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Kornelius Vanderwelts Gefährtin cover

Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Chapter 3: 2
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About This Book

Ein Mann mittleren Alters, Kornelius Vanderwelt, begegnet einem jungen Mädchen, das zu Fuß nach Ruhrort will; er nimmt sie in seinen Wagen, und im Verlauf der Fahrt entsteht ein Wechselspiel aus neckischem Gespräch, unterschwelliger Spannung und genauen Beobachtungen zu Aussehen und Haltung. Die Erzählung verbindet präzise Landschafts- und Personenbeschreibungen mit ironischer Selbstinszenierung, erkundet Machtverhältnisse, Begierde und Schutzbedürftigkeit und verwendet die Flusslandschaft und herbstliche Natur als dichte, atmosphärische Kulisse.

2

Wie das Haus eines alten Wikings, der ruhebedürftig nach wilden Küstenfahrten und doch in ruheloser Sehnsucht nach dem Wasser, das zum Meere strebt und den Weg zeigt zu den fernsten, wogenumbrandeten Ländern, seine Ausrast am unteren Stromlauf des Rheines nahm, nahe den Schlupfwinkeln der Ruhr-, der Emscher- und Lippemündungen, erhebt sich auf dem Damm zu Ruhrort das Versammlungshaus der Schiffer und der Schiffahrtsfirmen, der ungezählten Hunderte, die in den Wasserarmen der Rhein-Ruhr-Häfen laden und löschen, harren und handeln, aus Schiffsraum und Maschinenkraft, Wetter, Wasser und Wind ihr tägliches Brot holen, verschwitzte Groschen oder Gold, wie es aus der Präge kommt. Fachwerkartig strebt das Haus in den mittelalterlichen Giebel, und das Gerippe des dunklen Eichengebälks gibt ihm Sturmfestigkeit, Ansehen in den Augen der Strombefahrer und die Gewähr der Dauer. Von alters her gewöhnt an Luft und Ellbogenfreiheit, blieb das Volk der Schiffer dem Damm, der Straße vor der Schifferbörse, treu, doch wenn der Regen peitschte, der Nebel von der See her in Schwaden über die Niederungen zog oder naßkalter Winterwind die Wolken gen Holland trieb, stapften sie zufrieden in den Wappen-, Bilder- und spruchgezierten Börsensaal, äugten in die Seitenkojen, die von den großen Verfrachtern und Schiffsmaklern gemietet waren, und harrten und handelten gemächlich und bedächtig, als läge ihnen nichts an Zeit und Geld, und noch viel weniger an dem drängenden Eifer der Geschäftsleute.

Aus allen Häfen des Rheins und des Rhein-Seeverkehrs, aus allen Plätzen der Kanalschiffahrt ins deutsche Binnenland, nach Holland, Belgien und Frankreich hinein, sammelten sich die Schiffer, die bei Ruhrort vor Anker lagen und neue, günstige Ladeabschlüsse erharrten, um die elfte Morgenstunde auf dem Damm und erwarteten Begrüßung und Angebot der Herren aus Ruhrort, aus Duisburg, Homberg und Hochfeld, der Kohlenzechen, Eisenhütten und Stahlwerke, die nach leerem Schiffsraum fahndeten. In breitem Schiffergang trotteten sie heran, in Hosen aus braunem Baumwollsammet und derbgestrickten Westen, in blauen Leinwandhosen und verfärbten Wetterjacken, in dunklen Tuchanzügen mit goldenen Ankerknöpfen, den goldenen oder silbernen Ring im Ohr, Mützen jeder Gattung in den Nacken geschoben. Die Tonpfeife qualmte in Kräuseln, die zerbissene Zigarre hing im Mundwinkel, der Priemtabak lagerte unsichtbar hinter den Zähnen verstaut.

Viele aber, die keine Ladung zu löschen hatten und nicht an die Stunde gebunden waren, erschienen schon frühzeitig wiegenden Ganges auf dem Damm, blinkten in den engen Quergassen nach den Kneipenschildern und löschten ihren frühzeitigen Durst. Und die Geschäfte, die zwischen einigen Geneverschnäpsen zustande kamen, erschienen oft beiden Vertragsteilen als die besseren und bequemeren.

»Döres, noch eine Lage. Verdammt hartleibig heute, der Klaas. Tu ihm ein Stücksken Zucker 'rein, damit et ihm glatter in den Magen geht. Also, Klaas: ein Mann un ein Wort. Ist dein Kahn nun frei für mich oder nicht?«

Dichter und dichter füllte sich der Damm vor der Schifferbörse. Längst kamen Gefährte nicht mehr durch die Massen hindurch und mußten einen Bogen schlagen. Weithin vernehmbar gab eine Glocke das Zeichen zum Beginn der Börsenstunde, und das Gewoge schien lebensgefährlich anzuschwellen und war doch nur ein gemütliches Vordrängen und ein ruhiges Hin und Her zwischen dem Börsensaal und der Straße.

»Wat notieren die Kurse?«

»Nach dem Nordpol oder dem Südpol, du Dämel?«

»Nach Amsterdam!«

»Junge, Junge, un wenn du selbs mit deinem Äppelkahn heil da 'runter kommst, die Amsterdamer Meischen sind dich über.«

»Alles wat rechtens is, Hein: der Pitter spricht aus Erfahrung.«

»Als er wiederkam, hatt' er dich die Hosentaschen leer und den Hosenboden voll.«

Und in das Gelächter der Umstehenden brachen drängend die Stimmen der Makler ein und brachten alles Gelächter zum Schweigen: »Zehntausend Tonnen direkt Rotterdam. Zwanzigtausend Tonnen direkt Mannheim. Fünfzehntausend Tonnen Zwischenlandungen zu Berg. Wer bietet an? He, Petrus, frei mit wieviel? Gebhardt, was kann ich von Ihnen bekommen?«

»Wir kriegen steigend Wasser,« sagte der Gebhardt bedächtig, rollte den Priemtabak in die andere Backe und blickte den Makler abwartend an.

»Vor Abend is Regen da,« stellte der Petrus fest, beleckte den Zeigefinger und hob ihn prüfend in die Luft.

Der Makler machte sein Angebot. Die Männer schwiegen vor sich hin. Der Makler drängte: »Schlagt zu, Leute, bevor die großen Reedereien unterbieten.« — »Wat fordern denn die großen Klause? Bangemachen gilt nich.«

Durch alle Reihen, durch alle Gruppen drängten sich die Makler, anfeuernd, belehrend, lustige Schlagworte tauschend und schon wieder emsige Geschäftsvermittler. Schiffsbefrachter, die ohne Maklerhilfe ihr Schäflein ins Trockene zu bringen suchten, spielten ihre eigene Geige. Sie verkehrten in vertraulicher Rede, nahmen in Herzlichkeit die Klagen entgegen, um sie mit einem derben Scherze zu zerstreuen und die Lacher in den Bann ihres guten Einvernehmens zu ziehen. Angestellte der Großreedereien, vielerorts die Geschäftsherren selbst, verhandelten mit gesammelten Mienen in der Börsenhalle, in den Kojen. Ihre geräumigen Schiffsparks waren der Straße entrückt, bildeten das feste Gerippe des Umschlagegeschäfts, den Zeiger an der Uhr der Frachtkursnotierungen. Hier und da feilschte ein Börsenbesucher, der nur eine einzelne Ladung zu vergeben hatte, um eine Beteiligung und kam nach langwierigen Bemühungen nur mit hohem Aufgeld davon.

Die Schiffsvermieter reckten die Hälse, wandten die Dickschädel. Einige unterbrachen die angesponnenen Verhandlungen und warteten den Mann ab, dem die angestauten Haufen mit Bereitwilligkeit Platz machten, um ihn alsbald in die Mitte zu nehmen.

