt's nich! Muttel, mach' Licht in der guten Stube! Wir schwatzen noch eins! Und Du, Alter, rück' mal ein paar Pullen Gose heraus! Ich hab' einen Pferd'sdurst!«

Und sieh — nach wenigen Minuten war's hell und mollig in der behaglichen Wohnstube, und während Mutter Buchner drinnen Bemmchen schmierte und Papa Kanzleirat Zigarren und Aschenbecher bereit stellte, sorglich aus den dickbauchigen Goseflaschen das bernsteingelbe bitterliche Naß in die hohen Stangengläser plätschern ließ, stand Valentin Pilgram voll nie gefühlter Empfindungen am Fenster, hinter Jucundas hoher Gestalt, die noch immer hinaus auf die Straße winkte und Kußhände warf, während von drunten, vom Straßendamm empor ohn' Ermatten das Begeisterungsgebrüll der Burschen tönte, die Taschentücher der Mädels flatterten ...

»So, Kind,« sagte Mutter Doris endlich, »nu mache schon Schluß, daß Du was zu essen und zu trinken kriegst ... Bitte, Herr Pilgram, nehmen Sie Platz!«

Valentin und Jucunda traten vom Fenster zurück. Jetzt erst fand das Mädchen Zeit, den jungen Gesellen zu mustern.

»Sie sind wohl einen halben Kopf größer als ich,« sagte sie anerkennend.

»Aber Sie — Sie sind ... etwas ganz Besonderes ... eine ganz andre Sorte von Mensch als ... nu als wir gewöhnlichen Leute, wir simplen Rechtskandidaten ... und so was.«

»Erlauben Sie mal — Sie sind doch auch was Besonderes ... Erster Chargierter des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig ...« Sie wies auf einen Stuhl.

»Gott — gnädiges Fräulein ... Wie können Sie so was überhaupt ... das sind doch Kindereien, wenn man's mit ... mit Ihrer Kunst vergleicht ...«

O Valentin Pilgram — wer dir das gestern prophezeit hätte ... daß du so zu einer Komödiantin sprechen würdest ... daß die Heiligtümer deiner Seele so schnell verbleichen würden ...

»Na, nu nähmt mal gefälligst ä bißchen Platz, Kinder!« rief der Kanzleirat ...

Kinder —?! Es durchfuhr die beiden jungen Menschen ... ein seltsames, ahnungsvolles Gefühl ... Mit einem Male war Jucunda Buchner nicht die glückverwöhnte, reichbegnadete Künstlerin, sondern ein Backfisch von achtzehn Jahren ... und Valentin Pilgram nicht der Sohn des Senatspräsidenten am Dresdener Oberlandesgericht, nicht der Erste Chargierte eines wohllöblichen C. C. der Franconia, sondern ein Knabe von vierundzwanzig, in all seiner senioralen Würde doch noch immer ein junger, lebensunkundiger Novize des Daseins ...

Zwei blutjunge Menschen ... zwei Kinder ... beide gewachsen wie ein paar Tannen, beide jung, stark und heiß ...

»Kinder!« hatte der alte Mann gesagt ... Wie seltsam das die Seele traf ...

Beider Augen waren gesenkt, beider Stirnen glühten, als sie sich setzten ...

Man stieß mit den langschäftigen Gosengläsern an, Jucunda tat einen tiefen, herzhaften Schluck und biß dann nicht minder herzhaft in ihre Butterbemme.

»Donnerkiel!« sagte sie, »das tut aasig gut ...«

»Nu sagen Se, Herr Pilgram, wie sind Sie denn bloß in's Theater gekommen? Ich hab' gedacht, Sie haben gar nischt iebrig für die Kunst?« erkundigte sich Mama Buchner.

