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Kornelius Vanderwelts Gefährtin

Chapter 9: 8
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About This Book

Ein Mann mittleren Alters, Kornelius Vanderwelt, begegnet einem jungen Mädchen, das zu Fuß nach Ruhrort will; er nimmt sie in seinen Wagen, und im Verlauf der Fahrt entsteht ein Wechselspiel aus neckischem Gespräch, unterschwelliger Spannung und genauen Beobachtungen zu Aussehen und Haltung. Die Erzählung verbindet präzise Landschafts- und Personenbeschreibungen mit ironischer Selbstinszenierung, erkundet Machtverhältnisse, Begierde und Schutzbedürftigkeit und verwendet die Flusslandschaft und herbstliche Natur als dichte, atmosphärische Kulisse.

8

Hatte die Zeit eine schnellere Gangart angeschlagen, oder jagten nur die Wolken schneller am niederrheinischen Himmel dahin? Kornelius Vanderwelt erhob sich oft aus dringendster Arbeit heraus, stand eine Weile grübelnd am Fenster und prüfte Wind und Wetter. Wenn er sich langsam wieder niederließ, wußte er nicht, was ihn zum Grübeln getrieben und worüber er nachgegrübelt hatte.

Es ist nicht nur die Zeit, dachte er, die mir durch die Finger läuft, bevor ich sie anhalten und nach allen Seiten wenden und auspressen kann. Das mag mit den Jahren zusammenhängen, die im fortschreitenden Lebensalter kürzer und gleitender werden, weil sie uns nicht mehr auf Schritt und Tritt mit Überraschungen überschütten. Es sind die Menschen und Dinge, die sich nach dem Völkerzusammenbrodeln eins am anderen gemessen und geändert haben und sich in der neuen Gestalt dem alten Maß entziehen.

Und sooft es ihn ans Fenster trieb, und sooft er sich wieder zur Arbeit niedersetzte, es blieb ein Gefühl auf ihm lasten, das sein Blut schwerflüssig machte und seine Gedanken aus den goldenen Weiten in den grauen Tag zog.

Angela Freydag hatte es längst bemerkt. Ihre grauen Augen sannen hinter ihm einher, wenn er auch daheim in die Ruhelosigkeit hineinglitt und vom Arbeitstisch zum Fenster, vom Fenster zum Flügel und vom Flügel wiederum zum Fenster hinüberwanderte, ohne einen sichtlichen Grund.

»Nimm mich mit,« sagte sie und hängte ihren Arm in den seinen.

»Du bist ja immer bei mir,« gab er zurück und versank doch wieder in sein Schweigen.

»Mir ist so, Kornelius, als ob du es jetzt zuweilen vergessen wolltest.«

»Daß du bei mir bist, Engel?« Er blieb bestürzt stehen, und dann preßte er ungestüm ihren festen Arm. »Sag' es nie wieder, Engel. Auch nicht im Scherze, Engel. Weil ich dich wie ein Geschenk bei mir fühle und es von Jahr zu Jahr nur wachsen sehe, statt sich mindern, möchte ich es lohnen und nicht geruhsam bis auf den letzten Groschen aufzehren.«

»Ist es das?« fragte sie und strich ihm das Haar aus der Stirn. »Erstens, Kornelius, ist es kein Geschenk, das du bei dir fühlst, sondern ein Stück von dir. Das braucht nach so langen Jahren nicht erst wiederholt zu werden. Und zweitens — ja, was bleibt denn zum zweiten, Kornelius? Wenn du ein Stück von dir belohnen willst, so verweichliche es nicht und laß es gerade am schwersten Tun teilnehmen, damit es von seinem Daseinszweck überzeugt und viel stolzer noch und selbstbewußter wird. Was belastet dich? Sind es geschäftliche oder persönliche Dinge?«

Er blickte in ihre Augen, die nichts von Lebensfurcht wußten, und zum erstenmal war es ihm, als sähe er nicht Angela Freydag in ihnen, sondern sich selbst, und jede Miene in ihrem Gesicht schien ihm ein Abbild seiner selbst zu sein.

»Engel,« sagte er und formte langsam an jedem Wort, »es gibt kein größeres Wunder als die Liebe.«

»Mit dem Wunder allein ist es nicht getan. Es muß auch Wunder verrichten können.«

»Es verrichtet sie unaufhörlich, Engel. Und gerade jetzt hat es mir alles Dunkle aus der Seele genommen.«

»Wunder, die selbsttätig wirken? Ohne groß zu wissen, weshalb und wozu? Das wäre doch für Menschen unserer Art eine zu bequeme Auffassung des Seligwerdens. Zeig' mir zuerst das Dunkle vor, damit ich meine Kräfte daran setzen kann, es hell zu machen.«

»Du liebe, stolze Frau — — —«

»Laß das Geschlecht beiseite, Kornelius, und auch die Schmuckworte. Stolz werde ich erst am Ende aller Tage sein, wenn ich weiß, ich war auch in der Dunkelheit Kornelius Vanderwelts bestes Teil. Und dann vor allem, wenn er an das Weib in mir gar nicht dachte.«

Da umschlang er sie mit beiden Armen und hörte nichts als den ruhigen, gemeinsamen Herzschlag.

»Ich kenne keine Geheimnisse vor dir. Die geschäftlichen Dinge laufen vielleicht nicht so, wie sie sollten. Aber das liegt an den verwirrten Zeiten und läßt sich mit einigem Verstand und dem dazugehörigen festen Willen schon wieder klären. Nur will mir der Wille dazu oft überflüssig erscheinen.«

»Überflüssig? Der Wille? Das sagt ein Kornelius Vanderwelt?«

»Der Wille, für eine Welt zu arbeiten, die nichts mehr mit der meinen zu tun hat.«

»Was ist das für eine Welt, Kornelius?«

»Die Welt einer Juliane und einer Antonie. Auch die zersetzende Spötterwelt eines Thomas, und nicht weniger die bloße Geschäftswelt des geldanbetenden Klaus Beckenried. Von der Welt des Justus weiß ich nur, daß sie eine abenteuerliche Triebwelt mit lockeren Tageszielen bedeutet, aber sie gehört dazu, um das Bild zu runden, das mir des Anfassens sowenig wert erscheint.«

»Bleibt die unsere, Kornelius. Und die ist noch nicht am Ende.«

»Und was bleibt, wenn sie zu Ende ist? Was bleibt von unserem Glühen und Blühen und In-den-Himmel-Langen?«

Ihre Arme hielten ihn ganz fest und ruhig an ihrem Herzen.

»Der Widerschein, Kornelius. Und wenn es nichts anderes ist als der Widerschein. Glaub' es mir, von der Glut, die unser Leben erst zum Blühen brachte und uns das reichste Glück der Menschenkinder bescherte, wird eines Tages schon ein Schimmer in die Seelen der nach uns Lebenden fallen und sie in ihrem Hasten stutzig machen und ihnen den Sehnsuchtsgedanken nach einem Leben eingeben, das in seiner unaussprechlichen Schönheit nur mit dem gesteigerten Gefühlsleben zu erlangen ist. Dann, Kornelius, dann ist unsere Erfüllungszeit gekommen.«

»Wer bist du?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Bist du eine Schicksalsfrau oder eine Schwärmerin?«

»An deinem Herzen beides.«

»Ich liege ja an deinem, Engel.«

»Es ist dasselbe,« murmelte sie und hielt ihn noch fester. — — —

Es war in einer Nacht, und Mitternacht war längst vorüber, als Kornelius Vanderwelt durch das rasselnde Geläut des Fernsprechers aus dem Schlafe gescheucht wurde. Er warf einen Morgenmantel über den Nachtanzug und eilte die Treppe hinab in sein Arbeitszimmer.

Als er schweren Schrittes zurückkehrte, stand Angela Freydag vor der Tür ihres Zimmers und sah ihm entgegen.

»Justus,« sagte er.

»Justus? Ist er in Not? Hat er nach dir gerufen?«

»Ich hoffe, daß er nur in Not ist. Die Kölner Polizei hat mich angerufen. Auf der Gasse verunglückt.«

»Schnell auf dein Zimmer, Kornelius. Ich reiche dir alles zu und wecke den Wilhelm.«

Er schüttelte den Schwächezustand ab und ging ihr schweigend voran. Und schweigend legte sie ihm zurecht, was er für die Fahrt brauchte. Keiner sah die Menschlichkeit des andern.

