Ankunft in Banana.
Am Morgen des 25. Juli bemerkten wir auf der sonst dunkelblauen Wasserfläche allenthalben gelbe Flecken, die auf die Mündung des Kongoflusses schließen ließen. Gegen 10 Uhr kam dieser selbst in Sicht, und längs herrlicher Urwälder und Mangroven fuhren wir Mittag in Banana ein. Der Hafen ist durch die Landzunge, deren größter Teil Besitz der holländischen Gesellschaft »N. A. H. V.« ist, vom Meere getrennt. Ein ungemein liebliches Bild bot sich von Bord aus unseren Augen dar. Die ganze Landzunge bildet eine Art Naturpark, der von Menschenhänden sorgfältig gepflegt wird. Neben mächtigen Mangobäumen finden sich überwiegend die mit Nüssen reich beladenen Kokospalmen, unter deren Schatten die blendend weißen Dächer der Faktoreigebäude und die sie verbindenden, mit weißem Kies bestreuten und zu beiden Seiten mit schneeweißen Muscheln eingefaßten Fußwege hervorleuchten. Zur Linken die Dockanlagen und Schiffsreparaturwerften der Gesellschaft, auf deren Hellingen gerade verschiedene Dampfer ausgebessert wurden. Trotz der Mittagshitze herrschte überall, wahrscheinlich infolge der Ankunft unseres Dampfers, fieberhafte Tätigkeit.
Eine Dampfbarkasse, mit der holländischen Fahne und dem holländischen Wappen geschmückt — denn der jeweilige Direktor der »N. A. H. V.« ist gleichzeitig holländischer Konsul — löste sich vom Ufer und brachte diesen sowie einen Sanitäts-Offizier an Bord, der die Schiffspapiere untersuchte, um zu konstatieren, ob wir keinen verseuchten Hafen angelaufen waren. Ihnen folgte eine ganze Anzahl kleiner, schmaler, von den Eingeborenen gelenkter Kanus, die ich hier zum ersten Male in ihrem schlanken Bau und in ihrer einfachen Konstruktion bewundern konnte. Diese aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestehenden Boote sind schon so oft beschrieben, daß ich hier nicht weiter darauf eingehe. Mehr noch als die Boote bewundere ich die außerordentliche Geschicklichkeit der Neger im Rudern, denn diese schwankenden Kanus stehend im Gleichgewicht zu halten, ist wahrhaftig keine Kleinigkeit. Hier wiederholt sich ungefähr das gleiche Bild wie in Las Palmas, mit dem Unterschied, daß die Eingeborenen in ihren Nußschalen an Stelle von Tabak und Zigarren graue Kongopapageien, rote, reich ornamentierte Tongefäße, die als Wasserkaraffen verwendbar sind, Kürbisflaschen, in allen möglichen Größen und Formen und mit weißen Ornamenten versehen, sowie Ananas, Mangos und Papaifrüchte in schlechtem Portugiesisch zum Kaufe anbieten.
Ich verabschiedete mich hier von meinem Reisegefährten, Herrn Lukas, welchem als altem Afrikaner die Ehre zuteil wurde, von unserem Generaldirektor persönlich bewillkommt und an Bord seiner Dampfbarkasse an Land gebracht zu werden. Ich dagegen erhielt Order, an Bord des Dampfers meine Instruktionen abzuwarten.
An Bord herrschte Tag und Nacht fieberhafte Tätigkeit. Leichterboote zu beiden Seiten des Schiffes, die leer ankamen und vollbeladen mit Waren an Land zurückkehrten; ein ständiges Gerassel und Fauchen der Maschinen, die die großen Dampfwinden bedienten und schwere Lasten aus den Eingeweiden unseres schwimmenden Riesen auf den Dampfer »Prins Hendrik« überluden.
Da der Wasserstand des Kongoflusses 8 Stunden stromaufwärts an der großen Sandbank ziemlich niedrig ist, mußte ein großer Teil der zu befördernden Waren ausgeladen werden, um den Dampfer derart zu entlasten, daß er die Barriere passieren konnte. Drei Tage lang harrte ich an Bord der in Aussicht gestellten Instruktionen, während meine Mitpassagiere vergnügt an Land gingen und mir immer wieder Neues von den Herrlichkeiten und Wundern dieses Kontinents berichteten.
