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Kornelius Vanderwelts Gefährtin cover

Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Chapter 6: 5
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About This Book

Ein Mann mittleren Alters, Kornelius Vanderwelt, begegnet einem jungen Mädchen, das zu Fuß nach Ruhrort will; er nimmt sie in seinen Wagen, und im Verlauf der Fahrt entsteht ein Wechselspiel aus neckischem Gespräch, unterschwelliger Spannung und genauen Beobachtungen zu Aussehen und Haltung. Die Erzählung verbindet präzise Landschafts- und Personenbeschreibungen mit ironischer Selbstinszenierung, erkundet Machtverhältnisse, Begierde und Schutzbedürftigkeit und verwendet die Flusslandschaft und herbstliche Natur als dichte, atmosphärische Kulisse.

5

Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Im Frühling woben die Wälder grüne Schleier von Wipfel zu Wipfel und Blumenranken in die Teppiche der Wiesen. Im Sommer tanzten die Sonnengluten auf feurigen Schuhen über den Ährenfeldern. Im Herbst lief der Wind durch die Stoppeln, kletterte von Baumgeäst zu Baumgeäst und fegte das welke Laub. Und im Winter fiel Tage und Nächte der Schnee, klirrte der Frost in Luft und Gewässer, wandelte sich Eis und Schnee in Schmutz und Wüstenei, bis wieder die Reihe an den Frühling kam und das ewige Spiel von neuem begann.

Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Und wenn die Menschen wähnten, den Lenzwind wie ein seliges Lächeln deuten zu müssen und die Winterstürme der Tag- und Nachtgleiche wie ein drohendes Fratzengesicht, Kornelius Vanderwelt hatte weder Deutung für das eine noch für das andere und ließ die Sonne scheinen wie sie wollte und mußte und die Stürme über die Wasser brausen wie sie sollten und mochten. Der Wechsel der Jahreszeiten war für ihn zum Einerlei geworden, ihre Zauberkünstlerüberraschungen nicht wert, den Puls des Blutes um einen Schlag zu steigern, und selbst die großen Lebensfragen der Arbeit schieden mit ihren Spannungen allmählich für ihn aus, weil es für ihn eine Selbstverständlichkeit wurde, daß der Rhein zu Zeiten hohes und zu anderen Zeiten niederes Wasser führte.

Nicht, daß Kornelius Vanderwelt in Arbeitskraft und Arbeitsleistung nachgelassen hätte. Er griff an, kämpfte im zähen Kampfe und siegte wie bisher. Aber er tat es aus der Gewohnheit heraus, seiner Kämpfernatur zum alten Rechte zu verhelfen, nicht, weil ihm die Siegerfreude die Adern zum Springen bringen wollte. Die Freude war aus Kornelius Vanderwelts Leben und Streben hinausgewichen.

War sie an dem Tage gegangen, an dem Angela Freydag ging?

Oft grübelte er dem Gedanken nach, oft mitten in der Arbeit, wenn es sich um einen großen Schlag und um schnelle Entschlüsse handelte, oft in der lastenden Feierabendstille, wenn er in seinem Musikzimmer saß, den Kopf auf die Hände gestützt und die Arme auf den Deckel des verstummten Flügels.

War sie die einzige in seinem Leben gewesen oder eine Ziffer in einer Zahl?

Dann gebot er den Gesichten und lud die Frauen vor seinen geschlossenen Blick, die er geliebt hatte für die Dauer heißer Stunden oder die Dauer noch heißerer Jahre. Schemen flatterten vor ihm auf und zerflatterten. Körperlichkeiten, die sich in nichts anderem zu erfüllen gehabt hatten, als den heißen Stunden Fleisch und Blut zu geben und mit ihnen zu vergehen. Die eigene, leidenschaftlich bewegte und erregte Frau wuchs vor seinen Augen auf, die ihm die Kinder geboren hatte und doch nur ihn beschenken wollte bei Tag und bei Nacht. Aufstöhnend wühlten seine Gedanken in ihrer Schönheit und griffen in nichts.

Weshalb? Weshalb? War die Vergänglichkeit schneller oder die Liebe —?

Kornelius Vanderwelt hob den Kopf. Er öffnete weit und starr die geschlossenen Augen.

Liebe ...?

Hatte ihn ein Ton gerufen, ein ganz hoher und heller, irgendwoher —?

Er erhob sich und ging dem Tone nach, bis seine Stirn gegen das Fenster stieß. Er merkte es nicht. Seine Augen suchten in der Ferne, sein Gehör verfeinerte sich, alle seine Sinne waren angespannt.

Liebe ...? Ist Liebe ein Wühlen in der Schönheit und Leidenschaft, ein Jauchzen im Besitz, ein Verschenken und Wiederverschenken von einem zum anderen? Narrheit, Knabennarrheit! Was ist es denn? Was denn? Die Liebe — ach, ich bin es selbst! Ich selbst bin die Liebe! Und was Du mir bringst, Geliebte, ist ein Teil von mir, gehört zu mir, wie das eine Auge zum anderen, die eine Hand zur anderen gehört. Wie kann ich mir schenken lassen, was mein ist, wie kann ich dir schenken wollen, was dein ist? Ich bin das eine Auge und du bist das andere. Ich bin der eine Blutstropfen und du bist der andere, und zusammen sind wir der eine und einzige Blutstrom unseres Lebens. Verbluten muß, wer dem anderen nicht gibt, was ihm zum Atmen und Leben gebührt. Denn du bist ein Teil meiner Kraft, wie ich ein Teil der deinen bin. Zwillingsblütler sind wir am Zweigeschlechterbaum und müßten verdorren, wenn wir nicht mehr aus derselben Wurzel trinken. Angela! Angela Freydag! Du wie ich! Denn nur vereint sind wir ein Mann oder ein Weib. Sind wir wir selbst — durch den Drang unserer Liebe, die den einen gleich dem anderen befruchtet.

Angela. Angela Freydag. Du warst nicht die einzige Frau in meinem Leben und doch keine Ziffer in der Zahl. Du warst ich, der Teil von mir, den ich lieben muß wie das göttlichste Geheimnis. Wie ich dich sprechen höre, aus Fernen heraus: »Und du bist ich, seit Gott den Menschen schuf und Mann und Frau aus einem Gebilde. Du, Geliebtester, bist Angela Freydag, und ich, deine Geliebteste, bin Kornelius Vanderwelt.«

Angela! So schreit mein Blut nach meinem eigenen Blute, wenn es nach dir schreit. — —

Nur noch ein Einerlei waren für Kornelius Vanderwelt die Jahre, die auf und nieder tauchten. Geschäft, Schifferbörse, Erziehung der Kinder wurde von ihm nach des Tages Gebot und Bedarf geregelt und gemeistert. Die Söhne durchliefen die Schule, bestanden die Reifeprüfung leichthin. Im Korpsleben Bonns fühlte sich der stolze Justus Vanderwelt, der Student der Rechte, wohler als in den geschäftlich abgesteckten Grenzen Ruhrorts. Auf der Handelshochschule zu Köln wurden dem zu früh gereiften Thomas Vanderwelt genug der Einblicke ins Leben, um seiner Zweifelsucht den Schein der Weltweisheit zu verleihen.

Und nun war auch Juliane Vanderwelt, sechzehnjährig, in eine Erziehungsanstalt der französischen Schweiz abgereist, mit der festen Vorberechnung, dort Dame und nichts als Dame zu werden.

Es war einsam geworden in dem lebhaften Vanderwelthaus, und alles Laute hatte sich in Stille verkehrt.

Das alte Fräulein Bilsenbach ging wie ein Geist durch die Räume, immer bemüht, jedes Geräusch, selbst das Geräusch ihres eigenen Schrittes von dem ernstgewordenen Hausherrn fernzuhalten und nicht den geringsten Grund zu einer Rüge aufkommen zu lassen. So lieb diese Vorsorge Kornelius Vanderwelt im Anfang war, so stark rissen die altjüngferlichen Übertreibungen auf die Dauer an seinen Nerven. Wenn er, aufschauend, ihren schwarzen Schatten durch das Zimmer huschen sah, die Hand bittend erhoben, sie nicht zu bemerken, wenn er im Nebenzimmer das Wispern und Flüstern vernahm, mit dem sie den Hausangestellten ihre Anordnungen erteilte, so mußte er krampfhaft an sich halten, um nicht mit einem Matrosenfluche hineinzuwettern, nur um diese lawendelduftende Krankenhausluft zu säubern und aufzufrischen.

