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Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Chapter 11: 10
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About This Book

Ein Mann mittleren Alters, Kornelius Vanderwelt, begegnet einem jungen Mädchen, das zu Fuß nach Ruhrort will; er nimmt sie in seinen Wagen, und im Verlauf der Fahrt entsteht ein Wechselspiel aus neckischem Gespräch, unterschwelliger Spannung und genauen Beobachtungen zu Aussehen und Haltung. Die Erzählung verbindet präzise Landschafts- und Personenbeschreibungen mit ironischer Selbstinszenierung, erkundet Machtverhältnisse, Begierde und Schutzbedürftigkeit und verwendet die Flusslandschaft und herbstliche Natur als dichte, atmosphärische Kulisse.

10

Mit übernächtigen Augen und wirrem Haar, wie er aus dem Schlafe aufgefahren und in die Kleider gehastet war, stand Thomas Vanderwelt vor Angela Freydag. Die erste, fahle Morgendämmerung war mit ihm ins Haus gekommen.

»Sie haben mich angerufen, Frau Engel. Was ist mit dem Vater?«

Seine Stimme kämpfte mit der Atemnot, und seine Augen waren voll Schrecken.

»Ihr Vater, Thomas — Ihr Vater — ist heimgegangen — —«

Er packte sie bei den Armen. Als ob er sie wachrütteln, als ob er selbst einen Halt suchen wollte. Sein Gesicht stand dicht vor dem ihren.

»Was heißt das — heimgegangen —?«

»In das Land seiner Vergangenheit — in das Land seiner Vorfahren, seiner Lieblingsträume. Thomas! Thomas! Er ist tot!«

Der Sohn fiel gegen ihre Schulter. Sie stemmte sich fest auf ihre Füße und trug die Last. Und dachte: es ist Kornelius Vanderwelts Erbe, und du mußt es in seinem Sinne zu wahren suchen.

»Tu die Augen auf, Thomas, du mußt deiner Herr werden. Kornelius Vanderwelt hat einen Sohn hinterlassen, und das bist du.«

Ein Zittern durchlief seinen Körper. Wie ein krampfhaftes Weinen, das alle Tore verschlossen findet.

»Und das bist du,« wiederholte Angela Freydag und mühte sich in eine Ruhe hinein. »Laß den Vater nicht warten.«

»Ich?« fragte er zurück und wunderte sich nicht über das Du, das sie ihm geboten hatte. »Ich? Ein sauberer Erbe, Engel. Ein verwahrloster Abkömmling. Eine Drohne, wie alle seine Kinder, Engel, Drohnen, die ihm die Blüten leersogen, bevor sie Frucht ansetzen konnten. Und ich sein Erbe!«

»Es kommt nicht darauf an, Thomas, wie und was du warst, sondern ob du ein Erbe sein wirst!«

»Nein, ich bin kein Erbe. Nein, ich bin kein Erbe,« wiederholte er in gleichmäßigem Tone. »Ich war es einmal, als ich sein Kind war. Sein geliebtes Kind, wie wir alle. Das ist lange her. Das ist so lange her, wie ich Antoniens Mann wurde. Habe ich ›Mann‹ gesagt? Der Tote mög' es mir verzeihen. Ihr Aushängeschild, ihr durchlöchertes, ausgehöhltes, von meinem Spott überkleistertes. Und ich hatte doch auch den Namen geerbt, den Namen Vanderwelt, und ließ ihn von Affen- und Narrenhänden durchlöchern und aushöhlen. Ich, ich, der Erbe.«

»Wenn des Vaters Geist noch im Hause weilt,« sagte Angela Freydag und schloß die Augen, um den aufquellenden Schmerz um ihren Toten zu bändigen, »so wird ihm die Einkehr des Sohnes ein Trost im Ausgang sein.«

»Einkehr? Halte ich Einkehr, Engel? Ich bringe Schmutztapfen ins Haus, und in dieser Abschiedsstunde sehe ich sie mit einer Deutlichkeit, wie ich sie noch nie gesehen habe. Das ist alles.«

»Nein, das ist der Anfang.«

»Es ist das Ende. Auch das Ende hat einen Anfang. Und der Anfang liegt in den Schmutztapfen, die jetzt so sichtbar werden, weil der Schatten des Vaters sie nicht mehr verdeckt.«

»Es soll wahr sein, Thomas,« sagte die Frau. »Des Vaters Licht leuchtet nicht mehr und wirft auch keine verhüllenden Schatten mehr. Nimm die Erbschaft an dieser Stelle auf. Laß sein Licht das deine entzünden und zu einer Flamme anfachen, in deren Schatten das Vergangene verdunkelt wird, abstirbt und vergeht. Und nun komm zu ihm.«

»Es ist ja alles zu spät,« murmelte Thomas Vanderwelt und folgte ihr dennoch.

Droben aber, in Kornelius Vanderwelts Schlafgemach, warf er sich über des Vaters Bett und umklammerte ihn mit Armen und Händen. Und als er Angela Freydags schmerzstillende Hände über seinen Nacken gleiten fühlte, wurden ihm die Pforten aufgetan und ein wildes Sohnesweinen brach hervor, überstürzte die Dämme und gelangte in den ruhiger fließenden Strom allen Geschehens.

Unten schlug die Glocke der Haustür an. Angela Freydag richtete den stiller Schluchzenden auf.

»Es ist der Arzt, Thomas. Ich rief ihn an, als ich dich anrief. Vergiß nicht, daß unser Schmerz uns allein gehört.«

Und sie ging hinab, öffnete und kehrte mit dem Arzt zurück.

Thomas Vanderwelt empfing ihn mit einer stummen Verneigung. Und der Arzt trat ans Bett und neigte sich über den Toten. Als er sich wieder erhob, blickten seine Augen ernst.

»Es war ein Herzschlag,« sagte er so leise, als fürchte er, die Erhabenheit des Todes zu stören. »Eine Überspannung der Nerven. Ein Übermaß von Kräften dagegen angesetzt. Das Herz mußte es zahlen.«

Mein Herz, hämmerte es hinter Angela Freydags Stirn, mein — mein Herz. Mit seinem Tode noch gab er es mir allein.

Sein Herz, schrie es in Thomas Vanderwelt auf. Er gab es mir, und ich ließ es wegen eines Zunders verkommen.

Der Arzt drückte ihnen die Hand. Er ging zur Tür und fragte flüsternd, wo er den Totenschein ausstellen dürfe. Und Angela Freydag geleitete ihn die Treppe hinab und verharrte schweigend hinter seinem Stuhl, während er an Kornelius Vanderwelts Schreibtisch saß und das Papier ausfüllte.

Wieder betrat sie das Sterbegemach, und Thomas Vanderwelt saß am Bette des Vaters und hielt mit seinen fiebrigen Händen die kalten umspannt. Als sie seine Schulter berührte, sah er kaum auf.

»Du mußt mich jetzt eine Weile mit ihm allein lassen, Thomas. Es ist Morgen geworden, und die anderen sollen ihn nur in der Verklärung sehen.«

»Die anderen. Ach ja, da gibt es noch die anderen. Darf ich nicht helfen, Engel?«

»Es ist Frauensache, Thomas. Und du wirst es verstehen.«

Er erhob sich schwerfällig, stand vor ihr und suchte in seinem Hirn nach einem Wort.

»Es ist Sache der Liebe, Engel,« und er ging mit müden Schritten hinaus, die Treppe hinab und in das Arbeitszimmer seines Vaters. Am Schreibtisch saß er nieder, horchte eine Zeitlang ins Leere und ließ den Kopf auf die Arme sinken, die kraftlos über der Tischplatte lagen.

Mit mühsam verhaltenem Atem hatte Angela Freydag den Schritten gelauscht, die sich weiter und weiter entfernten und verhallten. Jetzt wandte sie langsam den Kopf. Nach ihm. Ihre Füße bewegten sich. Ihre Knie stießen an das Bett. Und sie ließ sich in die Knie sinken und wühlte ihren Kopf in die Kissen, die sein Haupt trugen.

»Dank, Dank, Dank!« Und immer wieder dasselbe Wort, und kein anderes wußte sie.

Wange an Wange lag sie mit ihm, und die Zeit rann dahin, und die Sonnenstrahlen kamen und kränzten sie beide.

»Dank, Dank, Dank, Kornelius.« — — —

Die Sonnenstrahlen liefen über ihre Stirn und flirrten über ihre Augen. Es ist Tag, dachte sie wie aus einem Erwachen heraus, und es war bei ihm und mit ihm kein Tag, der leer war. Bis die anderen ihr Anrecht bewiesen haben, habe ich dein Erbe zu verwalten.