»Geh jetzt, Engel. Der Wilm soll geräuschlos vorfahren.«

»Gib mir meinen Anteil. Laß mich mit dir fahren.«

»Ich gebe dir sogar den größeren Anteil, indem ich dir das Warten aufbürde. Das Warten und die Vorbereitungen. Triff sie so, daß kein Mensch mit seinem Trost bei der Hand zu sein braucht, wenn es — wenn es ein Unglück sein sollte.«

Und plötzlich umfing er sie, als wollten seine Arme sie erdrücken.

»Drück' nur fester, wenn es dir gut tut ...«

»Der Justus, Engel!« brach es aus ihm heraus. Und er hatte sich wieder in der Gewalt und küßte sie auf die weitoffenen Augen.

»Geh jetzt, Engel. Laß den Wagen vor das Tor fahren.«

In ihrem Morgenrock huschte sie die Treppen hinab und weckte im Untergeschoß des Hauses den Fahrer und eilte in das Arbeitszimmer und bereitete auf dem elektrischen Kocher den Tee.

Jetzt hörte sie den gedämpften Schritt Kornelius Vanderwelts. Sie öffnete die Tür und bat ihn mit den Augen einzutreten. Er nahm das Teeglas aus ihren Händen und trank es leer.

»Vergiß dich selber nicht, Engel. Du wirst deine Kräfte so nötig haben wie ich. Und ich warte.«

Da trank sie willig den Tee, strich mit den Händen über seine Schultern hin, ob er warm genug gekleidet sei für die nächtliche Fahrt, und ging mit ihm bis zur Haustür. Erst als das Rollen der Räder in der Ferne verklungen war, schloß sie die Tür und ging auf ihr Zimmer zurück.

Lange lehnte sie die Stirn gegen das Fensterglas. Ihre Gedanken begleiteten den Geliebten auf seinem einsamen Wege. So inbrünstig heiß, daß er ihre Gegenwart empfinden und der Einsamkeit enthoben sein mußte. »Lieber, du lieber Kornelius — — —«

Sie suchte ihr Lager nicht mehr auf. Sie kleidete sich an und tat, was er sie als erstes zu tun gebeten hatte: sie wartete. An seinem Schreibtisch saß sie, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt, die Augen auf das Fensterglas gerichtet, hinter dem mählich die Dämmerung brodelte. Und während sie wartete und den geliebten Mann in harter Seelennot wußte, überfielen die Erinnerungen sie bei jedem Schritt, den sie an seiner Seite getan hatte, und jeder Schritt führte über blühende Wiesen, durch rauschende Wälder, immer höher hinauf auf die Bergeshöhen, die den nahen Himmel als Wirklichkeit erscheinen lassen und die Welt da drunten als wesenlosen Traum. Und als sie nach den Erinnerungen griff, die in den Ländern diesseits und jenseits der Meere ohne ihn verstreut lagen, gewahrte sie, daß sie ins Leere griff, und daß es kein Opfer für sie bedeutet hatte, von den Kunstreisen abzulassen und dem Geliebten anzuhangen.

Nur was mit Kornelius Vanderwelt zusammenhing, war ihr Leben, von der Landstraße im Wirbelwind begonnen.

Wer kann es begreifen, grübelte sie mit weiten Augen, als eine Frau? Als eine Frau, die bettelarm war, über alle Maßen reich gemacht wurde durch das Beste und Allerbeste eines Mannes, und der die Scham geheimnisvoll in den Glauben verwandelt wurde, selber reich gemacht zu haben, selber, selber, ihn, ihn. Zum Allerreichsten ...

Wer kann es begreifen als eine Frau?

Sie saß an seinem Schreibtisch mit gekreuzten Füßen, die Hände um die Knie geschlungen, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt. Draußen tagte neblig und kühl der Wintermorgen. Die ersten Schritte klapperten über das Pflaster und ein Junge ließ einen Stock über die Eisenstäbe des Gartengitters rattern. Wagen rollten Lasten heran. Aus den Häfen schrillten die Arbeitspfeifen herüber, brüllten ein paar Sirenen. Menschen schritten aus und folgten einander. Und dann wurde es wie alle Tage.

Das Mädchen hatte im Nebenzimmer den Frühstückstisch gedeckt. Angela Freydag ging hinaus und teilte ihr mit, daß der Herr abgerufen sei, und wieder tat sie auf sein Geheiß und nahm etwas zu sich, um sich bei Kräften zu halten. Als sie in das Arbeitszimmer zurückkehrte, schlug die Dielenuhr neun.

Es war die Stunde, zu der Kornelius Vanderwelt sein Geschäftskontor aufzusuchen pflegte, und triebmäßig hob sie den Hörer vom Fernsprecher und rief das Kontor an.

»Sagen Sie, bitte, den Herren, daß Herr Kornelius Vanderwelt in der Frühe schon eine Reise hätte antreten müssen und nicht vor morgen mittag erwartet werden könnte.«

Und wieder saß sie in den Wintermorgen hinein, mit gekreuzten Füßen, die Hände um die Knie geschlungen, und horchte nach innen und außen.

»Jawohl! Hier Angela Freydag selbst!«

Urplötzlich hatte sie den Hörer des Fernsprechers am Ohr. Urplötzlich stand sie mit blassen Lippen und bändigte den Atem.

Die Stimme Kornelius Vanderwelts sprach zu ihr. Ihr Herz schlug ihr so hart bis ins Ohr, daß sie die ersten Worte wie ein Brausen vernahm und den Sinn erraten mußte. Da aber wurde sie mit Gewalt Herr ihrer selbst.

»Jawohl, Kornelius.«

»Am Nachmittag«, sprach die Stimme, »wird die Leiche freigegeben. Bis zum Abend überführe ich sie nach dort. Teile der Friedhofsverwaltung mit, daß sie noch am Abend in der Friedhofskapelle aufgebahrt werden soll. Anderen braucht vor meiner Rückkehr keine Mitteilung gemacht zu werden.«

»Ja, Kornelius.«

»Noch eine Bitte, Angela. Ruf das Geschäftskontor an und entschuldige mein Fernbleiben mit einer Reise.«

»Ich tat es schon, als es neun Uhr schlug, Kornelius.«

»Ich danke dir für deine Vorsorge. Auf Wiedersehen, Angela.«

»Bleib gesund ...«

Noch immer horchte sie, als müßte noch der letzte Hauch von ihm zu ihr herüberdrängen. Dann legte sie den Hörer hin, fühlte einen leichten Schwindel um ihre Stirn gleiten und grub beide Hände in ihr Haar.

Ein wildes Aufschluchzen löste den Krampf. »Kornelius!« Und noch einmal ein Schrei, als richte er sich gegen Gott im Himmel: »Kornelius!!«

Nur um den Vater des Toten schluchzte ihr Schmerz auf, nur um den geliebten Mann. —

Ruhig, sprach sie zu sich selber, ruhig jetzt, du hast ja Pflichten zu erfüllen. Und sie ging hin und tat alles, was er sie geheißen hatte. Und tat einen Schritt darüber hinaus und suchte den Friedhofsgärtner auf und ließ unter ihrer Obhut die noch leere Bahre von grünen Palmenbäumen umgeben.

Der Trostlosigkeit des Ortes war um ein klein wenig gesteuert. Kornelius Vanderwelt sollte mit seiner Bürde nicht in die Öde hinein. Und sie ging die Gräberwege, und ihr Herz war voll Leid um den Lebenden.

Es dunkelte, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Friedhoftore anfuhr und zur Seite bog. Der Wagen war leer. Wenige Minuten noch, und ein größerer und schwarzer Wagen fuhr vor und hielt vor dem Tor, das sich auftat und vier Träger hervortreten ließ. Der Fahrer war abgesprungen und hatte den rückwärtigen Schlag geöffnet. Die Träger traten zurück. Ein Lebender stieg aus dem schwarzen Raum und eine Frauenhand ergriff die Hand des Mannes und hielt sie weiterhin in der ihren, als müßte es so sein.

Der Eichensarg wurde aus dem Wagen gehoben. Die vier Träger trugen ihn schweren Schrittes an den Bronzeringen, und der Mann und die Frau folgten ihm in der Dunkelheit nach, und ihre Hände blieben fest verschlungen. So traten sie in die erleuchtete Kapelle und blickten regungslos auf das Tun der vier Männer, bis der Sarg aufgebahrt war und der grüne Hain ihn umzitterte.

Durch die Dunkelheit gingen sie, die Hände fest verschlungen, den Weg zurück, den sie gekommen waren. Und der große schwarze Wagen war verschwunden, und der Wilm war vorgefahren und hielt die Mütze feierlich in der Hand.

