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Kornelius Vanderwelts Gefährtin cover

Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Chapter 5: 4
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About This Book

Ein Mann mittleren Alters, Kornelius Vanderwelt, begegnet einem jungen Mädchen, das zu Fuß nach Ruhrort will; er nimmt sie in seinen Wagen, und im Verlauf der Fahrt entsteht ein Wechselspiel aus neckischem Gespräch, unterschwelliger Spannung und genauen Beobachtungen zu Aussehen und Haltung. Die Erzählung verbindet präzise Landschafts- und Personenbeschreibungen mit ironischer Selbstinszenierung, erkundet Machtverhältnisse, Begierde und Schutzbedürftigkeit und verwendet die Flusslandschaft und herbstliche Natur als dichte, atmosphärische Kulisse.

4

Nie war aus Kornelius Vanderwelts Wesen ein größerer Ernst hervorgewachsen als in dem Winter dieses Jahres, als in dem neuen Frühling und dem neuen Sommer, der in Blüten rauschte, um Früchte zu reifen. Kein grüblerischer Ernst, der die Blätter der Vergangenheit durchstrichen hätte um einer neuen Lebensführung willen. Ein Mannesernst, der aus der Freude geboren und so tief von den Freudenwehen der Geburt durchtränkt war, daß er die Freuden des Daseins bald als ein Heiliges zu nehmen gezwungen war, als kristallene Quellen, die in der Stille am lautesten riefen und das Verlangen köstlicher tränkten als der Lärm der Nachtwachen. Wohl, daß Kornelius Vanderwelt, wenn sein Weg ihn durch die Hafengassen führte und an dem stürmischen Kap ›Zu den fünf Erdteilen‹ vorüber, dem Matthes ein übermütiges Wort zuwarf, wohl, daß er wie bisher das Gedränge der Schiffer vor der Schifferbörse durchschritt und sich durch heiße Laune und klaren Ratspruch die Herzen gewann. Aber es war ein anderer Klang seines Starkmutes, der sich zur führenden Note durchrang, ein klingenderer Klang, wie aus einem nachgeschliffenen Glase, der die Augen aufblicken machte und die gröblichste Zudringlichkeit entfernte. Die Zechbrüder und geringen Geister zogen ein Maul und meinten wohl gar, der Kornelius Vanderwelt sei nun auch unter die ›Herren‹ gegangen. Die Ernsthaften des Gewerbes aber blickten auf sein wirksames Tun und gaben der Ansicht Ausdruck, daß es für den Ruhrorter Hafen eine noch viel stärkere Auswirkung haben werde, wenn der Mann der kleinen Leute für die Großen nicht als der Spaßmacher gelte, sondern als zuverlässiger Posten in der Gesamtbuchführung.

Wenn auch Kornelius Vanderwelt nicht mehr durch die Ungebundenheit der Führerbegabung die lärmenden Nachtwachen verstärkte, so war er doch zu gegebenen Zeiten an den Tischen der ›Erholung‹ anzutreffen, erzielte unter den Größen des Handels zunächst einige Verwunderung, wurde eine Weile mit der gebotenen kaufmännischen Zurückhaltung angehört, allmählich aber mit der geweckten Teilnahme der Weitsichtigen und Überragenden, die die Bedeutung des Mannes als Stürmer und Dränger bald erkannten und für die eigenen Großpläne im Hafengetriebe nicht missen mochten.

»Nur das Wasser verbindet die Erde,« betonte Kornelius Vanderwelt immer wieder. »Wer zur See gefahren ist, weiß es am besten und weiß vor allem, wie winzig die Erde ist und wie sich das Leben darauf zusammenballt. Nur das Wasser vermag die Erde zu entlasten, nur das Wasser, meine Herren, weil es nur Straße und nichts als Straße ist. Und gerade dort, wo sich das Land in einem nicht absehbaren Gebärungsverfahren befindet wie im Lande der Kohle. Wasser heran und immer wieder: Wasser. Der Herrgott hat unserer Stadt, hat dem ganzen umliegenden Gebiet ein großes Pfund gegeben, und mit einem Pfunde soll man, schon nach dem Bibelwort, wuchern. Dieses Pfund ist der nutzbringendste Binnenhafen der Welt. Nutzbringend nicht nur für die Lebenden. Das hieße einen Fischteich leerfischen und austrocknen lassen. Nutzbringend für uns, für die, die nach uns kommen und letzten Endes für die gesamte Menschheit, die die Arme nach der verbilligten Kohle streckt. Denn die Kohle ist der Urstoff allen Lebens, ist Heizkohle und Öl, Farbstoff, Heilmittel, Wunder und Wahrheit. Leiten Sie sie der Welt so zu, daß auch der Ärmste danach greifen kann, daß ihm aus Wunder Wahrheit wird, nämlich die Lebensberechtigung und die verstärkte Freude an dem bißchen Leben. Und fürchten Sie sich nicht vor dem gesteigerten Wettbewerb, den neue Hafenbecken, neue Kanäle zwischen den Städten und Stromgebieten, neue Zufahrtstraßen zu den Seehäfen und somit zur ganzen, weiten Welt hervorrufen könnten. Gesteigerter Wettbewerb heißt Steigerung unserer Kräfte, und ich wiederhole es: wir sind nicht zum Schlafen auf die Welt gekommen.«

Aber es war nicht nur ein Reden, es war auch ein werktätig Handeln. Bei den Strombaubehörden und Hafenverwaltungen holte er sich Rat und arbeitete die gewonnenen technischen Erfahrungen immer wieder mit den mitbestimmenden kaufmännischen Gesichtspunkten zu einer Einheit zusammen, die er Prüfungen unterzog, umgestaltete, klärte, bis er seine Ergebnisse den ausschlaggebenden Stellen vorlegen konnte und nicht locker ließ, bis der Kampf entbrannte.

»Er ist wie ein Wolf,« hieß es oft und öfter von ihm. »Was er packt, hält er fest und läßt sich eher totschlagen, als es freiwillig wieder loszulassen.«

Im Geschäft hatte Beckenried gute Tage. Er brauchte nicht mehr in ängstlicher Hut zu sein, zur Zielscheibe unliebsamer Scherze zu dienen. Er fand den Geschäftsherrn stets gesammelt und auch bereit, des Mitarbeiters Stimme zu würdigen. Nur die Ausnutzung des Geldes bis in seine letzten Wirkungen ließ sich Kornelius Vanderwelt so wenig vorschreiben wie in früheren Tagen, und jede Mahnung des trockenen Rechners schob er mit den Worten zur Seite: »Sie sind eben nur ein Lebewesen, lieber Beckenried, und kein lebendiger Mensch.«

Nach wie vor galt Kornelius Vanderwelt das Geld als Schlüssel zum erweiterten Leben.

»Wenn wir Ruhrort zum bedeutendsten Binnenhafen der Welt erheben wollen, lieber Beckenried, dürfen seine Anwohner keine Pfennigkrämer, müssen sie Menschen von Weltempfinden sein. Und Weltempfinden verlangt: die Welt erleben bis in die letzte Pore und beitragen, daß sie uns lebenswert bleibt. Mit Klageweibern bringen Sie das nicht zustande, wohl aber mit notbefreiten Geschöpfen.«

»Sie werden Notbefreiung säen und Habgier oder Verschwendungssucht ernten, Herr Vanderwelt.«

»Nicht bei allen. Und um die, auf die Ihr Seherwort zutreffen sollte, ist es nicht schade. Hingegen glaube ich, daß gegen eine kleine Gehaltsaufbesserung selbst Sie nichts einzuwenden hätten.«

Nein, Herr Beckenried hatte nichts dagegen einzuwenden, und er bedankte sich mit einem stillen Geschmunzel. Und die Herren im Hauptkontor erhoben sich, als Kornelius Vanderwelt am Abend den Raum durchschritt, von ihren Sitzen und machten ihrem Brotherrn ein paar erregte Dankesverbeugungen, denn auch sie waren bei dem stark gehobenen Geschäftsgang nicht vergessen worden.

»Lassen Sie sie in Gottes Namen auf ihre Art selig werden,« erwiderte am nächsten Morgen Kornelius Vanderwelt auf die grämliche Anklage Beckenrieds, die Herren seien in der Frühe mehr ins Kontor hineingetaumelt als hineingegangen. »Die Hauptsache ist nämlich das Seligwerden. Die Art hängt vom persönlichen Geschmacke ab, und der klärt sich.«

Es war ein Jahr der Selbsterkenntnis für Kornelius Vanderwelt geworden, und die Erkenntnis seiner selbst war ihm gekommen durch die Erkenntnis des jungen Geschöpfes an seiner Seite.