Beide Hände legte sie ihm um die Schläfen und starrte ihm in das stillgewordene Kämpferantlitz. Immer näher kam ihm ihr zuckendes Gesicht. Und dann preßte sich ihr heißer Mund auf seine kalten Lippen, als könnten sie sie erwärmen, als könnten sie sie mit glühendem Leben füllen, mit hinreißendem Lachen und dem Glücksjubel, den nur Kornelius Vanderwelt gekannt hatte.

»Du! Du! Ich bin nur hiergeblieben, weil du noch hier sein mußt. Weil das Tagewerk noch nicht zu Ende ist. Weil dein Name noch gesichert werden muß in deinem Fleisch und Blut. Nicht meinetwegen, Kornelius, nein, das weißt du besser. Ich bin nur dein ander Teil. Aber es wird ausreichen, dein Tagewerk zu Ende zu führen. Das schwör' ich dir.«

Sie löste sich von seinen Lippen und stand in der Sonne des Morgens. Einen gurgelnden Atemzug tat sie noch, und dann blickte sie mit weit sich öffnenden Augen in den Tag und schritt hinein.

Mit Frauenhänden, die voll starker Liebe waren, wusch sie des Toten Antlitz, Brust und Hände, strich sie ihm sorgsam das Haar, bettete sie ihn in frische Kissen. So lange war ich wie sein Kind und mehr, dachte sie. Nun ist er das meine — und mehr.

Durch die geöffneten Fenster flutete die Frühsommersonne wie eine Woge, und Kornelius Vanderwelt lag in der Woge mit lächelndem Mund. Denn er wußte, daß es die Liebe war. —

Als Angela Freydag in Ergriffenheit das Arbeitszimmer betrat, fand sie Thomas schlafend. Sie trat leise hinter ihn und betrachtete ihn lange und gewahrte, was ihr früher nie so sehr zum Bewußtsein gekommen war, daß er die Gestalt des Vaters hatte, etwas hagerer nur vom unzweckmäßigen Leben, und denselben schmalen Schädel mit der breitgelagerten Stirn. Sie preßte die Lippen, als die Bilder des Vergleichs sich drängten. Wie eine Bitterkeit kam es über sie. Denn der dort oben im ewigen Schlafe lag, schien ihr im Tode noch um ein Vielfaches größer und stärker als der Namenserbe, der sich hier unten zurückschlief in das Leben des Tages.

Sie rührte ihn an, und er erwachte.

»Nicht böse sein, Engel. Es warf mich hin. Das traurige Geschäft schon erledigt? Ich weiß es wohl, an dem Punkte, an dem die Männer ermüden, erwachen die Frauen. Nur daß es so wenig Frauen gibt wie Männer.«

»Es liegt in der Macht eines jeden einzelnen, es zu ändern, Thomas. Und du hast nun ein einzelner zu werden.«

»Ich — habe? Weshalb nennst du mich seit dieser Nacht ›Du‹, Engel?«

»Weshalb?« Ihre Stimme wurde so hart, daß er betroffen zu ihr aufschaute. »Weil ich das Vertrauen in dich setze, Kornelius Vanderwelts Nachfolger zu werden. Hüte es, Thomas.«

Über den Grund ihrer Augen sprang ein Blitz. Für Sekunden legte sie die Hand darüber hin, als schmerze sie das Licht. Und mit ihrer ruhig schwingenden Stimme sprach sie weiter.

»Geh jetzt, Thomas, und hole Juliane her und deine Frau und die beiden Jungen. Präg' ihnen ein, sie sollten hier keinerlei Lärm erheben, denn der Lebende hätte ihn nie in seinem Hause geduldet, und sein Wille sollte heiliggehalten werden. Kommt gegen Mittag. Ich werde inzwischen den Sarg bestellen, und am Abend wollen wir den Vater in aller Stille in die Friedhofkapelle überführen.«

»In aller Stille, Engel? Soll auch die Beisetzung in aller Stille erfolgen?«

»Ich möchte dich bitten, deiner Schwester gegenüber, wenn es sich als nötig erweisen sollte, ein Machtwort zu sprechen. Dein Vater hat, wie alle überragenden Naturen, für seine Größe Zahlungen leisten müssen. Als er um Justus und Julianes wegen für den Bestand seines Hauses kämpfen und sich beschränken mußte, wurde ihm seine frühere Überlegenheit als Überheblichkeit und seine frühere Freigebigkeit als Verschwendungssucht angerechnet. Das ist nun einmal der kaufmännische Brauch, und er mag meisthin seine Berechtigung haben. Aber ich fürchte, dein Vater würde aus dem Sarge hinaus sein unfeierlichstes Lachen erschallen lassen, wenn er alle die Abwendigen als feierliches Trauergeleit verspürte.«

»Ja, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, nahm ihre Hand und beugte sich über sie. Und wie sie ihm durch die Fensterscheiben nachblickte, sah sie, daß er aufrecht und gesammelten Blickes über die Straße schritt.

Als sie dem Mädchen eingeschärft hatte, keinem die Tür zu öffnen, wer es auch sei, ging auch sie in die Stadt hinein und wählte die letzte Behausung für den stillen Gefährten und ließ den eichenen Sarg in die Wohnung schaffen. Bei der Rückkehr fand sie eine Gestalt im Garten vor. Wie ein abenteuerliches Wesen stand die Vierschrötigkeit des Matthes im schwarzen, altväterlichen Leibrock vor ihren Augen.

»Sie gestatten, Madam. Er war mein Freund. Schon aus unseren Seemannstagen her. Auf keinen bin ich so verdammt stolz gewesen wie auf den Kornelius. Sie gestatten deshalb, Madam.«

»Was soll ich gestatten?« fragte Angela Freydag zurück.

»Daß ich ihn noch mal zu sehen kriegen darf. Nur auf so lang, daß ich ihm ›Auf Wiedersehen‹ sagen kann. Nichts für ungut, Madam, aber er war doch nun mal mein Freund.«

»Kommen Sie,« sagte Angela Freydag und schritt ihm in seltsamer Erregtheit voran.

Der Mann stand vor dem Entschlafenen. Seine schweren Finger drehten den Rand des Trauerhutes. Seine Kiefern bewegten sich, formten an einem Wort, stießen es endlich heraus.

»Kornelius ... verdammt noch mal ... Kornelius — —«

Die Augäpfel quollen ihm. Aber er hielt stand und ließ keinen Ton mehr zwischen den Zähnen durch.

Es war ein Scharren und Schieben auf der Treppe. Die Leute brachten den Sarg, und Angela Freydag ging hinaus und gebot ihnen, ihn vor dem Sterbezimmer niederzustellen. Als sie in das Zimmer zurücktrat, fand sie den Matthes unbeweglich vor dem Toten.

Für eine Sekunde suchte sie sein Auge. Und sie sah in dem Auge des grobgearteten Menschen einen Schein aufleuchten, der wie ein Abschiednehmen war von der Jugend. Auch diesem Rohen war er das Erinnerungsbild aller Freude und Frohheit, dachte sie. Selbst diesem. Der Dank wird dich freuen, Kornelius.

»Sie sollen mir helfen,« sagte sie, »Ihrem Freunde den letzten Dienst zu erweisen. Wir wollen ihn zusammen in den Sarg legen.«

Der Mann wandte langsam den Kopf. Er glaubte, nicht recht verstanden zu haben.

»Sprachen Sie zu mir, Madam?«

»Ich sprach zu Ihnen,« und sie wiederholte ihre Worte und wartete auf seine Antwort.

Der Mann stellte seinen Trauerhut auf den Boden. Seine Hände zitterten ein wenig.

»Das vergess' ich Ihnen nicht, Madam. Die Ehre nicht. Obwohl ich glaub', der Kornelius Vanderwelt hätt' sich auch bei mir nicht gescheut und keinen Unterschied gekannt. Ich steh' zu Ihren Diensten.«

Sie trugen gemeinsam den Sarg vom Vorflur ins Zimmer, und der Mann sah bewundernd auf die Muskelkraft der Frau. Und Angela Freydag breitete ein weiches Bett in die letzte Lagerstatt, die sie auf eine teppichbehangene Bank gehoben hatten, und glättete mit den Fingerspitzen wieder und wieder das Kissen. Dann streckte sie den Körper und schritt ruhig auf den Toten zu, bettete ihn an ihr Herz und trug ihn mit starken Armen, während der Helfer den Arm unter des Freundes Knie hielt wie eine eiserne Stange.

Ausgestreckt lag Kornelius Vanderwelt in seinem letzten Bett und lächelte sie an. Seine vergangene Jugend in dem Mann und seine Ewigkeitsjugend in der Frau. Und Angela Freydag fühlte seinen Gruß.

Der Matthes hatte seinen Hut vom Fußboden aufgenommen und war mit einem Kopfnicken hinausgegangen. Sie hörte, wie die Haustür hinter ihm ins Schloß fiel. Und sie breitete eine Decke über die Füße des Toten, trug einen Stuhl heran und setzte sich in stummer Zwiesprache zu ihm. Kein Ohr vernahm sie.

