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Kongoerinnerungen

Chapter 22: Negermärchen.
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About This Book

An expatriate memoir recounts more than a decade of work and travel in Central Africa, documenting voyages by steamship, life at remote trading posts, hunting excursions, and upriver journeys between colonial settlements. The author combines practical accounts of station administration, trade in rubber and other goods, and the hazards of fever and other illnesses with vivid travel scenes and personal reflection. Encounters with regional leaders and everyday interactions with local communities are described alongside impressions of indigenous beliefs and folktales. The book mixes chronological travel narrative with thematic chapters on economy, health, and cultural observation.

Negermärchen.

Meinem Koch war ein kleiner »Yambinga-Boy« als »Tellerlecker« zugeteilt. Dieser war in einer Mission auferzogen, wurde von den Arbeitern »Moanna na Zambi«, d. h. Gotteskind, genannt und galt als sehr gottesfürchtig und gelehrig. Eines Abends ließ ich ihn zu mir kommen und befragte ihn: »Auf welche Weise wurde Christ geboren?«

Offenbar war niemals eine derartige Frage an ihn gestellt worden. Sie setzte ihn daher sichtlich in Verwirrung. Als ich keine Antwort erhielt, forschte ich weiter:

»Wurde Christ wie alle Menschen von einer Mutter geboren?«

Antwort: »Nein, Christ ist ein zu großer König, um wie alle gewöhnlichen Menschen geboren zu werden.«

»Nun, wie wurde er denn geboren? Kam er durch den Mund?«

»O nein, der Mund eines Menschen spricht so viel Unreines, daß ein König ohne Sünden nicht daraus hervorkommen konnte.«

»Kam er durch das Auge?«

»Nein, das Auge des Menschen sieht so viel Blut und Grausamkeiten, daß solch ein liebevoller König nicht darin seinen Ursprung finden konnte.«

»Kam er durch die Nase?«

»Diese enthält soviel Unreines, daß Christ nicht daraus hervorkommen konnte.«

»Kam er durch die Ohren?«

»O nein, der Mensch ist schlecht, und durch die Ohren hört er so viel Sünde und Schlechtes, daß solch ein reiner König nicht daraus hervorkommen konnte.«

»Nun endlich, woher kam denn Christ? Aus einem Menschen ist er doch herausgekommen.«

Plötzlich kam es wie eine Offenbarung über den Jungen. In seinem Gedächtnis hatte er endlich die richtige Antwort gefunden: »Ach Mundele, das weißt du doch selbst am besten. Er kam durch den einzig reinen Teil des Menschen — er kam durch den kleinen Finger der Unschuld.«

»Und auf welche Weise?«

»Nun, der kleine Finger wurde dicker und dicker, bis er platzte und daraus der große König hervorging.«

Man kann aus diesem Beispiel ersehen, welche naive Vorstellung die jungen Christen noch von der Religion haben; alles, was man ihnen nicht auf das genaueste erklärt, veranschaulichen sie sich mit den Mitteln ihrer eigenen, kindlichen Phantasie.

Bangala-Märchen vom Nilpferd und Krokodil.

Ursprünglich waren Nilpferd und Krokodil die fürchterlichsten Feinde, die sich einander auf Schritt und Tritt bekriegten. Während das gefräßige Krokodil die arglos im Ufersande spielenden Nilpferdkinder angriff, benützte das Nilpferd das Mittagschläfchen seines gefährlichen Nebenbuhlers, um sich tückisch anzuschleichen und ihm mit seinen tödlichen Hufen den Garaus zu machen, bis endlich das schlaue Krokodil, des ewigen Kampfes müde, dem Nilpferd folgenden Vorschlag machte:

»Raum für uns beide hat diese Erde. Ich erkenne deine Oberhoheit als unumschränkter Herrscher über diese Gewässer an und ziehe mich in mein Reich auf Sandbänken und in die Moräste zurück. Ich will von nun an dir und deinen Kindern, wenn ihr Gras und Schilf meiner Domänen fressen kommt, nichts mehr zuleide tun unter der einen Bedingung, daß du dafür alle Kanus der Eingeborenen, die dein Reich befahren, zum Sinken bringst, so daß auch ich mich an Menschenfleisch sättigen kann. Im Austausch gegen diesen Dienst überlasse ich dir und den Deinen meine Prärien und Sümpfe, in denen du ungestört weiden und schlafen kannst.«

Das Nilpferd war mit dem Vorschlag wohl zufrieden und ist seither der erbittertste Feind des Menschen, dem es im Wasser nachstellt und ihn seinem Freund, dem Krokodil, ausliefert.

