Imma
Fräulein von Isenschnibbe war gut unterrichtet gewesen. Noch an dem Abend des Tages, an welchem sie der Fürstin zu Ried die große Neuigkeit überbracht hatte, veröffentlichte der »Eilbote« die Kunde von Samuel Spoelmanns, des weltberühmten Spoelmann, bevorstehender Ankunft, und anderthalb Wochen später, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des Jahres, in welchem Großherzog Albrecht sein zweiunddreißigstes, Prinz Klaus Heinrich sein sechsundzwanzigstes Lebensjahr angetreten hatte) – kaum also, daß die öffentliche Neugier Zeit gehabt, einen rechten Höhepunkt zu erreichen – vollzog sich diese Ankunft, ward schlichte Wirklichkeit an einem herbstlich bedeckten, ganz unscheinbaren Wochentage, der sich gleichwohl der Zukunft als ein unendlich denkwürdiges Datum erweisen sollte.
Die Spoelmanns trafen mit Extrazug ein – darauf beschränkte sich vorderhand die Herrlichkeit ihres Auftretens; denn daß die »Fürstenzimmer« des Hotels Quellenhof durchaus nicht von blendender Pracht waren, wußte jedermann. Müßiges Publikum, überwacht von einem kleinen Gendarmerieaufgebot, hatte sich hinter der Perronsperre eingefunden; Vertreter der Presse waren zugegen. Aber wer Außerordentliches gewärtigt hatte, wurde enttäuscht. Spoelmann wäre fast gar nicht erkannt worden, so wenig überwältigend war er. Längere Zeit hielt man seinen Leibarzt für ihn, Doktor Watercloose – so, sagte man, hieß er –, einen langen Amerikaner, welcher, den Hut im Nacken, seinen Mund zwischen dem weißen geschorenen Backenbart beständig mild lächelnd in die Breite zog und die Augen dabei schloß. Erst im letzten Augenblick ward bekannt, daß vielmehr der Kleine, Rasierte im mißfarbenen Paletot – der, welcher im Gegenteil den Hut tief in die Stirn gedrückt trug, der eigentliche Spoelmann sei, und die Zuschauer waren einig darin, daß ihm nichts anzumerken sei. Fabelhafte Dinge waren über ihn im Umlauf gewesen. Durch irgendeinen Spaßvogel war das Gerücht verbreitet und auch gewissermaßen geglaubt worden, Spoelmann habe lauter goldene Vorderzähne, und in jeden dieser goldenen Vorderzähne sei in der Mitte ein Brillant eingelassen. Aber obgleich die Wahrheit oder Unwahrheit dieser Behauptung nicht gleich zu prüfen war – denn Spoelmann ließ seine Zähne nicht sehen, er lachte nicht, sondern schien vielmehr ärgerlich und durch seine Krankheit gereizt –, so glaubte angesichts seiner Person sogleich kein Mensch mehr daran. Was aber Miß Spoelmann, seine Tochter, betraf, so hatte sie den Kragen ihrer Pelzjacke, in deren Taschen sie ihre Hände verbarg, hoch emporgeschlagen, so daß überhaupt fast nichts von ihr zu sehen war als ein paar unverhältnismäßig großer braunschwarzer Augen, die über die Menschenansammlung hin eine ernste, fließende, aber nicht allgemeinverständliche Sprache führten. An ihrer Seite befand sich die Persönlichkeit, die man als ihre Gesellschaftsdame, die Gräfin Löwenjoul erkannte, eine Frau von fünfunddreißig Jahren, schlicht gekleidet und beide Spoelmanns an Körperlänge überragend, die ihren kleinen Kopf mit dem spärlichen glatten Scheitel nachdenklich schief trug und mit einer gewissen starren Sanftmut vor sich hinblickte. Das meiste Aufsehen erregte ohne Frage ein schottischer Schäferhund, der von einem Diener mit stillem Sklavengesicht an der Leine geführt wurde – ein ungewöhnlich schönes, aber, wie es schien, entsetzlich aufgeregtes Tier, das bebend und tänzelnd die Bahnhofshalle mit seinem exaltierten Gebell erfüllte.
Man sagte, daß ein paar Spoelmannsche Dienstboten männlichen und weiblichen Geschlechts schon einige Stunden früher im Quellenhof eingetroffen seien. Jedenfalls blieb es dem Diener mit dem Hunde allein überlassen, das Gepäck zu besorgen; und während er es besorgte, fuhr seine Herrschaft in zwei gemeinen Droschken – Herr Spoelmann mit Doktor Watercloose, Miß Spoelmann mit ihrer Gräfin – zum Quellengarten hinaus. Dort stiegen sie ab, und dort führten sie anderthalb Monate lang ein Leben, das mit geringeren Mitteln als den ihren zu bestreiten gewesen wäre.
Sie hatten Glück, das Wetter war gut, es war ein blauer Herbst, eine lange Reihe von sonnigen Tagen zog sich von dem Oktober in den November, und Miß Spoelmann ritt täglich – das war der einzige Luxus, den sie trieb – mit ihrer Ehrendame spazieren, auf Pferden übrigens, die sie im Tattersall wochenweise gemietet hatten. Herr Spoelmann ritt nicht, obgleich der »Eilbote« mit deutlichem Hinblick auf ihn eine Notiz seines medizinischen Mitarbeiters veröffentlichte, wonach das Reiten bei Steinleiden infolge der Erschütterung lindernd wirke und den Abgang der Steine befördere. Aber durch das Hotelpersonal wurde bekannt, daß der berühmte Mann in seinen vier Wänden ein künstliches Reiten betrieb mit Hilfe einer Maschine, eines feststehenden Velozipeds, dessen Sattel durch das Treten der Pedale in schütternde Bewegung versetzt wurde.
Mit Eifer trank er das Heilwasser, die Ditlindenquelle, auf die er große Stücke zu halten schien. In aller Frühe erschien er täglich im Füllhause, begleitet von seiner Tochter, die übrigens ganz gesund war und nur zur Gesellschaft mittrank, und bewegte sich dann in seinem mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn durch den Kurgarten und die Wandelhalle, indem er das Wasser aus dem bläulichen Glasbecher durch eine gläserne Röhre zu sich nahm – aus der Ferne beobachtet von den beiden amerikanischen Zeitungskorrespondenten, die gehalten waren, ihren Blättern täglich tausend Worte über Spoelmanns Ferienaufenthalt zu telegraphieren und also danach trachten mußten, Stoff zu gewinnen.
Sonst sah man ihn wenig. Sein Leiden – Nierenkoliken, wie man sagte, höchst schmerzhafte Anfälle – schien ihn oft an das Zimmer, wenn nicht ans Bett zu fesseln, und während Miß Spoelmann mit der Gräfin Löwenjoul zwei- oder dreimal im Hoftheater erschien (wobei sie ein schwarzes Sammetkleid und um die kindlichen Schultern ein indisches Seidentuch von wundervollem Goldgelb trug, auch mit ihrem perlblassen Gesichtchen und ihren großen, schwarzen und fließend redenden Augen sehr fesselnd wirkte), wurde ihr Vater niemals bei ihr in der Loge gesehen. Er unternahm zwar in ihrer Begleitung ein paar Streifzüge durch die Residenz, um kleine Einkäufe zu machen, die Stadt in Augenschein zu nehmen und einige innere Sehenswürdigkeiten zu besuchen; er spazierte auch wohl mit ihr durch den Stadtgarten und besichtigte dort zweimal Schloß Delphinenort – das zweitemal allein, wobei er in seinem Interesse so weit ging, mit einem gewöhnlichen gelben Meterstabe, den er aus seinem mißfarbenen Paletot hervorzog, Messungen an den Wänden vorzunehmen … Aber nicht einmal im Speisesaal des Quellenhofes wurde man seines Anblickes teilhaftig; denn entweder, weil er auf schmale, fast fleischlose Kost gesetzt war oder aus anderen Gründen, speiste er mit den Seinen ausschließlich in seinen Zimmern, und die Neugier des Publikums erhielt im ganzen recht wenig Nahrung.
So kam es, daß Spoelmanns Ankunft dem Quellengarten vorderhand nicht in dem Maße zum Nutzen gereichte, wie Fräulein von Isenschnibbe und mit ihr viele Leute erwartet hatten. Der Flaschenversand nahm zu, das war festzustellen; er stieg sehr rasch fast um die Hälfte seiner bisherigen Ziffer und hielt sich dauernd auf dieser Höhe. Aber der Fremdenzuzug steigerte sich nicht wesentlich; die Gäste, die eintrafen, um sich an dem Anblick dieser ungeheuerlichen Existenz zu weiden, reisten bald befriedigt oder enttäuscht wieder ab, und zudem waren es großenteils nicht die besten Elemente, die von seiner Gegenwart angelockt wurden. Sonderbare Köpfe tauchten in den Straßen auf, unfrisierte und wildäugige Köpfe – Erfinder, Plänemacher, verbohrte Menschheitsbeglücker, die Spoelmann für ihre fixen Ideen zu gewinnen hofften. Aber der Milliardär verhielt sich durchaus ablehnend gegen diese Leute, ja, einen von ihnen, der sich im Stadtgarten an ihn machen wollte, schrie er, kirschbraun vor Jähzorn, dermaßen an, daß der Wirrkopf sich eilig trollte, und mehrfach wurde versichert, daß die Flut von Bettelbriefen, die täglich für ihn einströmte – Briefe die oft mit Marken beklebt waren, wie die Beamten des großherzoglichen Postbureaus sie niemals zu Gesichte bekommen –, geradeswegs in einen Papierkorb von seltenem Umfang geleitet werde.
