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Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Chapter 10: 9
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About This Book

Ein Mann mittleren Alters, Kornelius Vanderwelt, begegnet einem jungen Mädchen, das zu Fuß nach Ruhrort will; er nimmt sie in seinen Wagen, und im Verlauf der Fahrt entsteht ein Wechselspiel aus neckischem Gespräch, unterschwelliger Spannung und genauen Beobachtungen zu Aussehen und Haltung. Die Erzählung verbindet präzise Landschafts- und Personenbeschreibungen mit ironischer Selbstinszenierung, erkundet Machtverhältnisse, Begierde und Schutzbedürftigkeit und verwendet die Flusslandschaft und herbstliche Natur als dichte, atmosphärische Kulisse.

9

Es hatte in diesen Tagen Frau Ausdemwerth, die Mutter Antonies, das Zeitliche gesegnet. Die fröhliche Frau, die in Julianes Kinderzeit den überwältigenden Ausspruch getan hatte, es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die anderen seien Kohlentrimmer. Ihr Nachlaß bestand aus der Wohnungseinrichtung, denn ihr einst reiches Vermögen hatte die Geldentwertung der Nachkriegszeit verschlungen; doch ehe Thomas und Antonie Vanderwelt daran denken konnten, sich in den herrenlos gewordenen Zimmern auszudehnen, war Juliane, ihren Sohn Martin an der Hand, als Heimatlose erschienen, um sich fürerst in Frau Ausdemwerths Räumen einzunisten.

»Ich lege dir meine Bewunderung zu Füßen,« gestand ihr der Bruder Thomas. »Du beutest nicht nur die Lebenden aus, du weißt sogar aus den Toten noch Vorteile zu ziehen. Geh ein in Frieden.«

Antonie Vanderwelt empfing die Schwägerin und Jugendfreundin mit dem ganzen Gefühlsüberschwang, der den Frauen gelockerter Art gemeinsam ist.

»Ach Liebste, Ärmste, bist du dem tobsüchtigen Menschen endlich entgangen? Gott verzeih' ihm seine Schlechtigkeit, ich bringe es nicht zuwege. Der wäre imstande gewesen und hätte dich verhungern lassen.«

»Wie ich aussehe, Antonie! Als wäre ich aus dem vorletzten Jahre übriggeblieben.«

»Nun,« ermutigte die Freundin und drehte sie an den Armen prüfend im Kreis, »vielleicht aus dem letzten Pariser Jahre. Für Ruhrort und Umgebung bist du noch ein gutes Jahr vor.«

»Gottlob!« seufzte Juliane auf. »Dieser rasende Klaus hat mich ja so gut wie mittellos gemacht.«

»Aber er hat dir den Martin gelassen! Geschehen denn noch Wunder?«

»Er kann das Vanderweltsche Blut nicht mehr ertragen, sagt er. Und der Martin? Sieh dir den Jungen an! Ist er nicht Zug für Zug der Großvater, der Großvater Kornelius Vanderwelt, von dem deine Mutter einmal sagte — o mein Gott, Antonie, ich habe dir noch gar nicht meinen Schmerz zu ihrem frühen Heimgang ausdrücken können und tu' es hiermit von Herzen.«

»Innigen Dank, Juliane. Wir sind alle sterblich, und wer weiß, wann wir an der Reihe sind.«

»Wir haben noch große Pflichten an unseren Söhnen zu erfüllen, Antonie, vergiß das bitte nicht.«

»Ja, der kleine Nikolaus, Juliane. Es geht ihm wie deinem Martin: Zug um Zug der Großvater. Und klein sind die schlanken Bengel auch nicht mehr. Die Mädchen schauen sich schon nach ihnen um.«

Thomas Vanderwelt lag im Streckstuhl und freute sich über die Maßen an der Tiefe und Gründlichkeit der Unterhaltung.

»Könntest du dich nicht ein wenig zusammennehmen, Thomas? So kurz nach Mamas Tode!«

»Ich freute mich nur so herzlich, weil ich noch nicht gestorben bin und Zeuge eures furchtbaren Schmerzes sein darf. Wie muß er erst losbrechen, wenn er dem liebsten Gatten gilt! Verzeih, Herzensschwester, es sollte keine Unzartheit gegen deinen Klaus bedeuten, als ich von der Gattenliebe sprach. Aber wenn erst einmal das Bettzeug geteilt ist, habe ich mir sagen lassen, ist auch der Schmerz geteilt und die Freude umso größer.«

»In solchen und ähnlichen unziemlichen Redensarten gefällt sich dein Herr Bruder, solange ich seine Frau bin.«

»Meine Frau,« wiederholte Thomas Vanderwelt und verbeugte sich aus seinem Stuhle heraus.

»Ich finde auch,« entrüstete sich Juliane, »daß er unartig genug gegen wehrlose Frauen ist. Wir wollen in mein Zimmer gehen, damit wir ungestört und unter uns sind.«

Thomas Vanderwelt lachte belustigt in sich hinein.

»Fünf Minuten befindet sie sich in einem fremden Hause, und schon geht sie ›in ihr Zimmer‹ und lädt dahin ein. Sollte es bei jungen Vanderwelts noch lustiger werden können als bisher? Doppelt lustig?«

Juliane aber war klug genug, sich zurückzuhalten, solange das Auseinandersetzungsverfahren mit ihrem Gatten schwebte. Nur so erhoffte sie die Hilfe ihres Vaters. Und die beiden Frauen waren mehr miteinander zusammen, als es Thomas hätte lieb sein können, wäre er nicht Thomas gewesen.

»Ich bin gespannt,« murmelte er, »ich bin äußerst gespannt. Eine Mitspielerin mehr ändert jedes Bild und jede Berechnung. Über Langweiligkeit brauche ich mich nicht zu beklagen.«

Die Scheidungsangelegenheit wurde seitens des Hauses Beckenried mit Nachdruck betrieben, und da keine der beiden Parteien Schwierigkeiten machte, durch Entgegenkommen zur schnelleren Lösung beizutragen, so schritt das Verfahren rasch dem Ende zu. Juliane zählte die Tage. Zur Frühjahrsmodenschau wollte sie wieder zu den Mitwirkenden rechnen.

Häufiger als sonst erschienen in dieser Zeit die Enkel bei Kornelius Vanderwelt. Es war, als ob sie es fühlten, daß dem Großvater Gewalt angetan wurde, und darüber hinaus, als ob sich ihre Jungengemüter von dem Verdachte reinigen wollten, selbstsüchtige Teilnehmer zu sein.

Das las Kornelius Vanderwelt hinter ihren heißen Stirnen, als sie nach wenigen Tagen zum zweiten Male vor ihm erschienen und ihm ihre Aufsatzhefte vorlegten. Die Note ›Sehr gut‹ kehrte in den Heften beider mit lückenloser Regelmäßigkeit wieder.

Kornelius Vanderwelt griff in die Westentasche und holte ein paar silberne Markstücke hervor. Die Jungen gewahrten es mit purpurroten Köpfen.

»Darum haben wir es nicht getan, Großvater,« versicherten sie erschrocken. »Wir hatten nur gedacht, es machte dir Freude.«

»Heule ich denn vielleicht, ihr blinden Hessen?«

»Wir sind ja gar keine Hessen, wir sind Rheinfranken, Großvater!«

»Wer sagt euch das? Auch Wikinger haben hier gesessen, aus Norwegen und von den dänischen Inseln. Echtes Germanenblut, Jungens. Und so sorgt, daß ihr über die Rheinfranken hinaus Deutsche werdet.«

»Das sind wir doch schon, Großvater?« fragten die Jungen verwundert.