Denn Angela Freydag war ihm zur Seite, wo er ging und stand. Er mochte sich dagegen wehren, und er hatte es lange genug getan, er fand, ob er durch das Gewoge vor der Schifferbörse schritt, ob er die Häfen durchkreiste oder in der Stille seines Sonderkontors hinter Abmachungen und Planungen hockte, seine Gedanken immer wieder in einer Art Zwiesprache mit ihr, wie sie der Meister mit dem bevorzugten Lehrling hält, und unwillkürlich richtete sich seine öffentliche Haltung wie seine innerliche nach den gläubigen Mädchenaugen seines Gedankenbildes.

Und die Einbildung wurde zur Wirklichkeit, je weiter der Winter fortschritt und die Abende sich dehnten in die Feierstunden des Advents und in die tieferen Besinnlichkeiten der Seele.

»Sonst«, sagte er zu seiner Begleiterin auf dem Flügel, »pflegte ich den ungeklärten Empfindungen aus weihnachtlicher Zeit kurzer Hand bei Freund Matthes den Garaus zu machen. Heute lasse ich mich davon einlullen, ich weiß nicht wie, und könnte mich stundenlang mit Ihnen über das Christkind unterhalten. Wenn es keine Alterserscheinung ist, muß es doch wohl die Jugend in mir sein.«

Und Angela Freydag erwiderte: »Es ist die Jugend.«

»Das ist eine Behauptung und kein Beweis.«

»Was man empfindet, braucht man nicht zu beweisen. Sie empfinden ja auch die Hand des Schöpfers, ohne sie in Worten beschreiben zu können.«

»Hübsch gesagt. Nur spielt meine Jugend bei dem Vergleich eine sehr nebensächliche Rolle.«

»Nein, nein. Das glaube ich nicht. Es gibt keine Größenverhältnisse, wenn das Gefühl spricht.«

»Wollen Sie es nicht ein wenig mehr sprechen lassen, Fräulein Freydag? Es ist so ein schummeriger Abend. Draußen fällt der Schnee wie weiche Watte, die ganz dicken Flocken pochen mit Geisterfingern an die Scheiben, und wo selbst die schwarzen Kohlenhalden Hermelinmäntel tragen, dürfen wir uns wohl auch für ein Stündchen in einen Märchenmantel wickeln.«

Sie schlug mit suchenden Fingerspitzen ein paar Töne an, die im Raume hängen blieben.

»Es ist kein Märchen, es ist Wahrheit, daß Sie jünger sind als wir alle. Von den anderen will ich nicht sprechen. Weil Sie es wünschen, von mir. Vielleicht ist es mir selber noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen, was Jugend ist und was sie sein kann. Vielleicht ist sie eine große, große Kunst und nicht jedem gegeben. Ganz sicher aber bin ich, daß Sie die Kunst besitzen. Wie ein Musikstrebender die Kunst der Meister verspürt und nicht erst nach der Haarfarbe der Meister sieht. Ja, das scheint wohl ziemlich töricht dahingeredet.«

»Die Märchen um Weihnachten herum«, meinte Kornelius Vanderwelt, und auch seine Hände suchten ein paar Tasten und brachten sie zum leisen Weiterklingen, »erscheinen auch oft in törichtem Gewande. Wissen Sie auch, weshalb? Weil sie nur für die Törichten erfunden sind und nicht für die Tüftler und Neunmalweisen. Und Jugend muß wohl eine besonders süße Torheit sein, sonst würden sich die Erleuchteten unter den Menschen nicht so schrecklich ihrer schämen.«

»Nein, das haben Sie nie getan und werden es auch niemals tun.«

»Mein Wort darauf: nein. Und wenn Sie es wollen, will ich Ihrem dunklen Tasten immer Lehrmeister sein, so wie ich Ihr ernsthaftester Schüler wurde in der Erschließung unserer musikalischen Welt.«

»Es geht wohl um das gleiche,« sagte Angela Freydag sinnend.

Und dann begannen sie ihr Zusammenspiel. —

Es war nicht die leichteste Aufgabe, die Angela Freydag im Hause Kornelius Vanderwelt zugefallen war. Der Unterricht der Kinder gestaltete sich selten zu Feierstunden und es gab mürrische Mienen, trotzige Worte oder stumme Widerstände fast täglich zu überwinden. Angela Freydag überwand sie. Sie überwand sie mit dem Ernst ihrer Augen, in deren Tiefe urplötzlich ein Funke aufspringen konnte wie eine drohende Lohe. Und sie überwand sie mit einem jähen Streicheln ihrer Hand, das die Kinder überraschte und benommen machte. Dann hatte Angela Freydag gedacht: es sind Kornelius Vanderwelts Kinder.

Es war auch nicht die leichteste Aufgabe, ihre Stellung neben der langjährigen Vertreterin des Hauses zu wahren und zu festigen. Hatte auch das alternde Fräulein niemals ihren Wünschen so weiten Lauf gelassen, dem Hausherrn im Arbeitszimmer oder im Musikzimmer abendliche Gesellschaft leisten zu dürfen, so erregte doch die Gewährung solcher Vorrechte an die Fremde einen Kampf in ihrem Innern, der sich nur bis zur wortkargen Duldung des Eindringlings beschwichtigen ließ.

Kornelius Vanderwelt gewahrte es bald.

»Weshalb schließen Sie sich aus, Fräulein Bilsenbach?« fragte er freundlich. »Sie sollten Unterricht bei Fräulein Freydag nehmen.«

Das Fräulein wies die Zumutung, eine Schülerin abzugeben, mit Entrüstung zurück.

»Ich bin zu alt dazu, um noch in die Lehre zu gehen, Herr Vanderwelt.«

»Ich würde, wenn ich wüßte, es gäbe irgendwo eine Schönheit des Lebens zu erlernen, tausend Meilen zu Fuß pilgern. Und wenn ich das Asthma hätte.«

Mit diesem Versuch war die Angelegenheit endgültig für ihn abgetan.

»Fräulein Freydag,« bat er, als sie am späten Abend in der Stille des Arbeitszimmers über ein Dichterwerk gebeugt saßen, »vergessen Sie unter keinerlei Umständen, daß Sie mir zuliebe in diesem Hause sind.«

Sie hob den Kopf und sah ihm stumm in die Augen.

Und dann blätterten sie weiter, und Kornelius Vanderwelt deutete ihr an dem einen Abend die Dichter und an dem anderen Abend die Maler und Bildhauer der Zeiten. Er wies ihr die Baustile und ihre größten Meister und brachte alles, was er von den Meistern wußte und in ihnen lieben gelernt hatte, in ein Gleichnis von musikalischen Formeln, damit die Musikerin in ihr leichter die Wege fände. Da war es oft, daß sie mit Ausdrücken um sich warfen, als behandelten sie statt eines Wortgemäldes, eines farbigen Bildes oder steinerner Bauformen eine Beethovensche Symphonie, und die Tasten des Flügels erklingen ließen, um sich leichter Rede und Antwort zu stehen und die Fragen der Schülerin zu klären. Oft auch, daß sie auserwählte Gedichte lasen und das Ergebnis ihrer Empfindungen auf dem Flügel mit dem Stimmungsgehalt der Tonschöpfungen verglichen, die das Gedicht als Lied neu geboren hatten, und Brahms und Schubert, Schumann und Mendelssohn sangen durch den Abend, und Hugo Wolf und Richard Strauß antworteten in ihren Weisen.

Wie zwei junge Menschen gleichen Alters saßen sie an solchen Abenden Schulter an Schulter, und die Schülerin tat hastige, frohe Atemzüge der Erkenntnis, und der Lehrer steigerte sein Wissen, um dem Erwachen der Schülerin Schritt zu halten. Während sie aber lehrten und lernten, lernten und lehrten, fühlte das Mädchen, wie die schweren Nebel der Vergangenheit sanken, wie die verschlossen gebliebenen Türen und Fenster ihrer Wesenheit sich öffneten und Licht und Wärme nie geahnter Art hineinwogten, die das Bewußtsein ihres Lebens aufwühlten, mit Schauern der Freude füllten und es aufschnellen ließen wie zitterndes Reis nach der Sonne; fühlte der Mann, wie Hasten und Lasten der Gegenwart gleich Fremdkörpern aus dem Blute wichen und die Vergangenheit, dort, wo sie am schönsten gewesen war, die Augen aufschlug und sprach: Nein, ich bin noch nicht tot.

Da war es, daß Angela Freydag ihre wundgelaufenen Füße nicht mehr spürte und Kornelius Vanderwelt nicht mehr sein wundgehetztes Hirn. Als sie sich beide auf dem Wege zur Jugend trafen und der eine Weggenoß den anderen staunend bei der Hand nahm.

Wie verklärt sie aussieht, dachte Kornelius Vanderwelt. Die Erkenntnis ihrer Jugend hat ihre Jungfräulichkeit gereift. Und er sagte laut: »Angela! Angela bedeutet Engel.«

Sie lachte ihn an und schüttelte heftig den Kopf.