»Himmel und Hölle, Fräulein Bilsenbach, ist ein Totes im Hause?«

»Gott möge uns vor dem Unglück bewahren, Herr Vanderwelt. Wie kommen Sie nur auf so Schreckliches?«

»Oder halten Sie mich für einen Geisteskranken oder einen Kindischgewordenen?«

»Weshalb — weshalb denn nur, Herr Vanderwelt? —«

»Weshalb? Weil Sie alles Leben um mich herum zum Schweigen bringen, weil Sie jedem Ding um mich herum einen Trauerflor anhängen, weil — ja, das soll doch der leibhaftige Teufel holen — weil Sie zittern und beben, wenn ich Sie anspreche.«

»Sie sprechen mich ja nicht an, Herr Vanderwelt, Sie schreien mich ja an —«

»Oh! Oh! das nennen Sie schreien? Ich wollt', Sie schrien ebenso, damit diese gottverdammte Filzsohlengeräuschlosigkeit endlich mal wieder einem herzhaften Krach Platz machte. Ach du liebes Elend, nun schwimmen wir mal wieder in Tränen.«

Das alte Fräulein schluchzte in ihr Taschentuch.

»Ich — ich tu hier mein Bestes und ich will ja gar keinen Dank, wenn — wenn Sie nur das Fluchen unterlassen wollten, Herr Vanderwelt.«

»Das Fluchen?« Kornelius Vanderwelt lachte auf wie in seinen frohesten Tagen. »Ach, Sie liebe Unschuld glauben, ich wollte den lieben Gott damit ärgern? Wie ein kleiner Junge hinter dem Herrn Lehrer, der ihm die Hosen vollgehauen hat, ›Fottenhäuer‹ herruft?«

»Herr Vanderwelt — ich bin eine Dame!«

»Entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein Bilsenbach, aber auf Hochdeutsch können selbst Sie das nicht sagen. Na, nun lachen Sie schon. Doch, doch, ich hab's gesehen. Und um auf das Fluchen zurückzukommen — ja wie soll ich das Ihrem zarten Hausfrauensinn beschreiben? Das ist wie ein großes Reinemachen. All der Dreck des Lebens, der sich in einem eingenistet hat und nicht durch Gebet und gute Worte herauszubringen ist, der wird durch ein paar Kraftflüche hinausgeschleudert wie der Lavadreck aus einem Vulkan, und das geläuterte Feuer hat wieder die Oberhand und bereitet den schönsten Gottesgedanken die Wohnung.«

Dann ging das alte Fräulein leise mit dem Kopfe schüttelnd und lautlos wie ein Geist aus dem Zimmer.

In diesem Dunstkreise atme ich, dachte Kornelius Vanderwelt, und er ging wie ein gefangenes Tier im Zwinger ruhelos im Raume auf und ab, auf und ab.

Es war keine Mißachtung der ängstlichen Sorgerin, die in ihm aufkam, es war nur die Abwehr ihrer kleinen Welt, die ihn vorzeitig in Schlafrock und Pantoffeln einlullen wollte, und aus der Abwehr ihrer kleinen Welt wurde eine Abneigung gegen die lautlose Persönlichkeit, die demütig zum Gesangbuch griff, statt einmal, einmal nur zornwütig die Arme gen Himmel zu strecken und hineinzurufen: Auch ich bin ein Gotteskind, ein Erbe, und kein hündischer Sklave!

Und allmählich empfand er die Abneigung fast körperlich.

Das machte ihm den Aufenthalt im Hause mehr und mehr zur Qual, und wenn er die spärlichen Briefe der heranwachsenden Kinder gelesen hatte, wenn die Antworten, streng nach der Eigenart des Einzelnen, verfaßt und abgesandt waren, nahm er Hut und Mantel und durchwanderte das immer mächtiger um sich greifende Hafengebiet, bis er in später Nacht in die Gasse einbog, in der wie ein Eckpfeiler die Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ heraussprang.

Das erste Mal wartete er, bis sich der letzte Gast getrollt hatte und der Matthes den Riegel vorschieben wollte.

»Gut Freund,« murmelte er und ging an dem Erstaunten vorüber in die Kneipstube.

Der Wirt kam eilig hinter ihm hergelaufen, wischte mit der Mütze den Tisch sauber, stemmte sich mit den Fäusten auf die Tischkante und starrte ungläubig auf den Gast.

»Der Herr Kornelius Vanderwelt? Wahr un wahrhaftig der Herr Kornelius Vanderwelt?«

»Soll ich Ihnen vielleicht meine Handschrift über das Maul schreiben, Matthes? Dies Haus gehört bis zum letzten Sparren mir, und ich darf wohl auch des Nachts eine Besichtigung vornehmen.«

Der Matthes, immer noch von der Überraschung bewältigt, schielte ihn in aufkommender Unruhe an.

»Geht es um die Zinsen, Herr Vanderwelt? Sie kriegen sie. Sie kriegen sie auf Ehr' un Gewissen.«

»Ihr ›Ehr' und Gewissen‹ will ich nicht geschenkt haben. Grog will ich, und morgen am Tage laß ich Sie durch den Gerichtsvollzieher auspfänden, wenn es nicht unverschnittener Rum von Jamaika ist.«

Der Matthes stand stramm wie ein berichterstattender Matrose.

»Frisch geschmuggelt vom holländischen Kahn ›Ora et labora‹. Gott soll mich verdammen, wenn Sie den unverfälschten Jamaika nich beim ersten Schluck herausschmecken.«

»Lieber Matthes, machen Sie doch nicht die langen Redensarten.«

Da holte Matthes die kurzbauchige und langhalsige Flasche, wies den unverletzten Siegellack vor und entkorkte sie mit einem schnalzenden Knall. Fragend blickte er auf seinen Gast.

»Ne, mein Junge, ans Schnapssaufen bin ich doch noch nicht gekommen. Kochendes Wasser her. Meinetwegen zwei Gläser statt einem. Wäre ja möglich, daß Sie mittrinken möchten. Schon gut.«

Der kupferne Wasserkessel summelte und surrte auf dem Tisch und stieß den Dampf aus dem gebogenen Hals. Die Groggläser warteten neben der geschmuggelten Flasche aus Jamaika. Und der Matthes schob seine Vierschrötigkeit geräuschlos zwischen den Stühlen und Tischen einher, schloß die Türen, dichtete die Fensterläden und kehrte zu seinem Gast zurück, um den Grog zu mischen.

»Lassen Sie das meine Sorge sein, Matthes. Ich bin der Gastgeber und messe nicht nach Fingerhüten.«

Es wurde ein steifer Grog, den Kornelius Vanderwelt mischte, und der Matthes saß breitbeinig am Tische und tat Bescheid. Ein einsames Licht leuchtete über dem Ecktisch, an dem die Männer hockten.

»Wie geht es Ihrer Frau? Liegt sie schon in den Federn?«

»Der Frau geht's gut. Einer Frau geht's beim Matthes immer gut, wenn sie Order pariert.«

»Begierig, Mann, was Sie darunter verstehen.«

»Nix mehr un nix weniger, als wat ich gesagt hab'. Wenn ich der Herr bin, hat sich die Frau danach zu richten.«

»Verdammt bequem für den Mann. Meinen Sie nicht auch?«

»Frauensleut haben immer Raupen im Kopp. Die müssen 'raus. Reinweg.«

Kornelius Vanderwelt tat einen langen, durstigen Zug. Und sprach weiter, um das Gespräch im Gang zu halten.

