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Als der Mann und das Mädchen aus der Gasse heraustraten, packte sie am Hafendamm der fegende Rheinwind erst mit seiner vollen Gewalt, und der Mann stemmte seine Schultern an, um des Windes und Wetters Herr zu werden. Mit der einen Hand streckte er den Schirm vor, mit der anderen hielt er den Zipfel des Umhangs gepackt, aus dem das Angesicht des Mädchens starr und regennaß in die Dunkelheit lugte.
»Legen Sie vor allen Dingen einmal die Starrheit ab,« gebot die Stimme Kornelius Vanderwelts und drang durch das Wetter zu ihrem Ohr. »Was Sie in der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ gesucht haben, werden Sie mir später erzählen, jetzt sagen Sie mir, was Sie in Ruhrort wollen oder wohin Sie wollen.«
Das Mädchen versuchte zu sprechen. Aber Regen und Wind machten sie atemlos. Ihr Mund bewegte sich und die Brust bäumte sich auf in der Anstrengung des Sprechens.
»Langsam, langsam,« beruhigte die Stimme Kornelius Vanderwelts. »Es ist so spät geworden, daß es auf ein paar Minuten wirklich nicht mehr ankommt. Verstehe ich recht? Klavierspielerin sind Sie? Und kommen von der Hochschule für Musik? Unterricht wollen Sie erteilen, um Ihre Laufbahn fortsetzen zu können? O Sie junge Jüngerin der heiligen Cäcilie, welcher dunkle Trieb führte Sie denn geradeswegs nach Ruhrort?«
Wieder sprach die Stimme des Mädchens, und die Worte flatterten zerfetzt davon.
»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so geht es nicht. Meine Stimme ist an das Hafenwetter besser gewöhnt. Ich werde sprechen und Sie werden nicken oder mit dem Kopfe schütteln. Verstanden?«
Das Mädchen schloß nur die Augen zur Bejahung.
»Ich werde es ganz kurz machen,« fuhr Kornelius Vanderwelt fort. »Sie sind hier. Daran ist nicht zu zweifeln. Sie suchen Arbeit. Arbeit ist für jeden ernsthaft Suchenden zu beschaffen. Vorher aber suchen Sie eine Unterkunft. Das ist zu dieser vorgerückten Nachtstunde und in dem Zustand, in dem Sie sich befinden, schon eine schwierigere Aufgabe.«
Er wartete, und das Mädchen schwieg und mühte sich, das Frösteln zu unterdrücken.
Kornelius Vanderwelt beugte sich zu ihr nieder. Ganz nahe über ihre Augen, die ihm entgegenstarrten.
»Nicht diesen Blick. Bitte — ohne jede Angst und Zurückweisung. Als wir aus den ›Fünf Erdteilen‹ in die Nacht traten, versprach ich Ihnen meine Hilfe. Sehen meine Augen aus, wie die Augen eines Wegelagerers? Ach so, da war gestern oder vorgestern Mittag so eine Geschichte ... Auf der Landstraße ... Das war Landstraßenübermut. Das überkam mich so, wie ich Sie in Ihrer jüngferlichen Abwehr sah. Jetzt stehen Sie unter meinem Schutz, und dort ist mein Haus, und wir gehen hinein.«
»Nein,« sagte sie nur.
»Ja,« wiederholte er, »wir gehen hinein. Denn im Regen schwimmen wir fort, und es scheint mir für den in ganz Ruhrort und Umgebung bestens bekannten Kornelius Vanderwelt — so ist mein Name, mein Fräulein — nicht sonderlich passend, vor den Fenstern seiner schlafenden Kinder mit einer unbekannten jungen Dame durch die schwärzeste Nacht zu lustwandeln. Sehen Sie das ein?«
Sie machte sich ganz steif unter dem gemeinsamen Umhang.
»Mein liebes Fräulein,« sagte er ernst. »Ich bin nicht abergläubisch, aber hier scheint mir doch so etwas wie die Stimme des Schicksals mitzureden. Vielleicht finden Sie bei mir die Arbeit, die Sie suchen. Meinen Kindern tut eine tüchtige Klavierlehrerin not. Zeigen Sie mir morgen, was Sie können, und jetzt treten Sie ein.«
Das Mädchen bewegte den Mund, es begann zu sprechen.
»Nein, ich fürchte mich nicht. Ich fürchte mich auch nicht vor der ungewöhnlichen Stunde. Aber da ist etwas — nein, nein, es zieht mich nicht zurück — und ich bin auch nicht abergläubisch — es redet mir zu — und einer ist dem anderen doch ein Fremder.«
Und die Augen des einen befragten verwundert die Augen des anderen.
Fremde? Sind wir uns Fremde? Was ist es, was den einen für den anderen sprechen läßt?
»Ich gebe Ihnen mein Manneswort, daß Sie unter meinem Dach so sicher sind, wie meine Kinder.«
Sie antwortete nicht mehr. Aber sie ging ruhig an seiner Seite durch den Vorgarten, und die Rosenranken griffen nach ihr mit den Dornen, und sie griff hinein und spürte nur die sprühende Rose, die sie in der Hand behielt.
Kornelius Vanderwelt schloß die Türe auf und entzündete im Hausflur das Licht. Wie eine Nachtwandlerin, die eines jeden Schrittes sicher ist, folgte sie ihm in den Kleiderablegeraum, ließ sie sich von seinen Händen Hut und Mantel abnehmen, folgte sie ihm weiter, nur die Reisetasche in der Hand, und wartete geduldig in der Dunkelheit eines Raumes, bis ihr Führer auch hier das Licht aufflammen ließ.
Ihre Augen wanderten ringsum. Ernst und ohne Überraschung, als hätte sie die neue Umwelt so und nicht anders erwartet.
»Sie sind in meinem Arbeitszimmer,« sagte Kornelius Vanderwelt freundlich. »Setzen Sie sich nieder. Nein, nicht auf den steiflehnigen Stuhl. Hier in den tiefen Sessel können Sie sich gemütlicher hineinkuscheln. So ... Ganz Wohlbehagen ... Es wartet kein Zahnarzt mit der Zange. Aber es ist zwei Uhr nachts, und Sie haben nach dem Familienabend in den ›Fünf Erdteilen‹ die Berechtigung, müde zu sein.«
»Nein — ich bin nicht müde. Aber die Hausfrau schläft.«
»Mein liebes Fräulein, die Hausfrau schläft schon seit Jahren den ewigen Schlaf. Ich lebe mit meinen Kindern allein, zwei Jungen und einem Mädchen, und eine ältere Hausdame betreut uns. Soll ich Ihnen das Gastzimmer anweisen, oder wollen Sie mir noch ein wenig Gesellschaft leisten?«
»Wenn Sie es wünschen — will ich Ihnen noch — Gesellschaft leisten.«
»Recht so. Man lernt sich kennen und weiß am nächsten Tage, wer der andere ist. Das erleichtert die Möglichkeit Ihres Hierbleibens. Und nun wollen wir plaudern und zum Plaudern einen Tee trinken.«
Die Tiefe des Sessels verschlang die Mädchengestalt. Und aus der Tiefe heraus verfolgten die ernsten, grauen Augen jede Bewegung des Mannes, sahen auf seine starken, gutgepflegten Hände, die am Kamin die Schnur des elektrischen Kochers einschalteten, auf den jugendlich federnden Gang, der das Zimmer durchmaß, hin und her, her und hin, bis die dampfenden Teegläser auf dem Tische standen und eine verdeckte Schüssel. Kornelius Vanderwelt aber ließ ein jedesmal, wenn er den Schritt wandte, seinen Blick über das Mädchen schweifen, und er gewahrte den strengen Schnitt ihres Gesichtes, das flimmernde Rotblond des windverwehten Haares, die eigentümliche Ruhe der Augen, hinter der die Stürme müde geworden oder noch unerweckt zu schlafen schienen. Und wieder schweifte sein Blick über sie hin und gewahrte das billige Kleid und unter dem Kleid die Magerkeit der Glieder, die dennoch über den Fesseln eine feingeschwungene Linie zeigten, und die festgerundete Mädchenbrust, die unhörbar atmete. Und immer wieder schweifte sein Blick über die Hände, die im Schoße ruhten und ihm in ihrer Gliederung so ausdrucksvoll schienen, als sprächen sie eine eigene, beseelte Sprache.
Leise zog er sich seinen Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber. Die Schüssel hatte er abgedeckt.
»Greifen Sie zu,« bat er freundlich. »Die kleinen Imbißbrote werden jeden Abend für mich zurecht gestellt. Ich bin, wie Sie leider schon bemerkt haben werden, ein bißchen außenhäusig geworden. Und trinken Sie tapfer Tee. Er langt für mehrere Gläser und wärmt Ihren durchfröstelten Lebensmut wieder an.«
Sie beugte sich vor und nahm das Glas aus seinen Händen. »Zucker?« fragte er und ließ, als ihre Lippen sich bewegten, ein Stück in ihr Glas gleiten.