»Man hat es euch vorgeredet,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Das wahre Deutschland ist immer noch nicht aufzufinden. Seit eine Geschichte besteht, wird es gesucht. Und wenn man so nahe herangekommen ist, daß man es greifen könnte, stellt hurtig einer dem anderen ein Bein, daß er in den Dreck hinschlägt, und der andere reißt den einen am Rockzipfel schleunigst mit in die Pfütze.«

»Weshalb sind sie denn so töricht, Großvater, wenn sie wissen, sie müssen mit hinein?«

»›Propter invidiam!‹ sagten schon die römischen Eroberer von den Deutschen. Aus gemeinem Neid. Aus Neid auf die Größe des Nachbarn ließen sie eher die Römer das Land erobern, als sich dem Nachbar als dem Führer zu unterstellen. Baute in den Städten ein Bürger einen hohen Giebel, so trieb ein Dutzend andere der fressende Neid, noch viel höhere zu bauen, und wenn ihr Haus schmal war wie ein Schwindsüchtiger. Und bringt es in deutschen Landen ein Mann zu Ehren, so ruht die Scheelsucht nicht, bis ein Trüpplein zusammengebracht ist, das mit Stricken und Stangen loszieht. Propter invidiam, ihr jungen Lateiner, vergeßt es nicht. Und geht dem deutschen Erbübel zu Leibe und bei euch selber zuerst. Eher bringen wir es nicht zu einem großen und stolzen Volk, als bis die Bausteine die Ecksteine gelten lassen und nicht jeder Neidhund ihn besudelt, weil er just nicht derselbe Eckstein geworden ist. Und was vom einzelnen gilt, gilt von der Vielheit, gilt vom deutschen Volk. Propter invidiam. Erwürgt den Drachen der deutschen Zwietracht, Jungens, wenn ihr Deutsche werden wollt!«

»Und — Dichter und Künstler möchten wir werden. Dürfen wir das?«

Kornelius Vanderwelt lachte, und seine Hand warf ihnen das dichte Haar durcheinander.

»Ich möcht's euch schon gönnen, Jungens. Aber dazu heißt's lernen und mitten im Leben stehen, den Bauernburschen begreifen und den Fürstensohn, das windige Mädchen und die große Frau, den Toren wie den Weisen. Alles Menschliche erfassen und doch abseits genug gehen, um vom allzu Menschlichen nicht erdrückt zu werden. Nicht aus Furcht vor dem Neid. Der findet euch, und wenn ihr beide auf zwei einsamen Spitzen des Himalaja säßet. Nur ihr selber sollt dem Neide nie Raum geben, denn der Neider und der Ehrabschneider hocken wie zwei Giftblüten in dem gleichen Gezweig.«

Als die Osterferien anbrachen, klingelten die Knaben am großväterlichen Haus, bevor sie ihre Schulzeugnisse daheim vorgezeigt hatten. Angela Freydag öffnete ihnen. »Versetzt?« fragte sie. Und als die Knaben nur hastig nickten, weil ihnen die Kinderfreude den Atem verschlug, breitete sie schnell die Arme aus und nahm die Beglückten an ihr warmes Herz.

»Geht zum Großvater hinein. Er kann viel Freude vertragen. Und keiner hat sie verdient wie er.«

Kornelius Vanderwelt war jetzt viel zu Hause. Die wenigen laufenden Geschäfte zu erledigen, hielt nicht schwer, und an den Wiederaufbau wollte er erst herangehen, wenn die Abrechnungen mit den Beckenrieds vollzogen und die Herren ausgeschieden wären. Die Anspannung seiner ganzen Willenskraft gehörte dazu, den Anblick der wehleidigen Geldanbeter zu ertragen, und seine vollblütige Natur litt stärker, als er selber es wußte, in den Geschäftsstunden, in denen er den Vortrag des älteren Beckenried entgegenzunehmen hatte.

Er wandte sich um, als Angela Freydag die Knaben ins Zimmer ließ. Die heißen Augen unter den graugewordenen Brauen funkelten sie an. Diese Augen waren der Enkel Erschauern und Stolz.

»Untertertianer, Großvater,« meldeten sie und standen stramm.

»Ihr macht wohl Witze? Quintaner, meint ihr! Also dann Quartaner! Ihr tut's nicht anders? Ihr bleibt dabei? Untertertianer? Mein Gott, seid ihr über Nacht eine Handbreit gewachsen oder beginne ich in die Grube zu sinken?«

»Wir sind gewachsen, Großvater. Du sinkst noch lange nicht.«

»Nein, solange ihr wachst, kann ich nicht sinken. Enkel und Großvater in eins bilden erst das geheimnisvolle Ganze. Die eigenen Kinder stehen einem zeitlich zu nahe und bilden nur die Übergangsform.«

Er setzte sich in seinen Arbeitsstuhl und ließ die Beförderten antreten. Rechts und links seiner Knie hielt er einen Jungen im Arm, und seine Augen wanderten prüfend von einem zum anderen.

»Sag' mal deine Zeugnisnoten her, Martin.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, Mathematik mangelhaft.«

»Und du, Nikolaus.«

»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, Mathematik mangelhaft.«

»Schreibt ihr voneinander ab?«

»Nur in der Mathematik, Großvater.«

»Null plus Null gibt wiederum Null. Also würde ich's lassen und die Zeit nutzbringender anwenden. Euer Lehrer kann wohl selber keine Mathematik?«

»Er kann schon, Großvater, aber er kann nicht begreifen, daß wir nicht geradesoviel können.«

Kornelius Vanderwelt lachte behaglich über sie hin.

»Freut euch, Jungens, denn wenn ihr geradesoviel könntet, würde er das wieder für unbegreiflich halten.«

So fand sie Angela Freydag. Die Jungen dicht an die Knie des Alternden gedrängt, und unter den drei Augenpaaren Kornelius Vanderwelts Augenpaar das leuchtendste.

»Komm her, Engel, und sag' mir, ohne nach der Jacke zu schielen: wer ist der Martin und wer ist der Nikolaus?«

»Ich will ihnen lieber allen beiden einen Kuß geben, weil sie die Enkel Kornelius Vanderwelts sind. Und nichts weiter.«

»Engel, kann ein Großvater nicht sein eigener Enkel sein? Ich möcht' es meinen.«

Und sie küßte sein geliebtes Gesicht mit den Augen.

»Habt ihr einen Ferienwunsch?« fragte er mit weicher Stimme. »Sagt ihn auf.«

»Im Düsseldorfer Theater werden die Klassiker gespielt, Großvater. Dürfen wir einmal hin?«

»Ich schenke jedem von euch zwanzig Reichsmark. Dafür dürft ihr das Theater besuchen, solang das Geld reicht. Wie ihr nach Düsseldorf kommt und nach Ruhrort zurück, ist eure Sache.«

»Wir laufen zu Fuß, Großvater, und nachts kriechen wir auf einen Ruhrorter Kahn, der eine Düsseldorfer Nacht macht, und kommen mit ihm zu Tal. Alle Schiffer kennen uns.«

»So habe ich mir's gedacht,« sagte Kornelius Vanderwelt, zog ihre Köpfe an seine Schläfen und schickte die Beglückten nach Hause. Er blickte ihnen nach, als blickte er seiner Jugend nach.

In den Osterfeiertagen rührte er sich nicht aus dem Hause. Besucher wurden abgewiesen, der Fernsprecher blieb abgestellt. »Erst wenn man älter wird,« meinte er zu Angela Freydag, »liebt man in den Sonn- und Festtagen die Ausruhetage. Als ich jung war, war mir der Sonntag verhaßt, weil spornstreichs der Montag folgte. Der Montag mit dem geängstigten Schülergewissen. Eigentlich fürchtet sich doch der Mensch vor irgend etwas von der Geburt bis zum Tode. Das ist sehr kläglich.«

»Du sprichst doch nicht von dir, Kornelius? Es gibt Menschen, die kein Alter besitzen. Sie sind da oder sie sind nicht da, und du gehörst zu ihnen. Und wissen möcht' ich, wann dein Wildlingsblut sich vor irgend etwas gefürchtet hätte.«

»Na, Engel, unangenehm war's mir doch, wenn der Lehrer sich vor der ganzen Klasse mühte, mich über die Bank zu ziehen. Ich hatte nun mal diese turnerischen Übungen nicht gern, und der Lehrer wußt' es und tat es doch. Da mußte er mitturnen.«

»Das war eine Abneigung, Kornelius, aber keine Furcht. Im Gegenteil: die Rauferei kam dir zuweilen gewiß nicht einmal ungelegen.«

»Wenn ich in den lateinischen Regeln nicht vorbereitet war oder in den französischen unregelmäßigen Verben. Dann ging die Zeit flotter hin.«

»Siehst du? So sah ich dich vor mir. Aber gefürchtet hat sich weder der kleine Kornelius noch der große.«

»Engel, du kannst einem den Übergang leicht machen. Ich habe verkaufen müssen, Engel.«

Sie nahm seine Hand von der Stuhllehne und legte sie zwischen ihre warmen Hände. Seine Hand war kalt, und er sollte es nicht wissen.