»Guten Morgen, Herr Vanderwelt.«

»Guten Morgen? Gut Wetter, müßt ihr sagen, Leute. Steigend Wasser und Regen in Sicht. Gut Herbstgeschäft allwege!«

»Zum Deuwel, Herr Vanderwelt, wenn einer die Wahrheit sagt, sind Sie et.«

»Sie reden wenigstens nich stundenlang um den Brei herum, als wenn et keine Fische mehr im Rhein zu fangen gäb.«

»Keine Fische mehr im Rhein?« Kornelius Vanderwelt zeigte seine weißen Zähne. »Jungens, sie beißen wie nie, und wenn ihr die Nase nur lang genug ins Wasser haltet, beißt einer an. Ich bin hier, um Geschäfte zu machen, und ihr seid hier, um Geschäfte zu machen. Darin sind wir uns wohl einig.«

»Verdammich, Herr Vanderwelt, dat is ein Wort von Mann zu Mann.«

»Kommt nur drauf an, wer dat bessere Geschäft dabei macht. Der Vanderwelt oder wir.«

»Drickes, wenn Ihr mir nicht traut, schert ruhig mit Eurem Kahn aus der Reihe.«

»Nix für ungut, Herr Vanderwelt, aber wir kriegen letzthin dat Fell so oft über die Ohren gezogen, dat et bloße Denken oft lauter zutage tritt, als man gewollt hat.«

Kornelius Vanderwelt faßte ihn mit beiden Händen bei den Schultern.

»Drickes,« sagte er und sah ihm mit zusammengezogenen Augen in den queren Blick, »ich müßte doch der größte Schafskopf auf der Duisburg-Ruhrorter Hammelwiese sein, wenn ich meine Geschäfte nicht Hand in Hand mit den Euren gehen ließ. Wer Geld verdienen will, muß Geld springen lassen. Denn das springende Geld, Drickes, schafft aufgeräumte Laune, schafft Schwung in die Arbeitsleistung und schafft schnelle Bereitwilligkeit und Vorsprung vor den anderen, die ewig Frachttreibereien fürchten. Heda, du Blindgänger, sind das aufgedeckte Karten oder nicht? Ich will nicht nur Geschäfte machen, sondern ich will so schnell wie möglich Geschäfte machen, und das kann ich nur, wenn ich Euch ohne lang Hinundher beteilige. Ist das klar?«

»Bieten Sie an, Herr Vanderwelt. Bieten Sie an,« rief es aus dem Haufen. »Gestern notierten die Frachtkurse nach Mannheim eine Mark zwanzig die Tonne. Un heut schlägt et Wetter um.«

»Ohne viel Gefackel, Jürgens: zehn Prozent drauf!«

»Ohne viel Gefackel, Herr Vanderwelt: fünfzehn Prozent! Ne. Abgerundet auf eine Mark vierzig. Dat rechnet sich besser. Wollen Sie meine vierhundert Tonnen dafür? Meine sechshundert? Meine achthundert?«

Ein Dutzend und mehr riefen ihm zu. Aus anderen Gruppen winkte man ihm mit den Händen, zeigte man ihm durch die Fingersprache die Tonnenzahl an. Kornelius Vanderwelt zog sein Notizbuch und rechnete.

»Herrschaften, da muß ich aber den Zechenonkels die Daumenschrauben anziehen.«

»Dat würden Sie ja auch ohne unsere Mithilfe besorgen.«

Einige lachten, einige kraulten sich in gebändigter Erregung den Schifferbart und harrten gespannt auf den Zuschlag.

»Also auf meine Gefahr hin,« sagte Kornelius Vanderwelt kurz. »Aber mit einer Bedingung.«

»Brauchen Sie uns nich erst zu sagen. Wir spucken in die Hände, dat et schäumt.«

»Der erste Schleppzug, der herausgeht, ist der von Kornelius Vanderwelt, Pitter, und wenn et hollandsche Meischen regnet!«

»Dann,« meinte Kornelius Vanderwelt mit seinem übermütigsten Gesicht, »würd' ich mir an eurer Stelle die Sache noch mal überlegen. ›Meischen‹ fallen unter die ›höhere Gewalt‹. Gesegnete Mahlzeit, Herrschaften. Heute nachmittag auf dem Kontor die Ladeweisungen abholen.«

Die angestaute Menge machte ihm Platz. »Mahlzeit, Herr Vanderwelt, Mahlzeit.« Und Kornelius Vanderwelt schritt hindurch und in die Börsenhalle. Hier suchte er die Kojen der Großreeder auf.

»Wieviel bieten Sie an?« fragte er, sein Merkbuch in der Hand.

»Ach ne. Lückenbüßerspielen is nich.«

»Machen Sie doch keine Scherze. Selbst der Wüstenlöwe überläßt den armen Schakalen die Beutereste ohne zu blinzeln.«

»Aber erst, wenn er sich selber den Ranzen zum Platzen vollgeschlagen hat.«

»Vor diesem Platzen möchte ich Sie ja gerade bewahren. Gegen Ihre großen Schiffsparks kommt die ganze Gilde der Kleinschiffer zusammengenommen nur mit einem Halbteil an. Also machen Sie eine großmütige Geste und gönnen Sie den armen Kerls ihren Beuteanteil im voraus. Der Löwenanteil bleibt Ihnen ja doch, und Sie erhalten sich die gute Kameradschaft für schlecht Segelwetter.«

»Vanderwelt, an Ihnen ist ein Sonntagsprediger verloren gegangen. Aber einer, der Christus sagt und Kohlen meint. Was können wir für Sie tun, ohne geradezu über den Löffel barbiert zu werden?«

»Wieviel bieten Sie an? Und zu welchen Notierungen?«

»Im Vertrauen, Vanderwelt: die heutigen Kurse werden um zehn Prozent in die Höhe schnellen. Greifen Sie zu, wenn Sie sich decken müssen. Eine gewisse Zeche soll schon einem gewissen Schiffsbefrachter ›plein pouvoir‹ gegeben haben, wenn er ihre Förderungen als die ersten auf den Wasserweg bringt.«

»Was Sie nicht sagen,« meinte Kornelius Vanderwelt gelassen. »Solche Schlauberger gibt's? Da muß ich mich wohl beeilen, beizubleiben, und Ihre zehn Prozent auf Treu und Glauben bewilligen. Zehntausend Tonnen? Ach, auf einmal können's zwanzigtausend sein? Gut, ich will sie übernehmen, wenn Sie mir mit dem Schlepperlohn gründlich entgegenkommen. Lassen wir das einmal billigst zusammen berechnen.«

Er hockte bei den Herren nieder, und während die Stimmen der Hunderte in der Halle sie umbrandeten, lösten sie die Fragen wie in der Stille des Kontors.

»Der erste schöne Tag im Jahr,« sagte aufatmend der Reeder Hinrichsen. »Heut haben wir das Mittagessen verdient.«

»Bis zum Abend dürfte es vielleicht zu einer besseren Flasche in der ›Erholung‹ langen,« meinte der Reeder Auffermann und rieb sich das spiegelglatte Kinn. »Ich wäre imstande, die dritte zu bezahlen.«

»Glauben Sie, Auffermann, daß Hinrichsen die beiden ersten übernimmt?«

Die entrüsteten Reeder wandten sich gemeinsam gegen den Sprecher. »Wie? Was? Und Sie selber? Nur mittrinken möchten Sie? Vanderwelt, Ihr Schamgefühl muß doch erheblich gelitten haben.«

»Es schämt sich nur der ewig gleichen Langeweile, meine Herren. Vielleicht nehmen Sie nach der ›Erholung‹ noch ein Glas Bier oder einen Brandewein von mir an? Es kommt von Herzen.«

»Ah —! Ah —! Hinterher! Bei einem Wirte wundermild.«

»Auf Wiedersehen, meine Herren, im Festgewand.«

Er suchte die eigene Koje auf, schrieb die Auftragszettel aus und schickte sie durch einen Boten an Beckenried zur Weiterbearbeitung. Die vereidigten Kursmakler verließen gerade das Beratungszimmer. Der ermittelte Frachtenkurs erschien an den Tafeln. Kornelius Vanderwelt warf einen Blick auf die Tafeln und sah, daß er, Kleinschifferraum und Großreederraum gegeneinander gerechnet, gut abgekommen war.

An der Straßenecke fand er seinen Wagen.

»Los, Wilm. Irgendwohin ins Freie. Heute müssen wir's kürzer machen.« —

Zwei Stunden später saß er schon in seinem Sonderkontor, der Geschäftsführer ihm gegenüber. Verteilungsplan und Reihenfolge der Kähne lag fertig vor. Die Anweisungen für die Schiffer wurden ausgefertigt.

Kornelius Vanderwelt klingelte die Zeche an, die ihm den dringlichen Auftrag erteilt hatte.