So fand sie Thomas, der mit Juliane und Antonie und den beiden Knaben um die Mittagszeit das Zimmer betrat.

Die Frauen trugen ihre Trauergewänder mit einer leidvollen Anmut. Die feinmaschigen Schleier gaben den Gesichtern den Ton der Blässe, doch schweiften unter dem Gewebe die Augen Julianens forschend umher, während das Gefunkel in Antoniens Blicken von scheuem Schrecken gedämpft wurde.

Angela Freydag schlug die Augen zu ihnen auf. Jetzt erst wurde sie inne, daß sie ihr Alltagskleid noch nicht getauscht, daß sie die äußeren Zeichen der Trauer noch nicht angelegt hatte. Sie erwiderte die geflüsterte Begrüßung der Frauen durch ein Neigen des Kopfes und streckte den beiden Knaben die Hände entgegen.

»Guten Morgen, Tante Engel,« sagten die Knaben leise und schmiegten sich trostsuchend an sie.

»Ihr kommt, um euch vom Großvater zu verabschieden?« fragte sie still und freundlich. Und sie nahm sie bei den Händen und führte sie an das Kopfende des aufgebahrten Sarges. »Prägt euch sein Bild ein, Martin und Nikolaus. Kein besserer, kein tapferer und ritterlicherer Mann hat je gelebt.«

Die hochaufgeschossenen Jungen standen in ihren Schulanzügen mit einem Trauerflor am Arm und zwangen sich zur Männlichkeit. Aber der Aufruhr der Gefühle tat sich in den zuckenden Mundwinkeln kund, und die Augenlider färbten sich feuerrot, feuchteten sich heiß und ließen langsam schwere Tränen niedertropfen, die schimmernd auf des Toten Händen haften blieben. Und durch Angela Freydags Seele zog die erste wehmütige Freude.

Juliane trat heran und schob die Knaben zur Seite Sie warf den Schleier zurück, hob die Arme und öffnete den Mund zu einem Schrei. Angela Freydags Hände drückten die erhobenen Arme nieder, und der Schrei erstarrte.

»Wir wollen seine Ruhe nicht mehr stören, Frau Juliane. Er hat sie um uns alle verdient.«

»Sie wollen mein Unglück doch nicht zum Vorwand nehmen, mich für seinen Tod mitverantwortlich zu machen.«

»Ich sprach wohl von uns allen. Es mag sich jeder seinen Teil herauswählen.« Sie wandte sich um, und ihr Blick haftete auf der scheuen Antonie. »Treten Sie näher, Frau Vanderwelt. Auch von Ihnen nimmt der Tote seinen Abschied.«

Antonie Vanderwelt wehrte mit den Händen. Ihr Blick hatte den Toten nur gestreift, er heftete sich mit dem Ausdruck unerklärlicher Furcht auf die steinernen Züge der Frau, die sie an die Seite des Toten befahl. Und von einem Weinkrampf geschüttelt, mußte sie von Thomas Vanderwelt aus dem Zimmer geführt werden.

Angela Freydag deckte das Tuch über das Antlitz des Toten.

»Nun können wir gehen,« sagte sie. »Was noch zu besprechen ist, besprechen wir am besten in einem anderen Raum.«

Im Arbeitszimmer trafen sie Thomas Vanderwelt und seine in Stößen aufschluchzende Frau. Mit schmalgepreßten Lippen ging Juliane auf den Bruder zu.

»Wir werden jetzt die Begräbnisanordnungen treffen, Thomas. Es dürfte sich vielleicht empfehlen, daß ich bis zur Erledigung der Hinterlassenschaftsgeschäfte im Hause wohnen bleibe.«

Mit blutrotem Kopf blickte der Bruder auf Angela Freydag, die wortlose Zuhörerin war.

»Ich bitte, meine Schwester zu entschuldigen. Ich bitte sehr darum. Der unerwartete Todesfall scheint sie um die Besinnung gebracht zu haben. Die Hinterlassenschaft steht in dieser Stunde gar nicht zur Besprechung. Und was die Anordnungen zum Begräbnis betrifft, so liegen sie in Händen, denen wir nicht genug danken können.«

»Ich bitte, in allen Dingen befragt zu werden,« beharrte Juliane scharf.

»Ich fürchte, liebe Schwester, daß nicht allzuviel zu befragen übrigbleibt. Augenblicklich befindet sich noch der Herr im Haus, wenn auch mit geschlossenen Augen.«

»So wollen wir den Wortlaut der Traueranzeigen festsetzen und die Listen aller —«

»Es ist nicht im Sinne des Vaters,« unterbrach sie der Bruder. »Die Anzeige in der Zeitung muß uns genügen. Ich habe sie bereits aufgestellt und abgegeben, Juliane.«

Die Schwester fuhr zornig auf.

»Du hast dich gut beraten lassen, lieber Thomas. Das mag bei kleinen Leuten von Nirgendwoher der Brauch sein, in unseren Kreisen hat man sich an die vorgeschriebenen gesellschaftlichen Formen zu halten und nur danach zu handeln.«

Thomas Vanderwelt trat dicht auf sie zu. Seine Lippen bebten vor Scham.

»Wir sind kleine Leute. Vergiß das nun nicht mehr und richte dich danach ein.«

Julianes Augen liefen mit hungrigem Ausdruck vom einen zum anderen. »Und Sie?« fragte sie die steinerne Zuhörerin schroff. »Was sagen Sie dazu, da Sie doch nun mal unserer Beratung beiwohnen?«

»Ihr Bruder«, sagte Angela Freydag, »hat als Oberhaupt Ihrer Familie vorläufig alle Bestimmungen zu treffen.«

»Oberhaupt! Er ist es ja nicht einmal in — Nun ja. Vorläufig, haben Sie gesagt. Vorläufig mag es dabei sein Bewenden haben.«

Angela Freydag blickte den Sohn Kornelius Vanderwelts an. Seine zusammengesunkene Gestalt reckte sich ein wenig.

»Der Sarg wird heute abend in die Friedhofskapelle überführt. Die Beisetzung findet übermorgen nachmittag statt. Wer irgendwelche Wünsche und Fragen hat, möge sich voll Vertrauen an Frau Engel wenden.«

»Du meinst wohl an Fräulein Freydag, lieber Thomas.«

»Nach deinem Belieben, Juliane. Du wendest dich also an Fräulein Freydag.«

Er trat auf Angela Freydag zu, beugte sich lange nieder und küßte ihr die Hand.

»Auf Wiedersehen am Abend, Engel. Ich werde pünktlich zur Stelle sein. Vielen Dank.« —

Gegen Abend fuhr der Totenwagen vor das Haus, lud seine Last ein und fuhr von dannen. In einem geschlossenen Gefährt folgten ihm Angela Freydag, Thomas Vanderwelt und die beiden Knaben. Vor dem Friedhofstor harrten die Träger mit der Bahre. Hinter dem schwankenden Brette her schritten die vier Menschen. Und sie blieben, als die Träger gegangen waren, wohl noch eine Stunde in der Kapelle und kränzten den Sarg mit einem Gewinde aus Immergrün und allen dunklen Rosen, die Kornelius Vanderwelts Garten hervorgebracht hatte.

Der Beisetzungstag kam. Und wieder fuhren sie denselben Weg, und Juliane und Antonie fuhren mit ihnen. Da die Schleier der beiden Frauen nicht gedrückt werden durften, kauerten die beiden Knaben eng aneinandergeschmiegt neben dem Fahrer.

»Es gleicht einer Bettelmannsbeerdigung,« tadelte Juliane heftig. »Nun ja, wir brauchen uns wenigstens nicht vor einer großen Teilnehmerschar zu schämen, denn in der Zeitungsanzeige war ja wohlweislich die Stunde der Beerdigung weggelassen worden.«

Antonie Vanderwelt lehnte in der Ecke des Wagens, von den Fenstervorhängen verborgen. Sie wünschte nicht, von ihren Freunden in dieser Lage gesehen und beurteilt zu werden.

Angela Freydag entstieg als erste dem Wagen. Und es fiel Thomas Vanderwelt, der ihr folgte, auf, wie hoch und voll ihre Gestalt geworden war. Ihre Züge waren nicht zu erkennen. Dicht lag der schwarze Schleier vor ihrem Gesicht.

War noch ein anderes Begräbnis für diese Stunde angesetzt? Der Platz vor der Friedhofskapelle war gefüllt von Menschen. Spiegelnde Seidenhüte mischten sich mit Schlapphüten und sonntäglichen Schiffermützen. Es war ein Gewoge wie vor der Schifferbörse, wenn Kornelius Vanderwelt mit jugendstarkem Schritt und hellen Augen die Massen durchquert hatte, nur lautloser und ohne Kornelius Vanderwelts anfeuernden Zuruf.