»Ja ... Frau Rätin,« sagte Valentin, »wie soll ich Ihnen das erklären? Sie haben nämlich recht ... Ich hab' wirklich nicht viel Sinn für die Kunst ... Ich — nu ich war eben ... neugierig war ich — auf meine Budennachbarin ...«

»Sehr schmeichelhaft!« lachte Jucunda und zündete sich eine Zigarette an. »Na und — und was sagen Sie nu?«

»Gar nischt sag' ich —« bekannte der Student. »Wissen Sie ... zum Komplimente machen ... bin ich nicht maulgewandt genug ... ich kann nur sagen: dies war der schönste Tag meines Lebens.«

»Hehe — da siehst es, Jucunda, was fier ä Kerle Du bist!« schmunzelte der Kanzleirat.

»Ach — das geht doch nicht auf mich!« wehrte Jucunda ab. »Herr Pilgram ist eben von Schillers großer Dichtung so ergriffen gewesen ...«

»Ne, gnädiges Fräulein, das könnt' ich nu gerade nich sagen,« erklärte Valentin. »Ich bin eben doch, wie mein Korpsbruder Thumser sagt, ich bin doch ein Banause. Schiller? Ich weeß nich ... es ist mir doch zu viel Schmalz an der Brühe ... Wenn Sie nicht gewesen wären, gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß ich wäre bis zum Ende dageblieben ...«

»Schämen Sie sich!« zürnte das Mädchen.

»Ja — 's tut mir selber leid, daß ich so wenig Verständnis habe für die sogenannte Kunst ... Sehen Sie ... ich stamme aus einer alten Juristen- und Beamtenfamilie ... bei uns zu Hause ist nie von was anderm die Rede gewesen wie von Dienst und Vorgesetzten und Karriere machen und Orden kriegen und Gesetzesnovellen ... und das Theaterspielen und Musikemachen und Bilderklexen und Verseschmieren — nee, davon hat man bei uns nie was wissen wollen. Aber was Arbeit und Pflicht und Gehorsam ist und Gewissenhaftigkeit und Treue ... das ist mir eingepaukt worden von Kindesbeinen an ... und nicht nur mit der Moralpredigt, sondern mit dem guten Beispiel, dem nachahmungswürdigen Vorbild ...«

»Das is sähr scheen, wenn man das von sein' Elternhause kann sagen —« meinte der Kanzleirat. »Prost, Herr Pilgram — Ihre Herren Eltern sollen leben.«

Andächtig tat Pilgram Bescheid. Aber Jucunda war des trockenen Tones satt:

»Erzählen Sie mir lieber von heut abend — erzählen Sie mir, wie ich Ihnen gefallen habe! Sie können's ruhig ein bißchen dicke machen ... Sie haben ja gar keine Ahnung, wieviel Honig und Weihrauch unsereins vertragen kann nach so einer gewonnenen Schlacht ...«

»Aber Jucunda — so schäme Dich doch! Was soll denn Herr Pilgram von Dir denken?«

»Na — nichts als was wahr ist! Daß ich eine ganz eitle, verwöhnte Komödiantin bin! Nicht wahr, Herr Pilgram, so denken Sie doch! Nur heraus damit ...«

»Gnädiges Fräulein, ich denke an nichts andres als an den Augenblick, wo Sie zuerst herauskamen ... Wir waren zu spät gekommen, aus dem S. C., wissen Sie? da muß man aushalten — und als wir kamen, hatte der erste Akt schon angefangen ... und ich langweilte mich und dachte: na ja, Schiller ... und überlegte, was für ein Aufsatzthema mein alter vermickerter Professor auf Prima in Dresden wohl aus diesem ersten Akt herausgeschlagen hätte: Würde Johanna d'Arc ihr Vaterland auch errettet haben, wenn Karl der Siebente anstatt mit den Engländern mit den Deutschen Krieg geführt hätte? oder so ähnlich ... Und da — da kamen Sie — und auf einmal wurde alles wahr und richtig und interessant und ... na ja eben schön ... mit einem Wort ...«

»Ich seh's kommen, daß se Dich noch ganz närr'sch werden machen, Jucunda —« kicherte der Kanzleirat.

