7
Keiner von den vielen, mit denen Kornelius Vanderwelt in geschäftlichem oder geselligem Verkehr stand, die mit ihm arbeiteten oder mit ihm auf ihre Weise den Feierabend hielten, hatten ihn seit Jahren so jung und tatendurstig gesehen wie in diesen Frühlingsmonaten. Sein Auge hatte das alte Feuer zurückgewonnen, sein Mund die frohe, schlagkräftige Rede, und wenn er um die Mittagsstunde durch das Gewühl vor der Schifferbörse schritt, aufrecht in den Schultern und biegsam wie ein Junger, lachte es ihn aus den verwitterten Gesichtern in vertraulichem Stolze an, und ein Vorlauter raunte wohl: Kornelius Vanderwelt ist in seine zweite Jugend gekommen.
Der aber, dem das Raunen galt, wußte es besser. Er fühlte es täglich und stündlich, daß keine zweite, keine Scheinjugend zu ihm gekommen war und er nicht zu ihr, daß er wieder auf dem Wege seiner ersten und einzigen Jugend schritt und ihn nicht mehr verlassen würde, bevor die ewige Nacht es wollte.
Nein, er dachte nicht an die ewige Nacht. Er dachte überhaupt nicht an Tag oder Nacht. Er dachte nur an das starke Leben, das ihn umfing und das sich aus dem edlen Ebenmaß der Tage und Nächte zusammensetzte wie der Körper aus Haupt und Gliedern. Und daß es Angela Freydag war, die das edle Ebenmaß bewirkte, durch nichts anderes als durch ihr Dasein.
Daß sie da war. Daß sie im Morgen seines Tages stand und im Mittag und im Abend. Daß sie so sicher und verläßlich da war, wie Morgen, Mittag und Abend wechselten. Über alle Liebe hinaus war es diese starke Verläßlichkeit ihres Wesens, die ihm die federnden Kräfte schenkte. Weil sie ihn des Rückwärtsschauens überhob.
Wenn Kornelius Vanderwelt im Getriebe des Geschäftes der Gefährtin gedachte — und er trug ihr Bild im Drang der Kontorarbeit bei sich und im Getöse des Hafenverkehrs — so leuchtete sein Inneres wie von geheimen Lichtern, und eine Wärme floß durch sein Blut, daß er mitten in Arbeit und Verhandlung die Arme dehnte ...
In den ersten Tagen ihrer Wiederkehr hatte sich Angela Freydag ihr kleines Reich gerichtet. Kornelius Vanderwelt hatte es lächelnd in Augenschein genommen.
»Hübsch schaut dein Stübchen aus, Engel. Alles so blank und säuberlich geordnet, wie die weißen und schwarzen Tasten auf deinem Konzertflügel. Doch, doch, es ist der deine, der da drüben. Und wenn du dein Reich nun doch schon mit dem Musikzimmer vergrößern mußt, um zu dem deinen zu gelangen, so tue ruhig einen Schritt weiter in mein Arbeitszimmer und nimm die andere Seite des Schreibtisches für dich.«
»Gern, Kornelius, und du sollst nichts von mir merken.«
»Das ist ja eben das Wunderschöne, Engel, daß ich es an der Leere des Zimmers merken würde, wenn du nicht da wärst.«
»Weißt du auch, daß du mich verwöhnst?«
»Ich weiß nur, daß ich mich verwöhne und daß mir wohl ist, wie nie im Leben.«
»Wenn es an mir liegt,« erwiderte sie nur und sonst nichts, »sollst du froh bleiben.«
Und er blieb froh, und sie blieb es mit ihm über alle Maßen. Tief im Brunnen ihrer Kindheit verschüttete Gaben und Begabungen tauchten auf, aus den Zeiten, da sie als halbflügges Mädchen für den kleinen, elterlichen Haushalt einstehen mußte. Wenn der Vater eine Opernvorstellung leitete und die Mutter, jählings den Nerven folgend, Haus und Herd im Stiche ließ und dem Manne an der Theaterpforte auflauerte. Oder aus den Tagen, da der Vater in einer Winkelkneipe sein Eheelend niedertrank und die Mutter durch die Gassen irrte, um ihn zu finden und wieder an sich zu ketten. Damals war sie Kind und Köchin, Hausversorgerin und Helferin in eins gewesen, und während ihres armseligen, körperlichen Dahinlebens auf der Musikhochschule waren ihr die bitteren Errungenschaften zum Heil und Segen ausgeschlagen.
Auf starken Füßen stand sie heute im Leben. Und schon schmückte das Grün des Lorbeers ihr Haar und wies ihr die weitgeöffneten Tore der Welt. Und dennoch. Als wären es Schätze, die sie für den Geliebten, den Toresprenger, aufbewahrt hätte, stieg sie in den Brunnen ihrer Kindheit hinab und wählte und wog und förderte zutage. Weib war sie geworden, und weil sie fühlte, daß sie es durch die Liebe zu dem einen geworden war, gab es kein Ding für sie und kein Tun, das sie hätte verkleinern können.
Wenn er morgens das Frühstückszimmer betrat, harrte sie schon im weißen Kleide am weißgedeckten Tisch, und alles wehte ihn wie weiße Frische an und ließ ihn frische Atemzüge tun. Ihre Hände, die jedem Gegenstand Ausdruck verleihen konnten, als wären es die singenden Tasten des Flügels, maßen den Tee in die Kanne, ließen das aufkochende Wasser über die Teeblätter sprudeln, füllten die Tassen und schnitten die Brote. Wenn er zum Mittag heimkehrte, fand er sein Arbeitszimmer blitzblank in der Ordnung, und keine Hand als die ihre war über den Schreibtisch gewandert, keine Hand als die ihre hatte gesorgt und gesichtet, zurechtgerückt und doch alles in der alten Stellung belassen. In schlichtem, kleidsamem Gewande, immer ein paar Blumen an der Brust, saß sie mit ihm zu Tisch, und während er ihr sein Erlebtes berichtete und sie kein Wörtlein davon verlor, schoben ihre schmiegsamen Hände ihm in der Stille zu, was seine Augen suchten, das Brot, den Wein, eine Frucht. Betrat er aber in der Feierabendstunde sein Haus, ein wenig müde vom Tag und doch erwartungsvoll vor dem, was er finden würde, so fand er sein Haus erleuchtet und den Abendtisch geschmückt und inmitten von Licht und Farben das schöne Geschöpf Gottes in der starken und gebändigten Freude, dem Manne eine Freudenbringerin sein zu dürfen und sein bestes Teil. Nie erwartete sie ihn zu dieser Stunde anders als in einem frohen und frohmachenden Abendgewande, und der festliche Grundton ihres Beisammenseins war angeschlagen, bevor sie sich zu Tische setzten, und hallte in verstärkten Schwingungen fort, wenn sie, ihren Arm in dem seinen, das Musikzimmer betraten zum ineinanderklingenden Zusammenspiel. Oder, was er immer heißer liebte, zum Einzelspiel und zur Offenbarung ihrer machtvoll gesteigerten Natur.
Solcher Gestalt waren die Tage und Nächte, die das edle Ebenmaß hielten und doch in Farbe und Gestaltung vom Heute zum Morgen wechselten, wie die Rose dem Flieder folgt und der glühende Herbststrauß den Rosen und Syringen.
Solcher Gestalt und immer in sich verschieden.
Denn der schnelle Wagen blieb nicht im Gewahrsam und führte sie auf weiten Fahrten landein und landaus in still träumende Landschaften und lautwogende Städte. Und die weiße Motorjacht zerrte nicht vergebens im Getaue und wußte Einblicke und Ausblicke auf den ungezählten Meilen der Wasserbahn, die mit den Pferdekräften der Maschine spielend zu gewinnen waren. Oft rötete sich im Osten der Morgenhimmel, und die schlanken Uferpappeln streckten ihre Spitzen in das Purpurgold, wenn sie heimkamen und mit verschlungenen Armen das Haus betraten.
Noch war kein Auge in die Verschmolzenheit ihres Lebens, in das Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit eingedrungen.
»Es wird Zeit,« sagte Angela an einem Morgen und strich ganz zart über seine glücklichen Augen, »es wird Zeit, Kornelius, daß ich deine Kinder sehe.«
»Meine Kinder sind erwachsene Menschen, wie du bist und ich bin, und gehen ihre eigenen Wege.«
»Sie sollen nicht glauben, wir versteckten uns im Garten Eden, Kornelius.«
Seine Augen flammten herrisch auf, und sie bedeckte sie rasch mit beiden Händen.