Wie ganz anders hatte ich mir in meiner jugendlichen Phantasie meine Ankunft und meinen Empfang auf afrikanischem Boden vorgestellt. Ich hatte erwartet, mit offenen Armen aufgenommen zu werden, und mußte nun das Gegenteil erleben. Dies war die erste einer ganzen Reihe von Enttäuschungen und Lehren, die meiner harrten, und sie war vielleicht gerade als erste die allerschwerste. Von Hause aus verwöhnt, waren mir meine früheren Chefs in Holland mit der größten Liebenswürdigkeit entgegengekommen und hatten mich in ihren Familienkreis eingeführt. Infolge meines kühnen Entschlusses, nach Afrika zu gehen, war ich gewissermaßen unter meinen Bekannten als Held gefeiert worden; und nun diese Ernüchterung!
Endlich erhielt ich ein paar Zeilen mit der Aufforderung, mit meinem Gepäck an Land zu kommen. Ein junger Faktoreibeamter erwartete mich hier und wies mir in einem der Gebäude ein luftiges, auf der Seeseite gelegenes ebenerdiges Zimmer an. Dieses war innen weiß getüncht, der Lehmboden war von einer Strohmatte teilweise bedeckt und das ganze Mobiliar bestand aus einem Bett, einem Waschbecken und einem Stuhl, alles hier an Ort und Stelle von Zimmerleuten roh angefertigt. Fenster sind hier ein unbekannter Luxus, an deren Stelle einfache Holzläden treten. Im ersten Augenblick war ich starr vor Erstaunen und Enttäuschung, da das schlanke Faktoreigebäude, von außen gesehen, den Eindruck des behaglichen Komforts machte.
Noch ehe ich mich von meiner Überraschung vollständig erholt hatte, war der Angestellte verschwunden, und an seiner Stelle verblieb ein kleiner, schmutziger Negerjunge, mein »Boy«, in weißem Hemd und farbigem Lendentuch, der in einem Kauderwelsch von Portugiesisch sich nach meinen Wünschen erkundigte. Da meine Toilette beim Ausbooten etwas gelitten hatte, bedeutete ich ihm, der Sprache nicht mächtig, durch Gebärden so gut wie möglich, mir Waschwasser zu bringen und zog mich um.
Um 6 Uhr abends erscholl ein Gongschlag, und von den Hauptgebäuden begaben sich die verschiedenen Angestellten, die tagsüber darin beschäftigt waren, in ihre Wohnhäuser. In den Zimmern nebenan wurde es lebendig. Ich stellte mich selbst meinen Nachbarn vor und erfuhr, daß dies das Passagiergebäude und sie, gerade so wie ich, nur Passagiere seien — allerdings Passagiere, die bereits drei Jahre in Afrika zugebracht hatten und nun auf der Rückkehr in die Heimat den Dampfer hier erwarteten.
Ein zweites Gongzeichen ertönte, und mit meinen neuen Bekannten begab ich mich in die Vorhalle des Hauptgebäudes, wo inzwischen die Aperitif- und Bitter-Tafel gedeckt war. Hier stellte ich mich dem Bureauchef vor und wurde von diesem allen ankommenden Herren, im ganzen vielleicht 30 Personen einschließlich des Direktors, vorgestellt. Es ging bei dieser Bitter-Tafel gewissermaßen kameradschaftlich zu, doch mit einem Unterton, wie etwa in einer Offiziersmesse, wenn höhere und höchste Offiziere zugegen sind. Jeder hatte seinen Rang und danach auch seine Stimme, und nachdem der Direktor sich höflichkeitshalber nach dem Verlauf meiner Reise erkundigt hatte, war vorläufig die Anteilnahme für mein Schicksal erloschen.
Ich habe absichtlich den Tag meiner Ankunft etwas ausführlich geschildert, um meinen Lesern damit ein Beispiel dafür zu geben, wie wenig Bedeutung das eigene »Ich«, losgelöst von der heimatlichen Scholle, im Weltgetriebe draußen hat.