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Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Chapter 7: 6
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About This Book

Ein Mann mittleren Alters, Kornelius Vanderwelt, begegnet einem jungen Mädchen, das zu Fuß nach Ruhrort will; er nimmt sie in seinen Wagen, und im Verlauf der Fahrt entsteht ein Wechselspiel aus neckischem Gespräch, unterschwelliger Spannung und genauen Beobachtungen zu Aussehen und Haltung. Die Erzählung verbindet präzise Landschafts- und Personenbeschreibungen mit ironischer Selbstinszenierung, erkundet Machtverhältnisse, Begierde und Schutzbedürftigkeit und verwendet die Flusslandschaft und herbstliche Natur als dichte, atmosphärische Kulisse.

6

Durch die Morgendämmerung kämpften sich die ersten Strahlen der Märzsonne, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Kölner Hauptbahnhof vorfuhr. Es war noch schlummerstill in der großen Rheinstadt. Der Dom reckte seine ernste Pracht gegen den Himmel, und als Kornelius Vanderwelts scharfer Blick ihn streifte, gewahrte er, daß es tausend feine und verborgene Schönheiten, Frohheiten und Lieblichkeiten waren, die durch ihr edles Maß den Zusammenklang bewirkten und zum Ernste des Himmelssuchers emporwuchsen.

Wie schön und eindringlich dies Gotteshaus predigt, dachte der morgenfrühe Beschauer. Alle Schönheit, Frohheit und Lieblichkeit des Erdenlebens zu edlen Maßen gestalten, und aus der Fülle wird die weihevolle Einheit.

Seine Gedanken sprangen über auf Angela Freydag, und während sie an ihrem Bilde formten, guckte das Bild zum Fenster des Wagenschlags herein, und er wußte für die Länge eines Augenblicks nicht, ist es das Traumbild oder ist es das Leben? Aber es war das Leben, das an die Scheibe pochte und ihm zunickte, und er sprang aus dem Wagen und ergriff es bei den Händen.

»Angela ... Du schon zur Stelle?«

»Kornelius! Guten Morgen! Ich wollte dich nicht warten lassen, und als ich erwacht war, hatte ich nichts anderes mehr zu tun.«

Als wäre eine Erwartete nach nächtlicher Reise angelangt, half er ihr in den Wagen, gebot er dem Fahrer, das Gepäck aufzunehmen und die Koffer auf den Wagen zu schnallen. Und während er die Hantierung des Mannes zu überwachen schien, klangen ihm ihre kurzen Sätze im Ohr: »Ich wollte dich nicht warten lassen. Als ich erwachte, hatte ich nichts anderes mehr zu tun.« Elf Jahre hatte er warten müssen, sechs Jahre durch ihr Wachstum, ihren Werdegang, fünf Jahre fast durch den Krieg, und plötzlich waren es ein paar winzige Minuten, die das Warten nicht mehr ertrugen und nichts mehr mit sich anzufangen wußten. Es gab nichts anderes mehr zu tun, als beieinander zu sein.

»Nach Hause, Wilm.«

Ein verschlafener Gepäckträger lugte aus der Bahnhofstür hinter ihnen her und wunderte sich, daß ein Zug angekommen sein sollte. Er rieb sich die Augen, und der Morgenspuk war verschwunden. Stehend schlief er weiter.

Über die gewaltige Rheinbrücke glitt der Wagen, vor der hüben und drüben die vier Preußenkönige auf ihren Gäulen trabten, und er wand sich schnell durch die morgenöden Straßen des alten Deutz und des rheinischen Mülheims und gewann an Schloten und Fabriken vorbei rasch die freie Bahn.

»Sag' mir, Engel, weshalb du vor dich hinlachst?«

»Weil wir immer das umgekehrte tun, wie andere Leute. Weil wir uns in den hellerwerdenden Morgen hinein entführen, statt in den dunklerwerdenden Abend. Deshalb, Kornelius.«

»Tun wir das umgekehrte wie andere Leute — gut, Engel, dann wird es das richtige sein.«

»Kornelius,« sagte sie leiser und nahm seine Hand in die ihre, »glaube nicht, daß ich dich nicht verstehe. Ich erkenne die alte Ritterlichkeit wieder, und sie gibt uns Frauen mehr als glühende Liebesbeteuerungen.«

»Nun —?«

»Den Ruf wolltest du mir wahren in der Musikstadt Köln und vor den Augen der Neugierigen, und da die Klugheit Kornelius Vanderwelts so groß ist wie seine Ritterlichkeit, wählte sie den harmlosen frühen Morgen, weil —«

»Nun? Weil?«

»Weil in der Nacht das halbe lebenslustige Köln auf den Beinen ist und in dieser Morgenstunde kaum ein verschlafener Gepäckträger.«

»Hast du ihn auch bemerkt?«

»Jetzt schläft er schon wieder wie das ganze heilige und unheilige Köln. Guten Morgen Kornelius. Du hast meinen Gutenmorgengruß vorhin überhört.«

»Mein Gott,« sagte Kornelius Vanderwelt und zog sie an sich. »Guten Morgen, Angela. Guten Morgen, Engel. Gib mir deinen Mund, damit ich fühle, daß ich wach bin.«

Eine Weile fiel kein Wort. Der Wagen brauste über die Landstraße gen Benrath. Zur Rechten türmten sich die Hügelketten des Bergischen Landes, und die Sonne blitzte und funkelte auf den Zinnen der hohen fernen Städte.

»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »nun fühle ich die Wachheit noch weniger. Jetzt, da ich deinen lebendigen Mund spüre, komme ich nicht aus dem Traumzustand heraus. Ach, du hast recht, Engel, wir beide leben eine umgekehrte Welt.«

Sie antwortete nicht mehr. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter und ihre Augen blickten in die Sonne.

In Düsseldorf trafen sie auf das erste Leben. Malerjünglinge zogen zum Hofgarten aus, das Kommen des Frühlings zu belauschen. Arbeiter gingen im Gleichschritt ihren Werkstätten zu, um die Frühschicht zu stellen.

Nahe dem verwunschenen Städtlein Kaiserswerth blinkte, pappelumsäumt, eine weite, breite Wasserstraße auf. Der Niederrhein. Ein Schlepper stampfte zu Berg. Seine Schlote qualmten, und der Rheinwind riß die Rauchsäulen zu hundertmeterlangen Fahnen über die Reihe der angefüllten, bis an den Wasserrand beladenen Schleppkähne hin.

»Meine Kähne,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Meine Kähne.«

Sie setzte sich aufrecht, wischte mit der Hand das Fensterglas klar und schaute über den Strom, über die Schleppzüge, die sich rastlos folgten, über seine Arbeitswelt. Kohle, Kohle, immer das gleiche Bild, und die Kähne glichen sich. Aber der Mann an ihrer Seite glich nicht den anderen und suchte die glühenden und blühenden Farben in das Einerlei zu mischen. Und als ob er ihre Gedanken wie aus einem offenen Buche läse, sagte er: »Du mußt mit deiner Hand ganz fest um die meine herumfassen. Erst dann ist es Kornelius Vanderwelts Welt.«

So fuhren sie in das erwachte Duisburg ein und über die Brücke des Innenhafens, die Brücken der Ruhr und der Kanäle und Hafenbecken, hinein nach Ruhrort. Die Krane kreischten, die Kipper donnerten, die Kähne ächzten und die Dampfer stöhnten vor Ungestüm. Wildes Eisengeklirr der Werkstätten in der Luft, rote Flammen der Hochöfen, weiße Kesselschwaden und schwarzer Rauch der Schlote. Und die junge, warme Frühlingssonne arbeitete sich nur mühsam durch die kohlengeschwängerte Luft.

In gewaltigen Bogen schwang sich die Rheinbrücke von einem Ufer zum anderen, riß das Drüben zum Hüben und kettete Arbeit an Arbeit.

»Zu Hause,« sagte Kornelius Vanderwelt, und der Wagen glitt durch die Toreinfahrt und stand.