»Nach Hause, Wilm.«

Sie fuhren wortlos heim. Ganz dicht aneinander gedrängt, als müßten sie sich ihres Besitzes vergewissert halten.

Kornelius Vanderwelt schritt durch sein Arbeitszimmer zum Schreibtisch und ließ sich ermüdet nieder. Seine Augen ruhten auf Angela Freydag, und die Frau trat neben seinen Stuhl und legte die Hand über seine müden Augen.

»Sprich jetzt nicht. Alles das hat Zeit, Kornelius. Es ist gut, daß du zurück bist.«

Er schloß die Augen unter ihrer kühlenden Hand. Er war geborgen.

Die Glocke des Fernsprechers läutete an. Der Ermüdete fuhr auf. Der Zorn zerrte über sein Gesicht.

»Noch mehr? Noch mehr? Mit dir allein will ich sein. Schaff' mir Ruhe, Engel.«

Sie hatte schon das Hörrohr am Ohr. »Es ist der Thomas,« sagte sie leise.

»Schaff' mir Ruhe. Mit dir allein will ich sein und nicht mit den Jammergesichtern.«

»Jawohl,« erwiderte sie in den Fernsprecher hinein. »Sie sprechen mit Angela Freydag. Ja, Thomas, wenn die Abendzeitung den Unglücksfall schon berichtet ... Ihr Vater ist in diesem Augenblick von Köln zurückgekehrt und im Begriffe, sich zurückzuziehen. Bitte, gönnen Sie ihm heute die Ruhe. Ja, kommen Sie morgen in der Frühe. Ihr Vater läßt Sie herzlich grüßen.«

»Der Thomas legt sich dir schweigend ans Herz, Kornelius. Dafür liebe ich ihn.«

Er antwortete nicht. Er suchte nach einem Anfang, und sie sah sein quälerisches Bemühen.

»Sprich jetzt nicht,« wiederholte sie mit ihrer tiefsten Zärtlichkeit. »Heute muß ich doch deine Sorgerin sein. Du bist so oft mein Sorger und darfst mir heute gehorchen.«

Sie beugte sich zu ihm nieder, und er strich ihr schwerfällig mit den Händen über Gesicht und Haar.

»Todmüde bin ich, Engel, und werde doch nicht schlafen können. Aber ich werde dir gehorsam sein.«

Sie ging neben ihm her bis zur Tür seines Schlafzimmers.

»Es klänge unsinnig, Kornelius, eine ›gute Nacht‹ zu wünschen. Wenn du mit der Nacht nicht fertig wirst, rufe mich. Nur ruhen sollst du. Ausruhen.«

Er zog sie an sich und küßte sie aufs Haar.

»Geh auch du zur Ruhe. Hab' Dank für deine Gegenwart. Ich fühlte sie den ganzen Tag, wie ich dich jetzt fühle, und das allein hat mir über den Berg geholfen.«

Angela Freydag aber schritt noch einmal durch das Haus und traf ihre Anordnungen. Sie ging zu den Mädchen und teilte ihnen den Tod des ältesten Haussohnes mit, denn der Fahrer Wilhelm hatte finster geschwiegen. Und zu später Stunde erst suchte sie ihr Bett auf.

Lange hatte sie noch in die Nacht hineingewacht, mit den Gedanken, die jetzt wohl der Mann auf seinem einsamen Lager denken mochte, und mußte doch endlich wohl vor Übermüdung eingeschlafen sein, denn das Licht brannte in ihrem Zimmer, als sie die Augen aufschlug und sich nicht gleich zurechtzufinden wußte.

An ihrem Bette saß Kornelius Vanderwelt. Er war angekleidet und sah sie an.

»Ist es schon Morgen, Kornelius? Habe ich die Zeit verschlafen?«

Er schüttelte den Kopf und streichelte ihre Hände, die auf der Decke lagen.

»Es ist noch Nacht. Bleib ruhig liegen. Es wird nicht mehr als drei Uhr sein.«

»Weshalb bist du denn angekleidet? Hast du dich gar nicht zur Ruhe gelegt? Du versprachst es doch.«

»Wenn man in das Dunkle hineinsieht, Engel, sieht man die Dinge schärfer als im Licht. Mit einer grausamen Schärfe, Engel. Weil man die unerbittliche Kette der Folgerungen gestaltet und die Beweggründe nicht gelten läßt. Darum bin ich wieder aufgestanden und habe mich angekleidet und zu dir ans Bett gesetzt.«

»Sitzest du bequem, Kornelius? Nimm doch das Kissen von mir in den Rücken.«

»Nein, nein. Ich danke dir. Seit ich bei dir sitze und dich ansehe, hat sich die Schärfe gemildert.«

Da lag sie ganz still und atmete fast unhörbar. Ihr hellfarbiges Haar glitzerte wie eine seidige Woge auf den Kissen und bettete den ernsten Frauenkopf mädchenweich. Es schmiegte sich über ihre Brust, und er sah die seide-gesponnenen Fäden leise erzittern. Ganz nahe jetzt, ganz nahe. Sein Kopf hatte sich an ihrer Brust eine Ruhestatt gesucht.

Und in ihren Herzschlag hinein begann er zu sprechen, sich von den Bildern des Tages zu lösen.

»Ich kam nach Köln, Engel. Ich wurde in den Raum geführt, in dem der Verunglückte lag. Ich erkannte ihn sofort als meinen Sohn, als den Justus. Er hatte noch im Tode den hochfahrenden Zug um den Mund. Denn ein Toter lag vor mir, kein nur Verwundeter, Engel. Ein Mensch mit rohen Messerstichen im Leib, aufgefunden in einer dunklen Gasse, in der sich das Gesindel herumtreibt.

»Erst habe ich den Körper angestaunt, der einmal so jugendschön gewesen war. Vergeudet, vertan in einem wilden Leben, das nur sich anerkannte und seinem Begehr keine Schranken setzte. Und dann habe ich mit Mühe meinen Mund geöffnet und meine Fragen gestellt.

»Er muß durch einen nächtlichen Lärm in die Gasse gelockt worden sein. Männer stritten sich um ein Frauenzimmer, und er hat sich ohne viel Fragen zum Beschützer aufgeworfen. Über sein herrisches Tun ist es unter den Angetrunkenen zu einem Hallo gekommen, und sie haben einen wilden Reigen um das Paar geschlungen. Der Justus aber hat mit seinem Stocke rücksichtslos hineingeschlagen und dem Gesindel die Messer gelockert. Das Dirnchen war herausgehauen, als er in seinem Blute auf der Gasse lag und die Polizeibeamten das Gesindel verscheuchten. Er lag mit gebrochenen Augen.«

Er schwieg und preßte den Kopf fester auf Angela Freydags Brust. Und Angela Freydag hielt den Atem an, um sein Schweigen in die Ruhe hinüberführen zu können.

»Engel, Engel!« brach es aus ihm heraus. »Wegen einer Straßendirne! Ach, was sage ich. Und wenn es um eine Dame der Gesellschaft gegangen wäre! Aus herrischer Laune, die auf keinem anderen Verdienst fußt als auf dem ererbten Namen! Engel, Engel, ich habe ihn befragt, den Toten, und er behielt nur seinen hochfahrenden Zug um den Mund.«

Jetzt spürte er ihre Hand über seinen Rücken gleiten. So sacht und doch so beredt, wie nur Angela Freydags Hände waren. Und er besann sich auf Zeit und Raum und gewann seine Ruhe zurück.

»Die Ärzte hatten noch ihr traurig Handwerk auszuführen, um Herkunft und Beschaffenheit der Wunden festzustellen. Bis zur Freigabe der Leiche hatte ich überflüssige Zeit. Ich tat, was man bei solchen Todesfällen zu tun pflegt. Ich suchte Justus letzte Wohnung in Köln auf, wies mich als Vater aus und packte seine paar Habseligkeiten. Einige Schulden blieben noch zu zahlen, und ich zahlte sie. Sein mütterliches Vermögen war wohl bei seinen Abenteuern draufgegangen. Und dann las ich seine Briefschaften, die aus allen Frauenschichten stammten und in Anbetungen vergingen, und verbrannte sie. Mit der Asche war alles verloschen, was Justus Vanderwelts Leben hieß.«

Er hob den Kopf von Angela Freydags Brust und setzte sich aufrecht. Sie sprach noch immer nicht.

»Nun habe ich dir die Nachtruhe geraubt, Engel, aber ich wußte mir keinen anderen Rat. Vielleicht glückt es dir, noch einmal einzuschlafen, vielleicht glückt es auch mir jetzt. Es tut wohl, an deinem Bette zu sitzen, Engel.«

»Bleib,« bat sie, und ihre Hände umklammerten die seinen.