Sie trank mit weitgeöffneten Augen. Nicht gierig, aber in langen, durstigen Zügen, als wär alles in ihr erstarrt gewesen und taute nur langsam auf unter dem heißen Trank.
»Nicht das Essen vergessen,« ermunterte Kornelius Vanderwelt, und sie nahm gehorsam eins der schmackhaften Brote und senkte die Augen, während sie aß.
Kornelius Vanderwelt tat, als leistete er ihr bei Speise und Trank Gesellschaft. Aber während er sie mit einer geräuschlosen Ritterlichkeit bediente, kam die Verwunderung über sein Tun in ihm hoch und wuchs und wuchs, daß er unruhig glaubte, ein Lachen in sich aufsteigen zu spüren, ein Lachen über Kornelius Vanderwelt, der von der Straße nächtlichen Besuch hereinnahm und ihm wie einem Edelfräulein aufwartete.
Und die Verwunderung wurde noch stärker, weil das Lachen ausblieb und nicht einmal einem Mitleid Platz machte, sondern nur ein grübelndes Lächeln wurde: wie schön ist es, mit diesem Mädchen zusammenzusitzen, und weshalb ist sie mir so vertraut?
Da gewahrte er, daß sie ihn anblickte.
»Nichts mehr?« fragte er. »Nicht ein kleines Brötchen mehr? Aber das Teeglas wird noch einmal gefüllt —«
»Ja, ich danke Ihnen,« sagte sie, und er sah an dem Hauch, der in feinem Rot ihr Gesicht überzog, daß sie sich erholt hatte.
»Wollen Sie mir jetzt Ihren Namen nennen? Eine Anrede ist die Hälfte des Bekanntseins.«
»Ich heiße Angela Freydag.«
»Angela? Ah, das bedeutet soviel wie ›Engel‹?«
Ihre Hand tastete nach der Reisetasche, die sie an ihren Sessel gelehnt hatte. Sie drückte auf das Schloß.
»Mein Gott,« fragte Kornelius Vanderwelt erstaunt, »haben Sie das Ding da sogar ins Zimmer mitgenommen?«
»Meine Brieftasche ist darin, und in der Brieftasche sind meine Papiere.«
»Mein liebes Fräulein Freydag, Sie verwechseln den Ort. Sie befinden sich hier nicht vor einer Behörde, sondern bei einem Ruhrorter Bürger mit Namen Kornelius Vanderwelt, der Ihnen freiwillig Gastfreundschaft anbot.«
Sie aber nestelte die Brieftasche hervor und öffnete sie vorsichtig auf den Knien. Zwischen wenigen kleinen Geldscheinen lagen in sauberem Umschlag ihre Ausweispapiere.
Kornelius Vanderwelt nahm sie mit kurzer Verbeugung aus ihren Händen.
»Wenn es wirklich Ihr Wunsch ist —« Und er las.
»Angela Freydag, Musikbeflissene. Tochter des verstorbenen Kapellmeisters Sebastian Freydag und seiner ebenfalls verstorbenen Ehefrau, der Sängerin Barbara Freydag geborene Brandt.«
Er ließ die Hände in den Schoß sinken und schaute sie an.
»Es folgt die Personalbeschreibung, Fräulein Freydag, die ich aber schon auswendig weiß. Also beide Eltern — beide dahin? Und keine Geschwister? Und Anverwandte? Ebensowenig?« Er legte die Papiere in ihre Hand zurück und behielt ihre Hand eine kurze Weile still zwischen der seinen.
»Und obendrein ist sowas noch ein Mädel — läuft mutterseelenallein über die Landstraße, um ihre Groschen zu sparen — jedem Zugriff ausgesetzt — nein, nein, ich weiß, es sind Krallen und Zähne vorhanden — gerät in die hochansehnliche Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ — ja, nun sagen Sie mir nur, weshalb gerade in diese?«
»Es war die billigste,« antwortete sie ruhig.
»Und was trieb Sie nach dem schwarzen Ruhrort?«
»Ich komme von der Musikhochschule in Köln. Meine Mittel sind eher erschöpft, als meine Ausbildung abgeschlossen sein wird. Da hab' ich mich auf den Weg gemacht, neue Mittel hinzuzuverdienen. Denn« — und ihre Augen sahen ihn mit einem stählernen Glanz an — »ich kann etwas und will noch viel mehr können.«
»Bravo. Aber weshalb gerade Ruhrort?«
»In Köln und in Düsseldorf und in den anderen großen Städten wachsen die Klavierlehrerinnen wie das Gras zwischen den Steinen. Da dachte ich an das Industriegebiet. Ich kam von der Ruhrstadt Kettwig her, als ich Ihren Fahrer auf der Landstraße anrief. Ich hatte nichts erreicht. Aber in Kettwig sprachen die Leute von der großen Entwicklung des Hafenplatzes Ruhrort. Und irgend etwas stieß mich auf den Weg.«
»Auf meinen Weg,« sagte Kornelius Vanderwelt grüblerisch. Und er befreite sich aus dem Dunkel der Gedanken und setzte munter hinzu: »Die erste Begegnung hat Sie wohl sehr erschreckt?«
Zum ersten Male sah er, daß sie lachen konnte. Nicht laut und auch nicht lautlos. Die Kehle blieb unbewegt. Nur in den Augen sprang ein Licht auf, tief im Hintergrund der grauen Augen, aber es beschien das ganze Gesicht mit einem heiteren Schein.
»Nein, die erste nicht, Herr Vanderwelt. Ich wußte wohl, daß ich im Winde stand wie eine Vogelscheuche, als mir die Kleider wegflogen. Und daß Sie mich trotzdem und ohne viel Fragens in den Wagen hoben, das empfand ich gerade darum als die erste Kameradschaft unter Menschen.«
»Das Empfinden hielt nicht lange an, und Ihre Zähne und Fäuste bedankten sich auf eine eigene Weise.«
»Hätte ich aus dem Wagen springen können, ich hätte es getan, Herr Vanderwelt.«
»So abscheulich erschien ich Ihnen? Als ein so gemeiner Wegelagerer?«
»Ich schämte mich vor mir selber und — und — nun muß ich es doch sagen — und für Sie.«
»Für mich, Fräulein Freydag? Hatte ich denn beim ersten Blick einen so guten Eindruck auf Sie gemacht?«
Sie zog nachsinnend die Stirn zusammen, daß sich über der geraden Nase steil eine Furche hob.
»Ich fragte mich: greift ein Mann wie dieser Mann so wahllos nach jeder? Und wenn es ein so fadenscheiniges und abgemagertes Ding ist wie ich? Das schüttelte mich.«
»Es war nicht wahllos,« sagte Kornelius Vanderwelt. »In dieser Stunde weiß ich es, und Sie wissen es auch.«
»Ja,« entgegnete sie aus ihrem Sinnen heraus, »in dieser Stunde weiß ich es, und nun darf ich Ihnen dankbar sein.«
Kornelius Vanderwelt erhob sich.
»Da schlägt die Uhr drei. Seit zehn Uhr wenigstens gehören Sie ins Bett. Jetzt werde ich Sie in Ihr Zimmer bringen, und Sie stehen nicht vor Mittag auf. Ausnahmsweise werde ich zu Tisch kommen. Ich hole Sie aus Ihrem Zimmer ab und bitte mir einen lebensfrischen und lebensfröhlichen Hausgenossen aus. Noch eines, Fräulein Freydag.«
Sie hatte sich bei seinen ersten Worten erhoben, und er stand vor ihr und lachte ihr in die Augen.
»Wie ein Abenteuer fing es an. Aber Sie sollen auch nicht eine Minute länger als notwendig die Rolle einer Abenteurerin spielen. Der Wertschätzung wegen, die Sie bei sämtlichen Bewohnern dieses Hauses finden sollen. Und da bleibt nichts als eine ganz, ganz kleine Schwindelei für die Neugierigen. Ohren gespitzt. Gestern abend habe ich die Kölner Hochschule für Musik angerufen und den Direktor gebeten, mir noch in der Nacht eine seiner besten Klavierschülerinnen zu schicken. Solche Plötzlichkeiten ist man bei mir gewöhnt. Sie sind mit dem Nachtzug in Duisburg eingetroffen und haben sich absprachegemäß in der ›Erholung‹ zu Ruhrort bei mir gemeldet. Worauf ich Sie ohne viel Federlesens hierherbrachte und diebessicher einschloß. Wort für Wort verstanden?«
Mein Gott, dachte Kornelius Vanderwelt, wie übermütig das Mädel aussehen kann!