Märchen vom Tanganika-See.

Vor unzähligen Jahren befand sich an der Stelle des heutigen Tanganika-Sees ein reichbevölkertes Gebiet, das von einem mächtigen Volksstamm bewohnt wurde.

Die ungeheure fruchtbare Ebene nährte große Rinder- und Schafherden, welche den Hauptreichtum des Stammes ausmachten. Inmitten eines großen Dorfes residierte in seinem von hohen Palisaden umgebenen Palast ein angesehener Häuptling mit seiner Frau, Besitzer einer tiefen Quelle, welche von einem unterirdischen Fluß gespeist wurde.

Diese Quelle war seit Jahrhunderten vom Vater auf den Sohn übergegangen und besaß die merkwürdige Eigenschaft, ihrem jeweiligen Besitzer eine besonders wohlschmeckende Art von Fischen, wie sie nirgends in der Umgebung zu finden war, zu spenden. Der Besitz dieses Schatzes war von seiner absoluten Geheimhaltung abhängig, und die Tradition prophezeite fürchterliches Unheil für das ganze Land in dem Augenblicke, wo ihre wunderwirkende Eigenschaft einem Fremden verraten würde.

Das Schicksal wollte, daß die Frau des Häuptlings eines Tages hinter dem Rücken ihres Gatten in leidenschaftlicher Liebe zu einem jungen Mann entbrannte und ihm heimlich einige zubereitete Fische der wunderbaren Quelle zukommen ließ.

Das Fleisch dieser Fische war so vorzüglich und so ganz anders im Geschmack als alle Fische, die ihr Liebhaber bisher gegessen, daß er unbedingt wissen wollte, woher diese Fische stammten. Die Frau sträubte sich aus Furcht vor den Folgen anfangs energisch, das Geheimnis zu verraten. Als jedoch der Geliebte weiter in sie drang und drohte, er werde ihren Gatten über deren Herkunft befragen, da sah die Ungetreue ein, welch fürchterliches Unheil sie angerichtet hatte, und versprach dem Geliebten, ihm bei ihrer nächsten Zusammenkunft alles zu verraten.

Gelegentlich einer längeren Abwesenheit ihres Gatten rief sie ihren Liebhaber zu sich, bereitete ihm ein lukullisches Mahl von den Fischen aus der Quelle und kredenzte ihm Palmwein. Mit aufopfernder Liebe und mit süßen Schmeicheleien suchte sie ihn zu befriedigen und von seinem Vorhaben abzubringen. Ihr Inneres warnte sie vor kommendem Unheil. Sie bat und beschwor ihren Freund nochmals, nicht weiter in sie zu dringen und nicht etwas von ihr zu verlangen, was sicheres Unglück im Gefolge hätte. Doch vergeblich. Ihr Freund bestand darauf, das Geheimnis kennenzulernen, und gelobte, es niemand anzuvertrauen. Da führte sie ihn in das Allerheiligste, das durch eine besondere Palisadenwand vom Rest des Hofes abgetrennt war, um es vor den Augen der Dienerschaft zu verbergen.

Inmitten des kleinen Raumes quoll aus einem kreisrunden Becken aus der Erde eine klare Quelle hervor, an deren Oberfläche eine Menge kleiner und großer Fische aus den Tiefen zum hellen Sonnenlicht emportauchten, um gleich wieder zu verschwinden.

»Sieh, hier ist die wunderbare Quelle mit ihren vorzüglichen Fischen.«

Der Liebhaber, der nie zuvor Ähnliches gesehen hatte, stand sprachlos vor dem Wunder. Da näherte sich ihm eines der Fischchen — — er wollte es mit der Hand erfassen — — das prophezeite Unglück trat ein — —

Aus der Quelle stieg, flammend vor Zorn, »Muzimu«, der unterirdische Geist, empor. Sein Gesicht war wutverzerrt, seine Augen sprühten Blitze. Mit furchtbarer Gebärde schleuderte er einen Höllenfluch auf die beiden Schuldigen. Die Erde zu ihren Füßen barst, und eine hohe Wassersäule an Stelle des Muzimu überflutete Land und Auen, soweit das Auge reicht, alles Lebende vernichtend.

Seitdem bedeckt der tiefe Tanganika-See das Land, und alle Jahre kann man an einem bestimmten Tage das Stampfen der Mehlmörser und das verzweifelte Schreien und Rufen der unschuldigen Menschen und Kinder hören, die das Opfer der Katastrophe geworden waren.