Und die Massen bildeten eine Gasse und ließen Angela Freydag hindurchschreiten, wie sie einst Kornelius Vanderwelt hatten hindurchschreiten lassen, und die Vanderwelt-Kinder und -Enkel gingen vor ihr oder hinter ihr, sie wußte es nicht.

Sie wußte nur, daß diese Hunderte hier ungerufen gekommen waren, in Erinnerung an seinen Lebensübermut, in Ehrfurcht vor seinen vollbrachten Werken, in Teilnahme an seinem Endkampf um Sein oder Nichtsein des Hauses. Und eine Stimme in ihr sprach, und sie sprach zu dem geliebten, schlummermüden Mann: »Kornelius, dies hier ist dein Guthaben. In hunderten Gemütern. Nun ziehst du es ein, und was man dir je auf die Schuldseite geschrieben haben sollte, es ist entlastet, und das Guthaben bleibt und verzinst sich.«

Das aber machte sie über die Maßen froh und aufrecht in ihrem Schmerz, daß er die Ungerufenen zu sich gezwungen hatte.

Die Träger hatten das Gestänge der Bahre ergriffen. In endlosen Zügen folgten die Menschen zum Erbbegräbnis der Vanderwelts und umringten es. Die Kinder und Enkel standen vor der offenen Gruft. Neben ihnen, und doch wie auf einer Insel allein, die ehrfürchtig angestaunte verschleierte Gestalt der Frau, die Kornelius Vanderwelts Leben aus den Niederungen zu den einsamen Höhen begleitet hatte.

Und Angela Freydag sah trotz des schwarzen Schleiers alle, die gekommen waren, und vergaß keinen. Sie hörte die Nachrufe der Werks- und Handelsherren, der Börsenmitglieder und der Schiffergilde, und das Niederrascheln ihrer Kranzgewinde. Sie sah die Herren der ›Erholung‹ unter ihrem Vorsitzenden und die Kumpanei aus den ›Fünf Erdteilen‹ unter Führung des Matthes. Kapitäne und Partikuliers, Rudersleute, Matrosen und Hafenangestellte. Und selbst die Bräute der Matrosen gewahrte sie in achtungsvoller Entfernung, für die Kornelius Vanderwelt so oft die Harmonika hatte spielen lassen. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, in die Gruft zu starren, die den Sarg aufgenommen hatte. Sie mußte ja alle diese Dinge wissen, um sie ihm einst berichten zu können. Das nur war es.

Und nun war es still.

Vom Friedhofstor tönte das Rollen der Wagen herüber, die die Handelsherren und Werksleiter zu ihren täglichen Geschäften entführten, von der Straße dröhnte noch der Schritt der abziehenden Massen und verlor sich. Mit stolz geröteten, vom hindernden Schleier längst befreiten Gesichtern gingen Juliane und Antonie ihren Kindern voran zu dem harrenden Wagen, und nur Thomas Vanderwelt wartete auf Angela Freydag, die noch einmal an die verlassene Gruft getreten war.

Sie hob den Schleier, und ihre Augen suchten irgend einen Punkt irgendwo. Und nie vergaß Thomas Vanderwelt das hinreißende Lächeln, das über ihr Antlitz zog.

Als sie ihren Abschied genommen hatte, ging er unhörbar fast auf sie zu und bot ihr den Arm. Sie nahm ihn, und sie folgten den anderen und fuhren mit ihnen in das vereinsamte Haus.

Die Knaben waren zu ihren Schularbeiten heimgeschickt worden. Die Erwachsenen hatten ihre Anzüge geordnet, einen Imbiß genommen und sich alsdann im Arbeitszimmer schweigend niedergelassen.

Das Schweigen wurde drückend, und Thomas Vanderwelt erhob verwirrt den Kopf, als habe ihn jemand angerufen.

»Es bleibt nichts anderes übrig,« sagte er mit einem müden Seufzer, »die letzten Willensäußerungen des Vaters müssen verlesen werden.« Und er nahm den Schlüsselbund vom Schreibtisch und schloß die Tischlade auf.

Sein Auge fiel auf den großen versiegelten Umschlag, der die gesuchte Aufschrift trug. Seine Hände waren schwer und zitterten, als er die Siegel vorzeigte und den Umschlag öffnete. Buchstaben und Zahlen tanzten vor seinen Blicken. Es war Kornelius Vanderwelts Rechnungsablage, die er in Händen hielt.

Und es ergab sich, daß das Vermögen verausgabt war, bis auf weniges. Verausgabt für die Lebensführung der Kinder. Da standen die Beträge, die Justus als seine Vermögensanteile vorweg erhalten und in Abenteuern verschleudert hatte. Da standen die Beträge, die Thomas hingegeben worden waren, um ihn und die Seinen über das trübe Wasser zu halten. Da standen endlich die Beträge, die alle anderen verschlangen, gezahlt für die Prahlsucht Julianens, für ihre Wechselverbindlichkeiten, für die Ablösung ihres Sohnes und die Abfindung der Beckenrieds. Was blieb, war das Eigentumsrecht an den beiden verheuerten Frachtkähnen, an Einrichtungsgegenständen und ein kaum nennenswerter Barbetrag.

Jeden Posten hatte Kornelius Vanderwelts sichere Hand gegen den anderen verrechnet und die überschießenden Schulden der Tochter wettgemacht durch die Übertragung der Frachtkähne und der noch verbleibenden Einrichtungsgegenstände an den Sohn. Der Flügel, Hans Deiters' Meisterbild, Noten und Bücher sollten Angela Freydag ausgehändigt werden als ein kleines Zeichen des großen Dankes.

Die Verlesung war zu Ende. Mit fahrigen Händen suchte Thomas Vanderwelt die Blätter zusammen. Sein Gesicht war weiß.

»Wir haben — den Vater — sehr enttäuscht,« murmelte er vor sich hin.

»Nein!« schrie Juliane auf. »Uns hat er enttäuscht! Uns! Uns!«

»Schweig stille, Juliane.«

»Weshalb soll ich stillschweigen? Weil ich in meiner Unwissenheit Schulden gemacht habe? Jawohl! In meiner Unwissenheit! Wußte ich denn anders, als daß der Vater ein großmächtiger Geschäftsmann sei und Gelder über Gelder verdiene? Und daß er mich dem jungen Beckenried zur Frau gab, weil er auch über die Beckenriedschen Vermögensverhältnisse Bescheid wußte und sie glänzend für mich fand? Und jetzt? Das ist ja alles nur ein Wahnsinn.«

»Wir werden alle arbeiten müssen, Schwester.«

»Ja, du! Als Inhaber der Firma! Wie hoch ist denn überhaupt die Firma bewertet? Das steht nirgendwo geschrieben.«

»Deine Unwissenheit, Juliane«, sagte Thomas Vanderwelt, und der müde, spöttische Ton wagte sich wieder hervor, »scheint sich nur auf solche Dinge zu erstrecken, die dir Schaden verursachen. Aber der Gedanke an die Bewertung der Firma braucht dir auch fernerhin den Schlaf nicht zu rauben. Der Name steht nur noch auf dem Papier. Auf Einstampfpapier, Juliane.«

»Was heißt das?«

»Es heißt, daß dein einstiger Gatte und dein einstiger Schwiegervater nicht an Weichherzigkeit zugrunde gehen werden. Daß sie Geschäftsleute und nichts als Geschäftsleute sind und den Abgang des unbequemen Kornelius Vanderwelt von der Bühne dazu benutzt haben, ganze Arbeit zu machen. Heute vormittag erhielt ich die Anzeige, daß der Mietvertrag des Geschäftshauses für die Erben Vanderwelt nicht erneuert werde, daß er vielmehr an die neugegründete Firma Beckenried Sohn übergegangen sei, die sich auch die Kräfte der bisherigen Mitarbeiter gesichert habe. Auf meine Mitarbeit wurde höflich Verzicht geleistet. Sie gilt nun einmal nicht als Kräftezuwachs.«

»Thomas! Darum fehlten die Beckenrieds beim Leichenbegängnis.«

»Thomas ...« wimmerte Antonie Vanderwelt.

»Ich habe nicht das Geld,« erwiderte er ablehnend, »um das Geschäft an anderer Stelle wieder flott zu machen. Ich werde mich als armseliger Schreiber verdingen oder als Schiffer fahren müssen.«

»Und was — was wird aus mir?« rief Juliane fassungslos.

»Du wirst so gut hungern müssen wie wir, liebe Schwester, wenn du ein bißchen Arbeit nicht vorziehst.«

»Und wer — wer wird unsere Wohnung bezahlen?«

»Leute, die kein Geld besitzen, werden die Wohnung aufs schnellste räumen müssen.«

Antonie Vanderwelt wimmerte auf.