»Was sind denn das für Raupen, Matthes? Ihre Frau ist doch die Unterwürfigkeit in Person.«

»Unterwürfig? Eine Frauensperson un unterwürfig? Die möcht' ich sehen. Alles Anstellerei, solange sie spürt, dat sie sich unterm Daumen befindet. Aber lockern Sie den nur mal für ein paar Sekunden, un sie sind hinten un vorne betrogen. Et hat noch kein Frauenzimmer mit Moral im Leib gegeben, solang die Welt steht.«

»Drehen Sie bei, Matthes. Ihre Frau ist die Tugend selbst.«

»En alt Weib hat leicht tugendhaft sein. Dat heißt, ich hätt' ihr auch in jüngeren Jahren nix anderes anraten mögen. So sind wir nu doch nich. Aber ich brauch' nur mal, wat selten vorkommt, en Mittagsschlaf zu halten, un schon schickt sie der verloren gegangenen Tochter un — un deren Krott die Postpakete nach Düsseldorf.«

»Wenn Sie doch wissen, Matthes, daß Ihre Tochter in Düsseldorf wohnt, ist sie doch nicht verloren gegangen.«

»Dat is gut, Herr Vanderwelt. Nich verloren gegangen? Wo sie doch dat Kind ohne Vatersnamen hat?«

»Matthes, soweit mir erinnerlich, war Ihr Mädel auch schon auf der Welt, bevor Sie Hochzeit hielten.«

»Aber sie wurde gehalten, die Hochzeit!« ereiferte sich der Mann. »Un wenn sie nich pünktlicher gehalten wurde, so trifft mich daran keine Schuld, denn ich konnt' doch in den südamerikanischen Gewässern nich wissen, dat et mit der Annemarie in Ruhrort so eilig geworden war. Anständiger Kerl, der man is.«

»Matthes, Ihre Tochter hat auch geglaubt, daß der andere ein anständiger Kerl wär'. Das ist gehauen wie gestochen, und wenn der Liebhaber ein Lump war und das Mädel mit dem Kind im Unglück sitzen ließ, so gibt Ihnen das weiß Gott nicht die Berechtigung, den Tugendengel vorzuspielen.«

»Dat is meine Sache, Herr Vanderwelt. Ich kehr' vor meiner eigenen Tür.«

»Prost, Matthes. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon öfters kehren geholfen hab'. Lassen Sie mich doch, zum Kuckuck, meinen Satz aussprechen. Es ist gewiß nicht schön, daß Ihr Mädel in die Patsche geraten ist. Aber die Eltern vergessen so gern, wie es war, als sie selber drin saßen und jeden für einen Engel Gottes hielten, der ihnen nur den kleinen Finger hinstreckte. Matthes, wenn wir für alles zur Verantwortung gezogen würden, was wir im Leben angestellt haben! Vielleicht kriegt jeder mal die Rechnung. Vielleicht. Jedenfalls können wir sie erst als ›bezahlt‹ beiseite legen, wenn ein Guthaben als Deckung vorhanden war.«

»Ein Guthaben ...« knurrte der Mann. »Is wohl zu hoch für meinen Verstand.«

»Sie verstehen mich ganz gut. Wenn alle Gerechten, die auf Stelzen gehen, Farbe bekennen müßten, gäb' es auf der Welt kaum eine einzige klare Farbe mehr. Also beizeiten heran an das Klärungsverfahren. Und nicht die Nase gerümpft über die, die Unglück hatten, wo die anderen Glück hatten, sondern aufgeholfen. Natürlich bleibt ein Unterschied zwischen einem Unglück und einer Ferkelei.«

Der Matthes erhob sich und guckte in den Wasserkessel.

»Befehlen der Herr Vanderwelt noch eine neue Auflage?«

Kornelius Vanderwelt mischte den zweiten Grog. Er hob sein Glas prüfend gegen das Licht.

»Wir wollen einmal auf Ihre Enkelin anstoßen, Matthes. Wird jetzt schon ein Schulmädel sein. Na, dies Wurm wenigstens kann doch nichts und wieder nichts zu seiner Notlage. Also: auf Großvaterfreuden.«

Der Mann trank widerwillig. Das Glas klappte hart auf die Tischplatte zurück.

»Wenn et Ihnen genehm is, Herr Vanderwelt, sprechen wir jetzt mal von anderen Sachen. Et gibt soviel schönere auf der Welt, sogar in Ruhrort. Da wär' zum Beispiel der Hafen.«

»Matthes, der Hafen wird eine Pracht. Und der neue Kanal wird bis zum Nordseehafen Emden geführt. Der Warenumschlag ist ohnegleichen auf der Welt und noch unbeschränkt in der Entwicklungsmöglichkeit.«

»Herr Vanderwelt, dat et jetzt mit Siebenmeilenstiefeln geht, daran tragen Sie die Schuld.«

»Eine Schuld, die entlastet, Matthes. Jeder Mensch muß sein Guthaben besitzen.«

»Sie haben Ihr Guthaben! Sie haben et in Ruhrort un bei allen Schiffern zwischen Mannheim un Rotterdam!«

»Hunderttausend Fahrzeuge dies Jahr in den Duisburg-Ruhrorter Häfen angelaufen, Matthes! Achtundzwanzig Millionen Tonnen Umschlag! Der gewaltige Seehafen Hamburg hatte nur neunzehn Millionen!«

»Herr Vanderwelt! Himmelherrgottdonnerwetter, Herr Vanderwelt.« — —

Die Nachtstunden beim Matthes hatten Kornelius Vanderwelt gut getan. Das Kreisen seiner Gedanken war unterbrochen worden. Andere Bilderreihen hatten sich eingefügt. Nach kurzer Zeit wiederholte er den Ausflug. Und wieder nach kurzer Zeit kehrte er auch schon zu Stunden ein, zu denen die Gäste noch das Wirtszimmer bevölkerten, die Schiffer ihre Gläser auf die Tischplatte stießen und die Harmonika schluchzte. Über eine Weile, und die Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ begann, sich in Schifferkreisen wieder wachsender Beliebtheit zu erfreuen.

Ein Seltsames nur bewegte Kornelius Vanderwelts Gedanken, die um Angela Freydag kreisten. Als bedürfte er einer Entschuldigung, daß er wieder in der Wirtsstube ›Zu den fünf Erdteilen‹ säße. Er wollte auch hier bei Angela Freydag weilen, selbst hier sollte der Geist der Verschollenen über ihm sein. Und er ging hin und ließ das Grundstück, das das gesamte Anwesen des Matthes umschloß, auf Angela Freydags Namen überschreiben.

Und ein Seltsames nicht minder war die große Ruhe, die von Stund' an über ihn gekommen war.

Der alte Beckenried hatte mit Kopfschütteln die Rückkehr seines Herrn zu den alten Gewohnheiten beobachtet. Aber der Herr war nicht mehr gewillt, Anspielungen seines knöchernen Mitarbeiters entgegenzunehmen, und schnitt sie ihm im Munde ab.

»Lieber Freund, ich möchte in der Arbeit nicht mit Privatgesprächen behelligt werden. Nach Feierabend soll es mich freuen.«

Der lebergelbe Beckenried aber hütete sich, seine Haut nach Feierabend zu Markte zu tragen, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß das Gelb seiner Haut im außergeschäftlichen Umgang mit Kornelius Vanderwelt nur verstärkt zunähme. Und da der Geschäftsherr in der Tat schärfer arbeitete als je zuvor, so spielte er den Beobachter nur noch wortlos und in der Heimlichkeit.

Aber es war nicht nur Beckenried, dem die Rückverwandlung Kornelius Vanderwelts bemerkbar wurde. Auch die Herren, die in der ›Erholung‹ zusammenzukommen pflegten, wurden aufmerksam, wenn an manchen Abenden und immer öfter der aufsprühende Geist Kornelius Vanderwelts in ihrer Runde fehlte, und sie besprachen die Angelegenheit ernsthaft.

»Ein Extratanz in den ›Fünf Erdteilen‹ kann ihm wohl vergönnt werden. Von einer gelegentlichen Mitwirkung sprechen wir uns selbst nicht frei. Aber es muß ein Spaß bleiben und darf nicht zur Gewohnheit ausarten. Stadt und Hafen verdanken der Vanderweltschen Tatkraft zu viel, und es muß uns daran gelegen sein, dem Manne das Ansehen zu erhalten.«

Der Vorsitzende übernahm es, ihm freundschaftlich ins Gewissen zu reden.

Ein Weilchen hörte Kornelius Vanderwelt den gütigen Auseinandersetzungen des greisen Großindustriellen zu. Dann richtete er den Blick auf ihn, und der Blick aus den stolzen, hellen Augen ließ den Warner mitten im Satze abbrechen und einen neuen Gesprächsstoff suchen.

»Herr Vanderwelt, ich bitte mich als Ihren Freund zu betrachten. Ich bin nicht von kleinen Gesichtsmaßen. Wenn einer, so weiß ich, was Sie für die Entwicklung des Platzes Ruhrort getan haben und rastlos weiter tun. Aber eine solche hochgesteigerte Rastlosigkeit bedarf eines Ausgleiches, wenn sie auf lange hinaus wirksam bleiben soll. Sie sind ein Mann in der Reife der Jahre. Mehr als das: in der Reife der Kraft. Frauenliebe, hochverehrter Freund, Frauenliebe allein erhält uns Männern der Arbeit diese Kraft, deren wir viel, viel länger bedürfen, als unsere Neider und Bewunderer ahnen. Denn mit uns steht und fällt nicht nur ein ganzes Geschlecht, sondern ein Zeitalter. Das des ungeheuerlichsten Aufschwunges, der auf dem Scheitelpunkt seiner Entwicklungsmöglichkeiten nicht unterbrochen werden darf. Was die Jungen können, haben sie noch zu beweisen. Ich schweife ab, weil ich mit meinem Freundesrat nicht aufdringlich erscheinen möchte. Und doch, lassen Sie es mich aussprechen, was ich für Sie fühle: Sie müssen sich wieder verheiraten, Herr Vanderwelt.«

Die Blicke der beiden Männer waren nicht voneinander gewichen, und der alte Geschäftsherr freute sich der stolzen und hellen Augen seines Gegenübers.