»Solange du mich nicht verkaufen mußt, Kornelius — und tust du es, wie ein Wolfshund bräch' ich aus und nähm deine Witterung auf und suchte dich wieder, und wenn du dich am Ende der Welt versteckt hieltest.«

»Gegen was sollte ich dich wohl verkaufen, Engel? Gegen meiner Seele Seligkeit, wie es in den Märchenbüchern heißt? Ach, Engel, du bist ja meiner Seele Seligkeit, und mein Verstand ist noch nicht aus den Fugen. Ich habe dies Haus verkauft, in dem wir heute zum letzten Male die bunten Ostereier auf den Schüsseln sehen, und da es lächerlich wäre, in Hemdärmeln im Wagen zu sitzen oder in Frackhosen am Steuer zu stehen, so habe ich auch den Wagen verkauft und auch die Jacht auf dem Rhein, Engel.«

»Wann müssen wir unsere Siebensachen packen, Kornelius? Oder sind es keine Siebensachen mehr?«

»Ich hoffe, der künstlerische Teil der Einrichtung bleibt uns erhalten. Und wenn nicht, so bleibt mir doch das größte Kunstwerk Gottes: Du. Darum: laß fahren nur dahin. Ich habe drei Monate Zeit, um mir eine Wohnung zu suchen. Irgendwo wird sich schon ein stiller Unterschlupf für uns finden. Eine Art Flüchtlingslager, Engel, von dem aus wir den neuen Eroberungsmarsch vorbereiten.«

»Siehst du nun, daß du das Fürchten nicht kennst?«

»Vor wem sollte ich mich denn fürchten? Doch nicht vor dem lieben Wettbewerb? Es ist keiner darunter, der über meine sechs Fuß mißt. Ich bitte, meine Bescheidenheit zu beachten, mit der ich das reingeistige Gebiet außer Betracht lasse.«

Da lachte sie, und ihre Augen blitzten ihn an.

»Seit ich dich traf, Kornelius, und ich weiß heute nicht mehr, wartete ich auf der Landstraße auf dich oder kamst du dahergefahren, um mich zu holen — jedenfalls hast du seit jenen Tagen den Begriff der Furcht von mir genommen. Überhaupt — wir fürchten uns vielzuviel. Wir werden wahllos in der Furcht erzogen vor dem Guten und vor dem Schlechten. In der Furcht vor den Eltern. In der Furcht vor dem Herrn Lehrer. In der gleichen Furcht vor dem lieben Gott und dem bösen Teufel. Und in der ganz schrecklichen Furcht vor dem Polizeibeamten, und wenn er nur auffordert, den Schnee zu schippen.«

Seine Hand klopfte die ihre. Beifällig, wie man ein kluges Kind belohnt.

»Prachtvoll verstehst du es, unseren scharfkantigen Gesprächsgegenstand in philosophische Watte zu wickeln, Engel. Laß gut sein, Herzgeschöpf. Ob wir auch in warmer Weltweisheit baden, unter den kalten Kranen müssen wir zum Schluß doch zurück, und er heißt: Verkauf.«

»Kornelius,« sagte Angela Freydag und entblößte hohnvoll die starken Zähne, »glaubst du, die Wiederholung würde mich stärker erschüttern? Oder möchtest du, daß wir doch noch das Gruseln lernten und uns jammernd um den Hals fielen? Du willst mich auf die Probe stellen, ich merk' es wohl, und ich frage mich nur: durch welches Vergehen habe ich das verdient? Verkaufen? Wiedererobern wollen wir! Wiedererobern! Wir wollen jung bleiben und nicht altern. Das ist der Wille.«

Kornelius Vanderwelt legte ihr den Arm um die Schulter. Eine Weile saßen sie schweigend beieinander. Und dann sagte Kornelius Vanderwelt: »Es ist wie bei einem Zahnradgestänge. So sicher setzt es ein. An dem Punkte, an dem Männer ermüden, erwachen die Frauen.«

»Du bist ja so wach wie ich, Kornelius. Und unsere Wachheit wollen wir benutzen, den Dingen in die Augen zu sehen. Zähl' auf, was du verkaufen mußt oder verkaufen willst, und mit jedem ausgesprochenen Wort sackt das aufgeblasene Gespenst in sich zusammen.«

»Dann wäre es schon einfacher, Engel, ich zählte auf, was ich nicht verkaufen muß. Als Hauptbestand: zwei Frachtkähne, die ich vor Jahren von windigen Schiffern übernehmen mußte. Sie sind von Fahrt zu Fahrt vermietet. Verheuert, wie es in der Schiffersprache heißt. Wenn es mal ganz schlecht geht, stellen wir beide uns ans Steuer und gehen selber auf Fahrt.«

»Ja, Kornelius. Und was bleibt außer dem Hauptbestand?«

»Ich hätte es gar nicht ›Hauptbestand‹ nennen sollen. Aber das Vanderweltsche Blut hat leicht etwas Großartiges, und wenn es sich um Kohlenkähne handelt. Im Geiste sah ich uns schon an Bord schreiten und die Hausflagge setzen und majestätisch von dannen gleiten bis zum fernen Wunderland Orplid, wo man unsere Steinkohlen für pures Gold gelten läßt.«

»Und Kornelius Vanderwelt für den Kaiser der Welt.«

»Und Angela Freydag für die Amazonenkönigin, zu der der Kaiser der Welt spricht: Ich, dein geliebter Untertan.«

»Sprich nicht weiter,« murmelte sie. »Es ist zu schön.« Und sie wühlte ihren Kopf in seine Achsel.

Kornelius Vanderwelts Hand liebkoste ihren schimmernden Scheitel. Und während er fühlte, wie eine tiefe Wärme sein ganzes Wesen erfaßte und erfüllte, dachte er: nicht zu schön, über alles schön ist es, und so schön, daß man schon deshalb sein Hab und Gut verlieren möchte, um dafür diese Trösterin zu gewinnen. Wenn es am herbsten kommt, schlägt sie das Märchenbuch der Liebe auf und liest mitten hinein ein Kapitel daraus vor. Mit jedem Verluste, der mich trifft, werde ich reicher.

»Kornelius —?«

»Engel?«

»Wie heißt es doch in der Feldherrnsprache? Getrennt marschieren und zusammen schlagen. Soll ich nicht wieder auf Konzertreise gehen und auch für meinen Teil Geld, viel Geld zu verdienen suchen. Und —«

Sie kam nicht weiter. Seine Augen starrten sie wie entgeistert an.

»Ist es schon so weit? Steht es schon so erbarmungswürdig um mich, daß ich die Frau auf den Hausierhandel schicken muß?«

Sie preßte ihre Lippen auf seinen Mund. So fest, daß er nicht weitersprechen konnte.

»Nein, Kornelius, ich brauch' nicht wieder fort? Ich bin dir jetzt ja noch viel nötiger. Denn wir werden allein hausen, und ich werde deine Dienerin und du wirst mein Diener sein. Schau' dir nur meine Hände an, auf die du mich immer so eitel gemacht hast. Jahre werden dazu gehören, um sie wieder gelenkig zu machen und sie wieder zu schulen, daß sie gleichzeitig gehorchen und Befehle erteilen können. Nein, Kornelius, du mußt mich schon als Kugel am Bein mit dir schleppen.«

»Du,« grollte er, »das sind Scherze, die tödlich verlaufen können.«

»Wenn wir nur dabei der Liebe in die Augen sehen! Wer von den Narren der Welt kann das sagen ...«

»Her mit deinen Augen! Her mit ihnen! Nein, mein Angela-Engel, mit einer Trennung ist es vorbei.«

An diesem Tage sprachen sie nicht mehr von zeitlichen Geschäften. Sie blieben eng beieinander, und wenn sie durch das Zimmer schreiten mußten, berührte der eine den anderen heimlich mit der Hand.