»Ach ja ... macht mich nur ruhig närrisch, Kinder — es ist ja so schön, gefeiert zu werden ... und begraben zu werden unter Lorbeer und Rosen — und die Pferde ausgespannt zu kriegen ... hören Sie, Herr Pilgram — die Idee, die war wohl von Ihnen?«

»Ehrlich gestanden, nein — so leid mir's tut — aber den glorreichen Einfall, den hat mein Korpsbruder Thumser gehabt ...«

»Schade — sonst hätten Sie wahrhaft'gen Gott 'nen Kuß gekriegt dafür —«

Der Kanzleirat drohte der Tochter lächelnd mit dem Finger.

»Säh'n Se, Herr Pilgram, wie se Ihn' schon überschnappt?«

Und er ließ frische Gosefluten in die Gläser kluckern.

Aber allmählich fielen dem alten, hageren Männchen, das sein ganzes Leben in der muffigen, überhitzten Luft der Königlichen Justizbureaus zugebracht hatte, die geröteten Aeugelchen zu. Er verabschiedete sich und humpelte ins Schlafzimmer.

Auch Mutter Doris fiel allmählich ab.

»Nu, Herr Pilgram, wie denken Sie über's Schlafengehen?«

»Gibt's nich!« erklärte Jucunda. »Wenn Du müde bist, Mamachen, kriech in Gottes Namen in die Posen ... Ich bin noch nicht fällig, und Herr Pilgram wird mir Gesellschaft leisten, bis meine Nerven ausgezappelt haben ...«

Und die jungen Menschen waren allein. Es wurde still, ganz still ringsum. Von der Katharinenstraße klang ab und an noch das schläfrige Geklapper eines heimwärts trottenden Droschkengauls ... Vom nahen Rathausturme meldeten die Glocken mit hallenden Schlägen Viertelstunde um Viertelstunde ... sonst nichts mehr. Leipzig schlief.

»Erzählen Sie mir mehr von sich!« sagte Jucunda und legte sich mit behaglichem Gähnen in die gestickten Schoner des grünen Plüschsofas zurück. »Aber nicht so was Langweiliges vom Korps und von Ihren Fechtereien und vom Examen und so! Was Schönes ... was Interessantes!«

»Ach, gnädiges Fräulein — ich bin ein schrecklich uninteressanter Mensch ... ich schäme mich ordentlich, ich werde ganz klein, wenn ich mein Leben mit Ihrem vergleiche.«

»Na, aber Sie müssen doch irgend was Besonderes erlebt haben ... Waren Sie denn nie verliebt? Haben Sie nie ein Mädchen geküßt?« Sie zündete an dem Rest ihrer Zigarette eine frische an, pustete eine dicke Rauchwolke zu Valentin hinüber und schielte durch den Qualm hindurch neckisch blinzelnd zu ihm hin.

Valentin Pilgram wurde verlegen. »Hm ... ich weiß nicht recht, was ich da antworten soll ... als Künstlerin wissen Sie doch jedenfalls schon manches vom Leben ... und wissen, was wir jungen Männer, Studenten und so — wie soll ich mich nur ausdrücken?«

»Na, daß Ihr gerade keine Tugendspiegel seid ... Euch mit Kellnerinnen und ... so 'ner Sorte von Weibsbildern herumtreibt ... Herr Pilgram, ich bin ein Leipziger Kind, das alles ist mir nichts Neues. Aber — sowas zählt doch hoffentlich nicht?«

»Nein — Sie haben ganz recht ... es zählt nicht ... Sehen Sie, man betrinkt sich ja auch zuweilen mal ganz stumpfsinnig ... so ähnlich ist das ...«

»Und — sonst? Sonst haben Sie noch gar nichts ... erlebt? Niemals eine richtige ... eine Leidenschaft ... ein Gefühl, daß Sie so richtig die Zügel aus der Hand verloren haben? Daß es mit Ihnen durchgegangen ist wie ein wildes Pferd, so zuck, zuck, hoppla, hopp, über Stock und Stein, nur vorwärts, ins Weglose, ins Nichts — nur vorwärts ... komme was wolle?!«

Hingerissen hing Valentins Blick an den flackernden Augen, dem zuckenden Munde des Mädchens. »Ach nein ... gnädiges Fräulein ... so was hab' ich nie erlebt ... ich glaube auch, so was kann mir nie passieren ... dazu sind wir Pilgrams viel zu korrekt ... viel zu gewissenhaft ...«