Und doch trat keine Ausgelassenheit in ihrem Wesen zutage. Nur die Augen waren es, in denen es aufleuchtete, strahlte und sprühte, wie in mädchenlustiger Heiterkeit.
Und Kornelius Vanderwelt dachte: ein wie großes Kind muß diese junge Lebenskämpferin doch geblieben sein, daß ihr das bißchen Verkleiden schon ein so helles Vergnügen machen kann.
»Sie sind also bereit, meine Spießgesellin zu spielen?«
»Ich bin bereit, Ihre Spießgesellin zu spielen,« wiederholte sie mit einer hell anklingenden Stimme.
»Kommen Sie mit mir, Fräulein Freydag.«
Er ging ihr voran, und sie folgte ihm wortlos. Über den teppichbelegten Gang, eine teppichbelegte Treppe hinauf und wieder über einen teppichbelegten Gang. Er öffnete ein Eckzimmer, trat ein und machte Licht. Es war ein behaglicher Schlafraum in Weiß mit alten, goldgerahmten Kupferstichen an den Wänden. Über dem Bett wölbte sich ein kleiner Himmel, und die Falbeln des Behangs zitterten leicht in der Zugluft.
Sie starrte mit einem kinderseligen Gesicht darauf hin.
»Angela bedeutet doch ›Engel‹, und Engel müssen im Himmel wohnen,« meinte Kornelius Vanderwelt lächelnd. »Ich sehe, für die Erde ist Ihnen ja die Reisetasche treu geblieben. Schlafen Sie wohl, Fräulein Freydag. Gute Nacht.«
»Gute Nacht ...« klang es wie aus weiter Ferne zurück.
Unhörbar schritt Kornelius Vanderwelt den Gang entlang und die Treppe hinab zu seinem Arbeitszimmer. Er blickte sich um. Er suchte etwas und wußte, daß es nicht mehr um ihn war. Bis auf einen Duft, der sich scheu an ihn hing.
Er zog ihn in sich hinein, und der Duft war sein.
Wie ein Primaner, der hinter einem Mädchen herwittert, dachte er, reckte sich müde in den Gliedern, drehte das Licht ab und suchte sein Schlafzimmer auf. Und schlief traumlos bis zum Morgen.
Sein erster Gedanke beim Erwachen waren die Kähne. Die Kähne, die schon unterm Kohlenkipper verholt lagen, und die anderen, die sich im Anmarsch befanden. Seine Uhr zeigte die achte Morgenstunde. Sein Kopf war so wunderbar frisch und klar, als wäre kein Zutrunk in der ›Erholung‹, kein Kampfgetöse in der Hafengasse, kein Zechgelage in des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ gewesen. Im Badezimmer reckte sich sein Körper unter der Brause. Den Bademantel übergeworfen, saß er in seinem Arbeitszimmer vor dem Fernsprecher.
»Bitte Zeche« — und er nannte den Namen. »Ich danke Ihnen, mein Fräulein. Hier Kornelius Vanderwelt selbst. Ich lasse den Herrn Direktor um eine halbe Minute bitten. Guten Morgen, Herr Direktor. Ob ich schon auf den Beinen bin? Selbst die Nacht war mir nicht zu schade, um Ihre Geschäfte zu fördern. Gegen Mitternacht sprach ich noch meine Schiffer. Zwei Kähne liegen schon unterm Kipper. Und sperren die Mäuler auf. Lassen Sie die Eisenbahnwagen anrollen. Ich habe einen halben Tag zugunsten Ihrer Verladung herausgewirtschaftet.«
Er horchte auf die Antwort.
»Sehr schmeichelhaft. Für Schmeicheleien aus Ihrem Munde bin ich sehr empfänglich. Lassen Sie mich den ›Zauberkünstler‹ nur recht oft für Sie spielen. Also dann: Glückauf!«
Er kehrte in sein Ankleidezimmer zurück, beendete seinen Anzug und begab sich ins Frühstückzimmer.
»Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach. Schön ist der Tag heut, wie?«
»Es herrscht ein trostloser Regen, Herr Vanderwelt.«
»Ruhrorter Arbeitswetter. Die Wasser des Rheines steigen, die Wasser der Ruhr steigen, die Arbeitskräfte der Schiffahrttreibenden steigen, und weil die Blätter des Herbstes fallen und die Winterkohle eingekellert werden muß, steigen sogar trotz des hohen Wassers die Frachtlöhne.«
Er strich sich ein Brot, nahm eine Schinkenscheibe auf den Teller und begann zu frühstücken.
»Der Zechendirektor nannte mich vorhin am Fernsprecher den Zauberkünstler Ruhrorts. Ich denke mir das Wort nur um ein weniges anders, als dies brave Arbeitspferd am Göpel des ewigen Einerlei. Aus Kohle Gold zaubern. Jawohl. Aber aus dem Gold Freude zaubern, Freude, Freude, Freude, damit das Leben sich lohnt.«
Das alternde Fräulein blickte eine Weile still in den trostlosen Regen.
»Ja, zaubern Sie Freude, Herr Vanderwelt. Sie fehlt allenthalben auf der Welt. Und die Welt altert so schnell.«
»Wenn das die Welt tut, müssen wir sorgen, daß wir umso jünger bleiben.«
Das Fräulein erhob sich und begann aufzuräumen.
»Sie brachten noch Gesellschaft mit heim, Herr Vanderwelt. Haben Sie alles Wünschenswerte vorgefunden?«
Kornelius Vanderwelt legte mit einem Ruck die Morgenzigarre auf den Tisch, die er gerade in Brand bringen wollte.
»Fräulein Bilsenbach! Ja, da soll doch gleich ein doppelt geschwänzter Teufel — nein, nein, er soll nicht, denn Sie hören ihn nicht gern —. Hat der Zauberkünstler bei aller Ruhmredigkeit sein Hauptstück vergessen! Also aus und vorbei ist es mit allem unglückseligen Flötenspiel. Gestern abend noch erreichte ich durch den Fernsprecher den Direktor der Kölner Musikhochschule. Eine Stunde darauf saß seine beste Klavierbeflissene, ein Fräulein Angela Freydag, auf der Eisenbahn und dampfte durch die Nacht gen Duisburg. Nach Mitternacht hatte sie in Ruhrort die ›Erholung‹ aufgefunden und ließ sich bei mir melden. Es klappte wie auf dem Theater. Ich habe dem halb erfrorenen Wesen noch einen Tee zu trinken gegeben und sie oben im Eckzimmer untergebracht. Bis zum Mittag soll sie ungestört schlafen. Ich komme heute zu Tisch und besorge dann die Vorstellungsfeierlichkeiten. Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach.«
»Ich hätte,« stammelte das Fräulein, »ich hätte ja noch herzlich gern weiter unterrichtet ...«
Kornelius Vanderwelt betrat das Kontorgebäude. Ein kurzer, freundlicher Gruß hinüber und herüber, und er schritt weiter an Beckenrieds abgegitterter Nische vorüber, in die er einen lauten Gutenmorgengruß hineinschallen ließ, in sein abgesondertes Gemach. Eine Anzahl Blicke folgten ihm, forschten nach Gang und Haltung und kehrten zu ihren Briefen und Berechnungen zurück. Es sollte, so lief die Morgenmär, im Hafenviertel diese Nacht lustig zugegangen sein. Der Herr aber war, wie er immer war.
Eine Weile schon hatte der Geschäftsführer mit Herrn Vanderwelt die Morgenpost durchgesprochen. Jetzt hob Kornelius Vanderwelt überraschend den Kopf und gewahrte die prüfenden Augen seines Mitarbeiters.
»Diese Nacht soll es ja hier in der Nähe eine muntere Prügelei gesetzt haben? Ich hoffe, Sie waren nicht allzu stark beteiligt?«
»Ich zeichne nur in Abwesenheit des Herrn für die Firma.«
»Es ist wahr, man kann nicht überall sein. Wohin hatten Sie denn diese Nacht den Schauplatz Ihrer Tätigkeit verlegt?«
»Ins Bett, Herr Vanderwelt, wo brave Bürger hingehören.«
»Brave Bürger können sich auch im Bett prügeln,« sagte Kornelius Vanderwelt und entließ ihn mit herzlichem Händedruck.
Um die Börsenstunde durchschritt er wie immer das Gedränge vor der Schifferbörse. Spannkräftig, mit kühlen Augen, die, wenn sie der Gegenstand wert genug dünkte, eine Flut von Wärme verschwenden konnten. Und das Unnachahmliche in der Haltung, das zu vertraulicher Aussprache aufrief und dennoch dem Nähertretenden unsichtbare Grenzen zog. Mützen wurden gelüftet, und Kornelius Vanderwelt lüftete den Hut. Fragen wurden gestellt und Auskünfte erbeten, und Kornelius Vanderwelt antwortete dem einen und beriet den anderen. Irgendwoher, aus einem der Schifferhaufen, kam ein heiserer Zuruf.