Wie mit geschlossenen Augen, so schritt Angela Freydag an Kornelius Vanderwelts Arm ins Haus, über die Diele, in des Hausherrn Arbeitszimmer. Anders war ihr Eingang wie einst, als sie gejagt und regennaß aus des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ bei der Nacht in dies Haus eingetreten war. Aber es war derselbe Arm, der sie führte. Nein, es war alles wie einst.

Sie stand ganz still und öffnete die Augen ganz weit.

Ihre Brust hob sich unter einem drängenden Atemzug, die Lippen mühten sich voneinander los, und ganz hell und hoch rang sich ein einzelner Ton hindurch. Wie ein Weinen und Lachen.

Mit behutsamen Händen nahm Kornelius Vanderwelt ihr den Mantel von den Schultern, den Reisehut vom flechtenumschlungenen Haupt. Ging hinaus, gab den Mädchen Aufträge, das Fremdenzimmer zu richten, kehrte zurück. Hinter sich schloß er die Tür und sah mit einem seltsamen Wehmutsempfinden, das ihn bis zum Augenblicke nie zu überrumpeln vermocht hatte, zu, wie Angela Freydag, die Heimgekehrte, Wiedersehen feierte.

Mit unhörbaren Schritten ging sie von einem der alten Möbelstücke zum anderen, verharrte ein paar Herzschläge lang, ließ ihre Hände darüber gleiten und ging unhörbar weiter, von den Möbeln zu den Bildern an den Wänden, von einem zum anderen, verharrte, hob die Hände und streichelte darüber hin.

Jetzt wandte sie sich nach ihm um. Ein Lächeln kehrte aus weiter Ferne auf ihre Lippen zurück.

»Es hat sich nichts verändert, während ich fort war, Kornelius. Nichts.«

»Nur ich habe graue Haare bekommen, Angela.«

»Ich glaub' es nicht.«

»Und die Gicht vom Saufen.«

»Nun brauchst du es nicht mehr zu tun.«

Er stand vor ihr, und unter seinem Blick reckte sie sich langsam und unwillkürlich in den Schultern.

»Jetzt ist die Reihe an mir, Ausschau und Einschau zu halten, Angela-Engel. In Köln tat ich es nur blindlings, auf der Fahrt halb träumend. Das also — das ist die Wirklichkeit.«

Er trat näher, und sie rührte sich nicht. Ihr Blick lag in dem seinen. Nur ihre Brust atmete schneller.

»Es sind dieselben Augen,« murmelte er, »dieselbe Tiefe und Furchtlosigkeit, nur das Grau ist stählerner geworden, und Stahl blitzt am stärksten, wenn er tötet.«

»Nur was dir feind ist, Kornelius.«

»Deine Stirn ist wie eine Kuppel der Klugheit geworden, die schöne gerade Nase wie ein Ausrufungszeichen deines Willens, dein blutroter Mund spricht von Liebe und Verachtung.«

»Er verachtet die Schwächlinge, die es dir gleichtun möchten.«

»Wie wunderbar stolz die Liebe spricht. Laß mich weiter sehen. Es ist noch so vieles. Ich sehe deinen lieben, schlanken Leib, und starkes Frauentum schwellt königlich, was einmal scheues Mädchentum war. Ich sehe deine liebe, geliebte Brust, und ich bebe vor Freude. Und ich sehe deine schlanken Füße und deine noch schlankeren Hände, die ich über alles liebe, weil sie Leidenschaften entflammen und seligkühlende Ruhe ausströmen lassen können. Aus den Saiten des Flügels und den unsichtbaren der Seele. Ich sehe Angela Freydag, wie sie war und wie sie ist, und nichts hat sich verändert, als daß die Gewißheit des Weibes das Versprechen des Mädchens übertrifft.«

»Und — meine Seele — —?«

»Ich halte Angela Freydags Seele seit einem Dutzend Jahren in den Händen und habe sie keinen Atemzug lang losgelassen. Es ist eine Seele, die keine Veränderungen kennt. Ein Zweifel wäre ein Frevel. Sieh selber nach.«

Und er breitete die Arme aus, und sie warf sich hinein.

»Engel, mein Engel. Ich weiß es, du wirst immer wieder kommen.«

»Ich habe dich nicht eine Sekunde lang verlassen,« stieß sie hervor, hob ihr Gesicht und zog das seine hernieder.

In die lange Stille schlug eine Uhr. Sie horchte in seinen Armen auf, und er gewahrte es.

»Sie schlägt nicht für dich und nicht für mich. Heute ist Feiertag.«

»Sie schlug,« sagte sie nachsinnend, »als du mich zum erstenmal in deinem Hause zur Ruhe brachtest. Hier an diesem Tische gabst du dem ausgehungerten Mädel zu essen und zu trinken.«

Er stutzte, ließ sie aus seinen Armen los und lachte sie an wie ein ertappter Junge.

»Angela! Engel! Und heute laß ich dich verhungern und verdürsten. Das ist Mannesart. Um vier Uhr wirst du aufgestanden sein. Ohne Frühstück? Ah, einen Apfel. Am Bahnhof in der Morgenkühle eine halbe Stunde auf den herrlichsten der Liebhaber gewartet. Gut. Weniger gut, daß dich der herrlichste der Liebhaber zwei Stunden in wilder Wagenfahrt durch die Lande führt und dir am Ziele ein Schock Küsse anbietet statt eines festlichen Mahles. Setz' dich nieder und denk nach Frauenart: ›es ist nur die erste Enttäuschung‹. In zwei Minuten soll im Speisezimmer das Frühstück aufmarschiert stehen.«

»Kornelius — bitte hier, bei dir, wie damals — —«

»Dein Wunsch ist mein Wunsch, Engel,« und er ging zur Tür.

»Kornelius!«

Er wandte sich um, und sie winkte ihm mit den Augen, noch einmal zu ihr zurückzukommen.

»Ich möchte doch lieber noch einen Kuß von dir haben, Kornelius.«

Und die feierliche Getragenheit der Liebesbekenntnisse ernster Menschen ging unter im lebendigen Leben.

Das Hausmädchen kam auf Kornelius Vanderwelts Anruf, grüßte freundlich und deckte den Tisch im Arbeitszimmer.

»Unsere liebe Verwandte, Fräulein Freydag, wird längere Zeit bei uns bleiben, Martha. Sorgen Sie nach besten Kräften, daß sie sich wohl fühlt.«

Das Mädchen knixte vor dem Gast, der ihr die Hand entgegenstreckte, und ging.

»Kein Mensch auf der Erde ist mir so nahe verwandt wie du. Es war keine Unwahrheit, Angela.«

Sie saßen hungrig und durstig am Frühstückstisch und langten zu. Wie gesunde Menschen, die dem Tage geben, was des Tages ist. Nur daß der eine den anderen zu bedienen suchte und ein Wettstreit entstand, den anderen nicht hungern zu lassen. Dann nannte Angela Freydag den Namen Fräulein Bilsenbachs, die Namen der Kinder.

»Später, später. Wenn es dir recht ist, kann das Mädchen abräumen.«

»Ich fragte nur jetzt schon, weil ich glaubte, du müßtest zum Hafen hinaus.«

»Sagte ich dir nicht, du liebe Sorgerin, daß heute Festtag ist? Wir werden noch genug vom Alltag mitbekommen. Aber ich will deine Sorge beschwichtigen.«

Er nahm den Hörer des Fernsprechers auf, nannte dem Amt die Nummer.

»Schon zur Stelle, Beckenried? Ach, Sie alter Prahlhans, diesmal war ich früher auf den Beinen, wenn darin die geistige Überlegenheit steckt. Was liegt vor? So, so. Aber ich habe heute Wichtigeres, und an der Schifferbörse können sich heute einmal unsere jungen Leute die Sporen verdienen. Ja, ja, ich meine die Herren Klaus und Thomas, die viellieben Schwäger. Was? Wenn sie's nicht können, sollen sie's lernen. Deshalb schicke ich sie ja hin. Und den Rest werden Sie mit gewohnter Umsicht erledigen. Auf morgen, Beckenried.«

»Klaus und Thomas? Die viellieben Schwäger?« fragte Angela Freydag.

