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Kreuz und Quer, Erster Band / Neue gesammelte Erzählungen cover

Kreuz und Quer, Erster Band / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 10: Achtes Kapitel. Das Wiedersehen.
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About This Book

A collection of short narratives presenting vignettes of varied places and incidents. Pieces open with a young painter who draws a grotesque wall caricature and tells of an alpine encounter with a frightened young woman; other stories include a seafaring episode on a remote island, a comic adventure, a scene in a mission hospital, and a police patrol in Cincinnati. The tales combine lively, detail-rich descriptions and satirical character sketches, alternating brisk action with quieter reflection to examine human folly, bravery, and social manners across disparate settings.

Achtes Kapitel.
Das Wiedersehen.

Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag, wirklich pünktlich. Die Uhren schlugen gerade an, als er schräg über denselben hin, dem Hause zuschritt. Er beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben entdecken könne – aber vergebens. Es zeigte sich Niemand und nur in der ersten Etage waren in einer Stube die Gardinen herunter gelassen, so daß er von unten natürlich nicht bemerken konnte, ob irgend Jemand dahinter stand. Doch was kümmerte das auch ihn – Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht einmal im Hause nachfragen, in welcher Etage die Herrschaft wohne, um den gefundenen Handschuh abzugeben, – weiter Nichts, und das war ja in wenigen Secunden geschehen. Dann ginge er nach Hause, packte seinen Koffer und verließ Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen.

Wie er das Hôtel betrat, kam ein junges Mädchen die Treppe herunter, das in großer Eile zu sein schien. Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den leichten Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben damit rechts gegen den Speisesaal wenden, als ihm das Mädchen den Weg dorthin abschnitt, oder vielmehr direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem Dialect sagte:

»Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da tragen, hier im Haus gefunden, mein Herr?«

»Allerdings, mein Fräulein,« erwiederte Ernst, »ich war auch eben im Begriff ihn wieder abzuliefern. Kennen Sie ihn?«

»Ja gewiß,« antwortete das junge Mädchen, das ihn nahm und betrachtete, »er gehört meiner gnädigen Frau.«

»Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und sagen Sie ihr, daß ich mich –«

»Aber wollen Sie ihn nicht selber hinauftragen? No. 5. in der ersten Etage. Sie brauchen nur anzuklopfen.«

»Ich darf nicht wagen die Dame, einer solchen Kleinigkeit wegen zu stören,« meinte Ernst und wollte sich abwenden.

»Aber sie hat mich ja selber heruntergeschickt,« erwiderte fast ärgerlich die junge und wie es schien ziemlich gewandte Person. »Wenn ich Ihnen sage, daß sie sich freuen wird Sie zu sehen, so können Sie doch getrost hinauf gehen. Sie sind ein echter Deutscher, Monsieur. Einer von meinen Landsleuten wäre schon lange die Treppe hinauf.«

Ernst war blutroth geworden, denn jetzt blieb ja kein Zweifel mehr, daß die Einrisse in der Karte ein absichtliches Zeichen gewesen. Aber konnte er eine directe Einladung ausschlagen? Er hatte Frank freilich sein Wort gegeben, Clemence nicht wieder aufzusuchen, aber that er denn das jetzt? nein, die Dame selber ließ ihn durch ihr Kammermädchen bitten, den Handschuh zu ihr hinauf zu bringen, und es wäre ungezogen gewesen, dem nicht Folge zu leisten. –

»No. 5?« fragte er.

»Ja! gleich links im Gang über der ersten Treppe – die dritte Thür. Sie können gar nicht fehlen.«

Er war mit wenigen Sätzen hinauf, und vor dem bezeichneten Zimmer. – Wie ihm das Herz schlug. Kaum aber hatte er angeklopft, als auch schon ein nicht lautes, aber deutliches »Herein« ertönte, und wie er die Thür öffnete, stand Clemence mitten im Zimmer, und streckte ihm zum Gruß die Hand entgegen.

»Das ist sehr lieb von Ihnen,« sagte sie freundlich, »daß Sie alte Freunde nicht vergessen haben.«

»Gnädige Frau,« stammelte Ernst verlegen, denn er wußte sich die Anrede nicht zu erklären, da er im Joulard'schen Hause wenigstens nie wie ein Freund, sondern immer nur wie ein fremder Künstler behandelt worden. Er nahm aber die dargereichte Hand, zog sie ehrfurchtsvoll an die Lippen und sagte dann befangen: »vor allen Dingen erlauben Sie mir Ihnen Ihr Eigenthum zurückzuerstatten, das ich heute Morgen hier im Haus zufällig fand. Ich hätte auch nicht gewagt selber –«

Clemence winkte ihm mit der Hand.