»Ich bleibe gern noch, Engel, aber du mußt schlafen.«

»Sieh,« sagte sie, und aus ihren Händen strömte es wie warme Wellen in die seinen über, »es liegt für dich so nahe, dir Gedanken zu machen, ob deine Erziehungsart die rechte gewesen sei. Und du hast sie dir schon gemacht, und das hat dich zu mir getrieben. Es wäre für mich nicht nötig gewesen, ein Jahr lang während der Entwicklungszeit deiner Kinder die stille Zeugin gewesen zu sein. Ich kenne dich ja wie kein anderer Mensch in dem selbsterworbenen und gefestigten Reichtum deiner Wesensart. Deine Kinder brauchten nur zuzulangen, um überreich zu werden, aber sie wählten sich aus dem Dargebotenen nur das heraus, was ihrer eigenen Wesensart entsprach. Und davon wollte ich sprechen.«

Er hatte sich mit geschlossenen Augen im Stuhle zurückgelehnt. Nur über sein Gesicht zuckte es zuweilen hin, wenn ein Wort von ihr ihn tiefer aufhorchen machte.

»Ja, Kornelius, davon besonders wollte ich sprechen. Denn ich kann es aus Erfahrung. Eine Erziehung kann gut oder schlecht sein, auf die Wesensart des Kindes kommt es an, wie sie wirkt und wohin sie sich auswirkt. Ein schlechter Vater kann an einem gut gearteten Kinde nicht mehr verderben, als daß er ihm die Kindheit verdirbt. Und der beste Vater wird seinen Kindern nicht mehr geben können als eine glückliche Kinderzeit, wenn sie weniger gut geartete oder eigenwillige Persönlichkeiten sind. Daß der Mensch das Ergebnis seiner Erziehung wäre — ach, Kornelius, das ist die bequemste Lüge der Oberflächlichkeit. Die Erziehung kann ihm das Sprungbrett für seine Persönlichkeit werden, aber springen muß er selbst, das will heißen, Kornelius, daß ein jeder zu seiner Erziehung das Beste aus sich selbst hinzufügen muß, oder es bleibt beim schönen Schein. Wenige Kinder haben so sehr alle Möglichkeiten gehabt wie die deinen. Längst ist die Reihe an ihnen, und du und kein Vater kann etwas anderes tun, als den besorgten Zuschauer spielen. Sieh, Kornelius, das war es, was ich wahrheitsgemäß einmal aussprechen mußte.«

»Wie gut es sich dir zuhört, Engel —«

»Ich war selber ein Kind, Kornelius, das über wüste Wege mußte und doch zum Glück kam.«

»Zu einem heimlichen, Engel, und ich beließ es dabei.«

»Nein, ich beließ es dabei. Sollte ich dich wegen einer bloßen Form in Widerstreit zu deinen erwachsenen Kindern bringen, die schon selber Kinder in die Schule schicken? Ja, lächle nur, Kornelius, es ist so. Und heimlich? sagst du. Mein Glück wäre ein heimliches? Sieh dir all das Glück an, das sich offen zeigt, und dann vergleiche es mit dem meinen. Mit dem unsrigen, Kornelius. Das unsrige hat gelernt, daß Liebe ein Hauch ist, den man behüten muß.«

Er öffnete die Augen und blickte sie mit tiefer Innigkeit an.

»Bei dir — ach, bei dir ist gut ruhen ...«

Sie saß aufrecht in ihrem weißen Nachtkleid, warf das Haar in den Nacken und strich ihm die Augen zu. Ihr zärtlicher Atem wehte über ihn hin. Wie wohl das alles tat — wie wohl — —

Er nahm sich vor, diese Stunde auszugenießen, keine Minute dieser Stunde aus seinem Gedächtnis zu verlieren, — und war entschlummert. Ruhig und gleichmäßig gingen seine Atemzüge.

Auf bloßen Füßen stand sie neben seinem Stuhle, bettete sie seinen Kopf in ihr warmes Kissen, seine Füße in eine wollene Decke, drehte sie geräuschlos das Licht aus. Und aus ihrem Bette heraus horchte sie noch lange auf die stillen Atemzüge.

Als er die Augen aufschlug, sah er sie in ihrem weißen Morgenrock, das Haar unter einem seidenen Strickmützchen, am Fenster stehen und in den Morgen hinausblicken. Sie wandte sich um und blickte mit einem Lächeln zu ihm hinüber.

»Wo bin ich, Engel? Wie komme ich hierher? Ist es schon Tag?«

»Du bist bei mir. Du kamst in der Nacht zu mir. Und nun ist es Morgen.«

Seine Gedanken kehrten nur langsam und wie aus weiter Ferne zurück. Das Erinnern an das gestrige Erleben drängte sich vor, zeigte seine Dirnenfratze und hatte seine Schrecken verloren. Da stand die starke, helle Frau und reichte ihm zum Tagesgruße die Hände. Und diese Hände, die er schon an dem herumgejagten hageren Mädchen liebgewonnen hatte, diese Hände hatten ihn in Schlummer gewiegt.

Er sprang aus dem Stuhle auf. Der tiefe Schlummer hatte ihm alle Kräfte zurückgebracht. Und Kornelius Vanderwelt beugte sich über Angela Freydags Frauenhände und küßte sie. —

Vor der Geschäftsstunde noch kam Thomas Vanderwelt in sein väterliches Haus. Mit krampfhaft angespannten Gesichtszügen begrüßte er Angela Freydag, die ihn in seines Vaters Zimmer eintreten ließ und hinter beiden die Türe schloß. Als Thomas Vanderwelt nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verließ, war sein Gesicht fassungslos und verwüstet.

»Es war wohl weniger der Tod als die Roheit des Todes, die ihn so aufwühlte,« sagte Kornelius Vanderwelt.

»Ich weiß es nicht, Kornelius. Ich weiß nur, daß ihn noch etwas aufzuwühlen vermag. Das soll uns heute genügen.«

Es kamen auch die Frauen ins Haus, Juliane und Antonie. Beide in erlesenen schwarzen Gewändern.

»Es ist gut, daß sie zusammen kommen,« sagte Kornelius Vanderwelt, als Angela Freydag sie ihm meldete. »Zu zweit bilden sie doch nur eine Unwahrheit. Laß sie zu mir, damit ich es schnell überstehe.«

Nach wenigen Minuten schon kehrten die jungen Frauen mit verstörten Gesichtern zu Angela Freydag zurück.

»Was ist mit ihm?« fragte Juliane hastig. »Er ist für Trost nicht zugänglich und wies mich barsch zurück, als ich ihn um ein Andenken an meinen armen Bruder bat.«

»Ist Justus wirklich bei einer Frau tot aufgefunden worden? Von dem zornigen Ehemann überrascht, getötet und auf die Gasse geworfen? Bitte,« bat Juliane mit schauernden Schultern, »erzählen Sie mir doch alle Einzelheiten.«

»Als Helfer starb er — aber die Tatsache seines unglücklichen Todes muß unserer Trauer wohl zunächst genügen,« erwiderte Angela Freydag und öffnete den verstörten jungen Frauen die Tür.

»Und die beiden Beckenrieds, Vater und Sohn, erschienen und gingen zu Kornelius Vanderwelt in das Arbeitszimmer. Der Schwiegersohn Klaus nagte vor Erregung an der Unterlippe und schaute so wild um sich, als erwarte er selbst ein Wort der Teilnahme, und der alte Beckenried fand das Wort, wenn auch auf Umwegen, und wies darauf hin, daß nicht nur die Angehörigen schwer unter den niederdrückenden Umständen des Todesfalles leiden würden, sondern auch das Geschäft, denn das Verfrachtungsgeschäft sei nun einmal eine Vertrauenssache.«

»Überlassen Sie auch diese Sorge einstweilen mir allein. Wenn ich sie zu den anderen lege, wiegt sie weniger.«

Und Kornelius Vanderwelt verabschiedete sich von den Herren und rief nach Angela.

»Sperr' die Fenster auf, Engel. Die Totengräber haben sich in der Türe geirrt. Noch rieche ich nicht nach der Schippe.«

Am folgenden Tage wurden Justus' Überreste in aller Stille im Vanderweltschen Erbbegräbnis eingebettet. Keine Traueranzeige war verschickt worden, kein Teilnehmender hatte sich eingefunden. Die Herren Beckenried wurden durch die Vertretung der beiden Herren Vanderwelt im Geschäft zurückgehalten, die junge Frau Antonie war aus Furcht vor dem Schwiegervater von einem Nervenzittern befallen worden, und so stand Kornelius Vanderwelt mit seinen beiden Kindern allein an der Gruft, aber er fühlte Angela Freydags Schulter.