»Ich bin kein Engel. Engel hängt man in den Weihnachtsbaum, und ich habe Hunger und Durst nach der Erde.«

»Was für ein Geschöpf möchten Sie lieber sein, Engel?«

»Fragen Sie doch nicht. Sie wissen es ja, was ich bin. Sie formen ja das Geschöpf aus Ihren Händen heraus.«

»Engel,« sagte er und forschte in ihren Augen, »ich sehe kluge, ernste, graue Augen. Mädchenaugen. Und doch sehe ich zuweilen darin jäh über den Horizont springende Blitze, als sprängen Panther an.«

Sie hielt die Augen weit auf vor seinem forschenden Blick.

»Ich glaube nicht, daß es so vornehme Tiere sind, Herr Vanderwelt. Es werden wohl arme, hungrige Wölfe sein.«

»Setzen Sie mir nicht den Wolf herunter, Engel. Der Wolf war den Alten heilig und stand den Göttern nahe. Nicht nur dem kriegerischen Wodan der Germanen. Auch Apollo, der Gott der Künste, wählte den starken Wolf zu seinem Begleiter. Und eine Wölfin säugte die Erbauer Roms.«

Sie lehnte die Ehrungen mit einem Kopfschütteln ab.

»Das klingt gewiß sehr schön, aber die alten Göttersagen liegen mir zu weit. Ich weiß von der Wölfin nur, daß sie mit dem Wolf gemeinsam jagt, in allen Stücken ihm gleicht, daß der Hunger sie stark und furchtlos macht und daß sie Geschöpfe der eigenen wie der fremden Art abwürgt, wenn sie sich als Schwächlinge erweisen. Den Romulus und Remus wird die Wölfin nur aufgesäugt haben, weil sie das Starke in ihnen witterte.«

»Ach, Engel, man müßte die Naturgeschichte nur von Frauen lehren lassen.«

»Warum —?«

»Weil ihr Naturtrieb immer auf das Einfachste stößt.« —

Zu Weihnachten standen die Tische gedeckt. Im Arbeitszimmer des Vaters drängten sich erwartungsvoll die Kinder, und nun rief ein Klingelzeichen nach Fräulein Bilsenbach, die sich mit ihrer Festgewandung verspätet hatte, und nach den Angestellten in Haus und Küche. »Fräulein Freydag fehlt,« bemerkte der unruhige Thomas, stürmte die Treppe hinauf und holte sie aus ihrem Zimmer.

Vom Flügel her erklangen schlicht und kindergläubig die Weihnachtslieder von Cornelius. Der Hausherr spielte. Und als er geendet hatte, öffnete Fräulein Bilsenbach die Tür, die zum Eßzimmer führte, und der Weihnachtsbaum stand in stiller Lichterpracht, und sie öffnete die Tür, die zum Musikzimmer führte, und Kornelius Vanderwelt griff in die Tasten und ließ zum gemeinsamen Gesang die Weise von »Stille Nacht — heilige Nacht« ertönen. Scheu und fremd kauerte Angela Freydag auf ihrem Stuhle hinter den festfrohen Reihen.

Die Weihnachtsanbetung verklang. Das Schweigen der Erwartung lastete. Da erhob sich der Hausherr von seinem Sitz und schritt unter die Harrenden.

»Fröhliche, selige Weihnachten euch allen,« rief er und schüttelte herzlich aller Hände. Eine Sekunde nur stutzte er vor dem glanzlosen Ausdruck in Angela Freydags Gesicht. Und mit der Hand, die er ihr hingestreckt hatte, zog er sie hoch.

»Vorwärts!« rief er Kindern und Angestellten zu. »Wer läßt den Gabentisch warten? Sturm! So ist es recht.« Und mit dem Strudel wurde Angela Freydag fortgezogen und war doch in der Woge allein.

Voll von kleinen Tischen stand das geräumige Eßzimmer, und auf jedem Tische hielt ein Lebkuchenmann ein Namensschild. Ein kurzer Wirrwarr, und ein jeder hatte seinen Namen herausgefunden. Gellender Aufschrei der Kinder, ein staunendes Aufseufzen der älteren, und ein jeder betastete, hob empor, legte nieder, griff nach einem anderen Gegenstand, einem dritten, probte, untersuchte, lachte, schwatzte und drehte sich blitzschnell im Kreis.

Kornelius Vanderwelt ging von einem zum andern. Er bewunderte Juliane in der goldenen Halskette, die einen Skarabäus schaukelte, und ließ sich von dem erregten Mädchenmund die unzähligen Köstlichkeiten an Leibwäsche und Kleidern erklären, als hätte er das alles nie vordem gesehen. Er trat zu Justus und Thomas, die das kleine Abbild einer Segeljacht in Händen hielten, wies geheimnisvoll lächelnd mit dem Zeigefinger nach dem Bootshaus da draußen irgendwo und ließ die stürmischen Umarmungen der jungen Jachtinhaber über sich ergehen. Er nahm dem verwirrten Fräulein Bilsenbach den Pelzmantel aus den Händen und half der beschämt Widerstrebenden, hineinzuschlüpfen, damit die Versammlung das königliche Bild besser entgegennehme. Er redete mit dem Fahrer über Tabaksorten, Juchtenleder und Aachener Tuch, mit den Hausmädchen über Aussteuerleinen, Brautlaken und Bräutigam und wandte sich um und stand vor Angela Freydag.

»Darf ich nachfragen, Engel, ob der Weihnachtsmann zu Ihrer Zufriedenheit gewirkt hat?«

Er hatte den Scherznamen, einmal angewandt, nicht mehr aufgegeben.

»Zu meiner Zufriedenheit?« wiederholte sie nur. »Zu meiner Zufriedenheit?«

»Ich glaube gar,« sagte Kornelius Vanderwelt und trat dichter an sie heran, »Sie haben dem Weihnachtsmann noch nicht einmal einen freundlichen Blick geschenkt.«

»Doch, doch,« stieß sie hervor und wies auf ihren Platz. »Vielen, vielen Dank für Ihre Güte. Es ist nur schon so lange her, daß ich Weihnachten gefeiert habe — und es war nie schön — ich weiß mich gar nicht mehr zu benehmen.«

»Dies ist ein Koffer,« erklärte Kornelius Vanderwelt, und der Klang seiner Stimme ließ sie sofort zur Ruhe kommen. »Und dies ist auch ein Koffer. Der größere ist als Reisegepäck gedacht, der kleinere als Handgepäck. Denn aus der lieben Reisetasche sind Sie mittlerweile herausgewachsen wie aus den lieben Kinderschuhen. Hilft nichts. Und nun müssen Sie öffnen und weiterforschen.«

»Öffnen und — weiterforschen?«

Er bastelte für sie die Schlüssel los und ließ die Schlösser aufschnappen. Den Handkoffer öffnete er zuerst. Er bot in einer seitlichen Einrichtung silberverkapselte Flaschen und Kristalldosen, Bürsten und Kämme und Spiegel dar. Die Mädchenaugen starrten darauf hin. Und dann wurde das Mädchengesicht weiß. Kornelius Vanderwelt hatte den größeren Koffer geöffnet.

»Jetzt müssen Sie urteilen, Engel. Der Weihnachtsmann konnte nur seinem Männergeschmack nachgehen.«

Es kam keine Antwort, und er blickte auf und sah in das verkrampfte Gesicht.

»Engel,« sagte er leise, »Fassung, mir zuliebe.«

Da riß ein wilder Freudenausbruch den Krampf auseinander, und sie beugte sich vor und wühlte mit ihren Händen in den Schätzen von feiner Leibwäsche.

»Nun müssen Sie den Einsatz herausheben, Engel.«

»Immer noch mehr? Gut, immer noch mehr! Nur immer zu! Freude! Freude! Und wenn sie sich wie eine Flut über mich wirft, ich tauch' auf, ich halt' stand, ich — ich —«

Sie stutzte. Ihre Augen waren ganz weit und dunkel. Ihre Lippen bewegten sich weiter. Und Kornelius Vanderwelt mußte an sich halten, um sich nicht in den Mädchentaumel hineinreißen zu lassen.

»Das ist eine ganze Ausrüstung,« sagte Angela Freydag atemlos. »Die Ausrüstung einer Dame. Reisekleid und Gesellschaftskleid. Jacke, Pelz, Muff. Eine Pelzmütze sogar. Es fehlt nichts — nichts von dem Bilde, was ich mir gemacht hatte.«

»Von was hatten Sie sich ein Bild gemacht?«

Sie stand vor ihm und hielt ihre Hände über den Brüsten.