Spoelmann schien sich alle geschäftlichen Mitteilungen verbeten zu haben, schien entschlossen, seine Ferien gründlich zu genießen und während dieser Europareise ausschließlich seiner Gesundheit – oder Krankheit – zu leben. Der »Eilbote«, dessen Zuträger sich beeilt hatten, mit den amerikanischen Berufsgenossen Freundschaft zu schließen, wußte zu erzählen, daß ein zuverlässiger Mann, ein chief manager, wie es hieß, Herrn Spoelmann drüben vertrat. Er erzählte ferner, daß seine Jacht, ein prunkvoll eingerichtetes Schiff, den gewaltigen Mann in Venedig erwarte, und daß er sich nach beendeter Trinkkur zunächst mit den Seinen nach Süden zu wenden beabsichtige. Er erzählte auch – und kam damit einem drängenden öffentlichen Bedürfnis nach – von der abenteuerlichen Entstehung des Spoelmannschen Besitzstandes, von dem Urbeginn im Lande Victoria, wohin sein Vater von irgendeinem deutschen Kontorsessel aus gekommen war, ganz jung und arm und ausgestattet allein mit einer Picke, einer Schaufel und einem zinnernen Teller. Dort hatte er anfänglich als Gehilfe eines Goldgräbers gearbeitet, als Tagelöhner, im Schweiße seines Angesichts. Und dann war das Glück gekommen. Einem Manne, einem kleinen Grubenbesitzer, war es so schlecht gegangen, daß er nicht einmal mehr seine Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen hatte kaufen können, und in der größten Not hatte er seine Grube veräußern müssen. Spoelmann der Ältere hatte sie gekauft, hatte sein Alles auf eine Karte gesetzt und für sein ganzes Erspartes, bestehend aus fünf Pfund Sterling, dies Stückchen Alluvialfeld, »Paradiesfeld« genannt, nicht größer als vierzig Quadratfuß, käuflich erworben. Und tags darauf hatte er anderthalb Handbreit unter der Oberfläche einen Klumpen Reingold, den zehntgrößten der Welt, den »Paradise Nugget« von neunhundertachtzig Unzen und fünftausend Pfund wert, zutage gefördert …
Das war, erzählte der »Eilbote«, der Anfang gewesen. Mit dem Erlös seines Fundes war Spoelmanns Vater nach Südamerika übergesiedelt, ins Land Bolivia, und als Goldwäscher, Amalgam-Mühlenbesitzer und Bergwerksunternehmer hatte er fortgefahren, das gelbe Metall ohne Umwege den Flüssen, dem Schoß des Gesteins zu entreißen. Damals und dort hatte Spoelmann der Ältere sich vermählt – und der »Eilbote« ließ eine Bemerkung darüber einfließen, daß er es trotzigerweise und ohne Rücksicht auf dortzuland herrschende Vorurteile getan habe. So aber hatte er sein Kapital verdoppelt und auf unerhörte Art hatte er mit seinem Pfunde zu wuchern verstanden. Er war gen Norden gewandert nach Philadelphia im Staate Pennsylvanien. Das war in den fünfziger Jahren gewesen, der Zeit lebhaften Aufschwungs im Eisenbahnbau, und Spoelmann hatte seine Geschäfte mit einer Anlage in Aktien der Baltimore- und Ohiobahn begonnen. Er hatte ferner im Westen des Staates ein Kokskohlenlager bewirtschaftet, dessen Erträge bedeutend gewesen waren. Aber dann hatte er zu jener Gruppe gottbegnadeter junger Leute gehört, welche für einige tausend Pfund die berühmte Blockheadfarm erwarben – jenes Landgütchen, das mit seiner Steinölquelle binnen kurzem das Hundert- und aber Hundertfache seines Kaufpreises wert war … Dies Unternehmen hatte Spoelmann den Älteren reich gemacht, aber er hatte sich keineswegs zur Ruhe begeben, sondern unablässig die Kunst geübt, mit Geld mehr Geld und endlich überschwenglich viel Geld hervorzubringen. Er hatte Stahlwerke geschaffen, hatte Gesellschaften gebildet, die im größten Maßstabe die Umwandlung des Eisens in Stahl, den Bau von Eisenbahnbrücken betrieben. Er hatte die Mehrzahl der Aktien von vier oder fünf großen Eisenbahnkompanien an sich gebracht und war in vorgerückten Jahren Präsident, Vizepräsident, Bevollmächtigter oder Direktor dieser Gesellschaften gewesen. Bei der Begründung des Stahltrusts, so erzählte der »Eilbote«, war er dieser Vereinigung beigetreten, mit einem Aktienbesitz, der ihm allein schon eine jährliche Einnahme von zwölf Millionen Dollar gewährleistete. Aber ebenso war er Hauptaktionär und Aufsichtsrat des Petroleumzusammenschlusses gewesen, hatte gleichzeitig kraft seines Anteilbesitzes über drei oder vier der anderen Treuhandgesellschaften Vorherrschaft geübt. Und bei seinem Tode hatte sein Vermögen, berechnet im Münzfuß hierzulande, eine runde Milliarde betragen.
Samuel, sein einziger Sohn, erzeugt in jener zeitig geschlossenen und auf irgendeine Weise vorurteilswidrigen Ehe, war sein einziger Erbe gewesen – und der »Eilbote«, feinsinnig wie er war, schaltete eine Betrachtung darüber ein, wie doch etwas Wehmütiges in der Vorstellung liege, daß jemand so ohne eigenes Zutun und gleichsam ohne Verschulden sich durch Geburt in einer solchen Lebenslage finde. Samuel hatte den Palast in der Fünften Avenue von Neuyork, die Schlösser auf dem Lande und alle Aktien, Treuhandscheine und Gewinnanteile seines Vaters geerbt; er erbte auch die abenteuerliche Vereinzelung des Lebens, zu der jener emporgestiegen war, seinen Weltruhm und den Haß der benachteiligten Menge gegen die aufgehäufte Macht des Geldes – all den Haß, zu dessen Besänftigung er jährlich die gewaltigen Schenkungen an Kollegien, Konservatorien, Bibliotheken, Wohltätigkeitsanstalten und jene Universität verteilte, die sein Vater gegründet hatte und die seinen Namen führte.
Samuel Spoelmann trug ohne Verschulden den Haß der Benachteiligten, der »Eilbote« versicherte es. Er war früh in die Geschäfte eingeführt worden, hatte schon während der letzten Lebensjahre seines Vaters allein die schwindelerregende Besitzmasse des Hauses verwaltet. Aber es war allgemein bekannt, daß sein Herz niemals so recht und ganz bei den Transaktionen gewesen war. Seine eigentliche Neigung hatte sonderbarerweise vielmehr von jeher der Musik, und zwar der Orgelmusik, gehört – und diese Mitteilung des »Eilboten« war nachzuprüfen, denn in der Tat hielt sich Mister Spoelmann auch im Quellenhof ein kleines Pfeifenspiel, dessen Bälge er von einem Hausknecht des Hotels bedienen ließ, und jeden Tag konnte man ihn vom Kurgarten aus darauf musizieren hören.
Aus Liebe und ganz ohne geschäftliche Rücksichten, erzählte der »Eilbote«, hatte er sich vermählt – mit einem armen und schönen Mädchen, halb deutsch, halb angelsächsisch ihrer Abkunft nach. Sie war gestorben; aber sie hatte ihm eine Tochter zurückgelassen, dies merkwürdige Blutgemisch von einem Mädchen, das wir nun ebenfalls in unseren Mauern zu Gast hatten und das zur Zeit neunzehn Jahre alt war. Sie hieß Imma – ein kerndeutscher Name, wie der »Eilbote« hinzufügte, nichts weiter als eine ältere Form von »Emma«; und leicht war denn auch zu bemerken, daß, wenn auch englische Brocken mit unterliefen, die tägliche Umgangssprache im Hause Spoelmann das Deutsche geblieben war. Wie innig übrigens Vater und Tochter einander zu lieben schienen! Jeden Morgen, wenn man sich rechtzeitig in den Quellengarten begab, konnte man beobachten, wie Fräulein Spoelmann, die ein wenig später als ihr Vater im Füllhause einzutreffen pflegte, seinen Kopf zwischen beide Hände nahm und, während er sie zärtlich auf den Rücken klopfte, ihn zum Morgengruß auf Mund und Wangen küßte. Dann gingen sie Arm in Arm durch die Wandelhalle und sogen an ihren Glasröhren …
So plauderte das wohlunterrichtete Blatt und nährte die öffentliche Neugier. Es berichtete auch genau über die Besuche, die Miß Imma mit ihrer Gesellschafterin liebenswürdigerweise mehreren städtischen Wohltätigkeitsanstalten abstattete. Gestern hatten sie die Volksküche eingehend besichtigt. Sie hatte heute einen aufmerksamen Rundgang durch das Greisinnenhospital zum Heiligen Geist gemacht. Und nebenbei hatte sie zweimal dem zahlentheoretischen Kollegium des Geheimrats Klinghammer in der Universität beigewohnt – hatte als Student unter Studenten auf der Holzbank gesessen und mit ihrem Füllfederhalter eifrig nachgeschrieben, denn bekanntlich war sie ein gelehrtes Mädchen und oblag dem Studium der Algebra. Ja, das war fesselnd zu lesen und ergab reichen Gesprächsstoff. Wer aber ganz ohne Zutun des »Eilboten« von sich reden machte, das war erstens der Hund, jener edle, schwarzweiße Colliehund, den Spoelmanns mitgebracht hatten, und zweitens auf andere Art die Gesellschaftsdame, Gräfin Löwenjoul.
Den Hund angehend, der Perceval hieß (was englisch auszusprechen war) und meistens Percy gerufen wurde, so war dieses Tier von einer Erregbarkeit, einer Leidenschaft des Wesens, die jeder Beschreibung spottete. Innerhalb des Hotels gab er keinen Grund zu Klagen, sondern lag in vornehmen Posen auf einem kleinen Teppich vor den Spoelmannschen Gemächern. Aber bei jedem Ausgang unterlag er Anfällen von Kopflosigkeit, die allgemeines Aufsehen und Befremden, ja, mehr als einmal wirkliche Verkehrsstörungen hervorriefen. In weitem Abstande gefolgt von einem Schwarm einheimischer Hunde, gemeiner Köter, die, durch sein Benehmen in Aufruhr versetzt, mit schimpfendem Gekläff hinter ihm drein preschten und um die er sich übrigens nicht im geringsten kümmerte, flog er, die Nase mit Schaum bespritzt und mit wild klagendem Gebell durch die Straßen, führte wütende Kreiseltänze vor den Tramwagen auf, brachte Droschkenpferde zu Fall und stürzte zweimal den Kuchenstand der Witwe Klaaßen am Rathaus mit solcher Heftigkeit über den Haufen, daß das süße Gebäck über den halben Marktplatz rollte. Da aber bei solchen Unglücksfällen Herr Spoelmann oder seine Tochter sofort mit mehr als angemessenen Entschädigungen einsprangen, da sich auch zeigte, daß Percevals Zustände im Grunde ungefährlicher Natur waren, daß er nichts weniger als bissig und rauflustig, sondern im Gegenteil unnahbar und eben nur außer sich war, so wandte sich ihm rasch die Neigung der Bevölkerung zu, und namentlich den Kindern waren seine Ausgänge eine Quelle des Vergnügens.