»Später, später.« Und Kornelius Vanderwelt öffnete die Tür zum Musikzimmer. »Tritt in dein Reich, Angela.«

Wie mit gefesselten Füßen trat sie ein. Und dann eilte sie auf den Flügel zu, legte beide Hände auf den Deckel, preßte das Kinn auf den Notenhalter und starrte geradeaus.

Von der Wand grüßte in unvergänglicher Schöne Hans Deiters' Meisterbild »Der Reigen«, aus edlen Frauenkörpern gewoben. Leise zog Kornelius Vanderwelt hinter ihrem Alleinsein die Tür ins Schloß.

Jetzt wandte sie über die Schulter den Kopf nach ihm. »Komm,« baten ihre Augen.

Er trat hinter sie und legte den Arm um sie. Die Hände auf den Flügeldeckel gestemmt, drückte sie sich tief in den Arm hinein.

»Hier habe ich dich mir erobert, Kornelius. Und konnte nichts gegen jetzt.«

»Wir sind beide gereift, Angela. Vielleicht auch in den Ansprüchen aufeinander. Nenn' du mir dein Wachstum.«

»In der Liebe zu dir! Darin liegt es, darin! In der Liebe zu dir! Damit ist alles gesagt.«

»Wenn ich mir,« sagte Kornelius Vanderwelt ernst, »nach Ansicht meiner Mitbürger ein paar Verdienste erworben haben sollte, so habe ich heute den Lohn erhalten.«

Sie schüttelte heftig den Kopf. In ihre Stirn grub sich, wie in Mädchentagen, die steile Furche.

»Nein, nein. Was dir die Allgemeinheit schuldet, ist ihre Sache und geht mich nichts an. Es ist dein Stolz, der dich bescheiden macht. Und er macht mich mit dir stolz. Aber was ich dir schulde, Kornelius — ach, mir ist die Seele zum Überlaufen voll, und die Frau sucht vergebens nach Worten, die es dir rückhaltlos aussprechen könnten und sie doch nicht beschämen, und die Künstlerin kommt sich neben der Frau ganz armselig vor, daß sie auch ein Wort sagen möchte und das doch in dieser Stunde so nebensächlich ist, wie draußen das Wetter.«

»Wie stark und leidenschaftlich du geworden bist, Angela?«

»Geworden? Bin ich es geworden? Ich bin das geworden, wozu du mich geformt hast. Und nun bin ich nichts als der Dank.«

»Meine alte, junge, ewig gleiche Angela. Das ist das Frauenwunder, das wir anstaunen und doch nichts anderes ist, als die Wahrhaftigkeit der Seltenen.«

»Heb' mich nicht zu hoch, Kornelius. Meine Füße stehen so fest auf der Erde, daß ich die Erde treten kann, wenn ich es will. Und ich will es, wenn du es willst. Wenn sie uns von unseren Höhen herunterholen wollen, Kornelius.«

Er strich ihr leise und glättend über das strenggewordene Gesicht, und sie erhaschte die Hand und drückte sie gegen ihren Mund.

»Setz' dich nieder, Engel. Hier auf die alte Kirchenbank, auf der wir so oft aneinandergerückt saßen, wenn wir vierhändig ein Werk der Meister spielten. Heute brauchen die Tasten nicht zu tönen. Heute ist so viel Gesang in uns selber, daß wir das Handwerkszeug ruhen lassen können. Sitzt du gut? Lehn' dich nur fest mit der Schulter an. Heute brauchen wir keine Geheimnisse mehr voreinander zu bewahren.«

In die alte Kirchenbank geschmiegt, saßen sie Schulter an Schulter und ließen die Minuten rinnen, als wäre der gemeinsame Quell ihrer Stunden unversieglich. Weil ihr Blut ineinanderrann.

»Wachst du noch, Kornelius?« fragte Angelas Stimme mit einem schlummermüden Ton.

»Ich höre dir ununterbrochen zu. Erzähle nur weiter, Engel.«

»Ich habe ja gar nicht gesprochen, du. Du hast zu mir gesprochen, und ich habe kein Wort überhört.«

»Dann, Engel, ist jetzt die Reihe an dir. Und ich will schweigen wie ein Stummer.«

Eine Weile besann sie sich. Dann war sie wieder in der Welt.

»Ich werde kein Wörtchen überschlagen, wenn du es für wert genug hältst. Aber vorher sprich mir von deinen Kindern, von Fräulein Bilsenbach, von deiner Umwelt hier, damit ich weiß, wo ich gehe und stehe, wenn sie kommen werden.«

»Fräulein Bilsenbach wird nicht mehr kommen, Angela. Sie ist immer geräuschloser geworden in den langen, heftigen Jahren, und ich habe sie bei der Hand gehalten, als sie im letzten Sommer starb.«

Angela Freydag saß, ohne sich zu regen, Schulter an Schulter mit dem berichterstattenden Manne. Hinter ihrer Stirn arbeiteten die Gedanken und woben das Bild des einsam gealterten Fräuleins aus den Erinnerungen.

»Sie hatte einen Lohn zu beanspruchen für so viel Unausgesprochenes, Kornelius. Du hast ihn ihr ohne Zögern ausbezahlt. Als du sie vor der schwarzen Pforte bei der Hand nahmst und ihr die letzten Schritte so leicht machtest, daß sie ein Leben aufwogen.«

»Woher weißt du das, Angela?« fragte er erstaunt. »Wie kannst du das wissen?«

»Ich weiß es, weil ich eine Frau bin und weil ich mich nicht fürchte, es auszusprechen. Auch ich würde dich lieben, wenn ich alt geworden wäre und hätte dich jahraus, jahrein vor Augen gehabt. Wie du mich in deinem Alter noch lieben wirst, wenn du keinen Makel an mir gefunden hast. So hat dich die einsame Seele des gealterten Fräuleins geliebt, und es ist nicht lächerlich.«

»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »es ist nicht lächerlich. Liebe ist mehr, als Jugend weiß.«

»Nun sprich mir von der Jugend,« bat Angela Freydag freundlich, »von deinen Kindern, Kornelius.«

Kornelius Vanderwelt legte die Hand um die Stirn. Unbewußt preßte er sie zwischen den Fingern, daß sie schmerzte.

»Von meinen Kindern, Angela ... Ganz recht, von meinen Kindern. Ja, wo soll ich da beginnen und wo enden ... Es sind keine Kinder mehr, Engel, und es gibt Zeiten, in denen ich mich wundere, daß sie einmal meine Kinder gewesen sein sollen. Nicht, als ob ich meine Liebe von ihnen abgezogen hätte. Liebe ist vielleicht ein falsches Wort und müßte mit Naturtrieb übersetzt werden. Es ist der natürliche Trieb, der das eigene Blut wittert und sich dagegen aufbäumt, es vor die Hunde gehen zu lassen.«

Ihre Hand tastete sich in die seine, zog sie von der Stirn, legte sie auf ihr Knie und hielt sie fest.

»Liebe ...« wiederholte er, und die Wallung seiner Pulse wurde ruhig unter ihren kühlenden Händen. »Ich habe so viel Liebe in mir, daß ich meine Kinder lebenslang reich damit machen könnte. Aber Liebe will erwidert, gewünscht und gewartet sein. Wir sind nicht alle so anspruchslos wie ein Fräulein Bilsenbach. Nun wohl, Angela, meine Kinder hatten recht frühzeitig schon das, was sie für Liebe hielten, für sich selber nötig und ihren mehr oder weniger ergötzlichen Zeitvertreib. Juliane und Thomas, dein besonderer Freund, wurden hintereinander kriegsgetraut. Juliane mit achtzehn Lenzen. Thomas in der stolzen Mündigkeit seiner einundzwanzig Jahre. Nach neun Monaten pünktlich waren sie Mutter und Vater. Jeder von einem munteren Jungen. Jetzt sind die Jungen fünf Jahre alt.«

»Wie meinst du, Angela? Ja so, ich habe die Partner vergessen. Julianes glücklicher Ehegatte ist Klaus Beckenried. Der Sohn meines knochentrockenen Geschäftsführers. Geschäftstüchtig wie sein Vater. Infolge des Altersunterschiedes natürlich noch mit einigen Sehnsuchtsbildern behaftet, die der alte Beckenried längst zum alten Eisen geworfen hat und die, wie ich fürchte, der junge in nicht allzu langer Zeit auf denselben Kehrichthaufen werfen wird. Bleibt der Thomas. Des Thomas glückliche Ehegattin ist Antonie Ausdemwerth, die Schulfreundin der Juliane. Ich weiß Schönheit zu schätzen, und ich sehe mit Männeraugen, daß das Frauenzimmer schön ist wie ein lockender Apfel, fallreif. Aber sie ist immer fallreif, und es lungern viele unterm Apfelbaum.«

Er schwieg, und dann lachte er hart vor sich hin.

