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Kongoerinnerungen

Chapter 9: Meine erste Beschäftigung. Ein Jagdausflug.
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About This Book

An expatriate memoir recounts more than a decade of work and travel in Central Africa, documenting voyages by steamship, life at remote trading posts, hunting excursions, and upriver journeys between colonial settlements. The author combines practical accounts of station administration, trade in rubber and other goods, and the hazards of fever and other illnesses with vivid travel scenes and personal reflection. Encounters with regional leaders and everyday interactions with local communities are described alongside impressions of indigenous beliefs and folktales. The book mixes chronological travel narrative with thematic chapters on economy, health, and cultural observation.

Meine erste Beschäftigung. Ein Jagdausflug.

Früh 1/2-6 Uhr erschien mit dem ersten Gongzeichen mein kleiner Boy, öffnete Tür- und Fensterläden und ermahnte mich durch Gebärden zum Aufstehen. Die Nacht war kühl, draußen herrschte noch leichte Dämmerung, als ich mich von meinem harten Lager erhob und von meiner Veranda aus Umschau hielt. Punkt 6 Uhr waren alle Beamten und Arbeiter in Reih und Glied vor dem Hauptgebäude aufgestellt, und den verschiedenen Sektionen wurde ihre Tagesarbeit unter Aufsicht der Beamten zugeteilt. Ich wurde vorläufig zur Disposition des Bürochefs gestellt, der mir verschiedene Bureauarbeiten, wie Kontrolle der Bilanzen der Faktoreien, anvertraute. Zur Abwechslung wurde ich vom Faktoreichef zuweilen zur Revision der vom Oberkongo hereinkommenden Transitladungen von Elfenbeinzähnen herangezogen, welche Arbeit mein Interesse besonders fesselte, da unter den Zähnen solche bis zu 70 und 76 Kilogramm Gewicht vorkamen.

Ich hatte mich in mein neues Leben sehr bald eingewöhnt und mir durch mein Klavierspiel auch die Zuneigung des Direktors erworben. An Arbeit und neuen Eindrücken fehlte es nicht, denn von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends, und an Posttagen sogar oft bis 8 und 10 Uhr nachts wurde mit einer kurzen Mittagspause von einer Stunde ununterbrochen gearbeitet. Gegen 6 Uhr abends fanden sich immer einige Bekannte, mit denen ich gemeinsam an einer seichten Stelle des Meeres ein Bad nahm, während eine Schildwache mit geladenem Gewehr dabei beständig Ausschau hielt, um etwa allzu vorwitzige Haifische, die sich zu nahe heranwagen sollten, sofort anzuschießen. Längs der Küste kommen diese unheimlichen Gesellen in beträchtlicher Anzahl vor, und die über die Wasserfläche hinausragenden Schwanz- und Rückenflossen sind mit bloßem Auge bei einiger Aufmerksamkeit leicht zu erkennen.

Unsere Erholungszeit fiel also hauptsächlich in die Abendstunden nach dem Abendmahl, welche uns alle im Billard- und Musikzimmer vereinigte, um die allabendliche Kriegspartie, bei der eine beliebige Anzahl Spieler teilnehmen kann, auszutragen. Als beliebte Abwechslung waren die Passagierboote der »Messagerie Maritime« sowie der »Woerman-Linie« sehr willkommen, bei deren Ankunft wir entweder Besuche an Bord der Schiffe abstatteten oder an Land Feste zu Ehren der befreundeten Kapitäne abhielten. Ganz besonders in Erinnerung ist mir ein Fest anläßlich der Ankunft des Gouverneurs von Kamerun, Exzellenz von Puttkamer, der uns an Bord des deutschen Kriegsschiffes »Habicht« besuchte, und bei welcher Gelegenheit olympische Spiele der Neger-Segelregatta und sogar ein Theaterstück aufgeführt wurden. Da gerade Vollmondnacht war, veranstalteten die Eingeborenen ihren ganz eigenartigen Mondtanz, in welchem die Tanzenden als einzige Bekleidung um die Lenden in der Art unserer Ballettänzerinnen einen Gürtel aus Strohgeflecht und als Kopfbedeckung eine Maske aus demselben Material trugen.