Die Gräfin Löwenjoul ihrerseits gab auf stillere, aber nicht weniger sonderbare Weise Anlaß zum Gerede. Anfänglich, als ihre Person und Stellung in der Stadt noch unbekannt war, hatte sie sich das Gehänsel der Gassenjugend zugezogen, indem sie, allein gehend, mit sanfter und tiefsinniger Miene zu sich selber gesprochen und diese Selbstgespräche mit lebhaftem und übrigens durchaus anmutigem und elegantem Gebärdenspiel begleitet hatte. Aber den Kindern, die ihr nachgerufen und sie am Kleide gezupft hatten, war sie mit solcher Milde und Güte begegnet, hatte so liebreich und würdevoll zu ihnen gesprochen, daß die Verfolger beschämt und verwirrt von ihr abgelassen hatten; und später, als man sie kannte, verhinderte der Respekt vor ihrem Verhältnis zu den berühmten Gästen, daß man sie belästigte. Unter der Hand jedoch waren unverständliche Anekdoten über sie im Umlauf. Ein Mann erzählte, die Gräfin habe ihm ein Goldstück eingehändigt mit dem Auftrage, eine bestimmte alte Frau, die ihr irgendwelche unziemliche Anträge gemacht haben sollte, zu ohrfeigen. Der Mann hatte das Goldstück eingesteckt, ohne sich indessen seines Auftrages zu entledigen. Ferner wurde für wahr berichtet, daß die Löwenjoul den Posten vor der Kaserne der Leibfüsiliere angeredet und zu ihm gesagt habe, er müsse die Frau des Feldwebels von der und der Kompanie ihrer sittlichen Verfehlungen halber sogleich verhaften. Auch habe sie dem Obersten dieses Regiments einen Brief geschrieben, des Inhalts, daß innerhalb der Kaserne allerlei geheimnisvolle und unaussprechliche Greuel im Schwange seien. Gott wußte, was für eine Bewandtnis es damit hatte. Manche leiteten unmittelbar daraus ab, daß es der Gräfin im Kopfe fehle. Jedenfalls hatte man keine Zeit, der Sache auf den Grund zu kommen, denn unversehens waren sechs Wochen dahin, und Samuel N. Spoelmann, der Milliardär, reiste ab.
Er reiste ab, nachdem er sich von dem Professor von Lindemann hatte malen lassen, das teuere Bildnis jedoch dem Besitzer des Hotels »Quellenhof« zum Andenken geschenkt hatte, reiste ab mit seiner Tochter, der Löwenjoul und Doktor Watercloose, mit Perceval, dem Stubenveloziped und seiner Dienerschaft, reiste mit Sonderzug gen Süden, um an der Riviera, wohin ihm die beiden Neuyorker Zeitungsmänner vorausgeeilt waren, den Winter zu verbringen und dann über den Ozean heimzukehren. Alles war zu Ende. Der »Eilbote« rief Herrn Spoelmann ein aufrichtiges Lebewohl nach und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Kur ihm wohl anschlagen möge. Damit schien dieser merkwürdige Zwischenfall beschlossen und abgetan. Der Tag forderte sein Recht. Man begann Herrn Spoelmann zu vergessen.
Der Winter verging. Es war der Winter, in welchem die Fürstin zu Ried-Hohenried, Großherzogliche Hoheit, mit einem Töchterchen niederkam. Auch der Frühling ging ins Land, und Seine Königliche Hoheit Großherzog Albrecht begab sich gewohntermaßen nach Hollerbrunn. Da aber tauchte im Publikum und in der Presse ein Gerücht auf, das von ruhig denkenden Leuten anfangs mit Achselzucken aufgenommen wurde, das aber Gestalt annahm, sich festsetzte, sich in ganz bestimmte Einzelangaben kleidete und endlich als wirkliche und kernhafte Nachricht zur Herrschaft über das tägliche Gespräch gelangte.
Was ging vor? – Ein großherzogliches Schloß sollte verkauft werden. – Das war Unsinn. Welches Schloß? – Delphinenort. Schloß Delphinenort im nördlichen Stadtgarten. – Das war Narrengeschwätz. Verkauft? An wen? – An Spoelmann. – Lächerlich. Was sollte er damit anfangen? – Es wiederherstellen und bewohnen. – Sehr einfach. Aber vielleicht hatte unser Landtag ein wenig in solche Angelegenheit dreinzureden. – Den Landtag kümmerte das gar nicht. Hatte etwa der Staat eine Unterhaltungspflicht an Schloß Delphinenort? Dann hätte es hoffentlich besser ausgesehen um das schöne Ding. Und also hatte der Landtag nicht dreinzureden. – Die Verhandlungen waren wohl allgemein weit vorgeschritten? – Allerdings. Denn sie waren abgeschlossen. – Ei, und so war man denn natürlich wohl gar in der Lage, den genauen Kaufpreis zu nennen? – Aufzuwarten. Der Kaufpreis betrug zwei Millionen auf Heller und Pfennig. – Unmöglich! Ein Kronbesitz! – Kronbesitz hin und her. Handelte es sich um die Grimmburg? Ums Alte Schloß? Es handelte sich um ein Lustschloß, ein ewig unbenütztes, aus Geldmangel rettungslos verkommendes Lustschloß. – Und Spoelmann beabsichtigte also, jedes Jahr wiederzukommen und einige Wochen in Delphinenort zu wohnen? – Nein. Denn er beabsichtigte vielmehr, ganz und gar zu uns überzusiedeln. Er war Amerikas müde, wollte Amerika den Rücken kehren, und sein erster Aufenthalt bei uns war nichts als eine Auskundschaftung gewesen. Er war krank, er wollte sich von den Geschäften zurückziehen. Er war in seinem Herzen immer ein Deutscher geblieben. Der Vater war ausgewandert, und der Sohn wollte heimkehren. Er wollte an der gemessenen Lebensführung, den geistigen Darbietungen unserer Hauptstadt teilnehmen und in unmittelbarer Nähe der Ditlindenquelle den Rest seiner Tage verbringen!
Verblüffung, Getümmel und endlose Disputationen. Aber die öffentliche Meinung ging, mit Ausnahme der Stimmen einiger weniger Griesgrame, nach kurzem Schwanken in Begeisterung für den Verkaufsplan auf, und sicher hätte ohne diese allgemeine Zustimmung die Sache überhaupt gar weit nicht gedeihen können. Hausminister von Knobelsdorff war es gewesen, der eine erste behutsame Verlautbarung des Spoelmannschen Angebots in die Tagespresse gespielt hatte. Er hatte abgewartet, hatte den Volkswillen sich entscheiden lassen. Und nach der ersten Verwirrung hatten starke Gründe in Fülle sich eingefunden, die für das Projekt sprachen. Die Geschäftswelt brach in Beifall aus bei dem Gedanken, den gewaltigen Abnehmer dauernd am Platze zu sehen. Die Schöngeister zeigten sich entzückt in der Aussicht, daß Schloß Delphinenort wiederhergestellt und erhalten – daß dieses edle Bauwerk so unvorhergesehener-, ja abenteuerlicherweise wieder zu Ehren und Jugend gelangen sollte. Aber die staatswirtschaftlich Denkenden führten Ziffern ins Feld, die, wie im Lande die Dinge lagen, tiefe Erschütterung hervorrufen mußten. Wenn Samuel N. Spoelmann sich bei uns niederließ, so wurde er Steuersubjekt, so war er gehalten, bei uns sein Einkommen zu versteuern. Vielleicht fand man es der Mühe wert, sich die Bedeutung dieser Tatsache ein wenig klarzumachen? Es würde Herrn Spoelmann überlassen bleiben, sich einzuschätzen; aber nach allem, was man wußte – mit annähernder Genauigkeit wußte –, würde dieser Einwohner eine Steuerquelle von zwei Millionen und einer halben alljährlich darstellen, wobei allein die Staatssteuern und noch nicht einmal die Gemeindesteuern in Rechnung gezogen waren. Kam das in Betracht für uns oder nicht? Und zwar richtete man diese Frage ganz unmittelbar an den Herrn Finanzminister Doktor Krippenreuther. Wenn dieser Beamte nicht alles tat, um die Einwilligung der höchsten Person zu dem Verkaufe zu erlangen, so handelte er pflichtvergessen. Denn es war ein Gebot der Vaterlandsliebe, auf Spoelmanns Anerbieten einzugehen, damit er sich so recht nach Gefallen bei uns einrichten konnte, und alle Bedenken erschienen nichtig gegenüber diesem ernsten Gebot.
So hatte Exzellenz von Knobelsdorff beim Großherzog Vortrag gehabt. Er hatte seinem Herrn über die öffentliche Stimmung berichtet; hatte hinzugefügt, daß zwei Millionen ein Preis seien, der den sachlichen Wert des Schlosses in seinem jetzigen Zustand beträchtlich übertreffe; hatte angemerkt, daß diese Einkunft für die Hof-Finanzdirektion eine wahre Labsal bedeuten würde; und hatte schließlich etwas von der Zentralheizung für das Alte Schloß einfließen lassen, die, wenn der Verkauf zustande käme, nicht länger ein Ding der Unmöglichkeit sein werde. Kurz, der unbefangene alte Herr hatte seinen ganzen Einfluß für den Verkauf eingesetzt und dem Großherzog nahegelegt, die Sache vor einen Familienrat zu bringen. Albrecht hatte leicht mit der Unterlippe an der oberen gesogen und den Familienrat einberufen. Derselbe war im Rittersaal zusammengetreten, und es hatte Tee und Biskuits dazu gegeben. Nur zwei weibliche Mitglieder, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde, waren gegen den Verkauf gewesen, und zwar aus Gründen der Würde. »Man wird dich mißverstehen, Albrecht!« hatte Ditlinde gesagt. »Man wird es dir als Mangel an Hoheitsbewußtsein auslegen, und das ist nicht richtig, denn du hast im Gegenteil zuviel davon, du bist so stolz, Albrecht, daß dir alles ganz einerlei ist. Aber ich sage nein. Ich wünsche nicht, daß in einem von deinen Schlössern ein Vogel Roch wohnt, das ist nicht schicklich, und es genügt ja, daß er einen Leibarzt hat und die Fürstenzimmer vom Quellenhof in Anspruch nahm. Der »Eilbote« sagt immer, daß er ein Steuersubjekt ist, aber in meinen Augen ist er ganz einfach ein Subjekt und weiter nichts. Welcher Ansicht bist du, Klaus Heinrich?« – Aber Klaus Heinrich stimmte für den Verkauf. Erstens erhalte Albrecht die Zentralheizung, und dann sei Spoelmann nicht irgendeiner, er sei nicht Seifensieder Unschlitt, er sei ein Sonderfall, und es sei keine Schande, ihm Delphinenort zu überlassen. Schließlich hatte Albrecht mit niedergeschlagenen Augen erklärt, der ganze Familienrat sei im Grunde »Affentheater«. Das Volk habe längst entschieden, seine Minister drängen auf den Verkauf, und es bleibe ihm gar nichts anderes übrig, als wieder einmal auf den Bahnhof zu gehen und zu winken.