Am zweiten Ostertage rief Kornelius Vanderwelt Angela Freydag an seinen Schreibtisch.

»Daß ich es nicht vergesse, Engel. Das Gasthaus zu den ›Fünf Erdteilen‹ ist dein Eigentum. Es war in der Zeit, als ich noch glaubte, das Trinken könnte mich dein Fernsein vergessen machen. Aber ich wollte nicht beim Matthes trinken, sondern nur auf des Engels Grund und Boden. So querköpfig hat mich das Alleinsein gemacht. Und als der Matthes Geld brauchte, kaufte ich ihm Haus und Grundstück ab und ließ es im Grundbuch auf deinen Namen schreiben. Morgen wollen wir aufs Amt und deine Unterschrift nachtragen.«

»Muß das sein, Kornelius?«

»Es ist bereits gewesen, Engel. Vor einem Dutzend Jahre, als du noch in Amerika weiltest. Der Wert der Giftmischerbude ist nur ein rein begrifflicher. Für uns beide, meine ich. Von dort aus holte ich dich unter meinem Regenmantel im Triumphe ein. Ach, diese gottgesegnete Regennacht! Freilich, wird die Eckschenke einmal zugunsten eines Geschäftsgebäudes niedergelegt, so ist der günstig gelegene Platz sein Vielfaches wert.«

»Ich brauche kein Geld, Kornelius, zum Klavierunterricht langt es auch mit steifen Fingern noch.«

»Hältst du es für richtig, Engel, daß Kornelius Vanderwelts geliebte, geliebteste Frau sich nach seinem Tode in fremden Häusern herumdrückt und den Rangen die Nasen putzt? Dann können wir natürlich die Sache fallen lassen.«

Sie stand an seinem Knie, reckte überlegen den Körper hoch und spannte die Hände um die Hüften.

»Jetzt versucht es der große Räuberhauptmann, sein Opfer bei der Ehre zu fassen. Ich habe zwar nicht die Großartigkeit des Vanderweltschen Blutes, aber ich habe es ungezählte Jahre an meinem Herzen gefühlt und bin dadurch für die übrige Welt in Grund und Boden verdorben. Für die Kleinen und für die Großen in den fremden Häusern, du! Hörst du wohl?« Und sie griff ihm mit beiden Händen in sein Haar. »Hörst du es wohl, Kornelius? Auch ohne daß du den Tod heraufbeschwörst, tue ich, was du von mir verlangst. Und wenn ich die Wirtin in den ›Fünf Erdteilen‹ spielen soll, so tue ich das auch für dich. Für dich. Und damit hört es auf.«

»Ich spiele nicht mit dem Todesgedanken,« erwiderte ihr Kornelius Vanderwelt. »Man bestellt sein Haus gegen Diebstahl, Brand und Sterben, nur darf vom Sterben nicht gesprochen werden. Denn das ist unzart und bringt das Gefühl des Hörers in Verlegenheiten. Zum Teufel mit der falschen Rücksichtnahme. Der Überlebende muß wissen, wie er aus den Verlegenheiten herauskommt, um im Geist mit dem Verstorbenen vereint zu bleiben. Und wenn auch die ›Fünf Erdteile‹ in ihrer augenblicklichen Verfassung nicht mehr als einen Erinnerungswert darstellen, niedergelegt und mitsamt dem Wirtschaftshof für ein hochherrschaftliches Kohlen- oder Eisenkontor freigelegt, und der Kaufschilling trägt eine Rente, die wenigstens vor dem Verhungern und dem Mitleid der Menschen schützt. Mehr verlange ich nicht.«

»Ach, großer Hexenmeister, ich bin dir ja schon zu Willen.«

Wie wenig Worte die beiden Menschen brauchten, um sich die veränderten Lebensverhältnisse nahezubringen. Es war — und war nicht anders. Darum lag an der Würde der Anpassung mehr als an jedem Wort.

Die weiße Motorjacht war in den Besitz eines Düsseldorfer Sportsmannes übergegangen und hatte bereits den Heimathafen gewechselt. Den Wagen hatte ein Kölner Autohaus übernommen und nun auch schon abgeholt. Der Fahrer Wilm stand vor seinem Herrn.

»Wilm,« sagte Kornelius Vanderwelt, »zuerst mal Ihre Hand. Keinem hab' ich so vertraut wie Ihnen. Keiner war es so wert. Mit Ihnen stirbt einmal ein ganzes Geschlecht aus. Das Geschlecht der Schweigenden. Und dann besteht das Leben nur noch aus dem Allgemeinheitsbrei. Haben Sie noch einen Wunsch, Wilm?«

»Jawohl, Herr Vanderwelt. Wieder bei Ihnen angestellt zu werden, wenn der Wind beidreht.«

»Und bis dahin —?«

»Bis dahin möchte ich Ihre beiden Frachtkähne heuern, Herr Vanderwelt, wenn's erschwinglich ist.«

»Haben Sie denn eine Schifferprüfung gemacht, Wilm? Man läßt nicht einen jeden auf dem Rheine gondeln.«

»Schon vor zwanzig Jahren, Herr Vanderwelt. Mein Vater war Partikülier. Sein Kahn liegt im Binger Loch. Es kann höchstenfalls eine Nachprüfung verlangt werden. Die erledige ich im Schlaf.«

»Melden Sie sich morgen zur Nachprüfung. Die Kähne können Sie sofort übernehmen. Glückauf!«

»Glückauf, Herr Vanderwelt. Und ich dank' auch für all Ihr Vertrauen.«

Und nun wurde auch der stille schöne Vanderweltsche Besitz in der Rheinallee zugunsten des Bankhauses aufgelassen. Kornelius Vanderwelt war in den Räumen, die die Marke seines Lebens trugen, nur noch ein Geduldeter. Man hatte ihm die Wohnerlaubnis gelassen bis zur Ermittlung einer anderen, seinen Wünschen entsprechenden Wohnung. Aber er fühlte sich nicht mehr wohl in den Räumen, die einem fremden Herrn unterstanden, und die Dienstboten waren bis auf ein Mädchen entlassen. Weniger noch zog ihn das Geschäftskontor an. In zwei, drei Wochen sollte an Gerichtsstelle die Scheidung der Ehe Klaus Beckenrieds von Juliane, geborenen Vanderwelt, ausgesprochen werden. Mit diesem Tage würden Vater und Sohn Beckenried endgültig das Geschäft verlassen.

»Wo bist du, Engel? Was tust du jetzt den ganzen Tag in der Küche?«

»Ich koche.«

»Ich hätt' es mir eigentlich denken können. Nicht etwa, weil man in der Küche kein Klavier zu spielen pflegt, sondern weil sich unsere Mahlzeiten überraschend verbessert haben. Dein tiefer Knicks soll mich wohl ausspotten? Spotte du nur, aber koche so weiter.«

Es war ein Maientag voll Sonnengold und weicher, schmeichelnder Wärme. Über die Wasser des Rheins lief ein Glitzern, als hätte eine Frauenhand darüber hingestrichen und die Wasser erbebten vor ihrem eigenen Glanz. Kornelius Vanderwelt kam vom Hafen herauf und trat zu ungewohnter Stunde in sein Haus.

Er traf auf eine kräftige Frauengestalt im weißen Schürzenkleid, das Haupt zum Schutz der Flechtenkrone mit einem weißen Handtuch turbanartig umwunden. Auf einer Leiter stand sie in seinem Arbeitszimmer und stäubte hurtig die Bilderrahmen.

»Laß dich zu mir nieder, Engel. Auf der Wolke, die dich umschwebt. In vielerlei Gestalten erscheinst du dem Heimatsuchenden, wie Pallas Athene dem vielgewanderten Odysseus. Spring mir an den Hals.«

»Die Leiter könnte brechen ...«

»Spring!«

Da sprang sie, und er fing die Atemlose auf.