»Verzeihen Sie mir meine Eindringlichkeit, Herr Vanderwelt, die keine Zudringlichkeit sein sollte.«

»Ich fühle aus jedem Worte Ihre Freundschaft, die mich hoch ehrt, Herr Kommerzienrat. Aber gerade meine Reife verbietet mir, die Rolle des schmachtenden Liebhabers zu spielen.«

»Kornelius Vanderwelt würde nie einen schmachtenden Liebhaber abgeben.«

»Ich freue mich herzlich, daß auch Sie diese Vorstellung von mir haben.«

»Es gibt in unserem Kreise auch andere Frauen, Herr Vanderwelt. Frauen, die einen geruhigen Lebensabend verbürgen.«

»Für diese Frauen — ich bitte mir meine Aufrichtigkeit zu verzeihen — fühle ich mich wieder zu jung.«

Wieder lagen die Blicke der beiden Männer ineinander, und der Altgewordene freute sich gegen seinen Willen.

»Sie setzen mich schachmatt, Herr Vanderwelt. Die Jungen sind Ihnen zu jung und die Älteren zu alt. Ich glaube, Sie müssen einen neuen Schöpfungstag einlegen und sich die Gefährtin, die zu Ihnen paßt, eigenwillig schaffen.«

»Fast glaube ich es auch,« entgegnete Kornelius Vanderwelt, und ein eigentümliches Grübeln war in seinen Augen, als er dem freundlichen Mahner mit herzlichem Dank die Hand schüttelte.

An diesem Abend ging Kornelius Vanderwelt auf kürzestem Wege nach Hause.

Er betrat das Musikzimmer, ließ das Deckenlicht aufflammen und schritt auf den Flügel zu. Aber er öffnete ihn nicht. Nur über den glänzenden Deckel strich er ein paarmal mit den Händen hin.

Einen feinen, singenden Ton gab das Holz von sich. Und Kornelius Vanderwelt horchte auf.

»Engel,« sagte er, »hast du alles vernommen, was der gute alte Mann zu mir sprach? Das Alter hat die Gabe des zweiten Gesichts. Eine Gefährtin wünscht er mir, damit ich stark bleibe im Schaffen und mich am Leben nicht schmutzig mache. Und einen Schöpfungstag wünscht er mir, damit ich mir die Gefährtin selber forme aus meinem eigenwilligen Fleisch und Blut und der noch eigenwilligeren Seele. Das sah sein zweites Gesicht. Was es aber nicht sah, Engel, und was es nicht erkannte, war, daß ich diesen neuen Schöpfungstag schon mit allen Fibern genossen hatte, daß ich dich mir schaffen und formen durfte als mein bestes Teil, ›als wär's‹, wie's im alten Liede heißt, ›als wär's ein Stück von mir.‹

»Engel, es ist überflüssig, dir alles wiederzusagen, denn du hast alles vernommen.«

»Weil du und ich untrennbar sind, Engel, im Fleisch und im Geist.«

Mit übersichtigen Augen saß er am verstummten Flügel und sah ihr Bild. Ihre klaren grauen Mädchenaugen wurden zu Frauenaugen, und tief aus ihrem Grunde sprang das geheime Funkeln auf, das wie ein Blitz ihr Wesen erleuchtete, die Urnatur ihrer Liebe: Hingabe an den Gefährten, Verteidigung ihres Besitzes.

»Ich habe dir nicht nachgespürt,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Es hätte uns nicht zu Gesicht gestanden. Seit sechs Jahren warte ich auf dich, und ich weiß, an einem Tage kommst du und gibst mir ein Zeichen. Das wird an dem Tage sein, an dem du die Größe erreicht zu haben glaubst, die du für mich suchst. Für mich. Wie stolz mich das Warten macht, Engel.«

Und er horchte hinaus und hörte ihre Antwort. —

Die Nacht ging über in den Morgen. — —

Und es kam ein Morgen über die Welt, der für Millionen die Nacht brachte. Die alte Erde sprengte die dünne Kruste der Gesittung und spie Feuer und Verderben. Engel und Teufel rangen, die Hand am Halse des anderen, und da Himmel und Hölle sich verwirrten, wucherten die Erdentriebe geil durch die Lande.

Der Weltkrieg war über das Geschlecht der Menschen gekommen.

Die Lava kochte über. Mochte sie. Hinter ihr mußte das heilige Feuer den Platz ergreifen.

Schon war Justus Vanderwelt mit den blauen Bonner Husaren, denen er als Leutnant angehörte, ins Feld gerückt. Schon hatte sich Thomas Vanderwelt bei den grünen Krefelder Husaren als Freiwilliger gemeldet und sofort seine Ausbildungszeit angetreten. Schon war Juliane Vanderwelt, achtzehnjährig, aus der Erziehungsanstalt der französischen Schweiz heimgeflattert und hatte einen Begleiter ins Haus gebracht.

»Papa, es ist der Klaus Beckenried. Erkennst du ihn denn nicht? Der Sohn deines alten, grämlichen Freundes. Aber der Klaus ist nicht grämlich. Sieh ihn dir an. Frisch aus dem Ausland, aus bedeutender Bankstellung heraus. Wir trafen uns auf dem Genfer Bahnhof. Er hat mich unter seinen starken Schutz genommen, Papa, sonst lebte ich wohl nicht mehr. Es war so köstlich unter seinem Schutz in all den Soldatenzügen. Er ist Artillerieoffizier, muß sich morgen in Köln bei seinem Regiment stellen, und übermorgen soll unsere Kriegstrauung stattfinden. Papa! Papa!«

Da war es, daß Kornelius Vanderwelt zum erstenmal vor der Oberflächlichkeit seiner Tochter erschrak.

»Du schwärmst wohl ein wenig, Juliane. Eine Ehe ist kein Tänzchen, zu dem man einen Partner auffordert. Diese Zeit verlangt nach ernsten Frauen und Müttern.«

»Lieber Papa, es ist mir sehr ernst damit, eine Frau und Mutter zu werden. So frage doch Klaus.«

Kornelius Vanderwelt wandte sich nach dem jungen Manne um. Lange blickte er auf die straffe Gestalt, in die begeisterten Augen. Seine Stimme wurde milder.

»Was haben Sie mir zu sagen, Klaus Beckenried? Sie sehen nicht aus wie ein Windspiel und beteiligen sich doch an den Luftsprüngen?«

»Herr Vanderwelt — es mag eine große Kühnheit bedeuten, so vor Ihnen zu stehen. Aber ich glaube an mich. Und ich bitte Sie, auch an mich zu glauben und an meinen Ernst. Wir haben von Genf bis hierher acht Tage gebraucht, Juliane und ich, und ich mußte Juliane als meine Braut ausgeben, um überhaupt Unterkunft für sie zu beschaffen. Für Juliane und mich. Denn allein konnte sie als junge Dame in dem Gewoge der Menschen, der Umsteigestellen und der überfüllten Herbergen unmöglich gelassen werden. So kam es, daß Juliane mich kennen und — ich darf es heute freudig sagen — lieben lernte und mich nicht mehr lassen will. Ich bin der einzige Sohn Ihres getreuen Mitarbeiters, Herr Vanderwelt, und habe mir schon eine Stellung geschaffen. Komme ich lebend aus dem Feldzug heim, so ist an meiner Seite für Juliane gesorgt. Bleib ich vor dem Feind, so ist Juliane einzige Erbin des Vermögens, das sich mein Vater erwerben durfte. Ich habe schon seit meiner Knabenzeit immer in tiefer Verehrung zu Ihnen aufgeschaut, Herr Vanderwelt. Ich enttäusche Sie nicht.«

Kornelius Vanderwelts Blicke wanderten von dem begeisterungsvollen Jünglingsantlitz zu den gespannten Mienen der Tochter. Wie schön das Mädchen geworden war. Blendend schön. Ja, blendend ... Denn der Zug der Berechnung, den schon das Kindergesicht aufgewiesen hatte, war für das geschärfte Vaterauge geblieben.