Der Familienrat hatte im Frühling getagt. Von nun an hatten die Verkaufsverhandlungen, die zwischen Spoelmann einerseits und dem Oberhofmarschall Herrn von Bühl zu Bühl andererseits geführt wurden, raschen Fortgang genommen, und der Sommer war noch nicht weit vorgeschritten, als Schloß Delphinenort mit Park und Nebengebäuden Herrn Spoelmanns rechtmäßiges Eigentum war.
Da begann ein Gewimmel und eine Geschäftigkeit um das Schloß und in seinem Innern, daß täglich viele Leute in den nördlichen Teil des Stadtgartens gelockt wurden. Delphinenort ward ausgebessert, ward innerlich umgebaut zu einem Teil, und zwar mit außerordentlichem Aufgebot an Arbeitskräften. Denn schnell, schnell mußte es gehen, das war Spoelmanns Wille, und kaum fünf Monate hatte er Frist gegeben, bis daß alles zu seinem Einzug bereit sein mußte. So wuchs mit Windeseile ein Holzgerüst mit Treppen und Plattformen um das schadhafte Prachtgebäude empor, ausländische Arbeiter bevölkerten es von oben bis unten, und ein Architekt kam mit Vollmachten über den Ozean herbei, um die Oberleitung des Ganzen zu übernehmen. Aber der Aufgabe größter Teil fiel doch unserem Handwerksfleiße zu, und die Steinmetzen und Dachdecker, die Schreiner, Vergolder, Tapezierer, Glaser, Parkettleger der Residenz, die Gartenkünstler und Werkmeister für Heizungsanlagen und Beleuchtungswesen hatten harte, ergiebige Arbeit diesen Sommer und Herbst. Wenn Seine Königliche Hoheit Klaus Heinrich auf »Eremitage« die Fenster geöffnet hielt, so drang der Schall des Treibens dort drüben bis in seine Empirestuben, und mehrmals ließ er sich, vom Publikum ehrerbietig begrüßt, in seiner Chaise an Schloß Delphinenort vorüberfahren, um sich von den Fortschritten des Erneuerungswerkes zu überzeugen. Das Gärtnerhäuschen ward aufgefrischt, die Ställe und Remisen, die den Spoelmannschen Wagen- und Automobilpark aufnehmen sollten, wurden erweitert; und was wurde im Oktober nicht alles ausgeladen an Möbeln und Teppichen, an Kisten und Kasten mit Stoffen und Hausrat vor Schloß Delphinenort, während sich unter den Umstehenden die Kunde verbreitete, daß dort drinnen kundige Hände geschäftig seien, Spoelmanns über das Weltmeer dahergesandte Orgel mit elektrischem Triebwerk aufzurichten. Spannung herrschte, ob wohl der Parkgrund, der zum Schlosse gehörte und so prächtig gesäubert und hergerichtet wurde, gegen den Stadtgarten durch Mauer oder Zaun werde abgeschlossen werden. Aber nichts dergleichen geschah. Der Besitz sollte zugänglich bleiben, die Bewegungsfreiheit der Hauptstädter im Grünen nicht eingeschränkt werden – so wollte es Spoelmann. Bis dicht an das Schloß, bis an die beschnittenen Hecken, die das große viereckige Wasserbassin einsäumten, sollten die sonntäglichen Spaziergänger Zutritt haben – und das verfehlte nicht, den besten Eindruck in der Bevölkerung zu machen, ja, der »Eilbote« veröffentlichte einen besonderen Artikel darüber, worin er Herrn Spoelmann für seine freisinnige Maßnahme pries.
Und siehe da: als wieder die Blätter fielen, genau ein Jahr nach seiner ersten Ankunft, traf Samuel N. Spoelmann zum zweitenmal auf unserem Bahnhof ein. Diesmal war die Beteiligung des Publikums an dem Ereignis weit größer als voriges Jahr, und es ist verbürgt, daß, als Herr Spoelmann in dem bekannten mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn seinen Salonwagen verließ, lebhafte Hochrufe aus der Menge der Zuschauer erschollen – Kundgebungen, über die Herr Spoelmann sich übrigens eher zu ärgern schien, und für die statt seiner Doktor Watercloose dankte, indem er seinen Mund mild lächelnd in die Breite zog und die Augen schloß. Auch als Miß Spoelmann ausstieg, wurde ein Hoch ausgebracht, und ein paar Spaßvögel riefen sogar hurra, als Percy, der Colliehund, bebend, tänzelnd und vollständig außer sich auf dem Bahnsteig erschien. Außer dem Arzt und der Gräfin Löwenjoul befanden sich zwei noch unbekannte Personen in der Begleitung der Herrschaften, zwei rasierte und entschlossen blickende Herren in auffallend weiten Paletots. Es waren Herrn Spoelmanns Sekretäre, die Herren Phlebs und Slippers, wie der »Eilbote« in seinem Bericht bemerkte.
Damals war Delphinenort noch bei weitem nicht fertig, und Spoelmanns bezogen zunächst das erste Stockwerk des Residenz-Hotels, woselbst ein großer, bauchiger und stolzer Mann in Schwarz, der Spoelmannsche Haushofmeister oder butler, der vor ihnen eingetroffen war, für sie Quartier gemacht und eigenhändig das Stubenveloziped aufgestellt hatte. Täglich, während Miß Imma mit ihrer Gräfin und Percy spazierenritt oder Wohltätigkeitsanstalten besichtigte, weilte Herr Spoelmann in seinem Hause, um die Arbeiten zu überwachen und Anordnungen zu treffen; und als das Jahr sich zu Ende neigte, ganz kurz nachdem der erste Schnee gefallen war, da wurde es Wahrheit, da zogen Spoelmanns in Schloß Delphinenort ein. Zwei Automobile (man hatte sie kürzlich anlangen sehen – herrliche Fahrzeuge, von Riesenkräften mit zart metallischem Rauschen dahingetrieben) trugen die sechs Personen – denn in dem zweiten saßen die Herren Phlebs und Slippers –, gelenkt von in Leder gekleideten Chauffeuren, neben denen mit verschränkten Armen Bediente in schneeweißen Pelzmänteln saßen, in wenigen Minuten vom Residenz-Hotel durch den Stadtgarten, und als die Wagen die stattliche Kastanienallee durchflogen, die in die Auffahrt mündete, da hingen an den hohen Lampenträgern, welche an allen vier Ecken des großen Brunnenbassins aufgerichtet waren, die Knaben des Volks und schwenkten schreiend ihre Mützen …
So wurden Samuel N. Spoelmann und die Seinen bei uns ansässig, und seine Gegenwart wurde zu einer lieben Gewohnheit. Man sah und kannte seine weißgoldenen Bedienten in der Stadt, wie man die braungoldenen großherzoglichen Lakaien sah und kannte; der in bordeauxroten Plüsch gekleidete Neger, der als Türhüter vor dem Portal von Delphinenort Wache hielt, war bald eine volkstümliche Gestalt; und wenn man am Schlosse vorüberspazierte und das gedämpfte Brausen von Herrn Spoelmanns Orgelspiel aus dem Innern hervordrang, so hob man den Finger und sagte: »Horch, er spielt. Er hat also wohl keine Koliken im Augenblick.« Täglich sah man Miß Imma an der Seite der Gräfin Löwenjoul, gefolgt von einem Reitknecht und umlärmt von dem rasenden Percy, spazierenreiten oder ein prächtiges Four-in-hand-Gespann eigenhändig durch den Stadtgarten lenken – wobei der Bediente, der auf dem Rücksitz des leichten Wagens saß, sich von Zeit zu Zeit erhob, aus einem Lederfutteral eine lange silberne Trompete zog und mit hellem Schall das Nahen des Gefährtes verkündete; und wenn man früh aufstand, konnte man jeden Morgen Vater und Tochter in einem dunkelrot lackierten Coupé oder bei schönem Wetter zu Fuße sich durch den Parkgrund von Schloß »Eremitage« zum Quellengarten begeben sehen, um den Brunnen zu trinken. Was Imma betraf, so nahm sie, wie erwähnt, ihre Besichtigungen der städtischen Wohltätigkeitsanstalten wieder auf, schien aber darüber ihre Wissenschaft nicht zu vernachlässigen, denn seit dem Beginne des Studienhalbjahres besuchte sie regelmäßig die Vorlesungen des Geheimrats Klinghammer in der Universität – saß täglich in einem schwarzen Kleid mit weißem Umlegekragen und Manschetten unter den jungen Leuten im Hörsaal und führte mit hochaufgesetztem und eingedrücktem Zeigefinger – dies war ihre Schreibart – die Füllfeder über die Seiten ihres Kollegheftes. Spoelmanns lebten zurückgezogen, sie pflogen keinen Verkehr in der Stadt, was ja sowohl in Herrn Spoelmanns Krankheit als auch in seiner gesellschaftlichen Einsamkeit seine Erklärung fand. Welcher Gesellschaftsgruppe hätte er sich anschließen sollen? Niemand mutete ihm zu, etwa mit Seifensieder Unschlitt oder Bankdirektor Wolfsmilch auf vertrauten Fuß zu treten. Wohl aber näherte man sich ihm bald mit Ansprüchen an seine Mildtätigkeit und wurde nicht abgewiesen. Denn Herr Spoelmann, der, wie man wußte, vor seiner Abreise von Amerika der Behörde für den öffentlichen Unterricht in den Vereinigten Staaten eine gewaltige Summe Dollars überwiesen, auch die bindende Versicherung abgegeben hatte, seine jährlichen Zuwendungen an die Spoelmann-Universität und die übrigen Bildungsinstitute keineswegs einzustellen – er zeichnete bald nach seinem Einzuge in »Delphinenort« zehntausend Mark zugunsten des Dorotheen-Kinderhospitals, für das gerade gesammelt wurde: eine Handlungsweise, deren Hochherzigkeit der »Eilbote« und die übrige Presse in warmen Worten zu würdigen wußte. Ja, obwohl Spoelmanns gesellschaftlich abgeschlossen lebten, so eignete ihrem Dasein bei uns doch von der ersten Stunde an eine gewisse Öffentlichkeit, und mindestens im örtlichen Teil der Tagesblätter wurde ihr Wandel mit nicht geringerer Aufmerksamkeit verfolgt als der der Mitglieder des großherzoglichen Hauses. Das Publikum wurde unterrichtet davon, wenn Miß Imma mit der Gräfin und den Herren Phlebs und Slippers eine Partie Tennis im Park von »Delphinenort« gespielt hatte, es war auf dem laufenden darüber, wann sie das Hoftheater besucht hatte, wann auch ihr Vater dabeigewesen war, um anderthalb Aufzüge einer Oper anzuhören; und wenn Herr Spoelmann der Neugier auswich, wenn er während der Theaterpause niemals seine Loge verließ und sich fast niemals zu Fuß in den Straßen blicken ließ, so war er doch offenbar nicht ohne Sinn für die darstellerischen Verpflichtungen, die ein außerordentliches Dasein auferlegt, und gab der Schaulust das ihre. Bekanntlich war der Park von »Delphinenort« nicht gegen den Stadtgarten abgeteilt. Keine Mauer trennte das Schloß von der Welt. Von der Rückseite zumal konnte man über die Rasenflächen bis dicht an den Fuß der breiten gedeckten Terrasse vordringen, die dort errichtet war, und war man keck, so konnte man durch die große Glastür geradeswegs in den hohen, weißgoldenen Gartensalon blicken, woselbst Herr Spoelmann mit den Seinen um fünf Uhr den Tee nahm. Ja, als die schöne Jahreszeit eintrat, da wurde die Teestunde draußen auf der Terrasse abgehalten, und wie auf einer Bühne saßen Herr und Fräulein Spoelmann, die Löwenjoul und Doktor Watercloose in neuartig geformten Korbstühlen und tranken öffentlich Tee. Denn am Sonntag wenigstens fehlte es niemals an Publikum, das aus einiger ehrerbietiger Entfernung das Schauspiel genoß. Man zeigte einander den großen silbernen Teekessel, der, was man noch niemals gesehen, elektrisch geheizt wurde, und die wundersamen Livreen der beiden Bedienten, die die Tassen und Konfitüren darreichten: weiße, hochgeschlossene und goldbetreßte Fräcke, die an den Kragen, den Ärmeln, den Säumen mit Schwan besetzt waren. Man horchte auf das englisch-deutsche Gespräch und verfolgte mit offenen Mündern jede Bewegung der merkwürdigen Familie dort oben. Dann ging man hinüber vors Hauptportal, um dem bordeauxroten Plüschmohren ein paar Scherze im Volksdialekt zuzurufen, die jener mit weißem Grinsen beantwortete …
Klaus Heinrich sah Imma Spoelmann zum erstenmal an einem heiteren Wintertage mittags um zwölf. Damit ist nicht gesagt, daß er sie nicht vorher schon manches Mal im Theater, auf der Straße, im Stadtpark erblickt hätte. Aber das ist etwas anderes. Er sah sie zum erstenmal um diese Mittagsstunde, und zwar unter lebhaften Umständen.