»Man wirft uns auf die Straße — man wirft uns auf die Straße. In welche Hände bin ich geraten!«

Mit halbgeschlossenen Augen, als wollten sie die anspringenden Bilder von sich weisen, wandte sich Thomas Vanderwelt ab, und seine Kehle schluckte mühsam den Ekel hinab. Und Angela Freydag sah, daß sie alle versagten, die den Namen trugen, und keiner sich mühte, des Vatersnamens würdig zu werden.

»Hören Sie mich an,« sagte sie, und ihre Stimme wollte nicht wärmer werden. »Es ist ein furchtbarer Sturz, den Sie tun, und eine Probe auf Ihre Lebensfähigkeit. Aber ich sehe einen Ausweg. Bleiben Sie ruhig sitzen, Frau Juliane, ich bin erst beim Beginn und weiß nicht, wie Ihnen das Ende bekommen wird. Und auch Ihnen, Frau Vanderwelt, empfehle ich, auf jedes Wort achtzugeben. Es kommt darauf an, sich zu sammeln und den Lebenskampf mit verkleinerten Mitteln aufzunehmen. Mit stark verkleinerten Mitteln. Von ganz unten müssen wir nach oben. Das hat ja auch der Vater gekonnt. Wenn wir uns und unsere Mittel zusammentun und einer dem anderen unter die Achseln greift, muß es gelingen.«

»Der Ausweg — der Ausweg —« hastete Juliane.

»Ihre Wohnungen haben Sie nur durch den Zuschuß des Vaters halten können,« fuhr Angela Freydag fort, als erstattete sie einen kühlen Bericht. »Thomas hat zunächst als erwerbslos zu gelten. Der Verkauf der Möbelstücke, die noch zurückgeblieben sind, dürfte die fünf Personen Ihrer Familie vielleicht ein Jahr lang bei größter Sparsamkeit über Wasser halten, wenn Sie keine Auslagen für die Wohnung haben. Und diese Wohnung biete ich Ihnen.«

»Sie —? Uns —? Woher wollen Sie sie nehmen?«

»Ich habe mir durch meine Konzertreisen eine Summe ersparen dürfen. Aus einer Laune heraus, die hier nicht zur Erörterung steht, wurde ich Eigentümerin des Grundstückes ›Zu den fünf Erdteilen‹. Es ist nur eine Gastwirtschaft zweiten oder dritten Grades. Aber für Anspruchslose genügen die Zimmer, und Ansprüche sind wohl bis auf weiteres nicht mehr zu stellen.«

»In eine Kneipe!« rief Juliane. »In eine Kneipe sollen wir!«

»In eine Matrosenkneipe!« rief Antonie und schüttelte sich vor Lachen.

Angela Freydag trat dicht vor die überreizten Frauen hin.

»Schweigen Sie,« herrschte sie sie an. »Schweigen Sie, oder, bei Gott, ich lasse Sie verhungern.«

Da krochen die Frauen in sich zusammen, und ihr schrilles Lachen erstarb in einem Wimmern.

»Hören Sie mich noch einmal an,« sagte Angela Freydag kalt. »Ich sprach vorher von einem Jahr. Sie werden sich schon ohne mich keinen Monat über Wasser halten können, wenn Sie erst — Ihre Schulden bezahlt haben werden. Ich will in Thomas Vanderwelt das Zutrauen setzen, daß er ein Mann wird. Und von Ihnen verlange ich, daß Sie sich einfügen und in sich selbst Wandel schaffen. Für Abenteuer öffne ich das Haus nicht, sondern für die Besinnung. Von der Besinnung zum Aufstieg ist dann nur noch ein Schritt. Hier meine Hand, Thomas.«

Thomas Vanderwelt hob die schwergewordenen Augenlider. Langsam legte er seine Hand in die dargebotene. »Nun dürfen wir wohl gehen, Engel. Die Erschütterungen häufen sich ein wenig.«

Noch am späten Abend sandte Angela Freydag das Mädchen zum Gastwirt Matthes und ließ ihn zu einer Unterredung zu sich bitten. In der Nacht fand die Unterredung statt.

»Ich bin die Besitzerin Ihres Hauses. Sie werden es von Ihrem Freunde erfahren haben. Sonst gibt Ihnen das Grundbuch Auskunft. Weshalb Kornelius Vanderwelt so handelte, ist seine Angelegenheit. Wir wollen seine stillen Gründe achten und nie ein Wort darüber verlauten lassen. Sie werden mich gleich verstehen. Ich übernehme die Wohnung, die Kornelius Vanderwelt in den ›Fünf Erdteilen‹ mietete, für mich und die Nachkommen Kornelius Vanderwelts, bis sie das Gehen und Stehen gelernt haben. Sie rechnen dagegen die Zinsen auf, die Sie mir vierteljährlich zu zahlen haben. Vielleicht kann ich mich auch sonst in Ihrem Hauswesen nützlich machen.«

Den Gesichtszügen des Matthes war keine Überraschung anzumerken. Er sprach, als setzte er eine Unterhaltung fort, die er vor Tagen mit Kornelius Vanderwelt geführt hatte. »Die Gastzimmer stehen längst leer. Die Ledigen un Jungen, die keine Bleibe haben, denken heut all amerikanisch un verlangen fließend Wasser un sonst noch wat für ihre Schlamperei. Selbst die Kneipe bleibt halb leer, weil ich dat Geld für dat Gefiedel scheu' und bei der Harmonika geblieben bin. Wann woll'n Sie einziehen? Für mich is et en Geschäft.«

»In nächster Woche. Sobald der Verkauf aller entbehrlichen Gegenstände stattgefunden hat.«

»Abgemacht. Dat Sie sich mit der Nachkommenschaft einen bösen Packen aufbürden, is Ihre Sache.« Er nickte ihr kurz zu, ging zur Tür und wandte sich noch einmal nach ihr um. Seine Augen blinkerten. »Aber en Staatsweib, dat sind Sie.«

In dieser Nacht verfaßte Angela Freydag ihre letztwillige Verfügung, in der sie ihr Grundstück und ihre gesamte Hinterlassenschaft für den Fall ihres Todes Thomas Vanderwelt, seinem Sohn Nikolaus und seinem Neffen Martin unter Ausschaltung jedes anderen Erben überschrieb. Und anderen Tages hinterlegte sie das Schriftstück bei dem zuständigen Gericht.

Sechzig Jahre hatte Kornelius Vanderwelt erreicht, als er aus seiner Kraft und seiner Liebe abberufen wurde, und Angela Freydag zählte vierzig Jahre. —

Der Einzug in die ›Fünf Erdteile‹ war in den Nachtstunden vor sich gegangen. Der Matthes war mit ein paar älteren Schiffern erschienen, und die Arbeit war bald getan. Die Knaben hatten ein gemeinsames Zimmer erhalten, Thomas Vanderwelt und Frau zwei weitere, und Frau Juliane bewohnte wie auch Angela Freydag ein Einzelzimmer. Die Küche des Wirtshauses war auch die ihrige.

Angela Freydag schritt durch die einfach eingerichteten Räume und wies einem jeden sein schmales Reich an. Die Frauen waren kleinlaut geworden, Thomas Vanderwelt zeigte sein altes, belustigtes Lächeln, und nur die beiden Jungen freuten sich offen und arglos über das romantische Zwischenspiel.

Angela Freydag hantierte zwischen dem geringen Hausrat, als wäre sie in ihre Kindheit zurückversetzt und hätte für den abgehetzten Vater, die ruhelose Mutter zu sorgen. In derbem Hauskleid verrichtete sie die Arbeit, die keiner ihr abnahm oder erleichterte, und hatte alles von sich getan, was an vergangene bessere Zeiten zu erinnern vermochte. Sie wollte ganz sein, was sie war, und mehr als der Schein. Darum auch hatte sie den Flügel hingegeben und das Bild und die Bücher bis auf wenige, und das Geld auf die Sparkasse gelegt. Es war ihr letzter und schwerster Abschied. Aber sie blickte auf ihre Hände, die arbeitshart geworden waren und ungelenk für die hohen Anforderungen der Kunst, und die Hände strichen langsam an den starken Hüften hinab, und sie freute sich ihrer Stärke.

Es war kein Leichtes gewesen, das Mißtrauen der gedemütigten Frau des Matthes zu besiegen, aber auch dies hatte sie vollbracht. Als sie der alten Frau am Küchenherd stillschweigend die schweren Kessel aus der Hand nahm und ihr zu einem kärglichen Aufatmen verhalf. Noch immer schielte die Frau argwöhnisch nach der straffen Gestalt der neuen Mieterin, bis Angela Freydag ohne ein Lächeln die Hand über das Herz legte und zu ihr sprach: »Es ist für immer vergeben.« Seit dieser Stunde war eine seltsame Freundschaft zwischen ihnen, die wenig Worte machte.