»Gut, Klaus Beckenried, Sie werden mich nicht enttäuschen. Aber wissen Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht enttäuschen wird? Warten Sie das Ende des Feldzuges ab. Ich rate es Ihnen.«

Heftig drängte sich das schöne Geschöpf in des Verlobten Arm.

»Nein — nein — nein! Ich will nicht in Angst und Bangen warten, ob er wiederkommt oder nicht. Ich will seine Frau sein und nicht eine Übriggebliebene. Kein Mensch weiß, was kommen mag. Was ich habe, besitze ich.«

Kornelius Vanderwelt sah seine Tochter lange an.

»Ich will nicht fragen, Juliane, was dich zu dieser Sprache treibt. Liebe hat verschiedene Gesichter, und ihr habt euch mit dem Gesicht eurer Liebe zu befreunden. Sei's drum, und mögt ihr die Hast nie bereuen.« —

Wenige Tage später wurde Juliane Vanderwelt mit Klaus Beckenried kriegsgetraut. Eine Woche später, und Klaus Beckenried war mit seiner Ersatzbatterie ins Feld gerückt und Juliane ins väterliche Haus heimgekehrt. —

Wenn Kornelius Vanderwelt des Glaubens gewesen war, seine Tochter in seiner Obhut zu wissen, so sollte er schnell von seinem Irrtum bekehrt werden. Mit dem Tage der Eheschließung hatte Juliane die Rechte ihres selbständigen Frauentums ergriffen und gab sie nicht um eines Zolles Breite preis. Ob sie zu Hause war oder nicht, was sie tat oder ließ, es war ihre Sache. Ihre Sache, mit wem sie verkehrte und mit wem sie ausflog. Rechenschaft darüber zu erteilen, lehnte sie mit einer Kühle ab, als sei sie Alleingebieterin ihres Lebens geworden, und dieses Leben sollte ein vergnügtes sein.

»Es läuten so viel Trauerglocken,« belehrten sie ihre Freundinnen, die sich in Bewunderung um sie scharten, »daß wir uns wirklich nicht daran zu beteiligen brauchen.« Und unter den Freundinnen war es vor allem Antonie Ausdemwerth, die sich begierig zu ihr hielt, die leichtentzündete Antonie, deren fröhliche Mutter vor Jahren einmal den Ausspruch getan hatte: Nur einen Mann gäbe es in Ruhrort, und er heiße Kornelius Vanderwelt, und alle anderen seien nur Kohlentrimmer.

»Weißt du es noch, Antonie?«

»Ob ich es noch weiß! Noch heute läuft es mir ganz heiß und kalt den Rücken hinunter, wenn ich deinen Vater sehe. Geht es dir bei deinem Manne gerade so, Juliane?«

»Ich glaube, es ist umgekehrt. Ich lasse ihn gern ein bißchen zappeln. Die Vanderwelts führen immer die Regierung.«

»Sind alle Vanderwelts so? Sag doch: ist der Justus heißblütiger oder der Thomas?«

»Der Justus schlägt sich im Felde herum. Aber der Thomas übt noch in Krefeld bei den Husaren und ist erreichbar.«

Die tiefschwarzen Augen der Antonie Ausdemwerth funkelten auf. Sie hatte begriffen.

»Wollen wir den Thomas überfallen, Juliane? Bitte! Bitte! Ich vergeß es dir nicht!«

»Das will ich hoffen, du verliebtes Mädel.« Und am Nachmittag waren sie bei Thomas Vanderwelt in Krefeld.

Wie sah er aus, der feine Genießer! Wohin war seine überlegene Weltmüdigkeit? Ohne Rücksicht zusammengeknufft war sie unter den derben Fäusten des Wachtmeisters und des Reitunteroffiziers, die Genießerfeinheit im zerbeulten Kochgeschirr untergegangen, und die verschossene Husarenmütze war trübselig und wütend zugleich in den Nacken gezerrt.

Mit einem Jubelschrei begrüßte der einst so zurückhaltende Thomas Vanderwelt die beiden feinen Frauengestalten aus seiner früheren Welt.

»Thomas, die Antonie ließ nicht nach. Sie hat eine Schwäche für die grünen Husaren und wollte dich als Reitersmann bewundern.«

Da riß er sich zusammen, schlug sporenklirrend die Hacken zusammen und verbeugte sich vor der Jugendbekannten.

Sie reichte ihm mit einer hingebenden Bewegung die Hand hin und bog sich doch, als fürchtete sie sich, in den Schultern zurück. Aber sie wußte, daß es ihrem schönen Wuchse vorteilhaft war. Und Thomas Vanderwelt ergriff die Hand und sog mit geblähten Nüstern den Duft ein, der von ihrer elfenbeinfarbenen Haut ausströmte, und seine entwöhnten Augen tranken das Bild ihres biegsamen Leibes in sich ein, und die Sinne erwachten aus der Abgestumpftheit und sahen nur Schönheit, Schönheit.

»Ich mußte doch Abschied von Ihnen nehmen, Thomas,« sagte verwirrt Antonie Ausdemwerth. »Wer weiß, ob es ein Wiedersehen gibt.«

Sie hätte noch eine größere Alltäglichkeit aussprechen können, der einst so feinfühlige Thomas hätte es überhört. Er spürte nur einen warmen Hauch, liebkosende Worte, leise, zarte Töne. Nicht das Geschnaube der Gäule im Stall, das Gebrüll auf dem Reitplatz, die Gräßlichkeiten der Rekrutenstube.

»Nein, nein, Antonie. Noch keinen Abschied nehmen. Es kann noch Wochen dauern, bis wir verladen werden.«

»Verladen ...« wiederholte sie und schauerte in den Schultern.

»Antonie ... Weshalb hab' ich Sie früher nur so selten gesehen? Ein wie feiner Mensch sind Sie geworden ...«

»Darf ich noch einmal wiederkommen, Thomas? Ich komme gern, wenn Sie es mögen ...«

Ein Trompetenruf fuhr aufscheuchend über den Kasernenhof.

»Verdammt,« zischte der Husar, »Stalldienst. Ihr müßt wiederkommen, wenn ich dienstfrei bin. Morgen. Übermorgen. Am liebsten jeden Tag.«

»So gebt euch doch einen Kuß,« sagte Juliane kaltblütig und wandte den Abschiednehmenden den Rücken.

Einen Augenblick stutzte Thomas Vanderwelt. Dann riß er den heißen, duftigen Mädchenleib in seine Arme, wie ein Raubtier sich auf seine Beute wirft, und wühlte seinen Mund in ihre blutwarmen Lippen. — —

Tag um Tag fuhr die junge Frau Juliane Beckenried mit ihrer Freundin Antonie Ausdemwerth nach Krefeld, Thomas Vanderwelt zu treffen. Tag um Tag wartete der abgehetzte Husar fiebernd auf die Grüße, auf die Düfte, auf die Klänge aus der anderen Welt. Unter den Freundinnen zu Ruhrort fielen die Ausflüge, fiel die Abwesenheit der jungen Damen immer unliebsamer auf. Es galt für die Frauen und Mädchen, ein dringenderes Gebot der Stunde zu erfüllen, als auf heimlichen Liebeswegen zu wandeln. Gerade sie, die den Gatten, Bruder oder Bräutigam draußen im blutigen Felde wußten, zogen sich ernsthafter als je auf ihre Frauenpflicht zurück, und die erste Bewunderung für die so köstlich erblühte Vanderwelttochter machte bald einer stillen Beschämung Platz über die Selbstsüchtigkeiten Julianes und ihrer mannstollen Freundin.

Die Absonderung der Ernstschaffenden kümmerte die beiden Freundinnen kaum. Sie waren eine lästige Verantwortung los und lebten nur sich zu Gefallen. —

Dann geschah es, daß Kornelius Vanderwelt vor seinem Sohne Thomas stand.

»Was soll das, mein Junge? Ich habe dich für zu klug und zu eigen geartet gehalten, als daß du den Unfug deiner Schwester nachahmtest.«

»Es ist kein Unfug, Vater.«

»Was ist es denn? Vielleicht um ein paar Schwingungen verschieden beim einen und beim anderen. Ein bißchen mehr Brunst, ein bißchen mehr Schwärmerei. Und die Partnerschaft bleibt dem Zufall überlassen.«

»Es ist die Liebe, Vater,« sagte der Junge mit weißen Lippen.

Sie waren zum Krefelder Stadtwald hinausgewandert und hatten nicht acht auf Sonne, Wald und Wasser.