»Ruhig, ruhig bleiben,« bat ihre Stimme.
»Wenn ich deine lieben Hände spüre, bin ich es, Engel. Und nun will ich ganz ruhig sprechen. Meine Kinder haben zeit ihres Lebens nur von ihren Rechten Gebrauch gemacht und nie an ihre Pflichten gedacht. Sie haben sich aufs Geratewohl ihr Leben gezimmert, wie es sie am angenehmsten dünkte, und meine Wünsche in den Wind geschlagen. Kann ein Mensch oder eine höhere Gewalt von mir verlangen, daß ich die Gleichstellung, die sie so früh erzwungen haben, noch unterbiete und mich freiwillig unter ihre Vormundschaft begebe? Nein und nie, Angela.«
Er nahm ihre Hände von seinen Augen, legte sie eine Sekunde lang gegen seinen Mund und schritt zum Schreibtisch, um die Aufschriften der eingelaufenen Morgenpost anzusehen.
Sie folgte ihm mit den Blicken, bis er das Briefpaketlein wieder auf die Tischplatte gleiten ließ und sich nach ihr umwandte. Ihre Blicke ruhten ineinander.
»Konntest du mich wirklich mißverstehen, Kornelius? Nicht wahr, diese Frage klingt schon ganz unmöglich? Es war nur dein rascher Zorn, der den Unbilligkeiten anderer galt und mich dabei streifte. Nein, nein,« wehrte sie in seiner schnellen Umarmung. »Es tut nicht weh. Wie könnte mir die Liebe wehe tun? Und den Garten Eden habe ich ja gar nicht ihrer Bevormundung unterstellen wollen. Eher brennte ich ihn mit eigenen Händen nieder. Ja, du, ich wäre imstande dazu. Umgekehrt habe ich es gemeint. Unser Garten Eden steht mir so hoch und unantastbar, daß nicht einmal der Glaube an ein Versteckenspielen in anderen Köpfen auftauchen darf, ohne eine Beleidigung zu sein. Unsere Stammeltern sind nicht aus dem Paradiese vertrieben worden, weil sie vom Baum des Lebens aßen, sondern weil sie feige waren und sich vor Gott versteckt hielten, als er sie rief.«
»Und du? Und du?« rief er, hielt ihren Kopf von sich und sah ihr groß in die Augen.
»Ich?« fragte sie zurück. »Ich oder du, es ist das gleiche. Wenn dieser Baum unseres Lebens gefällt werden sollte, so würden wir mitgefällt. Denn er ist nicht im Paradiese, sondern aus Dornen und Disteln gewachsen und aus allem Unglauben unseres Lebens, so hoch, daß wir lebensgläubig werden sollten.«
»Wie stark und furchtlos dein Glaube ist, Angela-Engel.«
»Wenn ich einem Menschen das Erdenglück bringen und tief empfinden darf, wie es im Wechsel in mich zurückflutet, so weiß ich, daß ich auf dem rechten Wege zum Himmel bin, soweit es Menschenkinder wissen können.«
»Mit deinen reinen Händen, Angela. An deinen reinen Händen liegt es.« — —
Selten war Kornelius Vanderwelt so hochgemut über die Straßen geschritten wie an diesem Morgen. Noch lag der Widerschein des Erlebnisses auf seiner Stirn, als er das Geschäftshaus betrat und durch die Pultreihen hindurch sein Sondergelaß aufsuchte.
Durch den Fernsprecher rief er zum Hauptkontor hinüber.
»Ich bitte Herrn Beckenried mit den Eingängen zu mir.«
Die Verbindungstür öffnete sich und schloß sich. Schritte kamen näher und hielten an. Kornelius Vanderwelt wandte den Kopf.
»Ah, ihr seid es? Guten Morgen, Klaus. Guten Morgen, Thomas. Weshalb kommt Vater Beckenried nicht?«
»Mein Vater,« hob Klaus Beckenried an, »läßt sich entschuldigen. Er liegt krank zu Bett.«
»Oh — das bedaure ich. Wieder einmal ein Anfall seines alten Leberleidens?«
»Diesmal ist es die Galle.«
Kornelius Vanderwelt hob die Augen von den Briefschaften. Er sah dem jungen Manne auf den zusammengekniffenen Mund.
»Du betonst das Wörtchen ›diesmal‹ so eigentümlich, Klaus? Hat es einen Grund?«
»Ich wollte damit sagen, daß es einmal ein Leberleiden und einmal ein Gallenleiden ist, was der Vater als Belohnung von dannen trägt. Diesmal ist es die Galle.«
»Entspricht es deinem besonderen Wunsche, Klaus, daß Thomas unserer Unterhaltung beiwohnt? Ich pflege sonst den Kreis der Zuhörer selber zu bestimmen.«
Der junge Beckenried blickte in die Zimmerecke.
»Es entspricht meinem besonderen Wunsch. Er kann nur daraus lernen, wie ein Mitglied der Familie Vanderwelt sich nicht zu benehmen hat. Jawohl, das behaupte ich.«
»Darf ich fragen, um welches Mitglied der Familie Vanderwelt es sich handelt.«
»Um Juliane handelt es sich.«
»Da bedauere ich recht herzlich. Juliane ist auf dein leidenschaftliches Begehren vor sechs Jahren aus der Familie Vanderwelt ausgeschieden, um ohne Aufschub zu einem Mitglied der Familie Beckenried zu werden. In diesem Falle müßte sich also ein Mitglied der Familie Beckenried schlecht benommen haben.«
»Es handelt sich hier nicht um Spitzfindigkeiten,« brauste der Erbitterte auf.
»Nein, es handelt sich in meiner Gegenwart um Ruhe und guten Ton. Wenn deine Angelegenheit wieder einmal keinen Aufschub verträgt, wie vor sechs Jahren bei der Kriegstrauung, so nimm Platz und erzähle mir, durch welche Umstände sich dein Vater ein Gallenleiden zugezogen hat.«
Er wies höflich auf einen Stuhl, und der junge Beckenried setzte sich widerwillig auf die Kante.
»Darf ich mich jetzt beurlauben,« fragte Thomas Vanderwelt, und über sein verblaßtes Gesicht lief der Spott.
»Da dein Schwager Klaus dich bestimmt hat, mit einzutreten, so mag er weiter bestimmen.«
»Ich weiß ja nicht einmal mehr, was ich selber hier soll,« murmelte der junge Beckenried und hob die Achseln, »nach der geschickten Wendung, die du dem Gespräch gegeben hast.«
Kornelius Vanderwelt strich sich über die Stirn. Und es war ihm, als ob er Angelas kühlende Hand fühlte.
»Es freut mich, Klaus, daß du meine Geschicklichkeit, ein Gespräch ohne Umschweife in die rechte Bahn zu lenken, anerkennst. Du tust es ein bißchen grimmig. Aber verärgerte Leute haben das Recht des Grimmes voraus. Also deine Frau hat dir Grund zur Unzufriedenheit gegeben, und du möchtest meine Erfahrenheit um Rat fragen. Ich bin ganz Ohr.«
»Die schlechte Mädchenerziehung Julianes«, stieß der Erzürnte hervor, »trägt in der Ehe von Jahr zu Jahr herrlichere Früchte. Ach, was sage ich! Von Tag zu Tag! Von Tag zu Tag wird ihr Betragen unerträglicher. Erst hat sie mir das Geld aus der Tasche genommen. Jetzt, da ich mich vorsehe, nimmt sie es dem Vater. Und gestern —«
»Halt einmal,« ersuchte Kornelius Vanderwelt und winkte mit der Hand kurz ab. »Die schlechte Erziehung meiner Tochter steht hier nicht zur Untersuchung, sondern das schlechte Benehmen deiner Ehefrau. Bitte, ich habe das Wort, du hast das unfertig erzogene Kind gewollt, wie es ging und stand und aus der Schweizer Erziehungsanstalt weggelaufen war. Acht Tage eines ziemlich ungebundenen Zusammenseins schienen dir vollauf zu genügen, um ihr liebenswertes Gemüt so schwärmerisch zu ergründen, daß es eine Kriegstrauung auf Knall und Fall geben mußte. Ich habe dich ernst gefragt und dich ernst gewarnt, und du hast dich verantwortungsfroh vor mich hingestellt und mir deine und ihre Vorzüge aufgezählt. Noch höre ich dein Wort im Ohr: ›Herr Vanderwelt, ich enttäusche Sie nicht‹ und meine Antwortfrage: ›Wissen Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht enttäuschen wird?‹ Aber mein Rat, das Ende des Feldzuges abzuwarten, wurde rückhaltlos zur Seite geschoben. Nun suchst du Rückhalt.«
»Ich suche keinen Rückhalt! Ich ersuche dich um dein väterliches Eingreifen!«
»Lieber Klaus, das wäre! Eheangelegenheiten liegen immer nur zwischen zweien. Die seligen Tage wie die weniger beseligenden. Wenn du einer Frau noch nicht gewachsen warst, so hättest du das Heiraten unterlassen sollen. Aber keinen Dritten hineinziehen. Keinen Dritten, wenn dir an Glück und Ehre gelegen ist.«
»Predige es doch deinem Sohn Thomas! Seine Ehre kann es weit mehr noch gebrauchen als die meine!«
Thomas Vanderwelt zog die Lippen von den Zähnen.