»Den Herrn Direktor, bitte. Ah, schon zur Stelle? Ja, ja, wer heute Geld verdienen will, muß den anderen um ein paar Bootslängen voraus sein, und ich war so frei, nach derselben Richtschnur zu handeln. Ihre Kohlen können auf und davon. Die Kähne werden bis morgen Mittag an Ihrem Kipper verholt. Haben Sie mit Eisenbahnwagen vorgesorgt? Gottlob! Dann lassen Sie ab morgen Mittag anrollen, was die Achsen leisten können. Kein Dank notwendig. Freut mich, daß ich Ihnen den Dienst erweisen konnte. Glückauf.«

»Na, Beckenried? Krieg' ich diesmal ein Patschhändchen? Freund, nicht die alte Litanei. Ich hätte noch mehr aus dem Geschäft herausholen können, ich weiß. Wenn ich nur mit den Großkophtas und zu zehn Prozent abgeschlossen hätte. Aber dann wär's eben nur ein Geschäft gewesen und keine Freud'!«

»Seltsame Freud', sein gutes Geld zwecklos wildfremden Menschen in die Hand drücken.«

»Wildfremd, Beckenried? Das wäre nur ein Schuldbekenntnis, daß wir sie nicht zutraulich zu machen wußten. Und zwecklos, sagen Sie? Sehen Sie sich gleich mal die verschmitzten Mienen an, wenn meine Schiffsmannen hereingetrampt kommen. Kein Gesicht, in dem nicht zu lesen ständ: ›den Kornelius Vanderwelt haben wir aber diesmal hineinfallen lassen. Wir sind nämlich auch mit Rheinwasser getauft. Wir!‹ Ach, Beckenried, fröhliche Mitmenschen schaffen — wenn das keine Freud' ist!«

»Draußen im Kontor versammeln sich die fröhlichen Mitmenschen schon,« sagte Beckenried aufhorchend. »Wünschen Sie sie einzeln oder in der Gesamtheit zu empfangen?«

»Einzeln. In der Reihenfolge ihrer Kähne. Hier, nehmen Sie die Liste mit.«

Kornelius Vanderwelt erhob kaum den Kopf von der drängenden Schreibarbeit, als der erste eintrat. Der Mann scharrte mit den Stiefelsohlen und bot dem Kaufherrn die Tageszeit.

»Setzen Sie sich, Gebhardt, ich bin gleich so weit. So ...! Ihr habt gut lachen, wenn Ihr auf dem Rhein schwimmt und habt Ruhrort im Rücken. Ich kann mir die Finger krumm schreiben.«

Der Schiffer streckte seine borkigen Hände vor.

»Sehen Sie sich dat mal an. Die sind vom Tauziehen und Ruderpacken auch nich die feinsten geblieben. Ich mein' als immer, wie ich auf die Welt gekommen wär', hätten die ganz anders ausgesehen.«

Kornelius Vanderwelt ergriff die Hand und schüttelte sie.

»Aber eingesalbt hab' ich sie heute mittag.«

»Wenn wir Sie man bloß nich eingesalbt haben, Herr Vanderwelt,« grinste der Schiffer. »Ich sag' Ihnen ja nix Neues mehr damit, dat wir Partikulierschiffer über Tageskurs mit Kornelius Vanderwelt abgeschlossen haben. Lassen Sie et sich nich gereuen. Der eine oder andere möcht' sich auch mal einen zweiten Kahn bauen lassen können.«

»Wohin damit, Mann? Die Liegeplätze sind voll, die Häfen dicht besetzt, alle Kranen und Kipper überbeschäftigt.«

»Herr Vanderwelt, meine Kameraden meinen, gerade der Herr Vanderwelt wäre der Mann dazu, hier Abhilfe zu schaffen. Durchzusetzen, dat et Hafennetz gründlichst Erweiterung erfährt, dat mit der Herstellung von neuen Kanälen begonnen wird, dat — dat — in einem Wort gesagt, dat die Brotfrage für den Schiffersmann leichter wird un seine Hoffnungsmöglichkeiten. Unsereins möcht' ebensowenig versacken, wie die Herren auf den Kontoren und möcht' seine Familie in die Höhe bringen.«

Kornelius Vanderwelt stand am Fenster und blickte nach dem Strome. Schwerfällig segelten graue Wolkenungetüme darüber hin. In Fäden begann es zu regnen.

»Gebhardt, Sie irren sich. Ich bin nicht der mächtige Mann. Soll meine Stimme stärkere Geltung bekommen, so muß sie noch recht gekräftigt werden. Durch Euch, Gebhardt. Durch Euch und die ganze Kameradschaft. Nicht durch Eure Lungenkraft. Durch Schreien hat noch keiner sein Recht auf Arbeit bewiesen. Dadurch, Gebhardt, daß Ihr für mich schafft, wie für keinen anderen! Daß die Machthaber im Ruhrorter Geschäft merken, mit dem Vanderwelt arbeitet es sich am schnellsten, und sich an mich heranmachen. Bis meine Stellung unangreifbar ist und meine Vorschläge Durchschlagskraft gewinnen. Es liegt an Euch.«

Der Schiffer sah ihm scharf in die Augen. Dann plinkte er ihm vertraulich zu.

»Hab' verstanden, Herr Vanderwelt, un bei den anderen werd' ich et Verständnis schon wecken. Wat die Firma Kornelius Vanderwelt an Schiffsbefrachtung un Abwicklung in die Hand nimmt, dat soll fluppen, als wär der fliegende Holländer von der Partie. Kann ich meine Papiere haben?«

»Hier, Gebhardt. Ihr Kahn ladet zuerst. Wann kann er verholt sein?«

»Heute abend noch liegt er ladefertig unterm Kipper.«

»Vorwärts denn. Lassen Sie den nächsten eintreten.«

Durch die Türfüllung schob sich vierschrötig der Schiffer Petrus. Sein wettergebräuntes Gesicht schien mit einem helleren Rot aufgefrischt. In den Augenwinkeln schwamm es feucht.

»Hallo, Petrus. So angestrengt gefrühstückt?«

»Bei allen vierzehn Nothelfern, Herr Vanderwelt: nich einen Bissen hab' ich heruntergekriegt.«

»Glaub' ich unbesehen. Es gibt auch flüssige Leckerbissen. Na, wohl bekomm's. Und Achtung jetzt auf die Papiere.«

»Wat Sie meinen, is nich, Herr Vanderwelt,« beschwor der Schiffer und schlug sich dreimal auf die Brust. »Un nu können Sie et glauben oder nich: et is nix als die Rührung. Jawohl.«

»Rührung, altes Rauhleder?«

»Jawohl hab' ich gesagt. Weil et im Ruhrorter Hafen unter all den verdammt feinen Kerls wenigstens einen so gemeinen Menschen gibt wie den Kornelius Vanderwelt.«

»Also für einen ganz hundsgemeinen Menschen halten Sie mich? Das ist ja allerhand.«

»Herr Vanderwelt. Keine Silben stechen. Wenn ich gemein sage, mein' ich doch mit uns gemein. Po—Populär. Aber Fremdwörter, da sehen Sie et, Fremdwörter sind immer Glückssache.«

»Mein lieber Petrus,« sagte Kornelius Vanderwelt zärtlich, »dafür verlass' ich mich auch auf meine Freunde. Buchstabieren Sie Ihre Anweisungen. Ich hab' mein Wort verpfändet, daß ihr vollgeladen habt und schwimmt, bevor die anderen anfangen, und Ihr werdet es einlösen. Der Gebhardt liegt mit seinem Kahn heut abend schon unterm Kipper. Sie sind Nummer zwei und werden sich nicht für einen heurigen Schiffsjungen verschleißen lassen.«

Der Wetterbraune wuchs. Die Papiere klatschte er in seine Brieftasche.

»Gotts Donner, Herr Vanderwelt, wenn sich der Gebhardt keine Flügel am Hinterteil wachsen läßt, ramm' ich seinem Kahn ein Loch in die Rippen.«

»Beim Matthes ›Zu den fünf Erdteilen‹ soll es noch Bindewasser die Fülle geben. Auch um Mitternacht. Der nächste!«

Der Schiffer schlug sich die Mütze ins Genick, legte das Steuer um und nahm Kurs ins Freie. Und schon stand statt seiner der lange Hein vor dem Herrn aufgepflanzt, die schwarze Locke über der Stirn, um den Hals das flatternde bunte Seidentuch, den Silberring verwegen im Ohr.