Er hatte bis halb zwölf Uhr im Alten Schlosse »Freiaudienzen« erteilt und war nach ihrer Beendigung nicht sofort nach Schloß »Eremitage« zurückgekehrt, sondern hatte seinem Kutscher Befehl gesandt, mit dem Coupé in einem der Höfe zu warten, indes er mit den diensttuenden Offizieren des Leibgrenadierregiments auf der Hauptwache eine Zigarette rauchen wollte. Da er die Uniform dieses Regiments trug, dem auch sein persönlicher Adjutant angehörte, so gab er sich Mühe, den Schein einer gewissen Kameradschaft mit den Offizieren zu wahren, speiste zuweilen in ihrem Kasino und leistete ihnen von Zeit zu Zeit eine halbe Stunde auf der Hauptwache Gesellschaft, obgleich er dunkel vermutete, daß er eher störend wirke, indem er die Herren davon abhielt, Karten zu spielen und unanständige Geschichten zu erzählen. Er stand also, den gewölbten Silberstern des Großen Ordens vom Grimmburger Greifen auf dem Waffenrock, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, der den Besuch rechtzeitig angekündigt hatte, in der Offizierswachtstube, die zu ebener Erde des Schlosses, ganz nahe beim Albrechtstor gelegen war – unterhielt ein nichtssagendes Gespräch mit zwei oder drei der Herren in der Mitte des Dienstraumes, während eine weitere Gruppe von Offizieren an dem tiefgelegenen Fenster plauderte. Weil draußen so warm die Sonne schien, hatte man das Fenster geöffnet, und von der Kaserne her näherte sich die Albrechtsstraße herauf zu Musik und Paukenschlag der Marschschritt der aufziehenden Ablösung. Es schlug zwölf von der Hofkirche. Man hörte draußen den Unteroffizier mit heiserer Stimme sein »Angetreten!« in die Mannschaftsstube rufen, hörte das Getrappel der zu ihren Gewehren eilenden Grenadiere. Publikum versammelte sich auf dem Platze. Der Leutnant, der das Kommando zu führen hatte, gürtete hurtig den Säbel um, schlug vor Klaus Heinrich die Absätze zusammen und ging hinaus. Da plötzlich rief Leutnant von Sturmhahn, der aus dem Fenster geblickt hatte, mit jener ein wenig falschen Unmittelbarkeit, die zum Ton zwischen Klaus Heinrich und den Offizieren gehörte: »Teufel auch, wollen Königliche Hoheit was Feines sehen? Da kommt die Spoelmann vorbei, mit ihrer Algebra unterm Arm …« Klaus Heinrich trat an das Fenster. Miß Imma kam zu Fuß und allein von rechts auf dem Bürgersteig daher. Beide Hände in ihrem großen, mappenartigen Muff, dessen lang hinabhängende Decke mit Schwänzchen besetzt war, hielt sie mit einem Unterarm ihr Kollegienheft an sich gedrückt. Sie trug eine lange Jacke aus glänzendem Schwarzfuchspelz und eine Mütze aus dem gleichen Rauchwerk auf ihrem dunklen, fremdartigen Köpfchen. Sie kam von »Delphinenort« offenbar und sputete sich, die Universität zu erreichen. Sie gelangte vor die Hauptwache in dem Augenblick, als die Ablösungsmannschaft gegenüber der Wachtmannschaft, die in zwei Gliedern und Gewehr bei Fuß die Höhe des Bürgersteiges besetzt hielt, im Rinnstein aufmarschierte. Sie mußte unbedingt umkehren, das Musikkorps und die Zuschauermenge umgehen, ja, wenn sie den offenen Platz mit seiner Trambahn vermeiden wollte, auf dem ringsherum führenden Fußsteig einen ziemlich weiten Bogen beschreiben oder das Ende der militärischen Verrichtung erwarten. Sie machte zu keinem von beidem Miene. Sie schickte sich an, auf dem Bürgersteige vorm Schloß zwischen den Gliedern hindurchzugehen. Der Unteroffizier mit der heiseren Stimme sprang vor. »Kein Durchgang!« schrie er und hielt den Kolben seines Gewehrs vor sich hin. »Kein Durchgang! Umkehren! Abwarten!« Da aber wurde Miß Spoelmann zornig. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Aber diese Worte besagten wenig im Vergleich mit dem Nachdruck aufrichtigster, leidenschaftlichster, unwiderstehlichster Entrüstung, mit dem sie hervorgestoßen wurden. Wie klein und seltsam sie war! Die blonden Soldaten, unter denen sie stand, überragten sie wohl um doppelte Haupteslänge. Ihr Gesichtchen war bleich wie Wachs in dieser Minute, ihre schwarzen Brauen bildeten über der Nasenwurzel eine schwere und ausdrucksvolle Zornesfalte, die Löcher ihres unbestimmt gebildeten Näschens waren kreisrund geöffnet, und ihre Augen, tiefschwarz vor Erregung und übergroß, führten eine dermaßen eindringliche, hinreißend fließende Sprache, daß keine Einrede möglich schien. »Was fällt Ihnen ein!« rief sie. »Ich habe Eile!!« Und dabei schob sie mit der Linken den Kolben mitsamt dem verdutzten Unteroffizier beiseite und ging mitten zwischen den Gliedern hindurch – ging geradeaus ihres Weges, bog linker Hand in die Universitätsstraße und entschwand den Blicken.
»Verdammt!« rief Leutnant von Sturmhahn. »Da sind wir schön angekommen!« Die Offiziere am Fenster lachten. Auch draußen unter den Zuschauern herrschte viel Heiterkeit, die übrigens unbedingt beifällig klang. Klaus Heinrich stimmte in die allgemeine Fröhlichkeit ein. Die Ablösung vollzog sich unter Kommandos und abgerissenen Marschklängen. Klaus Heinrich kehrte nach »Eremitage« zurück.
Er frühstückte ganz allein, unternahm nachmittags einen Spazierritt auf seinem Pferde Florian und verbrachte den Abend in großem Kreise beim Finanzminister Doktor Krippenreuther. Mehreren Personen erzählte er mit heiter bewegter Stimme den Auftritt vor der Schloßwache, und sie zeigten sich hingerissen von seiner Erzählung, obgleich die Geschichte sofort die Runde gemacht hatte und allgemein bekannt war. Am nächsten Tage mußte er verreisen, da sein Bruder ihn mit der Vertretung bei der Feier zur Einweihung der neuen Stadthalle in der Nachbarstadt beauftragt hatte. Aus irgendwelchen Gründen fuhr er ungern, verließ er nur mit Widerstreben die Residenz. Ihm schien es so, als ob er eine wichtige, freudige, auch wohl beunruhigende Angelegenheit zurückließe, die eigentlich aufs dringlichste seine Anwesenheit erforderte. Dennoch war sein hoher Beruf wohl das Wichtigere. Aber während er fest und glänzend gekleidet auf seinem Ehrenstuhl in der Stadthalle saß und der Bürgermeister die Festrede hielt, war Klaus Heinrich nicht ausschließlich darauf bedacht, wie er sich den Blicken der Menge darstelle, sondern vielmehr in seinem Innern mit jener neuen und dringlichen Angelegenheit beschäftigt. Vorübergehend dachte er auch an eine Person, deren flüchtige Bekanntschaft er vor langen Jahren einmal gemacht, an Fräulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders – eine Erinnerung, die in gewissem Zusammenhang mit der dringlichen Angelegenheit stand.
Imma Spoelmann schob zornig den heiseren Unteroffizier beiseite – ging ganz allein, ihre Algebra unterm Arm, durch die Gasse der großen, blonden Grenadiere. Wie perlblaß ihr Gesichtchen war gegen das schwarze Haar unter der Pelzmütze, und wie ihre Augen redeten! Niemand glich ihr. Ihr Vater war krank vor Reichtum und hatte einfach ein Schloß aus dem Kronbesitz erworben. Wie war das noch, was der »Eilbote« über seinen unverschuldeten Weltruhm und die »abenteuerliche Vereinzelung seines Lebens« gesagt hatte? Er trage den Haß der benachteiligten Menge – so ähnlich hatte der Artikel sich ausgedrückt. Übrigens waren ihre Nasenlöcher kreisrund gewesen vor Entrüstung. Niemand glich ihr, niemand weit und breit. Sie war ein Sonderfall. Und wie, wenn sie damals auf dem Bürgerball gewesen wäre? So hätte er eine Gefährtin gehabt, hätte sich nicht verirrt, und der Abend hätte nicht in Schimpf und Schande geendet. »Herunter, herunter, herunter mit ihm!« O pfui! Laß das noch einmal sehen, wie sie so schwarzbleich und fremdartig durch die Gasse der blonden Soldaten ging.