»Ich beklage mich ja auch nicht. Ich belustige mich höchstens. Auch an dir, teurer Schwager Klaus.«
Kornelius Vanderwelt lehnte sich mit kühler Stirn im Stuhle zurück.
»Die persönlichen Unterhaltungen sind hiermit beendet. Was habt ihr mir Geschäftliches vorzutragen?.«
Der jüngere Beckenried erhob sich straff von seinem Stuhl, und auch Thomas Vanderwelt ließ seine Lässigkeit fahren und stand in aufrechter Haltung vor dem Geschäftsherrn. Das Geschäft regierte die Stunde.
Der junge Beckenried trug die eingegangenen Aufträge vor. Nach jeder einzelnen Nennung wartete er die Bemerkungen des Geschäftsherrn ab und machte sich seine Aufzeichnungen. Thomas Vanderwelt berichtete über das Angebot des Schiffsraumes, nannte die Eigentümer der Kähne und ihre Forderungen. Dann waren sie entlassen, und Kornelius Vanderwelt arbeitete für sich, prüfte die Verteilungspläne, Lade- und Löschzeiten und die Möglichkeiten der Rückfrachten. Oft hob die Hand den Fernsprecher ab, verhandelte er kurz mit den Werken, Zechen und Reedereien, rief er die Auftraggeber am Oberrhein, in Holland, an den Kanalplätzen an und schrieb und rechnete aufs neue. Jeder Gedanke war scharf auf die Schiffsverfrachtungen gerichtet. Nicht einer sprang ab und suchte einen Haken auf das persönliche Gebiet zu schlagen. Die Willenskraft des Mannes hielt sie ans Stichwort gebannt.
Um die elfte Morgenstunde überschritt er den Hafendamm und stand eine Weile eingekeilt zwischen den angesammelten Schiffern. Hände legten sich auf seine Schultern, Zurufe wirrten in seinem Ohr.
»Wir finden bei dem Geschäft keine Rechnung mehr, Herr Vanderwelt! Wenn wir glücklich im Bestimmungshafen anlegen, is et Geld entwertet! Wat tun wir mit den steigenden Frachtlöhnen, wenn der Geldwert noch schneller fällt. Dat is Beutelschneiderei! Da soll der Deubel fahren, aber nich wir!«
»Vernunft behalten!« rief ihnen Kornelius Vanderwelt entgegen, »wenn der Deubel fährt, könnt ihr die Asche kratzen. Es ist die verfluchte Zeit, die Beutelschneiderei betreibt, nicht der Handel. Aber es muß ein Ausweg geschaffen werden.«
»Herr Vanderwelt, Sie haben so oft unsere Sache in Ihre Hände genommen, helfen Sie uns aus dem Dreck!«
»Wenn ihr Zutrauen zu mir habt —«
»Haben wir alle!«
»Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Getretener Quark wird breit, nicht stark. Und nun laßt mich hineingehen.«
Ein paar Hochrufe erschallten. Und Kornelius Vanderwelt wußte nicht, ob sie dem Weisen von Weimar galten oder seiner Mittlerperson.
Er betrat die Halle der Schifferbörse und suchte den Vorstand auf.
»Wollen wir keine Stockungen im Handels- und Schiffsverkehr, so schlage ich die Gutschrift der Löhne in Gulden vor, meine Herren, bis sich die deutsche Reichsmark wieder sehen lassen kann. Wir stehen erst am Beginn der Wertsenkung und es wird im Vaterlande ein wüstes Durcheinander werden. Erhalten wir uns die Kahnführer arbeitsfreudig, mit einigen Opfern am Kursgewinn kann es geschehen, und die Schiffahrt wird oben schwimmen, wenn es mit den meisten anderen Unternehmungen in den dicken Nebel oder jäh in die Tiefe geht.«
Der Vorstand beschloß, sofort die in den Ruhrhäfen verladenden Firmen und die in den Ruhrhäfen verkehrenden Einzelschiffer, die ›Partikuliers‹, zu einer Börsenversammlung einzuberufen und dem drohenden Unwetter vorzubeugen.
Die Masse der Schiffer hatte sich noch nicht vom Platze bewegt, als Kornelius Vanderwelt wieder aus der Halle trat. Die Leute schauten ihn schweigend, aber mit gekniffenen Augen an.
»Börsenversammlung! Mit abgekürzter Einladefrist!« rief er den Nächststehenden zu. »Kerle, die in Wind und Wetter ihren Mann stehen, werden es wohl auch bei dem bißchen Geblase an Land. Also ruhig und würdig, Leute. Mit dem Koller fährt man auf und mit der Kaltblütigkeit wirft man das Schiff ins Fahrwasser herum. Wollen mal sehen, was mit dem holländischen Gulden zu machen ist, he? Die Einzelschiffer stimmen gleichberechtigt mit den Firmen.«
Die Nächststehenden hatten Satz für Satz weitergegeben. Es wurde still, und die gekniffenen Augen weiteten sich friedlich. Ein Alter, der den Bart als Schifferkrause von Ohr zu Ohr trug und baumelnde Ringe in den Ohren, trat vor und streckte Kornelius Vanderwelt die rissige Hand entgegen.
»Schönen Dank auch, Herr Vanderwelt. Wir vergessen nix.«
Allein wie er gekommen war, schritt Kornelius Vanderwelt seinem Geschäftshause zu. Zu Erholungsfahrten war in diesen unruhigen Tagen nicht die Zeit. Und der Sommer näherte sich schon dem Herbst, bevor sie wieder hinaus konnten in die Nähe und Weite, die Gefährtin eng an des Mannes Seite.
Angela Freydag aber hatte längst ihre einstige Schülerin aufgesucht, und Kornelius Vanderwelt hatte nichts mehr dawider gehabt.
»Du giltst in der Stadt als eine Verwandte, die nach Fräulein Bilsenbachs Tod mein Hauswesen leitet. Soweit man bei unserer Abgeschlossenheit überhaupt Vermerk von dir zu nehmen geruht hat. Die Kinder haben mich noch nicht ein einziges Mal befragt, so sehr sind sie mit der Fülle ihrer eigenen Angelegenheiten beschäftigt.«
»Ich denke, die Stadt nimmt auch weiter keinen Vermerk von mir. Mein Tag ist mit dir ausgefüllt.«
»Es liegt im Wesen einer Hafenstadt, Engel, daß man sich die übliche Neugier ein wenig abgewöhnt, richtiger, daß sie einem abgewöhnt wird. Jeder Tag bringt hundert neue Schiffe und mit den Schiffen hundert neue Gesichter. Keiner weiß: Sah ich dies Gesicht schon oder wann sah ich es zuletzt? Sind es Gäste, Durchreisende, Geschäftsfreunde oder Angestellte? Und so schwindet die Achtsamkeit schnell.«
Zu einer Vormittagsstunde wurde Juliane Beckenried der Besuch eines Fräulein Freydag gemeldet.
»Wie sieht sie aus?« fragte sie leichthin und vertraulich das Mädchen. »Wie eine Dame oder nur wie eine Geschäftsdame?«
»Rechnungen hat sie nicht bei sich, gnädige Frau.«
»Liebes Kind, antworten Sie nächstens genauer auf meine Frage. Ihre Dummheit in Ehren. Ich lasse das Fräulein bitten.«
Angela Freydag trat über die Schwelle, im schlichten, ruhigen Straßenkleid. Sie sah nicht das weiße Rokokozimmer mit den farbigen Bildflecken an den Wänden. Ihre Augen waren verwundert auf die überschlanke Gestalt im kniefreien, buntseidenen Morgengewand gerichtet, auf das jungenhaft verschnittene, mit wenigen Strichen zurechtgekämmte Haar, auf die forschenden Augen mit den fein nachgezogenen Schattenrändern.