»Die Liebe?« wiederholte Kornelius Vanderwelt und atmete schwer. »Die Liebe, mein Junge, ist wie der Name Gottes. Du sollst ihn nicht ungestraft im Munde führen. Junge Menschen mögen verliebt sein. Um den Begriff ›Liebe‹ zu verstehen, dazu gehört die Reife der Erkenntnis. Geh und hol' sie dir. Sie liegt wie die Rose im Dornbusch.«

»Vater, ich bin seit wenigen Monaten mündig.«

»Damit würde ich nicht protzen, Thomas, so lang ein Mädchenmund dich noch um den Verstand bringen kann.«

Thomas Vanderwelt bebte die Stimme, bebten die Hände vor Erregung.

»Willst du uns, die wir dem Tode entgegengeschickt werden, nicht das bißchen Seligkeit auf den Weg gönnen?«

»Besteht die Seligkeit nur im Beilager, Thomas?«

»Wie soll ich es wissen? Ich kenne das alles ja nicht. Auf Ehre, nein, Vater. Aber im Besitz besteht sie, das habe ich gefühlt, und ich will wissen, daß der Besitz mein und keines andern ist, bevor ich ins Dunkle marschiere.«

In dieser Stunde lernte Kornelius Vanderwelt zum unwiderruflichen Male, daß Kinder nicht durch die Geburt die Kinder des Erzeugers sind, sondern es erst zu werden vermögen — vielleicht nie, vielleicht nach Jahren der Erfahrungen erst — durch eine seelische Wiedergeburt.

Kornelius Vanderwelt spürte seinen Sohn aus seinen Händen gleiten. Der Vater hatte zu warten.

»Du verlangst nach der Kriegstrauung mit Antonie Ausdemwerth. Ich kann es nicht hindern. Glaube nicht, daß ich die Bedeutung der Kriegstrauung unterschätze. Sie ist für Menschen, die aufeinander gewartet haben, die kurz vor dem ersehnten Ziel voneinandergerissen werden sollen, die Erfüllung ihres Lebens und ein Segensspruch, dem selbst der Tod nicht gewachsen ist. Anderen verstattet sie nur eine Menschlichkeit mehr: die Hemmungslosigkeit. Du hast zu wählen, Thomas.«

»Ich wähle«, sagte Thomas Vanderwelt mit vor Erregung klirrenden Zähnen, »die Menschlichkeit und die Göttlichkeit in eins. Ich will nicht ohne das große Geheimnis gehen, das das Leben über die Erde hebt.«

»Ich liebe dich, Thomas, und wünsche dir, daß eure Liebe nie über die Erde schleift.«

Und Thomas Vanderwelt schritt mit Antonie Ausdemwerth zur Kriegstrauung und zog mit den grünen Husaren ins blutige Feld, während die jugendliche Frau zur Mutter ins warme Nest zurückschlüpfte. —

Die altgewordene Hausdame im Vanderweltschen Hause kränkelte und lief doch noch wie ein treues Arbeitspferd in den Sielen. Kornelius Vanderwelt bemerkte es wohl, und er überwand sich und setzte sich oft am Abend mit der Zeitung zu ihr. Denn Juliane huschte zu jeder Stunde zur Schwägerin Antonie hinüber, und die jungen Schwägerinnen führten endlose Gespräche, weil sie sich beide Mutter fühlten, wie die Schönheit des Körpers zu wahren und zu steigern wäre.

Im ersten Kriegsjahre fand Kornelius Vanderwelt eine Mitteilung in der Zeitung über die durch den Krieg im Ausland zurückgehaltenen Künstler. Eine Meldung aus Neuyork nannte unter anderen Namen den Namen der Pianistin Angela Freydag.

Er hielt die Zeitung auf den Knien und las nichts anderes mehr als die beiden Worte. —

Er ging zu Bett und nahm die Zeitung mit in sein Schlafzimmer. Und mitten in der Nacht stand er auf, zündete das Licht an und holte sich das Blatt aufs neue.

»Angela Freydag ...«

Und diesmal las er weiter und las das Ruhmeslob, das ihr gezollt wurde als einer der stärksten und urtümlichsten Eigenarten auf nachschaffendem Gebiet.

Er warf sich zurück und blickte mit weit offenen Augen in das funkelnde Licht. Und merkte es nicht, daß er vor sich hinlachte, mit den stolzen, hellen Augen, die sie so geliebt hatte, mit dem frohen und herrischen Klang seiner Stimme. »Angela. Engel. Stärkste und urtümlichste Eigenart. Urtümlichste! Der Kerl hat dich begriffen.«

Er hätte auch wohl den Schöpfer und Erwecker ihrer Eigenart, er hätte wohl auch Kornelius Vanderwelt in seiner Urtümlichkeit begriffen, wie ihn die Männer des Hafengebiets begriffen und ihm nacheiferten. Doppelte Arbeit mußte geleistet werden, für die Tausende mit, die aus den Schiffsparks, aus den Hafenanlagen, aus den Industriebetrieben herausgezogen und in die Reihen der Kämpfenden eingereiht worden waren. Und Kornelius Vanderwelts anfeuerndes Wort, zupackender Griff war überall, wo die Erschlaffung drohte, und versagte die Peitsche des Wortes und der Tat, so wußte seine wilde Laune zu siegen.

»Heda, Jungens, wollen wir zwischendurch mal Fußball spielen? Die faulsten Fötte nach vorne! Und hinein mit dem Stiebel! Wer über Bord geht, soll mit den gefallenen Brüdern in die Zeitung!«

Und die Leute stießen sich wiehernd in die Rippen, dachten an die Kameraden, die mit dem Tode Brüderschaft machten und spuckten in die Hände. Die Frauen halfen mit, und das Rüstzeug für das Heer konnte bald in unversiegbarem Flusse verladen werden. —

Im Mai des folgenden Jahres fanden in den verschwägerten Häusern die frohen Familienereignisse statt. In den ersten Tagen des Monats schenkte die junge Frau Juliane, in den letzten Tagen des Monats die junge Frau Antonie einem Sohne das Leben. Der Draht trug die Nachricht hinaus ins Feld. Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt vermochten einen gemeinsamen Urlaub zu verabreden, kehrten auf die Dauer knapper Tage heim und hielten die Taufe ab.

Todernsten Gesichtes, aber die Augen voll Glück erschien der Leutnant Beckenried, mit einer verlegenen Lässigkeit in Wort und Gebärde der Unteroffizier Vanderwelt. Das erste Wiedersehen mit ihren Frauen blieb ohne Zeugen. Dann hatte die Welt das Wort. Mit der Miene leiser Selbstverspottung ließ sich Thomas Vanderwelt von seiner Frau ins Schlepptau nehmen. Seiner Jugend wollte die Rolle als Vater ein wenig lächerlich erscheinen, und seine Hagerkeit im verblichenen Waffenrock stach ihm allzusehr ab von der körperlich so wohlgepflegten und in Kleidung und Gebaren das Aufsehen herausfordernden jungen Dame, die an seiner Seite weniger die Frau des Mannes als die Zugehörige zu einer der bekanntesten Familien der Stadt hervorzukehren wußte. Lieber als er gekommen, kehrte er ins Feld zurück, während der Schwager Klaus Beckenried, in Unruhe aus seiner männlichen Sammlung herausgerissen, eine Verlängerung seines Urlaubs beantragte, um die Übersiedlung von Frau und Kind in das väterliche Haus zu bewerkstelligen und die Fülle der Rechnungen zu prüfen, die er auf dem Tische seiner Frau Juliane vorgefunden hatte.

»Wenn dein Sinn nach einem Dienstmädchen stand, hättest du deine Augen nicht zu den Vanderwelts erheben sollen, mein lieber Klaus.«

»Wir dienen alle, Juliane. Mach' mir die Dienstmädchen nicht verächtlich, wenn du ihnen die Arbeit nur deswegen aufbürdest, um im Nichtstun feiern zu können. Wer eine Ehe schließt, muß erwerben wollen und nicht verschleudern.«

»Lieber Klaus, du bist fast zehn Jahre älter als ich, hast dich zur Genüge in der Welt herumgetrieben und des Schönen so viel erlebt, daß du satt bist. Ich aber spüre jetzt erst den rechten Hunger. Und das Verlangen, ihn an allem, was ich schön finde, zu stillen, lasse ich mir von meinem Manne wirklich nicht nehmen.«

»Ich bin weder satt, noch habe ich in meinem Arbeitsleben genug an Schönem erlebt. Ich will es an dir und mit dir erleben. Die Gemeinsamkeit ist die tiefste Erfüllung der Ehe.«

»Leg' den ererbten Krämer ab, und du wirst die bezauberndste Frau haben.«

»Juliane,« fragte der ernste Mensch mit ruhelos forschenden Augen, »weshalb hast du mich eigentlich zum Manne gewollt?«

Sie hielt ihm neckend die Augen zu.