»Zur Stelle, Herr Vanderwelt.«

»Kerl! Hein! Sie werden mit jedem Tag gefährlicher. Man sollte Ihnen wahrhaftig keinen Kahn nach Mannheim mehr anvertrauen.«

»Oho, Herr.«

»Ich glaub', selbst die schönste Jungfrau Lorelei hängt sich Ihnen ins Schlepp, geschweige denn die anderen Frauenzimmer.«

»Ah — so meinen der Herr Vanderwelt.« Der Bursche lachte geschmeichelt. »Ja, dafür kann der Hein nix. Der is von Natur so gewachsen. Aber in seine Schiffergeschäfte läßt sich der nich 'ereinliebeln.«

»Nicht? Und wenn's in Ruhrort nur so um ihn herumwimmelt? Da wär' ich doch gespannt. Ernsthaft, Hein, mir hat ein Vögelchen gepfiffen, es würden da verschiedene« — er rieb den Daumen gegen den Zeigefinger — »Anforderungen gestellt, und der Hein wär für bestimmte Hafenplätze nicht mehr zu haben.«

Die Siegermiene geriet ein wenig ins Wanken. Die herausfordernde Geste wich.

»Ein Wort im Vertrauen, Herr Vanderwelt, wenn Sie gestatten würden. Bei solchen Geschichten fehlt zwar meistenteils der Beweis. Aber vorsichtiger wär et immerhin, wenn der Herr Vanderwelt für meinen Kahn als Eigentümer zeichnen wollt, bevor sie mir den verramschen.«

Seine Augen schielten nach dem Herrn, und die schwarze Locke hing ein wenig kläglich.

»Mit anderen Worten: Sie möchten mir den Kahn anhängen und auf Löhnung fahren. Soso. Wenn Sie von der Mannheimfahrt zurückkommen und Ruhrort anlaufen, wollen wir das Geschäft besprechen. Es ist Ihre Sache, sich zu beeilen. Sie sind in der Ladefolge der dritte. Sorgen Sie, daß Ihr Kahn morgen früh pünktlich am Ort liegt.«

»Herr Vanderwelt! Wenn Sie mal im Leben ein paar zärtlich zupackende Fäuste brauchen — dat hier, dat wären die Muster!«

»Flott, Hein,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte über ihn hinweg, »die anderen stehen sich die Beine in den Leib.«

Und einer folgte dem anderen, wurde kurz auf Herz und Nieren geprüft, bei seiner schwächsten Stelle genommen, erhielt sein Stichwort und schob sich mit einem vergnüglichen Grinsen zur Türe hinaus.

Im Zimmer blieb ein Schwaden von Teer, Schweiß und Branntwein.

Kornelius Vanderwelt hob den Hörer vom Fernsprecher. »Ich bitte Herrn Beckenried zu mir.«

Der Geschäftsführer erschien mit der Unterschriftenmappe. Er verzog krampfhaft das Gesicht und nieste.

»Ja, mein Lieber, das ist der Ozon, der uns zum Leben nötig ist.«

»Die Vanderweltschen Lungen sind nun mal anders geartet als die üblichen. Sie gestatten wohl, daß ich beide Fensterflügel öffne, oder ich habe meine Verhandlungsunfähigkeit zu erklären.«

»Nehmen Sie eine Zigarre, Beckenried. Nicht bei der Arbeit? Gerade bei der Arbeit qualmt der Schornstein am fröhlichsten. Also zur Sache. Die Verladung ist im Lot. Meine Freunde, die uns eben verlassen haben, werden schuften wie die schwarzen Teufel. Bis sie fertig sind, werden auch die Herren Großreeder nachgerückt sein, so daß es eine Lücke nicht gibt. Keine Stunde Ruh' sollen sie vor dem Fernsprecher haben. Und nun — Feierabend.«

Ein tiefer, langgezogener Seufzer stieg ihm aus der Brust.

»Wahrhaftig, Beckenried, Sie haben recht. Der Ozon war diesmal ein bißchen reichlich.«

»Ich geh' trotzdem nicht mit Ihnen, Herr Vanderwelt.«

»Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich Ihnen einen Abend der tiefsten Sammlung in Aussicht stelle? Ja, was machen Sie denn mit der unendlich langen Nacht? Man schläft doch nur, wenn man einmal müde ist.«

»Dann lernen Sie es nie, Herr Vanderwelt. Bitte, noch ein Dutzend Unterschriften.«

Kornelius Vanderwelt setzte sich wieder, überflog die Bogen, verbesserte ein Wort, eine Wendung, und unterschrieb Blatt um Blatt.

»Beckenried,« sprach er, während die Feder die Namenszüge zog, »es ist auch das einzige, was ich nicht lernen will. Der Schlaf ist die törichtste Unterbrechung jeder Lebensfreude und tritt immer ein, wenn man die Minute für die aller- allerschönste hält. Ach, Beckenried, ich wollt', Sie könnten für mich mit schlafen.«

»Es sollte mein Geheimnis bleiben, Herr Vanderwelt: ich tu's schon seit Jahren!«

»Lieber Freund, wenn Sie darauf anspielen wollen, daß Sie mir mit Ihren täglichen zehn Kontorstunden über sind, dann bewahre Ihnen Gott Ihren frommen Kinderglauben. Amen.«

Er erhob sich, drückte seinem Mitarbeiter die Briefmappe in den Arm, klopfte ihm auf die Schulter und nahm Abschied. Draußen empfing ihn der Regen. Er atmete tief und gierig die Nässe ein, zog den Mantel näher heran und schlug den Nachhauseweg ein.

»Nun, Fräulein Bilsenbach? Waren Sie mit dem Tag zufrieden?«

»Mit der Juliane war es heute besonders schwer, Herr Vanderwelt. In ihre Klavierübungen wollte sie sich nicht mehr hineinsprechen lassen. Sie spielte, wie es ihr paßte, ob es in den Noten stand oder nicht, und als ich ihr ihre Eigenmächtigkeiten verwies, behauptete sie, der Papa hätte es ihr so vorgespielt.«

»Wie wir uns verstehen, Fräulein Bilsenbach. Wenn ich nur frage, ob Sie mit dem Tag zufrieden waren, kommen Sie ohne weiteres auf die Kinder zu sprechen.«

Das Fräulein stutzte. Die Züge verschärften sich, die Schultern zogen sich hoch, als hätten sie eine neue Last des Gekränktseins auf sich zu nehmen.

»Ich habe ja nicht nur die Sorge um das Hauswesen zu tragen, sondern auch die Sorge um die Kinder.«

Kornelius Vanderwelt zog begütigend ihre Hand an seine Lippen.

»Ich bin Ihnen zu unendlichem Dank verpflichtet. Das weiß keiner besser als ich. Und nun nicht gleich böse sein. Außer den Kindern gibt es nämlich auch noch andere Menschen und Dinge, die einer Unterhaltung wohl wert wären und deren Berechtigung man nicht stets von vornherein von den kleineren oder größeren Unarten der Kinder abhängig machen sollte. Fräulein Bilsenbach, ich habe es in allen Häusern, in denen sich alles und jedes um die Kinder und immer wieder um die Kinder drehte, am drückendsten und unerträglichsten gefunden, in den Häusern aber, in denen die Erwachsenen ohne Weiterungen auf ihrem Lebensanteil bestanden, am frohesten und klarsten.«

»Bitte, Herr Vanderwelt, entlasten Sie mich von dem Klavierunterricht. Ich bin ihm nicht mehr gewachsen.«

»Er ruht, bis ich eine geeignete Lehrkraft gefunden habe. Gestatten Sie mir nur den Hinweis, Fräulein Bilsenbach, daß Sie persönlich den Klavierunterricht als eine Art Entspannung von den Hausgeschäften zu übernehmen wünschten und ich Sie keineswegs dazu gedrängt habe.«

»Ich bin ihm nicht mehr gewachsen,« wiederholte das Fräulein und schüttelte ängstlich den Kopf.

»Quälen Sie sich doch nicht. Menschen, die alles können, erweisen sich in keinem Einzelfache als sattelfest. Und die Küche meines verehrten Fräulein Bilsenbach wäre nicht durch das verlockendste Klavierspiel desselben Fräulein Bilsenbach zu ersetzen.«

Die Verbitterung löste sich. Ein kleines Lächeln kroch hervor.

»Sie verstehen es, die Menschen aufzurichten. Nun schäme ich mich fast, daß ich so wenig an Ihre abgearbeiteten Nerven dachte. Es kann sofort zu Abend gegessen werden, Herr Vanderwelt.«

Und auch an diesem Abend wiederholte sich der laute Begrüßungssturm der Kinder, das Verhör in den Vorkommnissen des Schultags, die Übungen in der Kunst des geistigen Florettfechtens in Angriff und Abwehr.