»Sind Sie es, Juliane?«
Juliane Beckenried warf einen flüchtigen Blick auf die Besuchskarte und trat einen Schritt näher.
»Sie reden mich bei meinem Vornamen an? Haben wir uns denn einmal gekannt, gnädiges Fräulein?«
»Also ganz in Ihrem Gedächtnis erloschen? Freilich, es sind wohl ein Dutzend Jahre, und Sie waren noch ein kleines Schulmädchen und sind heute eine Frau, die wohl selber schon einen kleinen Schuljungen ausschickt. Ich hieß aber damals, wie ich heute heiße, Angela Freydag, und erteilte Ihnen ein Jahr lang Klavierunterricht.«
»Ach, Sie sind das? Ich habe vielerlei Klavierlehrerinnen gehabt. Aber Ihrer entsinne ich mich jetzt. Natürlich, Sie wohnten doch eine Zeitlang in unserem Hause, wenn ich mich recht erinnere? Ja, doch! Papa beschenkte Sie zu Weihnachten mit einem ganzen Aussteuerkoffer. Und ich war furchtbar neidisch.«
»Also das wissen Sie doch noch ...?«
Juliane Beckenried legte den Kopf zurück. Ihre Augen schlossen sich zu einem Spalt.
»Und nun wollen Sie nachfragen, mein Fräulein, ob ich meinem Sohn Klavierunterricht erteilen lassen will? Er ist wirklich noch ein wenig unbedeutend, und die Musik, die Sie lehrten, dürfte auch überholt sein.«
»Gestatten Sie, daß ich für die kurze Dauer meines Besuches Platz nehme?« fragte Angela Freydag freundlich.
»Oh — ganz nach Belieben. Ich erwarte nämlich meine Schneiderin. Das ist heute eine wichtige Angelegenheit.«
»Nicht wahr? Wichtig und verwunderlich bei den paar Handbreit Stoffen.«
Sie saß bequem in einem Halbsessel zurückgelehnt und plauderte.
»Nein, Juliane, auf welche Gedanken Sie kommen. Ihr kleiner Junge hat nichts von meiner Klavierkunst zu befürchten. Ich betreibe sie sozusagen nur zu meiner und weniger anderer Freude. Beethoven, wissen Sie, nicht Jazz. Aber das wollen wir ruhig als persönliche Liebhabereien gelten lassen.«
Juliane Beckenried hatte sich in aufquellender Neugier einen zweiten Halbsessel herangezogen.
»Oh — ich habe sehr um Entschuldigung zu bitten. Durch die Kleidung wird es einem heute so schwer gemacht, eine Dame von einem berufstätigen Fräulein zu unterscheiden. Denken Sie, ich wurde kürzlich für ein niedliches Ladenmädchen gehalten und von einem Ladenjüngling zum Tanz aufgefordert.«
»Hoffentlich haben Sie ihn gebührend in seine Schranken gewiesen.«
»Ach, wieso denn? Der Junge war so belustigend und übernimmt einmal das Damenkleidergeschäft seines Vaters.«
»Ja, wenn er das tut — dann ist es freilich eine andere Sache.«
Juliane lachte. Sie wurde nicht recht warm mit der Besucherin, die selbst beim Scherzen den ernsten Mund behielt.
»Sie befinden sich auf der Durchreise in Ruhrort, Fräulein Freydag?«
»Das wohl nicht. Sowenig wie vor zwölf Jahren. Ihr Herr Vater behauptet, ein Recht aus einer Verwandtschaft herzuleiten, die uns von früher verbindet, und hat mich nach Fräulein Bilsenbachs Tod noch einmal in sein Haus gerufen.«
»Papa sollte uns sein Haus übergeben und eine nette Junggesellenwohnung beziehen. Dann wäre ihm und uns geholfen und er brauchte keine Verwandte zu behelligen. Übrigens — Verwandte? Ich kenne wirklich keine mehr.«
Angela Freydag sah die Befragerin lächelnd an.
»Die Verwandtschaft liegt wohl schon um ein paar Ecken und Winkel herum. Aber Ihrem Herrn Vater genügt sie.«
»Der Papa wird alt,« seufzte Juliane, »er täte gut, das Geschäft langsam in die Hände meines Mannes übergehen zu lassen. Auch Thomas würde sich freuen.«
»Ich habe Thomas noch nicht wiedergesehen«, sagte Angela Freydag, »und vermag mir daher ein Urteil über seine Anschauungen noch nicht zu bilden. Aber ich will gern das Meine tun, in Ihrem Herrn Vater den Glauben an die Jugend zu erhalten.«
Juliane verstand nicht recht.
»Meinen Sie damit, den Glauben an uns? Dann reden Sie ihm doch zu, ihn etwas stärker zu beweisen und — und — in die Wirklichkeit umzusetzen. Liebes Fräulein Freydag, wenn Sie meine Freundin werden wollen — Sie sehen, ich falle mit der Tür gleich ins Haus — so überreden Sie Papa, daß er mir in diesem schrecklich teuren Leben ein wenig Luft schafft. Ich bin für jede Summe dankbar, die er mir zuwendet. Am liebsten für ein festes Monatsgeld, damit ich weiß, wie weit ich springen kann. Und wenn Ihr Sinn einmal aus der alltäglichen Langweiligkeit hinaus in die Fröhlichkeit reizender junger Menschen steht, so rufen Sie es mir durch den Fernsprecher zu und ich nehme Sie mit und führe Sie ein. Es braucht ja nicht gerade Ruhrort zu sein.«
»Bei meinem hohen Alter, Juliane? Wollen Sie mich etwa als Ihre ehemalige Lehrerin vorstellen?«
»Ach, das wird schon gemacht. Es tun noch Ältere mit, und Sie wirken ganz jugendlich. Das ist doch heute kein Kunststück.«
»Sehr schmeichelhaft, Juliane. Trotzdem fürchte ich, Sie werden wenig Ehre mit mir einlegen.«
»Hauptsache ist: bringen Sie recht viel Geld mit. Sie werden es dem alten Herrn schon abschmeicheln können.«
Angela Freydag erhob sich. Soviel Oberflächlichkeit des Wesens, soviel einfältige Selbstsucht hatte sie nicht einmal nach Kornelius Vanderwelts Erzählungen zu vermuten gewagt. Eine Bitterkeit stieg ihr auf die Lippen, die, stieg sie noch um ein geringes, den ersten Keim der Feindschaft in sich trug.
»Ihr Herr Vater ist jünger als Sie und ich. Von dem reizenden Kreis junger Menschen ganz zu schweigen, die nur durch das väterliche Geld zu ihrem Reiz gelangen. Und er ist auch klüger und wertvoller als dieser ganze Kreis, denn sonst hielte er nicht mit seinem Gelde und seinen Gesinnungen zurück. Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und ergeben Sie sich ihm.«
Auch Juliane hatte sich heftig erhoben. Ein gereiztes Rot stieg ihr in das hübsche Gesicht.
»Darf ich vielleicht fragen — was mir denn eigentlich — die Ehre Ihres Besuches verschafft?«
»Dazu haben Sie gewiß das Recht,« sagte Angela Freydag und knöpfte ruhig ihren Handschuh zu. »Ich vermochte nicht zu glauben, daß eine Tochter so sehr von ihrem Vater verschieden sein könnte, und wollte versuchen, der Tochter den Weg zur Rückkehr anzubahnen. Ich wiederhole darum: Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und ergeben Sie sich ihm.«
»Ja, meine hochverehrte Lehrerin, dann hätten wir uns wohl weiter nichts mitzuteilen.«
»Mögen Sie Ihre Abweisung nie bereuen.«
»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie im warmen Nest sitzen und Papa dazu bewegen könnten, sein Testament zu meinen Ungunsten abzuändern —«
»Lassen Sie das!«
Juliane tat einen Schritt zurück. Die blitzenden Augen standen dicht vor ihr. Sie duckte den Kopf, wie aus einer feigen Furcht, die Fremde möchte sie anspringen und niederreißen.
Draußen ging die Flurtür. Ein schneller Schritt, und die Tür zum Empfangszimmer wurde aufgestoßen.