»Schade —« sagte Jucunda. »Ich denke mir, das müßte schön sein ...«

»Das ... glaube ich auch ...« sagte Valentin langsam. »Schön ... und schrecklich ...«

»Wie wär's, wenn wir nun schlafen gingen? Ich fange doch allmählich an, abzufallen ...«

»Schade!« sagte nun der Student. Seine Augen überflogen noch einmal die weiße Gestalt, die sich in so fester, straffer Leiblichkeit abhob von dem verschlissenen Samt, auf dem sie ruhte, beide Ellbogen nach vorn emporgewinkelt, die Hände nach rücklings um die Lehne des Sofas geklammert.

»Gott, war das ein Tag!« sagte das Mädchen. »Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen! Aber das Hübscheste daran war doch, daß ich Sie nun kenne, Nachbar ... daß ich Sie Grobian doch ein bißchen gebändigt habe ... nicht wahr? Und daß wir zwei nun allein noch übrig sind von all dem Trubel und Trara ... was? Ist das nicht nett? Aber Sie sagen ja gar nichts?«

»Was ... soll ich sagen?« stotterte der Student. »Ich ... sehe Sie an ... und denke, daß morgen ... morgen das alles vorbei ist ... daß Sie morgen wieder die allgefeierte Jucunda Buchner sind ... und ich ... irgendein simpler, gleichgültiger Rechtskandidat ... der Ihnen nichts sein kann ... nichts für Sie tun ... Ihnen nichts bedeutet als eben ein Stück Publikum ... einer von den Tausenden, die Ihnen allabendlich zujubeln, ohne daß Sie sie kennen, mehr für sie übrig haben als ein geschäftsmäßiges Lächeln, wenn der Vorhang sich noch einmal hebt ...«

»Wer weiß!« sagte Jucunda mit einem gnädigen Blick. »Vielleicht, daß ich doch einmal einen ... einen Ritter brauchen kann ... dann will ich mich an diese Stunde erinnern ... und Sie rufen ... Soll ich?«

»Gnädiges Fräulein ...« sprach Valentin Pilgram heiser ... »Das wäre mehr Gunst vom Schicksal, als ich Mut habe zu hoffen ...«

Sie reichte ihm die feste, warme Hand. Er küßte sie ... ehrfurchtsvoll, als sei es einer Fürstin Hand ... und ging.

Als er die Tür zu seinem Kämmerchen hinter sich geschlossen, stand er einen Augenblick im tiefen Dunkel, regungslos. Ihm war's, als drehe sich alles um ihn im Wirbel. Und der reckenhafte Gesell, der zweiundzwanzigmal dem Schläger und fünfmal dem Säbel Stirn und Brust geboten, fühlte ein rätselhaftes Grauen vor etwas Kommendem, dem er keine Deutung wußte ... das im Dunkel hockte und ihn ansah mit den blauen, hellen, befehlenden Augen, von denen er fühlte, daß er ihnen gehorsam sein müßte, was immer sie ihm gebieten würden.

5.

Die zwölf halben Liter Tucher, die Hans Thumser nach dem Jucunda-Rummel auf der Kneipe noch in seine ausgepichte Fuchsmajorskehle gepumpt, hatten die Erregung der zappelnden Nerven untergekriegt und für die nötige Bettschwere gesorgt — zum Anfang wenigstens. Aber dennoch — als der Student plötzlich aus dumpfen, wirbelnden Träumen in die Höhe fuhr, so daß der kaum verheilte Schädel krachend gegen die Rückwand seines Bettes bumste — da war es noch stockfinster, und wie er ein Streichholz entzündete, wies die Uhr halb vier ...

Und wieder Dunkelheit und Schweigen, und im Herzen schwirrend und rumorend viel hundert Bilder, viel tausend Farben und Klänge ...

Wo soll es hin, das alles?! Was will's von dir, dies tolle, glühende Leben?!