Diese Gedanken waren es, die Klaus Heinrich während der nächsten Tage bei sich bewegte – nur diese drei, vier Vorstellungen. Und eigentlich war es zum Erstaunen, wie reichlich er damit auskam, ohne nach anderen zu verlangen. Aber alles in allem erschien es ihm mehr als wünschenswert, daß er sehr bald und womöglich noch heute das perlblasse Gesichtchen wiedersähe.
Abends fuhr er ins Hoftheater, wo man die Oper »Zauberflöte« spielte. Und als er von seiner Loge aus Fräulein Spoelmann neben der Gräfin Löwenjoul vorn auf der ersten Galerie gewahrte, erschrak er bis zum Grund seines Herzens. Während des Spiels konnte er sie aus dem Dunkel durch sein Glas betrachten, da das Licht von der Bühne auf sie fiel. Sie ließ ihr Köpfchen in der schmalen, ungeschmückten Hand ruhen, indem sie unbekümmert den bloßen Arm auf die Sammetbrüstung stützte, und sah nicht mehr entrüstet aus. Sie trug ein Kleid aus seegrüner glänzender Seide mit lichtem Überwurf, in den farbige Blumensträuße gestickt waren, und um Hals und Brust eine lange Kette aus lauter blitzenden Diamanten. Eigentlich war sie nicht so klein, wie es scheinen mochte, fand Klaus Heinrich, als sie am Aktschluß aufstand. Nein, es lag an dem kindlichen Gepräge des Köpfchens und der Schmalheit ihrer bräunlichen Schultern, daß sie so wie ein kleines Mädchen erschien. Ihre Arme waren wohlausgebildet, und man konnte sehen, daß sie Sport trieb und Pferde zügelte. Aber vom Handgelenk wurde auch der Arm wie der eines Kindes.
Als die Dialogstelle gesprochen wurde: »Er ist ein Prinz. Er ist mehr als das«, spürte Klaus Heinrich den Wunsch, mit Doktor Überbein zu plaudern. Doktor Überbein sprach zufällig am nächsten Tage auf »Eremitage« vor: in schwarzem Gehrock mit weißer Krawatte, wie immer, wenn er Klaus Heinrich besuchte. Klaus Heinrich fragte ihn, ob er die Geschichte von der Hauptwache schon gehört habe? Ja, antwortete Doktor Überbein, die habe er mehrfach gehört. Aber wenn Klaus Heinrich sie ihm noch einmal erzählen wolle … »Nein, wenn Sie sie kennen«, sagte Klaus Heinrich enttäuscht. Dann kam Doktor Überbein auf etwas völlig anderes. Er fing an von Operngläsern zu sprechen und betonte, daß das Opernglas doch eine ausgezeichnete Erfindung sei. Es bringe nahe, was leider fern sei, nicht wahr? es schlage Brücken zu angenehmen Zielen. Was Klaus Heinrich meine? Klaus Heinrich war geneigt, dem halb und halb zuzustimmen. Und er solle ja gestern abend, wie man erzähle, recht ausgiebig von dieser schönen Erfindung Gebrauch gemacht haben, sagte der Doktor. Das konnte Klaus Heinrich nicht verstehen. Da sagte Doktor Überbein: »Nein, hören Sie mal, Klaus Heinrich, so geht das nicht. Sie werden angestarrt, und die kleine Imma wird angestarrt, das genügt. Wenn nun aber Sie auch noch die kleine Imma anstarren, so ist das zuviel. Das müssen Sie doch einsehen?«
»Ach, Doktor Überbein, ich habe nicht daran gedacht.«
»Sie pflegen aber doch sonst an so was zu denken.«
»Mir ist seit einigen Tagen so neuartig zumute«, sagte Klaus Heinrich.
Doktor Überbein lehnte sich zurück, ergriff seinen roten Bart in der Nähe der Gurgel und nickte langsam mit Kopf und Oberkörper.
»So? Ist Ihnen?« fragte er. Und fuhr dann fort zu nicken.
Klaus Heinrich sagte: »Sie glauben nicht, wie ungern ich neulich zur Einweihung der Stadthalle gefahren bin. Und morgen muß ich die Rekrutenvereidigung bei den Leibgrenadieren vornehmen. Und dann kommt das Hausordens-Kapitel. Das ist mir sehr zuwider. Ich habe gar keine Lust zu repräsentieren. Ich habe gar keine Lust zu meinem sogenannten hohen Beruf.«
»Das höre ich ungern!« sagte Doktor Überbein scharf.
»Ja, ich konnte mir denken, daß Sie böse werden würden, Doktor Überbein. Sie nennen es gewiß eine Schlamperei. Und dann werden Sie gewiß von ›Schicksal und Strammheit‹ reden, wie ich Sie kenne. Aber gestern in der Oper habe ich bei einer bestimmten Stelle an Sie gedacht und mich gefragt, ob Sie eigentlich so ganz recht hätten in manchen Punkten …«
»Hören Sie, Klaus Heinrich, wenn ich mich nicht irre, so habe ich Euere Königliche Hoheit schon einmal sozusagen bei den Ohren wieder zu sich selber gebracht …«
»Das war etwas anderes, Doktor Überbein. Ach wenn Sie doch einsähen, daß das etwas ganz und gar anderes war! Das war im ›Bürgergarten‹, aber der liegt so weit zurück, und ich habe keinerlei Verlangen danach. Denn sie ist ja selbst … Sehen Sie, Sie haben mir früher manchmal erklärt, was Sie unter ›Hoheit‹ verstünden, und daß sie rührend sei, und daß man sich ihr mit zarter Teilnahme zu nahen habe, wie Sie sich ausdrückten. Finden Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie rührend ist und daß man teil an ihr nehmen muß?«
»Vielleicht«, sagte Doktor Überbein. »Vielleicht.«
»Sie sagten oft, daß man die Sonderfälle nicht wegleugnen dürfe, das sei eine Schlamperei und eine liederliche Gemütlichkeit. Finden Sie denn nicht, daß sie auch ein Sonderfall ist, die, von der wir reden?«
Doktor Überbein schwieg.
»Und nun sollte ich wohl gar,« sagte er plötzlich mit schallender Stimme, »wenn es möglich wäre, dazu helfen, daß aus zwei Sonderfällen so etwas wie ein Allerweltsfall werde?«
Hierauf ging er. Er sagte, daß er zu seiner Arbeit zurückkehren müsse, wobei er das Wort »Arbeit« scharf betonte, und bat, sich zurückziehen zu dürfen. Er verabschiedete sich seltsam zeremoniös und unväterlich.
Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwölf Tage nicht. Er lud ihn einmal zum Frühstück ein, aber Doktor Überbein ließ um gnädigste Entschuldigung bitten, seine Arbeit nähme ihn augenblicklich gar zu sehr in Anspruch. Schließlich kam er von selbst. Er war aufgeräumt und sah übrigens grüner aus als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und kam dann auf Spoelmanns zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich bei der Gurgel ergriff. Alles was recht sei, sagte er, aber es sei ganz auffallend viel Sympathie für Samuel Spoelmann vorhanden, man spüre es überall in der Stadt, wie er beliebt sei. Erstens natürlich als Steuersubjekt, aber auch sonst. Man habe einfach Sinn für ihn, in allen Schichten, für sein Orgelspiel und seinen mißfarbenen Paletot und seine Nierenkoliken. Jeder Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht so unzugänglich und verdrießlich wäre, würde man es ihm schon zu fühlen geben. Die Zehntausend-Mark-Spende für das Dorotheen-Spital habe natürlich den besten Eindruck gemacht. Sein Freund Sammet habe ihm, Überbein, erzählt, daß mit Hilfe dieser Schenkung umfassende Verbesserungen im Spital vorgenommen seien. Und übrigens, was ihm da einfalle! Die kleine Imma wolle ja morgen vormittag die Verbesserungen in Augenschein nehmen, habe Sammet erzählt. Sie habe einen von ihren Schwanverbrämten geschickt und angefragt, ob sie morgen willkommen sei. Eigentlich gehe sie ja das Kinderelend den Teufel etwas an, meinte Überbein, aber sie wolle vielleicht was lernen. Morgen vormittag um elf, wenn ihn sein Gedächtnis nicht täusche. Dann sprach er von etwas anderem. Beim Weggehen sagte er noch: »Der Großherzog sollte sich mal ein bißchen um das Dorotheen-Spital kümmern, Klaus Heinrich, man erwartet das. Eine segensreiche Anstalt. Kurzum, jemand müßte vorfahren. Und das hohe Interesse bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen … Und damit Gott befohlen.«
Aber er kehrte noch einmal zurück, und in seinem grünlichen Gesicht war, unterhalb der Augen, eine Röte entstanden, die sich völlig unwahrscheinlich darin ausnahm. »Sollte ich«, sagte er laut, »Sie jemals wieder mit einem Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so lasse ich Sie sitzen.« Dann kniff er die Lippen zusammen und ging schnell hinaus.
Am nächsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schloß »Eremitage« kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen Vorstadtstraßen zwischen ärmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem schlichten weißen Hause, über dessen Eingang in breiten schwarzen Lettern »Dorotheen-Kinderspital« zu lesen war. Sein Besuch war gemeldet. Der Chefarzt der Anstalt, im Frack und angetan mit dem Albrechtskreuz dritter Klasse, erwartete ihn mit zwei jüngeren Ärzten und dem Korps der Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein Begleiter trugen Helm und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: »Ich erneuere zum zweitenmal eine alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als ich zur Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind Sie ja ein Freund meines Lehrers Überbein. Ich freue mich sehr.«
Doktor Sammet, in tätiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwärts geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am Oberkörper. Er stellte dem Prinzen die beiden jüngeren Ärzte und die Schwester-Oberin vor und sagte dann: »Ich muß Euerer Königlichen Hoheit anzeigen, daß der gnädige Besuch Euerer Königlichen Hoheit mit einem anderen Besuch zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Fräulein Spoelmann. Ihr Vater hat unsere Anstalt in so großartiger Weise gefördert … Wir konnten die Vereinbarung nicht wohl noch rückgängig machen. Die Schwester-Oberin wird das Fräulein führen.«
Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis. Er tat hierauf eine Äußerung über die Tracht der Diakonissinnen, die er kleidsam nannte, und erklärte dann, daß er begierig sei, einen Einblick in die segensreiche Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin blieb mit drei Schwestern in der Vorhalle zurück.