Leise fragte Juliane den Bruder nach dem Pastor. Doch Thomas wies die Frage durch ein Kopfschütteln zurück. Und der Sarg wurde von den vier Trägern an den Bronzeringen herangetragen und langsam an den Seilen in die Gruft hinabgelassen.

Kornelius Vanderwelt zog den Hut. Er erwies dem Tode die Ehrfurcht und schickte dem Sohne den letzten Vatergruß nach. Fahr wohl und hab' deine Ruhe, Justus.

Der Totengräber hielt den beiden Männern die Schippe mit den Erdschollen hin. Und als auch diese Formel erfüllt war und sie sich zum Gehen wandten, hörte Kornelius Vanderwelt noch einmal Erdschollen auf dem Sarge aufschlagen. Und er erkannte in dem Manne, der hinter den Leichensteinen hervorgetreten war und dem lebenden Vanderwelt mehr als dem toten die Ehre erwies, seinen alten Seegesellen, den Gastwirt Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹.

Da packte ihn das Würgen im Halse, und er wußte nicht, ob ihn das Lachen schüttelte oder das Leid.

Der Mann aber war wortlos hinter den Leichensteinen verschwunden.

»Komm,« bat Angela Freydag leise und berührte seine Hand.

»Sahst du ihn?«

»Einer, der dir Freundschaft hält, Kornelius.«

»Und was für einer!«

»Besser ein treuer Kettenhund als ein wildernder Jagdhund. Mich hat es heute gefreut.«

»Du magst recht haben,« erwiderte er, »und nun können wir gehen.«

Sie fuhren die Kinder bis zu ihren Wohnungen und fuhren allein heim. Es war Abend geworden, als sie das Haus betraten. Und sie suchten ihre Zimmer auf, um sich umzukleiden.

An diesem Abend spielte Angela Freydag, wie sie noch nie vor den Tausenden gespielt hatte. Kein Lied vom Tode und Vergehen. Den gewaltigen Sang, der in der Herbstnacht sehnsüchtig beginnt und mit den Frühlingsstürmen sieghaft durch die Wälder braust. Das Menschheitslied vom ewigen Auferstehen spielte sie, und sie spielte es für Kornelius Vanderwelts Seele.

Nur für den Mann, der aufrecht in dem alten Kirchenstuhle saß und ihre Liebe an seinem Herzen hielt.

Ihre Arme sanken am Körper nieder. Ihre Brust hatte den Atem verloren. Und während sie ihn in schmerzhaften Zügen wiederzugewinnen trachtete, dachte sie: So und nicht anders ist meine Liebe. Bis mir die Arme vom Körper sinken. Bis mir der letzte Atem vergeht. Töten und vernichten könnte ich um seines geliebten Namens willen.

Und sie wandte den erblaßten Kopf nach ihm und lächelte ihm zu ...

Und wieder schritt Kornelius Vanderwelt durch das Gewühl vor der Schifferbörse wie in früheren Tagen, aber die launigen Zurufe blieben den Leuten im Munde stecken, die Knäuel öffneten sich und ließen ihn hindurch, und die Männer zogen die Mützen herunter und schwiegen in Verlegenheit. Ein wenig hatte er es sich anders gedacht, aber er ließ es sich nicht anfechten und erledigte im Börsensaal seine Geschäfte.

Und als er in das Gewühl der Wartenden zurückkehrte, bildeten die Leute aufs neue eine Gasse. Aber sie hatten eine Abordnung unter sich ausgemacht, aus ihren Ältesten, und die Ältesten traten an Kornelius Vanderwelt der Reihe nach heran und schüttelten ihm schweigend die Hand, während die Umgebung sich achtungsvoll räusperte.

Der Winter ging hin. Es war dies Jahr nicht nur für das von den Feindmächten besetzte Rhein- und Ruhrgebiet, es war für das ganze in Geldwirren gestürzte Deutschland das atemraubendste Geschäftsjahr geworden, und in der kaufmännischen Welt reihte sich Trümmerfeld an Trümmerfeld. Kornelius Vanderwelt schaffte vom Morgen bis zum Abend, er war überall, wo es not tat, mit der unwiderstehlichen Kraft seiner Persönlichkeit einzugreifen, und doch fühlte er, daß es rückwärts gehen wollte und nicht vorwärts. Nein, seine Kraft war die gleiche geblieben, aber seine Unwiderstehlichkeit hatte nachgelassen. Die Verlegenheit, die er vor Monaten, nach Justus' Tode, unter dem derb genug besaiteten Schiffervolk auf dem Börsenplatz beobachten konnte, äußerte sich bei den Kaufherren und Werksleitern wohl liebenswürdiger und zurückhaltender. Aber gerade diese Zurückhaltung war es, die ihm die raschen und frischfröhlichen Geschäftsabschlüsse erschwerte.

In der ersten Zeit sah er über das törichte Menschheitsverhalten hinweg, auch dann noch, als es sich vornehmlich unter den einstmaligen Zechgenossen mancher ›hohen Fahrt‹ breit und bemerkbar machte. »Es ist die alte Leier, Engel,« pflegte er zu sagen, »daß die schmutzigsten Hände immer die reinsten Handschuhe vorweisen möchten. Ich glaube, im Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer hat der brave Pharisäer auch schon Handschuhe übergezogen.«

Als er aber in der Folge bei der Verteilung größerer Ladeaufträge mal auf mal übergangen wurde, geriet zwar seine Zuversicht nicht ins Schwanken, aber ein Lächeln der Verachtung erschien auf seinen Lippen und wollte hinfort nicht mehr weichen. Trug doch seine Zuversicht mehr als je den Namen Angela Freydag.

Was der hochgemute Mann nicht sah, das sahen ihre klaren Frauenaugen. Sie gewahrten die verstärkte Aufmerksamkeit der Vielheit, die dem zurückgezogenen Leben Kornelius Vanderwelts galt, und die tastenden Finger, die nach dem stillen Schleier griffen. Und sie beschränkte sich immer mehr in der äußeren Lebensführung und wuchs zu einer inneren Gesammeltheit auf, die bei anderen gefestigten Naturen wohl aus der Entsagung geboren zu werden pflegt, bei ihr aber nichts anderes hieß als die heiße Fürsorge für den Geliebten.

Wurde Kornelius Vanderwelt in seinem hohen Traumwandel hellsichtig, das sagte ihr das untrügliche Empfinden der liebenden und geliebten Frau, so vernichtete er mit seinen Widersachern sich selbst und sein Glück. Und immer enger noch an ihn geschmiegt, blieb sie die Gefährtin seines hohen Traumwandels auf Schritt und Tritt, und es war keine Wolke am Himmel, die sie nicht zu scheuchen wußte.

In diesen Tagen begann das Leben seine Probe auf die Berechtigung, Kornelius Vanderwelts Glück zu heißen und er das ihre. Sie dachte gar nicht darüber nach. An das Selbstverständliche verschwendete sie keine Gedanken. Nur, daß auch auf ihren Lippen das Lächeln der Menschenverachtung erschien und blieb.

Mehr als vordem stellte sich Thomas Vanderwelt ein. Er wußte die Stunden herauszufinden, an denen er Angela Freydag allein zu Hause traf, und hockte ihr im Sessel gegenüber, rauchend und die Regeln des Lebens in Widersinnigkeiten verkehrend. Der Tod des Bruders hatte sein zersetzendes Wesen bis zur Fahrigkeit gesteigert.

»Lieber Thomas,« sagte die geduldige Zuhörerin, »weshalb spielen Sie sich und mir eine Rolle vor? Das sind Sie ja gar nicht, in dessen überlegenem Faltenwurf Sie sich gefallen. Sie sind weder eitel noch unanständig. Weshalb also die Maskerade.«

»Was bin ich denn in Ihren klugen Augen, Frau Engel?«

Seit er den Namen einmal aus dem Munde seines Vaters vernommen hatte, hatte er ihn sich nicht wieder nehmen lassen.

