An Emma Elisabeth
1
Das Mädchen stand mitten auf der Landstraße, als Kornelius Vanderwelts Wagen in weiter Ferne wie eine winzige Staubwolke sichtbar wurde. Die Hände hielten das im Winde flatternde Mäntelchen in den Taschen am Körper fest. Der kleine Handkoffer ruhte wohlbehütet vor dem Straßenschmutz auf den Stiefelspitzen.
Das Mädchen stand mit einem gesammelten Ausdruck des Gesichtes und sah dem Wölkchen entgegen. Die schmale Gestalt hielt sich, als wäre es so und nicht anders selbstverständlich, aufrecht in den Schultern. Aber die kräftig betonte Linie dieser Mädchenschultern und die kleinen, festen Bogen der Brüste, die der hastige Flußwind in das Gewand kerbte, zeigten wohl, daß die Schmalheit der Gestalt eher einer Herbheit der Erdentage als einer Mißgunst des Schöpfungstages zuzuschreiben sei.
Die Augen, von dem hellen Grau durchtränkt, das dem dämmernden Tageslicht gleicht, schlossen sich zu einem schmalen Spalt, sammelten blitzschnell ihr Licht und ließen es frei. Der Ausdruck des Gesichtes änderte sich keine Sekunde. Nicht verschlossen, unaufgeschlossen erschienen die merkwürdig ruhigen Züge, von einem Mädchentum zusammengehalten, das, sich selber unbewußt, nach Art scheuer Tiere eine Schutzfarbe sucht.
Es war, als ob nur die Augen atmeten, der Körper sprungbereit gehalten würde.
Das Flußbett der Ruhr zur Linken, herbstroten Buschwald zur Rechten, kam Kornelius Vanderwelts Wagen näher und näher. Der Fahrer, wohl auf Geheiß des Herrn, schlug ein langsameres Zeitmaß an, und Kornelius Vanderwelt saß mit bloßem Kopfe am heruntergesenkten Fenster, ließ den Wirbelwind in seinem Haar wühlen und trank mit den Augen die weltabgewandte Flußlandschaft in sich hinein. Keine andere Erfrischung war ihm lieber zwischen den lauten Stunden der Schifferbörse und der nachmittäglichen Kontorzeit.
Kornelius Vanderwelt lachte lautlos vor sich hin, als er diesem Gedanken Raum gab. Sein Gesicht bräunte sich. Fast hätte er als ehrlicher Mann die heißen Zecherstunden der Nächte vergessen.
»He, Wilm! Was ist los?«
Das Mädchen auf der Landstraße hatte den Arm gehoben. Das freigewordene Mäntelchen flatterte wie schlagende Flügel hoch in der Luft, und der Wind preßte das Kleid fest zwischen die überschlanken Knie.
»Bitte!« rief das Mädchen dem Fahrer zu, ohne sich um den Herrn zu kümmern.
»Was will sie denn, Wilm?«
»Ob das hier richtig wär, nach Ruhrort!«
Kornelius Vanderwelt beugte sich ein wenig vor. Seine breiten Schultern füllten das Fenster. Er sagte nichts, aber seine Augen schossen ein lustiges Licht auf das gestraffte Menschlein, das ihm der Kuppler Wind in allen Linien preisgab.
»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Stimme des Mädchens den Fahrer noch einmal an.
»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Kornelius Vanderwelt, »der Fahrer ist stumm und auch taub, wenn er den Herrn fährt. Wie es sich gehört. Sie müssen also schon mit mir fürlieb nehmen.«
Das Mädchen wandte den Kopf und sah den Herrn an. Es sah in den hellgefärbten Mannesaugen den Spott und mit dem unbeirrbaren Tastgefühl, das unerweckter Jugend gleich den Schlafwandlern zu eigen ist, daß der Spott nur ein Übermut sei.
»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Mädchenstimme zum dritten Male, und keine Schwingung in ihr war anders als zuvor.
»Gewiß, mein stolzes Fräulein. Seit den Tagen der alten Römer geht hier der Weg.«
»Wie weit noch —?« fragte sie zurück.
»Wenn Sie die Fußwanderung vorziehen: zwei Stunden. Mit dem Wagen: knapp eine halbe.«
»Danke!« klang es durch den Wind. Und als sie sich bückte, um die Handtasche von den Stiefelspitzen aufzunehmen, sprang der Wind wie ein meckernder Kobold sie im Wirbel an, von links und von rechts, von vorne und im Rücken, wie sie sich auch wenden mochte, um den Mantel zu haschen, um das aufflatternde Kleid über die Knie niederzuschlagen. Über der geraden, schmalrückigen Nase grub sich eine Furche steil in die breitgelagerte Stirn. In den grauen Augen saßen, tief auf dem Grunde, heiße Lichter.
»Einsteigen!« gebot Kornelius Vanderwelt. Und als das Mädchen nicht alsogleich im Kampf mit dem Winde nachzulassen vermochte, öffnete er den Wagenschlag von innen und sprang hinaus.
Sie reckte sich augenblicks hoch und ließ flattern, was wollte. Dicht voreinander standen sie, und ihr Scheitel, von einer dunklen Wollmütze bedeckt, reichte dem Vierzigjährigen bis ans Herz.
»Sind Sie so klein?«
»Nein. Sie sind so groß!«
»Richtig. Es kommt immer auf den eigenen Standpunkt an.«
Er nahm sie um die Mitte und hob sie ohne Widerrede in den Wagen. Die leichte Tasche hielt sie mit beiden Händen an sich gezogen.
»Mit halber Kraft auf Ruhrort. Los, Wilm.«
Der Wagenschlag schnappte zu. Vorwärts ging's. Links schimmerte in Schlangenlinien der weiße Wasserspiegel der Ruhr. Rechts lohte in heißer Herbstfeier der Buschwald in Rot und Gold.
Kornelius Vanderwelt streckte die Beine und äugte über die Schulter hin auf seinen Fahrgast. Der saß schmal und steif in die Ecke gerückt und hielt die Reisetasche auf den Knien.
»So setzen Sie sie doch hin. Ich stehle keine Reisetaschen. Vielleicht fresse ich von Zeit zu Zeit junge Mädchen.«
Aus ihrer Kehle stieg ein einzelner Ton. Nie im Leben wurde sich Kornelius Vanderwelt darüber klar, ob es ein Lachen oder ein Knurren gewesen sei.
»Zeigen Sie doch mal Ihren Mund. Nein. Nicht die Zähne. Das sind wahrhaftig alle Zweiunddreißig. Was tun Sie denn mit einem so herrlichen Gebiß?«
»Beißen,« sagte sie halblaut und zog die Muskeln des Leibes zusammen. Wie ein Tier, das sich zum Sprunge schickt.
Diesmal aber wußte Kornelius Vanderwelt mit Bestimmtheit, daß es ein drohendes Knurren war.
»Ach so. Das war die Antwort auf den ›Menschenfresser‹.«
Da lachte sie ein kinderhohes, erlöstes Lachen.
»Ja,« fuhr er fort, als hätte er bisher den Erklärer gemacht, »und nun wundern Sie sich wohl, daß dieses paradiesische Landschaftsbild der Vorhof zur schwarzen Hölle Ruhrort ist. Aber das muß wohl so sein. Als ausgleichende Gerechtigkeit. Die in der Hölle braten, haben den Himmel am nötigsten. Zeigen Sie doch mal Ihre Augen her.«
Starr, die Haltung versteift, sah sie ihm mitten in die Augen.
Er tat, als gewahre er die Abwehr nicht. Er forschte in Ruhe weiter.