»Ah, Klaus! Zu so ungewöhnlicher Zeit?«
»Wer ist die Dame?« fragte eine schroffe Stimme. »Willst du mich nicht vorstellen?«
»Meine ehemalige Klavierlehrerin, Fräulein Freydag. Mein Mann. Ein andermal, Klaus. Du siehst, daß ich Besuch habe.«
»Ich bin im Begriff zu gehen, Herr Beckenried.«
»Ein andermal?« wiederholte Klaus Beckenried ohne die geringste Rücksicht auf die fremde Dame. »Besuch? Soll ich das vielleicht auch der Menschensorte sagen, bei der du das Geld schuldig bleibst und die mich vor den Geschäftsangestellten lächerlich macht? Die sogenannte Klavierlehrerin kann zuhören, denn was mit dir verkehrt, kann's vertragen! Eine unerhörte Rechnung über Wagenfahrten wird mir überreicht. Hab' ich denn eine Verrückte zur Frau? Ich habe die Tochter Kornelius Vanderwelts geheiratet, und dieser Geizhals — dieser Geizhals —«
»Sie sind ein Lügner,« sagte Angela Freydag und ging hinaus. —
Das also war die Frauenblüte Julianes. Das also war ihr Gatte Klaus Beckenried. Und ein wildes und schmerzhaftes Mitleid mit dem Manne überfiel sie, der soviel Unwürde und Unritterlichkeit aus seinem Hause auskehren mußte, um — ein Einsamer zu werden. Nein! schrie es in ihr. Nie ein Einsamer! Nie, nie, solange ich lebe.
Zu Hause warf sie sich an Kornelius Vanderwelts Brust und umschlang ihn mit beiden Armen.
»Was hast du, Engel?«
»Was ich habe? Ich habe dich bisher noch lange nicht lieb genug gehabt und dachte doch schon, weiter ginge keine Liebe.«
Er strich ihr ein Strähnchen des hellen Haares aus der Stirn, wickelte es um seinen Finger wie einen Ring, strich es wieder glatt.
»Liebe erkennt keine Grenzen an. Das ist das einzige, was wir sicher wissen. Und ich will dich nicht weiter befragen.«
Sie warf den Kopf in den Nacken und sah ihm in die Augen. Seine Arme hielten sie.
»Frag' nur immer, Kornelius. Du wirst nie erleben, daß ich nicht antworten möchte. Ich war bei deiner Tochter Juliane, und ich habe auch ihren Gatten kennengelernt, und nun wollen wir nicht mehr darüber sprechen.«
Aber der Tag sollte nicht zur Neige gehen, ohne daß noch einmal der Name Beckenried fiel. Gegen den Abend hin stellte sich der junge Thomas Vanderwelt ein, mit einem Strauße auserwählt schöner Rosen, den er Angela Freydag feierlich überreichte.
»Meine verehrte Gönnerin aus Knabenzeiten,« hob er an, und es lief ein lustiger Schein über sein verblaßtes Jungmännergesicht, »muß mir aus dem trüben Schwagerhause Beckenried die Kunde Ihres Hierseins kommen? Meine geliebte Frau Antonie brachte sie zu Tisch mit heim. Sie war gleich nach Ihnen in das häusliche Ungewitter geraten und erhielt noch ihr wohlverdientes Teil. Aus der Berufung auf meine Frau wollen Sie freundlichst ersehen, daß ich verheiratet bin, etwas lautloser, aber darum nicht weniger glücklich. Und aus dem Munde meines Vaters wurde mir heute nachmittag die Bestätigung, daß Sie schon seit Monaten, schon seit einem halben Jahre fast, bei uns weilen. Und ich darf Ihnen erst heute diese Willkommrosen zu Füßen legen.«
»Ich danke Ihnen, Thomas. Sie haben sehr schön gesprochen.«
»Das klang wie das ›Wundervoll, wundervoll!‹, wenn ich im Klavierspiel schrecklich danebengriff.«
»Kommen Sie, Thomas. Setzen Sie sich zu mir. Wollen Sie rauchen? Natürlich ist es gestattet.«
»Sie sind eine Frau nach dem Herzen Gottes. Mein Gaumen verhungert geradezu nach einer Zigarette.«
Sie reichte ihm Zigarette und Feuer und rauchte selber nicht.
»Hören Sie, Thomas. Wir wollen diesen Verkehrston gar nicht erst zwischen uns aufkommen lassen. Wie ich weiß, spricht man so oder ähnlich mit den Bardamen. Nicht wahr, Sie schätzen mich ein wenig höher ein. Geben Sie mir Ihre Hand, Thomas. Darf ich Sie als gestrengen Eheherrn überhaupt noch Thomas nennen?«
Er beugte sich, wie er als Knabe nach einem Verweis getan hatte, über ihre Hand und küßte sie.
»Sie verstehen es noch immer, eine Verlegenheit in eine Freudigkeit umzuwandeln, Fräulein Angela. Gelt, so darf ich Sie doch anreden? Von der fernen Verwandtschaft, die mein Vater endlich anzudeuten beliebte, gänzlich abzusehen.«
Sie nickte ihm zu und schüttelte ihm die Hand.
»Weshalb machen Sie sich im Hause Ihres Vaters so selten, Thomas? Die Wiedersehensfreude hätten wir schon eher genießen können.«
»Ich mache mich doch nicht selten, Fräulein Angela? Ich war doch erst zum Neujahrstage in meines Vaters Hause und habe als guter Sohn meinen Spruch aufgesagt. Und jetzt schreiben wir kaum Herbstanfang.«
»Thomas,« bat sie und hielt immer noch seine Hand, »wollen wir nicht auch von Ihrem Herrn Vater miteinander in einem ehrerbietigen Tone sprechen? Er hat Sie sehr liebgehabt, Thomas.«
Seine hagere Hand zuckte in der ihren. Sie gab sie frei und wartete.
»Donnerwetter, Fräulein Angela. Sie machen nicht viel Federlesen und greifen gleich die ganze Front an.«
»Sie mögen daraus ersehen, Thomas, daß ich Sie keineswegs geringschätze. Was haben Sie gegen Ihren Vater?«
Er starrte auf seine Stiefelspitzen und zog die Lippen von den Zähnen.
»Liegt Ihnen wirklich daran, meine Beichte zu hören?« und der Hohn klang mit.
»Nein, daran liegt mir nichts. Ich fragte nur das eine, was mich am tiefsten bewegt: was haben Sie gegen Ihren Vater?«
»Die Scham, ihm die neue Tochter ins Haus gebracht zu haben.«
Da wurde es totenstill zwischen ihnen. Wie erschlagene Leiber lagen die Worte im Raum.
Thomas Vanderwelt prüfte als erster seinen Atem. Er sog ihn tief ein und stieß ihn heftig aus.
»Was ich doch wissen wollte, Fräulein Freydag: was macht Ihre göttliche Kunst? Ich hoffe, Sie erfreuen meinen Vater recht oft mit ihr. Es ist die starke Welle, die ihn über die wildesten Meere trägt.«
»Weil Sie für Ihren Herrn Vater bitten, will ich es gern und zu jeder Stunde tun.«
Die Gespanntheit seines Gesichtes ließ nach. Er lachte sie echt jungenhaft an.
»Ich bin durchaus nicht schwerhörig, Fräulein Angela, und ein Lob pick' ich mir immer noch aus den Vermahnungen heraus wie früher die schönen braunen Rosinen aus dem Kuchen. Aber nun möchte ich Sie auch belobigen. Sie waren als junges Fräulein trotz Ihrer Hagerkeit ein eigenartig rassiges Geschöpf. Ein Dutzend Lebensjahre dazu, und die schönste Rassigkeit wird zu einer — na, sagen wir: herben —«
»Hexenhaftigkeit,« half sie ihm aus.
»Nun, das klingt ein wenig hart. Aber da es bei Ihnen nicht zutrifft, mag es bestehen bleiben. Das Dutzend Lebensjahre dazu hat Ihre Rassigkeit nur zur antiken Schönheit veredeln können.«
Angela Freydag neigte tief den Oberkörper gegen ihn.
»Meine weibliche Eitelkeit will das Wort ›antik‹ nicht gehört haben. Es ist ein Fremdwort und läßt sich mit alten Jahren und mit alt im Geiste des Altertums übersetzen. Für einen geistvollen Mann wie Sie kommt natürlich nur die letzte Andeutung in Betracht, und ich nehme die Huldigung mit Vergnügen entgegen.«
Thomas Vanderwelt verneigte sich mit derselben Feierlichkeit. Aber sein Gesicht behielt den Ernst auch weiter bei.