»Sie sind ganz einfach ein unglücklicher Mensch. Nichts mehr und nichts weniger.«

»Ein unglücklicher Mensch kann sehr wohl ein Unflat sein. Schon der Umstand, daß er ein Unglück hinnimmt, spricht dafür.«

»So ändern Sie es doch, oder sind Sie ein Höriger Ihres Unglücks?«

»Sehen Sie,« sagte er bewundernd, »wie scharfsichtig Sie sind, wie Sie jedes Kindlein gleich beim rechten Namen zu nennen wissen. Ein Höriger .. Ein Höriger seines Unglücks. Das bedeutet soviel wie ein krankhaft veranlagter Liebhaber. Wahrhaftig, Sie haben ins Schwarze getroffen.«

»Wenn Sie in dieser Tonart fortzufahren belieben, muß ich Sie zu meinem größten Leidwesen nach Hause schicken, Thomas.«

Er lächelte sie ungläubig an. Wie ein verwöhnter Junge.

»Das würde nun wiederum Ihrem Namen keine Ehre machen, Frau Engel. Denn ich komme ja just zu Ihnen, um von Zeit zu Zeit festzustellen, was denn eigentlich von dem alten Thomas noch übriggeblieben ist. Gott, wenn Sie so gütige Augen machen, reizt es mich, meinen ganzen Musterkasten — die alten Griechen nannten ihn, glaube ich, die Büchse der Pandora — vor Ihnen auszupacken, wenn die Pandora auch nur Antonie gerufen wird und der Gatte so neugierig ist wie das Weib.«

»Thomas, Thomas, ich rief Sie schon vor Jahren bei Ihrer Ritterlichkeit auf. Es gibt nur ein Entweder — Oder!«

»Ein Entweder — Oder,« wiederholte er, »und ich habe das letztere gewählt. Das Entweder ist stets das Langweiligere, das Oder das Vergnüglichere und das Spannende. Der ›Hörige‹ kommt hinzu. Das Leben, das sich uns nach dem allgemeinen Weltendurcheinander und der ausnahmslosen Gleichmacherei darbietet, ist so reizlos geworden, daß man nach einem Strohhalm greift, wenn er eine Belustigung verspricht. Meine Antonie ist nun gewiß kein trockener Strohhalm, sondern ein ausbündig schönes und vollsaftiges Lebewesen der Mutter Erde, aber darin tut sie es dem Strohhalm gleich, daß sie in Brand gerät, ehe man sich umgeschaut hat, und das ist über alle Maßen belustigend. Weshalb? fragen ihre strengen Augen. Weil sie annimmt, daß man sich nicht umgeschaut hat.«

»Und das nehmen Sie,« fragte Angela Freydag verächtlich, »immer wieder hin, ohne es zu ändern?«

»Geduld, Geduld,« mahnte Thomas Vanderwelt geheimnisvoll. »Zuweilen ist es nur ein irrtümlich entstandener Brand, ein Brand aus Eifersucht, der mir die Glut ihres Herdfeuers bekunden soll. Mir, Frau Engel. Bei anderen Malen aber gedenke ich aller Ihrer guten Lehren und nehme den brennenden Strohhalm ungesehen in meine Hände, um ihm das Lebenslichtlein auszupusten. Ganz unvermutet und auf eine streng sittliche Weise.«

»Lästern Sie nicht, Thomas, und reden Sie, wenn Sie schon reden müssen, ohne Beschönigung.«

»Es ist ein bißchen viel Nacktheit dabei, Frau Engel, wie bei den neuzeitlichen Tanzbelustigungen. Daher die Verbrämtheit meiner Rede vor Ihren Ohren. Aber urteilen Sie selber über die Tragbarkeit der sittlichen Grundlagen, auf denen ich meine Abänderungen vollziehe. Von den kleinen Kunstgriffen schweige ich. Von den Stelldicheins, von denen mir herumliegende Briefe oder herumfliegende Freundinnen Kunde taten und zu denen zufällig ich selber erschien, statt des Erwarteten. Von den nichtigen Techtelmechteln, die ich mit ihren ähnlich gearteten Freundinnen beginnen mußte, um allerlei Menschliches und Allzumenschliches meiner vergeßlichen Gefährtin aus Vergangenheit und Gegenwärtigem zu erfahren und ihre holden Lügen am Bindfädchen zu halten, wie der Knabe den Maikäfer. Höher hinauf, höher! Da war ein Fall, würdig, verzeichnet zu werden. Nicht der Strohhalm, die ganze Garbe brannte. Und der Herrlichste von allen wurde ins Haus geladen. Es ging nicht anders, es war der Hausfrau Geburtstag. Und sie saßen sich gegenüber und besprachen sich mit den Augen und sagten sich Wunderdinge über Wunderdinge. Sollte ich den Dritten im Bunde vor die Türe werfen? Sie nicken begeistert. Gemach, gemach. Ich erhob mich aus einem inneren Drange heraus und klopfte mit meinem Obstmesser ans Glas, denn wir waren beim Nachtisch angelangt, und hielt eine Geburtstagsrede. Das war es, Frau Engel. Das war die sittliche Grundlage. Ich verbeugte mich vor der Hausfrau, vor der Gattin, vor der Mutter meines Kindes. Ich sprach von der tiefen Gläubigkeit des einen zum anderen Teil in der heiligen Ehe. Von der Lebensgefährtin, die, abhold jeder Lüge und Verstellung, ihr Leben lasse für den reinen Schild des anderen. Von der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit der wahren und wahrhaftigen Frau, die so hohe Höhen zu erklimmen wisse, daß wir staubgeborenen Männer anbetend auf den Knien liegen müßten. Und der Ehrengast war so erschrecklich unruhig geworden und rutschte vor lauter Beschämung auf seinem Stuhl. Und der Trottel kriegte sogar feuchte Augen, als ich die Tugend des Weibes der unsterblichen Seele an die Seite stellte, und er sagte, er habe sich verschluckt und müsse leider noch vor dem Hoch hinaus, um, wie er wiederum sagte, rasch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ja, und dann haben wir den Geburtstag für uns gefeiert.«

Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte noch in der Erinnerung über den gelungenen Streich.

»Weshalb lachen Sie nicht mit, Frau Engel? Sie sind doch eine Frau von Geist?«

»Weil mir die Sache zu belanglos erscheint.«

»Belanglos? Das ist ein herbes Urteil. Darf ich Ihre Beweggründe kennenlernen?«

Angela Freydag blickte ihrem Gast in die Augen. So lange, bis eine Röte über seine Wangen huschte.

»Muß ich sie Ihnen wirklich nennen? Einem Manne, der selber das Messer des Wundarztes zu führen vorgibt? Also offen heraus, Thomas: die handelnden Personen erscheinen mir in ihrem Tun und Lassen zu unwichtig. Was sie mit großartigem Gebaren hervorbringen, sind bestenfalls eine Kette von schillernden Seifenblasen, die genau so lange anhalten, wie die Einbildung anhält. Für Kindereien sind wir zu erwachsen geworden, Thomas.«

Er rauchte seine Zigarette zu Ende, erhob sich und verabschiedete sich kleinlauter, als er gekommen war.

»Sie messen alles mit einem überlebensgroßen Zollstock, Frau Engel. Da schneiden wir kleinen Leute schlecht ab. Trotzdem: Es war eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde.«

Er schritt still zur Tür, griff über seine Augen und kehrte zurück. Sie sah ihm, ohne den Blick von ihm zu lassen, entgegen. Und er nahm ihre herabhängende Hand, zog sie stumm an seine Lippen und ging hinaus. —

Eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde hatte der Spötter Thomas ihr Zusammensein genannt. Das Wort blieb in Angela Freydag hängen und fand den Weg zum abwägenden Verstand. Eine Erbauungsstunde? Das war mitsamt dem Schmuckwort ›schön‹ auf Rechnung der armen Selbstverspottung zu setzen. Aber lehrreich — lehrreich war sie auch für Angela Freydag gewesen, und ihre Menschenverachtung konnte nur dabei gewinnen. Da lebten zwei junge Menschen in der nackten Oberflächlichkeit einer Ehe, wie sie die neue Zeit zu Hunderten hatte ins Kraut schießen lassen, einer Ehe, die nur soweit Gemeinsamkeit war, als sich die beiderseitigen Naturtriebe in ihr berührten und im übrigen beiden Teilen Wege offen ließ, die weder hell noch staubfrei gehalten waren. Aber es war eine Ehe. Sie gab zu reden und offen und heimlich zu tuscheln, aber solange beide Teile mit ihr zufrieden waren, nahm auch die Umwelt keine Veranlassung, sie abzulehnen. Und es lebten da zwei reife Menschen, deren innerste Verbundenheit keine Lücke zuließ und die doch nicht zur Ehe gelangt waren aus einer selbstlosen und opferwilligen Rücksicht auf Kinder und Enkelkinder. Trotz ihrer adligen Gesinnung, trotz ihrer Verdienste um die Allgemeinheit — die Umwelt kam ungerufen und legte kopfschüttelnd ihr zusammengeflicktes Maßband an.