»Hm — grau. Ist das nun grauer Himmel oder — ist es der Vorhang zum Himmel?«
»Fragen Sie doch die eigenen Augen! Sie sind so grau wie die meinen!«
»Kind, Kind, das hätten Sie sich nicht wünschen sollen. Auch nicht im Zorn. Wenn ich danach meine grauen Augen frage — weiß Gott, Sie haben recht, im Grunde sind sie grau wie die Ihrigen — wenn ich danach meine grauen Augen frage, werden sie blitzblau vor lauter wilder Freud'. Denn nur sie wissen, was hinter ihrem Vorhang steckt. Bitte — nehmen Sie doch mal die Mütze ab.«
»Weshalb —?«
»Weshalb? Weil ich glaube, daß wir auch von der gleichen Haarfarbe sind. Menschen, die durch die höhere Bildung jeden Blick verloren haben, nennen es Tizianblond. Wir aber wissen, daß es das heiße Blond unserer Vorfahren gewesen ist, denen Sonne und Seewasser abwechselnd den Schädel peitschte. Die meinen waren Seeräuber. Fraglos! Und die Ihren?«
»Vielleicht nicht weit davon.« — —
Sein Auge, voller Belustigung unter dem erkünstelten Ernst, prüfte sie genauer. Wen hatte er sich da aufgeladen? Was lief denn zu Fuß mit einer Reisetasche stundenweit über die Landstraße und ließ sich zerzausen? Eine kleine Arbeiterin oder eine kleine Abenteurerin? In Kornelius Vanderwelt kämpfte der scharfe Geschäftsmann, für den er über das ganze Hafengebiet Ruhrort hinaus bis zu den Zechen und Hochöfen im weiten Umkreis galt, mit dem noch schärferen, laut bejubelten und heimlich getadelten Lebensbezwinger einen nur kurzen Kampf und unterlag in der Freude am Augenblick.
»Seltsam. Da reden sich die Menschen ein, nur die ungleichen Pole zögen sich an. Die Hellen und die Dunklen. Die Starken und die Schlappen. Die Glückseligen, die ihr Blut wie Götter verspüren, und die Armseligen, denen die Angst den Magen verstört. Ewige Eselei. Als ob der königliche Löwe — nein, werden wir nicht hochtrabend — als ob der starke Wolf mit einer anderen Kumpanin jagen könnte als mit einer Wölfin. Stimmt meine Rechnung? Wie alt bist du eigentlich, Kind?«
»Das Kind,« wiederholte sie, und durch die Nüstern pfiff der Atem, »das Kind ist zwanzig Jahre alt.«
In ihrer Mädchenentrüstung schien sie ihm zum jungen Weibe zu wachsen. Das gefiel ihm.
»Hältst du auch das Fahrgeld bereit?«
»Das — Fahrgeld?«
»Aber — aber! Ein jeder Gast muß doch das Fahrgeld im voraus entrichten. Auf der Eisenbahn und in der Postkutsche. Selbst im Gasthof, wenn er ein gänzlich Unbekannter ist.«
Ihr Gesicht, das in der Ruhe verharrt hatte, erblaßte vor innerer Erregung. Noch schmaler schien es. Noch schmaler die gerade Nase, der dunkle, fest zusammengepreßte Mund. Die Augen aber funkelten aus dem Blaß in einem noch tieferen und heißeren Grau.
»Was kostet mich die Fahrt?«
Ihre Hände nestelten an der Reisetasche. Sie suchten das Schloß zu öffnen. Und Kornelius Vanderwelt sah auf diese Hände und sah, daß sie feingegliedert und in jedem Glied ausdrucksvoll waren, wie ein erlesen Kunstwerk, oder doch wie erlesenes Werkzeug, der Kunst die feinsten Quellen zu erschließen. Er nahm die beiden Hände in seine starken, gut gehaltenen Manneshände und schloß sie darin ein, daß sie wie Edelmetall im Erzgestein lagerten. In der Landschaft draußen war der silberhelle Fluß, war das Paradiesgärtlein verschwunden. Auf schwarzgesprenkelter Halde wuchsen statt lodernder Purpurbäume rauchende Schlote auf, einzeln erst, dann in Heeresmassen, fernhin von den Festungstürmen speiender Hochöfen umgrenzt.
»Was die Fahrt kostet?« fragte Kornelius Vanderwelt zurück. »Nein, nicht in Mark und Pfennigen ausrechnen. Im Märchen geht es immer um Sternentaler. Und die heilige Zahl ist drei. Zuck' nicht mit den Fingerlein. Gib dein Mündchen. Einmal — zweimal — dreimal — — —«
Und er küßte sie kräftig auf die linke Wange und küßte sie kräftig auf die rechte Wange und küßte sie ganz zart nur, als wär es ein Streicheln, über die Linie des Mundes.
Ein Ruck — ihre Hände waren frei, schlugen nach ihm, zu Fäusten geballt, in entfesseltem Zorn.
»Einmal — zweimal — dreimal!«
Er wischte die Fäuste wie Blumenblätter von der Stirn, kämmte die Fingerlein durch und sagte nur: »Falsch. Beim dritten Mal hab' ich nur gestreichelt, du aber hast auch zum drittenmal geschlagen. Nun hat das Märchen einen falschen Ausklang, und wir müssen es wiederholen.«
Da schossen ihr die Zornestränen aus den Augen ...
Schmal und steif saß sie in die Ecke gerückt und hielt die Reisetasche auf den Knien. Aber die Muskeln des Leibes zogen sich zusammen.
»Bitte!« bat Kornelius Vanderwelt, und er bat wie ein großer, ungestümer Junge, der sein Ungestüm bereut und doch vor einem kleinen Mädchen nicht die Segel streichen möchte. »Bitte! Keine Tränen weinen! Tränen kann ich nicht sehen! Hörst du auch? Oder ich muß sie alle fortküssen. Alle. Aus deinen Augen. Von deinen Wangen. Und wenn sie dir zwischen die Brüstlein laufen, dann hilft es nichts: ich muß sie — alle — alle —«
Was war geschehen?
Der Wagen kreuzte in der Vorstadt eine elektrische Straßenbahn. Er fiel ein paar Sekunden in Schritt. Und schon hatte der Fuß des Mädchens die Türklinke niedergedrückt, hatte das Knie des Mädchens den Wagenschlag weit aufgestoßen. Ein geschmeidiges Tier konnte nicht schneller in der Freiheit sein.
Wo sie untergetaucht war im Gewühl, vermochte Kornelius Vanderwelt in den wenigen Augenblicken, die ihm belassen wurden, nicht zu ergründen. »Wagenschlag schließen! Wollen Sie Kleinholz machen?« donnerte ein Schutzmann, erkannte Kornelius Vanderwelt, legte die Hand an den Helm und grüßte mit seinem fröhlichsten Gesicht.
Und Kornelius Vanderwelt grüßte mit seinem fröhlichsten Gesichte wieder, mit den hellen und übermütigen Augen, die ihm die Liebe alles Hafenvolkes gewannen und den Neid aller eigenen Kreise, zog den Wagenschlag ins Schloß und rief den Fahrer an.
»Zum Kontor. Los, Wilm.«
Er saß, die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn in der aufgestützten Hand versenkt, grübelnd im Polster. Aber er grübelte nicht über das verschwundene Mädchen. Hatte er auf seiner Entspannungsfahrt überhaupt ein Mädchen zu Gesicht bekommen? Oder gar ein paar Herzschläge lang im Arm gehalten? Unsinn. Die Wasser des Rheins stiegen, und die Frachten würden fallen zu Berg und zu Tal, gen Mannheim und gen Rotterdam. Aber da war die selten so günstige Arbeitslage auf dem Kohlenmarkt. Jeder Zeche, jedem Großhändler mußte an der Ausnutzung gelegen sein, und die bedrohten Frachtlöhne würden sich wieder hochreißen lassen.