»Was ist heute für ein Tag, Engel?«

»Ein Sonntag. Weil du so früh heimkommst, weil du so fröhlich bist und weil die Sonne scheint.«

»Ein Sonntagskind ist nur der Mann allein, der ein gutes Weib besitzt. Ich besitze viel mehr. Ich muß also schon eine Art Maiensonntagskind sein. Und das wollen wir feiern.«

»Warte, ich streife nur Turban und Schürzenkleid ab und feiere mit.«

»Pack' deinen kleinen Koffer, Engel. Wir fahren nach Orplid.«

»Ich fahre mit, wohin du willst, und es sollte mich nicht wundern, wenn der liebe Gott selber den Himmel aufhielt.«

»Er tut's, Engel. Wie ich ihn kenne, tut er's. Und ein Gesangverein wird auch zur Stelle sein und ihn ansingen, so daß wir beide uns mäuschenstill halten dürfen. Kannst du in einer Stunde reisefertig sein?«

»In einer halben, in einer Viertelstunde! Ich bin immer reisefertig, wenn's mit dir geht!«

»Keine Kurkonzertgewänder, Engel. Der Wilm spielt nur die Harmonika, und wir tanzen auf den geteerten Planken. Pack' Wäsche, ein paar derbe Kleiderröcke und dein Ölzeug ein. Wir machen auf dem Frachtkahn eine Maienreise zum Oberrhein!«

Sie gurgelte einen Ton der Freude hervor und hing an seinem Hals.

»Kannst du denn abkommen in dieser Übergabezeit? Wird es dir nicht schaden?«

»Eine Woche Ferien? Ferien mit dem Engel? Mit dem Engel auf dem Rhein, Wasser unter sich, Himmel über sich, wandelnde Ufer um uns her? Und wir auf dem Rücken liegend, alle viere streckend, nichts, nichts als in Sonne blinzelnd? Das soll mir schaden, Engel? Und ob ich abkommen kann? Wann werde ich in absehbarer Zeit abkommen können, wenn die Beckenrieds mich erst verlassen haben? Denn wenn mir ihre Philistergesichter auch auf den Tod verhaßt sind, verläßliche Arbeiter waren sie jederzeit. Fort damit, fort, fort! Ferien, Engel, Ferien! Ja, willst du denn wirklich zu Hause bleiben?«

Sie rüttelte und schüttelte ihn an den Schultern, ließ ihn los und rannte die Treppen hinauf.

»Bleib unten,« rief sie über das Geländer zurück. »Ich packe deine Handkoffer mit!«

Und die nüchternen Worte klangen durch das Haus wie eine Liedstrophe.

Jetzt klingelte es an der Haustür. Der Schiffsjunge erschien und forderte die Gepäckstücke, die er sich an einem handbreiten Riemen um den Hals hängte. Er trottete vorauf, und Kornelius Vanderwelt folgte ihm mit Angela Freydag bis zum Hafendamm, wo sie ein Boot nahmen und zu dem harrenden Schlepperzug übersetzten.

»Welcher Kahn ist der unsere, Kornelius?« fragte sie, und ihre Wangen glühten wie Mädchenwangen.

»Der Schleppzug ist von mir zusammengestellt. Daraus folgt, du große Rechenkünstlerin, daß der letzte Kahn der unsere ist und wir von unserem Achterdeckplatz nichts als die schäumende Kielspur sehen. Wir sind dort sozusagen ganz allein auf der Welt.«

Der Wilm empfing sie. Seine ausgestreckte Hand half ihnen an Bord. Er trug die blaue Schiffermütze und hatte sich einen Silberring ins Ohr gekniffen, um nicht als Neuling genommen zu werden. Sein Mund schwieg, wie er immer geschwiegen hatte, aber seine Augen strahlten vor Freude, als Hauswirt auftreten zu dürfen.

Die Kajüte war durch einen Wandschirm in zwei Hälften geteilt. Die Lederbank links und rechts diente in der Nacht als Bettgestell. Der Wilm schlief mit dem Mann, mit dem er das Ruder teilte, und dem Jungen in den Hängematten des Matrosenverschlags. Aus der kleinen Küche quoll der Duft von frischer Suppe.

Die Leute mußten an ihre Plätze zurück. Der Schleppdampfer gab mit der Sirene ein Zeichen. Ein Zittern lief durch Rippen und Bohlen des tief beladenen Kahns. Ein Seufzen und Abschiedsstöhnen, und nun gab der Wilm das Ruder frei, die Stahltrossen zogen klirrend an, und der Kahn folgte als letzter in der Reihe und schwenkte in den Strom.

»Leg' dich nieder, Engel. Platt hin auf die dicken Decken. Halt, erst die alte Öljacke an. Eitelkeiten gibt's hier nicht, denn der Kaminruß und der Kohlenstaub machen selbst aus der allerzartesten Prinzessin hier eine Mulattin. Ach, Engel, es gibt auch sehr liebenswerte Mulattinnen. Doch darüber später, wenn erst die Mütze auf dem Kopf festgesteckt ist und dir der gerollte Mantel bequem im Nacken liegt. Hat die Prinzessin noch weitere Wünsche?«

»Ich hätte schon noch einen ... Aber ich weiß nicht, ob er sehr prinzessinnenhaft ist.«

»Vielleicht können wir uns einen Kuß geben, wenn wir uns die Pfeifen anzünden, Engel.«

»Das ist wahr. Die Pfeifen stecken im Handkoffer. Ich werde sie holen.«

»Liegen bleiben! Nicht Hand und nicht Fuß rühren! Oder du kullerst über Bord!«

Er ging mit dem wiegenden Schritt, der das Gleichgewicht sucht, über das geschrägte Deck und tauchte in die Kajüte hinein. Wenige Minuten, und er kehrte mit den in Brand gesetzten Pfeifen zurück und kniete neben Angela hin. »Heb mal dein Mäulchen, Engel.« Und sie hob es ihm entgegen. Und als er sich über sie beugte, um ihr die Pfeife zwischen die Lippen zu schieben, blieb sein Mund auf ihren Lippen haften ...

»Es sind bald zwanzig Jahre, Engel, daß wir uns kennen,« überlegte er, als er neben ihr auf der Decke hingestreckt lag und den blauen Rauch gen Himmel blies. »Das wäre ja weiter nicht verwunderlich. Aber daß uns auch heute noch jede List und Tücke recht ist, um uns um den Hals zu fallen, das gibt zu denken.«

»Also denken wir nach, Kornelius,« sagte sie und blies wie er den blauen Rauch gegen den Himmel.

Sie dachten nach und sprachen nicht, und nur die Hände, die sich auf der Segeltuchdecke begegneten, hatten sich unermeßlich viel zu sagen.

Kaiserswerth mit der Burg Pippins — Düsseldorf mit dem Turm der heißblütigen Jakobe von Baden — Zons mit Mauern und Warten und mittelalterlichen Toren — es zog vorbei, wie Wandelbilder sich entrollen. Und wo eine Lücke war, wuchs ein hämmerndes, ratterndes, feuerfauchendes Werk, wuchsen die himmelhohen Kamine wie ein Mastenwald im Hafen.

Einmal erschien der Schiffsjunge und meldete, daß die Suppe fertig sei.

»Bring einen Napf voll her und zwei Teller. Halt, warte, ich werde dich das erstemal begleiten und dir zeigen, wie man einen Napf trägt, ohne mit dem Daumen hineinzufahren.«

Angela Freydags glückliches Lachen flog hinter ihm her.

Vor Köln machte der Schleppzug seine erste Nacht. Es war eine Maiennacht, in der das Märchen mit der Sage einen Reigen schlang, dicht über den Augen der Schauenden. Dort geisterte der Dom in den sternenhellen Himmel und stach mit seinen Spitzen in die Sternenkränze, daß es den Anschein erweckte, als glitten sie ihm wie Heiligenscheine um die Helmzier. Dort wuchtete der gewaltige Sankt Martin, und er sah eher wie ein Türke aus, denn wie ein Christ, denn er hatte sich den halben Mond zur Leuchte an den Helm gesteckt. Dort glitzerten die Kuppeln, Türme und Dachreiter der ungezählten Kirchen und Kapellen, und der Rathausturm mischte sich darunter und begann ein Gespräch über die alte und die neue Zeit und ihre Bürgermeister. In den Straßen aber kicherten die Legenden und trieben sich mit den Heinzelmännern gassenab zum Rhein, purzelten ins Wasser und wurden pfeilschnell von den jungen Nixen bei den Ohren genommen, die auf den Ankertauen turnten und Angela Freydags mondhelles Antlitz betrachteten.