Ja, diese Erbauungsstunde war für die Gefährtin Kornelius Vanderwelts nicht weniger lehrreich gewesen. Ihre Mienen zogen sich zusammen. Sie schüttelte die Hände in der Luft.

»Du — du! Mein Kornelius!«

Und ihre Glieder spannten sich wie zur Verteidigung und zum Angriffssprung. —

Kornelius Vanderwelt aber ging seinen Geschäften nach, als hätten sich Zeiten und Menschen nicht verändert. Nur daß er Zeiten und Menschen als so geringfügig wertete, daß er vor den Ohren Angela Freydags nicht mehr darüber sprach.

Wenn sie ihn nach dem Stand seiner Aufgaben befragte und ob sie anzögen oder nachließen, glitt er mit seiner großen Hand über ihr Gesicht. »Wir haben uns wertvollere Fragen aufzugeben, Engel. Haben wir erreicht, was wir wollten? Haben wir uns glücklich gemacht? Und alles ist gefragt und alles ist beantwortet.«

Das waren die Augenblicke, in denen Angela Freydag ein jähes Aufweinen zurückhalten mußte, ein Aufweinen der Freude über den Mann vor ihr und mit ihr.

Immer weniger sprachen sie miteinander, wenn der Wagen sie in die Wälder führte oder die Jacht sie in die nebelnden Fernen trug, die an Leuchtkraft gewannen, je dunkler es auf der Wasserbahn wurde. Aber immer enger lehnten sich ihre Schultern aneinander an, und jeder wußte vom Wünschen und Begehren des anderen und offenbarte sich ihm in der Stille.

Wenn der Rheinwind über das weiße Boot fauchte und dem Manne die Flamme des Zündholzes ausschlug, nahm ihm die Frau lächelnd die kurze Pfeife aus den Lippen, steckte sie zwischen die eigenen und brachte im Kajütenschutz den Tabak zum Brennen. Und lächelnd sah sie zu, wie er zu Ende rauchte.

»Das ist eine falsche Einteilung,« sagte er an einem Abend auf dem Wasser. »Du hast die Anstrengung und ich den Genuß. Ich habe dir auch ein Pfeiflein mitgebracht, Engel, damit dir ein gerechterer Anteil wird.« Und von Stund' an rauchten sie ihre Pfeiflein gemeinsam, wenn sie neben seinem Steuer stand, und sie gewöhnten sich an, es auch zu Hause gemeinsam zu rauchen.

»Weißt du, wann du zuletzt die Tasten des Flügels angerührt hast, Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt nach einem schweren Arbeitstage.

Sie nickte vor sich hin, hob den Kopf und sah ihn an.

»Möchtest du, daß ich spiele?«

»Es war an dem Tage, an dem wir Justus begraben haben, Engel. Das ist jetzt schon ein volles Jahr. Ich habe keine Note vergessen, die du damals spieltest, und was du spieltest und wie du es spieltest. Das kann nicht mehr überboten werden.«

»Deshalb, Kornelius, wollte ich den Nachklang nicht mehr stören.«

»Er klingt unablässig in mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und bei Tag und bei Nacht höre ich dich spielen, auch wenn du keine Taste mehr anrührst. Gib mir einmal deine Hände.«

»Meine Finger sind steif geworden, Kornelius.«

Und sie ließ sie ihm, und er streichelte jeden einzelnen ihrer Finger und legte seine Lippen darauf. Aber er bat sie nicht.

Wieder war ein Sommer zu Ende, und die Nebeltage der Adventszeit drückten auf den Rhein und auf die Gemüter der Menschen. Kornelius Vanderwelt hatte ein Bücherpaket geöffnet und machte sich mit Angela Freydag daran, die Bände zu sichten und sie zum Vorlesen zu ordnen. Mit still leuchtenden Augen waren sie bei ihrem Tun, als die Haustürglocke anschlug und das Mädchen den Besuch der beiden Herren Beckenried meldete.

»Schade, es versprach ein so anregender Abend zu werden. Nun wirst du die Schätze zunächst einmal ohne mich durchstöbern müssen, Engel.« Und er trug ihr die Bücher in das nebengelegene Musikzimmer, und sie folgte ihm.

Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ließ er die Türe offenstehen. So konnte Angela hören, was ihm die beiden Herren vorzutragen hatten, und er brauchte es nicht zu wiederholen und den Abend noch weiter zu verkürzen.

»Lassen Sie die Herren bei mir eintreten,« gebot er dem Mädchen und sah den Besuchern entgegen.

»Guten Abend, lieber Beckenried. Guten Abend, Klaus. Ein Familienbesuch gehört mit zu den Seltenheiten in diesem Hause.«

»Wir hätten es gern bei den Seltenheiten belassen, Herr Vanderwelt,« begann der Ältere, und seine Stimme klang heiser vor Erregung, »und die Familienbeziehungen gestalten sich nachgerade zu einem — zu einem —«

»Klaus, du hilfst wohl deinem Vater.«

Der jüngere Beckenried zitterte vor Zorn.

»Diesen überlegenen Ton, diesen ganz unangebrachten überlegenen Ton bitte ich in Zukunft zu unterlassen.«

»Ein Glück, daß du bittest, Klaus. In diesem Hause wird nämlich der Ton nur von mir bestimmt. Aber die Herren scheinen erregt, und wir wollen uns darum nicht noch aufpeitschen, sondern uns mit der Ruhe gereifter Männer besprechen. Was also steht den Herren zu Diensten?«

»Zu Diensten?« eiferte der Alte und klopfte sich gegen die Stirn. »Ja, das wollen wir von Ihnen erfahren, inwieweit Sie zu Diensten zu stehen belieben. Was ich in Ihren Diensten ein Leben lang erworben habe, fort ist es, in den Dreck geschmissen, verjubelt und vergeudet. Mein guter Name schwimmt auf einer Pfütze. Und meine Frau Schwiegertochter, diese — diese —«

»Klaus, bist du mit Juliane verheiratet oder dein Vater?«

Der Jüngere ließ ihn kaum zu Ende reden. Seine Hände öffneten und spreizten sich.

»Frag' doch erst einmal an, was deine Tochter getan hat? Mit was sie allem ihrem bisherigen Tun die Krone aufgesetzt hat? Frag' doch erst einmal an, bevor du für das unzurechnungsfähige Geschöpf Partei ergreifst!«

»Ich ergreife durchaus nicht Partei. Wenn meine Tochter sich als unzurechnungsfähig erweist, so ist mir das gewiß ein bitteres Vaterleid. Aber ich wiederhole, wie schon so oft: sie steht als deine Frau nicht unter meiner, sondern unter deiner Obhut.«

»Obhut!« rief der Alte mit einem gellenden Lachen. »Obhut! Über eine Irrsinnige, wie?«

»Ist das auch die Ansicht des Ehegatten?« fragte Kornelius Vanderwelt hart.

»Ja, ja, und sooft du willst, ja!« schrie ihm der Jüngere ins Gesicht. »Eine Größenwahnsinnige, die keinen Schritt hinter den Allerreichsten zurückbleiben will. O nein, die in allen Mode- und Narrenfragen die Führung haben muß, als liege das Geld zum Stehlen auf der Straße. Das Geld, das gute Geld. Das von mir und das vom Vater. Wo ist es geblieben? In die Luft geblasen hat es die Närrin!«

»Wenn sie eine Närrin ist,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so überführe sie in eine Anstalt. Wenn sie dir aber über den Kopf gewachsen ist und du bist nicht Mannes genug, ihr den Meister zu zeigen, so reiche die Scheidung ein. Anderes vermag ich dir nicht zu raten.«

»Der Herr Vanderwelt scheint zu glauben, es handelte sich um eine Schneiderrechnung?« höhnte der Alte und hielt sich am Tischrand.

»Es handelt sich um ein Vermögen, das wir überhaupt nicht besitzen! Um mehr! Um mehr!«

»Nenne mir die Summe.«

»Hunderttausend Mark, Herr Vanderwelt! Hunderttausend Mark, wenn das reicht!«

Als hätte die Ziffer eine schweigende Scheu hervorgerufen, so still wurde es im Zimmer.