»Herr Trautenau,« sagte sie ernst, aber mit tiefem Gefühl – »lassen Sie alle Entschuldigungen; uns bleibt keine Zeit dazu, denn selbst die Minuten sind mir zugemessen. Nur mit zwei Worten will und muß ich auf eine frühere – glückliche Zeit zurückkommen – ich war Ihnen früher nicht gleichgültig.«

»Clemence!« rief Trautenau bewegt.

»Sagen Sie Nichts darüber,« wehrte Clemence ab – »ich fühlte es, aber es war zu spät und mein Schicksal schon besiegelt. Ich mußte Sie streng in die Grenzen kalter Gleichgültigkeit zurückweisen – mich selber darin halten. Aber ich habe es Ihnen nicht vergessen, daß Sie damals der einzige Freund waren, der es wagte mich zu warnen, – wenn ich auch der Warnung nicht mehr folgen konnte.«

»Ach wären Sie ihr gefolgt,« seufzte Trautenau.

»Wär' ich –« flüsterte leise Clemence, »doch jetzt ist es zu spät,« fuhr sie lebendiger fort, – »zu spät wenigstens, um das Geschehene wieder gut zu machen, wenn auch nicht zu spät um weiterem Unheil – um dem Schlimmsten vorzubeugen, und Sie sind der einzige Freund, den ich hier habe. Wollen Sie mir helfen?«

»Oh wenn es in meinen Kräften steht, wie gern,« rief der junge Mann, der in dem Augenblick Frank's sämmtliche Warnungen und Ermahnungen vergessen hatte. »Sagen Sie mir nur wie – was ich thun soll.«

»Reuhenfels, mein Gemahl, der mich wie eine Sclavin behandelt,« fuhr Clemence fort, »hat die Absicht mich nach England und von da nach Amerika zu schleppen. Dort wäre ich ganz verloren und in seinen Händen, denn ich habe da keinen Freund mehr, der mich selbst vor seinen rohen Mißhandlungen schützen könnte.«

»Aber er wagt es doch nicht?« rief Ernst entsetzt.

»Er hat es gewagt,« sagte Clemence düster, »und nur eine Rettung giebt es für mich – Flucht!«

»Aber wohin? – zu wem?« rief Trautenau erschreckt, denn in dem Augenblick wäre er in der größten Verlegenheit gewesen, wenn er hätte sagen sollen wohin er selbst die Geliebte entführen könnte, obgleich ihm schon der Gedanke das Herz mit Seligkeit füllte.

»Sorgen Sie sich nicht,« beruhigte sie ihn aber – »ich habe Mittel genug zu unserer Flucht und auch ein Ziel – ich will zu meinem Vater zurück, der in Paris wohnt. Er allein kann und wird mich schützen, aber ich darf nicht allein in die Welt hinaus – ein armes schwaches Weib; ich brauche die Stütze eines starken Armes, und wenn Sie je der armen Clemence nur ein klein wenig gut gewesen sind,« setzte sie weich hinzu »oh so helfen Sie ihr zur Rettung aus diesem furchtbaren Elend –«

»Sagen Sie mir was ich thun soll,« rief der junge Maler, seiner Sinne kaum mehr mächtig bei den verführerischen Tönen, »was es auch ist – ich stehe Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten.«

»Ich wußte es,« erwiederte Clemence, indem sie seine Hand wieder ergriff und ihn mit einer Thräne im Auge ansah, »und Dank – tausend Dank dafür, lieber, theurer Freund. Aber nun auch rasch zur That,« setzte sie lebendiger hinzu – »denn alles Weitere besprechen wir unterwegs. Sind Sie zur Abreise gerüstet?«

»Jeden Augenblick.«

»Gut – heute Abend ist es nicht mehr möglich. Ich muß jetzt in das Kurhaus oder Reuhenfels würde mich vermissen und augenblicklich nach mir suchen. – Morgen früh um sechs Uhr geht ein Zug nach Bieberich ab – Reuhenfels steht nie vor sieben Uhr auf und weiß mich dann jedesmal beim Brunnentrinken. Er wird vor acht Uhr, wo ich gewöhnlich zum Frühstück zurück bin, keinen Verdacht schöpfen.«