»Verflixt, Herr Vanderwelt, Sie haben aber wieder mal vorgelegt. Bis in den Ausguck hab' ich noch den Nebel im Kopp!«
Kornelius Vanderwelts kühle Augen suchten den Rufer.
»Wenn dir die Luft an Land zu scharf geht, bleib in der Hängematte, Mann. Aber langweile ernsthafte Geschäftsleute nicht mit Dingen von gestern.«
Und es war ein beifälliges Gemurmel und ein achtungsvolles Zunicken.
In der Halle der Schifferbörse traf Vanderwelt auf den Reeder Hinrichsen, der knapp und geschäftsmäßig eine Verhandlung führte. Und wie an jedem Morgen saß der Reeder Auffermann in seiner Koje, rechnete mit seiner Kundschaft auf Heller und Pfennig und reichte seinem Geschäftsfreunde Vanderwelt nur kurz die Hand herüber. Was zum Ruhrorter Hafengebiet gehörte, wußte Tag und Nacht schiedlich zu trennen.
Um ein weniges pünktlicher nur als sonst händigte Kornelius Vanderwelt dem harrenden Geschäftsboten seine Aufzeichnungen ein, nahm im Vorübergehen die eben erst berechneten Kursnotierungen mit und begab sich nach Hause. Noch waren die Kinder nicht aus der Schule daheim. Es war ihm lieb. Der nächtliche Gast sollte für die Kinder schon im Licht des Tages stehen.
Im Badezimmer wusch er sich den Kohlenstaub des Hafens von Gesicht und Händen, horchte ins Haus und schritt die Treppe hinauf und den Gang entlang dem Eckzimmer zu.
Er klopfte, vernahm ein Wort, das von innen zu ihm wollte, und öffnete die Tür.
»Guten Morgen, Fräulein Angela Freydag. Wie haben Sie geruht?«
»Ich glaube, ich habe seit meiner Kinderzeit noch nicht so fest geschlafen. Guten Tag, Herr Vanderwelt.«
Er streckte ihr die Hand entgegen, und während er die ihre hielt, nahm er ihr Bild in sich auf und über sie hinweg das Bild ihres Zimmers.
»Sie haben ja mit sich und Ihrer Umgebung schon ordentlich aufgeräumt, Fräulein Freydag.«
Das Zimmer lag wie unberührt. Straff und faltenlos zog sich die Schondecke über das weiße Bett, die Falbeln des Himmels schwebten wie weiße Schmetterlingsflügel, und die Goldleisten der englischen Kupfer zeigten kein Stäubchen auf. Jedes Ding lag und stand wie unberührt, und nur das Mädchen schien eine andere.
Sie trug eine helle Bluse zum dunklen Rock, unter dem umgelegten Kragen schlipsartig einen bunten Seidenstreifen, an den Füßen gutgehaltene Halbschuhe. Das aber war es nicht, was Kornelius Vanderwelts Aufmerksamkeit erregte. Nicht was aus der Reisetasche hervorgegangen war, vermochte sein geschultes Auge zu fesseln. Das Mädchen selbst war es, der frohe, freie Mensch, der sich aus der Nacht zum Tage durchgerungen hatte.
Zwei klare, kluge Augen schauten ihn unter hochgewölbter Stirn an. Die Nüstern der graden Nase atmeten leise. Die Lippen waren wie ein blutvoller Spalt, der die Zähne hindurchschimmern ließ. Und das Haar lag locker gewellt über der Stirn und in geflochtenem Knoten im Nacken.
Durch ihr ganzes Wesen aber lief ein Drängen. Ein Drängen der Ungeduld auf das neue Leben.
»Wenn Sie«, sagte Kornelius Vanderwelt nach einer Pause, »am Klavier dieselbe Künstlerin sind, wie als Menschenkind in Ihrem Stübchen — ich meine, wenn Sie die Schönheit der Verhältnisse hochachten und ihnen dennoch aus der persönlichen Gefühlswelt heraus ein neues und eigenes Leben zu geben wissen, dann kann es nicht mangeln.«
»Prüfen Sie mich ...«
»Wie ein Rassepferd vor dem Rennen. Ich sehe Ihr Blut in den Adern.«
»Prüfen Sie mich.«
»Zunächst«, sagte Kornelius Vanderwelt heiter, »haben Sie eine andere Prüfung zu bestehen. Ich werde Sie Fräulein Bilsenbach vorführen, der Behüterin des Hauses. Bald werden sich auch Ihre Schüler zur Begutachtung einstellen.«
Sie schritt neben ihm her, das Kinn erhoben, mit dem zusammengerafften Ausdruck, den stolze Kinder vor dem Glanz fremder Häuser anzunehmen pflegen. Und Kornelius Vanderwelt sah es und freute sich.
Wieder saß sie, wie in der Nacht, im Arbeitszimmer des Hausherrn und ihre Augen tasteten die Wände ab, Bilder und Bücherreihen, langsam und ernsthaft, als müßten sie sich Zoll um Zoll der neuen Umwelt zu eigen machen.
Kornelius Vanderwelt hatte dem Hausmädchen geklingelt. »Ist Fräulein Bilsenbach für mich frei?«
»Fräulein Bilsenbach ist gerade nach oben gegangen, ins Gastzimmer, Herr Vanderwelt.«
»Sagen Sie Fräulein Bilsenbach, ich ließe sie, sobald sie frei wäre, zu mir bitten.«
Aha, dachte er, sie hält Besichtigung ab. Und er wandte ein wenig das Gesicht, damit der Gast nicht das vergnügliche Schmunzeln gewahr werde.
Dann kamen schnelle Schritte über den Gang, und Fräulein Bilsenbach klopfte und trat ein.
Kornelius Vanderwelt sah ihr in Spannung entgegen und sah, was er erwartet hatte: Augen, die das Erstaunen rundete und ärgerlich schienen, weil sie verblüfft worden waren.
»Ich möchte Ihnen unsere neue Hausgenossin, Fräulein Angela Freydag, vorstellen, Fräulein Bilsenbach. Ich hoffe, es wird Fräulein Freydag gelingen, Ihre Gunst zu erringen.«
Der Gast hatte sich augenblicks erhoben und wartete achtungsvoll auf die Begrüßung der Älteren. Und die Ältere sah der Jüngeren unruhig ins Gesicht, sah mit fliegendem Blick die Überschlankheit der Glieder und erkannte den Hunger.
»Ich begrüße Sie im Hause Herrn Vanderwelts herzlich,« murmelte sie und streckte die Hand vor. Und das Mädchen legte die schmalen Finger hinein, knickste tief und beugte einen Herzschlag lang die Stirn über die hartgewordene Hand.
Das alternde Fräulein starrte auf den flimmernden Scheitel. Scheu fuhr es darüber hin. Und die beiden Frauen standen und schauten sich in die Augen.
»Sie haben eine anstrengende Nacht gehabt, Fräulein Freydag. Herr Vanderwelt liebt nur die raschen Entschlüsse.«
Da lachte das fremde Mädchen so heiter, daß es die andere fast in Verwirrung brachte.
»Menschen wie ich sind ja auch auf die raschen Entschlüsse angewiesen, und ich habe diesen nicht bereut.«
Der Blick der Älteren flatterte zu dem Hausherrn hinüber, der einen Brief geöffnet hatte. Sie rang um eine Fortführung des Gesprächs. Und leise sagte sie und im Tone des Vorwurfs: »Sie haben ja schon Ihr Zimmer in Ordnung gebracht. Weshalb haben Sie das nicht dem Mädchen überlassen?«
»Dem Mädchen? Ich bin doch auch ein Mädchen, Fräulein Bilsenbach, und habe noch immer für mich selbst gesorgt.«
»Ich meine, ich meine — weil Sie doch von der gehetzten Fahrt sicher müde waren?«
»Aber diese gehetzte Fahrt ging doch ins Leben!«
Kornelius Vanderwelt schloß einen Augenblick über dem Brief die Lider. Er lauschte angestrengt den hastigen Worten des Mädchens nach. Wo kamen sie her? Aus seinem eigenen Innern? Nur ein Widerhall —?
Da dröhnte die Haustür ins Schloß. Da stürmten rücksichtslose Stiefel über den Gang. Krähend flog eine Jungmädchenstimme auf. »Heda, heda, wird heute nicht gegessen?« Zwei Knabenstimmen hetzten hinein. »Fräulein Bilsenbach! Fräulein Bilsenbach! Unser Hungertod über Ihr strenges Haupt!«
»Bande!« sagte Kornelius Vanderwelt vor sich hin.
»Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft!« Die Tür zum Arbeitszimmer wurde aufgerissen. »Der Papa — — —!«
»Seit wann wird an meiner Zimmertür nicht mehr geklopft, wie? Seit wann ist mein Arbeitszimmer Wartehalle für lärmendes Jungvolk?«
»Verzeihung, Papa. Wir ahnten nicht, daß — daß — du — so ganz ausnahmsweise — —«
»Meine ›ausnahmsweise‹ Anwesenheit entschuldigt euch nicht. Dieses Zimmer hat kein einziger ohne meine Erlaubnis zu betreten. Und nun bitte ich um die gebräuchliche Begrüßung.«
Die Knaben küßten der Hausdame flüchtig die Hand, hinter ihnen knickste Juliane. Und schon rannten sie auf den Vater zu und warfen ein Gewirr von Armen um ihn.
»Dort steht wohl noch eine Dame,« tadelte Kornelius Vanderwelt und drehte die Knaben an den Schultern herum.
»Justus Vanderwelt.« — »Thomas Vanderwelt.« — Die Stiefelabsätze klappten.
»Juliane,« sagte spitz die Kleine und knickste sehr zurückhaltend.
»Fräulein Angela Freydag,« stellte Kornelius Vanderwelt mit kurzer Handbewegung vor. »Unsere neue Hausgenossin, die euch in der Kunst des Klavierspiels zu vervollkommnen gedenkt.«
»Gleich hab' ich's geahnt,« flüsterte die Schwester den beiden zu.
Angela Freydag reichte einem jeden die Hand. »Guten Tag,« sagte sie freundlich. »Guten Tag,« antwortete Justus nach einem raschen Überblick. »Die Arbeiten für die Obersekunda lassen leider nur knappe Zeit.« Und die zungengewandte Juliane schloß sich eilig an. »Ich habe auch noch den Tanzunterricht und Tennisstunden und — und —« »Guten Tag,« schloß Thomas die Reihe. »Ich spiele gern Klavier, aber nicht gern wie die anderen.«
»Ich auch nicht,« stimmte ihm Angela Freydag bei und schüttelte ihm mit einem Aufblitzen der Augen die Hand.
»Nun?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Sind es nicht vielversprechende Zöglinge?«
»Wir haben Hunger, Papa!«
»Hunger? Kennt ihr euch in eurem Schiller nicht aus? Was erhält denn das Getriebe? Der Hunger und die Liebe! Hungrig muß der Mensch sein, hungrig, hungrig auf alles, was noch im Nebel liegt.«
»Auch das Mittagessen liegt noch im Nebel, Papa!«
»O über eure grobe Sinnlichkeit! Dürfen wir, Fräulein Bilsenbach? Ich bitte um Ihren Arm.«
»Mach' zu,« raunte Justus dem Bruder Thomas zu. »Ich nehme die Juliane.«
Und der junge Thomas Vanderwelt verneigte sich höflich vor dem Gast, bot ihm den Arm und folgte feierlich dem Vater. Hinter ihnen wisperten Bruder und Schwester um die Wette.
Kornelius Vanderwelt saß zwischen der Hausdame und der Fremden. »Wollen Sie sich«, fragte er den Gast, »unseren Hausgewohnheiten gleich anpassen? Wir pflegen zu den Mahlzeiten nur Wasser zu trinken, um den Kopf arbeitsklar zu halten. Wein erst nach Feierabend.«
Das aufwartende Mädchen reichte die Speisen. Es reichte sie streng der Reihe nach. Der Hausdame, weil es der Herr nicht anders wünschte, zuerst, dann dem Herrn, daraufhin erst dem fremden Fräulein und zum Schluß den Kindern.
»Entschuldigen Sie,« bat Kornelius Vanderwelt die stumm gewordene Nachbarin, »daß ich ein wenig haste. Ich brause sonst zwischen den Geschäftsstunden im Wagen durch die Wälder und Felder und verschlinge höchstens« — er hustete — »was die Landstraße bietet. Am Abend erst gesell' ich mich zur Familie — solange sie nicht schlafsüchtig ist. Heute machte ich eine Ausnahme. Um Sie gebührend einzuführen.«
Angela Freydag hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er die Landstraße erwähnte. Jetzt hob sie die Stirn. »Darf ich noch vorspielen ...?« fragte sie.
»Ja, Fräulein Freydag. Darum wollte ich Sie jetzt bitten.«
Er stand auf, verbeugte sich nach rechts und nach links und schritt voran ins Musikzimmer. Allein der große Flügel wuchtete im Gemach. Als Sitzgelegenheiten ein paar geschnitzte Lehnsessel, ein paar geschnitzte Kirchenbänke. Und über dem Flügel hing als einziges Bild ein Schleierreigen schlanker Frauenkörper von Hans Deiters' Meisterhand.
Angela Freydag trat dicht hinter Kornelius Vanderwelt ein. Sie ging, ohne sich umzusehen, geradeaus. Als wäre nur der Flügel und sie allein in dem Gemach, und der Flügel riefe sie.
Kornelius Vanderwelt trat zur Seite und schaute auf sie. Die Hand hob er hoch, damit die Nachdrängenden auf den Zehenspitzen gingen, sich geräuschlos niederließen. Und schaute mit schwerem Atem wieder auf die Fremde.
Jetzt hatte Angela Freydag den Flügel erreicht. Jetzt stand sie still, öffnete die Lippen, und ihre Zähne schimmerten.
Jetzt beugte sie sich vor, strich mit den Händen hauchfein über das spiegelnde Holz und öffnete den Deckel.
Ganz aufrecht saß sie auf dem Klavierstuhl. Ihre Gestalt schien zu wachsen — und sank plötzlich vornüber, nur noch den Händen hingegeben, die mit aufzuckenden Fingern aus Tasten Töne und aus Tönen Beethoven schufen.
Und schon hatte die Spielerin vergessen, für wen sie spielte und um was sie spielte. Und schon hatten die jäh Aufhorchenden die unscheinbare Gestalt der Spielerin vergessen und sahen nur noch den eigenwillig strengen Kopf und den blutroten Strich des Mundes. Und dann versank für Kornelius Vanderwelt auch der Kopf, und er sah nichts als die Hände, die feingegliederten, ausdrucksstarken, die wie Falterfächeln des Einsamen Herzweh sangen, wie Quellenrieseln sein stilles Sehnen, sich zusammenkrallten vor der Fratze des Schicksals und sich wie Pantherkatzen in das Dunkel warfen, anspringend, zerfleischend, um mit steilem Titanentrotz das Siegeslied anzustimmen, das sich durchrang zum hinreißenden Menschenjubel der Erlösung von sich selbst.
Noch rangen und riefen die Geister übermenschlichen Liebesrausches, der Selbstvernichtung um der Liebe willen, in der Luft. Noch saß die Spielerin in sich zusammengesunken mit schlaff herniederhängenden Armen und horchte aus totenblassem Gesicht dem verklingenden Leben nach, das in die Auferstehung langte.
Das Spiel war aus, und keiner rührte sich.
Und dann stand Kornelius Vanderwelt von seinem Sitze auf, trat hinter der Spielerin Stuhl und schlug ihr wie Pranken die Hände in die Schultern.
Sie hob langsam den gesenkten Kopf, hob ihn höher und bog ihn langsam nach hinten, bis sein Gesicht über ihr stand. Und sie wußte nichts von dem schmerzenden Griff und lachte ihn lautlos an.
»Das war es,« sagte Kornelius Vanderwelt, »das war es.« Und nickte den anderen zu und verließ Zimmer und Haus.
Eine Weile harrten die Kinder noch aus. Juliane entschlüpfte zuerst, und Justus, der älteste, folgte ihr nach kurzer Überlegung. »Ich habe viel für die Schule zu arbeiten,« entschuldigte er sich bei Fräulein Bilsenbach. »Bleibt mir noch Zeit für den Klavierunterricht, so melde ich mich.«
Dann saß nur noch Thomas Vanderwelt auf seinem Platz, strich sich mit einer langsamen Gebärde das helle Haar aus der Stirn zurück, lugte nach der Fremden und ersah ihre Hände, unbewußt, wie es der Vater getan hatte.