»Meine zornmütige Angela wird denken, die Schwiegerkinder wären die schwarzen und meine eigenen Kinder die weißen Schafe. Ach, Engel, es ist nicht so, und wenn ich eine Mohrenwäsche vornähme. Möglich, daß der junge Beckenried, übrigens ein Mann von einigen dreißig Jahren, zu früh die leuchtende Hochzeitsweste ausgezogen und sich vom sparsamen Blut der Beckenrieds erwiesen hat. Zu früh für eine Frau von der Großdamenhaftigkeit einer Juliane. Sie braucht das Geld, wie andere die Luft zum Atmen brauchen, und wenn man es ihrer eitlen Putzsucht vorenthält, so verschafft sie es sich, ohne wählerisch zu sein. Und ich weiß wirklich nicht, was ich mehr verabscheuen soll: die kühle Berechnung, aus der sie es tut, oder das geile Sündenblut der Antonie.«

»Damit wären wir beim Thomas, Engel, den du mir immer am ähnlichsten fandest. Darin, daß er das heimliche Allerweltsdirnchen nicht auf die Straße warf, nach der sie doch verlangt, darin ähnelt er mir wohl am wenigsten. Und ebensowenig, daß er aus seiner Schlaffheit eine Art Sportbelustigung macht, jeden Schritt vom Wege bei seiner Frau vorhersieht, ihn mit der Gründlichkeit und Ausdauer eines Forschers verfolgt, zergliedert und zerlegt und sich höchlichst ergötzt fühlt, wie ein Sieger und Triumphator über die in der eigenen Falle Gefangene frohlocken zu können.«

»Du siehst, Angela, die Beichte war aufrichtig und vollkommen, und nun ist mir der Mund trocken.«

»Der Thomas«, sagte Angela Freydag, »weiß nicht ein und aus. Weil er noch als Junge in die Ehe gegangen ist und sich vom Zeitgeist hat vorpredigen lassen, die Freizügigkeit von Mann und Frau gehörte zum guten Ton und wäre ein Erkennungsmerkmal der Freigewordenen. Laß ihn aus dieser Zeit und ihrem billigen Geist hinauswachsen, und er wird den Abscheu empfinden wie du und der Sohn des Vaters werden.«

»Wie schön ist meine Angela in ihrer Milde.«

»Weshalb verspottest du mich, Kornelius? Ich kenne doch die Quelle des Vanderweltschen Blutes, ich kenne doch dich. Und da soll ich glauben, das Wasser der Bäche tauge nichts? Wind und Wetter können es getrübt, können es sogar verschlammt haben, aber das klärt sich, wenn die warme Sonne wieder scheint. Es war viel Wind und Wetter in Deutschland.«

»Ich verspotte dich nicht. Ich muß nur immer wiederholen: wie schön ist meine Angela in ihrer Milde.«

Ihre Augen färbten sich dunkel. Über den tiefen Grund liefen leuchtende Funken.

»Ich hatte es als Spott empfunden. Du bist erfahrener als ich in allen Dingen, und der Spott wird bei dir zum Lächeln und Belächeln. Ich bin noch nicht so weit wie du, und es ist gewiß Frauenart, daß wir hassen, was ihr mit einem Lächeln abtut. Kornelius, du sagtest mir einmal, mit einem Ziegelstein schlügst du den Menschen tot, der nach mir schielte, und wenn du ihm nach bis Australien müßtest. Und da hältst du mich für kleiner, obwohl ich inzwischen um einen Fuß gewachsen sein soll? Ich bin so milde, Kornelius, daß ich jeden, der dich oder deinen Namen beleidigen möchte, mit diesen Händen zerreißen würde.«

Er griff nach ihren Händen, die sie in Erregung schüttelte, und zog sie an seine Lippen.

»Glücklicher Kornelius Vanderwelt.«

Sie sah ihn an. Und als sie sah, daß der Ernst aus ihm sprach, legte sie den Kopf ruhig an seine Brust.

»Wohnt Thomas nicht mehr im Hause? Und Juliane?«

»Thomas haust in der Wohnung seiner Frau, die bei ihrer törichten Mutter lebt. Und Juliane ist von ihrem zürnenden Mann in das Haus des Vaters Beckenried verbracht worden, damit ihre Geldangelegenheiten unter doppelter Aufsicht stehen. Mögen sie sich zurechtfinden. Wie man sich bettet, so muß man liegen.«

»Welchen Beruf haben die Männer? Können sie ihre Frauen mit ihrer Arbeit ernähren?«

»Ach, Engel, sie haben den Beruf, meine Geschäftsnachfolger zu werden. Das ist vielleicht nicht der schlechteste Beruf. Sie arbeiten auf meinem Kontor und gehen heute zum erstenmal auf die Schifferbörse, um die Flagge des Hauses Vanderwelt zu zeigen. Ob aber ihre Arbeit ausreicht, um ihre Frauen zu ernähren, das glaube ich nie und nimmer.«

»Und wenn du ihr Gehalt steigertest, Kornelius?«

»So würden ihre Frauen ihre Forderungen an die Männer um das Dreifache steigern. Ausprobiert, Angela.«

Sie ließ den Gesprächsstoff fallen. Sie fühlte, daß sein Stolz mehr litt, als er zeigte. Nur eine Frage wagte sie noch.

»Und Justus? Du sprachst mir noch nicht von deinem Ältesten, Kornelius.«

»Ja, Justus — —. Es wär' mir lieb, ich erführe selber mehr von ihm. Du weißt es, er hatte einen hochfahrenden Sinn. Aber in guten Zeiten wäre bei seinen raschen Aufnahmefähigkeiten wohl ein Großer aus ihm geworden, wenn auch ein herrischer. Für die schlechten Zeiten aber war seine Anschauungswelt nicht gewappnet, und der Ausgang des Krieges hat ihn zu einem Zerrissenen gemacht, der bald hier, bald dort, wo in den Ostländern um Rußland herum eine Flamme auflodert, dabei sein muß, um zu versuchen, sich und die Welt wieder zusammenzuflicken.«

»Er schreibt dir wenig?«

»Zuweilen wie ein Held, zuweilen wie ein Verzweifelter. Das ist heute die marktgängige Mischung unter den Entwurzelten, die so leicht das, was dem Vaterland frommt, mit dem, was ihnen selber frommen würde, verwechseln und darum keine Geduld und keinen Blick für den ›Wechsel auf Sicht‹ haben.«

»Hilfst du ihm, wenn er ruft?«

»Fragt das meine Angela?«

»Verzeih mir,« bettelte sie, »es war nur ein Vergreifen im Wort. Ich wollte fragen, ob er dich zur Hilfe ruft.«

»Der Held nie. Der Verzweifelte immer. Dann fragt der Vater nicht lange, ob es zu vaterländischen Zwecken oder zu eigenen geschieht, und er hilft. Ich sagte dir schon, es ist der Naturtrieb, der das eigene Blut wittert.«

Sie strich ihm mit den Fingern durch das Haar. Hin und her, her und hin.