Kornelius Vanderwelt saß im Lederpolster seines Wagens und seine Gedanken fuhren sieghaft rheinauf und rheinab und weit über die schiffbefahrene See — —
Träumte er und wachte er zu gleicher Zeit? Konnte er seine Wachheit in Traumländer hinüberspielen und aus seinen Traumbildern heraus haarscharf den wachen Tag überblicken? Der Wagen bog in die Straßen Duisburgs, glitt durch gepflegte Anlagen, wand sich durch das Gewirr der langen Häuserzeilen, die angefüllt waren mit dem Verkehrstreiben und der geschäftlichen Anspannung der arbeitschwangeren, arbeitgebärenden Großstadt. Und Kornelius Vanderwelts Augenlider öffneten sich, sobald sie sich öffnen mußten, und senkten sich, sobald die Achtsamkeit nicht verlangt wurde. Jetzt neigte er in höflichem Ernst den Oberkörper, und der Gruß galt einem vorüberbrausenden Zechenherrn und schien zu sagen: Hier haben Sie den Mann für die schnellste Verfrachtung Ihrer Förderungen. Jetzt hob er grüßend die Hand, und der kurze Wink rief einem eifrig dahintrottenden Geschäftsfreunde zu: Halbpart, mein Junge, oder du kommst über Bord. Jetzt zeigte er nur in vertraulichem Lachen die Zähne, und der Schiffer, der in Strickweste und weiten Manchesterhosen breitbeinig eine Hafenbrücke überquerte, drehte bei, lüftete grinsend die Mütze und machte die Gebärde des Schnapsverholens, eine Gebärde, die von Kornelius Vanderwelt in einem schönen Gleichmaß wiederholt wurde, gleichsam als füge er ein Prosit hinzu. Und wiederum schlossen sich träumerisch die Augenlider bis auf einen schmalen Schlitz, durch den er den wachen Tag einließ.
Enger und rauchiger wurden die Straßen, als der Wagen die letzte der Hafenbrücken hinter sich gelassen hatte. Ein Gewirr von Gassen und Wasserzeilen tat sich auf. Geschwärzte Giebel schwammen auf kohlenschwarzen Wasserspiegeln. Und Schiffsrumpf an Schiffsrumpf. Plump, riesenstark, mit unersättlich geöffneten Mäulern.
Ruhrort — das schwarze Venedig.
Und Kornelius Vanderwelt dachte aus Träumen und Wachen, als der Wagen in eine Toreinfahrt bog und stand: Immer mehr Land muß noch verschwinden, immer mehr Wasser sich breiten, Rheinwasser und Ruhrwasser, in Hafenbecken und Kanälen, und die Kanäle sollen die Kohlen aus den Zechenfeldern saugen, und die Ruhrhäfen sollen sie aufschlucken und unermüdlich die Beute dem Herrn überantworten, dem Rhein, und dem Herrn des Rheins — uns — uns, uns!
Aufrecht, nur noch die Wachheit des Tages in den Augen, stieg Kornelius Vanderwelt aus dem Wagen und schritt ins Kontorgebäude. Die schreibenden und rechnenden Herren an den Pulten grüßten kurz und fuhren ungestört in ihren Arbeiten fort. Wortlos war Kornelius Vanderwelts Gegengruß. Ein lautes Wort, und ein überflüssiges zumal, konnte eine Berechnung über den Haufen werfen.
Aus einer holzvergitterten Nische erhob sich der bevollmächtigte Geschäftsführer und folgte mit einem Bündel Papiere dem Geschäftsherrn in das Sonderkontor. Kornelius Vanderwelt reichte ihm die Hand, hing seinen Hut an den Haken und ließ sich in seinem Drehsessel nieder. Stumm nahm er das Bündel Papiere entgegen, glättete es auf dem Schreibtisch und begann es durchzusehen. Kaum daß die Blicke abglitten, zog die Rechte Bleistift und Papierblock heran, schrieb kurze Merkworte nieder, Zahlen, Gleichungen. Die Blätter raschelten und schichteten sich zur Seite.
»Setzen Sie sich doch, Beckenried.«
Der ergraute Mitarbeiter nahm geräuschlos an der gegenüberliegenden Breite des Tisches Platz. Er sah stumm auf die hin und her gleitende Schreibhand des Herrn. Nur wenn die Schreibhand innehielt oder die Fingerknöchel auf den Tischrand trommelten, vergewisserte er sich des Papieres, das eben vorlag, und mit einem kurzen Aufblick der Gesichtszüge des Herrn.
»Mehr Schiffsraum heran, mehr Schiffsraum. Bevor die Zechen in ihren Kohlenhalden ersticken, verschreiben sie sich mit Haut und Haaren dem Herrn Eisenbahnminister. Und den kann von uns aus der Teufel holen.«
»Dann müßt' sich der Teufel selber holen.«
»Was soll das? Ach so, Sie meinen: Der, dem man sich mit Haut und Haaren verschreibt, müßt' unbedingt auch ein Teufel sein. Lieber Beckenried, nur für Ihr mathematisches Hirn. In Wirklichkeit ist die Sache gottlob oft anders. Weiter im Text. Mit Frachtaufträgen sind die Herrschaften verdammt freigebig, wenn der Winter vor der Tür steht und der kleinste Kanonenofen nach Kohlen schreit. Mit den Frachtpreisen aber zähe wie Hinterleder. Ne, ne, ich schimpfe ja nicht! Wozu wären wir denn da?«
Er ließ auf dem Papierblock eine Reihe Zahlen aufmarschieren und hielt sie seinem Mitarbeiter hin.
»Stimmt das mit den Ihren? Vergleichen Sie mal.«
»Es stimmt. Wie immer.«
»Wollen Sie mit diesem ›wie immer‹ mir eine Schmeichelei sagen oder Ihrer eigenen Person? Schön, die unbedingt notwendige Tonnenzahl stände fest. Was ist in Summa an Kahnraum und Schleppdampfern heute früh angeboten? Sind die Abmachungen, die ich von der Schifferbörse herübergab, ausreichend? Tonnengehalt! Pferdekräfte! Los, lieber Beckenried.«
»Mit den nachbörslichen Aufträgen brauchen wir das Doppelte. Das ist nicht im Handumdrehen zu beschaffen, denn es ist nicht nur die Firma Kornelius Vanderwelt auf der Jagd nach Schiffsraum.«
»Beckenried! Wie oft soll ich Ihnen diese Wahnvorstellungen noch ausreden! Nur die Firma Kornelius Vanderwelt braucht Frachtkähne und Schlepper. Nur die Firma Kornelius Vanderwelt ist auf der Jagd nach Schiffsraum. Für uns nur Kornelius Vanderwelt! Alle übrigen können uns — nun, Beckenried, befleißigen wir uns im Verkehr mit der Geschäftswelt der ausgesuchtesten Höflichkeit — also sie können es auch unterlassen.«
Beckenried verbeugte sich kühl.
»Ich habe übrigens ›sie‹ klein geschrieben,« sagte Kornelius Vanderwelt sachlich. »Und nun fahren Sie fort.«
»Abgemacht,« erklärte der im Geschäft Ergraute, ohne eine Miene zu verziehen, »der Schiffsraum ist nur für uns da. Aber die verschiedenen Arten von Schiffsraum? An der einen Sorte ist viel und an der anderen ist wenig zu verdienen, besonders wenn es, wie gerade jetzt, um scharfe Berechnungen geht.«
»Mein verehrter Freund und Mitarbeiter ist mal wieder unzufrieden mit mir?«
»Wenn ich ein Feigling wäre, was ich aber nicht bin, und hätte Angst vor Ihnen,« sagte Beckenried, hauchte auf die Gläser seines Kneifers und putzte sie spiegelblank, »so würde ich mir bei jeder Maßnahme des Oberhauptes denken: der Herr ist klüger als du. Oder sonst was.«
»Das ›oder sonst was‹ verbitte ich mir. Weiter.«
»Halte ich mich aber in Wirklichkeit für Ihren Freund und Mitarbeiter, so ergibt sich für mich daraus die unbedingte Geschäftspflicht, aus allen Unternehmungen die höchsten Gewinne herauszuwirtschaften.«
»Mir ganz aus dem Herzen gesprochen, lieber Beckenried.«
»Ich will Ihnen aber gar nicht aus Ihrem Herzen heraussprechen, sondern von Hirn zu Hirn.«
Kornelius Vanderwelt hob langsam den Kopf. Es war ein schmaler, fester Kopf mit weitausladenden Stirnknochen. Das dichte blonde Haar trug einen schimmernden Glanz, wie der lichte Schnurrbart, den er behutsam mit den Fingerspitzen strich. Und nun hob er langsam die Augenlider und lächelte seinen Ratgeber mit dem hellsten Hell seiner grauen Augen an.