»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«

»Das bespreche ich mit Ihnen morgen unterwegs – jetzt fort, daß um Gotteswillen Niemand Verdacht schöpft oder Alles ist verloren. Sie begleiten mich nur bis zur französischen Grenze, oder wenn Sie sich mir soweit opfern wollen, bis nach Paris in die Arme meines Vaters. – Und noch eins – besuchen Sie heute Abend das Kurhaus nicht – mein Mann hat Sie erkannt. – Nicht gleich als wir Ihnen begegneten, wenn ihm auch Ihr Gesicht bekannt vorkam, aber er besann sich oben im Zimmer darauf, und er schwur, daß er Sie das Bild wollte entgelten lassen.«

»Er weiß jetzt, wer es sein soll?« lächelte Trautenau.

»Mehr als das,« erwiderte Clemence, »er behauptete sogar, daß Sie nur in eifersüchtigem Neid eine solche unwürdige Rache an ihm genommen, und bedauerte, die Bosheit nicht früher entdeckt zu haben, um Sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Bah, was kann er thun?«

»Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und wollte sogar nach Ihrer Wohnung gehen, nach der er sich auf der Polizei erkundigte – aber glücklicher Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versäumt er nie. Morgen früh würde er aber jedenfalls hartnäckig die Verfolgung wieder aufnehmen, und er ist furchtbar in seiner Rache.«

»Ich fürchte ihn nicht, Clemence,« sagte Trautenau ruhig, »und wenn es nicht Ihretwegen wäre, möchte ich ihn wirklich lieber erwarten.«

»Und mich wollten Sie dadurch elend machen und zu Grunde richten?«

»Nein, Clemence – nein!« rief Trautenau rasch, »Sie haben mein Wort, und beim ewigen Gott, ich halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedürfen.«

»Sie sind ein edler, braver Mann,« sagte das junge schöne Weib gerührt und weich, – »ich vertraue Ihnen ganz – Sie werden mich nicht verlassen. Aber nun auch fort – ich habe schon zu lange gezögert, denn wenn Reuhenfels nur im Geringsten mißtrauisch werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen Sie, lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen früh, ehe der Zug abgeht, drei Billette nach Bieberich bereit – ich nehme meine Kammerfrau mit mir. Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind darin weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu finden.«

Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied, die er rasch an seine Lippen drückte – dann drängte sie ihn selber freundlich der Thür zu und Ernst fühlte, als er das Hôtel verließ, kaum den Boden unter seinen Füßen.

In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch dies erste Gefühl der Aufregung und des Entzückens einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er konnte sich nicht gut verhehlen, daß er im Begriff sei, einen nicht allein außergewöhnlichen, sondern auch ziemlich tollen Streich zu begehen. Er wollte eine Frau ihrem eigenen Manne entführen, und wenn er auch Muth genug besaß, die Rache des Betrogenen nicht zu fürchten, so konnte er doch auch nicht gut umhin, die möglichen Folgen eines solchen Schrittes zu überdenken.

Daß er Clemence noch immer mit derselben Gluth als früher liebe, das fühlte er jetzt klar und deutlich. Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten Jahren bekämpft zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und heute, wie er dem holden Wesen auf's Neue gegenüber stand und ihre Blicke so lieb und gut auf ihm hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen empor. – Aber sie war nicht mehr frei – sie war vermählt, und ließ es sich denken, daß der Major, durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekränkt und beleidigt, je selber und freiwillig das Band lösen würde, das sie an ihn fesselte – und was dann?

Daß er sich selber einen Hausstand gründen und eine Frau ernähren könne, wußte er; daß er an Clemence's Seite den Himmel auf Erden finden würde, davon fühlte er sich fest und innig überzeugt, und wenn sie auch in Glanz erzogen und dabei verwöhnt sein mochte, die Liebe zu ihm würde sie alles leicht überwinden lassen. – Und Clemences Vater? – Nur der Gedanke an diesen blieb ihm peinlich, denn sein Bankerott damals war, nach Allem, was er darüber von vorurtheilsfreien Männern gehört, eine zu offenkundige und freche Schwindelei gewesen, um sich darüber auch nur noch im Entferntesten einer Täuschung hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nähere Verwandschaft treten? – Aber was konnte Clemence dafür? Trug sie die Schuld des Verbrechens? wahrlich nicht, und von dem gestohlenen Gelde wollte und brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fühlte, frei und unabhängig von irgend Jemandem sich seinen Lebensunterhalt auch selber zu erwerben.