Alle Wände im Haus waren weiß getüncht, waren waschbar. Ja. Die Kräne der Wasserleitungen waren sehr groß; man bewegte sie mit dem Ellenbogen, aus Reinlichkeitsrücksichten. Und Spülstrahlapparate waren angebracht, für die Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der leer war bis auf ein paar Betten außer Dienst und die Fahrräder der Ärzte. Im Ordinationszimmer, nebenan, war außer dem Schreibtisch und dem Gestell mit den weißen Mänteln der Ärzte noch eine Art Wickeltisch mit Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nährmitteln und eine muldenförmige Kinderwage zu sehen. Klaus Heinrich verweilte bei den Nährmitteln, ließ sich die Zusammensetzung der Präparate erklären. Doktor Sammet dachte bei sich, daß, wenn man den Rundgang mit dieser Gründlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit verlorengehen werde.
Plötzlich gab es Geräusch auf der Straße. Ein Automobil fuhr tutend an und bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hörte es deutlich im Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus Heinrich kümmerte sich nicht sehr um diese Vorgänge. Er betrachtete eine Büchse mit Milchzucker, die übrigens nicht viel Merkwürdiges bot. »Scheinbar kommt Besuch«, sagte er. »Oh, richtig, Sie sagten ja, daß welcher kommen werde. Gehen wir weiter?«
Man begab sich in die Küche, die Milchküche, den großen, mit Kacheln ausgelegten Raum für Milchmischung, den Aufbewahrungsort für Vollmilch, Schleime und Buttermilch. Die täglichen Quanten standen auf reinlichen weißen Tischen in kleinen Flaschen beisammen. Es herrschte ein säuerlich fader Geruch.
Klaus Heinrich wandte auch diesem Raum seine volle Aufmerksamkeit zu. Er ging so weit, von der Buttermilch zu kosten und fand sie vorzüglich. Wie müßten nicht die Kinder gedeihen, betonte er, bei einer solchen Buttermilch. Während dieser Musterung öffnete sich die Tür, und Miß Spoelmann kam zwischen der Schwester-Oberin und der Gräfin Löwenjoul herein, gefolgt von den drei Diakonissinnen.
Heute bestanden Jacke, Mütze und Muff, die sie trug, aus dem herrlichsten Zobel, und der Muff hing an einer goldenen, mit farbigen Edelsteinen besetzten Kette. Übrigens zeigte ihr schwarzes Haar die Neigung, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen. Sie überflog den Raum mit einem großen Blick, ihre Augen waren wirklich ganz ungebührlich groß im Verhältnis zu ihrem Gesichtchen; sie beherrschten es wie bei einem Kätzchen – nur daß sie schwarz waren wie Glanzkohle und diese fließende Sprache führten … Die Gräfin Löwenjoul, ein Federhütchen auf ihrem kleinen Kopf und übrigens schlicht, knapp und nicht ohne Vornehmheit gekleidet wie immer, lächelte abwesend.
»Die Milchküche,« sagte die Schwester-Oberin, »hier wird die Milch gekocht für die Kinder.«
»Etwas Ähnliches ließ sich vermuten«, entgegnete Fräulein Spoelmann. Sie sagte es äußerst rasch und obenhin, ohne englischen Einschlag übrigens, mit vorgeschobenen Lippen und einem kleinen, hochmütigen Hin- und Herwenden des Köpfchens. Ihre Stimme war doppelt; sie bestand aus einer tiefen und einer hohen, mit einem Bruch in der Mitte.
Die Schwester-Oberin war ganz betreten. »Ja,« sagte sie, »man sieht es gleich.« Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht zu bemerken.
Die Sachlage war nicht einfach. Doktor Sammet suchte in Klaus Heinrichs Miene nach Befehlen; allein da Klaus Heinrich wohl gewohnt war, innerhalb feststehender Formen Dienst zu tun, nicht aber, neuartige und verwirrte Umstände zu ordnen, so entstand eine Ratlosigkeit. Herr von Braunbart war im Begriffe, vermittelnd einzutreten, und Fräulein Spoelmann, auf der anderen Seite, schickte sich an, die Milchküche wieder zu verlassen, als der Prinz mit der Rechten eine kleine verbindende Bewegung zwischen sich und dem jungen Mädchen vollführte. Dies war das Zeichen für Doktor Sammet, auf Imma Spoelmann zuzutreten.
»Doktor Sammet. Ja.« Er bitte um die Ehre, das gnädige Fräulein Seiner Königlichen Hoheit vorstellen zu dürfen … »Fräulein Spoelmann, Königliche Hoheit, Mister Spoelmanns Tochter, dem das Spital so viel verdankt.«
Mit geschlossenen Absätzen reichte Klaus Heinrich ihr die Hand im weißen Militärhandschuh, und indem sie ihr schmales, mit braunem Rehleder bekleidetes Händchen hineinlegte, gab sie der Bewegung des Händedrucks eine wagerechte Richtung, machte ein englisches shake-hands daraus, wobei sie gleichzeitig mit spröder Pagenanmut etwas wie einen Hofknicks andeutete, ohne ihre großen Augensterne von Klaus Heinrichs Gesicht zu wenden. Er sagte etwas sehr Gutes, nämlich: »Sie machen also auch dem Spital einen Besuch, gnädiges Fräulein?«
Und rasch wie vorhin, mit vorgeschobenen Lippen und dem kleinen hochmütigen Hin und Her des Kopfes, antwortete sie mit ihrer gebrochenen Stimme: »Man kann nicht leugnen, daß manches für diese Annahme spricht.«
Unwillkürlich hob Herr von Braunbart abwehrend die Hand. Doktor Sammet blickte still auf seine Uhrkette nieder, und einem der jungen Ärzte entschlüpfte ein kurzer Laut durch die Nase, der nicht am Platze war. Man sah jetzt in Klaus Heinrichs Gesicht die kleine schmerzliche Verzerrung. Er sagte: »Natürlich … so werde ich also die Anstalt zusammen mit dem gnädigen Fräulein besichtigen können … Herr Hauptmann von Braunbart, mein Adjutant«, fügte er rasch hinzu, da er seine Bemerkung gleich der letzten würdig fand. Sie sagte dagegen: »Frau Gräfin Löwenjoul.«
Die Gräfin verbeugte sich vornehm – mit einem rätselhaften Lächeln übrigens, einem Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes hatte. Als sie sich aber wieder aufrichtete und ihren so wunderlich entwichenen Blick zu Klaus Heinrich zurückkehren ließ, der in gefaßter und militärisch gesammelter Haltung vor ihr stand, da verschwand das Lächeln von ihrem Gesicht, ein Ausdruck von Ernüchterung und Gram ergriff von ihren Zügen Besitz, und in derselben Sekunde war es, als ob in ihren ein wenig verschwollenen grauen Augen etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich aufzuckte … Das war nur eine flüchtige Erscheinung. Klaus Heinrich fand nicht Zeit, darauf achtzuhaben, und vergaß es alsbald. Die beiden jungen Ärzte gelangten zur Vorstellung vor Imma Spoelmann. Und dann stimmte Klaus Heinrich dafür, daß man den Rundgang wieder aufnähme.
Es ging die Treppe hinauf, ins erste Stockwerk. Klaus Heinrich und Imma Spoelmann vorauf, geleitet von Doktor Sammet, dann die Gräfin Löwenjoul mit Herrn von Braunbart und endlich die jungen Ärzte. Hier waren die größeren Kinder – ja; im Alter bis zu vierzehn Jahren. Ein Vorraum mit Wäscheschränken trennte die Säle für Mädchen und Knaben. In weißen Gitterbettchen, mit einem Namensschild zu Häupten und einem Klapprahmen am Fußende, der Tabellen mit Fieber- und Gewichtskurven zeigte, gewartet von Schwestern in weißen Hauben, umgeben von Ordnung und Reinlichkeit, lagen die kranken Kinder, und Husten erfüllte den Raum, während Klaus Heinrich und Imma Spoelmann zwischen den Reihen dahinschritten.