Aber es lebte noch ein anderes Mitglied der Familie Matthes im Hause, das nicht wortkarg war und sich mit dem ganzen Drang der Jugend an Angela Freydag, die bald schon im Hause allüberall Frau Engel gerufen wurde, anschloß. Es war das des Matthes Enkelin, das Kind seiner in Düsseldorf verstorbenen Tochter, und da es keinen Vatersnamen besaß, hieß es Magdalene Matthes. Die Zwanzigjährige war tagsüber auf einem Handelskontor beschäftigt und verdiente sich, was sie brauchte, und der Großvater Matthes mußte sein Schmälen unterlassen, da sie auf Heller und Pfennig für Kost und Wohnung zahlte.

Das mutige Ding war voll Ansporn und Leben, und da das Leben mit seiner Fülle nicht zu ihm gekommen war, so kam das Mädchen mit seiner Fülle zum Leben, und es war nicht anders, als ob es Gott und die Welt mit seinem Vorhandensein beschenken wollte.

»Lassen Sie mich Ihnen helfen, die Zimmer in Ordnung bringen, bitte, Frau Engel. Dafür erteilen Sie mir in den Abendstunden ein wenig Unterricht.«

»Worin sollte ich Sie wohl unterrichten können, Magdalene.«

»In allem, was ich brauche, um eine Frau zu werden wie Sie.«

»Dazu gehört nur ein wenig Mut und viel, viel Liebe, kleine Schwärmerin.«

Sie schüttelte die Locken, und in ihre Mädchenstirn grub sich die Falte des frühreifen Ernstes, die Angela Freydag wie ein geschwisterliches Zeichen wiedererkannte. Wie oft war Kornelius Vanderwelts Hand darübergeglitten.

»Ich bin keine Schwärmerin, Frau Engel. Nein, gewiß nicht. Ich weiß, daß ich vor viele, harte Kämpfe gestellt bin. Aber ich bin jung und kräftig und will mir meinen Glauben nicht verkümmern lassen.«

»Ich muß Sie einmal ganz schnell in die Arme nehmen,« sagte Frau Engel. »Und nun helfen Sie in Gottes Namen.«

»Mut,« wiederholte das Mädchen. »Mut und viel Liebe ... Ich denke, darin kann ich schon ein ganzes Teil Bestellungen entgegennehmen.« Und sie machte sich mit lautem Gesang an die Arbeit.

Es war für Angela Freydag eine Wohltat, die frisch beherzte Angreiferin um sich zu haben, denn die beiden Frauen Juliane und Antonie rührten keine Hand, es sei denn für sich selbst und die Ausschmückung ihrer Kleider, die sie verstohlen wieder hervorgeholt hatten und in denen sie sich zum Abend in den Straßen wieder zu zeigen begannen. Oft und öfter geschah es schon, daß die beiden Frauen heimlich miteinander tuschelten und kicherten und jäh die Gleichgültigen spielten, wenn Angela Freydag durch die Zimmer ging.

Einen Monat und länger hatte Thomas Vanderwelt mit der Auflösung der noch schwebenden Geschäftsverbindlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatten sich ohne Schwierigkeiten vollzogen. Der gute Wille, der absterbenden Firma Kornelius Vanderwelt die letzten Ehrenbezeigungen zu erweisen, trat unverkennbar zutage, und ein Willensstarker hätte die freundliche Meinung auszunützen verstanden und sich außer neuen Aufträgen wohl auch die Leihsumme der fehlenden Betriebsgelder zu verschaffen gewußt. Aber Thomas Vanderwelt war kein Willensstarker. Was an Willen in ihm schlummern mochte, lag im Albdruck unter der Puderschicht, die vom Wesen seiner Frau auf ihn hinübergeglitten war.

Ein paar Wochen noch ging er Tag für Tag hinaus, um sich eine Stellung in den Schoß fallen zu lassen oder sich am Hafen nach seinen Kähnen umzusehen, um mit Wilm über die Heuer der Fahrten zu verhandeln oder ein anderes minder wichtiges Geschäft als Vorwand zu nehmen. Dann blieb er, als die Herbstregen rauschten, mehr und mehr daheim und erhob sich nur lauschend, wenn Antonie das Haus verlassen hatte, um ihr hinter den Fenstervorhängen nachzublicken und ihr auf demselben Wege zu folgen.

»Ich könnte Ihnen eine Stelle besorgen,« redete ihn an einem Abend, als sie ihn allein traf, Magdalene Matthes ohne Umschweife an.

»Ich Ihnen auch, mein Fräulein. Aber ob sie für ein so stolzes Fräulein gut genug wäre —«

»Das sind Kindereien, Herr Vanderwelt, die Ihnen schlecht zu Gesicht stehen. Sie wollen natürlich damit sagen, daß für einen so stolzen Herrn, wie den Herrn Vanderwelt, nicht jede beliebige Stelle passend erschiene. Jede Stelle aber ist ein Sprungbrett.«

»Ich habe gegen Ihre Denkrichtung nichts einzuwenden,« sagte er und lächelte freundlich zu ihrem flammenden Unwillen. »Sie scheinen mir sehr begabt, und begabte Frauen zählen zu den Seltenheiten.«

Jetzt aber flammte sie ihn wirklich an.

»Wie Sie zu Ihren traurigen Betrachtungen über die Frauen kommen, weiß ich nicht, und ob ich begabt bin oder nicht begabt bin, geht Sie nichts an. Sicher aber ist, daß ich mir eine Gelegenheit zur Arbeit nicht aus der Hand schlagen lassen würde und eher eine Meile liefe als einen Schritt zurück täte.«

Sie wandte sich auf dem Absatz, und Thomas Vanderwelt schaute ihr gedankenverloren nach, wie sie die Stufen der Treppe nahm und in ihrem Zimmer verschwand.

»Ich glaube, er weiß nicht einmal, wie ich aussehe, der Sterngucker,« eiferte sie, als sie Frau Engel ihren Bericht erstattet hatte. »Oder er hält uns Frauen für so minderwertig, daß es den hohen Herrn eine Zumutung dünkt, sich von einer Frau behilflich sein zu lassen. Spottvogel, der.«

»Es kommt wohl auf die Frau an,« sagte Frau Engel. »Und nun haben Sie genug geschimpft.«

»Geschimpft?« fragte sie bestürzt. »Ich wollte ihn doch nicht beschimpfen. Dazu habe ich erstens nicht das Recht, und zweitens weiß ich aus Erfahrung, daß Leute, die im Elend sind, ein ganz besonders feines Ehrgefühl besitzen.«

»Sehen Sie wohl, Magdalene? Es ist noch nicht aller Tage Abend, und wir wollen uns inzwischen tummeln.«

Während sie die Zimmer richteten und die Küche besorgten, plauderte das frische Mädchen unverdrossen. Es erzählte von den Aufgaben, die ihr im Geschäft gestellt worden seien und über welche Briefausdrücke sie gestolpert sei, fragte eindringlich und ließ sich voll Eifer belehren. Dabei überzog sie ein Bett mit festem Leinen oder wusch das Gemüse unter dem Küchenkranen. Und wie die Fragen mit Verstand gestellt wurden, so wurden die Antworten aus der Reife der Lebenserkenntnis erteilt, und es wurde ein Unterricht, bei dem der Geist des Mädchens alle Pforten öffnete und sich aus allen Pforten in die Höhe schwang zu Angela Freydags Geist.

Wie oft war es Angela Freydag in diesen Wochen und Monaten, als wären nur die Gesichter vertauscht. Als trüge das lernbegierige Mädchen die Züge der jungen, lernbegierigen Klavierlehrerin und sie selbst stünde als Lehrer an Kornelius Vanderwelts Statt. »Ich gebe deinen Reichtum weiter, Kornelius,« sprach sie dann wohl für sich hin, »und heute verstehe ich dein Wort, daß es nicht immer die blutseigenen Kinder sind, die unsere Seele am stärksten beerben.«

Aber die schwermütige Anwandlung verflog, als wäre sie nie gewesen, wenn Kornelius Vanderwelts blutseigene Enkel, wenn Martin und Nikolaus schulentlastet die winklige Treppe hinaufgestürmt kamen und ihr mit tausend Geschehnissen um den Hals flogen. »Heute hat der Martin ein Gedicht auf den Großvater gemacht.« »Der Nikolaus hat geholfen und die gute Hälfte daran.«

»Her damit, Jungens.« Und sie las die stammelnden Strophen.

Ihre Brust hob sich hoch. Ihre Augen funkelten. Nein, es war nicht vergebens.

Ihr Gedanke schweifte zu den spielerischen Müttern, zu dem lässigen Vater, der sich spöttelnd ein Kind der Zeit nannte.