Und hinter Angela Freydags Rücken sagte eine benommene Knabenstimme: »Das war schön ... Nein, es war nicht nur anders — es war die Schönheit. Ja ...«
Angela Freydag horchte auf die liebenswürdige Stimme. Sie hörte die Klangfarbe des Vaters heraus, nur weicher und ungefestigt. Und der Klavierstuhl wandte sich der Stimme zu, und Angela Freydag saß Auge in Auge mit dem Jungen. Nein, es war doch nicht der Vater. Es war ein feiner, frühmüder Junge, der seiner Gelangweiltheit den Ausdruck der Überlegenheit zu geben wußte. Oder war die Überlegenheit das echte und der Ausdruck der Gelangweiltheit der Schein? Dann stak doch wohl Kornelius Vanderwelt am meisten in diesem seinem Sohne.
»Freut Sie die Musik, Thomas?«
»Ich kann nicht sagen, ob es die Musik ist. Vielleicht ist es nur das Verlangen, sich in eine andere Welt hinüberzutäuschen. Hier ist alles so plump und lächerlich.«
»Wie alt sind Sie, Thomas? Vierzehn? Und Untersekundaner? Da wird Ihnen als dem Sohne Kornelius Vanderwelts auch diese Welt noch rosiger aufgehen.«
»Ach, nein, Fräulein Freydag. Die ganze Vanderweltsche Kraft liegt beim Vater. Für uns bleibt nicht viel übrig.«
Angela Freydag blickte den Frühreifen aus dem Augenspalt an.
»Man kann auch aus eigener Kraft, Thomas. Neben dem Vater. Nur irgendwo mit Willenskraft beginnen. Wollen wir es mal bei der Musik anpacken? Nicht um uns einzulullen — um uns zu befreien.«
»Ich bring's nicht heraus, Fräulein Freydag. Ich meine nicht das Notenspielen. Ich meine das, was ich ausdrücken möchte und was immer schlapp wird, wenn der große Ansprung kommt. Das meiste lohnt ja nicht, weil es lächerlich ist.«
»Spielen Sie mir einmal vor,« gebot Angela Freydag und machte den Sitz frei.
Der junge Thomas dankte höflich und nahm den Platz ein. »Es muß ja wohl sein, wenn Sie mir Klavierunterricht erteilen sollen. Viel Freude werden Sie nicht an mir erleben.«
»Das wollen wir der Zukunft überlassen. Jedenfalls bin ich dazu da, um Ihr Spiel zu verbessern.«
Er nahm ein Notenheft vor, blickte hinein und schlug lässig an. Es war die Mozartsche Sonate, die er geübt hatte. Lässig spielten die Hände die perlenden Tonfolgen und wischten den Schmelz von den Perlen.
»Sie spielen im Regen, und Mozart zauberte in Sonne, Thomas.«
»Mozart lebte in Wien, und ich lebe in Ruhrort, Fräulein Freydag.«
»Das sind rein körperliche Dinge. Der Geist fragt nicht danach und fliegt auch von Ruhrort aus in die Sonne.«
Ein leichtes Rot lief über des Jungen Gesicht. Unmerklich raffte er sich in der Haltung zusammen, überwand er die Hemmungen und suchte für sein Spiel die stärkeren Ausdrucksmöglichkeiten, dem Meister nach. Die Töne quollen heller, die Farben langten nach dem Goldschimmer, die Läufe erheiterten sich an ihrem Perlenfall. Und langsam, ganz langsam brach aus dem Notengespiele eine Knabensehnsucht hervor.
Angela Freydag sprach kein Wort mehr hinein. Sie rückte einen Stuhl dicht neben den seinen, ließ den Blick nicht von seinen beschwingter werdenden Fingern, griff nur plötzlich nach seinen Handgelenken und zwang sie, zu verweilen, mit jäh verdoppelter Kraft ein Tongewoge aus den Tasten zu schlagen, mit aufgelöster Kraft die Wogen zur Ruhe zu streicheln. Angela Freydag spielte, und des jungen Thomas Hände rührten die Tasten.
»Das haben Sie gespielt, nicht ich,« sagte der junge Thomas tief aufatmend.
»Ich habe Sie nur in die weitgeöffneten goldenen Fluren hineingestoßen,« sagte die junge Lehrerin, und ihr Atem sprang nicht minder.
»Ich kam aber bedenklich vom Wege ab. Oft ging's ohne Weg und Steg.«
»Auf die musikalische Ausschöpfung kommt's an! Nicht auf die einzelne ordnungsmäßige Note!«
»Ist das im Leben wirklich gerade so, Fräulein Freydag?«
»Ich weiß es nicht. Aber die Musik ist Spiegelbild und Widerhall der Natur, Thomas, und die Hingabe an die Natur heißt Befreiung und nicht neuer kleinlicher Fesselnkram.«
»Wie Sie das trefflich sagen. Wo haben Sie das nur gelernt?«
»Das innerste Wesen der Befreiung? Nun werden Sie lachen, Thomas. Ich habe es in den Fesseln des Lebens gelernt.«
Der junge Thomas streifte mit schnellem Blick die Magerkeit ihrer Gestalt, die billige Kleidung, und schaute geradeaus.
»Soll ich Ihnen jetzt die Juliane zum Vorspielen schicken? Der Justus ist nur schwer heranzukriegen, aber ich werde ihm zureden.« Und er erhob sich, ohne eine Antwort abzuwarten, verbeugte sich höflich und küßte seiner Lehrerin die Hand.
Angela Freydag saß und wartete auf das Mädchen. Und während sie wartete, liefen ihre Gedanken dem Jungen nach. Klug war er über seine Jahre. Klug und verwöhnt. Und weil er vom Leben verwöhnt war, reckte sich seine Klugheit in die Frühreife und nahm die Geschehnisse des Lebens nicht für ernsthaft.
War Kornelius Vanderwelt in seinem Sohne?
Die zwölfjährige Juliane stand vor ihr, und sie hatte sie nicht eintreten hören. Mit kecken Augen, kurzen Gebärden.
»Thomas sagt, ich wär' an der Reihe.« Und sie hockte sich auf den Sitz und spielte auswendig darauflos.
»Was ist es, Juliane? Wer hat denn das in Musik gesetzt?«
»Ach, Fräulein Freydag, Namen kann ich so wenig behalten wie die Jahreszahlen in der Geschichtsstunde. Hauptsache ist doch, daß man Musik macht.«
»Ja, mein kleines Mädchen: wenn man Musik machen könnte. Du kannst einen Lärm von Tönen machen oder ein Gehack auf dem Klavier, wie der Holzhauer Holz hackt, aber Musik kannst du nicht machen, du kannst sie nur in der Seele empfinden, so dankbar empfinden, daß du sie weiterleiten möchtest in andere Menschenseelen.«
Das kleine Mädchen aber war ärgerlich, weil es ein kleines Mädchen genannt worden war.
»Seele!« wiederholte es geringschätzig. »Seele! Man spielt doch zum Vergnügen. Wollen Sie einen Walzer hören?«
Nein. Angela Freydag wollte keinen Walzer hören. »Ich weiß jetzt, was du kannst und wo instandgesetzt werden muß, Juliane. Am besten, wir beginnen morgen ganz von neuem und bauen von unten auf. Wenn wir fleißig sind — und wir sind fleißig, Juliane — haben wir das, was du heute zu können glaubst, in sechs Wochen wieder. Aber nicht nur äußerlich, Juliane.«
Und das kleine, vorlaute Fräulein fragte spöttisch: »Ja, üben wir denn Klavier oder üben wir Seele?«
»Ich fürchte, du und ich, wir werden nur Klavier üben. Das aber, ich verspreche es dir, gründlich.«
Da duckte sich die Kleine, sah furchtsam nach der steilen Furche in der Stirn, knickste und schlüpfte hinaus.
Wie kam Kornelius Vanderwelt zu dieser Tochter? Berechnung und Gefallsucht hatte dieser Mann doch nicht zu vererben? Oder stümperte die Natur und brachte in der Entwicklung Sprünge in den Guß, ließ die Sprünge zu weiterfressenden Fehlern werden, schuf Künstlertum um in kaltes Laientum? Nein, sie stümperte nicht, die Natur, nur rücksichtslos offen zeigte sie, daß es ihr genug sei mit dem einen und daß für die Geschlechtsnachfolger nur die Überreste des Gießererzes zur Verfügung stünden.
Und dann kam Justus, der älteste, stolz und zufahrend, wissend und seines Namens bewußt. Angela Freydag fuhr aus der Verkettung der Gedanken auf, als sie seinen Schritt vernahm, der wie der Schritt des Vaters erklang.
»Bitte, Fräulein Freydag, machen Sie es gnädig mit mir. Ich habe einen Krach mit dem Lateinlehrer, und nun soll er in meiner Rüstung auch nicht den geringsten Riß finden, seinen Dolch hineinzustoßen.«
»Das nenn' ich eine ritterliche Rache, Justus.«
»O nein. Ärgern soll er sich. Nun erst doppelt und dreifach.«
Auch er spielte die Mozartsche Sonate. Er spielte sie geläufig und mit verblüffender Kunstfertigkeit, aber es war für Angela Freydags Sinnenempfindsamkeit wohl ein Feuerwerk, aber nicht das Feuer. Nicht das echte Feuer, das darum hinreißt, weil es sich selber hingibt.