»Und ich habe nichts für Sie. Gar nichts, gar nichts.«

»Schenken Sie mir Ihre alte Reisetasche, Engel. Sie haben sie immer so innig an sich gedrückt, daß ein wenig von der Innigkeit wohl noch auf mich übergeht.«

Da lachte sie ihn lautlos an.

Das war Kornelius Vanderwelts liebstes Weihnachtsgeschenk, dies lautlose Lachen des Verstehens. Für die Gaben von Kinderhand, für die sorglichen Arbeiten seines Hausfräuleins hatte er sich laut und herzlich bedanken können. Hier fehlte ihm das Wort. »Engel,« sagte er nur ganz leise.

Ihre Hände glitten über die Schätze und plätteten sie. Sie schloß die Kofferdeckel, zog die kleinen Schlüssel ab und senkte sie in den Halsausschnitt. Alles mit einer streichelnden Zärtlichkeit. Der Zärtlichkeit der Besitzerin.

»Wollen Sie denn nicht anproben? Das Putzen und Proben gehört doch zur Weihnachtsfreude.«

»Bitte,« bat sie, »bitte, nicht vor den andern. Wenn ich allein bin, brauche ich nicht an mich zu halten.«

Und wieder war Kornelius Vanderwelt von den Kindern umringt und von den Angestellten und mußte bestaunen und sein Urteil abgeben. Und Fräulein Bilsenbach brachte den weihnachtlichen Südwein, und jeder erhielt sein Glas, und während unter der leuchtenden Christtanne ein neues Weihnachtslied angestimmt wurde, ging Kornelius Vanderwelt von einem zum andern, ließ an jedem Glas das seine erklingen und sprach seinen Gruß: »Fröhliche Weihnacht.«

Spät am Abend erst wurde das Mahl aufgetragen. Des weihnachtlichen Gedränges wegen in des Hausherrn Zimmer. Langsam ebbte die Flut zurück. Mit schlafmüden Augen verabschiedete sich das alternde Hausfräulein zuerst, um noch in ihrem Stübchen ein paar Gesangbuchverse zu lesen. Noch schmiedeten die Kinder Pläne für die Feiertage. Dann kam auch ihnen die Ermüdung, und sie traten an den Vater heran, bedankten sich und küßten ihn. Hinter ihnen war Angela Freydag an Kornelius Vanderwelt herangetreten. Sie reichte ihm die Hand und sah zu ihm auf.

»Darf ich Ihnen heute auch einen Kuß geben?«

Kornelius Vanderwelt nahm sie in die Arme, wie er seine Kinder in die Arme genommen hatte. Einen Herzschlag länger. Und während des einen Herzschlags freute er sich an der roten Linie ihres Mundes. Er beugte sich nieder und empfing ihren Kuß. Ruhig verließ sie das Zimmer.

Er ging in das Musikzimmer hinüber und setzte sich vor den Flügel, ohne zu spielen. Irgend etwas machte ihn lächeln, und er wußte nicht, was? Ja, doch, das war es. Der Mädchenkuß von Angela Freydag war es. Der echte und rechte Mädchenkuß. Geküßt von einem Munde, der es nie gelernt hatte. Mit geschlossenen Lippen. Ernsthaft wie eine feierliche Handlung. Ein wenig herb — und ein ganz klein wenig zitternd.

Und plötzlich stieg eine warme Freude in ihm hoch, daß es so gewesen war und nicht anders.

Das Mädchen hatte ihm gegeben, was es noch keinem gegeben hatte. Er war der reicher Beschenkte. —

Als Kornelius Vanderwelt in der Nacht sein Schlafzimmer aufsuchte, fand er an das Bett gelehnt Angela Freydags Reisetasche. — —

Seit dem Weihnachtsfest machte sich die Wandlung in Angela Freydags Wesen von Tag zu Tag bemerkbarer. Es war wohl weniger eine Wandlung, als eine rascher einsetzende Entwicklung. Als ob ein Stauwehr überwunden wäre, und die Wasser ihres Lebens strömten befreiter dem Ziele zu.

Daß Kornelius Vanderwelts ritterliche Weise das Stauwehr in ihr beiseite geräumt hatte, das erkannte allein die Dankbarkeit der Wenigverwöhnten. Aber die Dankbarkeit erschien ihr als ein zu geringer Ersatz, ein Trieb war in ihr erwacht, in seine Gedankenwelt hineinzuwachsen, sich formen zu lassen nach seinem Bilde und nach einer Spanne, sie sei kurz oder lang, seiner Schöpferfreude zeigen zu dürfen, daß sie sich nicht an ihr vergeudet hätte.

Bis zu dieser Spanne griff sie die Arbeit an Kornelius Vanderwelts Kindern mit neuer, zäher, Willenskraft, als einen Beweis ihres Wollens und Könnens an und ließ sich nicht durch die Unbotmäßigkeit der Schüler noch durch die eigene Ungeduld abschrecken, den steinigen Acker immer wieder zu durchpflügen.

Am steinigsten war er bei Juliane. In der Entfaltung des Mädchens stritten Selbstbewußtsein und Gefallsucht um die Oberstimme, aber das Selbstbewußtsein hatte leider nichts von der sicheren Vanderweltschen Note, sondern gründete sich auf dem Bewußtsein, ein augenfällig schönes und frühreifes Geschöpf zu sein, und diente der Gefallsucht nur als leichte Maske. Das hatte Angela Freydag vom ersten Tage an durchschaut, und nun mühte sie sich mehr als je, eine andere Unterlage zu schaffen und damit dem jungen Selbstbewußtsein eine stärkere Berechtigung. Und es begann der Kampf zwischen den Sonaten und den Tagestänzen.

»In meinem Leben spiele ich das Zeug nicht,« versicherte die erzürnte Kleine. »Wer Sonaten hören will, mag ins Konzert laufen. Ich will einmal glänzende Bälle geben können und am Flügel sitzen und aufspielen.«

»Das ist für leere Stunden, Juliane. In den schweren Stunden, die bei keinem ausbleiben, wirst du Gott danken, in den Werken der Meister die eigene Erlösung zu finden.«

»Ach nein, Fräulein Freydag,« spottete das Mädchen, »die schweren Stunden sind für die Dummen, die alle Sachen schwer nehmen. Die Klugen schlagen einen Bogen, wie wir's in der Schule machen.«

»Es sind Flachköpfe, Juliane, und du bist Kornelius Vanderwelts Tochter. Wenn du es vergessen solltest, so vergeß ich es nicht. Und nun üben wir ernsthaft.«

Es waren weniger die Tanzweisen, die Angela Freydag auszurotten trachtete, als der leichtfertige, kühl abwägende Sinn, der in Angela Freydags Stirn die Furche kerbte. Eine Leichtfertigkeit aus Geblüt wäre ihrem Grübeln noch verständlich erschienen. Hier aber sah sie eine Leichtfertigkeit aufwachsen, die von der Berechnung auf Wirkung und überrumpelnden Erfolg eingegeben war, und ihre Natur wehrte sie wie eine Unreinlichkeit ab.

Mit aller Beherrschung nahm sie den Kampf auf, und wenn sie nichts anderes gewann als die Stunden der Ablenkung vom übrigen Tag, diese wollte sie auf ihr Guthaben buchen.

Anders, wenn auch nicht weniger schwierig, gestaltete sich die Unterweisung des ältesten Sohnes Justus, der wenige Wochen vor Ostern zum Primaner aufgerückt war. Sein schnelles Erfassen der Schulwissenschaften verliehen ihm die Berufung, Höhenwege einzuschlagen, aber er verwechselte die Anwartschaft auf Höhenwege mit einem hochfahrenden Sinn, der in jedermann einen Untergebenen oder doch ein seinen Lebensforderungen untergeordnetes Wesen und in Angela Freydag niemals mehr als eine wenig beachtenswerte Klavierlehrerin sah.

»O je, Justus, nicht die Meister vergewaltigen! Bitte diesen Satz noch einmal.«

»Ich bin schon über ihn hinweg und möchte mich nicht wiederholen.«

»Man ist nur über eine Sache hinweg, wenn man sie restlos erledigt hat. Sonst steht sie als Feind hinter einem auf.«

»Ich pflege mich nicht um das zu bekümmern, was hinter mir herdroht. Damit macht man meine Pferde nicht scheu.«

»Erst muß man Pferde besitzen! Sie reiten vorläufig noch auf einem Mietgaul.«

»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Freydag, wollen wir uns über Lebensanschauungen nicht unterhalten.«

Sie sah ihm ruhig in die Augen, bis ihm das Blut in die flaumbärtigen Wangen stieg.