Formte die Zeit die Menschen? Oder formen die Menschen die Zeit? Nur die es versuchen, haben die Berechtigung, zu sein, und dieses Jungdichtergestammel war über die Zeit erhaben.

»Ich wälze zwei rotbackige Äpfel in Teig und schiebe sie für euch in den Ofen.«

Ein Jubelschrei aus zwei Kehlen — und ein beschämtes Innehalten und Verstummen.

»Schmeckt euch der Lohn zu sehr nach dem Alltag, Jungens? Hattet ihr auf eine goldene Rose gerechnet?«

»Aber wir haben dich ja gar nicht angedichtet, Tante Engel. Das Gedicht geht auf den Großvater.«

Da nahm sie die beiden Jungen mit einem herzlichen Lachen in ihre Arme und an ihre Brust.

»Der Großvater oder ich. Das ist in der Dichtung ein und dasselbe. Ob wir leben oder gestorben sind.«

Der Knabenverstand erfaßte den Sinn der Worte noch nicht. Aber die Augen glänzten vor Begeisterung, als die Bratäpfel in die Ofenröhre geschoben wurden und alsbald ein süßes Duften von Weihnachtsseligkeiten die Küche erfüllte. —

Für den Matthes aber war es gekommen, wie er es vorausgesagt hatte: es war für ihn ein Geschäft geworden. Die Verzinsungen fielen für ihn aus, und die Gastzimmer hatten ohnedies leergestanden und wurden nun in Obacht und Pflege genommen. Darüber hinaus aber waltete die starke Frau, die ihren Einzug gehalten hatte, in Küche und Haus, griff seiner verängstigten Gesponsin nachdrücklich unter die Arme und scheute sich nicht, wenn's not tat und die Kräfte der Alten versagten, unbeobachtet in der Wirtschaft zu erscheinen und nach dem Rechten zu sehen.

»So eine wie die, Alte, wenn ich die gehabt hätt' un nich dich Tränenkrug, die ›Fünf Erdteile‹ wären die erste Wirtschaft am Platz.«

Die Frau kniff erregt die Lippen ein und arbeitete ohne Widerrede weiter und über ihre Kräfte.

Es war einmal gewesen, daß sie mit einer Handvoll Bierseidel über einen Kautabak hingeglitten und zu Fall gekommen war, heftig gemaßregelt von dem Groll des Wirtes und von den Gästen mit Hallo begrüßt, als Angela Freydag die Wirtsstube betrat. Sie half der Beschämten auf die Füße, führte sie hinaus und kehrte kühl an den Schenktisch zurück. »Geben Sie her,« sagte sie zum Matthes.

Er blinzelte in den Tabaksqualm, füllte frische Gläser und schob sie auf das Schankblech, als wäre nichts weiteres dabei.

»Wer hat bestellt? Wohl bekomm's. Sehen Sie, es geht auch mit der Ruhe.«

Die Gäste blickten verdutzt auf die Frauengestalt in derbem Hauskleid, räusperten sich und tranken.

»Schmeckt noch mal so gut,« meinte ein Witzbold.

»Mehr wird nicht verlangt,« antwortete sie und sah dem Manne in die starrenden Augen, bis sein Blick quer ging.

Von diesem Abend an ging sie zeitweilig, wenn die Frau des Matthes vor gichtigen Schmerzen nicht weiter konnte, als Stellvertreterin der Ärmsten in die Wirtsstube hinunter und übernahm die Pflichten der Wirtin. »Sie haben hier nichts, aber auch gar nichts verloren,« wies sie das junge Mädchen zurück, das sich ihr hilfsbereit zugesellen wollte. »Für Männer in Kneipenluft ist eine andere Verfassung am Platz, als ich sie bei Ihnen wünsche. Diese Bekanntschaften hier möchte ich Ihnen für Ihren zukünftigen Lebensweg erspart wissen.«

»Aber, Frau Engel, Sie sind eine Dame, und was und woher bin ich?« erwiderte Magdalene Matthes angriffslustig.

»Sie stellen die Frage falsch, Kind. Nicht: ›woher bin ich?‹, ›wohin will ich gehen?‹ muß sie heißen und nicht anders. Also belasten Sie sich nicht mit Dingen, die Ihnen Ihren Weg versperren. Der meine war schön und weist mich zur Beendigung hierher. Weshalb, das lassen Sie meine Sorge sein.«

Das Mädchen ging verwirrt von dannen und suchte einen Entgelt darin, daß es sich mehr als bisher um die Wünsche und Gewohnheiten der Vanderweltschen Familie kümmerte und ihnen genugzutun sich mühte.

Stark und gefestigt saß Angela Freydag im Schatten des Schenktisches, die aufglühende Tonpfeife als Freundin. Und sie behielt den Stiel der glühenden Pfeife in der Hand, wenn sie am Schenktisch die gefüllten Gläser entgegennahm und zu den Gästen trat. Stark und gefestigt saß sie wieder auf ihrem Platze, und die voreiligen Witze der Männer hatten sich in ein Murmeln der Befriedigung verwandelt.

Man war bei Mutter Engel. — —

»Frau Engel, ich möchte Sie sprechen,« bat in den festfröhlichen Wintertagen Magdalene Matthes. »Darf ich es sagen?«

»Sagen Sie mir getrost alles, was Sie auf dem Herzen haben. Wir sind in meinem Stübchen und allein.«

»Sie sind vielleicht durch die Wirtsstube so oft in Anspruch genommen, daß Sie es nicht bemerkt haben. Und es sind auch ganz gewiß nicht meine Angelegenheiten. Aber die anderen dürfen doch nicht in die Mäuler der Leute kommen.«

»Wer sind die anderen?«

»Nun, der Herr Thomas Vanderwelt und — und — die Prachtburschen, der Martin und der Nikolaus.«

»Für die Frauen fürchten Sie nichts?«

»Ach, Frau Engel, die Frauen sind es ja gerade, die — ja, wie soll ich es Ihnen sagen? — die so unvorsichtig sind.«

»Und Sie glauben, ich bemerkte das nicht, wenn ich in der Wirtsstube sitze? Und Sie denken, weshalb ist sie hinuntergegangen und sitzt nicht oben und hält die Augen auf? Weil ich denen da oben eine Frist zur Besinnung gesetzt habe, Mädchen, und zusehen will, für wen es sich da oben verlohnt, bevor ich an die Abreise denke.«

»Frau Engel,« rief das Mädchen mit erschrockenen Augen, »dann bricht für die da oben alles zusammen.«

»Magdalenlein,« beruhigte Angela Freydag und strich ihr über die heißgewordenen Wangen, »es ist noch nicht so weit, und ich hoffe auf ein Wunder. Wenn auch das, was Sie mir zu sagen haben, nicht ein Wunder voraussehen läßt.«

»Hätte ich doch nicht damit begonnen!« stieß das Mädchen über sich selbst erzürnt hervor.

»Nicht so, Magdalene. Sie und ich, wir haben uns liebgewonnen, und in der Liebe gibt es keine heimlichen Gedanken. Was Sie mir zu sagen haben, kann nur die Bestätigung meines eigenen Wissens sein, und jede klare Bestätigung reinigt die Luft. Sie helfen mir also auch mit weniger schönen Wahrnehmungen.«

Das Mädchen hob den Kopf. Ihre tapferen Augen trugen den Ausdruck der Entschlossenheit.

»Frau Engel, es ist nicht gut, daß die beiden Frauen allein gehen. Ich sah sie nicht zum erstenmal in den Straßen, wenn ich abends aus dem Geschäft kam. Heute wurden sie angeredet, und sie ließen es sich gefallen und gingen mit den Herren in eine Tanzdiele. Es ist keine angesehene Örtlichkeit, in die sie gingen, und sie wußten es wohl nicht.«

Angela Freydag saß und hielt die verschlungenen Hände im Schoß. Aber die Gelenke ihrer Finger knackten.

»Wollen Sie es den beiden Frauen sagen, Frau Engel? Bitte, sprechen Sie doch.«

»Es ist die Sache Thomas Vanderwelts, Magdalene. Er hat für den Namen Sorge zu tragen. Also sprechen Sie mit Thomas Vanderwelt, wenn das Herz Sie treibt, und ich hoffe für ihn, daß Sie eine glückliche Stunde haben.«

»Mit — Thomas Vanderwelt? — Und was hat mein Herz damit zu tun?«

»Das müssen Sie sich selber fragen. Oder auch nicht, wenn es Ihnen auf Hilfe ankommt.«

»Ja,« sagte sie mit schwerem Atem, »es kommt mir auf Hilfe an. Gerade bei ihm. Denn er ist im Grunde ein ganz anderer, als er vortäuschen möchte.«

»Wer ist er denn? Ein unglücklicher Ehemann?«

»Ein schlaffer Mensch ist er. Ein Mensch, der den Aufschwung nicht finden kann, weil er immer in den Schmutz stiert. Aber viel, viel weicher ist er, als seine Spottsucht zugeben will und die wenigsten es ahnen.«

»Vielleicht, weil er in Ihnen eine so gute Freundin gefunden hat. Und nun gehen Sie zu ihm, Mädchen.«

Die erhitzten Wangen erblaßten ihr. Mit kleinen, scheuen Schritten ging sie auf die ernstgewordene Frau zu, die sie in die Arme nahm.