Kornelius Vanderwelt lag auf Achterdeck neben ihr, die Ellbogen aufgestützt und den Kopf in den Händen. So lag er wohl schon eine Stunde und hatte des wunderbaren Städtebildes nicht acht vor dem wunderbaren Menschenbilde.

Was mag es sein, das sie so schön macht? dachte er. Es gibt sicherlich ebenso schöne Frauen und schönere, und doch gehst du achtlos an ihnen vorüber. Und als ihre Brust im Atmen auf und nieder stieg, daß er glaubte, den ruhigen und starken Schlag ihres Herzens zu hören, da kannte er den Kern des Geheimnisses und des Rätsels tiefste Lösung: es war die Ruhe und Kraft, die ihrer Schönheit den Glanz der Firnen verlieh, und alle Ruhe und Kraft der Erde war ihr gegeben, weil sie ihre Schönheit nur für einen trug.

In dieser Maiennacht erklangen in Kornelius Vanderwelts innerstem Menschen Worte, die wie Worte eines Dankgebetes waren, während die nächtliche Natur im Frühlingsrausche erzitterte.

Gegen Morgen erst, als mit dem ersten Licht die Kühle kam, gingen sie in die Kajüte, und Kornelius Vanderwelt half ihr aufs schmale Lager und versorgte sie nach Seemannsbrauch gegen Windzug und Feuchtigkeit, bevor er sich auf das andere Lager warf. Aber nach Stunden schon waren sie beide wieder wach, denn die Sirene des Schleppdampfers hatte zur Obacht gerufen, die Kähne holten ihre Anker ein und der Rudersmann packte das Steuerruder. Angela Freydag kniete auf ihrem Lager und lugte durch die runden Kajütenfenster. Und Kornelius Vanderwelt stand hinter ihr und hatte den Arm um ihren Leib gelegt, damit sie bei einer jähen Wendung der in Fahrtlinie einbiegenden Frachtkähne nicht das Gleichgewicht verliere. Und sie lehnte ihren Körper fest und sicher in seinen Arm.

Den Morgenkaffee tranken sie stehend vor der Küche, stritten, ob es zum Mittag Linsen mit Wurst oder Wurst mit Linsen geben sollte, und lagen ausgestreckt auf Sonnenseite, als der Kahn an Bonns Altem Zoll vorüberzog, vorüber an der winkenden Godesburg und mitten hinein in das Bannland der Sieben Berge.

Das Siebengebirge prangte im Grün des Maien und im Gold der Maiensonne. Wie ein selig Beben liefen die Höhen dahin und verloren sich im weiten Hügelmeer des weiten Westerwaldes. Und auf der linken Rheinseite das geschwisterliche Stück des Bildes. Dem Drachenfels des Siebengebirges gegenüber gelagert der Fels des Rolandsbogens, und über vulkanisches Land hinweg Wellenlinie auf Wellenlinie der zu Stein erstarrten Eifelmassen.

»Die Porta Rhenana,« sagte Kornelius Vanderwelt, als sie durch das Tor der Schönheit fuhren, und er wies ihr hüben und drüben die verträumten Städtlein, deren Antlitz in wechselndem Mienenspiel die schweigenden Parks der weltflüchtigen und die singenden und klingenden Gaststätten der Weltsuchenden aufblitzen ließ. Dann aber zog Strom und Kahn zwischen den Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth dahin, feierlich, als wölbten sich die Baumkronen von rechts und links hoch über sie hin zum gotischen Kirchendach.

Angela Freydag wandte den Kopf und suchte den Blick ihres verstummten Begleiters. Der kam aus tiefen Augenhöhlen, und sie setzte sich mit einem Rucke auf und griff nach seiner Hand.

»Was ist dir, Kornelius?«

»Es lief mir so über die Seele,« sagte er, »und es ist nichts als ein Unsinn.«

»Was ist ein Unsinn?«

»Daß die uralte Natur alljährlich in den Frühling zurückkehren darf, während ihr jüngstes Geschöpf, der Mensch, in den Herbst seines Lebens hinein und nicht wieder hinausgeführt wird. Ach, du, Engel, alles das noch eine Spanne, noch eine Spanne erleben können! Die Sehnsucht steigert sich, und steigert sich doch nur in eine wilde Einsamkeit hinein.«

»Ich bin bei dir, Kornelius,« sagte sie und nahm seinen Kopf an ihre Brust.

Er hörte nicht hin und sprach in Erregung weiter.

»In eine wilde Einsamkeit, in eine Menschenverachtung hinein, die kaum ein Lichtpünktlein mehr findet. Wir leben in einer Menschenunverbundenheit dahin, kein Mensch kennt den anderen, und in Wahrheit kümmert sich auch keiner um den anderen.«

»Ich bin bei dir, Kornelius,« erklang ihre Stimme.

Da hob er die Arme wie ein Ertrinkender und schlang sie ihr um den Hals. — —

Er schlief an ihrem Herzen, und sie bewachte seinen Schlaf und war voll tiefer Freude, daß er ihr seine Schwäche gezeigt hatte. Denn ihr Frauengefühl ertastete mit nachtwandlerischer Sicherheit, daß diese Schwäche nichts anderes war als eine sich aufbäumende Lebenskraft, die sich ihres Lebens eroberten Inhalt, den Wert zu leben, das Weib seines Lebens und seiner Liebe zu sein, nicht nehmen lassen mochte durch eine Herbstlaune des Schicksals, und doch es mußte.

Vor Koblenz, nahe der Einmündung der Mosel in den Rhein, gingen zur Nacht die Anker nieder. Kornelius Vanderwelt schlug die Augen auf und rührte sich nicht an ihrem Herzen.

»Ist dir wohl?« sprach sie und strich ihm wieder und wieder das Haar aus der Stirn.

»Wie einem Kindlein an der Mutterbrust, Engel. So wohl. Ei, du, hatte ich vorhin nicht einen Schwermutsanfall? Das werden doch nicht die ersten Alterserscheinungen sein? Nein, nein, umgekehrt ist es, wie ich es dir vordichtete: die Welt wird alt, und ihre Jahre rinnen unablässig und unaufhaltsam. Wir aber bleiben Kinder trotz eines Greisenalters, und rückschauend zerfließen die Jahre in nichts. Was ist, das lebt, und wir beide sind, Engel.«

»Zuweilen meine ich, ich wäre gar nicht mehr, solange schon bin ich in dir aufgegangen.«

»Sprich kein Wort mehr, oder ich verschling' dich. Herrgott, hab' ich einen Hunger.«

»Und ich! Und ich!«

Und einer half dem anderen auf, und das Gleichgewicht suchend schritten sie über das schräge Deck und gewannen die Küche und bedrängten den Wilm, den Rudersmann und den Jungen.

In heller Morgensonne stampfte der Schleppzug an Boppard vorbei. Und je weiter er sich vorwärts arbeitete gegen den Strom, umso reicher öffneten und offenbarten sich die Bilder der Berge und Burgen, der Städtchen, Kirchen, Klöster und Kapellen, die den Blick von der Wirklichkeit abwenden und traumhaft hinübergleiten lassen in die Flüchtlingsbezirke der Romantik.