»Gewiß ist es mir recht. Und der so starkgeprägte Sinn für Ritterlichkeit in Ihnen wird Ihnen selber sagen, worüber Sie sich mit Ihrer Klavierlehrerin zu unterhalten haben. Und auf welche Weise, Justus.«

Der Jüngling schlug das Notenblatt um und jagte den beanstandeten Satz in Windeseile herunter.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie, ohne mit dem Auge zu zucken. »Sie sind reich begabt und werden es bei fester Selbstzucht zu hohen Graden bringen.«

Am leichtesten fand sie sich mit Thomas, dem zweiten Sohne. Und doch wurde gerade dieser je länger, je mehr ihr Sorgenschüler. Die Überlegenheit, die er als jugendlicher Schöngeist jungen und auch älteren Menschen gegenüber so gern auszuspielen pflegte, sonderlich aber jungen Mädchen gegenüber, die er als »ergötzlich durch ihre Minderwertigkeit« bezeichnete, behielt er im Verkehr mit Angela Freydag nicht bei. Sobald ihre Hände aus den Tasten Leben schlugen, wurde jeder Spottgedanke in ihm abwegig, wurde er der feine, liebenswürdige Junge, der am stärksten an den Vater erinnerte. Und doch war es nächst der Spottsucht gerade diese weiche Feinheit, die Angela Freydags Gedanken zu schaffen machte.

»Bitte, bitte, Fräulein Freydag, spielen Sie weiter.«

»Jetzt ist Unterrichtsstunde, Thomas. Die Reihe ist an Ihnen.«

»Nein, nein. Es wäre Barbarei, mitten in der wunderbarsten Stimmungsmalerei abzubrechen. Ich verspreche Ihnen dafür, heute eine Stunde länger zu üben.«

»Thomas,« warnte sie ihn und spielte weiter, »es ist nicht gut, sich von jeder Stimmungsmalerei besiegen zu lassen. Das macht weich und schlaff. Wie Kranke, die sich nach dem Fieber sehnen, weil es ihnen so angenehm das Bewußtsein für das Wirkliche verschleiert.«

»Fräulein Freydag, Sie sprechen bereits wie der Vater.«

»Tu ich das?« fragte sie zurück und beugte sich über ihr Spiel. »Wenn ich das schon als Fremde tue, ist es Ihre Schuldigkeit als Sohn, so wie der Vater zu werden

»Ach, Fräulein Freydag, der Vater ist ja auch der Musik untertan. Sehen Sie denn nicht, daß ich ihm nacheifere?«

»Lieber Thomas, der Vater ist der Musik nicht untertan, sie ist für ihn nur der Nährboden für neue Kräfte. Und für Sie wird die Musik die Verleiterin zur Einlullung und Schwächung Ihrer Kräfte werden, wenn Sie sich aus der Zuhörerrolle nicht aufraffen und selber in die Tasten hineinhauen, daß sie den Befehlshaber spüren.«

»Gibt es das? In der Musik?«

»Das gibt es in der Musik wie in der Lebensmusik. Der Befehlshaber ist kein rücksichtsloser Mensch, der durch sein Brüllen alle Welt erschreckt. Der wirkliche Befehlshaber ist der Freund und Bruder und — der Meister der Menschen. Und wenn seine Kraft es befiehlt und er hineinhaut in die Tasten, so müssen sie aufjauchzen und jubeln vor Begeisterung, hingerissen in den Tod wie hingerissen in das Leben.«

Thomas Vanderwelt horchte noch immer auf ihr Spiel.

»Fräulein Freydag — wenn man aber das Leben nur als ein belustigendes Zwischenspiel ansieht, das es in Wirklichkeit ist? —«

»Dann würde ich Ihnen raten: spielen Sie mit, Thomas, damit es ernsthaft wird und den Einsatz lohnt.«

Sie brach ab und machte ihm Platz.

»Nur Zaungäste drücken sich, wenn Zahlung verlangt wird. Sie, Thomas Vanderwelt, werden sich nicht lumpen lassen.«

Und der junge Mensch begann. Mit einer müden Weltüberwundenheit, die seinem Spiel die Marke der Ungewöhnlichkeit aufdrücken sollte, mit leichtspöttischen Betonungen der Gefühlswelt, bis ihm Angela Freydags stählerner Zuruf wie eine Klinge in die selbstgefällige Auslage fuhr und ihn zum Kampfe mit sich selber zwang. Ihre Hände packten seine Handgelenke, spielten mit ihm einen Satz, einen Lauf nach ihrem Willen, bis der Wille auf ihn übersprang und ihn das Ende selber finden ließ in aufgerüttelter Selbstbesinnung.

»Thomas, sich nicht selber aufgeben! Spott ist die Waffe der Schlachtenbummler. Nur ganz große Vorbilder dürfen sich den Spott erlauben, und sie tun es nur bei geistigen Müßiggängern, wenn die Güte versagt. Finden Sie sich selber, Thomas.«

Dann kam es wohl, daß ihr der junge Mensch beschämt die Hand küßte.

Im fortschreitenden Frühling nahm Kornelius Vanderwelt sie des öfteren mit auf seine Hafenfahrten. Zusammengerafft hielt sie sich neben ihm im Boot, in gesteigertem Bemühen, jedes seiner Worte zu verstehen, jedes Bild sofort mit seinen Augen zu erfassen. Dort kreischten die Krane unter ihren Lasten, und es war Musik. Dort donnerten die Kipper stäubende Wagenladungen in die Kähne, und es war wieder Musik. Dort wanden sich die Schiffszüge aus den Hafenbecken, dort rauschten sie in ununterbrochenen Reihen gen Holland zu Tal oder gen Mannheim zu Berg, und alles, alles wurde zur Musik; und zur geheimnisvollsten und darum feierlichsten Musik das Gewerbe der Menschen, der winzigen, schwarzen, durch ihre Beseeltheit ruhelosen Blutkörper der Erde. Und hingerissen starrte sie auf die Riesenleistungen dieser Zwergenmenschen, auf die keuchenden Schlote der Stahlwerke, auf die Höllengluten ausspeiender Hochöfen, die selbst dem Himmel ihre Farben aufzwangen.

Und Kornelius Vanderwelt sprach zu ihr, wenn seine heißen Augen über die erregten Bilder glitten: »Es kann Musik sein, wenn es mehr wird als Erregung. Aber in sich selber haben muß man die Musik, sonst bleibt das alles Tagesmühen und Hinüberfristen von einem Tag in den anderen.«

»Nein, das lohnte nicht das Leben,« stieß sie heraus. »Irgendwo muß ein Preis sein.«

»Die meisten Mitmenschen glauben, ihr steigendes Bankguthaben sei der Preis. Ich meine, es müsse das steigende Guthaben am Leben sein. Hei, du Leben, du bist mir einen Ehrenbecher schuldig, weil mich mein Schöpferwerk durstiger gemacht hat als die Zuschauer! Oder dies Leben ist ein Schwindelunternehmen.«

»Nein,« hastete sie hervor, »das ist es nicht! Ich habe den Mut, daran zu glauben.«

Er legte den Arm um ihre Schulter, und seine Blicke entspannten sich. —

Oft und öfter sprach er mit ihr über seine Planungen und Unternehmungen, und wenn sie ihm auch nicht zu antworten wußte, so wußte sie doch aufzuhorchen und mit jeder Welle ihres Daseins in ihn hineinzugleiten, daß er es wie einen belebenden Strom empfand.

»Engel,« sagte er, »ich spüre Sie als Anspannung und Entspannung in eins. In Ihnen ist die echte Mischung der Frau.«

Schon lange legte er den Arm um ihre Schulter, wenn sie bei Sonne oder Wind im Boote standen und die Antriebmaschine die Bootsstirn pfeilschnell durch das Wasser drückte. Es war keine Verwunderung in ihr hochgekommen, nicht beim erstenmal und nicht, als die Wiederholung Gewöhnung wurde. Der Arm um ihre Schulter gehörte zu ihr, wie das Atmen zu ihr gehörte und alles Werden und Wachsen.

»Wissen Sie auch, Engel, daß Sie sich nicht nur geistig staunenswert entwickeln, sondern auch körperlich? Das sind die festen Schultern einer Frau geworden, und die Schmächtigkeit hat sich besonnen und blüht auf wie ein kraftvoller Lilienstengel.«

Sie sah an sich hinab, ohne Scheu vor seinen Worten und ohne Beschämung, daß er ihre Körperlichkeit gewahrte. Nur eine Freude stieg in ihr hoch, daß auch hierin ihre Armut sich gewandelt hatte, und sie streckte sich heimlich und prüfend in seiner Armumschlingung, ob ihre Schulter die seine bald erreiche.

Sie fuhren auf dem Rhein, und eine Segeljacht holte vor ihnen auf, legte die Segel um und gehorchte im Bogen dem Steuer. Zwei weiße Mützen schwenkten im Winde, zwei wetterbraune Gesichter schrien ihnen Begrüßungen zu. Rauschend schoß die Segeljacht im Kreise um ihr Boot herum, gewann den Wind zurück und entfloh.