»Nicht böse sein, Kornelius, daß ich dir diesmal nicht glaube. Nein, nicht böse sein. Dein Naturtrieb ist ja die Güte. Das hab' ich ja an mir selbst verspürt, als ich hageres und mageres Menschlein durch den Straßenschmutz zu dir kam. Alle starken Menschen sind gütige Menschen, sonst gäb's ja keinen Weg zu ihrer Welt. Und dein Sohn Justus brauchte nicht dein Sohn und könnte ein Niemandssohn sein, und du würdest ihm helfen, wenn er dich beim rechten Namen rief.«

»Ich habe ihn mehr geliebt, als ich es aussprechen kann,« sagte Kornelius Vanderwelt leise. »Denn wie du in Thomas, so habe ich in ihm mein Ebenbild erhofft. Und nun wird meine Eitelkeit mit einem arbeitsunlustigen Landfahrer gestraft.«

»Es ist noch nicht aller Tage Abend, Kornelius.« Und sie wiederholte es: »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« bis das Streicheln ihrer Finger alle Schwere aus seinem Haupte hinweggenommen hatte.

»Darf ich mir eine Zigarre anzünden, Engel? Du siehst, ich streiche die Jahre aus und behandle dich nicht als feierlichen Gast.«

»Das erst macht mir den Festtag, daß du mich nicht feierlich nimmst.«

»Wollen wir wieder in mein Arbeitszimmer? Komm, Engel. Feierlich, sagst du? Feierlichkeit ist der Tod der Natürlichkeit und damit aller Menschenfreude. Das hat mir als Kind den Sonntag so zuwider gemacht, daß ich im feierlichen Zuge mit zur Kirche schreiten, mit feierlichem Gesichte bei Tische sitzen, in feierlicher Haltung am Spaziergang der Erwachsenen teilnehmen mußte und was sonst noch alles. Als ob der liebe Gott gestorben wäre und nicht auf seinem Sonntagsthron aus Sonne, Mond und Sternen säße und Ausschau hielte, ob sich auch seine Menschen aus Leibeskräften über ihre Erde freuten! Rauchst du?«

Sie waren in sein Arbeitszimmer hinübergegangen, und er wies auf die Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln. »Nun?« fragte er.

»Ich muß dir ja doch«, erwiderte sie mit rotem Kopf, »mein Laster eingestehen. Als ich durch den Ausbruch des Weltkrieges in Amerika zurückgehalten wurde, ganz besonders aber, als auch Amerika in den Krieg eintrat und wir, die ihr Deutschtum nicht verraten wollten, als Gefangene behandelt wurden, da hab' ich mir das Rauchen angewöhnt, um über das endlose Warten und das noch endlosere Wandern der Gedanken hinwegzukommen. Wenn ich rauchte, wurde es ruhiger in mir. Aber wenn du es bei einer Frau nicht gern siehst, kann ich es unterdrücken.«

»Wozu die Entschuldigungen, Engel? Wer weiß, ob du nicht mal wieder in Gefangenschaft gerätst und das Rauchen brauchst.«

Sie wählte eine Havannazigarette mit einem Tabakdeckblatt.

»Erschrick nicht zu sehr, Kornelius. Die Papierzigaretten sind mir zu verschwommen.«

Er reichte ihr Feuer und lachte ihr in die Augen.

»Ich hab's mir fast gedacht. ›Entweder — oder!‹ lautet die Losung bei Angela Freydag. Wie schön du erröten kannst.«

Sie ließ sich in einen der tiefen Ledersessel nieder und rauchte in ruhigen Zügen. Und Kornelius Vanderwelt saß ihr gegenüber und sah durch den feinen Rauchschleier seiner Zigarre ihr Bild wie aus Nebelfernen zu ihm hinüberlangen.

»Nun bist du für deine Erzählung aus fernen Weiten in die rechte Beleuchtung gerückt. Nun erzähle du, Angela.«

»Muß ich vom Tage meines Abschieds an beginnen, Kornelius?«

Er nickte. »Seitdem du von mir gingst, Engel.«

»Ich hinterließ dir einen Brief, als ich ging. Darin schrieb dir das Mädchen sein Weshalb.«

»Der Brief des Mädchens ruht in des Mädchens alter Reisetasche, die sie mir einmal als Weihnachtsangebinde auf mein Zimmer stellte.«

Eine Weile blieb es still im Sessel Angela Freydags, und der Lauscher hörte nur einen tiefen Atemzug.

»Ich kehrte nach Köln zurück,« begann die Stimme aus der Nebelferne der Erinnerungen heraus. »Ich nahm die Stunden mit verdoppelten, mit verdreifachten Kräften auf. Ich war von dir gegangen, nein, vor mir selber davongelaufen, weil ich so stolz auf dich und deine Hinneigung zu mir war, daß ich nicht nur dein kleines Liebchen werden wollte. Denn so wäre es geworden, Kornelius.«

Diesmal war es die Lauscherin, die aus dem Sessel Kornelius Vanderwelts nur einen tiefen Atemzug vernahm.

»Der Professor nahm mich mit Freuden als seine Meisterschülerin. Das Geld, das ich mir in deinem Hause erworben hatte, reichte bei richtiger Verwendung für zwei Jahre aus. Anschaffungen zu machen, hatte ich nicht nötig. Du hattest mich zu Weihnachten und zum Geburtstag für den Alltag und die ersten Konzertreisen überreich ausgestattet. So konnte ich mich ohne Hemmungen meiner Arbeit hingeben.«

»Es war nicht ganz so leicht, wie es heute scheint. Aber du halfst mir, Kornelius. Auch wenn der Lehrer liebenswürdiger werden wollte, als der Unterricht verlangte. ›Nicht,‹ sagte ich, ›ich bin heimlich getraut. Der Mann, der mich in seinen Händen hält, kann Hufeisen zerbrechen.‹ Da beließ er es beim Unterricht.«

Kornelius Vanderwelt sprach kein Wort. Ihm fielen die Verse ein vom Reiter auf dem Bodensee. Mit keinem Gedanken hatte sein sicherer Sinn an eine Gefahr gedacht.

»Nach einem Jahre«, fuhr die Erzählerin fort, »durfte ich zum erstenmal öffentlich spielen. In einem Kurkonzert der verträumten Badestadt Honnef am Rhein. Es gelang über Erwarten. Der kunstverständige Arzt des Städtchens schrieb in seiner Besprechung von einem Licht auf einem hohen Berge. Dieses Licht wollte ich nun in die Täler der Menschen tragen. So spielte ich im folgenden Winter zum zweitenmal in Koblenz, und der verstärkte Erfolg führte mich bald nach Mainz und nach Mannheim, nach Karlsruhe und nach Basel. Damit war ich im Auslande.

»Gewiß, es war die kleine Schweiz. Aber in Zürich schon spürte ich, daß sich hier alle Völker ein Stelldichein geben, und in Lausanne und Genf vernahm ich die Stimme Frankreichs, und ich folgte ihr nach Paris.

»Nach Paris. Wie habe ich die Augen, wie habe ich die Ohren, wie habe ich alle Sinne geöffnet, um alles in mich hineinzutrinken, was die Stadt an Kunst mir bot. Alle die ungezählten Möglichkeiten, die sie dem Lernbegierigen hinhält zum Wachsen und Werden, und die mit jedem neuen Tage wechseln und neue Weiten bieten.

»Und wieder standst du neben mir, Kornelius, und hieltst mich bei der Hand. Und ich wußte Tag und Nacht, warum ich hier sei.

»In Paris spielte ich zuerst in einem Konzert der Meisterschülerinnen, dann zu mehreren Malen in der größeren Öffentlichkeit, und wurde nach London eingeladen zu einem großen Konzert in der ›Albert Hall‹. Von hier aus ging die Fahrt geradeswegs nach Amerika.«

»Als hättest du dir auch meine Weltfahrten zu eigen machen wollen, Angela.«

»Als du mich auf der Landstraße sahst und mich in deinen Wagen packtest, Kornelius, sprachst du so übermütig von deinen Seeräubervorfahren, daß ich dir ebenso übermütig antwortete: ›Die Meinen vielleicht nicht weit davon.‹ Wer will wissen, was in der Vorzeit war!«

Und Kornelius Vanderwelt dachte an den sagenhaften Zweigeschlechterbaum der Menschheit, der ihm schon einmal in seinen Gedanken erschienen war, als er inbrünstig nach Angela rief.