Da horch ... ein seltsamer Laut ... ein zager, verzitternder ... von irgendwoher aus dem Dunkel ... und wieder ... und wieder ... derselbe bang verschwebende Klageton ...

Weinen ... Weinen einer Frauenstimme — ganz leise, mühsam unterdrückt ... von Tränen umschleiert ... erschütternd ...

Nun scheint's zu verstummen ... horch — kein Laut mehr ... doch nein — nur heftiger jetzt die wimmernde Klage ...

Um Gott — das ist — da nebenan — das ist ... Asta Thöny ...

Tränen ... Tränen in Frauenaugen — entsetzlicher Gedanke für einen Jüngling, einen tatensehnsüchtigen, weltgläubigen — wer konnte glücklich sein, ach nur ruhig sein, nur schlafen — wenn ein Mensch, ein Mädchen weinen mußte?!

Himmel — vielleicht ist sie krank geworden — Agnes Sorel, die kätzchenweiche, mit dem süßen, rosigen Hals, den dunklen, flirrenden Augensternen ... windet sich in Schmerzen ... und niemand hört sie, niemand steht ihr bei, denn sie ist nicht ein gehegtes, umsorgtes Haustöchterlein wie Hansens Schwestern daheim — sie ist ganz allein auf der Welt — einsam, schutzlos, hilflos ...

Gott, wenn das doch enden wollte! Das ist ja nicht zu ertragen, diese hilflose Klage ... Aber was kann man tun?

Sich melden — seinen Beistand anbieten ...

Aber — könnte das nicht — mißverstanden werden? Nachdem er nun einmal die dummen, zudringlichen Verse hinübergeschickt? Und einen so wohlverdienten, ach, eigentlich noch viel zu schmuck bebänderten Korb gekriegt?

Aber — wenn sie nun wirklich leidend wäre — Hilfe brauchte — gewiß, sie würde nicht böse werden ...

Oder — wenn man Mutter Ach weckte — und ihr mitteilte, das Fräulein scheine nicht wohl zu sein?

Aber — wenn's nun gar nichts Ernstes wäre — vielleicht nur eine Laune, eine kindische Gereiztheit — was weiß ich — dann hätte man um nichts und wieder nichts den schnarchenden Schlummer der ehrsamen Wittib gestört ... und es gäbe gar noch eine Szene, nachts um halb vier ...

Enfin — was geht's mich an? Decke über die Ohren und weiter dachsen!

Ja, wenn das so ginge! Die Phantasie hebt an zu spielen — dringt durch die Finsternis, die Tapetenwand und malt in rosigen Farben das Bild des einsam weinenden Kindes da drinnen ... und ach, das bange Schluchzen dringt auch zum verbarrikadierten Ohr ...

Mut! Es muß!

»Gnädiges Fräulein —?« ganz leise, kaum geflüstert ...

Das Weinen geht weiter, still und bitter ...

»Gnädiges Fräulein —?«

Auf einmal ist's still da drüben — Finsternis und lastende Stille ringsum ...

»Verzeihen Sie, mein gnädiges ... Fräulein ... ich ... hörte ... ich ängstige mich ... Sie möchten nicht wohl sein ... Hilfe brauchen ... darum hab' ich mir die Freiheit genommen ...«

Noch immer alles still ... offenbar ist man böse ...

»Gnädiges Fräulein ... ich ... ich will nicht weiter beschwerlich fallen ... Sie wissen nun, daß jemand zur Hand ist, wenn's not sein sollte ... Wenn Sie also nichts weiter von sich hören lassen — dann — na dann darf ich ja wohl annehmen, daß ... daß alles in Ordnung ist ... und dann werd' ich also in Gottes Namen weiterschlafen!«

Auf einmal ein Laut ... kein Weinen ... auch kein Wort ... etwas andres ... etwas Silbern-Zwitscherndes — ein ganz feines, ersticktes Kichern ...