»Justus! Thomas!« schrie Angela Freydag aus vollem Halse, riß ihre Mütze von den Flechten und winkte hinter ihnen drein. »Hei, Herr Vanderwelt, Ihre Jungens! In jeder Wendung Schiffer von Geblüt!«

Aufmerksam hatte Kornelius Vanderwelt jede Bewegung der Segeljacht verfolgt. In den scharf zusammengekniffenen Augen lauerte der Vater und der Seemann.

»Wir hätten sie rammen können, wenn unsere Maschine nicht beizeiten abgestoppt hätte. Der Bootsmann hatte meine Jungen erkannt. Ihre Waghalsigkeit verläßt sich viel zu sehr darauf, daß sie Vanderweltjungen sind. Übrigens verlange ich von meinen Söhnen die Schifferprüfung auf dem Rhein, sobald sie die Schule verlassen haben.«

»Die Schifferprüfung auf dem Rhein?« fragte sie verwundert. »Auch wenn sie einen anderen Beruf wählen?«

»Ein jeder Mensch muß ein Handwerk verstehen. Versagt einmal das Brustschwimmen, so muß man sich mit dem Rückenschwimmen helfen können. Mein Gott, wie oft habe ich auf dem Rücken schwimmen müssen.«

In der Klammer seines Armes sah sie ihn von unten herauf an.

»Lachen Sie nicht, Engel. Helden, die immer siegen, gibt es so wenig, wie Väter, die in der Schule immer oben gesessen haben.«

Da lachte sie, daß seine Schulter gerüttelt und geschüttelt wurde.

»Das Lachen haben Sie mittlerweile auch gelernt, Engel.«

»Ja, ja, ja!« schrie sie in den Wind. »Das Lachen und alles, alles, was uns das Lachen schenkt!«

Seine Hand glitt von ihren Schultern über ihren Arm. Hin und her. Her und hin.

»Ich freue mich, Engel.« —

Jedesmal, wenn sie von gemeinsamer Fahrt heimgekehrt waren, empfand es Kornelius Vanderwelt, daß Angela Freydags Spiel in die Tiefe wuchs, um den Höhenweg zu nehmen. Dann war ein Ringen in ihr um die letzte Befreiung, um den letzten sieghaften Ansprung ins Licht. Jeden Morgen hindurch, wenn die Schüler das Haus verlassen hatten, saß sie am Flügel, stundenlangen, nimmermüden Fingerübungen hingegeben, in einer Selbstbeobachtung bis ins Schmerzhafte, in einer Selbstzucht, die das geringste zum bedeutungsvollen erhob.

»Sie übertreiben, Engel,« verwarnte sie Kornelius Vanderwelt, als er an einem Mittag vor der Zeit heimgekehrt war und lauschend in der Tür gestanden hatte. »Das halten die Nerven keines Menschen aus. Weshalb also?«

»Ich muß mein eigner Lehrer sein. Wenn der Schüler Pause machen will, greift der Lehrer ein und läßt wiederholen.«

Kornelius Vanderwelt ließ lange seinen Blick auf der zähen Kämpferin am Flügel ruhen.

»Ich weiß Sie ungern draußen allein, Engel. Es ist ganz gewiß ein gut Teil Selbstsucht dabei. Ein Mann meiner Anschauungsart ist nun einmal selbstsüchtiger, als die vielen, die sich nur von der Abwechslung Wunder versprechen. Na, schon gut. Keine rührsame Tünche darüber gestrichen. Sie werden von heute an jede Woche einmal nach Köln fahren und Ihrem Professor vorspielen. Zur letzten Überfeilung. Denn eine Künstlerin sind Sie heute schon.«

Ihr Spiel brach ab. Ihr Gesicht wandte sich, schneeweiß geworden, ihm zu. Ihre Augen leuchteten bis in die Tiefe.

»So sehr erfreut Sie die Aussicht, aus dem Käfig heraus und nach Köln zu kommen?«

»Ihretwegen — Ihretwegen!« stieß sie heraus. »Dann ist es kein Käfig mehr, in dem Sie mich sitzen sehen. Dann werde ich vor Ihren Augen fliegen können, ach, überall hin, wo Sie mich sehen wollen, und brauche nicht mehr hinterdreinzulaufen und Sie mit mir aufzuhalten, wenn Sie große Schritte machen möchten.«

»Ist das nun alles Unbewußtheit?« fragte er zögernd und strich über ihr Haar.

Sie aber verstand den Sinn der Frage nicht und blickte ihm, wie eine Schülerin dem Lehrer, nach den Augen. Und seine Brust, durch die der Zweifel gerieselt war, tat plötzlich so tiefe Atemzüge, als müßte bis in die Fugen reingefegt werden, was etwa sich einzunisten willens gewesen wäre.

»Geben Sie mir den Namen Ihres Professors. Ich werde den Herrn an den Fernsprecher rufen lassen und mit ihm die Stunden verabreden. Sie können dann, wenn alles nach Wunsch geht, schon morgen fahren.«

Wohl verstand es das leidenschaftliche Wesen Kornelius Vanderwelts wie überall, so auch hier, seinen Wünschen Geltung und Erfüllung zu verschaffen. Und doch dehnte sich ihm der nächste Tag, an dem Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln gefahren war, zu einer schier unerträglichen Länge, und eine verschwommene Leere in ihm hinderte so stark seine Arbeitslust, daß er zum ersten Male sein befehlshaberisches Wünschen mit einer Verwünschung bedachte. Um die Mittagstunde ging er nicht heim. Weit hinaus auf die Landstraße zwischen der silbrigen Ruhr und den frühlingssaftigen Wäldern mußte ihn der Wagen entführen, und als er zum Abend sein Geschäftshaus verließ und es immer noch eine Stunde währte, bis die Eisenbahn Angela Freydag von ihrem Ausflug zurückbringen konnte, fand er sich alter und lange nicht geübter Gewohnheit gemäß durch das Gassengewirr des Hafenviertels schlendern und das Wirtshausschild ›Zu den fünf Erdteilen‹ buchstabieren.

Er lachte dröhnend, als er unverzüglich den Matthes hervorstürzen sah wie den Sperber auf die Beute.

»Gute Brise, was, alter Seeräuber?«

»Einen Augenblick nur. Bitte sich nur für einen kleinen Augenblick hereinzubemühen, Herr Vanderwelt.«

»Ne, mein braver Matthes, kapern ist nicht. Ich danke Gott, daß ich das Gift aus Ihrer Bude wieder ausgeschwitzt habe.«

»Es handelt sich nicht um das Gift, Herr Vanderwelt, es handelt sich um die Bude selbst.«

»Rauscht der Pleitegeier?« fragte Kornelius Vanderwelt und folgte dem Bittsteller ein paar Schritte in den Hausgang.

»Herr Vanderwelt,« begann der Matthes und verschleppte seinen hohen Gastfreund in den stillsten Winkel, »daß die ›Fünf Erdteile‹ im Begriff sind, sich bis auf die Ratten zu entvölkern, ist nicht meine Schuld, denn Küche und Keller sind nach wie vor prima. Tut mir leid, es geraderaus sagen zu müssen, daß es alleinig die Schuld des Herrn Vanderwelt ist.«

»Matthes, Sie haben wohl einen Rausch? Seit länger als einem halben Jahr habe ich keinen Schritt in Ihren Feenpalast getan.«

»Dat is et ja eben,« folgerte der Mann. »Dat is et, wat ich zur Entschuldigung meiner Wirtschaft hören wollt'. Als hätten Sie dat Haus durch Ihr plötzlich Wegbleiben in den Verruf getan, genau so is et. Da haben sich die Leute gesagt, der Herr Vanderwelt bevorzugt jetzt gewiß en noch viel doller Wirtshaus, un haben rund herum gesucht, un der eine is hier und der andere da auf eine Sandbank geraten oder in der Kreide hängen geblieben, un die Mehrzahl im ›König von Portugal‹, der flottere Betriebsgelder hat. Daher, mein ich, wär et nich mehr als recht un billig, Herr Vanderwelt —«

»— daß ich als stiller Teilhaber an den ›Fünf Erdteilen‹ einträte? Ne, verehrter Freund, das liegt mir nun doch nicht.«

»Herr Vanderwelt, lumpige fünfundzwanzigtausend Mark auf Grundverschreibung. Ich lass' dafür dat Besitzerrecht an den Kasten auf Ihren Namen schreiben.«

»Sie haben doch irgendwo eine Tochter mit einem kleinen Mädchen wohnen, Matthes. Denken Sie daran.«

»Nix da. Sie is mir aus dem Haus gelaufen, weil et ihr in den ›Fünf Erdteilen‹ nich anständig genug schien, viel anständiger aber, im feinen Düsseldorf ein Kind ohne Vatersnamen zu kriegen. Reden wir von unseren Geschäften, Herr Vanderwelt.«

Und plötzlich sah Kornelius Vanderwelt eine regendurchwühlte Herbstnacht vor sich und sah ein anderes herumgehetztes Mädchen dasselbe Haus verlassen, das ihr nicht anständig genug erschien, und in ihm schrie eine Stimme auf: »Angela! Angela Freydag!« als müßte er sie heute noch vor dem Hause hüten.