»Wie wohl muß dem Vater Ihre Gegenwart tun,« sagte er, und seine Stimme hatte den spottenden Beiklang verloren. »Nicht nur, weil seine Augen ihn belehren. Es gibt Schönheiten übergenug, die nach der ersten Neugier nicht mehr das Ansehen lohnen. Weil er Sie geistig empfinden darf und immer neu und doch immer gleich. Das ist Schönheitsgenießen.«
»Glauben Sie, Thomas, uns Frauen erginge es anders mit euch Männern?«
»O ja, das glaube ich. Und es ist sogar im Laufe der Zeit zur Gewißheit in mir geworden.«
»Sollte das nicht an der Zusammensetzung Ihrer Umwelt liegen, Thomas? Mich selbst bitte ich aus Ihrer Gewißheit zu entlassen, und ich überhebe mich mit dieser Bitte nicht. Es ist eine glückliche Beigabe der Natur, wenn der Mann als eine schöne und männliche Erscheinung wirken darf. Aber was uns immer wieder zu ihm hinzieht, und was uns dauernd an ihn fesselt, was uns ihm im schönsten Sinne des Wortes untertan macht, das ist die Leuchtkraft seines Wesens, die uns heute diesen und morgen jenen dunklen Pfad erhellt, wechselnd durch den Geist und unwandelbar durch die Gesinnung. Die uns bei der Hand nimmt und so sicher über die Abgründe führt, wie über die Blumenwiesen. Die keine Sünde kennt, weil sie alles in ihrem Scheine adelt, und die doch in unsagbarer Dankbarkeit ihr Licht zum Erlöschen bringt, wenn das unsere aufleuchtet und ihn umfluten will.«
Sie richtete sich aus ihrer Gedankenwelt auf und strich sich über die Stirn.
»Verzeihen Sie die Getragenheit meiner Rede. Es gibt Dinge, für die der Sprachgebrauch des Alltags keine Worte besitzt, und man muß schon zu den gefühlsfeierlichen greifen. Aber mit Überschwang haben sie nichts zu tun.«
Noch eine Weile horchte Thomas Vanderwelt hinaus, als müsse er mehr hören. Dann ließ er den blassen Kopf auf die Brust sinken.
»Ich trage meinen Namen schon mit Recht. Ich bin der ungläubige Thomas. Ich müßte das alles schon am eigenen Leib erleben und mit Fingern greifen können. Was ich«, und seine Stimme wurde heftiger und heiserer, »bisher am eigenen Leibe erleben und mit Fingern greifen durfte, hatte so wenig mit Gefühlsfeierlichkeit und Überschwang zu tun, wie das Messer in der Hand des Wundarztes.«
»So legen Sie doch das Messer nieder und greifen Sie zu den ritterlichen Waffen.«
Da lachte Thomas Vanderwelt, daß es ihn schüttelte. Und er schüttelte mit dem Lachen ab, was an empfindsamen Regungen über ihn gekommen war.
»Ritterlichere Waffen als das Messer? Ach, liebes Fräulein Angela, Sie kennen das Gesetzbuch der Straße nicht. Da heißt es, sich mit jeder Waffe bekämpfen, die Erfolg verspricht, und auf der Straße sind die silberbeschlagenen Degen nicht zu Hause. Was wissen Sie, die Sie über beleuchtete Berggipfel laufen, wie schmutzig die Straße ist!«
Angela Freydag rührte sich nicht auf ihrem Sitz. Ihre Augen wichen nicht von dem nervenzerrütteten Manne, und seine Ausbrüche warfen ihre Seele nicht aus dem Gleichgewicht.
»Lassen Sie uns an dieser Stelle abbrechen, Thomas. Wir treiben hinaus und verlieren die Ufer aus den Augen. Erzählen Sie mir jetzt einmal etwas recht Sonniges.«
Er stutzte. Kam zu sich. Und schon gewann der Spott wieder die Oberhand.
»Ja, ja. Im Dunkeln fürchten sich die verwöhnten Kinder und verlangen nach der Lampe.«
»Gut, Thomas, da Sie zu den verwöhnten Kindern zählen, und nicht ich, so will ich Ihnen die Lampe halten, sooft Sie danach Verlangen tragen. Nach der Beleuchtung, nicht nach der Beschönigung. Und jetzt suchen Sie einmal Ihre Sonnenstrahlen zusammen. So arm ist kein Mensch, daß er nicht in die Sonne blicken könnte.«
»Sie belieben in Rätseln zu sprechen, gütige Gönnerin.«
»Wie geht es Ihrem kleinen Sohn? Nikolaus heißt er wohl?«
»Ja — er heißt Nikolaus. Das ist wahr. Und der Vater bedankt sich für die freundliche Nachfrage.«
»Sieht er Ihnen ähnlich? Besucht er schon die Schule?«
»Da sei Gott vor, daß er mir ähnlich sähe! Die Natur hat ihren üblichen Sprung gemacht und ihn dem Großvater angeähnelt. So schadenfroh bin ich noch nie gewesen, als wie ich das entdeckte. Denn vor einem Kornelius Vanderwelt hegen die Damen des Hauses Ausdemwerth eine höllische Scheu.«
»Besucht der kleine Nikolaus schon die Schule?« wiederholte sie, ohne seine Schärfe zu beachten.
»Gewiß besucht er schon die Schule. Er ist seit Ostern wohlbestellter Abcschütze und zählt nicht zu den Dümmsten.«
»Das muß Sie doch in Ihrem Vaterstolze glücklich machen, Thomas. Und da haben Sie ja Ihre Sonne.«
Thomas Vanderwelt lächelte zerstreut vor sich hin.
»Eigentümlich ist, daß auch der Sohn Julianes, daß auch der kleine Martin Beckenried in allen Stücken seinem Großvater Vanderwelt gleicht. Als wären uns oder unseren Frauen die Jungen wie eine tägliche Vermahnung vor die Nase gesetzt worden. Die beiden Jungen hocken in derselben Klasse und wetteifern um die Palme des Menschenruhms. Was von den beiderseitigen Eltern beim besten Willen nicht gesagt werden kann.«
»Ich möchte die beiden Jungen wohl einmal bei mir haben, Thomas.«
Er zog heimlich die Uhr und stellte die fortgeschrittene Zeit fest.
»Die Herren Jungen werden es sich zur höchsten Ehre rechnen, von Ihnen empfangen zu werden, wie es mir zur höchsten Betrübnis gereicht, mich jetzt empfehlen zu müssen.«
»Wollen Sie denn nicht die Rückkehr Ihres Vaters abwarten, Thomas, und den Abend mit uns verbringen?«
»Mein Vater und ich haben uns schon tagsüber im Geschäft herzlich wenig zu sagen gehabt, und ich möchte den Abend auf der Straße zubringen, da mir meine Frau abhanden gekommen zu sein scheint.«
»Haben Sie denn eine Verabredung getroffen?«
»Wir haben immer eine Verabredung getroffen, aber sie wird ebenso häufig mißverstanden. Frau Antonie wünschte, sich mit mir bei Ihnen zu treffen, da sie darauf brannte, die schöne Unbekannte kennenzulernen. Sie muß wohl so lichterloh gebrannt haben, daß sie sich in der Verwirrung verlaufen hat.«
»Guten Abend, Thomas. Vergessen Sie nicht, mir den kleinen Nikolaus zu schicken und den kleinen Martin.«
»Guten Abend, mütterliche Freundin.«
Er beugte sich über ihre Hand und ging mit seinem federnden Schritt, wie er ihn schon als Knabe gehabt hatte, aus dem Zimmer und aus dem Hause. Ein paar Sekunden noch horchte sie dem Schritte nach. Dann wandte sie sich um.
»Kornelius —!«
Er war durch die Tür seines Arbeitszimmers eingetreten und reichte ihr die Hand.