»Von Hirn zu Hirn, Beckenried. Das ist ein Wort. Aber was wäre das Hirn ohne Herz? Eine Maschine unter Druck bis zum Bersten. Ein Reiter ohne Buddel. Ein Mädchen ohne Liebe. Was nützte dem Reiter alle Schenkelkraft und dem Mädchen alle Schönheit, wenn nicht zum Ausgleich irgendwo eine derbe Erdenfreude winkte. Mein kaufmännisches Hirn treibt mich zu den Schiffsparks der Großreeder. Dort wickeln sich die Geschäfte schneller und einträglicher ab. Darum habe ich aber doch mein Herz, das seine Freude will, für die Kleinschiffer entdeckt, für die Herren ›Partikuliers‹, wie sie sich so bieder und eigentumsstolz benennen, und wo für die Krippengäule gedroschen wird, bleiben wohl auch ein paar Hände voll für das lustige Federvieh.«
»Es ist nicht mein Geschäft,« sagte der Vertraute, steckte den Kneifer ein und legte die Papiere zusammen. »Ich habe hier nur Rat zu erteilen.«
»Gut,« entgegnete Kornelius Vanderwelt. »Sie haben ihn erteilt. Und nun will ich Ihnen auch einen Rat erteilen. Sie waren einmal ein fröhlicher Bursche. Bitte, keine erstaunten Augen. Sie haben mit mir manche Flasche leergetrunken und sich manche Ruhrorter Nacht um die Ohren geknallt, als Sie noch jünger waren und die Firma noch unbedeutend. Hüten Sie sich vor dem Verknöchern. Es tritt ein, wenn wir das Geld nur noch um des Geldes willen einscheffeln und nicht mehr wegen seiner befreienden Eigenschaften. Ich bin weiß Gott ein scharfer Rechner und rieche einer Mark an, ob ein Taler darin steckt, wenn die anderen sie noch mißtrauisch in den Fingern herumdrehen. Aber letzten Endes doch nur, um auch mehr Spaß im Leben davon zu haben als die Pfennigfuchser, die ihren Spaß im Geldschrank aufhäufen, bis ihnen jäh der Sargdeckel auf die Nase fällt. Lieber Freund, nur das Leben erhält jung, und dazu gehört das Lebenlassen.«
»Sie sind entweder eine Dichternatur oder ein ganz Gerissener.«
»Also bleiben Sie bei dem Ganzgerissenen, da Ihnen die Künste im Kaufmannsleben ein Greuel sind.« Er erhob sich, legte dem kleineren den Arm um die Schulter und wiegte ihn hin und her. »Also denken Sie, daß ich für meine Liebe zu den Herren Partikuliers nicht nur poetische, sondern auch sehr eigensüchtige Gründe habe. Daß es mir nicht nur auf die Saufnächte mit den urwüchsigen Kerls ankommt, sondern auch — auf ihre Gegenliebe — am nüchternen Tag — auf der Schifferbörse — bei den Abstimmungen — und so weiter! — Verstanden? — Verstanden? — Und nun stecken Sie sich mal diese Zigarre an und lassen Sie mich arbeiten.«
Der Arbeitsgefährte kniff die Augen ein. Das Hin- und Hergewiegtwerden hatte ihn schwindlig gemacht.
»Ich verstehe. Ich verstehe. Und ich verstehe immer: Volkstribun. Soweit mir aus meiner unerfreulichen Schulzeit her noch bekannt ist, haben Volkstribunen immer noch den Hals gebrochen. Aus Verschwendungssucht, um volkstümlich zu bleiben. Oder aus Herrschersucht, um die Patrizier kleinzukriegen. Den Hals aber hat's immer gekostet.«
Kornelius Vanderwelt dehnte sich in den breiten Schultern. Und die Augen des Tadlers freuten sich, ob sie wollten oder nicht, an dem straffen, muskelharten Körper.
»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Ob Sie einmal aus Altersschwäche, sozusagen stückweise in den Himmel kommen, oder durch einen wilden Sprung — doch das gehört nicht ins Kontor. Liegt nichts Wichtigeres mehr vor, so können wir unsere Besprechung beenden. Bei den Einzelkähnen der Partikulierschiffer bleibt es.«
»Die Rotterdamer Maatschappij fragte durch den Fernsprecher an, ob sie dem nächstfälligen Schleppzug Rückfrachten geben könnte. Preise nach den Ruhrorter Frachtkursen.«
Ein Blitzstrahl schoß aus den grauhellen Augen. Und der Blitzstrahl verzehrte jählings den Volkstribunen und ließ ebenso jählings den Geschäftsherrn Kornelius Vanderwelt erscheinen.
»Hält uns die Rotterdamer Maatschappij für Hinterwäldler? Solch eine Dummpfiffigkeit. Ruhrorter Frachtkurse! Rotterdamer Frachtkurse, und wenn die Seeschiffe nicht zur Stunde den Rotterdamer Hafen anlaufen, und die Übernahme der Rückfrachten sich nicht wie ein Uhrwerk vollzieht, gesalzene Aufschläge!«
»Die holländischen Gesellschaften sind großmächtige Leute, Herr Vanderwelt. Vor dieser Gefahr kann man nicht die Augen verschließen. Und bevor wir die Kähne leer nach Hause schleppen lassen, sollte man den kleinen Gewinn ...«
»Jawohl. Das sollte man. Wenn kein größerer herauszuschlagen wäre. Und der ist herauszuschlagen. Hier«, er pochte auf ein paar Zettel, »in diesen frischen Drahtnachrichten liegen die letzten Wetter- und Wasseransagen vor. Schneefälle in der Schweiz und im Schwarzwald. Pegelstand bei Kehl und bei Mainz leicht steigend. Nur dieser verrückte Wind braucht sich noch zu legen, und Sie sollen mal was von Regengüssen erleben. Ich sage Ihnen, innerhalb einer Woche haben wir einen Meter Wasser mehr im Rhein, und das Frachtgeschäft drängt bis zur Atemlosigkeit zu Berg und zu Tal und reißt den letzten Kahn mit, der noch zu schwimmen vermag.«
»Was soll ich nach Rotterdam sagen?«
»Ich besorg's schon selbst. Meine Stimme ist zuweilen verständlicher.«
Er nahm den Hörer vom Fernsprecher. »Kontor? Stellen Sie doch eine dringende Verbindung mit der Rotterdamer Maatschappij her. Danke.« Er legte den Hörer auf die Gabel. »So, Beckenried, und nun wollen wir einmal in den Rotterdamer Großherrenschädeln das Wetter aufklaren. Großmächtige Leute! Holländische Gefahr! Für die Rheinschiffahrt und das Frachtengeschäft! Alles wahr. Alles unzweifelhaft richtig, wenn ihr Ruhrorter euch vor jedem holländischen Gulden klein macht, statt, wenn's darauf ankommt, drauf zu pfeifen.«
»Geschäft ist Geschäft, Herr Vanderwelt.«
»Ach, Beckenried, ich habe Sie höher eingeschätzt. Sie haben doch so manche Nacht mit mir gesoffen, als Sie noch nicht verledert waren, und der Wein fördert die Stimme der Natur. Da hätten Sie aus der meinen lernen können. Geschäft ist Geschäft nur für Schreiberseelen, denen es Hekuba ist, von wem Sie befehligt werden, wenn nur am Monatsletzten bei Heller und Pfennig die Löhnung auf dem Tische liegt. Ein jedes Geschäft ist aber noch lange kein Geschäft für die Kapitänsseelen, die unter fremder Flagge Schiffsjungendienste verrichten sollen, und wenn sie noch soviel Geld verdienen und Sonntags sogar den Kapitänsrock tragen dürfen. Geld ist gut. Aber Herrenrecht im Hause ist besser. Hallo, der Fernsprecher.«
Mit kühlen Augen nahm er den Hörer von der Gabel.