»Ich danke Ihnen, Justus. Ich weiß für heute genug und möchte Ihre Rachepläne nicht stören.«
»Ich werde ihm schon seine Anrempelungsgelüste legen,« sagte der Junge hochfahrend, machte seine knappe Verbeugung und ließ Angela Freydag am Flügel allein. Und während Angela Freydag mit ausgestreckten Händen eine Trübung von den Tasten strich, ohne die Tasten zu berühren, suchte sie auch diesen Sohn in ein Gleichnis zu seinem Vater zu bringen, und er erschien ihr als der unähnlichste, weil er sich der ähnlichste dünkte.
Sie fror. Und sie dachte an Kornelius Vanderwelt und spürte eine strömende Wärme.
Das war es.
Ihre Finger streckten sich aus und brachten ein paar Tasten zum Klingen. Mehr, mehr. Aus dem Klingen wurde ein Klang. »Das war es.« So hatte auch Kornelius Vanderwelt gesprochen, so und nicht anders, als seine Hände wie Pranken in ihre Schultern griffen. Wahrhaftig, dachte sie, die Schultern schmerzen. Aber es ist ein Schmerz, den man nicht eintauschen möchte gegen tausend Schmeicheleien. Weil er wie ein Ritterschlag ist.
Immer belebter wurde ihr Spiel, immer kraftvoller, hinreißender. Sie spürte nicht, daß die frühe Dunkelheit des Herbsttages in das Zimmer einbrach und alle Ecken füllte. Sie spürte nicht, daß das alternde Fräulein eintrat, schweigend verharrte und schweigend das Zimmer wieder verließ. Angela Freydag spielte, spielte aus dunkel empfindendem, sehnsüchtig begehrendem, jungem, jungem Herzen heraus, was in ihm wogte und nach Licht begehrte, nach Leben. Dem Leben, für das sie nach dem kümmerlichen Hinleben und Lebenfristen keinen anderen Namen wußte als: das Leben.
Und brach mitten im Spiele ab und fuhr steil in die Höhe.
»Sind Sie so schreckhaft, Fräulein Freydag, oder sind Sie es nur vor mir?« fragte neben ihr Kornelius Vanderwelts Stimme.
»Schreckhaft?« wiederholte sie. »Schreckhaft? Nein, ich weiß gar nicht, was Angst bedeutet.«
Und in ihr lachte die Freude, daß der Helfer aus der Not wieder neben ihr war.
»Sie hatten sich so dicht in ihre Tonbilder versponnen, daß Sie mich gar nicht gewahr wurden, Fräulein Freydag.«
Doch, doch. Auf der Stelle war sie ihn gewahr geworden. Mitten im wuchtigsten Tongewoge, das sie zerriß, um ihn sehen zu können. Und sie sah ihn in der Dunkelheit wie bei Tage.
Plötzlich füllte blendendes Deckenlicht ihre Augen. Aber die Augen schlossen sich nicht und hielten stand.
»Es schmerzt nicht,« sagte er und hielt seine Hand über ihre Augen. »Man muß Licht und Dunkel gleichermaßen ertragen können.« Und sie schüttelte hinter seiner Hand den Kopf und wiederholte. »Es schmerzt nicht. Es tut wohl.«
»Was haben Sie mit dem Nachmittag begonnen, Fräulein Freydag?«
Seine Hand sank nieder. In zwei Kirchensesseln saßen sie sich gegenüber, und Angela Freydag berichtete von ihren Prüfungsversuchen und Erfahrungen. Aufmerksam hörte Kornelius Vanderwelt ihr zu.
»Es ist keine Kleinigkeit mit Ihren Schülern. Fahrig sind sie alle drei. Und doch grundverschieden. Bei dem einen wird vielleicht einmal, wenn das Leben gründlich hämmert, eine Goldquader zutage treten, während es bei den anderen« — er strich sich über die Stirn — »bei Glimmer oder Katzengold verbleiben wird. Nun, die Zeit wird es lehren. Haben Sie nach dem Ausfall Ihrer Prüfungen noch den Mut, auch noch den Schöpfer dieser drei Herrlichkeiten als Schüler anzunehmen?«
»Das ist nicht Ihr Ernst, Herr Vanderwelt ...«
»Halten Sie mich für einen so hoffnungslosen Fall?«
»Ich halte Sie für einen — für einen hochstehenden Kulturmenschen, der sich über mich lustig macht.«
»Dann führen Sie diesem Kulturmenschen mal die Kraft und Größe Ihrer Natur vor die Augen.«
In ihre Stirn sprang die Furche, in ihre Augen der aufflackernde Funke.
»Ich werde mit Ihnen spielen, wenn Sie es wünschen, Herr Vanderwelt.«
»Nun wollen wir zu Tisch gehen. Fräulein Bilsenbach wird schon unglücklich sein. Ein geschäftliches Wort noch, und dann nichts mehr davon: Das Entgelt für Ihre Mühen finden Sie an jedem Monatsersten auf Ihrem Zimmer vor. Eine Bestätigung ist überflüssig. Und jetzt schnell meinen Arm.«
Da schoß ihr vor Freude das Blut ins Gesicht und machte sie schwer und unbeholfen an seinem Arm.
»Was haben Sie?« fragte er und beugte sich besorgt über sie.
Und sie riß sich zusammen und schritt federkräftig an seiner Seite.
»Es war nur der Wechsel,« sagte sie, und ein fernes Lachen schwang mit. »In den ›Fünf Erdteilen‹ gab es gestern ganz andere feierliche Gebräuche.«
Es war das erste Mal seit Jahren, und das alternde Hausfräulein wußte sich nicht des Tages zu entsinnen, wann es gewesen sein könnte, daß Kornelius Vanderwelt nach der gemeinsamen Abendmahlzeit sich nicht in sein Zimmer zurückzog, daß er nicht nach kurzer Ruhepause, die er einem Buche widmete, das schlummerversunkene Haus wieder verließ. Schon hatten sich die Kinder zur Nacht verabschiedet, schon hatte das Hausmädchen das Geschirr abgetragen, und immer noch saß der Hausherr vor der Flasche Wein, die auf seinen Wink vor ihn hingestellt worden war, füllte die Gläser nach, die vor seinen Nachbarinnen standen, tat selber zuweilen einen behaglichen Zug und lockte durch sein fröhliches Plaudern zuletzt sogar das Geplauder der zurückhaltenden Frauen hervor.
Einmal entdeckte er, wie sich die Hand des arbeitsmüden Fräulein Bilsenbach verräterisch zum Munde hob.
»Noch einen Abschiedsgesang an den Tag,« bat er. »Ein Erntedanklied. Nein, Fräulein Bilsenbach, ich mute es Ihnen nicht zu, noch eine Stunde im Musikzimmer auf der Bank zu sitzen. Sie haben des Tages Last und Mühen mehr als wir alle getragen. Seinen Kleinkram nämlich. Gute Nacht, schlafen Sie recht wohl.«
Er erhob sich gemeinsam mit den beiden Frauen und forschte in den Augen der jüngeren, und er sah, daß die Augen Angela Freydags so wach waren, wie am hellen Tage. Er winkte ihr zu, und sie beugte sich über die Hand der älteren und folgte ihm.
Das Musikzimmer lag feierlich still im Glanz der Deckenlichter. Als schritten sie durch eine Kapelle, so schritten sie hindurch zum Hochaltar des Flügels. Kornelius Vanderwelt schlug ein Notenbuch auf, blätterte und rückte es auf den Notenhalter. »Brahms?« fragte sie leise und froh. Er nickte. »Seine Gedanken über Händel. Ein Gespräch zwischen zwei Geistesriesen. Es ist zu vier Händen gesetzt.«
Er vertauschte den Klavierstuhl mit einer kurzen Bank. Und sie saßen dicht nebeneinander, daß der eine den Bluttakt des anderen wie den gleichen Pulsschlag fühlte. Angela Freydag neigte das Haupt. Sie begannen.
Schwer und spröde rangen sich die Bekenntnisse der Brahmsschen Seele hervor und huldigten dem Geiste des großen Abgeschiedenen. Und aus der Unsterblichkeit antwortete der deutsche Riese, und was er dem jüngeren zurief, übersetzte der Schwerblütige in die eigene Sprache, bis sie, des unsterblichen Geistes voll, sich freirang von der Erdenschwere und sich in Klängen ausströmte über Menschenworte hinaus von Geist zu Geist.