»Vergeßt mir nur nicht, ihr discipuli, daß der Geist erst durch das Gemüt seine Lebensgeltung erhält. Sonst wäre er wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Gute Nacht, ich muß meine Weisheit noch anderorts ausschenken.«

Eine halbe Stunde später schritt er unter triefendem Schirm, den ärmellosen Tuchumhang über den Gesellschaftsanzug geworfen, dem Klubhaus der Ruhrorter Herren, der ›Erholung‹, zu. Breit und selbstsicher stieß es hinein in die dunklen Gassen des Hafenviertels.

Eine gewichtige Anzahl von Herren saßen bequem um die Tische geschart. Und daß nicht nur die Zahl eine gewichtige war, zeigten viele und viele der ausgearbeiteten Köpfe an, der scharfgemeißelten Schädel, der aufmerksam spähenden Augen. Männer, bei denen tagsüber Spannkraft und Willenskraft zuhause war und abends ein gelöstes Sichgehenlassen.

Der Wein schwamm in den Römern, die Unterhaltung schwoll an, tiefgründige Worte wurden in ein derbes Scherzwort abgeleitet, von dröhnendem Lachen belohnt. An den Spieltischen klappten die Karten.

Als Kornelius Vanderwelt eintrat, schauten nur wenige auf. Aber die wenigen gaben ihre Erkenntnis durch Blicke weiter, die die Aufmerksamkeit der Umsitzenden weckten und auf den Eintretenden hinlenkten.

»Sieh da. Herr Kornelius Vanderwelt in Person. Sagen Sie, lieber Vanderwelt, leiden Sie unter Anwandlungen von blindlings gesteuerter Langeweile?«

»Wenn ich wüßte, was Sie wissen, Herr Kommerzienrat, langweilte ich mich an keinem Tische der Erde.«

»Verdammter Kerl, der. Nicht schlecht gegeben. Bin nur gespannt, was ich da wieder mehr wissen soll.«

»Oh, nur einiges. Zum Beispiel, ob die neuen Hafenpläne zur Ausführung gelangen oder nicht?«

»Das müssen Sie den Herrn Oberbürgermeister fragen. Ich beuge mich der Allmacht der Behörde.«

Kornelius Vanderwelt zeigte lachend die Zähne.

»Der Herr Oberbürgermeister sitzt ja allabendlich neben Ihnen. Sollte da nicht eine Befruchtung der Allmacht in aller Stille möglich sein.«

»Hören Sie auf! Das grenzt an Gotteslästerung.«

»Mein verehrter Herr Vanderwelt,« mischte sich die feine Stimme des Oberbürgermeisters ein, »seitdem die Verschmelzung von Ruhrort und Meiderich mit Duisburg glücklich vor sich gegangen ist, hat sich auch die Zahl der Erzengel in meinem Verwaltungshimmel vermehrt, und die vereinigten Herren Stadtverordneten haben mehr denn je das Wort.«

Kornelius Vanderwelt verneigte sich tief.

»Das Wort! Und Ihr kluges Lächeln sagt: ›Ihrer sei das Wort, mein sei die Tat!‹«

»Hierher, Vanderwelt! Wir wollen auch unseren Nutzen ziehen! Heda! Unsereins auch!«

Kornelius Vanderwelt schritt weiter, verharrte an einem Tische, ließ sich zu einem anderen winken. Hinter ihm blieb ein Flüstern.

»Ein Kerl von Geist und Weitsicht,« meinte nachdenklich der Kommerzienrat. »Zuweilen von einer gefährlichen Weitsicht.«

»Wie reimt sich das zusammen, Herr Kommerzienrat?«

Der überlegene Geschäftsmann schob langsam die buschigen Augenbrauen hoch.

»Seltsame Frage das. Es braucht kein Kornelius Vanderwelt in die ›Erholung‹ zu kommen, um uns die Erweiterung der Hafenbauten zu predigen. Etwas anderes ist es, ob wir Nächstbeteiligten mit unseren Schiffsparks Schritt halten können, ob wir uns in unserem Wirkungskreis nicht einen neuen, wenig erwünschten Wettbewerb hereinholen, oder die Kleinschiffer durch die Not an Kahnraum stärker in den Vordergrund gerückt werden, als es für den reibungslosen Großbetrieb gut ist. Das nenn' ich gefährliche Weitsicht. An der Notwendigkeit der Hafenerweiterungen zweifle ich nicht eine Sekunde, und der Herr Oberbürgermeister, wie ich seine Tatkraft kenne, ebensowenig.«

Eine Weile wandte sich das Gespräch mit voller Lebhaftigkeit den Lebensadern der Stadt, den Hafenbecken und Kanälen zu. Die Finger zeichneten Entwürfe auf die Tischplatte, die Köpfe schmiedeten Pläne. Bald schon, und keiner wollte dahinten bleiben, der eine den anderen überbieten, bis die Trumpfkarte fiel.

»Ich schlage vor, sämtliche Straßen Ruhrorts in schiffbare Kanäle zu verwandeln, sämtliche Plätze in Hafenbecken.«

»Halt, halt,« rief ein hoher Hafenbeamter in das aufdröhnende Gelächter hinein, »der Einfall ist nicht von Ihnen!«

»Haben Sie ihn etwa zutage gefördert, Herr Regierungsrat?«

»Der Vater des Kindes heißt Vanderwelt.«

»Ich muß doch sehr bitten. Zu meinen Kindern bin ich selber Vater.«

»Es ist schon einige Zeit, da fuhr er mit mir auf dem Regierungsboot durch die Rhein-Ruhr-Häfen. Es war Hochbetrieb, in allen Wasserstraßen drängten sich die Kähne, die Hochöfen feuerwerkten wie besessen, und die Häuserreihen standen wie verloren im schwarzen Kohlenschleier.«

»Sie werden ja ganz poetisch, Herr Regierungsrat.«

»Ich nicht, aber der Vanderwelt wurde es. Mit einer Liebe ohnegleichen starrte er auf das dunkle Städtebild, das sich hier, dort, überall im dunkelgefärbten Wasser spiegelte, wandte sich zu mir und sagte leise: ›Das schwarze Venedig!‹« — —

Keiner lachte. Jeder nickte versonnen vor sich hin und spann den Gedanken weiter.

»Seltsamer Mensch das,« sagte ernst der Kommerzienrat. »Zwei Seelen wohnen in seiner Brust.«

Und wieder war der Bann gebrochen, und wieder hieß der neue Gesprächsstoff Kornelius Vanderwelt. Dichtung und Wahrheit stritten sich um den Mann.

»Er spielt auf dem Klavier wie unsereins an der Börse.«

»Er liest die Dichter wie unsereins die Kurszettel.«

»Was ihn aber nicht hindert, mit aller seiner Kunst unsereins übers Ohr zu hauen.«

Der aber, von dem die Reden im Schwange waren, saß unbekümmert fernab an einem Ecktischchen und becherte mit den beiden Reedern Hinrichsen und Auffermann um die Wette. Seine Augen leuchteten hellauf, sein Mund sprudelte über von Geschichten aus der weitesten Welt und Gleichnissen aus der nächsten Nähe. Der schlanke Hinrichsen bog sich in den Hüften, der beleibte Auffermann legte sich die Arme wie Faßreifen um den hüpfenden Bauch. »Machen Sie es gnädig, Vanderwelt, machen Sie es gnädig. Wir glauben Ihnen alles — alles — alles —!«

»Das kann mich nicht kümmern, meine Herren. Kommen Sie erst einmal nach den Südseeinseln. Da gibt es kein verstohlenes Herumdrücken in den Kaschemmen und Freudenhäusern. Da herrscht Liebe auf den ersten Blick und der Zauber paradiesischer Umgangsformen.«

»Wachsen denn dort Feigenbäume, Vanderwelt? Feigenbäume in rauhen Massen?«

»Gott,« sagte Vanderwelt träumerisch, »es war wohl zu schön, zu überirdisch schön, um an Torheiten zu denken ...«

»Ja, waren Sie denn selber da drunten? Drunten im Unterland, wo's halt so schön ist? Und am Viktoria Njansa? Und bei den Roten am Orinoko und den Schlitzäugigen in der Malakkastraße? Mann, wo waren Sie denn eigentlich nicht

Kornelius Vanderwelt spielte mit den Fäden seines Schnurrbartes.