Aber was zerbrach er sich jetzt über alle diese Dinge den Kopf, wo es ja vor Allem galt, die Geliebte aus den Händen eines rohen und tyrannischen Gatten zu befreien. Alles Andere fand sich später von selber. Lieber Gott, er wollte sie ja nur glücklich wissen, und wenn er dann auch noch Jahrelang auf ihren Besitz harren, oder wenn es nicht anders möglich war, selbst die Heimath verlassen mußte, um in einem fernen Welttheil das Glück zu suchen, das ihm hier starre Formen und Gesetze verweigerten.

Während er sich so in Gedanken um das Wohl der Geliebten absorgte, schritt Clemence zu dem Kurhaus hinüber, aber nicht auf dem direkten Weg, sondern auf einer etwas weiteren Bahn. Sie war, von ihrer Kammerfrau begleitet, in voller Toilette, aber sie schien eilig, denn es dunkelte schon, und sie hatte nicht viel Zeit mehr zu versäumen. Eben schlugen drinnen in der Stadt die Uhren die für das Rendezvous bestimmte Stunde.

Armand war eben so pünktlich gewesen als sie. Um jedoch auf der noch immer sehr belebten Promenade keinen Verdacht zu erregen, grüßte er sehr förmlich und achtungsvoll, und schritt dann, während sich die Kammerfrau tactvoll einige Schritte zurückzog, neben ihr her.

»Glückliche Nachricht,« flüsterte er ihr, wie das unbeachtet geschehen konnte, zu, »eben habe ich einen Brief bekommen, daß übermorgen, vielleicht schon morgen Abend mein Schwager eintrifft, und nun, da die Zwischenzeit so kurz ist, haben wir auch keine Gefahr weiter zu fürchten. Benutze jetzt die erste Gelegenheit, Geliebte, und erwarte mich dann in St. Goarshausen im goldenen Roß. Hinterlaß' für Reuhenfels aber einen Brief, worin Du ihn auf eine falsche Fährte schickst, und überlaß mir das Weitere. Natürlich folgt er Dir augenblicklich, aber er muß durch die Nachforschungen, die er genöthigt ist anzustellen, aufgehalten werden und ich bin dann vielleicht schon den nächsten Tag bei Dir. Nie im Leben wird er auch daran denken, in einem so kleinen abgelegenen Nest nach Dir zu suchen und es bleibt uns dort Zeit und Muße genug, unsere weiteren Pläne zu besprechen.«

»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence rasch.

»Wen?« frug der junge Mann erstaunt.

»Einen alten Bekannten aus M–, einen braven jungen Künstler, der früher einmal für mich geschwärmt hat,« fuhr sie lächelnd fort. »Er ist treu und ehrlich und fühlt sich glücklich mir einen Dienst erweisen zu können.«

»Aber es ist jetzt kaum mehr nöthig,« meinte Armand, dem der Gedanke, einen früheren Anbeter mit seiner Geliebten reisen zu lassen, vielleicht nicht so ganz angenehm war.

»Aber auch unmöglich, es jetzt noch zu ändern,« erwiderte sie. »Er erwartet mich morgen früh um sechs Uhr am Bahnhof.«

»So früh willst Du fort?«

»Es ist die höchste Zeit, denn Reuhenfels hat mich heute Nachmittag aufgefordert, meine Koffer zu packen und jeden Augenblick zur Abreise bereit zu sein.«

»Dann kann es freilich Nichts mehr helfen. Dein Begleiter ist ein Deutscher?«

»Gewiß!«

»Und heißt?«

»Trautenau – ein Maler.«

»Derselbe, der Dein Bild gemalt, mit dem Major als Teufel auf dem Ofenschirm.«

»Derselbe.«

»Gut!« rief Armand lachend. »Wenn man das nur Deinem Gatten beibringen könnte –«

»Ich werde es ihm in dem Brief, den ich ihm zurücklasse, schreiben. Er hat Trautenau gestern selber gesehen und war schon früher eifersüchtig auf ihn.«

»Desto besser, dann folgt er jedenfalls einer ganz falschen Fährte und Richtung und wir sind vollkommen sicher.«

»Dort ist das Kurhaus – Du mußt mich jetzt verlassen! Reuhenfels wird schon zürnen, daß ich so lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.«

»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl und schlenderte dann langsam nach dem anderen Tisch hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt setze.«

»Also auf Wiedersehen, Armand – o wie mir das Herz klopft, wenn ich an die Zeit denke.«

»Und Du vergißt den Ort nicht?«

»St. Goarshausen – im goldenen Rosse.«

»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.«

»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus hüllend, eilte sie jetzt, so rasch sie konnte, dem ganz nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während ihr die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und dann umdrehte, um nach Hause zurückzukehren. Sie hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu besorgen.