»Weil du ein stattlicher Mann bist und wir beide das schönste Paar abgeben.«

»Deshalb — — —?«

Und auch Klaus Beckenried kehrte zu seiner Truppe zurück, in die Einsamkeit und in die Entbehrung.

Aus einem heißen Hoffnungsjahr in das andere sprang der Weltkrieg, und nur wenige Male kehrten die jungen Väter auf Urlaub bei ihren Frauen ein, um ihre Enttäuschungen spöttisch oder erregt in ein neues Hoffnungsjahr des Krieges hineinzutragen. Es wurde kein frohes Familienfest mehr in den verschwägerten Häusern begangen. —

Im letzten Kriegsjahre ging es auch mit den Kräften des vorzeitig gealterten und gänzlich ermatteten Fräulein Bilsenbach zu Ende. Die Füße trugen sie nicht mehr aus ihrer Stube heraus. Ein kleines noch, und die Füße konnten aus dem Bette nicht mehr den Boden gewinnen. Da gab sie nach.

Nie war Kornelius Vanderwelt im Geschäft, im Hafengetriebe, in den Versammlungen notwendiger gewesen als in diesen Tagen. Aber er brach seine Arbeiten ohne zu zögern ab, ließ den alten Beckenried die laufenden Geschäfte betreiben, lud die Sorgen um das Gemeinwohl auf andere kräftige Schultern und saß bei der Sterbenden. In ihrem altjüngferlichen Stübchen saß er und an ihrem Altjungfernbette und hielt ihre dürre Hand.

»Liebe, alte Freundin ...« sagte er. »Liebe alte Freundin — mit dem Krieg geht es zu Ende. Anders, als wir es vor vier Jahren in der Aufwallung der Gemüter ahnen konnten. Wir wollen nicht darüber sprechen. Wir wollen unsere Toten begraben und so nahe zusammenrücken, daß sich die Reihen wieder schließen. Ich bin immer ein Mann des Zukunftsglaubens gewesen und durfte es, weil ich in Ihnen die beste Hüterin meines Hauses wußte.«

Sie lehnte mit einer matten Kopfbewegung ab und sprach leise und angestrengt aus den Kissen heraus.

»Das liegt dahinten, Herr Vanderwelt. Es ist das alte Haus nicht mehr. Die Kinder haben es verlassen, und der Hausherr braucht für die Einsamkeit eine andere Hüterin.«

Er schüttelte lächelnd den Kopf und streichelte so lange ihre Hand, bis sie ruhig in der seinen lag.

»Nein, der Hausherr braucht keine andere Hüterin. Die Hüterin sind und bleiben Sie. Nicht aufbegehren. Hätte ich Sie nicht gehabt, die den Hausfrieden hütete, woher hätte ich die Ruhe und die Spannkraft zu allen meinen Arbeiten da draußen nehmen sollen. Wenn man mir einmal einen Denkstein setzt, Fräulein Bilsenbach, muß Ihr Name mit darauf. ›Hier ruht im Tode sanft Kornelius Vanderwelt, weil seinem Leben Auguste Bilsenbach die nötige Ruhe schuf!‹«

Sie zog, wie erschrocken, die Augenlider hoch, als er ihren Vornamen nannte. Und dann griff ihre Hand in die seine.

In den wenigen Tagen, die noch folgten, sprach er mit ihr von nichts als den heiteren Tagen der Vergangenheit. Er erzählte von Justus, dem ältesten, der im Kriege ein so draufgängerischer Offizier geworden war, wie er sich schon als Knabe der Schulmeister erwehrt hatte. Er erzählte von Thomas, dem frühbegabten, der so zierlich den Weltmüden zu spielen wußte, bis jählings die Urnatur über den Weichling zu siegen strebte. Er erzählte von Juliane und ihren Zickzacksprüngen, den Schularbeiten und Klavierstunden aus dem Wege zu gehen und doch die erste Geige zu spielen. Nicht immer leicht wurden ihm die Erinnerungen, da die Gegenwart verschärftere Bilder vor seine Augen stellte. Aber er erzählte, weil es der Erschöpften wohl tat, den Geschichten aus fröhlicheren Tagen zu lauschen, und sie den Abgesang ihrer Jugend im verklärten Schein darin wiederfand.

Es war in der Nacht, und der Puls der Sterbenden flatterte noch einmal auf.

»Herr Vanderwelt — ich bin ganz klar. Es war doch schön — bei Ihnen zu leben — bei Kornelius Vanderwelt. — Aber das schönste von allem — ist doch — bei Ihnen zu sterben. — Ganz allein — bei Ihnen — —«

Er drückte ihr die Augen zu, legte ihre Hände zusammen und in die gefalteten Hände ihr geliebtes Gesangbuch. Und während er sie betrachtete, wurde ihm zum Wissen, was er der eingeengten Welt dieses gealterten und in ihrem Pflichtleben geräuschlos gewordenen Menschenkindes bedeutet hatte, daß eine Liebe aus seinem Leben fortgegangen war und daß er die Einsamkeit spürte wie eine würgende Hand.

Er beugte sich tief über die Tote hinab und streichelte ihr erkaltetes Gesicht. — —

Mit dem Ausgang des Krieges hatte das erschöpfte Fräulein Bilsenbach ihren Ausgang gehalten. Millionen von Männern fluteten zurück aus allen Heerlagern der Welt. Kornelius Vanderwelts Haus wurde nicht voller davon. Justus, der älteste, war heimgekehrt, zornbebend über die deutsche Schmach, und hatte nach Tagen schon in jagender Unrast das Vaterhaus und die Vaterstadt wieder verlassen. Zu neuem Soldatendienst irgendwo. Zu neuem Handeln, neuem Sicheinsetzen und Sichausleben, statt der Unerträglichkeit dieser faulig stinkenden Ruhe.

Und Thomas war heimgekehrt, hohnvoll bis in die Mundwinkel, und hatte sich im Hause der kränkelnden Frau Ausdemwerth, in den duftenden Zimmern ihrer lebenslustigen Tochter, seiner, ja seiner Frau, niedergelassen wie ein angeketteter blinzelnder Sperber.

Und auch Klaus Beckenried war heimgekehrt in sein väterliches Haus, zu der Schönheit seiner Juliane und ihrer kühlrechnenden Vergnügungssucht, und aus dem begeisterten Verehrer war ein stiller und in sich gekehrter Ehegatte geworden. Keiner von ihnen allen dachte anders an Kornelius Vanderwelt, als wenn die leibliche oder geistige Not ihn trieb.

Kornelius Vanderwelt fror in der Einsamkeit seines Hauses, und die von Tagedieben und Großmäulern überfüllten Kneipen ekelten ihn an. In den ›Fünf Erdteilen‹ saß er wohl an seinem Ecktisch und trank, aber er tat es Nacht für Nacht ohne Gesellschaft, und die Zudringlichkeit der platten Burschen wagte sich an die Kälte seiner Augen nicht heran.

Oft saß er und las die Zeitungen, die er zur Ausfüllung der leeren Stunden von daheim mitgebracht hatte, und es wurde Frühlingsbeginn, und er las in der Zeitung ihren Namen.

Angela Freydag ...

Angela Freydag war in Deutschland gelandet und zeigte im Kölner Gürzenichsaal ihr erstes Konzert an. Angela Freydag war in Rufnähe, und sie rief ihn: Komm und sieh, ob mein Maß ausreicht.

Und wieder merkte Kornelius Vanderwelt, daß er in kurzen Stößen vor sich hin lachte. »Engel, du findest mich beim Matthes. Beim Matthes, Engel, und doch so gut wie auf deinem Grund und Boden.«

Und dann verließ er augenblicks die Wirtsstube und stand barhäuptig am Hafen, und der nächtliche Frühlingswind ratterte und knatterte in den Zeitungsblättern, die er in der Hand trug.

Angela Freydag ... Angela Freydag ist heimgekehrt aus Amerika ... Angela Freydag spielt morgen für Kornelius Vanderwelt im Gürzenichsaal zu Köln. — —

Diesmal mußte er es zweimal sagen: »Los, Wilm. Wir fahren nach Köln.« Dann hatte der Fahrer begriffen, und er steuerte stumm in den weichen, regenwolkenverhangenen Märzabend hinein, der den Geruch von junggewordener Erde trug. Über Düsseldorf ging die Fahrt, und bevor zwei Stunden vorüber waren, hielt der Wagen vor einem Gasthof der turmreichen Domstadt, und der Fahrer wandte sich fragend um.