Er hielt sich aus Höflichkeit zu ihrer Linken und lächelte, wie er es tat, wenn er durch Ausstellungen geführt wurde, die Fronten von Veteranen, Turnern und Ehrenkompanien musterte. Aber immer, wenn er den Kopf nach rechts wandte, gewahrte er, daß Imma Spoelmann ihn betrachtete – begegnete er ihrem großen schwarzen Blick, der prüfend, mit glänzend ernster Frage auf ihn gerichtet war. Das war so seltsam, daß Klaus Heinrich nie etwas Seltsameres erlebt zu haben glaubte als ihre Art, so ohne Rücksicht auf ihn und alle, ganz unverhohlen und frei, ganz unbesorgt, ob jemand acht darauf habe, mit ihren großen Augen ihn zu betrachten. Wenn Doktor Sammet an einem Bettchen verweilte, um den Fall zu erklären, wie bei dem kleinen Mädchen, dessen gebrochenes, weiß verpacktes Bein ganz senkrecht emporgebunden war, so hörte Fräulein Spoelmann ihm aufmerksam zu, man sah es wohl; aber während sie lauschte, blickte sie nicht auf den Redenden, sondern ihre Augen gingen zwischen Klaus Heinrich und dem Kinde, das schmal und still, mit auf der Brust gekreuzten Händen aus seiner Rückenlage zu ihnen emporblickte – zwischen dem Prinzen und diesem kleinen Leidensfall, der ihnen gemeinsam erklärt wurde, hin und her, als beaufsichtige sie Klaus Heinrichs Teilnahme oder als suche sie die Wirkung von Doktor Sammets Worten in seiner Miene zu lesen – man wußte nicht recht, warum es geschah. Ja, namentlich war es so bei dem Knaben mit dem Schuß durch den Arm und bei dem, der aus dem Wasser gezogen worden: zwei traurigen Fällen, wie Doktor Sammet bemerkte. »Eine Verbandschere, Schwester«, sagte er und zeigte ihnen die Doppelwunde am Oberarm des Knaben, den Eintritt und Austritt einer Revolverkugel. »Die Wunde«, sagte Doktor Sammet gedämpft zu seinen Gästen, indem er dem Bettchen den Rücken zuwandte, »die Wunde hat ihm sein eigener Vater beigebracht, ja. Es ist gut abgelaufen bei diesem einen. Der Mann hat seine Frau und drei seiner Kinder und sich selbst mit einem Revolver erschossen. Er hat fehlgeschossen bei diesem Knaben …« Klaus Heinrich sah auf die Doppelwunde. »Warum tat das der Mann?« fragte er scheu, und Doktor Sammet antwortete: »In der Verzweiflung, Königliche Hoheit; es war Schande und Not, was ihn dazu veranlaßte. Ja.« Er sagte nichts weiter; nur dies Allgemeinste – ebenso wie bei dem Kleinen, der aus dem Wasser gezogen war, einem zehnjährigen Knaben. »Er schnauft«, sagte Doktor Sammet. »Er hat noch Wasser in seiner Lunge. Man hat ihn heute früh aus dem Fluß gefischt – ja. Übrigens ist es wenig wahrscheinlich, daß er so recht eigentlich in das Wasser gefallen ist. Mehrere Anzeichen sprechen dagegen. Er war von Hause entflohen. Ja.« Er schwieg. Und wieder fand Klaus Heinrich, daß Fräulein Spoelmann ihn anblickte, groß, schwarz und glänzend ernst – mit ihrem Blick, der den seinen suchte, ihn dringlich aufzufordern schien, gemeinsam mit ihr die »traurigen Fälle« zu durchdenken, Doktor Sammets Andeutungen im Geist zu vervollständigen, bis zu den schrecklichen Wahrheiten vorzudringen, die durch diese zwei kranken Kinderkörper zusammengefaßt und dargestellt wurden … Ein kleines Mädchen weinte bitterlich, als der dampfende und zischende Inhalierapparat zusammen mit einem Pappdeckel voll bunter Bilder an ihr Bettchen gestellt wurde. Fräulein Spoelmann beugte sich zu der Kleinen nieder. »Es tut nicht weh,« sagte sie und ahmte die Kindersprache nach, »kein bißchen. Du mußt nicht weinen.« Und als sie sich wieder aufrichtete, fügte sie rasch hinzu und rümpfte die Lippen: »Es steht zu vermuten, daß sie nicht sowohl über den Apparat als über die Bilder weint.« Alle lachten. Der eine der jungen Assistenten hob den Pappdeckel empor und lachte noch lauter, als er die Bilder betrachtete. Man ging hinüber ins Laboratorium. Klaus Heinrich dachte im Gehen darüber nach, wie seltsam Fräulein Spoelmann spottete. »Es steht zu vermuten«, hatte sie gesagt, und »nicht sowohl«. Es war gewesen, als ob sie sich nicht nur über die Bilder, sondern auch über die ausgesuchten und scharfen Redensarten lustig machte, die sie mit rascher Gewandtheit benutzte. Und das war wohl der unumschränkteste Spott, der sich denken ließ …
Das Laboratorium war der größte Raum des Hauses. Gläser, Retorten, Trichter und Chemikalien standen auf den Borden, und es standen Präparate in Spiritus darauf, die Doktor Sammet seinen Gästen in ruhigen und festen Worten erklärte. Ein Kind war auf unerklärliche Weise erstickt: Hier war sein Kehlkopf, mit pilzartigen Wucherungen statt der Stimmbänder. Ja. Dies hier im Glase war eine krankhaft erweiterte Kinderniere; und dies waren entartete Knochen. Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann sahen alles an, sie blickten zusammen in die Gläser, die Doktor Sammet gegen das Fenster hielt, und ihre Augen waren andächtig, während um ihre Münder derselbe kleine Zug von Widerstand lag. Sie blickten auch nacheinander in das Mikroskop, betrachteten, mit einem Auge über die Linse gebeugt, eine böse Ausscheidung, eine blau gefärbte, auf ein Glasplättchen gestrichene Materie, die neben den großen Flecken ganz kleine Punkte zeigte: das waren Bazillen. Klaus Heinrich wollte Fräulein Spoelmann zuerst an das Mikroskop treten lassen, aber sie wehrte ab, indem sie die Brauen emporzog und einen Mund machte, als wollte sie mit übertriebener Betonung »Oh, unter keiner Bedingung!« sagen. Da nahm er denn den Vortritt, denn er fand, daß es wirklich einerlei sei, wer zuerst etwas so Ernstes und Furchtbares wie Bazillen in Augenschein nahm. Und hierauf wurden sie hinaufgeführt, in den zweiten Stock, zu den Säuglingen.
Sie lachten beide über das vielstimmige Geschrei, das ihnen schon auf der Treppe entgegenscholl. Und dann gingen sie mit ihrem Gefolge im Saal zwischen den Bettchen dahin, beugten sich nebeneinander über die kahlköpfigen Geschöpfe, die mit geballten Fäustchen schliefen oder aus allen Kräften schreiend ihre nackten Gaumen zeigten – hielten sich die Ohren zu und lachten aufs neue. In einer Art Ofen, darin eine gleichmäßige Wärme erzeugt wurde, lag eine Frühgeburt. Und Doktor Sammet zeigte den hohen Gästen ein grausig leichenhaftes Armenkind mit häßlichen großen Händen, diesem Abzeichen einer niederen und harten Geburt … Er nahm ein schreiendes Kind aus dem Bettchen, und es verstummte sofort. Sachkundig stützte er den haltlosen Kopf in seine hohle Hand und wies das rote, blinzelnde, mit kurzen Bewegungen sich dehnende Wesen den beiden vor – Klaus Heinrich und Imma Spoelmann, die nebeneinander standen und auf den Säugling niederblickten. Klaus Heinrich sah mit geschlossenen Absätzen zu, wie Doktor Sammet das Kind in das Bettchen zurücklegte; und als er sich wandte, traf er auf Imma Spoelmanns glänzend forschende Augen, wie er es erwartet hatte.
Zuletzt traten sie an eines der drei Fenster des Saales und blickten hinaus über die ärmliche Vorstadtgegend, hinunter auf die Straße, wo, umlagert von Kindern, der braune Hofwagen und Immas prachtvolles, dunkelrot lackiertes Automobil hintereinander hielten. Der Spoelmannsche Chauffeur, unförmig in seinem Zottenpelz, saß tief zurückgelehnt, eine Hand am Steuer des gewaltigen Fahrzeugs, und sah zu, wie sein Kamerad, der weiße Bediente, dort vorn am Coupé ein Geplauder mit Klaus Heinrichs Kutscher in Gang zu halten suchte.
»Die Nachbarn«, sagte Doktor Sammet, der mit einer Hand die weiße Tüllgardine zurückhielt, »sind zugleich die Eltern unserer Pfleglinge. Sonnabends spät ziehen die betrunkenen Väter johlend vorüber. Ja.«
Sie standen und lauschten; aber Doktor Sammet sagte nichts mehr von den Vätern, und so brachen sie auf, denn nun hatten sie alles gesehen.
Der Zug, Klaus Heinrich und Imma voran, bewegte sich die Treppen hinunter, und in der Vorhalle war auch das Schwesternkorps wieder versammelt. Es wurde Abschied genommen, mit Absatzklappen und Honneurs, mit Verbeugungen und Knicksen. Klaus Heinrich, in förmlicher Haltung vor Doktor Sammet, der ihm mit seitwärts geneigtem Kopfe und die Hand an der Uhrkette zuhörte, äußerte sich in einer feststehenden Redewendung höchst beifällig über das Gesehene, während er fühlte, daß Imma Spoelmann ihre großen Augen dabei auf ihm ruhen ließ. Er geleitete mit Herrn von Braunbart die Damen zum Automobil, als die Verabschiedung von den Ärzten und den Schwestern beendet war. Während sie, zwischen Kindern und Frauen, die Kinder auf den Armen hielten, das Trottoir überschritten, und noch an dem breiten Trittbrett des Automobils unterhielten sich Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann wie folgt.
»Es war mir eine große Freude, mit dem gnädigen Fräulein zusammenzutreffen«, sagte er.
Sie antwortete hierauf nichts, sondern schob nur die Lippen vor, indem sie ein wenig den Kopf hin und her wandte.
»Es war eine fesselnde Besichtigung«, sagte er wieder. »Man tat allerlei Einblicke.«
Sie sah ihn an, groß und schwarz. Dann sagte sie rasch und obenhin, mit ihrer gebrochenen Stimme: »O ja, bis zu einem gewissen Grade …«
Er verfiel auf die Frage: »Ich hoffe, es gefällt Ihnen auf Schloß Delphinenort, gnädiges Fräulein?« Worauf sie mit vorgeschobenen Lippen erwiderte: »Oh, warum nicht. Es ist ja eine ganz schickliche Unterkunft …«
»Gefällt es Ihnen besser dort als in Neuyork?« fragte er. Und sie antwortete: »Ebensogut. Es ist ziemlich gleich. Es ist ziemlich überall dasselbe.«
Das war alles. Klaus Heinrich und, einen Schritt hinter ihm, Herr von Braunbart standen, die Hand am Helm, als der Chauffeur ankurbelte und das Automobil sich unter Erschütterungen in Bewegung setzte.
Es versteht sich, daß diese Begegnung nicht lange eine innere Angelegenheit des Dorotheen-Spitales blieb, vielmehr noch am selben Tage in aller Munde war. Der »Eilbote« veröffentlichte unter zart poetischer Überschrift eine ausführliche Schilderung des Zusammentreffens, die, ohne in den Einzelheiten streng den Tatsachen zu entsprechen, die Gemüter doch mächtig gefangennahm, ja Kundgebungen einer so lebhaften Wißbegierde des Publikums hervorrief, daß das wachsame Blatt sich veranlaßt sah, auf weitere Annäherungen zwischen den Häusern Grimmburg und Spoelmann fortan ein Auge zu haben. Es war nicht viel, was es melden konnte. Es vermerkte ein paarmal, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich, nach Schluß der Hoftheatervorstellung den Wandelgang der ersten Galerie durchschreitend, einen Augenblick vor der Spoelmannschen Loge haltgemacht habe, um die Damen zu begrüßen. Und in seinem Bericht über den kostümierten Wohltätigkeitsbasar, der Mitte Januar im großen Rathaussaale stattfand – einer eleganten Veranstaltung, an der sich auf inständige Einladung durch das Komitee Miß Spoelmann als Verkäuferin beteiligte –, nahm keinen geringen Raum die Beschreibung jener Szene ein, wie Prinz Klaus Heinrich bei dem Rundgang des Hofes vor der Bude angehalten habe, in der Fräulein Spoelmann schaltete, wie er einen Gegenstand, eine Vase, ein Kunstglas (denn Fräulein Spoelmann verkaufte Porzellan und Kunstgläser) von ihr erworben und sich wohl acht oder zehn Minuten lang plaudernd vor dem Verkaufsstande verweilt habe. Von dem Inhalt des Gespräches verlautbarte nichts. Dennoch war es durchaus nicht ohne Ergebnis verlaufen.