Des Wirtes Augen hatten die jähe Veränderung in des Gastes Minen sofort erspäht. Blitzschnell setzte er seinen Trumpf aufs Geratewohl. »Herr Vanderwelt, ich habe auch nach dem letztenmal, wo ich die Ehre hatte, et Maul gehalten, selbst vor meiner Frau, und hätt' mich aus alter Seekameradschaft eher totschlagen lassen, als —«

Kornelius Vanderwelt winkte gelassen ab. Aber er spürte dabei, daß er den rascher werdenden Atem bändigen mußte.

»Mit solchen Albernheiten erreichen Sie bei mir nichts, Matthes. Wenn ich Ihnen aus Ihrer verdammten Patsche helfe, so geschieht es, weil Sie die alte Seekameradschaft anrufen und die Schiffsjungen vom Rhein sich über den trockengelegten Seebären nicht halbtot lachen sollen. Nur deshalb will ich auf den Handel eingehen und meinen Namen auf Ihr Haus eintragen lassen. Kommen Sie morgen mit Ihren Papieren ins Kontor. Die Bude ist knapp die Hälfte wert, und der Teufel täte ein gutes Werk, wenn er sie heute statt morgen holte.«

Er zog hastig die Uhr.

»Ich habe keine Zeit mehr. Na, nun legen Sie wohl auf Fortsetzung unserer stillen Zwiesprache selber keinen Wert.«

»Herr Vanderwelt,« schwor der Matthes, »Herr Vanderwelt, dat kann nu kommen wie et will, zart oder rauh oder aus det Deubels Kochgeschirr: Der Mann hier gehört Ihnen.«

Kornelius Vanderwelt schritt schnellsten Schrittes durch die Gassen, querte den Hafendamm und erreichte sein Haus, wo er den Wagen hatte halten lassen. »Los, Wilm. Zum Bahnhof Duisburg.« Der Wagenschlag klappte zu. Der Wagen wand sich durch die Straßen, brauste über die Brücken, gewann die Duisburger Innenstadt und erreichte den Hauptbahnhof, als der Kölner Zug einlief und die Reisenden durch die Sperre auf den Platz hinaustraten.

Kornelius Vanderwelt saß im Wagen, ohne sich zu regen, und spähte durch die Scheiben in den Abend. Da war sie. So aufgereckt und mit dem Blick in die Weite ging nur Angela Freydag. Würde sie — würde sie insgeheim hoffen, ihn hier vorzufinden? Jetzt schweifte ihr Blick für Sekundenlänge ab. Über den Platz hin. Über die harrenden Wagen. Und schon hatte er den Schlag geöffnet, und sie huschte zu ihm hinein und saß an seiner Seite.

»Los, Wilm. Nach Hause.«

Sie drückte fröhlich seine Hand, und er entzog sie ihr.

»Lassen Sie mal fühlen, Engel, ob Sie auch heil geblieben sind. Ein Unfug, so ein Ding allein reisen zu lassen.«

Und seine Hand glitt über ihr Haar und über ihre Wangen, glitt über Schultern, Arme und Rücken und blieb unter ihrem Herzen liegen. Sie schloß die Augen, öffnete sie und lachte ihn an.

»Es war so schön — es war so schön ... Der Professor hat gestaunt, und ich wollt', Sie wären dabei gewesen!«

»So, das haben Sie gewollt? Und gewußt haben Sie auch, daß ich Sie vom Bahnhof holte?«

Sie lehnte mit der Zutraulichkeit eines Kindes in seinem Arm. So hingegeben und so sicher.

»Gewußt nicht. Aber — aber — jetzt werden Sie mich gleich auslachen — aber — heimlich gewünscht.«

»Weshalb denn nur, Engel? In zehn Minuten wären Sie auch ohne mich zu Hause gewesen.«

»Weil ich besser aus mir heraus sprechen kann, wenn ich mit Ihnen allein bin. Weil die anderen glauben könnten, ich lobte mich selber, wenn ich erzählen sollte. Und doch muß ich Ihnen — Ihnen alles, alles hersagen, was der Professor gesagt, nein, was für Augen er gemacht hat. So große Augen — so! Und daß ich zu einer überraschenden Höhe herangereift wäre und bei Nichtnachlassen eine Künstlerlaufbahn vor mir haben würde wie wenige nur. Ach, und Sie allein, Sie allein sind schuld daran.«

Und Kornelius Vanderwelt dachte: Soeben sollte ich die Schuld tragen am Zusammenbruch des Matthes, und jetzt soll mein die Schuld sein an der Auferstehung dieses Mädchengeistes.

»Weiter, Engel, erzählen Sie weiter. Ich freue mich ja, als sollte ich selber auf die Bühne.«

Und sie erzählte und erzählte, wie aus einem Rausch heraus, ihr Wiedersehen mit dem Professor, sein Staunen über ihr gereiftes Aussehen, sein größeres Staunen über ihr gereiftes Spiel, und was sie gespielt und wie sie es aufgefaßt hätte und wo und wie der Professor eingegriffen und die Feile angelegt hätte. In immer neuen Abwandlungen.

Kornelius Vanderwelt horchte nur noch auf den tanzenden Herzschlag dicht über seiner Hand. Er brauchte den Laut der begleitenden Worte nicht. Diesen tanzenden und jagenden Herzschlag verstand er aus seinem eigenen Blut heraus.

Woche um Woche fuhr Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln, holte sie Kornelius Vanderwelt vom Duisburger Bahnhof, und er fühlte ihr Herz immer leidenschaftlicher und stärker schlagen.

In der Nacht wachte er auf, als weckte ihn dieser ungestüme Herzschlag aus einem Traum. Und der Gedanke quälte ihn: Ist es das Erwachen der Künstlerin oder das Erwachen des Weibes?

Nein! Nur jetzt nicht mit selbstsüchtiger Hand in die Entwicklung eingreifen. Keine Sünde gegen den heiligen Geist. Aber mehr als je nahm er sie mit sich auf seinen Erholungsfahrten, und der Sommer kochte über den Ruhrwiesen und die Wälder zitterten im Spiel der grüngoldenen Lichter und der violetten Schatten. Dann stiegen sie aus und gingen den Lichtern nach und hörten im Walde den Sommer so hoch und leise singen wie eine junge Frau, die ihre Mutterstunde nahen fühlt. Und sie nannten es das Lied des Sommers.

Woche um Woche gingen sie durch den Wald und durch den Sommer, und nie ging sie anders als in seinem Arm, und seine Hand streichelte über sie hin, als formte sie den neuen Menschen, wie seine Worte den neuen Menschen wachgestreichelt hatten. Wenn seine Hand auf ihrer Hüfte ruhte, war ihm bei jedem ihrer Schritte, als ginge sie aus seiner Hand hervor, als seine Schöpfung, als Teil seiner selbst, und die Schöpferfreude wurde so übermächtig in ihm, daß sie ihm das Wort verschlug und sie stundenlang wortlos wanderten und doch einer vom anderen durchpulst und durchblutet.

Wie kommt es, fragte sich Kornelius Vanderwelt in solchen Stunden, daß man die eigenen Kinder nicht so zu formen vermag wie diese Blutsfremde? Weil sie schon das Blut des Vaters in sich tragen und diese nicht? Weil sich dies Blut schon von dem Blute der Mutter verwirren und von den Blutsbahnen des Vaters abzweigen läßt in lockende Nebenpfade, und diese hier nichts von mir hat als den Glauben? Kann Blut allein Kindschaft bedeuten, oder muß erst die Wesenseinheit von hüben und drüben durchblutet sein?

Und wieder streichelte er über sie hin, als müßte jede Form seiner, nur seiner Hand entspringen und ins Leben hineinblühen wie beseligte Sommermärchen.

»Engel, sprechen Sie ein Wort. Ich möchte an Ihrer Stimme hören, ob wir wachen oder träumen.«

Sie schüttelte den Kopf und schmiegte sich nur fester in die Form.

So schritten sie durch den Sommer, und das Werk wurde wie der Meister, und der Meister wurde sein Werk. —

Kein Herbst wollte kommen, so glühte die Sonne dieses Jahres in den September, in den Oktober hinein. Der Wasserstand des Rheines senkte sich bis auf die Riffe und Bänke im Strombett, und die Schiffer schauten so sehnsüchtig nach dem westlichen Himmel, als wollten sie die Wolken mit den Augen heranziehen und zur Entladung bringen. Auf den Menschen des Ruhrorter Hafengebietes lagerte ein Druck. Die geschäftlichen Sorgen sprangen über Nacht in den Tag und zerrten an den Nerven der eisenfesten Männer.