»Wo ich nicht war? Meinen Sie, bevor ich endgültig in Ruhrort vor Anker ging, oder —«

»Achtung, Hinrichsen, jetzt kommt eine bodenlose Grobheit.«

»Oder — alsdann? Alsdann war ich noch nie unter so hinterhältigen Gentlemen, die mich erzählen lassen, während sie selber den Wein wegtrinken. Die dritte Flasche, Auffermann, bitte ich in zweifacher Ausfertigung vorzuführen. Keine Einwendungen, oder wir nehmen den Mann nicht mit auf hohe Fahrt, Hinrichsen.«

Der Reeder Auffermann rieb sich das spiegelblanke Kinn.

»Hohe Fahrt? Das überredet mich. ›Dein Mund fleußt über alle Zeit von süßem Sanftmutsöle‹, steht in einem alten Gesangbuchliede zu singen und zu sagen. Darauf trinken wir die vierte, und Hinrichsen zahlt die fünfte und die sechste. Worüber beschweren Sie sich? Sie hätten schon die erste und die zweite gezahlt? Still, Hinrichsen. Nicht in Gegenwart unseres Gastes.«

Und Kornelius Vanderwelt dachte, während der Wein die grünen Römer füllte, es sind landläufige Burschen, aber als Saufkumpane geschaffen wie weiland Ritter Falstaff für den Junker Heinz. Und er hob sein Glas, stieß an und trank in langen, durstigen Zügen.

Allmählich leerte sich das Gemach. Eine Zecherrunde nach der anderen rückte ab, und an den Kartentischen errechnete man Gewinn und Verlust, beglich die Rechnung und verabredete sich auf morgen.

»Kaum Mitternacht,« stellte Kornelius Vanderwelt fest, »und schon löschen sie die Kesselfeuer und kriechen in die Hängematten. Ich krieg' das Frieren bei so viel Kaltblütern.«

»Kaltblütern? Hinrichsen, hat er ›Kaltblüter‹ gesagt? Wollen Sie meinen Puls fühlen, Vanderwelt? Wollen Sie Hinrichsens Puls fühlen? Wenn wir auch nicht mit Südseeinsulanerinnen Vielliebchen aßen, wenn wir auch nicht — wenn wir auch nicht — mit Suahelimädchen — na, Hinrichsen, nun sagen Sie's doch schon, was wir nicht mit den Suahelimädchen ...«

»Mit Kokosnüssen Tennis spielten,« half Hinrichsen aus, »und mit den Schlitzäugigen: ›Wieviel Finger sind das?‹ ...«

»So haben wir doch Ruhrorter Blut,« fuhr Auffermann fort. »Heißes Ruhrorter Blut. Verdammt heißes Ruhrorter Blut. Und jetzt gehen wir auf die Straße, wo's am schönsten ist.«

Hinter ihnen erlosch das Licht im Saale. Die Mäntel über den Gesellschaftsanzug geworfen, den steifen Hut auf dem Kopf, traten die Herren in den Hauseingang, mühten sich, in Regen und Wind die Schirme aufzuspannen, und hielten in fröhlicher Erregung den Schritt an.

Vor ihnen verzwirnten sich die engen Hafengassen, und das Licht der Laternen kämpfte vergebens mit den grauen Regenfluten der Nacht. Aber das Licht kämpfte nicht allein. Es kämpfte Dunkelheit gegen Dunkelheit, Menschen der Nacht gegen Menschen der Nacht.

»Wat sagen Sie? Sie hätten dat Mädchen nur angekuckt, Sie Piekfeiner?«

»Bleiben Sie mir vom Leibe. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.«

»Aber meiner Braut möchten Sie zu Leibe, was? Mit meiner Braut möchten Sie sich zu schaffen machen? Jetz wollen wir einmal ›Du‹ zueinander sagen, du Lauser, un jetz kriegst du meine Visitenkarte —«

Klatsch!

Der Geschlagene taumelte einen Schritt zurück, hob den Spazierstock und schlug blindlings in die Luft. Das Frauenzimmer kreischte, der Matrose duckte sich zum Sprung und sprang dem Gegner an die Brust.

Klatsch! Klatsch! Von beiden Seiten.

Schon knäulte sich ein halbes Dutzend, schon ein Dutzend Menschen um die nächtlichen Kämpfer herum. Kneipentüren öffneten sich, strömten breite Lichtwellen ins Gassendunkel und mit den Lichtwellen behende Gäste, die da fürchteten, zu spät zu kommen. »Hau ihn, Hendrik! Du läßt dir doch woll nich in 'n Kurs segeln von so 'nem Laffen?«

Klatsch! Klatsch! Klatsch! — Hin und her.

In der Tür der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹, die durch ihre Ecklage das Gassengewirr beherrschte, stand in Hemdärmeln und blauer Schürze breitbeinig der Wirt im roten Lichtkegel. Die Hände in den Schürzenlatz geschoben, die Augen blinkernd vor Vergnügen, feuerte er Kämpfer und Zuschauer gleichermaßen an.

»Hendrik, der saß bei dir! Blaue Augen sind schön, Hendrik, aber zumehrst beim anderen! So war's recht, mein Junge! So! Und so! Junger Herr, Sie werden doch nicht vor einem schlichten Matrosen Leine ziehen?«

Aber der Piekfeine dachte gar nicht daran, denn der Hendrik hatte im Eifer des Gefechts einen der Umstehenden vor das Schienbein getreten und einen Dankesstoß erhalten, der ihn über den Haufen warf. Und schon lag der Feine über dem Matrosen und bearbeitet ihn wütend mit den Fäusten. Das aber ging einer Handvoll Schiffersleuten gegen Strich und Faden. Einer von ihnen krakeelte den Mann an, der sein Schienbein gerächt hatte, und erhielt stracks eine gesalzene Maulschelle zur Antwort. Andere stürzten sich auf die am Boden Liegenden, rissen den Oberen vom Unteren, verloren den Halt, befanden sich in tobendem Handgemenge, ohne zu wissen, wie und für welche Sache. Denn auch der Mann, der sein Schienbein gerächt hatte, hatte eingreifen müssen und den Krakeelenden, der ihn wie ein Stier anlief, in den Knäuel geschleudert. Ein dumpfer Schmerzensschrei des Aufschlagenden, und die Zuschauermenge verlor den letzten Rest von Besinnung, stürmte in atemloser Erregung vor, gurgelte Schimpfworte und Kampfesrufe, schlug klatschend drein, traf auf den Falschen, teilte sich in blind ineinander verbissene Einzelgruppen, während der Mann mit dem mißhandelten Schienbein bald in diese, bald in jene Gruppe einen Angreifer hineinschleuderte, die Verbindungen zwischen den Einzelgruppen wieder herstellte und eine allgemeine tobende Kampfeslage schuf.

»Warte, Bürschken, dich sucht' ich als lang.«

»Komm her, du Großmaul, ich hau' dir ein Pechpflaster drauf.«

Klatsch! Klatsch!

»Du da! Du da! Du hast noch wat vom letzten Mal bei mir im Salz. Willste wohl nich ausreißen, du Feigling?«

»Vor so wat ausreißen? Hahaha! Nur zu klebrig biste mir.«

Klatsch! Klatsch!

»Nimm die Hand vom Hals, Hein. Nimm die Hand vom Hals —«

»Tuste Abbitte? Schön Abbitte? Bin ich ein Mädchenhändler, du Lump, oder ein Ehrenmann wie du —?«

Die drei Herren aus der ›Erholung‹ waren längst unter dem schützenden Hauseingang hervorgetreten. Dichter und dichter drängten sie an den Kampfesring heran. Fäuste griffen nach ihnen. Sie hoben die Regenschirme hoch und zeigten ihre lachenden Gesichter.

»Dat sind Herren von der ›Erholung‹! Seid ihr denn ganz blind, ihr wütigen Maulwürfe?«

Und augenblicklich zogen sich die Fäuste zurück, lüfteten die Kerle grinsend die Kappe. Uralte, schweigende Übereinkunft bewährte sich zwischen den heimkehrenden Herren der ›Erholung‹, den Reedern und Frachtverladern, und den rauflustigen Gästen des Hafenviertels. Ein derbes und herzliches Nachtverhältnis.