Die Hände ruhten. Eine Röte flackerte über Kornelius Vanderwelts Stirn, und Angela Freydags Stirn war erblaßt.
»Man darf nicht nachlassen, man darf nicht nachlassen,« murmelte der Mann. »Die Schale mag so rauh und widerborstig sein, wie sie will — irgendwo, irgendwo findet der Suchende doch den süßen Kern. Ach, über das ewige Suchen!«
Er klappte den Deckel zu. Seine Augen schweiften nach der Diele. Eine Wanduhr schlug.
»Sie wollen schlafen gehen —?« fragte das Mädchen scheu.
»Schlafen? Suchen gehen will ich. Suchen. Mit der Gewißheit, nur leere Schalen zu finden, die man mit Wein hinunterspülen muß.«
Da tastete das Mädchen nach des Mannes Hand und wußte selber nicht, woher es seinen Mut nahm.
»Tun Sie es nicht, Herr Vanderwelt. Bitte, tun Sie es nicht. Sie sind zu gut dazu.«
»Wozu?« fragte er barsch zurück. »Und was wissen Sie von meiner Gutheit? Nein, lassen Sie Ihre Hand nur liegen, wo sie liegt. Sie redet greifbarer als Ihre Worte. So muß die Hand Brahms' geredet haben, wenn ihm der Erdenmund versagte.«
Ganz locker lagen ihre Finger um seine große Hand. Sie wartete mit der Geduld eines Kindes.
Da begann er zu sprechen und griff auf ihren Anruf zurück.
»Wozu sollte ich zu gut sein ... Ach, es ist der Wildwestabend, der Ihr Mädchengemüt beschwert. Wissen Sie denn nicht, daß ich Tag um Tag Kohlen verfrachte, Kohlen in Kähne und Kähne voll Kohlen stromauf und stromab? Die halbe Welt kann man damit anheizen und brennt selber dabei leer wie ein Krater. O gewiß, ein jeder Mensch hat seinen Beruf und findet sein Glücksbehagen darin, ihn auszufüllen. Ich gehöre aber nicht zu diesen Glücklichen und viel weniger noch zu diesen Behaglichen. In mir ist eine Unze Blut zu viel! Weshalb zucken Sie mit den Fingern? Eine Unze Blut zuviel ist ein Gnadengeschenk des Herrgottes oder eine seiner wilden Launen.«
»Beides stammt aus seinem Willen, und wir sind seine Kinder,« sagte sie hastig.
»Sieh einer den Klügler! Dann wäre es aus mit Sünde und Sündenbereuung, und die Unze Blut mehr rechtfertigte uns vor Gott und den Menschen.«
»Gott«, sagte sie langsam, »ist mir zu groß und zu fern, und die Menschen sind mir zu nah und zu klein. Ich muß den Glauben haben, daß mir der Schöpfer aller Kreatur die Unze Blut nicht unnütz zugegeben hat.«
»Unnütz, Sie kleine Sternendeuterin? Was nennen Ihre Mädchengedanken — nein, Ihre Künstlergedanken unnütz?«
»Wenn es nicht nützte, das Schöne vom Gemeinen zu unterscheiden und mich selber über den Alltag der Menschen emporzuheben.«
Kornelius Vanderwelt streichelte die kaltgewordene Hand.
»Bleiben wir beim Gegenstand. Nach einer Brahmsschen Musik sehen wir zu leicht durch eine überirdische Brille. Mich trieb die Unrast des Blutes in Jünglingsjahren auf die See, und ich durchstürmte die Entwicklungsjahre in den Meeren aller Erdteile. Es war nichts als eine dunkle Sehnsucht. Ein Drang, von irgendeiner Erdenschwere meine Brust zu befreien, zum Genuß des Unsagbaren zu gelangen. Es hätte mich ebensogut auf eine Hochschule für Musik treiben können.«
»Ja,« sagte sie nur, »es ist wohl dieselbe Sehnsucht.«
»Nur keine Kopfhängerei,« gebot er hart. »Die heulenden Derwische waren mir immer das greulichste. Ich habe zugepackt und jedes Ding auf meine Sehnsucht untersucht und hohl gefunden und wieder zugegriffen. Zum Schlusse blieben mir nur noch grobe Gehäuse in den Händen mit rasselnden Kernen. Der Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹ fuhr auch als Matrose, und wir waren schon in allen richtigen fünf Erdteilen zusammengetroffen, bevor wir uns nach dem Tode meiner Frau in seiner Kneipe wiederfanden.«
»Frau Vanderwelt starb schon jung?« — —
»Sieht man mir das Kneipenlaufen so sehr schon an?« scherzte er. »Ich war fünfundzwanzig Jahre und Offizier in der Handelsflotte, als die junge Ruhrorter Erbtochter mich sah und nicht mehr von mir ließ. Wohlgemerkt: ich ließ ebensowenig von ihr! Da gab's nur Heiraten. Und das Geschäft übernehmen. Drei Kinder hat sie mir geschenkt und sich selbst. Sich selbst bis in den Rest. Und das Licht erlosch und es wurde dunkel und in der Dunkelheit wurde nichts mehr geboren als nur dunkler Drang, unstetes Übersichselbsthinaussehnen ...«
Er schwieg eine Weile vor sich hin.
»So kam ich zum Matthes. Der Kerl war für mich nichts als ein Ankerplatz heftig schwärmender Erinnerungen. Für Sie aber war es der unrechte Ankerplatz, und ich freue mich, daß ich Sie aus der Wetterecke wieder hinauslotsen durfte.«
Auch das Mädchen schwieg eine Weile vor sich hin. Und dann sprach es unaufgefordert und eilend.
»Die Wetterecken waren mir vertraut genug. Ich habe als Kind in mancher Wetterecke gestanden und auf meinen Vater gewartet. Er war ein so großer Kapellmeister gewesen, wie meine Mutter eine große Sängerin gewesen war. Bevor sie sich heirateten. Da zerschlugen sie gegenseitig ihre Kunst aus kleiner, ganz kleiner körperlicher Eifersucht heraus. Die Mutter fuhr dem Vater lärmend in die Proben und Unterrichtsstunden, immer argwöhnisch, seine Künstlerbegeisterung für eine Sängerin hätte andere Gründe. Der Vater, mehr und mehr seiner Persönlichkeit entkleidet, suchte im Leben der Mutter, um aus der Tiefe auftrumpfen zu können. War die Mutter beschäftigt, so trank der Vater in der Wetterecke. War der Vater beschäftigt, so trieb die Unrast die Mutter lauschend durch die Gassen. Bald habe ich auf den einen, bald auf den anderen in einer Ecke, in einem Torgang gewartet. Bis sie sich um die letzte Stelle gebracht hatten und im Haß aufeinander verstarben. O ja, die Wetterecken sind mir vertraut geworden.«
Kornelius Vanderwelt strich ihr mit der flachen Hand über Schulter und Rücken, als beruhigte er ein Kind.
»Menschenkindlein — Menschenkindlein — wer sich in der Irre und Wirre begegnet, ist sich nicht fremd.«
Sie schloß die Augen unter seinem zarten Streicheln. Wie vor einem unbekannten Geschehen.
Wieder schlug die Dielenuhr. Das Mädchen öffnete die Augen und heftete sie auf den Mann.
Kornelius Vanderwelt schüttelte den Kopf.
»Sie ruft nicht mehr nach mir. Der Matthes wird seinen Schlummerpunsch alleine trinken. Ich weiß einen Schlaftrunk, der über den Alltag hinweghilft und doch die Sinne jung erhält. Ihre Musik, Mädchen. Ihre innerliche Musik. Spielen Sie mir noch einmal die Sonate von Beethoven, und wir wollen zur Ruhe gehen.«
Angela Freydag setzte sich aufrecht. Die Müdigkeit, die sie überkommen hatte, schüttelte sie ab. Über ihr Gesicht lief ein Zucken — ein Aufhorchen fern, fernhin. Und der Körper gab den Händen nach und die Hände vergaßen den Körper und wandelten sich zu fremden Wesen, taumelnd, trunken, in Stürmen standhaltend, aus unermeßlichen Freiheitswonnen heimkehrend zu den auserlesenen Händen Angela Freydags. — —
Kornelius Vanderwelt verließ seinen Platz. Aber er trat nicht auf die Erschöpfte zu. Er ging mit leisen Schritten durch die Verbindungstür in sein Arbeitszimmer, suchte aus den Büchergestellen einen Band hervor und brachte ihn aufgeschlagen herein.
»Ich muß Ihnen doch irgendeinen Dank sagen. Lesen Sie.«
Sie nahm das Buch aus seinen Händen und sah, daß es ein Gedichtbuch war. Und das Gedicht, das er für sie aufgeschlagen hatte, trug die Überschrift: »Sonate«.