»Kornelius Vanderwelt. Ja, selbst. Welche Zeche? Ah, guten Tag, Herr Direktor.«
Seine Hand tastete nach Bleistift und Papierblock, während sein Ohr dem Sprecher folgte. Jetzt setzte die Hand einige Zahlen aufs Papier. Der Blick überflog sie.
»Vielen Dank. Ein schöner Auftrag. Fast zu schön, um ihn zu bezwingen. Wie meinen, Herr Direktor? Ein Hexenmeister wie ich? Sie kennen doch das Dichterwort: ›Wächst mir ein Schleppzug auf der flachen Hand?‹ Und für zwanzigtausend Tonnen brauche ich gut und gern drei Schleppzüge, wenn ich für je fünf große Kähne in der heutigen Bedrängnis drei starke Schleppdampfer auftreibe. Nun, für Geld ist alles zu haben.«
Er horchte aufs neue in den Hörer hinein. Seine Augen lachten stillverschwiegen.
»Natürlich gebe ich Ihrem Auftrag den Vorzug vor allen anderen. Ich bin sogar bereit, ein großes Geschäft mit Rotterdam Ihretwegen schwimmen zu lassen. Bitte, bitte, das ist eine Selbstverständlichkeit. Deutsche an die Front! Aber wenn ich Ihnen behilflich sein kann, daß Sie mit zwanzigtausend Tonnen vor Ihren Mitbewerbern in Mannheim landen und die höheren Preise hereinholen können, so müssen Sie mir auch ein paar Pfennige mehr für die Schiffer bewilligen. Wie meinen? Jaja. Nennen Sie es nur ruhig Bestechungsgelder. Der Name tut wirklich nichts zur Sache.«
Und als Kornelius Vanderwelt wieder in den Hörer horchte, waren seine Augen falkenscharf.
»Abgemacht. Versicherung und Verladekosten zu Ihren Lasten. Es wird ein Beutezug für Sie werden, für den ich gutsage, und ich freue mich auf die Flasche Hallgartener Nußbrunnen Auslese, zu der Sie mich im Namen Ihrer Aktiengesellschaft in der ›Erholung‹ einladen werden. Frohes Wiedersehen!«
Beckenried schrieb den Auftrag nieder, wie Kornelius Vanderwelt ihn vorsprach. Er schüttelte den Kopf.
»Kein Schiffsbefrachter Ruhrorts wird den Laderaum in so knapper Zeit, wie hier gewünscht wird, zusammenbekommen. Verlassen Sie sich darauf.«
»Ich werde mich lieber auf den Volkstribunen verlassen,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte durch das Fenster über den Hafendamm ins Weite.
Noch einmal schrillte die Glocke des Fernsprechers. Schriller. Anhaltender. Mit der Erregung, mit der sie eine Auslandsverbindung anzeigt. Die Rotterdamer Maatschappij meldete sich.
»Hier Kornelius Vanderwelt in Person. Jawohl, danke sehr, Ihre Anfrage wurde mir übermittelt. Leider, leider ist es so gut wie eine Unmöglichkeit, die Kähne auch nur vierundzwanzig Stunden über die Ausladezeit im Rotterdamer Hafen liegen zu lassen. Wir bekommen großes Wasser, und das Frachtengeschäft hier in Ruhrort hat sich über Nacht zum Hochbetrieb entwickelt. Die Schifferbörse war noch von der Plötzlichkeit überrumpelt, aber morgen schon werden wir den erfreulichen Umschwung an den Frachtkursen verspüren. Wie hoch ich die allgemeine Steigerung berechne?. Sie wird bis hundert Prozent gehen. Und Sie werden es uns nicht verargen, daß wir allen Leerraum von draußen schleunigst zurückpfeifen und an der hohen Welle teilhaben lassen.«
Kornelius Vanderwelt sprach über den Fernsprecher hinweg. Er richtete seine Ausführungen unmittelbar an seinen Mitarbeiter Beckenried, der sie mit einem verlegenen Lächeln entgegennahm.
»Ob ich das Angebot der Maatschappij annehme? Oh, das meinen Sie nicht ernsthaft. Ich verstehe nicht. Bei unserer alten und bewährten Geschäftsverbindung? Ja, das ist auch mein Stolz, daß sich unsere alte Verbindung bei gutem und bei schlechtem Wetter bewährt hat, und ich will es, wenn Sie sich umgehend entschließen, auf meine Gefahr nehmen, Ihnen die Kähne mit nur fünfzig Prozent über heutigen Ruhrorter Kurs zur Verfügung zu lassen. Wie? Was? Entschuldigung, ich erhalte gerade eine Nachricht. Eine unserer großen Kohlenzechen verlangt von mir dringendste Anschaffung von zwanzigtausend Tonnen Schiffsraum. Das ist schon der Anfang. Alle Mann an Bord und jeder Kahn heran!«
Und Beckenried jedes Wort auf den Kopf zusagend, wiederholte Kornelius Vanderwelt den Rotterdamer Zuruf.
»Mit fünfzig Prozent über heutigen Ruhrorter Kurs. Gut, ich schließe ab, um Ihnen meine Dienstfreundlichkeit zu zeigen. Selbstverständlich der gleiche erhöhte Satz für Wartezeit und Ladezeit. Nein, nein, daran ist nicht zu rütteln. Und nun hoffe ich, daß Sie mich und meine Dienste zu allen Zeiten bevorzugen. Glückauf!«
»Glückauf,« wiederholte er und machte seinem Geschäftsführer eine tiefe Verbeugung.
»O ja. O ja doch. Wenn man Kornelius Vanderwelt ist und sein eigener Herr und Meister —«
»Wenn die Beckenrieds nicht mal über das kleine Einmaleins Herr und Meister werden können, können sie keine Vanderwelts werden, die nur im großen Einmaleins tief Atem holen. Darum keine Feindschaft und jeder an seinem Platz. Lassen Sie im Kontor die Berechnungen durchführen und die Güterversicherungen. Überprüfen Sie sie bis in die letzte Pore. Ich unterschreibe blindlings. Mann, wenn ich Sie nicht hätte, Ihr Kornelius Vanderwelt könnte Partikulierschiffer werden auf seinem Kohlenkahn.«
Ein Lächeln glitt um Beckenrieds gekniffenen Mund. Ein Lächeln stiller Zustimmung und Selbstbewertung. Er nahm die Hand, die Kornelius Vanderwelt ihm rasch entgegenstreckte, und empfahl sich.
Bis zum Abend saß Kornelius Vanderwelt über seine Arbeit gebeugt. Seine Schriftzüge bedeckten Seiten. Seine Zahlenreihen füllten Bogen an. O nein, es war keine Rede von blindlings erteilten Unterschriften. Es war nur die Rede gewesen von der Kunst der Menschenbehandlung. Früh brach die Dunkelheit in das enge Hafenviertel. Gewohnheitsmäßig suchte die Linke den Lichtschalter der Tischlampe, während die Rechte unbeirrt weiterschrieb. Flog der Blick durch das Fenster, so sah er die Lichter aufflammen in allen Geschäftsräumen der Häuser ringsum, die Bordlichter an den Kähnen, die Fahrt- und Haltlaternen an den Masten der Schlepper. Die Festbeleuchtung des schwarzen Venedigs.