»Gut, Wilm. Hier oder anderswo. Wir bleiben über Nacht.«

Er ließ seinen schmalen Reisekoffer auf sein Zimmer bringen, folgte ihm nach und kleidete sich um. Kurz vor acht Uhr schritt er zu Fuß dem Gürzenich zu und suchte in dem dichtgefüllten Saale seinen Platz. Die Künstlerin, so besagten die Ankündigungszettel, spielte mit der auserlesenen Schar des städtischen Orchesters.

Schon harrten die Musiker auf der Empore, die zuvorderst den mächtigen Konzertflügel trug. Ein paar prüfende Geigenstriche, ein paar verklingende Flötentöne, und im Saale erlosch das Licht, und nur die Empore lag wie eine Insel der Verheißung in strahlender Beleuchtung.

Das Raunen und Rauschen im Saale machte feiertäglicher Stille Platz.

Durch die Gasse der Musiker schritt der große Kapellmeister. Am Arme führte er eine hochaufgerichtete, kraftvolle und biegsame Frauengestalt, und wie sie an den Flügel trat und vom Begrüßungssturm umwogt den Kopf neigte, sprang Kornelius Vanderwelt ein Schrei auf die Lippen, den er nur mit verhaltenem Atem zu bändigen vermochte, und er murmelte in sich hinein: »Die Angela. Die Angela. Guten Abend, Engel.«

Sie saß am Flügel, den strenggeschnittenen Kopf lauschend vorgeneigt, fast als ob sie schliefe. Von den nackten Armen waren die Ärmel zurückgeworfen. Der seidene Kleiderrock ließ das Bein mit der schmalen Fußfessel frei. Und plötzlich zuckte die Frau auf, und Kornelius Vanderwelt gewahrte ihre Hände, die Hände, die er unter tausenden und im Dunkel der Nacht erkannt haben würde, weil sie für ihn Gottes auserlesenstes Kunstwerk waren. Ein Anschlag auf den Flügeltasten, ein hinströmender Laut, der die Seelen aufschreckte und sie aus dem Erdendunst aufwärts riß in die Bezirke der Riesen und Gottmenschen.

Von diesem Augenblicke an hörte Kornelius Vanderwelt nichts mehr. Nicht ob Beethoven sprach oder Brahms, nicht ob Mozart oder Händel. Daß es die alten, heißgeliebten Klänge aus dem Musikzimmer zu Ruhrort waren, was ging es ihn an? Er hörte nicht mehr mit dem Gehör, er hörte nur noch mit den Augen. Ihre Hände, die sich sprungbereit bäumten und klingende Quellen aus den Felsquadern der Meisterwerke schlugen. Ihre zärtlichen Finger, die den Odem Gottes über die Tasten fächeln lassen konnten. Ihre schlankgerundeten Arme, die in Pausen niederhingen, als sögen sie die Kraft aus geheimnisvollen Tiefen, und sich jählings streckten und hoben und wie im jubelnden Mitklang die Höhen meisterten. Und er hörte mit den Augen die Dehnung der schlanken Fessel, wenn die Fußspitze das Pedal suchte und ließ, die Kraft der weißen Schultern, die Schmiegsamkeit des Frauenleibes, den Drang der Brüste, die ihr Herz umschlossen. Und auch dies Hören verlor er, denn seine Augen waren sehend geworden.

Denn seine Augen hatten Angela Freydags große graue Augen gesehen, wolkenverhangenes Liebesland, jetzt von Sonne durchzittert, jetzt von Funken erfüllt wie von jäh über den Himmel springender Blitze Triumph. Die Pantherkatze, lachte es in Kornelius Vanderwelts Seele. Nein, fort mit dem Bild. Es ist die Wölfin, die vor den Augen des Gefährten jagt. Die Wölfin im Engel der Liebe. Hussa, Horrido!

Aus — —!

Sie saß mit schlaff herniederhängenden Armen, ein unerklärliches Lächeln um den festgeschlossenen Mund. —

Hatte die Menschen um ihn her der Irrsinn gepackt? Was tobte die Meute wie beim Halali der Jagd? War er nicht allein im Saal, er, Kornelius Vanderwelt, für den die Naturgewalten gejauchzt und gejubelt, gestürmt und geschrien hatten, um die Lüfte zu klären und das Herz zur Ruhe der Seligen zu bringen? Was wollten die Menschen um ihn her, die aufgesprungen waren, während er saß und in den wiedererleuchteten Saal hinein erwachte, daß sie im tobenden Beifall die Hände zusammenschlugen? Ach, es galt der Künstlerin, die so meisterhaft gespielt hatte und sich jetzt vor der Vielheit der Menschen erhob und sich verbeugen mußte, wieder und wieder, als dankte sie der tobenden Vielheit.

Nein, Herrgott, nein! Es war nicht die Künstlerin, die er vor der blendenden Rampe der Empore sah. Es war ja Angela! Angela war es, die die Vielheit nicht gewahrte, weil sie für den einen gespielt hatte. Sie schüttelt den Kopf. Sie kann nicht mehr zugeben. Sie mag die billigen Zugaben nicht. Sie verbeugt sich und geht, kehrt wieder unter den begeisterten Zurufen und verbeugt sich aufs neue. Wieder und wieder. Das Spiel ist an die Menge übergegangen, die sich jubelfroh ihrer Macht bewußt wird und Hervorruf über Hervorruf erzwingt. Um ein Ende zu machen, wird der Saal abgedunkelt. Die beifallerregte Menge bleibt bei ihrem Willen. Und plötzlich eilt ein Mann auf die Empore zu, schwingt sich hinauf, bietet der todblassen Künstlerin den Arm, führt sie durch die Gasse der Musiker in ihr Ankleidezimmer.

»Da bist du, Engel, und da bin ich.«

Kornelius Vanderwelts Arme bebten, als er sie um Angela Freydags Nacken schlang.

Und dann fühlten sie beide, wie das Beben durch ihre Körper rann, als wären sie Äste und Gezweig desselben Baumes, und wie es hinüberrann in die Ruhe der Vereinigung, während sie, Brust an Brust, sich umschlungen hielten.

»Komm,« sagte er, »jetzt bring' ich dich heim.«

»Ja,« wiederholte sie, löste sich aus seinem Arm und hielt doch die flachen Hände gegen seine Brust gepreßt, »jetzt bringst du mich heim.«

»Angela!«

»Kornelius!«

»Engel, so hat mich seit Menschengedenken kein Mädchenmund mehr genannt.«

»Es ist auch kein Mädchenmund,« murmelte sie, »es ist der Mund einer Frau,« und sie hob die Hände, zog seinen Kopf herab und drückte ihre Wange gegen die seine.

»Nun wollen wir gehen, Kornelius. Das Haus hat sich geleert. Auch der Kapellmeister wird aus schöner Rücksichtnahme vorausgegangen sein.«

»Vorausgegangen? Mußt du noch mit ihm zusammensein?«

»Ich muß nur mit dir zusammensein, Kornelius. Alles andere ist nur wesenloser Schein.«

Sie schritten durch die leeren Hallen, und es huschte wie Geisterschritte neben ihnen her.

»Als ob Kehraus wäre, Kornelius, aus einem vergangenen Leben.«

»Es regnet, Angela. Wo wohnst du hier?«

Sie nannte ihren Gasthof. Und lachte an seiner Schulter.

»Auch als du mich aus den ›Fünf Erdteilen‹ holtest, regnete es in Strömen. Und es regnete im Walde.«

»Im Walde war es ein Wolkenbruch, Angela. Nie — nie warst du schöner.«

Und einer spürte den festen Schulterdruck des anderen, als sie durch den nächtlichen Regen schritten und sich dem Gasthof näherten.

»Morgen, in aller Frühe, steht mein Wagen am Bahnhof, Engel. Dort übernimmt er dein Gepäck, du steigst zu mir ein, und wir fahren heim. Weltflüchtige, die das Leben suchen.«

»Weshalb suchtest du, wo du mich bei dir wußtest — —?«

»Weil ich, seit du gingst, in der Welt keine Farben mehr sehe. Frage nicht. Jetzt ist ja alles gut.«

Ihre Finger verstrickten sich mit den seinen zu einem schmerzhaften Druck.

Er stand und blickte ihr nach, wie sie in ruhigem Gange die Straße überschritt und die Türe des Gasthofes sich hinter ihr schloß.