»Ich habe einmal aus dem Munde eines ganz Großen gehört, der auch nicht in den Gleisen althergebrachter Sitte lief: ›Ich habe das Heilige angebetet in Gottes reichster Schöpfung. In der Liebe! Alle reine Liebe ist eine Tugend, Kind. Und es steht kein Mensch so niedrig, daß er sich ihrem Anruf entziehen könnte.‹«

Da ging sie und suchte Thomas Vanderwelt auf.

Er lag lesend auf dem Sofa, als sie zu ihm eintrat, und er behielt das Buch in der Hand, als er erstaunt aufsprang und ihr entgegenging. Es war still im Zimmer. Die Frauen spazierten in der Stadt.

»Soll ich mich durch Ihren Besuch geschmeichelt fühlen, Fräulein Magdalene, oder das niederdrückende Bewußtsein auf mich nehmen, daß es für ein junges Mädchen kein Wagnis bedeutet, mich in meiner Höhle aufzusuchen?«

»Wenn ein Löwe in der Höhle steckt, mag es schon ein Wagnis sein, Herr Vanderwelt.«

»Ich verstehe. Sie sind gekommen, um das festzustellen. Ich sah einmal einen Löwen in einer Tierbude, der ließ sich an den Barthaaren zausen und weinte.«

»Man hätte ihn aus der Tierbude herauslassen sollen, und die Zauser hätten das Weinen gekriegt.«

»So hohen Ehrgeiz hatte der Löwe gar nicht. Er war zufrieden, daß er gefüttert wurde und nicht in den Regen brauchte.«

»Dann hat der Löwe wohl Ehrgeiz und Ehre verwechselt, Herr Vanderwelt. Das soll in der Gefangenschaft vorkommen.«

»Was wollen Sie?« fragte er mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln.

»Frau Engel behauptet, ich sei Ihre Freundin,« sagte sie furchtlos. »Es kommt gar nicht darauf an, ob Ihnen daran etwas gelegen ist oder nicht. Wenn ich Freundschaft für Sie fühle, so muß ich es Ihnen beweisen, auch wenn es Ihnen unangenehm ist. Ihre Gattin, Herr Vanderwelt, und Ihre Frau Schwester scheinen zuweilen den Löwen in der Höhle zu vergessen. Das ist nicht gut, Herr Vanderwelt. Für Sie nicht und für die Knaben nicht.«

Er trat hastig auf sie zu. Auf seinen blassen Wangen tanzten Flecke.

»Wissen Sie etwas Neues? Etwas, was ich nicht weiß? Ausgezeichnet. Wir werden Gegenminen legen und sie verblüffen.«

»Haben Sie nicht richtig zugehört?« fragte sie staunend. »Es ist kein schön Geschäft, die Angeberin zu spielen, und ich möchte es nicht wiederholen.«

Seine fahrigen Hände hielten inne. Er besann sich, wer sie war.

»Meine Jagdleidenschaft ging lieber andere Wege. Das dürfen Sie mir glauben. Der röhrende Hirsch. Der wetzende Keiler. Und das Leben dransetzen, ihn auf die Decke zu kriegen. Aber wir sind kleine Leute und dürfen nur heimlich mit dem Frettchen auf die Karnickeljagd. Man gewöhnt sich daran. Es kann eine Leidenschaft werden. Da treiben die geschmeidigen Tierchen ihren verliebten Unfug in allen Hecken. Husch, sind sie im Bau und lachen sich eins. Und Sie lassen das Frettchen hineingleiten, und nun ist das Lachen an Ihnen, wenn die lieben Tierchen mit gesträubtem Haar aus den Röhren herausgefahren kommen. Ihnen in den Sack.«

»Herr Vanderwelt, hat Ihnen noch nie ein Mensch gesagt, daß die Frettchenjäger und die Hundefänger ungefähr auf der gleichen Stufe stehen?«

Ein Ruck ging durch seinen Körper. In seinen Augen blitzte es drohend auf. Sie aber freute sich der Drohung.

»Sie sind eine Frau,« sagte er und mühte sich in die Gelassenheit zurück. »Mit den Begriffen einer Frau soll man nicht rechten, und wir wollen den Gesprächsstoff wechseln. Übrigens sind Sie eine sehr hübsche Frau, oder Fräulein, wenn Sie das lieber hören. Schlank und voll geschwungener Linie, wie die Wiener Rokokofiguren, die ich besonders liebe. Mit der hellen Haut und dem hellen Haar der Frauen von Geblüt. Ich meine, wenn Sie sich strecken, müssen Sie mir gerade bis an den Mund gehen.«

»Loslassen. Oder ich schlage Sie ins Gesicht.«

»Gern?«

»Gern?« wiederholte sie, aus der Fassung gebracht, und fühlte seinen Arm nicht mehr. »Man schlägt doch einen Menschen nicht gern ins Gesicht?«

»Sicherlich nicht, wenn man vorgibt, eine Freundin zu sein.« Und er beugte sich über sie und küßte sie auf den Mund.

Sie setzte sich nicht zur Wehr. Sie streifte nur ruhig seine Arme von sich ab und trat einen Schritt zurück.

»Herr Vanderwelt, mein Mund ist kein Freiweideland. Mein Mund, das bin ich! Und wenn Sie wieder einmal Hunger oder Durst nach ihm bekommen sollten, so vergessen Sie nicht, daß Sie als Zahlung sich selber mitzubringen haben, oder doch das, was das Beste an Ihnen sein sollte, den Mann.«

Und sie war hinaus, bevor er sich den Sinn ihrer Worte gedeutet hatte.

Angela Freydag saß vor ihren Büchern und rechnete, als Magdalene Matthes leise bei ihr klopfte. Und sie errechnete noch ein Vierteljahr der Frist für die feiernden Hände derer, für die sie Sorge trug. Ihr Blick kam aus weiten Fernen zurück.

»Haben Sie eine glückliche Stunde angetroffen, Magdalene?«

»Er hat mich geküßt, Frau Engel.«

»Geküßt? So tief ging sein Dank für Ihre Freundeshilfe?«

»Ach, Frau Engel, ganz außerhalb meiner Freundeshilfe hat er mich geküßt. Wie man ein kleines Mädchen küßt, das ein Gedicht aufgesagt hat, oder ein größeres, mit dem man schon eine Liebelei anfangen möchte. Nicht so finster blicken, Frau Engel. Ich bin vergnügter herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Denn ich habe ihm über seine hohe Mannbarkeit die Leviten gelesen, daß ihm der Spiegel im Zimmer zuwider sein muß.«

»Hüt' dich, Thomas,« sagte Angela Freydag vor sich hin.

Stark und gefestigt saß sie auch am heutigen Abend am Schattenplatz der Wirtin, die Arme aufgestemmt, die glühende Tonpfeife zwischen den weißen Zähnen. Schimmernd lag ihr die Haarkrone um den schöngebliebenen Kopf, der heute voll dunklen Sinnens war.

Der altgewordene Matthes kam vom Schenktisch. Er zwinkerte mit den Augen über sie hin und sah das Weiße ihres Armes aus den Ärmeln blinken. Wie versehentlich ließ er seine Hand an das Weiße streifen. Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und lächelte ihn so fern und seltsam an, daß es den Mann überlief. Und senkte den glühenden Pfeifenkopf auf seinen Handrücken.

Ein paarmal blinzelte er. Dann wandte er sich schwerfällig um und verließ das Zimmer. Ein hellhörig Schweigen blieb hinter ihm, und die Gäste hockten wie ein verhagelt Hühnervolk auf den Stühlen und schielten nach der Frau. Der Matthes kehrte zurück. Er trug ein nasses Tuch um die Hand und stellte sich wortkarg hinter den Schenktisch. —

Die Feierabendstunde schlug, und die Gäste erhoben sich und verließen die Wirtsstube. Aber ein jeder rückte, was sonst nie der Brauch der Männer gewesen war, vor der gelassen weiterrauchenden Frau die Schiffermütze, und ein jeder sprach: »Gute Nacht, Mutter Engel.«

Draußen im Gang schloß der Matthes hinter dem letzten die Haustür. Dann schlurften seine Schritte die Treppe hinauf.

Auf der nächtlichen Gasse zogen ein paar Mädchen vorbei und sangen ein Lied.

Angela Freydag hob den Kopf, um den Sinn zu ergründen.

Sie sangen von der Sehnsucht.