»Hier muß ein Irrtum vorliegen,« sagte Kornelius Vanderwelt endlich. »Solche Summe schießt man einer Frau Juliane Beckenried nicht vor.«

»Wer spricht von einem Vorschuß? Bei Hinz und Kunz stand sie auf Borg, und um die lästigen Gläubiger los zu werden, hat sie an der Börse gespielt! Mit jedem ungewaschenen Lehrling und jedem überspannten Nähmädel hat sie sich in eine Reihe gestellt, um Geld im Schlafe zu verdienen. Nur, daß Frau Juliane Beckenried, geborene Vanderwelt, auf ihren Namen hin größere Summen wagen durfte. Und dann ist die Karte an einem schwarzen Börsentage falsch herumgeschlagen, und die Bank drängt auf die Regelung der Verbindlichkeiten. Das ist der Zusammenbruch.«

»Hunderttausend Mark,« wimmerte der Alte. »Ein Elendleben umsonst gelebt. Dieser Vampir — —«

»Nicht mehr sehen will ich sie!« stöhnte der Jüngere auf. »Aber das Geld will ich retten.«

Kornelius Vanderwelt kämpfte einen kurzen Kampf. »Wo sind die Belege?« fragte er.

»Hier, hier, hier!« und der jüngere Beckenried schlug die Papiere heftig auf den Tisch.

Kornelius Vanderwelt nahm sie auf und las sie aufmerksam durch. Eine feine Röte kreiste auf seinen Wangen.

»Die Abrechnungen stimmen,« sagte er so leise, als spräche er mit sich selbst. »Zwar wird es der Bank nicht möglich sein, die Zahlungen zu erzwingen, da sie ohne Befragen des Ehegatten gehandelt hat —«

»Klug wie ein Fuchs! Und die geschäftliche Stellung der Beckenrieds? Natürlich ist das ein Pappenstiel!«

»Ich habe nicht mit dir gesprochen, sondern mit mir, Klaus Beckenried. Und ich gestatte mir, weiter mit mir zu sprechen. Die Bank weiß sehr wohl, daß sie verschwiegen und zuvorkommend sein muß, wenn sie schadlos befriedigt sein will. Hunderttausend Mark schüttet in dieser schweren Geschäftszeit kein Mensch aus dem Ärmel.«

»Wer soll sie denn befriedigen? Wer, wer, mein Gott?«

»Ich,« sagte Kornelius Vanderwelt.

»Sie —?«

»Ich werde für die Befriedigung der Bank sorgen, in dem Augenblick, in dem Sie, Herr Klaus Beckenried — Sie gestatten, daß ich das irreführende Du unterlasse — in keiner Weise mehr als mein Schwiegersohn zu gelten wünschen. Dann.«

»Soll das heißen: wenn ich die Scheidung von Ihrer Tochter Juliane vollzogen habe —?«

»Von meiner Tochter Juliane und von meinem Enkel Martin. Das soll es heißen.«

»Der Junge kommt hier überhaupt nicht in Betracht. Er steht ganz außerhalb unserer Verhandlungen.«

»Sie dürfen es sich überlegen, ob Sie die Verhandlungen scheitern lassen wollen.«

»Scheitern? Scheitern? Kein Mensch spricht davon. Aber ich frage Sie, was wollen Sie um Himmels willen mit dem Jungen?«

Kornelius Vanderwelt blickte über die ratlosen Männer hinweg in eine nebelhafte Ferne, die aufleuchtete, je stärker die Dunkelheit um ihn her wurde.

»Ich weiß es nicht,« sagte er leise. »Ich weiß nur, daß es auch nicht einen vertraulichen Berührungspunkt zwischen uns mehr geben soll. Sie haben rücksichtslos genug gegen mich gekämpft. Nicht erst seit heute. Nehmen Sie an, der Geschäftsmann in mir regte sich und wollte bezahlt sein. Mit dem Jungen. Mir ist er ähnlich, und er hat mein Blut. Er soll nicht gegen den Namen Vanderwelt eingenommen werden.«

»Herr Vanderwelt —!«

»Es eilt mir nicht. Sie dürfen es sich in Ruhe überlegen. Ich stehe in jedem Punkte bei meinem Wort.«

Der alte Beckenried näherte sich ihm flüsternd.

»Wissen Sie denn, daß Ihr Bankguthaben diese Belastung gar nicht mehr verträgt?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Aber damit Sie in dieser Nacht ruhiger schlafen können, als Sie es noch vor einer Stunde geglaubt haben, will ich Ihnen verraten, daß ich mein Haus zum Pfand setze mit allem, was darinnen ist.«

»Herr Vanderwelt!« stammelte der Alte erschrocken.

»Herr Vanderwelt!« stammelte der Sohn und trat staunend einen Schritt zurück. »Das ist — das ist Güte, statt Haß.«

»Werden Sie nicht weichlich. Güte! Güte kann unter Umständen ein schlimmeres Ding als Rache sein. Aber das verstehen Sie wohl nicht.«

»Sie wollen mich mit Ihrer Güte zur Verzweiflung treiben,« murmelte der Sohn. »Mir wächst die Unterhaltung über den Kopf. Ich sehe nicht mehr, was das Rechte und was das Falsche ist. Als Kaufmann muß ich den klaren Blick bewahren.«

»Den Martin,« gebot Kornelius Vanderwelt. »Er gilt Ihnen nicht genug, denn Sie haben sich nicht auf der Stelle entscheiden können. Die Antwort können Sie auf morgen verschieben.«

»Sie sollen sie morgen wissen.«

»Ich glaube nunmehr, meine Herren, daß wir uns zur Sache nichts mehr zu sagen haben. Gehen Sie getröstet heim und bereiten Sie für morgen alle Urkunden vor. Guten Abend.«

Vater und Sohn Beckenried verbeugten sich stumm und schritten zur Tür. Noch einmal wandte sich Klaus Beckenried auf der Zimmerschwelle um, und sein verwirrter Blick traf in das lächelnde Auge des Nachschauenden.

»Es war einmal ein begeisterungsvoller Jüngling, Klaus Beckenried, der von der Liebe bis zum Tode schwärmte. Es war in diesem Zimmer, und seine Jugend machte ihn zum Dichter. Suchen Sie ihn, bis Sie ihn wiederfinden, und wenn Sie ein alter Mann darüber werden sollten. Gute Nacht.«

Die Türe schloß sich.

Er dachte: Es ist gut, daß ich den ganzen Schmutz der Angela nicht noch einmal zu wiederholen brauche. Und er rief: »Komm nur herein, Engel. Ich bin ganz allein.«

Ein paar Atemzüge lang stand sie in der Verbindungstür. Ihre Augen flogen über ihn hin. Wie hager im Kampf sein Gesicht geworden war, wie grau seine Schläfe. Und wie hell und leuchtend seine Augen geblieben waren.

Sie warf sich an seine Brust und drückte den Kopf gegen sein Herz.

»Ja, Engel, es wird nun alles ein bißchen anders werden. Der Riemen schnallt sich enger um den Leib.«

Sie schüttelte mit einer wilden Bewegung den Kopf. Ihre Augen funkelten ihn an.

»Nie habe ich dich so geliebt. Nie, nie. Die Zwerge glaubten dich auf dem Boden zu haben. Auf ihrem platten Boden. Wegen eines Sackes Geld. Ach du! Ach, wie hast du sie gedemütigt. Wie hast du den Zaun zwischen dir und ihrer Angst und Gier aufgerichtet. Wie ein Riese recktest du dich auf, und ich wollte zu dir, an deinen Hals, und schreien: ›Ich gehöre zu ihm! Ich! Ich! Ich!‹«

»Mach' mich nicht stolz. Der eine des Namens hat seinen Körper, die andere das Geld, wieder der andere seine Seele vergeudet. Was bleibt von Kornelius Vanderwelt und seinem Werk?«

»Eine Seele«, sagte sie hastig, »ist so unermeßlich und unergründlich, daß kein Mensch sie vergeuden kann. Deine Seele wird noch die Augen aufschlagen, wenn wir längst nicht mehr sind. Aus hellen Augen wird sie um sich schauen, aus Augen, die so leuchtend und kühn sind wie die deinen. Nie, nie habe ich dich so sehr geliebt ...«

Kornelius Vanderwelt strich ihr das Haar aus der Stirn.

»Es wird allmählich Nacht, Engel, und wir werden schlafen gehen müssen. Aber wenn ich vorhin dich bat: ›Mach' mich nicht stolz,‹ so möchte ich diese Worte widerrufen. Doch, Engel, doch, mach' mich immer noch stolzer. Bald habe ich nichts mehr auf der Welt als diesen Stolz. Auf dich, Engel, auf dich. Und er reicht aus, um mein ganzes Leben aufzuwiegen.«

Sie aber streichelte unaufhörlich sein hager gewordenes Gesicht, seine grau gewordenen Schläfen. — —