Dicht aneinandergeschmiegt lagen die beiden Flüchtlinge aus Wirklichkeitslanden auf dem Hinterdeck des Frachtkahnes und sprachen nicht und ließen nur die Augen aufleuchten, wenn ein neuer Gruß von den Ufern sie traf. Jetzt Sankt Goar, jetzt der niederstürzende Fels der Lorelei, jetzt die wellenumschäumte Pfalz bei Caub, die türmereichen Städtlein Oberwesel und Bacharach, Aßmannshausen mit dem Dichter- und Künstlerheim, der ragenden Kronenwirtschaft, und durch das brausende Binger Loch hindurch, links Rüdesheim, rechts, vom Mäuseturm verkündet, Bingen, die uralte Stadt. Der Mond kam über Burg Klopp hervor und erzählte flüsternd vom vierten Kaiser Heinrich, den der eigene Sohn in den festen Mauern gefangenhielt, und von blutigen Jahrtausendkämpfen, geführt um das lachende Land des Rheingaus. Der Schleppzug lag vor Anker. Die beiden Menschen auf dem Hinterdeck des letzten Kahnes hatten einer dem anderen den Arm unter den Nacken geschoben und schliefen einen Kinderschlaf.

Als sie am nächsten Tage am goldenen Mainz vorüberfuhren, vorüber an der Nibelungenstadt Worms, waren ihre Lippen ganz verstummt. Wie eine unsagbar tiefe Dankbarkeit stieg es auf vom Grunde ihrer Seelen, und das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit brauchte keine Worte mehr.

So erreichten sie Mannheim, den Bestimmungshafen, und gingen schweigend an Land. — — —

Im Gebrause fuhr ein Schleppdampfer mit wenigen Leerkähnen als Gefolgschaft zu Tal. Die Dämmerung sank über ihn hin und über die beiden Menschen, die in die gespensternde Kielspur des letzten Kahnes starrten. Ein silbriges Licht kämpfte sich hindurch und erfüllte die Dämmerung mit Glanz und Leuchten. Der Mann reckte sich auf, als machte er seine Schultern stark für neue Arbeitsbürden. Und die Frau erfaßte fest seine Hand.

Ruhrort — — —

Hand in Hand gingen sie durch die Stille der Nacht in ihr Haus, wie sie so oft gegangen waren. — —

In den Tagen, die da folgten, sah Angela Freydag ihren Gefährten nicht anders als in den späten Abendstunden. Das Urteil im Scheidungsverfahren war gesprochen. Die Familien Vanderwelt und Beckenried hatten sich für immer voneinander gelöst. Juliane behielt den Sohn unter Verzichtleistung auf jeden geldlichen Anspruch an ein Beckenriedsches Erbe. Die Lebenssorge für Tochter und Enkel war auf Kornelius Vanderwelt übergegangen.

Kornelius Vanderwelt zog den Schlußstrich. Kein Mensch gewahrte eine Unruhe an ihm. In diesen Tagen, die ihm die Verkleinerung seines Geschäftsumfanges, die Belastung der gebliebenen Kräfte, den Verlust seines Wohnhauses brachten, wuchs er so still und stark über sich selbst empor, daß Angela Freydags Liebe mit ehrfürchtigen Augen ihm folgte. Aber ihre Augen sahen auch, daß er stumm die Kräfte bis zum letzten spannte, und es flackerte oft in ihnen auf wie wilder Brand.

In später Nacht saß sie und wartete. Sie wartete auf Kornelius Vanderwelt, der noch nicht von der Wohnungssuche heimgekehrt war. Und sie wußte, daß er sich als letztes die ›Fünf Erdteile‹ aufgespart hatte, die Zimmer, die über der Gastwirtschaft lagen.

Wie sauer ihm der Gang sein wird, dachte sie finster, und sie hätte aufspringen und zu ihm laufen mögen, um die Arme um seinen Hals zu schlingen.

Sie schritt ans Fenster und horchte hinaus. Und von einer Unrast getrieben, durchmaß sie das Zimmer hin und her.

Du bist stärker geworden, Angela, glitt es ihr durch den Sinn. Deine Glieder schwellen an Kraft. Könntest du sie doch zum Lastentragen gebrauchen, um seine überbürdeten Schultern zu erleichtern.

Und wieder war sie am Fenster. Das eiserne Tor hatte geklirrt. Männerschritte kamen schlurfend durch den Garten.

Mit einem Sprunge war sie an der Haustür. Das elektrische Licht blitzte auf unter ihrer suchenden Hand. Sie öffnete die Tür und sprach leise hinaus.

Da stand die vierschrötige Gestalt des Matthes und an ihn gelehnt die hohe, jetzt vornübergebeugte Gestalt Kornelius Vanderwelts. Angela Freydag griff ohne zu zaudern zu. Von ihrem Arm umschlungen, tat Kornelius Vanderwelt die letzten Schritte ins Haus, die wenigen Schritte über die Diele in sein Arbeitszimmer.

»Tun Sie ihm nix,« sagte der Matthes grimmig. »Vom Trinken kommt dat nich.«

»Gehen Sie.«

Kornelius Vanderwelt saß in einem Sessel, das totenbleiche Antlitz hintenüber ins Polster gereckt, als suche er Luft. Mit fliegenden Fingern befreite ihn Angela Freydag von dem Druck des Kragens.

»Sie tun schon besser, mich nich fortzuschicken,« knurrte der Matthes. »Allein werden Sie nich fertig, Madam.«

»Ziehen Sie ihm die Stiefel aus. Vorsichtig. Und nun wollen wir ihn in sein Schlafzimmer bringen. Stieren Sie mich nicht an. Ich habe Kräfte genug, ihn allein zu tragen. Aber da Sie einmal da sind — wir tragen ihn im Sessel hinauf.«

Alle Sehnen spannte sie an. Die Zähne gruben sich ihr in die blutenden Lippen, und es gelang. »Warten Sie unten auf mich.« Und als der Matthes auf Zehenspitzen hinaus war, entkleidete sie den Erschöpften und bettete ihn.

Wieder war sie unten, und der Matthes berichtete flüsternd: »Ich sah et schon, wie er in die Wirtschaft trat und mich in et Nebenzimmer rief. Fieberheiß. Un et Sprechen wurd' ihm nich nur schwer, weil et seinen Stolz so verdammt mitnahm. Ich sollt' ihm die Gastzimmer für eine Wohnung ausräumen, bis er Besseres hätt', un als wir mit Handschlag abgeschlossen hatten, fiel er gegen die Wand. Ich hab' ihn die paar Schritte hergebracht, damit et nich hieß, der Herr Kornelius Vanderwelt wär' in der Wirtschaft liegen geblieben.«

»Ich danke Ihnen. Und nun holen Sie den Arzt.«

»Alte Kameradschaft, Madam, und den Arzt bring' ich sofort.«

Wieder huschte sie die Treppen hinauf, und der Erschöpfte öffnete die Augen, als sie sich über ihn beugte.

»Hab' ich dir — einen argen Schrecken — eingeflößt, Engel?«

»Sprich jetzt nicht. Der Arzt wird gleich hier sein.«

»Der Arzt? Was soll denn der hier? Ich muß nur einmal ausschlafen.«

»Schlaf, Kornelius.«

Er schloß die Augen unter ihrer kühlen Hand. Aber der Atem kämpfte schwer in der Brust. Und sie horchte auf den Atem und horchte hinaus auf die Straße. Bis der Matthes mit dem Arzte kam und die Haustür öffnete.

Sie ließ den Arzt in das Zimmer, und der Kranke redete aus seinen Fieberträumen heraus. Der Name Engel kehrte immer wieder. In immer neuen Bildern, in immer neuen Beteuerungen.

»Spricht er immer so viel?« fragte der Arzt und trat näher.

Der Kranke hob horchend den Kopf. Die fremde Stimme hatte ihn sofort geweckt.

»Waren Sie noch nie verliebt, Doktor? Nie verliebt? Goethesche Gedichte möchte man hersagen — und sie fallen einem nicht ein. Ach was! Sie wagen sich nicht hervor. Nicht hervor vor dem einen Namen. Dem einen — Namen ...!«

Der Arzt prüfte den Puls. Er behorchte das Herz und maß das Fieber. Der Kranke lächelte über ihn hinweg seine Pflegerin an. Als wären sie ganz allein.