»Guten Abend, Herr Auffermann. Guten Abend, Herr Hinrichsen.«

»Guten Abend auch, Herr Vanderwelt. Große Ehre, mit 'ner schlichten Runde Boxkampf aufwarten zu dürfen.«

Plötzlich hielt das Kampfgetöse den Atem an. Die Griffe lockerten sich, die Köpfe streckten sich vor.

»Was denn, Jungens,« rief Kornelius Vanderwelt, »ihr werdet doch nicht aufhören wollen, wenn's am schönsten ist? Wenigstens noch eine Ehrenrunde! Ich schlage vor: zwischen den beiden Herren, die das Zauberstück zuerst zur Aufführung gebracht haben.«

Unter dem niederströmenden Nachtregen, vom Licht der Laternen flackrig beleuchtet, zog man den zerbeulten Matrosen hervor und stellte ihn auf den Platz. »Wo ist der Piekfeine?« grollte er. »Bringt mir nur den Piekfeinen noch mal her.«

Aber so viel man auch suchte, der Piekfeine blieb verschwunden. Und als der Matrose den Namen seiner Braut brüllte, kam auch von dort kein Echo.

Der Piekfeine hatte die Kampfpause benutzt und sich davongemacht. Nicht ohne dem strittigen Gegenstand einen vertraulichen Wink zu geben.

Von unbändigem, immer sich erneuerndem Gelächter begleitet, nahm der Matrose neuen Kurs und stürmte, die Ellbogen angezogen, die Fäuste geballt, in die Dunkelheit, die ihn im niederströmenden Regen verschwinden ließ.

Das nächtliche Zauberstück war zu Ende gespielt. Die Mitwirkenden lüfteten ihre Heldenmasken, erkannten sich als gute Kameraden und biedere Mitbürger und grinsten sich an.

»Ich glaub' wahrhaftig — et regent ...« stellte der eine fest.

»Verdammich, weshalb lassen wir uns denn eigentlich hier naß regnen?« fragte verwundert ein anderer.

Und ein dritter schlug vor: »Wir könnten unsere Abendunterhaltung doch ebensogut unter Dach und Fach fortsetzen.« Und er fand ungeteilte Zustimmung.

Kornelius Vanderwelt tauschte Gruß und Handschlag mit dem Mann, der um sein Schienbein besorgt gewesen war.

»Petrus! Natürlich! Kein anderer zwischen Mannheim und Rotterdam befördert Stückgut so im Schwunge wie Ihr!«

Der vierschrötige Schiffer machte einen Kratzfuß.

»Ich schmeichle mir, Herr Vanderwelt. Aber bevor ich den Schwung auf seiner glänzendsten Höhe hatte, war die Stückzahl schon erledigt. Schade drum.«

Kornelius Vanderwelt schob seinen Arm in den ungeschlachten des Kraftmenschen und ging im Schritt mit ihm auf die Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ zu. Der Riese setzte nur Fuß neben Fuß. Er fühlte sich sehr geehrt unter dem gemeinsamen Regenschirm und schielte backbord und steuerbord, ob auch eine genügend große Zahl von Kameraden die Bevorzugung gewahr werde.

»Petrus,« fragte Kornelius Vanderwelt, und Wein, Straße, Nacht waren vergessen, »ist Ihr Kahn verholt?«

»Herr,« entgegnete der Schiffer, »wat der Pitter einmal gesagt hat, dat hat er für alle mal gesagt. Der Kahn liegt längsseits dem Gebhardt seinen, un nu hat der Kohlenkipper et Wort.«

»Das hat wohl Durst gemacht, Petrus?«

»Herr Vanderwelt, arme Leut haben immer Durst. Durst un Hunger. Auf en ordentlich Stampglas Schnaps, auf en staatses Frauenzimmer, dat mit einem et Tanzbein schwingt, un nich zuletzt auf die Harmonika, auf so 'n richtig Stücksken für die gerührte, unsterbliche Seele. Wat davon abseits liegt, Herr Vanderwelt, heißt für unsereins Arbeit, Verantwortung und Kohlenstaub in 'n Hals. Durst haben wir immer.«

»Heda, Matthes, angetreten!«

Der Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ trottete dem hohen Gast durch Nacht und Regen entgegen.

»Jammerschad', Herr Vanderwelt. Ich tat Ihnen doch einen Warnungspfiff, noch nich dat schöne Familienbild zu stören.«

»Pfeifen Sie bei solch einem Krach nächstens mit der Sirene und nicht mit dem gespitzten Maul.«

»Ganz die meine Meinung,« stimmt der Kahnschiffer zu. »Außerdem war außer dem Matthes nix mehr zu verprügeln.«

Der Wirt zeigte mit dem Daumen über die Schulter, während er mit der freien Hand den Schirm nahm und ihn sorgsam über die Häupter seiner Gäste hielt.

»Gerad' hatten sie die Volksbelustigung auch im ›König von Portugal‹ vernommen. Sehen Sie, meine Herren, da wimmeln sie schon heran und machen verblüffte Gesichter.«

»Matthes,« sagte Kornelius Vanderwelt, »lassen Sie die Portugiesen ruhig auf eigene Rechnung spielen. Ich hoffe, es ist gemütlich in Ihrem Winterpalast. Wo bleibt der Einzugsmarsch der Gladiatoren?«

Der Wirt klappte den triefenden Schirm zu und rief einen Befehl in die verräucherte Stube. Eine Harmonika setzte ein. Mit einem heulenden Ton ließ sie die Winde aus den Zügen, sog sich aufs neue voll und rauschte den feierlich Einziehenden wuchtig den Pariser Einzugsmarsch entgegen. Die Wirtsstube füllte sich mit Menschen. Auch ein paar Bräute rückten stolz am Arm ihrer Burschen ein und wurden auf Vorschlag des Reeders Auffermann, da es an Damen mangele und Taschenmesser nur beim Essen in Gebrauch genommen werden sollten, für den Weiterverlauf dieses schönen Abends jeglicher Brautschaft entkleidet.

Hinter dem letzten Nachzügler schloß Matthes zweimal die Tür ab.

»Weshalb so fürsorglich, Herbergsvater?«

»Herr Auffermann, et geschieht erstens wegen der Polizeistunde, zweitens wegen des geordneteren Bezahlens.«

»Treffliche Geschäftsumsicht. Nur zu loben.«

»Um welche Zeit«, fragte der Reeder Hinrichsen und gähnte leise und müde, »tritt denn so allgemach für die >Fünf Erdteile< die Polizeistunde ein?«

»Keine Gefahr,« flüsterte der Wirt vertraulich. »Für drei Abende in der Woche hab' ich ›Geschlossene Gesellschaft‹ angemeldet. Den Verein ›Schifferkameradschaft‹, den Verein der ›Harmonikafreunde‹ und die Karnevalsgesellschaft ›Haste nix — dann kriegste nix!‹ Wat wollen Sie, Herr Hinrichsen, meine Gäste kommen so selten von Bord an Land, dat sie mit Begeisterung Mitglieder in allen drei Vereinen geworden sind. Un über fröhliche Menschen kann die Polizei sich doch nur freuen.«

Der Reeder Hinrichsen beugte schicksalsergeben das Haupt.

»Ruhe, die verehrten Herrschaften. Die Frauenzimmer sollen dat Kreischen lassen. Herr Vanderwelt bezweckt, uns mit einer kleinen Ansprache zu erfreuen.«

Kornelius Vanderwelt stand lässig an seinem Tisch, die Hände in den Taschen seines Gesellschaftsanzugs vergraben. Aus halbgeschlossenen Augen blickte er über die gedrängt sitzenden Bruderschaften und Schwesternschaften dahin.

»Hohe Festversammlung. Schon unter den alten Heiden war es schönste Sitte, daß sich fremdhergewanderte Gäste nicht mit leeren Händen den Gaststätten nahten, sondern mit wohlerwogenen Gastgeschenken. Diese Geschenke sollten dazu dienen, den Gastfreunden die ihnen zustehende tiefe Verehrung zu erweisen und ihnen die Herzen zu öffnen zu traulichem Verkehr. So seien Sie denn erbötig, auch unsere Geschenke entgegenzunehmen. Ich bitte Sie, Ihre Augen nach dem Schenkentisch zu richten.«

»Sie haben sich wohl vertan, Herr Vanderwelt. Da sitzt dem Matthes seine süße Hausehre.«

»Sehen Sie, wenn ich Ihnen raten darf, über die verehrte Frau Matthes hinweg. Nicht etwa wegen des eifersüchtigen Gatten —«

»Der Kerl un eifersüchtig!« höhnte die süße Hausehre und duckte sich vor dem Blick ihres Gebieters zu einem armen Häuflein Leid.