Kornelius Vanderwelts Atem ging tiefer. Für Sekundenlänge sog er das Bild in sich hinein, horchte er, als wäre es ein feingesetztes Musikstück, auf die grellen Pfiffe, die aus der Dunkelheit ins Licht stießen, auf das Gerassel ferner Ankerketten, das Anrollen der Eisenbahnwagen, das Aufkreischen der Verladekipper, die mit unaufhörlichem Hungergestöhn den Inhalt der Wagen schluckten und ihn lustbrüllend in die Kähne spien. Und in seinen Augen lagerte der Widerschein des Musikstückes, während er rechnete und schrieb, während er den Hörer vom Fernsprecher hob und kurze Gespräche mit diesem und mit jenem unsichtbaren Kapellmeister führte oder mit einem der Musikanten selbst. Wieder und wieder öffnete sich die Tür zu seinem Sonderkontor, wurden Stöße von Briefen, Bestätigungsschreiben, Versicherungsscheinen zur Unterschrift auf seinen Arbeitstisch geschoben, wartete der Bote, bis der Herr scharfäugig die Zahlen verglichen, die Briefe durchflogen, unterschrieben oder zur Abänderung zurückgegeben hatte. Ein Kleines noch, und im Hauptkontor scharrten Schuhe eilig den Boden, klappten Türen, wurde es kirchenstill.
Das gelbliche Gesicht Beckenrieds blickte durch den Türspalt, sah fragend auf den arbeitversponnenen Herrn.
»Sie haben wohl Durst, Beckenried? Den verdanken Sie mir.«
»Ich verdanke Ihnen eine Leberanschoppung, Herr Vanderwelt.«
Kornelius Vanderwelt schloß den Schreibtisch. Er reckte die Glieder wie ein Soldat nach der Schlacht. Und gähnte, bis die Kiefern knackten.
»Ne, Geliebter, die verdanken Sie Ihrer Unmäßigkeit. Meinethalben der — der — falschen Gewichtsverteilung. Da neigt sich der Kahn zu Wasser. Zum kohlenschwarzen Wasser, Beckenried, statt zum himmelsgoldenen Wein. Ich will ein Menschenfreund sein und Sie noch einmal in die Lehre nehmen.«
»Gott soll mich bewahren. Zerrütten Sie Ihre Gesundheit auf eigene Rechnung. Meine Leber haben Sie doch in früheren Jahren genug mißhandelt.«
»Gute Nacht, undankbarer Schüler. Und was meine Gesundheit betrifft —« er spannte die Brust und schlug lachend mit der Faust auf die Wölbung. »Nun? Hört sich das wie Zerrüttung an?«
»Ich müßte lügen, Herr Vanderwelt. Es hört sich an wie eine Weinkanne.« Und er ließ den Geschäftsherrn an sich vorüberschreiten, um hinter ihm die Kontortür zu schließen.
»Gehen Sie schlafen, Beckenried. Ihnen fehlt jede Begabung für die Musik des Lebens.«
»Gute Nacht, Herr Vanderwelt.«
Kornelius Vanderwelt schritt den Damm entlang, verharrte am Hafenmund und schnupperte den teerdurchtränkten Herbstwind ein. Südwind, dachte er, aber es ist schon ein Hauch von Feuchtigkeit darin, und morgen werden wir Westwind haben. Westwind. Regen. Großes Wasser. Ruhrorter Frühlingsluft — —!
Die Häfen lagen ausgestorben. Der Feierabend hüllte sie in seine warmen, weichen Schwingen. Nur die Hochöfen gluteten im weiten Rund wie ruhlos fiebernde, schweratmende Vulkane.
Von einem Holländer Kahn glitten die Klänge einer Harmonika ins Dunkle. »Wilhelmus von Nassauen« spielte der Schiffer.
Von einem Oberländer Kahn klang die heimatgefärbte Antwort.
schluchzte die Harmonika und ging in einen handfesten Gassenhauer über. Irgendwo auf einem Kahn schlug ein Spitz an. Ein zweiter, ein dritter, ein Dutzend antworteten. Eine Minute lang beherrschte das hellgestimmte Gekläff das weite, nächtliche Hafengebiet und brach jäh ab.
Eine Weile noch horchte Kornelius Vanderwelt in das Schweigen hinein. Dann sah er im Scheine der Hafenlaternen nach der Taschenuhr, bog in die gartengeschmückte Rheinallee ein und schritt ausholend der mächtigen Brücke zu, die den dahinflutenden Strom des Rheines überspannt und Ufer an Ufer reißt, Menschen zu Menschen, Arbeit zu Arbeit, Freude zu Freude, und stand vor seinem Hause.
Durch einen Vorgarten ging er hindurch. Rosensträucher, noch einmal aufjauchzend in heißer Blütenpracht, boten dem Herbstwind Trotz. Eine hochaufragende Weide, Wacht und Schönheit in eins, warf aus verkuppelter Krone undurchdringbares Zweigegewirr, silbrig wogende Schleier über das weiße, schlichte Landhaus, lockend und bergend.
Kornelius Vanderwelt spannte das Gehör, als er den getäfelten Hausflur betrat. Er verzog den Mund, wie von Schmerzen befallen. Klavierspiel drang an sein Ohr. Vorschriftsmäßig in der Taktgestaltung, aber hart im Anschlag, unverstanden im Wesentlichsten, dem Geist. Und zu dem Kinderspiel gebot eine trockene Frauenstimme unablässig: »Eins, und — zwei, und — drei, und —!« und legte der silbern hüpfenden Sonate des göttlichen Wolfgang Amadeus Mozart ein Zwangsleibchen an.
In wenigen Sätzen war Kornelius Vanderwelt die Treppe hinauf, stand er im Musikzimmer am Flügel. »Mörder!« schrie er, »Schwerverbrecher! Wen soll ich zuerst erwürgen?«
»Mich, Papa! Mich!« Die Stimme des zwölfjährigen Mädels überschlug sich vor Entzücken. »Damit die Quälerei zu Ende geht!«
»Vom Klavierbock herunter, Juliane! Ist der Flügel eine Fleischbank, auf der Wolfgang Amadeus Mozart zu Wurstfleisch zerhackt wird?«
»Sag's doch Fräulein Bilsenbach! Sag's ihr,« hetzte das Mädel ausgelassen.
»Ich muß doch sehr bitten, Herr Vanderwelt, vor dem Kinde mein Ansehen zu wahren.«
»O Fräulein Bilsenbach, nichts für ungut, aber das Ansehen Mozarts geht vor. Außerdem! Wer so bezaubernd kocht, braucht auf das Ansehen anderer Künstler wirklich nicht neidisch zu sein. Ja, da lächeln Eure Gnaden. Wie gut Sie das kleidet — —«
Und er saß auf dem Klavierbock, legte mit leisem Streicheln die Hände auf die Tasten und blickte über das Notenblatt. Ein Quellengeplauder hob an unter seinen Fingerspitzen. Ein blitzendes Bächlein sprang eigenwillig und doch von der Schönheit eingebettet durch die Blumenwiesen. Mit einem Seufzer der Liebeslust sprang es dem aufrauschenden Fluß in die Arme, der bewimpelte Schiffe trug und auf den Schiffen vor Seligkeit singende Menschen. Und der Fluß ward zum Strom durch tausend Quellen, die ihm ihr blitzendes Wasser brachten und die Elfenlieder von den Blumenwiesen, und strömte durch goldene Mittagssonne und purpurnes Abendgold und strömte aus in einem Meer von Mondlicht und Sternenreigen.
Das Antlitz des alternden Fräuleins hatte sich gerötet, und diese Röte war angefacht von Beschämung und zwiefach dazu von aufquellender Lust.