Neuntes Kapitel.
Verfolgend und verfolgt.

Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment, als vor dem Kurhaus wieder (eine ganz merkwürdige Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes Gebäude) der Choral begann, läutete draußen am Bahnhof die Glocke, die Locomotive pfiff und in einem Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem schönen Strom hinab, der Freiheit entgegen.

Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett und schlief sanft, denn er war gestern sehr lange mit Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich. Es mochte halb acht Uhr sein, als er endlich aufstand, denn die in sein Zimmer fallenden Sonnenstrahlen genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte sich dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich damit zum Fenster hinaus, um die wundervolle Morgenluft zu genießen – aber er bekam Appetit nach dem Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo blieb nur Clemence heute?

Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte gestern Abend wieder ein paar hundert Thaler verloren und doch gerade auf Glück gehofft, auch schmeckte ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback heute Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich, daß die Frau noch nicht zurückkam, und klingelte nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem kleinen, aber freundlichen Gemach auf und ab, als sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke stehenden Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen Brief bemerkte. Er nahm ihn und las die Adresse, aber das Herz stand ihm still dabei, denn die Aufschrift lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt – Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem Major von Reuhenfels, und das war die Handschrift seiner Frau.

Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete Blatt auseinander und las, während seine Augen Feuer sprühten und seine Zähne sich fest zusammenbissen:

»Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände fallen, bin ich frei von einer verhaßten und unerträglich gewordenen Verbindung. Versuchen Sie nicht, mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in erster Liebe schlug – ich werde nie wieder von seiner Seite weichen. Meine Mutter wird das Geschäftliche mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich in unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie wohl.

Clemence Joulard.«

Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor Wuth und Schreck und Staunen über das noch Unbegreifliche – aber das dauerte nicht lange. Er war wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig und geduldig über sich ergehen zu lassen, und wie er nur erst wieder denken und überlegen konnte, fuhr er auch wild und entschlossen empor.

»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er höhnisch vor sich hin – »hoho Madame. Sie haben sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie mir entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt war es von Ihnen gehandelt, mir den Schurken zu bezeichnen, der es gewagt hat, in meine Rechte einzugreifen. Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen Farbenschmierer der – aber alle Teufel!« unterbrach er sich plötzlich rasch, indem ein neuer Gedanke sein Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? – Sie ist bei Gott schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.« –

Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene Pfeife in die Ecke und beendete in Hast seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem Stubenmädchen, um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf ihrem Zimmer wäre. Das Mädchen kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei heute Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof gefahren und noch nicht zurückgekehrt.

»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den Zähnen durch und war wenige Minuten später zum Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte er hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen Zimmer er ohne Weiteres hinaufsprang.

Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. Die Thür war verschlossen und fast zitternd vor Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.

»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?« rief er hier mit heiserer Stimme.

»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche Portier. »Monsieur kamen etwas spät nach Haus und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel ist wenigstens nicht unten.«

»Ich habe an der Thür gepocht; es hat mir Niemand geantwortet.«

»Monsieur hätten ein wenig stärker pochen sollen.«

»Er ist nicht oben.«

»Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich müßte ja doch sonst den Schlüssel hier haben, wenn der Herr ausgegangen wäre.«

Beide stürzten wieder die Treppe hinauf und wiederholten ihr Pochen, als von drinnen eine Stimme antwortete:

»Wer ist da?«

»Machen Sie auf, Armand.«

»Es ist nicht verschlossen – kommen Sie doch herein.«

Reuhenfels drückte auf die Klinke; die Thür öffnete sich in der That und der Major fand den jungen Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst aus festem Schlaf erwacht.

Der Portier zog sich mit einem Lächeln, das etwa sagen sollte: »Sehen Sie wohl, daß ich Recht gehabt?« zurück und Reuhenfels betrat das Zimmer, in welchem die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich aber jetzt wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen frühen Besuch entschuldigen sollte, denn was vorgefallen, mochte er gerade diesem Mann nicht eingestehen.