Den ersten freien Sonntag benutzte ich zu einem Jagdausflug auf eine der gegenüberliegenden Inseln. Der Kongo hat an seiner Mündung eine Breite von mehr als 15 Kilometern und bildet mit seinen unzähligen toten Armen — sogenannten Creeks — eine Unmenge größerer und kleiner Inseln, die nur zum Teil von einer friedlichen Bevölkerung bewohnt, im übrigen aber vollkommen unkultiviert und von undurchdringlichem Mangrovendickicht und Urwald bewachsen sind. Der Zutritt zu einer solchen Insel ist durchaus keine leichte Sache und nur an solchen Stellen möglich, wo irgendein Dickhäuter, z. B. ein Nilpferd, sich einen Weg zum Wasser gebahnt hat. Anderwärts starrt dem Eindringling aus Morast und Sumpfgelände ein Gewirr von drei bis vier Meter hohen Luftwurzeln der Mangroven als unüberbrückbarer Wall entgegen.

Es war gegen 3 Uhr nachmittags; die größte Hitze war vorüber, als ich in Begleitung eines älteren Faktoreibeamten, gefolgt von zwei Dienern, mit scharfen Haumessern, die dazu dienen sollten, uns nötigenfalls einen Weg durch das Dickicht zu bahnen, bewaffnet, in einem kleinen Ruderboot in das Labyrinth von Inseln und totem Wasser eindrang. Eine leichte Brise von der Seeseite her milderte die drückende Schwüle, die auf der Wasserfläche lastete. Tiefes, fast übernatürliches Schweigen der Natur, das unwillkürlich zur Andacht stimmte, herrschte um uns. Das Lockrufen und Zwitschern der Vögel am frühen Morgen und gegen Abend, das Kreischen der Papageien und Krächzen der Nashornvögel, das Zirpen, Pfeifen und Surren der Zikaden, Baumgrillen und Myriaden anderer Insekten ist um diese Zeit verstummt. Die Natur lag in tiefem Mittagsschlaf. Fast war man geneigt, das Plätschern unserer Ruder als brutale Störung dieser Waldandacht zu empfinden.

Träge glitt unser Boot an einem undurchdringlichen grünen Wall von Schlingpflanzen, Mangrovendickicht und Urwald, eng miteinander verschlungen und verwachsen und dem Eindringling den Zugang zum festen Lande verwehrend, vorüber. Vom Wasser aus gesehen, hat dieser lebende Schutzwall geradezu etwas Märchenhaftes. In zarten Fäden, gleich Spinnweben, hängen die Ausläufer von den höchsten Spitzen der Mangroven und Bäume bis zum Wasser herab und bilden, mit den gleichfalls aus dem Laubdach herabfallenden Lianen dicht verschlungen, reizende Grotten und Höhlen. Dem Neuling erschließt sich hier ein Reich der Wunder, welches Herz und Sinne völlig in seinen Bann schlägt.

Wir landeten an einem ausgetretenen Nilpferdpfad, und mein Herz pochte mächtig bei dem Gedanken, das ungeschlachte Ungeheuer könnte uns aus dem undurchdringlichen Dickicht entgegentreten. Doch nichts dergleichen geschah, und mit ein paar Sprüngen über Morast standen wir auf festem Boden. Beim Eintreten in das Walddickicht konnte ich mich eines gewissen Gefühles der Beklemmung nicht erwehren. War es das mächtige Walten und Schaffen der Natur, das mich Neuling niederdrückte? Meine Augen schweiften unruhig umher und bemerkten, daß der Grund und Boden, auf dem wir standen, von mir unbekannten Geschöpfen wimmelte. Das Gelände war sumpfig und allenthalben von Löchern unterhöhlt. Vor diesen saßen prachtvoll vom hellsten Rot bis zum tiefsten Violett gefärbte Krabben von der Größe unserer heimischen Art bis zu den Maßen eines Hummers. Sowie wir uns auf ein paar Schritte näherten, verschwanden sie, um sofort, wenn wir den Rücken gekehrt hatten, wieder aus den Löchern hervorzukommen. Viele Stunden habe ich diese Tiere in ihrem Leben und Treiben belauscht und oftmals mittels eines Netzes versucht, ihrer habhaft zu werden; es ist mir aber nie gelungen. Diese Krabben, ebenso wie die Baumechsen in allen möglichen Größen und Formen, welche beim geringsten Geräusch mit einer unglaublichen Gewandtheit den nächsten Baum erklettern, bildeten während meines kurzen Aufenthaltes in Banana einen Gegenstand beständigen Interesses und Studiums. Beide Tierarten habe ich auf meinem weiteren Vordringen nach dem Innern Afrikas nirgends mehr angetroffen.

Auf diesem ersten Jagdausflug erlegte ich eine kleine Wildkatze, meine erste Beute auf afrikanischem Boden, deren Fell ich abzog und präparierte. Leider übersah ich bei dieser Prozedur den langen, buschigen Schwanz, so daß derselbe die Haare verlor.