Öfter als bisher mußte Kornelius Vanderwelt auf seine mittäglichen Entspannungsfahrten Verzicht leisten, um die Stunden zu nützen, das Rad im Schwung zu halten, um Frachtenkähne ausfindig zu machen, die durch leichtere Bauart und geringeren Tiefgang die Flachwasser zu überwinden vermochten, um in langwierigen Darlegungen die Verfrachter zu bestimmen, dem drängenden Bedarf bei dem geringen Angebot und der erhöhten Verlustgefahr der Schiffer durch emporschnellende Frachtsätze Abfluß zu schaffen. Die großen Kahneigner fluchten, denn die Kleinschiffer, die ›Partikuliers‹, schöpften den Rahm von der Milch, wurden breitspurig im Gefühl ihrer Unersetzlichkeit und bereiteten durch ihre hochgeschraubten Forderungen selbst ihrem Freund und Gönner Vanderwelt Stunden des heiligen Zornes.

»Dat geht reihum, Herr Vanderwelt. Un wer den Breilöffel glücklich in die Finger kriegt, muß sorgen, dat er sich den Bauch gründlich vollschlägt.«

Das war eine Beweisführung, die in Kornelius Vanderwelts Anschauungsart ein lachendes Echo fand, und er half den Blinden und Lahmen zum Hochzeitsmahl.

Der heißeste Tag des Oktobers kam, und die Sonne brannte wie im August. Die Schulen hatten Spätherbstferien angetreten, und die Vanderweltskinder nutzten sie aus bei Freundesfamilien in Rotterdam. Fräulein Bilsenbach war im herbstlichen Hausputz unsichtbar geworden und Angela Freydag übrig geblieben, schlaff und schwerblütig durch die Ungewöhnlichkeit der Witterung.

»Heute hol' ich sie. Es mag biegen oder brechen,« sagte Kornelius Vanderwelt. Und in der Mittagsstunde holte er sie. Auf die Landstraße hinaus, auf der sie vor Jahr und Tag den Fahrer angerufen und den Führer gefunden hatte. In den Wald, in dem die grüngoldenen Märchenwunder purpurrote Gewänder übergestreift hatten.

Sie gingen wie sonst, einer in den anderen versenkt. Doch Angela Freydags Gang war heute schwerer und langsamer.

»Was ist Ihnen, Engel?«

»Ich weiß es nicht.«

»Zeigen Sie mal Ihre Augen her. Darin wetterleuchtet es ja. Sitzt die Wölfin wieder drin und möchte anspringen? Weshalb?«

»Weil Sie mich so hungrig machen.«

»Ich — Sie? Auf was denn, Mädchen?«

»Auf was —? Ach — auf was — —?«

Brausend bogen sich die Wipfel. Ein Sturmstoß pfiff gellend hindurch, daß sich die Wanderer gegen ihn stemmen und sich aneinander halten mußten. Am Himmel trieb eine Wolke heran, lastete ungefüge über dem Wald, erdrückte das Licht und verdunkelte Weg und Steg.

Der wetterkundige Mann schreckte auf. Seine Augen waren auf Wind und Wolke gerichtet.

»Ein Unwetter, Engel! Das ist Sommers Ende! Aber herrlich wird er Abschied nehmen. Geben Sie acht.«

Grell fuhr ihnen ein Blitz in die Augen. Sein Widerschein tauchte den tiefschwarzen Himmel in aufschreiende Lohe. Krachend fuhr der Donnerschlag hinterdrein. Und die Wolke zerbarst wie ein zerschmettertes Glas, und Wasserwogen rauschten nieder, überstürzten sich, rissen das Geäst in Fetzen, zerpeitschten, was ihnen im Wege war.

»Engel! Arme um meinen Hals! Festhalten! Ist das nicht schön?«

»Schön! schön! schön!«

»Engel! was ist mit Ihnen? Sie zerfließen mir unter den Händen!«

»Wohl ist mir! Ach, so wohl!«

Er sprach kein Wort mehr. Er fühlte ihre Haut unter seinen Händen, ihre kühle, nackte, regenzerpeitschte Haut. Von Wolkenbruchgewalten hinweggefegt wie Spinngeweb war das schleierdünne Oberkleid, und ein wilder Jubel von Urvätern her sprang in sein Blut und lachte in seinen Augen über die schlohweiße Seemannsbeute.

Und jäh wie das Wetter gekommen war, vertobte es und schwieg.

Angela Freydags wirre Augen starrten auf die Nacktheit der Schultern, der Mädchenbrust. Sie suchten das Kleid und fanden nur Fetzen. Ihre Hände lösten sich von seinem Halse, hoben sich nach dem Haupte, griffen in die Flechten und rissen das regennasse Haar herunter, um es über die Brüste zu schlagen.

»Laß das! Laß das! Ich rühr' dich nicht an!«

»Oh — — —!«

Ganz hell und hoch kam der Ton. Wie ein aufseufzender Geigenstrich von fernher.

»Ich rühr dich nicht an ... Aber in mich hineintrinken will ich das, in mich hineintrinken, daß es mir für Zeit und Ewigkeit gehört. — — — Jetzt kannst du mir in dieser und jener Welt nicht mehr verloren gehen.«

Ganz aufrecht hielt sie sich, den Kopf im Nacken. Und schloß erst die Augen, als sie das aufsteigende Blut in den Schläfen fühlte.

»Ich danke dir,« sagte er. Und hastig zog er seinen Rock aus, warf ihn über ihre Schultern und knöpfte ihn über ihrer Brust und unter ihrem Halse zusammen.

»Und wenn's nur ein Waldmensch wäre, der nach deiner weißen Schönheit schielte. Mit einem Ziegelstein schlüge ich den Menschen tot, und wenn ich bis Australien ihm nach müßte.«

Da hob sie die Arme hoch, und wieder kam der ganz hohe und helle Ton aus ihrer Kehle wie ein aufseufzender Geigenstrich von fernher, und sie warf die Arme um seinen Nacken, riß seinen Kopf an sich und preßte ihre Lippen auf seinen Mund, atemlos.

»Du — du — du —! Ach, du — — —!«

Und er wußte nichts zu erwidern, als das gleiche: »Du — du —! Ach, deine Lippen — — —!«

Ihre Wangen brannten, und ihr Leib schreckte vor Frost. Er umfing sie fester und lief mit ihr, um sie zu erwärmen, vor dem Winde durch den Wald, bis sie den Wagen erreichten. Und während der Wagen die Landstraße dahinbrauste, lag ihr Kopf an seiner Brust, und das Auge des einen suchte im Antlitz des anderen.

»Dein Mund, dein Mund, Engel ... wie der rote Spalt eines Granatapfels.«

»Deine Augen, deine Augen, du ... so glühend sind sie und so zärtlich sind sie, und ich muß sie lieben.«

»Dein Leib, Engel, und deine Seele, Engel ... Marmorschale und Myrrhenduft, und ich muß beides lieben.«

Und der eine langte nach dem anderen, daß die Lippen sich küßten — sich küßten — —

So aufrecht wie immer war sie aus dem Wagen gestiegen, hatte sie ihr Zimmer aufgesucht. Als Kornelius Vanderwelt am Abend nach Fräulein Freydag fragte, hörte er, daß sie sich frühzeitig zu Bett begeben habe. Er schritt die Treppen hinauf, pochte leise an ihre Zimmertür und rief: »Gute Nacht!« — Und wie ein Echo kam ihm »Gute Nacht!« zurück.

Früher als sonst suchte er am Morgen sein Geschäftshaus auf. Er wollte den Nachmittag für sich gewinnen. Und kehrte heim und fand Angela Freydag nicht mehr in seinem Hause.

»Haben Sie vergessen, Herr Vanderwelt, daß Fräulein Freydag abreisen mußte? Fräulein Freydag sagte, Sie wüßten es schon.«

Er nickte dem alten Fräulein zu, ging in sein Zimmer und nahm vom Arbeitstisch ihren Abschiedsbrief.

»Lieber, liebster Mann, ich gehe. Bliebe ich, so würde ich in wilder Hingabe zerbrechen, denn so liebe ich Dich. Und Du würdest ärmer an mir werden statt reicher. Ich aber will an Deiner Seite schreiten können im gleichen Schritt und Tritt, ebenbürtig Dir als Genossin Deiner Liebe und Deiner Kämpfe. Laß mich draußen durch meine Kunst ich selbst werden, und dann laß mich wiederkommen als Starke zum Starken. Deine Angela.«

Eine Stunde darauf senkte Kornelius Vanderwelt den Brief in Angela Freydags Reisetasche und verschloß beides.