»Guten Abend, Engel. Thomas war bei dir, als ich kam. Ich wollte die erste Aussprache nicht stören und hielt mich zurück.«
»Es war vielleicht richtiger so, und du hast, wie immer, das Rechte getroffen.«
»Meinst du, Engel? Müssen Vater und Sohn sich in Gefühlsdingen aus dem Wege gehen?«
»Bis sie die Scham voreinander überwunden haben, Kornelius. Ja, du lieber, ernster Mann, schau' mich nur so verwundert an. Ich habe wahrhaftig ›voreinander‹ gesagt. Der Sohn vor dem Vater, weil ihm in seiner Ehe das peinliche Ehrgefühl zeitweilig abhanden gekommen ist, und der Vater vor dem Sohne, weil sein Vaterstolz sich bitter enttäuscht sieht.«
»Genügt das nicht?«
»Kornelius. Zuweilen ist mir, als wollten wir alles zu hastig in Besitz nehmen. Und dann würden wir es als eine Selbstverständlichkeit einschätzen und nicht als einen Gewinn oder sogar als ein Verdienst. Komm, wandere nur dabei mit mir im Zimmer herum, liebster Mensch. Draußen heult der Herbstwind, und hier drinnen geht es sich an deiner Schulter wie auf einer Frühlingswanderung.«
»Ich fühle, daß du mir wohl tun willst, Engel. Mehr ist nicht vonnöten.«
»Ich verlange nichts anderes als die Hälfte dessen, was dich drückt.«
»Du hast dich durch den Augenschein überzeugt, Engel? Du hast einsehen lernen, daß Kinder die Freude des Lebens und daß Kinder die schwerste Belastung darstellen können? Nein, nein, ich will nicht klagen.«
»Ich bin bei dir, Kornelius. Und gemeinsam wird es uns schon gelingen, die Belastung zu vermindern. Weshalb schaust du mich denn so mitleidig an?«
»Weil meine Angela in meinem Hause schon an das Opferbringen denkt.«
»Würdest du«, fragt sie zurück, »es als ein Opfer ansehen, wenn du dich meinetwegen deines Besitzes, deines Geschäftes, deiner Lebensführung entäußern müßtest?«
Seine Hand fuhr zu und bog ihren Kopf zurück. Über ihren weitgeöffneten Augen standen die seinen. Und in ausbrechender Wildheit umhalste der eine den anderen, als müßte der eine vor den anderen hinspringen, um ihn zu schützen und zu verteidigen. — —
Antonie, die Gattin Thomas Vanderwelts, brauchte mehrere Tage, bis sie sich zu dem schwiegerväterlichen Hause zurechtgefunden hatte. Sie kam zu einer Stunde, zu der sie Kornelius Vanderwelt unabkömmlich im Geschäfte wußte.
Angela Freydag saß am Flügel und übte mit starkem Fleiß, als die Besucherin ins Zimmer geführt wurde.
»Entschuldigen Sie den Überfall, Fräulein Freydag, denn Sie sind es doch? Ich bin Antonie Vanderwelt und habe mir als Schwiegertochter des Hauses die Erlaubnis erteilt, ohne viel Förmlichkeiten einzutreten.«
Angela Freydag bot ihr einen Platz an.
»Herr Kornelius Vanderwelt wird sich ohne Zweifel herzlich über so viel Familiensinn freuen.«
Sie setzte sich und schüttelte sich in den Schultern.
»Wollen Sie mir eine große Gefälligkeit erweisen, Fräulein Freydag? Ja? Dann sprechen Sie den Namen meines Schwiegervaters bitte nur dann aus, wenn es gar nicht anders zu umgehen ist. Zum Beispiel: ›Gerade tritt Kornelius Vanderwelt ins Haus‹ oder so. Und fort bin ich.«
»Weshalb lieben Sie ihn nicht?« fragte Angela Freydag.
»Lieben —?« wiederholte Antonie Vanderwelt und starrte entsetzt auf die Fragerin. »Kann man ihn denn lieben? Ich bilde mir ein, er reißt einen in zwei Stücke, wenn man nach seinem Herzen greift, oder er stellt Anforderungen, die zu anstrengend für mein heiteres Gemüt sind und mich zu einem Ausgleich treiben würden.«
»Zu einem Ausgleich? Wie soll ich das verstehen?«
»Aber das ist doch nicht schwer. Man kann sehr stolz auf einen Mann sein, weil er die Männer aller anderen überragt, aber immer stolz sein, ermüdet, und das Herz legt sich ein ganz klein wenig auf die Lauer, um sich sozusagen in den Freiviertelstunden mit einem anderen vergnügten Herzen ordentlich auszutoben, bevor es wieder fein sittsam in die Schulstunden geht.«
»Ja, wenn ich nur wüßte, Frau Vanderwelt, was Sie in diesem Zusammenhange unter Austoben verstehen?«
»Nein, was für eine glänzende Schauspielerin Sie sind? Und ich harmloses Geschöpf falle auf alle die Fragen hinein und ziehe mich in der ersten Viertelstunde bis auf das arme Seelchen vor Ihnen aus.«
Angela Freydag saß auf ihrem Klavierstuhl, und während sie der Besucherin das Antlitz zuwandte, spielten die Finger der Linken lautlose Läufe über die Tasten hin.
»Sie haben große Pflichten, Frau Vanderwelt.«
»Ach,« klagte sie, »nun beginnen Sie auch schon mit der Litanei. Der Drang, sittliche Betrachtungen anzustellen, muß wohl an diesem Hause liegen. Da hätte ich doch gleich ein Kloster wählen können, wenn es mir unbedingt, um den Heiligenschein ginge.«
»Sie haben große Pflichten, weil Sie ein so schöner Mensch sind, Frau Vanderwelt.«
»Ach so ist es gemeint. Das klingt gleich anders, wenn es mir auch immer noch unverständlich klingt.«
»Wer mit einem so schönen Körper bevorzugt ist, hat die Pflicht, ein so großes und seltenes Kunstwerk in seinem Wert zu erhalten und zu bewahren. Törichte Hände können den Farbenschmelz erblinden lassen oder andere nicht wieder gutzumachende Beschädigungen anrichten. Das meinte ich damit.«
Antonie Vanderwelt zog das seidenbestrumpfte linke Bein über das Knie des rechten. Eng in den hochlehnigen Kirchensessel geschmiegt, saß sie und freute sich mit schimmernden Augen an den feingeschwungenen Linien ihres Leibes, an dem sinnlichen Reiz ihrer elfenbeinfarbenen Haut.
»Wenn man so schön ist und müßte immer brav sein,« sagte sie mit einem lustigen Schmollen, »so wär's ja eine Strafe, schön zu sein. Und wirklichen Kennern darf man doch ein Kunstwerk nicht vorenthalten.«
»Ganz gewiß nicht. Sie dürfen es jederzeit bewundern, aber Sie dürfen nicht die Hand ausstrecken, um es zu stehlen.«
»Ach, Fräulein Freydag, lassen wir doch nicht drumherumlaufen wie um ein heißes Eisen. Ich fass' es an. Ich habe vielleicht mehr Blut in den Adern als Verstand hinter der Stirn. Das geb' ich zu. Aber sich von einem Manne küssen lassen, den man im Augenblicke nett findet, das braucht doch keine Todsünde zu sein.«
Angela Freydag faltete die Hände um ihre Knie und bog den Kopf zum Fenster. Die schimmernden Augen der schmiegsamen Frau waren ihr wie eine Berührung.
»Ich halte Sie für klug genug, sich die Frage selber zu beantworten, Frau Vanderwelt. Mit dem ersten Kusse, den ein Mädchen dem Manne gestattet, ergibt es sich ihm schon so weit, daß er sich zum zweiten Kusse das Recht nimmt, daß er sich beim dritten Herr ihres Körpers bis auf das arme Seelchen fühlt, von dem Sie vorhin sprachen.«
Antonie Vanderwelt schmiegte sich noch enger in den hochlehnigen Kirchensessel hinein, als schmiegte sie sich in einen Arm.
»Ist es nicht aller Frauengefühle allerköstlichstes, sich zu verschenken?«
»Ja. Das ist es. Dem einen und einzigen.«
»Man kann einer Irrung unterworfen gewesen sein, man kann verlassen worden sein oder selber die Pässe zugestellt haben — da wird eben der zweite oder der dritte oder der vierte der eine und einzige.«
»Auch das habe ich während meiner Laufbahn oft genug gesehen, Frau Vanderwelt. Mädchen, die sich so verschenken, ganz einerlei, ob aus Liebe, aus Mitleid oder aus Berechnung, werden später immer und ausnahmslos innerlich einsame Frauen. Natürlich auch äußerlich vereinsamte. Denn der Rückzug von einer vielverschenkenden Frau erfolgt mit einer so unerbittlichen Pünktlichkeit und Grausamkeit, als setzte plötzlich eine Massenflucht ein. Übrigens ist das wirklich kein Gesprächsstoff, Frau Vanderwelt, für zwei klaräugige und aufrechte Frauenspersonen, und wir wollen ihn schleunigst verabschieden.«
»Und mich dazu,« rief Antonie Vanderwelt nach einem erschrockenen Blick auf die Armbanduhr. »Ich wollte Ihnen nur einen Knicks machen und, wie es früher bei unseren Soldaten hieß, Tuchfühlung nehmen, denn ich hätte gar zu gerne eine resche und fesche Kameradin, die nicht ein jedes lustige Geheimnis auf der Zungenspitze trägt.«
Die Frauen standen sich, abschiednehmend, gegenüber. Antonie Vanderwelt lüftete lächelnd das Visier.