»Erzähle weiter. Ich lebe mit dir, als lebte ich mein eigenes Leben.«

»Es ist so. Die Seelen harfen die Musik, nicht die Hände. Und so ist meine Seele auf deinen Wegen gefahren.«

»Erzähle von Amerika, Angela. Es ist der zweite Teil deiner Lebensreife und meiner Wartezeit.«

»So war ich mit dir in Amerika, Kornelius,« vernahm er ihre Stimme, »und es war gut, daß wir beieinander waren. Erst schwoll mir die Brust in der unbekannten und verstärkten Lebensluft. Die Menschen erschienen mir aufrechter im Wuchs, großzügiger im Denken, freier im Verkehr und jeder Handlung. Die Haltung der Männer der Frauenwelt gegenüber erfüllte mich mit Bewunderung für die Männer, die Stellung der Frauenwelt erschien mir so göttlich, daß ich mich meiner Erdhaftigkeit fast schämte und mich bekümmert fragte, ob ich mit meinen besten Sonntagsgedanken wohl je einer solchen himmlischen Höhe würdig werden würde. Ach, mein Erwachen aus Traumland war eine starke Erschütterung. Es lebte da drüben eben ein jeder sein eigenes Leben, Männlein wie Weiblein, und sie waren bei Licht betrachtet nicht größer als im alten Europa und nur so frei, als einer dem anderen die Freiheit ließ. Die so Aufrechten gingen unterm Joch der Arbeit wie bei uns, die so Großzügigen kämpften vorher um jeden Dollar, die göttliche Verehrung der Frau war ein Sport wie hundert andere, und manche der Engel Gottes schleiften insgeheim die Flügel durch den Staub wie in aller Welt. Es war nichts mit der ungekannten und verstärkten Lebensluft, wenn man sie erst genügend eingeatmet hatte, und wenn man in Slawien die Frauen prügelt und in Amerika mit Weihrauch umwedelt, so ist es nichts als ein anderer Landesbrauch und beileibe keine seelische Vervollkommnung.

»Ach, meine arme Seele. Wie hat sie frieren müssen, als sie erwacht war. Wie hat sie nach den warmen Tiefen gesucht und die abgekühlten Oberflächen gefunden. Wie hat sie nach einem zusammenklingenden Zweiklang gelauscht, wo jeder mit sich und sich allein beschäftigt war. Nein, die Menschheit unterscheidet sich nirgendwo. Nur ihre Gepflogenheiten.«

»Sprich weiter, Angela. Es hört sich dir gut zu.«

»Es mag eine gute Gepflogenheit der Yankees sein, daß sie die Konzertsäle bevölkern. Es gehört zum guten Landeston. Und so spielte ich vor vollen Sälen in Neuyork und den großen Städten des Ostens, in Boston, Philadelphia, Baltimore, und der Erfolg verstärkte sich immer mehr, je weiter ich und die ruhmredigen Ankündigungen über Chikago nach dem fernen Westen kamen, nach Los Angeles, San Franzisko und nach Portland und Seattle im Norden. Und wieder ging es den Mississippi entlang bis Saint Louis und in den grellen Süden hinein bis zu den spanisch gefärbten Yankees von Neuorleans. Gott habe ich gedankt, als ich wieder nach dem Osten kam und den Hafen Neuyorks begrüßte, denn außer den vielfarbigen Wunderbildern der Natur hatte meine Seele nichts gewonnen als eine immer größere Leere.

»Da stand ich im Hafen. Heimatselig. Und meine Seligkeit hieß Kornelius Vanderwelt. Und da war der Weltkrieg, und da war das Ausfahrtverbot.

»Ach, du, das kann ich dir nicht schildern.

»Hundert Wege bin ich gelaufen, hundert geheime Besprechungen habe ich abgehalten und Überfahrtspreise in jeder Höhe geboten. Ich mußte bleiben. Und dann begann die Zeitungspresse ihre Tätigkeit, und in den Volksmengen fing es an zu quirlen wie in einem gelockerten Moorgrund, und die Vermittler und Leiter der Konzerte wurden unverschämt, und die von uns, die sich beugten, wurden gnädig bevorzugt. Nur bei einer Absage der anderen wurde ich noch zugelassen, und ich spielte in den Jahren nur noch so oft, daß ich meine Ersparnisse nicht anzugreifen brauchte, und das war gut so, denn das verhetzte und sich selbst nicht mehr kennende Amerika sprang in den Weltkrieg hinein.

»Erlaß mir die Schilderung des letzten Jahres. Wir Deutsche wurden als Gefangene behandelt, und ich gewöhnte mir das Rauchen an. Tagelang hab' ich geraucht, um über die sehnsuchtswunden Gedanken hinwegzukommen, die bei jeder Berührung wie Tiere im Käfig schrien, und über die sehnsuchtswunden Gedanken hinweg zu dir.«

Sie warf den Rest des Tabaks in einen Behälter, wischte sich mit ihrem Tuch über Fingerspitzen und Lippen.

»Ich bin zu Ende. Von der Heimfahrt weiß ich nichts mehr, als daß die Wellen schäumten und die Wolken jagten. Das einzige Bild, an dem ich Gefallen fand. Und daß mich in Hamburg ein Brief meines greisgewordenen Musikprofessors erwartete, der mir ein Konzert in Köln anbot. Ich drahtete zurück: ›Angenommen.‹ Plötzlich war mir, als müßte ich einmal, ein einziges Mal in der großen Öffentlichkeit vor dir, für dich spielen. Als würdest du kommen. Als würdest du sehen, ob das entwichene kleine Mädchen Wort gehalten und eine reife Künstlerin geworden wäre. Und —«

»Und —« wiederholte Kornelius Vanderwelt mit angehaltenem Atem.

»Und ferner wollte ich,« sagte Angela Freydag, ohne zu stocken, »daß du aus der Menge heraus auch die reifgewordene Frau sehen solltest und dich fragen könntest: Hat mein Herz noch so schnell geschlagen wie im Walde?«

»So sicher wußtest du, daß ich kommen würde?«

»So sicher wußte ich es.«

»Und wenn ich nicht daheim gewesen wäre oder krank gelegen hätte?«

»Ich glaube, auch das hätte ich gewußt, und ich wäre zu dir an dein Bett gekommen. So aber war es schöner.«

Sie atmete tief und wohlig, und ihre Augen lachten ihn an.

»Wie der Seeräuber aus dem Blut deiner Vorfahren kamst du mit dem Enterbeil auf mein Deck gestürmt, überranntest die Musikanten, kapertest mich und verschwandest mit der Beute, ohne eine Kielspur zu hinterlassen.«

»Hat das denn nie ein anderer außer mir gewagt? Hatten denn die Männer da draußen keine Augen im Kopf?«

»Es hatten da draußen mehr Männer Augen im Kopf, als mir lieb war. Aber ich hatte auch Augen im Kopf.«

»Und es fand keiner Gnade vor diesen klugen, grauen Augen?«

Sie schüttelte den Kopf. Das Lachen war verflogen.

»Nicht scherzen, Kornelius. Bitte nicht mit diesem einen Ding. Andere Männer! Gut, ich will es dir erklären, wenn du so blind oder so vergeßlich geworden bist. Selbst auf die Gefahr hin, daß du es gern aus meinem Munde hören möchtest. Andere Männer! Ich kannte keinen, ehe ich zu dir kam, oder doch nur solche, vor denen ich das Beben hatte. Du erst hast das Weib in mir geweckt. So zart und sacht, daß es nicht erschrecken konnte. Du hast das Störrige weich und das Eckige rund geformt und der Seele ein Haus gebaut, daß sie zum erstenmal wagte, die Flügel auszubreiten. Jeden Gang meiner Füße hast du richtig gesetzt, jeden Gang meiner Gedanken höher geleitet. Und das Herz zum Schlagen gebracht. Wenn deine Hand über mein Haar glitt, wenn deine Hand über meinen Rücken streichelte, mußte ich die Augen schließen, so rieselten alle deine Kräfte durch meinen Körper. Und als ich im Walde sehend wurde und ich den ganzen Reichtum des neuen Lebens gewahrte: du warst der Schöpfer.