»Herr Vanderwelt, ich will doch lieber, wenn Sie es erlauben, Ihnen zuhören, als den Kindern meinen nur alltägigen Unterricht erteilen. Der Haushalt und die Überwachung der Kinder verlangen die ganze Kraft.«
Kornelius Vanderwelt träumte noch ein weniges den Mozartschen Weisen nach. Jetzt wandte er den Drehstuhl und gewahrte das gerötete Fräulein.
»Friedlich, friedlich, Fräulein Bilsenbach. Nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Sie sind in der Musik eine so taktsichere Frau, wie Sie es im Leben sind. Nur daß der Takt oft gerade die seltensten Melodien in der Blüte verkümmern läßt. Denken Sie sich einmal die Liebe im Takt. Das muß flüstern, stammeln, pausieren, drauflosgehen wie der Deibel! Oh — Entschuldigung.«
»Wenn Sie es wünschen, können wir zu Tisch gehen, Herr Vanderwelt.«
»Darf ich um Ihren Arm bitten, Fräulein Bilsenbach?« Und ritterlich neben ihr schreitend, fragte er sie nach den Mühen des Tages, nach den Sorgen um die Kinder.
Im Speisezimmer fanden sie die Kinder vor. Wie es der Vater liebte, standen sie aufrecht hinter ihren Stühlen. Dann aber war des Haltens nicht länger.
»Papa! — Papa!«
Zwei Jungen hielten ihn zu gleicher Zeit umschlungen, vierzehn- und fünfzehnjährige schlanke Burschen. Und der Kopf des zwölfjährigen Mädels kuschelte sich unter seinen Arm.
»Guten Abend, Justus. Guten Abend, Thomas. Ob die Juliane schon ihren Kuß weggekriegt hat, weiß ich wirklich nicht.«
»Nein! Nein! Nein! Gib ihn mit Zinsen!«
»Hüt' dich, Mädel, hüt' dich! Wer als erstes an die Zinsen denkt, denkt als letztes an den Anlagebetrag.«
»Hier hast du meinen Mund!«
»Ist das nun ein liebender Mädchenmund oder ein rechnender?«
»Ach, so küss' ihn doch nur, wenn ich ihn doch hinhalte ...«
»Wenn du so freigebig bist, hast du meistens eine leere Geldtasche.«
»Geraten! Geraten! Und da ich dich in so gute Laune gebracht habe, gibst du mir ordentlich. Gelt, du Lieber?« —
»Juliane,« rief der fünfzehnjährige Justus, »du beträgst dich wie ein Gassenmädel.«
»Sieh mal an, das große Brüderlein. Kennt schon Gassenmädel.«
»Nicht doch,« wehrte sanft und überlegen Thomas, der Vierzehnjährige. »Sie hat im Religionsunterricht von der Salome gehört und spielt sie uns ein bißchen vor.«
»Mund gehalten, ihr Drei!« Kornelius Vanderwelt schluckte das Lachen nieder, das fröhlich mittun wollte, richtete sich auf und zeigte drohende Augen. »Ich bitte mir drei Muster tadellosester Erziehung aus.«
Die Kinder huschten hinter ihre Stühle. Sie standen in Reih und Glied, die Hände auf den Lehnen, die Köpfe nach dem Vater gerichtet.
»Fräulein Bilsenbach, ich bitte. Niedersetzen,« gebot er.
Und die Kinder saßen auf den Stühlen, aufrecht und regungslos, bevor der Hausherr den Stuhl des Fräuleins angerückt hatte und den eigenen Sitz einnehmen konnte. Und ein dreifach Gelächter begrüßte den Nachzügler.
»Rangen, habt ihr nicht mehr Ehrfurcht vor eurem alten, steifgewordenen Vater?«
»Alt! Steifgeworden! Ach, das arme Väterchen! Schon ganz verhutzelt sieht er aus.«
»Wenn man einen Stuhl auf den Tisch stellt, kann er kaum noch drüberspringen.«
»Jeden Abend um acht muß er ins Heiabettchen.«
»Ruhe! Ich bitte mir die vollkommenste Ruhe aus.«
»Heute morgen,« lief das Plappermäulchen des Mädchens weiter, »heute morgen in der Schule sagte noch Antonie Ausdemwerth zu mir, und alle Mädchen hörten zu, ihre Mama habe gesagt —«
»Juliane, was Antonie Ausdemwerth sagte und was ihre Mama gesagt hat, ist sozusagen ausgesagt, wenn ich gesagt habe, es wird nichts mehr gesagt.«
»Sagte, sagte, sagte,« spotteten die Brüder der Schwester nach.
Die zeigte ihnen blitzschnell die Zungenspitze und wischte sich, als sie den empörten Blick des Fräuleins gewahrte, seelenruhig mit dem Zünglein die Lippen. »Ach, einen Hunger hab' ich — —«
Ein älteres Hausmädchen trug die Speisen auf, bot sie dem Fräulein zuerst, dann mit einem freundlichen, wie um Entschuldigung bittenden Lächeln dem Hausherrn, auf dessen Anordnung die Reihenfolge geschah, und den Kindern der Altersstufe nach. Kornelius Vanderwelt nickte ihr mit gleicher Freundlichkeit einen ›Guten Abend‹ zu. Alle seine Hausangestellten waren seit langen Jahren im Dienst, noch aus den Zeiten der schönen Frau Vanderwelt, die nach der Geburt ihres Mädels allzu rasch in das gesellschaftliche Treiben zurückverlangt hatte und an zu stark gesteigertem Leben verschieden war.
»Nun dürft ihr wieder reden,« erlaubte der Hausherr, der die Kinderstimmen liebte und an den sprunghaften Einfällen der jungen Gehirne seine Freude hatte. »Aber bitte nicht im Chor. Da weiß man nie, wer die größte Dummheit vorgebracht hat. Also Justus, wie war's in der Schule?«
»Ausgezeichnet, Papa. Der Lateinlehrer konnte vor Katzenjammer nicht unterrichten, und ich habe ihm den nassen Klassenschwamm aufs Pult gelegt.«
»Edler Samariter. Hat er sich stürmisch bedankt?«
»Das nicht. Aber er hat mich ins Klassenbuch geschrieben.«
»Justus,« tadelte der Vater kopfschüttelnd, »wann wirst du lebensklug werden? Der Herr Lateinlehrer wird den Schwamm nehmen und sich damit seine letzte Zuneigung zu dir aus dem Schädel wischen.«
»Pah — ich stehe in der Klasse prima.«
»Und wenn du primissima ständest wie der liebe Gott: die Rache ist mein, spricht der Herr Lehrer, und seine Wege sind unerforschlich.«
Die Kinder stießen sich unter dem Tische an. Ihre Augenbrauen waren hoch hinaufgezogen.
»Thomas, erzähl du mir einmal von deinem heutigen Schulerleben. Hoffentlich war es lobenswerter.«
»Wir haben den deutschen Klassenaufsatz zurückbekommen, Papa. Er lautete: Der Charakter der Jungfrau von Orleans. Der meine erhielt eine Eins. Aber mit einer Bemerkung in roter Tinte.«
»Was wünschte die rote Tinte, Thomas?«
»Der Verfasser möge sich in Zukunft in der Beurteilung von Frauencharakteren mehr in acht nehmen.«
»Von Frauencharakteren? Ich denke, es handelt sich um eine Jungfrau?«
Die Kinder hielten den Atem an. Das Fräulein räusperte sich und nestelte das Schnupftuch hervor.
»Das ist nämlich ein Unterschied. Der Charakter einer Jungfrau ist wie ein Saitenspiel, das auf den Harfner wartet. Es kann auf Dur und Moll und klar oder verworren abgestimmt sein, erst in der Hand des Harfners liegt es, den Ton zu bestimmen und zu gestalten, so er ein rechter Künstler ist. Und der Charakter einer echten Frau wird, ganz gleich, wie sie als Jungfrau gedacht und empfunden hat, immer die getreue Widerspieglung des Mannes sein, in dessen Hände sie sich auf Glück oder Verderb gegeben hat. Auf die Manneshände kommt es an.«
»Das dürfte wohl für die Kinder zu abwegig sein,« sagte das Fräulein, um der Verlegenheit Herr zu werden.