»Aufgebaut sehe ich auf dem Schenkentisch Gläser köstlicher Soleier, Kistchen mit goldgelben Kieler Sprotten, rotbackene Käse von Holland, wohlriechende von Mainz, tränenfeuchte aus der Schweiz. Dazu Schinken und Würste in verlockendem Anschnitt. Mein Freund Hinrichsen macht sich ein Vergnügen daraus, sie Ihnen anzubieten.«

Ermüdet suchte Hinrichsen Verwahrung einzulegen. Der Reeder Auffermann überstimmte ihn lärmend.

»Nichts da, Hinrichsen. Bei den alten Heiden war das schon der Brauch. Und Sie wollen ein — ein — vorgeschrittener Christ sein?«

»Mein Freund Auffermann hingegen,« fuhr Vanderwelt fort, »bittet Sie durch meinen Mund, ein Fäßlein Bier auf seine Gesundheit und Rechnung zu leeren und auch des Schnapses nicht zu vergessen.«

Der Reeder fuhr auf. Er lehnte mit Bestimmtheit die Bevormundung ab. Bis Hinrichsens müde Stimme erklang: »Schon bei den alten Heiden ... sagten Sie nicht soeben so, lieber Auffermann?«

Da setzte sich der beleibte Mann seufzend nieder.

»Und Sie, Vanderwelt? Was stiften Sie?«

Kornelius Vanderwelt öffnete weit die Augen, lachte über die vorgestreckten Köpfe hinweg, als brächte er ihnen allen eine Huldigung.

»Ich stifte die Musik, den Tanz und alle Freuden der Jugend! Leg' los, Harmonikamann!«

Und er warf dem Spieler im Schwunge einen Taler zu, den der Aufmerksame geschickt zwischen den Zügen seiner Harmonika auffing, um alsbald mit Kraft und Hingabe einen Walzer zu beginnen.

Ein Taumel brach los, der über Ruhrort hinaus nach flämischen Vorbildern griff. Auf den Schenkentisch stürzte sich die gastfrohe Menge, kämpfte um den kürzesten Weg, stellte dem Sieger ein Bein, setzte über Tisch und Bänke, errang eine Kiste Sprotten, einen Edamer Käse, ein Schinkenbein, und eine schwerbusige Weibsperson barg den Glasbehälter mit den köstlichen Soleiern so heftig an der Brust, daß das Glas zerplatzte und die Eier an die Erde rollten.

»Nich ausbrüten! Nich ausbrüten! Man muß dat Mädchen belehren!«

Der Matthes aber ließ den Bierhahn spielen, schwenkte die Gläser in einem Springbrunnen um und füllte sie mit dem schäumenden Naß. Hurtig rannte die hagere Frau Matthes von Tisch zu Tisch, setzte ihre Lasten ab, rannte zurück, um neue Lasten zu holen, sah dem Gebieter nach den Augen und bot Schnäpse an.

Und durch das Gelärm, das Geklapper der Gläser, die gellenden Zurufe und das Aufgekreisch der Frauenspersonen rangen sich rauschend und frech, wehmütig und wimmernd die Klänge der Harmonika hindurch, gewannen die Oberhand, gingen unter, erkämpften sich aufs neue den Sieg.

»Was fürs Herz!« schrie der Schiffer Petrus und schlug vor dem Harmonikaspieler die Hand auf den Tisch.

Der riß seine Künstlerstimmungen hin und her wie Gäule an den Zügeln. Die Harmonika schluchzte auf.

»Teure Hei—i—mat, sei gegrüßt!«

Der Schiffer Petrus sang mit. Seine Augen glänzten, seine Hingabe war hemmungslos. Bässe brummten die Grundmelodie. Frauensoprane schwelgten in süßen Höhen. Mit den Füßen zog man die Tische heran. Ein Bursche erhob sich, bewegte den Körper nach dem Takt der Weise und schlurfte auf gleitenden Füßen in den engen Tanzraum. Schon folgte ihm ein Mädchen, nachtwandlerisch, mit wiegendem Körper, die Arme mit kraftlos tastenden Händen ausgestreckt, bis sie die Schultern des Burschen erreichten, bis die Glieder sich im Tanze verkrampften. Ein zweites Paar, ein drittes. Die Zechenden wurden an die Wände gedrückt.

Das hochbusige Frauenzimmer hatte sich den Reeder Auffermann erkoren. Es warb um einen Tanz. Es umschmeichelte ihn. Mit einer Handbewegung schob es der Reeder zur Seite. Da brach das Ungestüm durch, loderndes Gassenfeuer. »Komm her! Komm her! Ich will dich! Dich! Dich!«

Und der Reeder kam. Wortlos packte er das ungestüme Weib, wortlos hob er sie hoch, daß die Röcke rauschten, und setzte sie in den aufspritzenden Springbrunnen, dessen Becken sie füllte.

Des Festes Höhepunkt war erreicht. Wild wogte der Tanzreigen um das zeternde, unerlöste Weib. Die Lieder überschlugen sich. Die Harmonika warf ihre grellsten Feuerfetzen in den Aufruhr der Gemüter.

Und plötzlich war es Kornelius Vanderwelt, als wäre er all diesem Menschenirrsinn weit entrückt, als führe er, ein Einsamer, durch eine weltabgewandte Flußlandschaft, zur Linken in schimmernden Schlangenlinien den weißen Wasserspiegel, zur Rechten in heißer Herbstfeier den Buschwald in Rot und Gold, und als er sich träumerisch suchend dem Bilde hingab, war ihm, als hörte er eine Mädchenstimme rufen, und er horchte ihr grübelnd nach und vernahm sie wieder und horchte angestrengter.

War das ein Wortwechsel im Haus? Ahnte er ihn nur im alles verschlingenden Lärm?

Und mit einem Male erhob sich Kornelius Vanderwelt, warf seinen Tuchumhang über, griff Schirm und Hut und trat ungesehen hinter dem Schenkentisch ins Haus.

Er preßte sich an die Flurwand. Er glaubte eine Erscheinung zu haben und schloß für Sekunden die Augen.

Das Mädchen von der Landstraße kam die Treppe herab, blaß, mit verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen. Und wie ein Gespenst zappelte die Frau des Matthes vor ihr her, keifend, ihr den Weg verlegend.

»Sie bleiben hier. Sie haben dat Zimmer nur gekriegt, weil Sie länger wohnen wollten.«

»Ich habe das Zimmer täglich bezahlt. Ich kann nicht mehr. Wo bin ich denn nur? Ich will fort!«

Der Wirt tauchte auf. »Marsch, ins Geschäft!« herrschte er seine Frau an, die wie ein Hauch verschwand. »Entschuldigen Sie, Fräuleinchen,« sagte er süßlich und legte ihr den Arm um den Leib, »aber Sie sollen mal sehen, wie schnell man sich an die Musik gewöhnt.«

Und jäh verzerrten sich seine Züge, warf sich sein Kopf nach hinten herum.

»Ah, Sie sind et, Herr Vanderwelt. Da können Sie von Glück sagen, dat ich Sie erkannt habe. Nehmen Sie die Daumenschrauben vom Arm.«

»Befehle, Matthes? Finger weg, oder ich dreh' Ihnen die Schulter ab. Sie kennen mich im Zorn, Matthes. So ist's recht. Und kein Wort darüber. Nicht das kleinste, oder die Freundschaft ist aus. Gehen Sie zu Ihren Gästen.«

Das Mädchen stand auf den Treppenstufen, blaß, mit verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen.

Kornelius Vanderwelt sah dem Wirte nach. Er sah auf das Mädchen und öffnete die Tür, die ins Freie führte. Die Nacht quoll herein und mit ihr der peitschende Regen.

Kornelius Vanderwelt stand und sah auf das zusammenschauernde Mädchen, das ihm entgegenschritt. Er öffnete den Schirm, den er schützend in die regendurchflutete Nacht hinaushielt, und als er in der engen Tür ihre frostbebende Schulter spürte, hob er seinen Umhang und nahm sie mit unter das wärmende Tuch.

»Ich will Ihnen nur auf den rechten Weg helfen,« sagte er leise, und sie sah nach seinen Augen.

So schritten sie schweigend in Nacht und Regen, der Mann und das Mädchen.