»Ach so —!« sagte der Student völlig beruhigt. »Na, denn gut' Nacht, mein gnädiges Fräulein, und sei'n Sie nicht böse!«

Und krachend warf er sich auf die rechte Seite, fest entschlossen, nun aber auch a tempo

Da horch! Noch einmal ein Lachen, nun aber hell, übermütig — und dann die Stimme, die girrende, die streichelnde der Agnes Sorel:

»Aber bitte ... ich muß ja doch danken für die gute Meinung! Aber sei'n Sie ganz ruhig — mir fehlt wirklich nix — ich hab' nur so ein bissel für mich geweint — das kann doch vorkommen — gelt?«

»Na — wenn's weiter nichts ist ... ich hab' ja solch einen Schrecken bekommen ...«

»O — das tut mir leid — ich hab' Sie so friedlich — na ja, so friedlich schnarchen gehört — da hab' ich gedacht: den störst du nicht ... und da hab' ich halt ein bissel geweint ... Nehmen Sie's nicht übel, es soll nicht wieder passieren ...«

»Aber bitte — von meinetwegen — ich weiß ja jetzt, daß es nichts weiter zu bedeuten hat, wenn Sie einmal nachts weinen — da werd' ich mich also künftig auch nicht mehr drum aufregen ...«

»Ach du lieber Gott — zu bedeuten hat's schon was ...«

»Hm ... also doch?! — — Können Sie mir's nicht sagen?«

»Ach ... so durch die Tür hindurch ...«

Jetzt fingen Hans Thumsers Hände denn doch ein bißchen an zu zittern. Er suchte nach einer Antwort ... fand keine ... Himmel! Meine unsterbliche Seele für einen Einfall ...

»Ja ... so durch die Tür ... das geht natürlich nicht recht ...«

Endlich ... das erlösende Wort: da ist's:

»Aber ... wenn ich Ihnen ... morgen früh ... einmal ... meine nachbarliche ... Aufwartung machen dürfte ...«

»Hm ... morgen früh?!« Es klang so gedehnt ... so ... nach einem leisen Bedauern ... ach nein ... das war ja doch ... da mußte Hans Thumser sich doch wohl ... verhört haben ...

»Morgen früh? Da hab ich ja Probe von zehn bis zwei ... Da müssen Sie schon morgen nachmittag kommen ... zum Tee um fünf, wenn Sie mögen — gelt?«

O Gott ... solch eine Einladung ... zum erstenmal in diesem jungen Leben einem so schönen ... so ... verlockenden ... Mädchen gegenüber ... mit ihr allein ... Gibt's denn so etwas?! Ist das denn möglich?!

»Nu — Sie antworten ja gar nicht?« klang's ganz leise. »Sind Sie am Ende gar — schon wieder eingeschlafen?«

»Aber mein gnädiges Fräulein — wie können Sie nur denken ...«

»Also Sie kommen? Das ist schön. — Na, nu wollen wir aber auch ... gut Nacht, Sie — Sie Füchschen Sie!«

»Bitte — Fuchsmajor!« rief Hans Thumser fast laut vor Selbstbewußtsein. »Also ... wenn's denn sein muß — gut Nacht, Agnes Sorel!

Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich,
Wir gehen in ein glücklicheres Land,
Da lacht ein milder, nie bewölkter Himmel,
Und schöner blüht das Leben und die Liebe!«

Ja! Wenn man so ein phänomenales Versgedächtnis hat! Und seinen Schiller intus!

»Donnerwetter — allerhand Achtung!« kicherte es von drinnen. »Da möchte man ja wahrhaftig — aber nein — jetzt wird geschlafen — gut Nacht, Herr Fuchsmajor

Tiefe Stille ... Dunkelheit ... und zitternde Sehnsucht ... zitternde Hoffnung ...

Hans Thumser fand keinen Schlaf. Zu toll rumorte die Jugendbangigkeit in seinen Gliedern ...

Er lauschte, ob er wohl noch einen Laut vernähme von da drüben ... aus der Märchenwelt der Träume ... aber alles blieb stumm ... und endlich vernahm er durch den lastenden Frieden der Nacht geruhig schwellende, leise Atemzüge ...

Sie schlief ...

Da streckte sich auch Hans Thumser mit einem langen Seufzer ... und versank.