»Vielleicht für heute, Fräulein Bilsenbach. Aber im Unterbewußtsein schwingt es weiter und wird dann eines Tages zur Stelle sein, wenn es in der Auswirkung gebraucht wird.«
»Was ist das: Unterbewußtsein?« fragte die kleine Juliane in Spannung.
Da lachte Kornelius Vanderwelt erlöst und erheitert auf.
»Hör' einmal, Jungfer Naseweis: wenn du dich gleich in dein Bett begibst, voll bewußt aller deiner Tugenden und Vorzüge, und irgend etwas redet dir in deinen Schlaf hinein: ›Juliane, du hast mal wieder deine Schularbeiten nicht gemacht‹, so ist das das Unterbewußtsein. War das deutlich, mein Mädchen?«
»Ich hab' sie aber — fast alle.«
»Das freut mich über die Maßen, Juliane. Und den kleinen Rest wirst du nachher in meinem Arbeitszimmer erledigen. Ich möchte nun auch gern von dir einmal etwas über die wichtigsten Schulereignisse hören.«
Das Mädchen wetzte mit der Zunge flink die Lippen. In den Augen jagte die Ungeduld.
»Heute morgen sagte Antonie Ausdemwerth in der Schule zu mir, und alle Mädchen hörten zu: ihre Mama habe gesagt —«
»Sagte, sagte, habe gesagt,« spotteten die Brüder ihr nach.
»Papa,« rief die Kleine zornig, »du hast mich gefragt und nicht den Justus und den Thomas!«
»Ich habe dich gefragt. Fahre ruhig fort.«
»— ihre Mama habe gesagt: es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die anderen wären Kohlentrimmer, und der Mann hieße Kornelius Vanderwelt. So, ihr weisen Jungs, nun sagt, ob ihr was Besseres wißt.«
Die Jungen gaben sich geschlagen. Sie prosteten dem Schwesterchen mit den Wassergläsern zu.
»Frau Ausdemwerth ist eine sehr liebenswürdige Dame,« meinte Kornelius Vanderwelt und spürte ein leises Erröten vor den Kindern, »aber man muß nicht auf Schmeicheleien hören, sondern die Tatsachen für sich reden lassen. Und für dich, meine aufmerksame Juliane, sollen sie jetzt einmal durch die Schulaufgaben reden. Ich wünsche allerseits eine gesegnete Mahlzeit. Fräulein Bilsenbach, ich habe letzthin in Amsterdam nicht besser gegessen. Und die Holländer sind stolz auf ihre Küche.«
Noch einmal hingen sich die Jungen gute Nacht wünschend an Kornelius Vanderwelts Hals. Dann suchte der Hausherr sein Arbeitszimmer auf, und Fräulein Bilsenbach nahm das schweigsam gewordene Mädchen bei der Hand und folgte ihm nach.
»Nun, mein Mädelchen? Da du fast alles schon gelernt hast, wird's ja im Handumdrehen getan sein. Um was handelt es sich denn in der Hauptsache?«
»Um die französischen unregelmäßigen Zeitwörter.«
»Potztausend. Das ist ja eine ganze Menge. Die paukt man doch nicht mit einem Male in sich hinein?«
»Sie lernen schon seit Wochen daran,« sagte das Fräulein, »aber Juliane bringt ihnen nicht die nötige Beachtung entgegen.«
»Französisch lerne ich einmal in Lausanne,« erklärte die Kleine hochmütig. »Und Englisch auf der Insel Wight. Papa gibt mich ja doch in die allerfeinsten Erziehungsanstalten. Da brauch' ich doch nicht hier schon mit den dummen unregelmäßigen Zeitwörtern geplagt zu werden.«
Kornelius Vanderwelt winkte dem aufbegehrenden Fräulein freundlich ab. Er wandte sich an Juliane.
»Mein liebes Kind, was dein Vater einmal tun wird oder nicht tun wird, darauf kommt es hier nicht an, sondern was du tun wirst. Ein jeder Mensch hat sich nur auf sich selber zu verlassen. Denn die väterlichen Geldbeutel können über Nacht ein Loch kriegen, und dann heißt es, nach dem Schulsack greifen und Nachschau halten, ob der gut gefüllt ist. Ist er's, so bist du für das Leben gesichert und bleibst Dame in den schwierigsten Verhältnissen. Hast du aber nicht vorgesorgt, so sinkst du wie Blei auf den Grund, und wenn dein Vater tausendmal Kornelius Vanderwelt war. Denn ein jeder Mensch steht nur für sich. Nur!«
Das vom Leben gerüttelte alte Fräulein nickte kurz vor sich hin. Es ließ sich im Winkel des Arbeitszimmers nieder und zog das Kind an sich heran. »Ihre Gegenwart dürfte schon genügen,« sagte der Blick, der den Herrn des Hauses traf, und bald füllte ein leises Gemurmel das Gemach, einförmig, zuweilen nur ärgerlich sich steigernd. »Venir, tenir, vouloir, s'en aller, s'asseoir, prendre, battre, mettre ...«
Rauchend saß Kornelius Vanderwelt im Ledersessel und überflog die Abendzeitungen. Die Börse war leidlich, eher zurückhaltend. Da hieß es achtgeben, denn man schien zu einem überraschenden Schlag auszuholen. Von den städtischen Nachrichten fanden nur die neuen Hafenplanungen seine regere Anteilnahme, und auch diese schienen seinem Vorwärtsdrängen noch nicht aus dem größten Augenwinkel erfaßt. Die Politik? Er hatte unter den erwählten Volksboten genügend brave Seifensieder kennengelernt, von denen er wohl seine Seife, aber nicht seine politische Weisheit bezogen haben würde. Ah ... Er lehnte sich bequemer zurück. Hier stand über die Großen im Reiche der Kunst zu lesen. Klavierabende. Beethovensche Symphonien. Uraufführungen neuer Opern. Ein Wogen und Wallen war um ihn, ein Kämpfen und Erlösen, Aufschreie der Menschennatur, Zurruhestreicheln, Jubel oder Untergang.
Längst saß er vornübergebeugt, das starke Kinn vorgeschoben, die Nüstern geweitet. Und mit einem Male knüllte er mit einem Griff die Zeitung zusammen und warf sie in den Papierkorb.
Sofort erhob sich das Fräulein, nahm das aufstrahlende Kind bei der Hand und näherte sich ihm.
»Es geht jetzt leidlich, Herr Vanderwelt. Wir können uns zurückziehen.«
Kornelius Vanderwelt hatte sich höflich erhoben. »Gute Nacht,« sagte er. »Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie mir die unregelmäßigen Zeitwörter abgenommen haben. Man hat sich im eigenen Leben genug damit abzuplagen. Gute Nacht, kleine Juliane. Auswendiglernen ist noch das leichteste.«
Er küßte sie auf die schlafmüden Augen und stand, bis die Tür ins Schloß gefallen war.
»Allein,« sagte er vor sich hin. »Mutterseelenallein. Man kann doch nicht auch noch in der Nacht von Kohlenladungen reden ... Herrgott, ständ' ich doch am Steuer eines Seeschiffes, all das tausendmal durchgeackerte Philisterland hinter mir, neues Inselland vor mir, mit nackten Menschen, unverkleideten Leidenschaften, unberührt, unberührt. O du wilde, du zarte, du zärtliche Schöpferfreude ... Geh in ein Wirtshaus, Kornelius Vanderwelt.«
Vor einem Bilde verharrte er noch, vor einem strahlend fröhlichen Frauenbild.
»Ja, ja, Du warst wild, du warst zart, du warst zärtlich und warst alles in eins bis zur Selbstvernichtung. Mit dir lohnte es noch.« — —
Er ging und verließ trotz später Stunde das Haus.