»Andere Männer, Kornelius. Damals in meinem Mädchenüberschwang magst du mir wie der Ritter Sankt Georg vorgekommen sein. Nun darfst du lachen. Das erwachte Weib in mir hat es auch getan. Du warst für die Erwachte der Mann, der einzige, der Mann.

»So konnte mich keiner da draußen in der Welt überrumpeln, denn meine Augen hatten von dir das Sehen gelernt. Ungeblendet schaute ich in jeden hinein, durch jeden hindurch, wie durch ein leeres Glas. Weil das Mädchen durch dich zum Weibe geworden war und sein Stolz auf deine Schöpferliebe kein Hinuntersteigen zuließ. Auch nicht zum Scherze.

»Nun hab' ich dir alles gesagt.«

»Und bist zu mir zurückgekehrt, Angela-Engel, ohne Angst?«

»Ich kann kein kleines Liebchen mehr werden, weil ich eine zu starke Frau geworden bin, Kornelius.«

»So sage mir noch eines, und ich weiß genug für Zeit und Ewigkeit: Wie lange darf ich dich im Neste halten?«

Angela Freydag legte die Hände im Schoße zusammen. Ihre Augen wanderten die bildgeschmückten Wände entlang, streichelten im Raum jedes Gerät, kehrten zurück und lagen voll auf dem Manne.

»Du hast das rechte Wort gewählt, Kornelius. Das Nest. Dies ist das meine und kein anderes. Die Künstlerin wird zum Winter wieder ausfliegen müssen, die Angela kehrt immer wieder mit den Schwalben ins Nest zurück.«

»Es genügt mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und ich danke dir.«

An die Tür des Arbeitszimmers pochte das Mädchen und fragte an, ob es das Mittagessen auftragen dürfe.

»Das ist gescheit, Martha. Wir haben Hunger wie die Wölfe.«

Am Arm führte er Angela Freydag ins Eßzimmer hinüber und freute sich auch hier an ihrer Wiedersehensfreude.

»Dort stand Weihnachten der große Koffer und der kleine Koffer,« flüsterte sie ihm zu. »Sie sind meine treusten Begleiter geworden.«

»Und in meinem Schlafzimmer steht die alte Reisetasche, die du nicht von den Knien tatst. Greif zu, Wölfin.«

Da warf sie alle Frauenhoheit ab und aß mit dem Heißhunger des Mädchens von einst.

»Weil Festtag ist,« sagte er, entkorkte eine edle Flasche und schenkte die Gläser voll. »Ich trinke dein Wohl in diesem und in jenem Leben, Angela-Engel.«

»In diesem und in jenem Leben trinke ich das deine, Kornelius.«

Draußen fuhr der Wagen vor. Unbeweglich wartete der Fahrer auf seinem Sitz.

»Es ist wieder der Wilm von damals, Engel. Aber er kennt dich nicht, und wenn ich ihn totschlüge.«

»Darf ich mit dir?« fragte sie hastig.

»Wo wäre denn sonst der Festtag, Engel?«

Und sie gingen hinaus und stiegen ein, und Kornelius Vanderwelt gebot dem Fahrer die Richtung.

Angela Freydag sah das Stadtbild kaum. Sie wartete auf die Landstraße. Zusammengekauert saß sie in ihrer Ecke, und erst als Städte und Dörfer hinter ihnen geblieben waren, wurde sie unruhig und rieb die blanken Scheiben, als wäre es blindes Glas. Keinen Zug verlor er aus ihrem erregten Gesicht.

»Da ist sie — die Landstraße! Aussteigen möcht' ich und mit bloßen Füßen darüber hin und her laufen. Da ist die Ruhr! So silbrig und rein, als läge kein Ruhrort am Ende ihres Weges. Und da —«

»Da liegt der Wald,« sagte Kornelius Vanderwelt, und seine Stimme bebte vor Freude.

»Ja, der Wald — —« sprach sie ihm nach. »Und der Wolkenbruch riß mir die Kleider vom Leib und das Herz auf die Zunge.«

Ohne sich anzurühren, fuhren sie weiter und fuhren bis Kettwig vor der Brücke, wo sie wie geruhige Bürgersleute den Kaffee in der blinzelnden Frühlingssonne eines Gärtchens tranken. Und fuhren am Spätnachmittag heim und kamen in der Dämmerung an den Hafen.

»Halt, Wilm. Wir steigen aus. Abendessen unnötig. Alles wie immer.«

Der Fahrer grüßte stumm, wendete und fuhr den Wagen nach Hause.

Kornelius Vanderwelt schritt über den Laufsteg zu einem Boot, das in den Tauen knirschte, und sie folgte ihm. Es war eine zierliche weiße Motorjacht mit einem Kajütenaufbau, der sich gegen das Steuerrad hin öffnete und mit Wandschrank, Tisch und Rundpolster ausgestattet war.

»Mein Eigentum,« sagte Kornelius Vanderwelt und wies ihr das Triebwerk und die Führung.

Der Vorfrühlingsabend hatte seine junge Wärme dem scheidenden Tage hingegeben, und es wehte frisch über die Rheinwasser.

»Tut nichts. Ich mach' einen Matrosen aus dir, der Wind und Wetter gewachsen ist.« Und er nahm einen Ölmantel aus dem Schrank, half ihr hinein und knöpfte ihn ihr bis zum Kinn hinauf zu. Ganz still stand sie unter seinen Händen. Und die Schirmmütze ließ sie so verwegen auf dem Kopfe sitzen, wie er sie ihr über die Flechten gezogen hatte. Er trat einen Schritt zurück und begutachtete sie.

»Wie ein echter und rechter Leichtmatrose schaust du aus. Wie ein ganz gefährlicher Bursche.«

Sie hob den Kopf und streckte steif die Arme an das Ölzeug.

»Leichtmatrose Engel,« meldete sie. »Zum persönlichen Dienst angemustert auf Boot ›Kornelius‹!«

»Junge,« sagte er, »wenn dir vielleicht um einen Vorschuß auf die Heuer zu tun ist —«

»Ich möchte den Baas nicht vorzeitig in Unkosten stürzen.«

»Schlauberger, du willst nur die Zinsen anlaufen lassen.«

»Hat der Baas noch andere Wünsche? Ich kann auch Klavierspielen, wenn's verlangt wird.«

»Wart's ab, bis wir an Land kommen, du Tausendkünstler. Hier klaviert der Wind auf den Wellen.«

Er löste die Taue, warf die Maschine an und packte das Steuerrad. Das Boot trieb vom Steg, stand zitternd unterm Steuerdruck und glitt wie ein Pfeil von der Sehne. Im schimmernden Rheinwasser arbeitete es gegen den Strom auf und verschwand in Wasser und Dunst.

»Mach' dich nützlich, Junge! Drück' auf den Knopf links!« Und Angela Freydag freute sich wie ein kleiner Schiffsjunge, als unter ihrem Fingerdruck die elektrischen Fahrtenlichter über die Wasserbahn blitzten. Mit gehöhlten Händen rief sie einem vorüberkeuchenden Schleppdampfer ihr »Hoiho!« zu und war stolz, als der fremde Steuermann mit Nachdruck entgegnete.

»Ich hab' ihn zwar nicht verstanden, Kornelius, aber schön war's auf alle Fälle!«

»Es war eine der landesüblichen Höflichkeiten,« erwiderte Kornelius Vanderwelt, und der Wind riß ihm die Worte vom Munde. »Die Bedeutung ist Nebensache. Auf die Gesinnung kommt's an!«

Unter dem breiten Mützenschirm lachten ihre Augen. Ihr Gesicht war vom Wasserwind gerötet wie das einer Indianerin auf dem Amazonenstrom, und das geschmeidige Ölzeug schmiegte sich prall um die Linien ihres Leibes.