»Dazu haben Sie ja wohl,« entgegnete Angela Freydag mit Zurückhaltung, »Ihre Freundin und Schwägerin Juliane.«
»Juliane ist so berechnend, Fräulein Freydag. Das wirkt so bloßstellend. Was nicht als Rausch kommt, kühlt ab.«
Und Angela Freydag dachte, während sie sich wortlos zum Abschied verneigte: Also selbst in der Welt dieser Frauen gibt es noch Unterscheidungen, wo doch alles gleich und gemeinsam ist, und Bloßstellungen, wo keine Blöße mehr entblößt zu werden braucht. Und es schüttelte sie vor diesen Abwandlungen der größeren und geringeren Ehre, die denselben Schmutzstreifen hinter sich zogen. — —
Ach, die köstlichen Stunden der Glücksreinheit, wenn die beiden kleinen Schuljungen angestampft kamen.
»Tante Engel, was ist das?« Und sie sagten ihr ein Rätsel vor, das sie frisch aus der Hand des Lehrers erhalten hatten, oder ein Gedichtlein, deren sie viele und freiwillig über das Aufgabenmaß hinaus mit Begeisterung auswendig lernten. Angela Freydag aber hockte auf dem Teppich vor den kleinen glühheißen Männern und wußte bei jedem neuen Male nicht: ist dies der Nikolaus, oder ist dies der Martin? So sehr war der eine Kornelius Vanderwelt und der andere Kornelius Vanderwelt, und es war ihr eine selige und doch andächtige Freude, aus den knabenweichen Jungengesichtern das Antlitz Kornelius Vanderwelts Zug um Zug herauslesen zu dürfen.
Oft erzählte sie ihnen Geschichten aus all den Teilen der Erde, die sie auf ihren Fahrten besucht hatte: von den Indianern der Felsengebirge, den Goldsuchern Kaliforniens, den Wolkenbewohnern Neuyorks, und wieder von dem großen und reichen Leben der europäischen Hauptstädte, von London, Paris und Rom. Dann hockten die Buben auf dem Teppich und erforschten das Antlitz der Märchentante. Oder aber sie saß am Flügel und ließ ihre Kunst in launigen Übertragungen zu den jungen Hirnen sprechen, und Meister Beethovens Wut um den verlorenen Groschen brachte die erregten Gemüter zum hellen Jauchzen.
Seit die kleinen Schuljungen zum ersten Male in das Haus gestampft waren, der Martin Beckenried vom Nikolaus Vanderwelt an der Hand geführt, und zu ihrem Staunen in der schönen Tante einen Menschen gefunden hatten, der sich um sie und nur um sie bekümmerte, waren die kleinen Herzen diesem Wundermenschen leidenschaftlich ergeben geworden.
»Tante Engel, weshalb bist du nicht unsere Mama?«
»Ihr habt ja eure Mamas daheim, und sie haben wohl nur nicht immer Zeit für eure Plappermäulchen.«
»Bist du denn eine Großmama, daß du immer Zeit für uns hast?«
»Ja, ich bin eine Großmama,« sagte sie mit tiefer Stimme, »die im Bette liegt, als Rotkäppchen kommt, und die eigentlich der wilde Wolf ist. Seht mich an: Mit solchen Augen!«
Aber die Jungen ließen sich von Angela Freydags funkelnden Augen nicht bange machen. Sie sprangen ihr an den Hals, kuschelten sich an ihr Herz, küßten sie, wohin die Lippen, der Liebkosungen ungewohnt, trafen.
»Großmutter Wolf!« jauchzten ihre Stimmchen. »Großmutter Wolf!«
Und wieder sah sie Kornelius Vanderwelt in den Jungen, Kornelius Vanderwelt, der sie in seinen frohesten Stunden seine Wölfin nannte. —
Im November fuhr Angela Freydag von dannen. Sie fuhr nach Spanien, und eine Konzertreise führte sie durch das ganze Land. Sie fuhr mit dem Schiff nach Holland und spielte in den großen Städten.
Wenn Kornelius Vanderwelt in der Morgenfrühe erwachte, spürte er in sich und um sich eine Leere, daß er nicht wußte, ob der neue Tag das Aufstehen lohne. Wenn Angela Freydag am späten Abend irgendwo ihr Lager aufsuchte, spürte sie ihre Heimwehgedanken nach des geliebten Mannes Brust so stark, daß sie nicht wußte, ob die neue Nacht das Einschlafen lohne.
Keiner aber ließ es den anderen in seinen Briefen wissen, um ihn nicht zu einem Opfer zu nötigen.
Es wurde April, als Angela Freydag heimkehrte und am frühen Morgen das Haus betrat. Gerade wollte Kornelius Vanderwelt sein Arbeitszimmer verlassen und sich zum Geschäft begeben, als sie vor ihm stand.
Er fuhr hoch und wurde vor Freude so bleich, daß sie sich blindlings an seine Brust warf.
»Du!« sagte sie immer wieder. »Du! Du!« und ihre Hände tasteten nach seinem Haar, nach seinen Schläfen, seinen Lippen. »Du! Du!«
Er aber schloß ganz fest die Augen, als wollte er durch nichts aus seinem Traume aufgescheucht werden, und trank und trank in sich hinein, was er in seinen Armen hielt.
»Du! Du! Engel! Engel — —«
Sie hatte feuchte Augenränder, und er meinte, als er endlich die Augen in die Wirklichkeit öffnete, die Wiedersehensfreude hätte sie gefeuchtet. Sie aber stand erschrocken vor seiner Hagerkeit und der blassen Farbe seines Gesichtes, die sich nicht verlieren wollte, als sein Herzschlag sich beruhigt hatte.
»Warst du denn krank, Kornelius?« Und die Angst bebte durch ihre Stimme.
»Gewiß war ich krank. Sechs lange Monate, du. Krank nach dir, Engel.«
Da weinte sie fassungslos an seinem Herzen ...
Und das Jahr lief hin, und als es sich wieder dem Herbstende näherte, reiste Angela Freydag nicht wieder aus und sprach kein Wort darüber, und Kornelius Vanderwelt gewahrte es mit dem tiefinneren Aufhorchen, als ob die Geliebte sein Herz ganz zart in ihre Hände nähme, und stellte keine Fragen, um das Wundersame nicht zu stören.
In diesem Winter aber reiste er viel mit ihr im Vaterlande und saß mit ihr in den Opernhäusern von Berlin und Wien und München und in den großen Konzertsälen der deutschen Städte.
Sie empfand es wohl, daß er ihr einen Dank sagen wollte, und ob er auch seine Geschäfte vernachlässigen mußte, sie freute sich nur seiner Ritterlichkeit, die ihr das alles und darüber hinaus zu Füßen legte.
Und wieder kam ein Herbst, und Angela Freydag lächelte nur und fuhr nicht allein auf fremden Meeren. Aber Nebel und Nässe des Niederrheins hatten ihr einen harten Husten geschaffen, und Kornelius Vanderwelt brachte die geliebte Frau auf einen Ostasiendampfer im Hafen von Rotterdam und schiffte sich mit ihr ein und fuhr mit ihr die Küsten Frankreichs, Portugals und Spaniens entlang durch die Straße von Gibraltar in das Mittelländische Meer, und der Atlas reckte sich aus der afrikanischen Bergwelt auf, als sie das Rätsel löste, daß ihr Ziel Ägypten sei.
Die Freude lief ihr zu Herzen wie ein Strom.
»Warum soviel für mich, Kornelius? Warum soviel für mich?«
»Es ist eine Abschlagszahlung, Engel.«
»Wenn ich am Leben hänge, so ist es nur für dich, Kornelius. Das ist das schönste Wort: Für dich!«
»Für dich!« wiederholte er. — —
Sie gesundete rasch, aber sie kehrten erst im späten Frühjahr zurück. Die Fülle der Mitteilungen, die ihn erwartete, brauchte er ihr nicht lange zu verhehlen. Die Sperlinge pfiffen die Irrungen und Wirrungen der Familien Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt von den Dächern.
In diesem Sommer und in dem Winter, der folgte, streute Kornelius Vanderwelt das Geld mit vollen Händen aus. Als wollte er Angela Freydag aller und jeder Dinge teilhaftig werden lassen, die das Leben zu bieten hätte.
»Es ist bei Licht betrachtet lächerlich wenig, aber es ist für dich, Engel, und ein Lump gibt mehr, als er hat. Vielleicht schafft es dir Erinnerungen.«