»Sie müssen Ihre Kräfte schonen, Herr Vanderwelt,« gebot der Arzt. »Was Ihnen not tut, ist Ruhe. Nichts als Ruhe, damit sich die Erschöpfung der Nerven verliert. Das Fieber beruht auf einer Erkältung, die Sie sich wohl durch eine Unachtsamkeit zugezogen haben. Nehmen Sie heute und morgen ein Schlafmittel, und in zwei Tagen ist alles überstanden.«

Er ging, und der Matthes war auch gegangen, und das Schlafmittel war zurückgeblieben.

»Laß den Doktor — nicht mehr — zu mir herein, Engel. — Du bist mein Arzt — meine Ruhe — mein — alles.« —

Sie bettete sein Haupt in die Kissen, aber er verlangte wortlos nach ihrem Arm, und sie bettete sein Haupt in ihren Arm und wartete, bis er vor Erschöpfung entschlummert war.

Am Morgen erst schlug er die Augen auf. Sie glänzten fiebrig wie in der Nacht. Aber sein Bewußtsein war rege.

»Bist du nicht zu Bett gewesen, Engel?«

»Mein Kopf lag auf deinem Kissen, Kornelius. Wir schliefen beide fest.«

»Willst du mir zu trinken geben, Engel? Ich fühle mich viel wohler und danke dir.«

Sie hatte den Tee schon bereitet und gab ihm zu trinken. Er wunderte sich über nichts. Er lachte sie nur an.

»Wie schön das ist, müde zu sein und nichts zu spüren als dich. Ewig möchte ich so müde sein, Engel.«

Im Laufe des Vormittags fuhr er auf und blickte verwundert umher.

»Ich war wieder eingeschlafen, Engel. Und auf einmal rüttelte mich die Angst auf, ich hätte deine Anwesenheit verschlafen. Kannst du mir die Stirn abtrocknen, Engel? Ich ertrinke.«

Sie trocknete ihm die Stirn und trocknete ihm die Brust. Und unablässig sprach er.

»Wie kann das nur sein, Engel? Tausendmal hab' ich mir gesagt: tiefer hinein und höher hinauf geht die Liebe nicht. Und nun mein' ich: erst in dieser Stunde gehörtest du mir ganz.«

»Sollen wir einst sagen, Kornelius: vor zwanzig Jahren haben wir uns über alles geliebt, während wir uns heute nur noch — ›liebhaben‹? Wir, Kornelius? Wir folgen einer anderen Bahn als die Herzschwachen.«

»Die Herzschwachen,« wiederholte er. »Weißt du noch, wie ich dich meine Herzbrust taufte?«

»Ich weiß alles und jedes, Kornelius, und werde nie einen Laut vergessen.«

Am Nachmittage wurde er unruhiger. Er hatte den Schritt des Arztes gehört und wehrte ab.

»Mir zuliebe, Kornelius,« bat sie.

»Dir zuliebe. Dann mag er jede Stunde kommen.«

»Es bleibt nichts als die Ruhe,« sagte der Arzt, als er die Untersuchung beendet hatte. »Er muß seine Kräfte aus dem Schlafe zurückgewinnen.«

»Weiß das Kontor, daß ich unpäßlich bin, Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt, als der Arzt sich verabschiedet hatte. »Bitte, ruf den Thomas an. Aber ich will mit dir allein bleiben.«

»Ich habe ihm dein Fernbleiben heute morgen schon gemeldet, Kornelius. Und wir bleiben allein.«

»Dann ist alles gut.«

Er schloß die Augen. Aufs neue trug ihn die Erschöpfung in den Dämmerzustand hinüber und hielt ihn zwischen Schlaf und Traum die halbe Nacht hindurch. Angela Freydag saß an seinem Bette, den Blick fest auf seine Züge gerichtet, jede Sekunde bereit, zu helfen, zu lindern, Leib und Seele aufzurichten. So still war es, daß sich das Ticken der Taschenuhr schmerzhaft in ihr Hirn bohrte.

Plötzlich lachte der Kranke gellend aus der Wirrnis der Träume auf.

»Hahaha! Ich sterbe? Wahrhaftig? Das Leben ist aus? Soviel Sorge um die kurze Spanne? Ist das alles?«

Sie drückte hastig ihre Lippen auf seinen Mund, und er erwachte.

»Bin ich nicht tot, Engel? Ach, du, ich bäumte mich auf gegen den Wahnsinn: zu leben, um sterben zu müssen.«

Sie strich über seine Augen, über seine Wangen.

»Für uns gibt es keinen Tod, Kornelius. Für uns gibt es nur ein Beisammensein.«

Er griff nach ihren Gelenken und zog sich in den Kissen hinauf.

»Tod, Engel ... Du läßt mich nicht, und ich lasse dich nicht. Nicht hier und nicht dort ...! Tod ... Denke dir, er käme und nähme den einen oder den anderen hinweg. Und dann wäre ein sonnenschöner Tag, oder ein Erfolg, ein Ruhm, und man möchte hinlaufen und ihn dem anderen bringen und stutzt und erstarrt: Der andere — der andere lebt ja nicht mehr! Engel!«

Sie wiegte ihn an ihrer Brust und hörte sein Herz dahinjagen, als hörte sie den Hufschlag hinjagender Pferde.

»Ich habe dich und ich halte dich und gebe dich nicht her, Kornelius. Und jetzt sprich von allen deinen Fröhlichkeiten.«

»Von meinen Fröhlichkeiten ...« murmelte er. »Dann muß ich von dir sprechen.«

»Erzähl' aus deiner Jugend, von deinen Meerfahrten, von schönen, fremden Frauen.«

»Du nennst sie richtig, Engel. Schön waren sie, aber fremd. Du kennst ihren Körper, wie du eine tickende Uhr kennst. Und sie tickt wirr in die deine hinein und läuft vor oder nach, und du bringst sie nicht mit der deinen auf den gleichen Schlag, weil dir das Uhrwerk fremd geblieben ist und du den Wert nicht prüfen kannst. Nein, ich will nicht schmähen. Es waren lustige Liebchen darunter, wie die Jugend sie sich wünscht oder der Mannesübermut. Ja, du, der Mannesübermut. Du hast ihn ja erfahren. Als er dich auf der Landstraße stellte. Sie waren mir lieb, die schönen, fremden Frauen. Waren! Waren!« Seine Erregtheit suchte nach einem wegwerfenden Wort. »Der Teufel hole sie.«

Und sie sprach in seine flackernden Augen hinein, um ihm das Lachen und die Beruhigung zu bringen: »Hör', du, Kornelius — mich auch?«

Und seine Erregung ging in ein wildes Lachen über.

»Du, Engel! Ach, du! Du willst mich beleidigen. Und wenn der Vater im Himmel nach seinen Erzengeln riefe: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, die Erzengel bei den Flügeln packen und gegeneinander klatschen.«

»Recht so, recht so!« rief sie ihm zu, fröhlich, ihn fröhlich zu sehen. »Daß der Kornelius sich im Himmel herumtreibt, ist eine Selbstverständlichkeit!«

»Also gut denn, Engel. Wenn der Urian in der Hölle seinen Teufeln zurufen sollte: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, sie anschreien: ›Brennt mich zu Weißglut! Mich, mich! Aber noch ein Mal zu meiner Wölfin! Noch ein Mal zu meinem Engel!‹« Seine Gedanken verwirrten sich. Er rang nach dem Faden, der ihm entflattern wollte. »Noch ein Mal — ein — ein Mal — — Engel

Aus den Kissen hochgeworfen, den Brustkasten vorgereckt, preßte er den letzten Atem mit wilder Macht in dies eine Wort.

Mit beiden Armen hielt sie ihn. Seine Hände griffen, haltsuchend, in ihr Gewand. Ihre Brust drängte sich ihm entgegen.

»Kornelius! Kornelius! Ich dank' dir ...«

Seine Augen tranken sie in sich hinein. Und von einem jähen Blitz gefällt, stürzte er an sie, in ihre Arme, an ihre Brust.

Starr stand sie über ihn gebeugt, ungläubig, daß ihr heißer Blick nicht mehr imstande sein sollte, das Licht seiner Augen neu zu entfachen. Und dann warf sie sich über ihn und küßte ihn, als müßte der letzte Hauch seines Atems ihr Eigentum bleiben.

»Geliebter — Geliebter — — Geliebter — — —!«