»Hei, du mein lieber Schiffsjunge!«

»Hei, du mein lieber Schiffersmann!«

»Ich muß meinem Mund zu tun geben, sonst springt er zu dir hinüber!«

»Steck' dir eine Pfeife an! Rauchen ist das beste Heilmittel! Rauchen bringt über alles hinweg!«

Er hielt das Steuerrad des brausenden Bootes mit der Linken und nestelte mit der Rechten die gestopfte Schagpfeife aus der Seitentasche. Aber wie kunstreich er sich auch mühte, einhändig blieb er unbehilflich, und der Wind blies ihm wieder und wieder die Flamme des Streichholzes aus.

»Du pfuschest mir in den persönlichen Dienst, Baas. Gib die Pfeife her. Ich werde sie dir anzünden.«

Und Angela Freydag nahm ihm die Pfeife aus dem Munde, steckte die geradgerichtete Spitze zwischen ihre Lippen, wandte sich gegen die Kajüte und brachte den Tabak zum Glühen.

»Willst du mir wohl die Pfeife nicht ausrauchen, du Unband?«

»Zwei Züge noch. Nein, drei. Ich muß meinem Munde auch zu tun geben.«

Sie trat an ihn heran und steckte ihm die lustig brennende Pfeife zwischen die Lippen. Und wieder ließ er mit der Rechten das Steuerruder los und erhaschte ihre Hand und legte sie flach gegen seine wetterbraune Wange.

»Mein liebes, frohes, frohmachendes Mädchen du — —«

»Wenn ich das bin, bin ich soviel wie eine Königin.«

»Und ich dein geliebter Untertan.«

»O du geliebter Untertan, wie weise du bist. Ein Untertan, der mein Geliebter ist, ist mein Herr!«

»Beides sein, Angela-Engel, beides sein! Herr des anderen und Untertan seiner Liebe! Und das Königreich schließt um uns her alle Tore zu.«

Er gab mit einem kräftigen Druck ihre Hand frei, beugte suchend sich vor und packte das Steuerrad mit beiden Fäusten, um einen vor Anker liegenden Schlepperzug zu umfahren. Kreuzend glitt das Boot über den dunklen Wasserspiegel, und die Stunden rannen.

»Es wird Nacht,« sagte der Steuermann, »und es ist Zeit, umzukehren. Wende noch nicht den Kopf, Engel. Laß dich überraschen. Das schwarze Ruhrort ist eine Zauberin und läßt den, der es liebt, das traumhafte Venedig erblicken.«

Das Boot legte sich schräg gegen das Wasser und beschrieb aufrauschend einen Bogen. Angela Freydag öffnete den Mund. Sie wollte einen Schrei ausstoßen und vermochte es nicht. Sie streckte die Arme aus und starrte mit weitgeöffneten Augen. Ruhrort war versunken. Versunken mit allem, was im Werktagslicht zu ihm gehörte. Versunken mit den geschwärzten Giebeln und Schloten und den Kohlenhäfen und den ächzenden, breitbäuchigen Booten. Und ein Vineta war an seiner Statt erstanden, aus den geheimnisvoll glitzernden Wassern des Rheins und der Ruhr, der Hafenbecken und Kanäle aufgetaucht. Tausende von weißen, Tausende von farbigen Lampen schlangen sich in leuchtenden Gewinden durch die Luft, überströmten mit Märchenlicht die Mauern, daß sie wie Paläste schimmerten, schufen aus Schloten ferne Glockentürme, aus flachen Fabriken morgenländische Festungswerke, rankten sich um die schlummernden Lastkähne und verzauberten sie in Prunkgondeln des Dogen, die aufgellenden Harmonikaklänge in sehnsuchtsheißes Gitarrengetön und die nächtigen Brückenbogen allüberall in licht-erzitternde Seufzerbrücken der Seligkeit. Und in loderndem Kranze ringsum, Feuerberge der Sage, spien die Hochöfen ihre Flammen gegen den purpurgefärbten Himmel.

»Fürstenempfang,« sagte der Mann am Steuer. »Ruhrort begrüßt eine Fürstin der Kunst.«

»Nein, die Geliebte Kornelius Vanderwelts ...«

Das Boot glitt in den Lichtkreis hinein. Hinter ihm blieb eine leuchtende Spur. Und es glitt an die Quadermauer des Hafendammes, stoppte ab und legte am Laufsteg an. Ein Nacherbeben lief durch seine Glieder.

Kornelius Vanderwelt hatte das Boot am Pflock vertaut und schlang den Schifferknoten. Er bot der Gefährtin die Hand und half ihr an Land. »Ach, Engel, du hast noch das Ölzeug an.« Und er öffnete Knopf für Knopf bis unter das Kinn, und wieder stand sie ganz still unter seinen Händen.

Als sie durch das Nachtdunkel dem Hause zuschritten, spürten sie beide, daß ihre Schultern sich suchten.

Das Haus lag dunkel und still. Tiefe Ruhe umfing sie, als sie eintraten und Kornelius Vanderwelt das Licht aufflammen ließ. Im Ablegeraum reinigten sie ihre Hände vom Öl und Staub des Schiffes und betraten das Arbeitszimmer. Im Licht der Lampen stand der Imbiß auf dem Tisch und wartete der Heimkommenden.

Angela Freydag war es, als hätte sich in dem Dutzend Jahre ihres Fernseins nichts geändert. Nein — nichts, nichts.

»Greif zu, Engel, du wirst Hunger haben.«

Sie schüttelte den Kopf. »Iß du —«

Er schenkte zwei Gläser voll Rheinwein. »Mehr kann ich auch nicht. Und auch das nur, wenn du mir Bescheid tust.«

Sie nahm das Glas aus seiner Hand und ließ es leise gegen das seine klingen. Und während sie hinter dem schwingenden Klange herhorchten, der wie ein Gewisper das Zimmer erfüllte, trank ein jeder sein Glas in langen Zügen leer.

Als sie die Gläser auf den Tisch zurückstellten, berührten sich ihre Hände. Und so stark schlug die leise Berührung in ihr Blut, daß sie aufschraken und sich wortlos ansahen, als sähen sie sich so zum ersten Male. In einem Schrecken, der die Überfülle der Freude war.

Kornelius Vanderwelt sprach zuerst. Er hörte die eigene Stimme wie aus weiter Ferne.

»Ich muß dir etwas sagen, Angela. Es ist gewiß überflüssig, daß ich es dir sage, aber es tut dir vielleicht wohl. Als ich dich zum ersten Male sah, als Glücksritterin auf der Landstraße, gefielst du mir. Als ich dich zum zweiten Male sah, auf deiner Flucht aus den ›Fünf Erdteilen‹, horchte etwas in mir auf. Als ich dich zum dritten Male sah, im Walde dich selbst, war eine atemlose Freude in mir. Der Volksmund sagt: Vor Freud' drückt's mir das Herz ab. Nun sprich du.«

»Ich, Kornelius?«

»Ja du, Angela. Es muß jeder seine Beichte tun.«

»Leg' den Arm um mich, Kornelius, und zieh mich so fest an deine Brust, daß ich nicht mehr weiß, wo mein Atem endet und wo dein Atem beginnt, und du hast alle Beichte meines Lebens. In Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Kornelius.«

Auge in Auge standen sie, Knie an Knie. Und er umschlang sie so fest, daß ihr Gesicht weiß wurde und aus dem weißen Gesicht ihr Mund ihm scharlachrot entgegenleuchtete.

»Dein Herz,« sagte er, und seine Hand lag auf ihrer linken Brust.

»Du drückst mir das Herz ab, du —«

»Wer ist ›Du‹ —?«

»Meine Freude!«

»Und meine Hand hält meine Freude.« — —

Es war eine große Feiertagsstille in den beiden Menschen, und die Feiertagsstille ging durch das ganze Haus. Wunsch und Wille strömten zusammen zu einer Lebenswelle. — — —