»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem Bett emporrichtend, »was zum Henker führt Sie denn mit Tagesgrauen zu mir?«

»Tagesgrauen – es ist fast neun Uhr.«

»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, aber das letzte Glas Grog, das wir gestern Abend zusammen tranken, hat mir den Rest gegeben. Und womit kann ich dienen?«

»Ich – wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden einen deutschen Maler Namens Trautenau kennen.«

»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich heute in aller Frühe ein Bild bei ihm bestellen?«

»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels, und er mußte sich in der That Mühe geben, die furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand, zu verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie gestört habe, aber da ich gerade hier vorbei ging, fiel es mir ein, Sie zu fragen.«

»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer warten,« sagte Armand, »so komme ich hinunter und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in unglaublich kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn ich habe Ihrer Frau Gemahlin gestern Abend versprochen, ihr heute Morgen eine Photographie von Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.«

»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz, »meine Frau ist – überdies wieder mit einer Freundin spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt nicht einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« – und ohne sich in eine weitere Unterhandlung einzulassen, eilte er rasch nach Hause, raffte, was er zu einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte seine Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er ging auf den Bahnhof hinaus, um dort nur eine Spur von der Flüchtigen zu bekommen.

Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen einzuziehen, denn die eine Bahn führte nur nach Bieberich, von wo dann zwei verschiedene Geleise – eines stromauf, eines stromab – auszweigten. Wie aber sollte er sich dort, in dem Gewirr von Fremden, nach der Flüchtigen erkundigen – von wem sollte er Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter nach Mainz und Frankfurt kannte er freilich und dort war Hoffnung, denn dieser kannte auch seine Frau und konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich deshalb auch gar nicht in Wiesbaden selber mit Fragen auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich abgehenden Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich zu erreichen. Der kleine Handkoffer, den er bei sich führte, enthielt auch ein paar vortreffliche Duell-Pistolen und er war fest entschlossen, Gebrauch von ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen mochte. Hegte er ja doch jetzt einen doppelten Haß gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich nicht entgehen.

In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich an die Casse und seine erste Frage war:

»Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?«

»Jawohl, Herr zu Berg,« sagte der alte Mann freundlich. »Frau Gemahlin waren da, – drei Billette genommen, glaub' ich – zwei oder drei: ich weiß es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber Gott, das ist jeden Morgen solch ein Gedränge – waren aber selber an der Casse.«

»Und wer war bei ihr?«

»Bin ich nicht im Stande zu sagen,« erwiederte der Mann achselzuckend; »das wimmelte nur so heute Morgen, aber die gnädige Frau erkannte ich den Augenblick wieder.«

»Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat einschreiben lassen?«

»Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? – nach Mainz nahm sie Billette. Ich weiß es noch genau, ich mußte ihr einen Napoleonsd'or wechseln.«

»Ich danke Ihnen, – ja wir hatten uns verabredet, eine Vergnügungstour zu machen. Wann geht der Zug nach Mainz ab?«

»Wird kaum noch zehn Minuten dauern, – sobald der nach Coblenz gehende hereinkommt, und signalisirt ist er schon.«

»Gut, – bitte um ein Billet zweiter Classe Mainz.«

Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen, bis die Abfahrt des Zuges angezeigt werden würde, mit verschränkten Armen und ganz seinen düsteren Gedanken nachhängend, auf dem Perron auf und ab, als er plötzlich seinen Namen hörte.

»Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen? Ja, die Saison geht jetzt zur Neige und da ziehen unsere Schwalben wieder fort!«

Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn von Plauen, dessen flüchtige Bekanntschaft er in Wiesbaden gemacht und der auf ihn zukam und ihm die Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in der Stimmung, sich mit irgend einem Fremden zu unterhalten, mochte aber auch nicht unhöflich sein und sagte nur ausweichend:

»Ja – aber nicht ganz – nur eine kleine Vergnügungstour.«

»Aha, mit Frau Gemahlin,« meinte der andere Herr, »habe sie heute Morgen schon gesehen.«

Reuhenfels biß sich auf die Lippen, aber er durfte den Fremden den wahren Stand der Sache nicht ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgültig, als es ihm irgend möglich war:

»Ja – wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz vorausgefahren.«

»Nach Mainz? – ih bewahre,« rief Herr von Plauen, »sie saß ja im Coblenzer Zug.«

»Im Coblenzer Zug?« fragte Reuhenfels bestürzt, »das ist ja gar nicht möglich. Sie hat Billete nach Mainz genommen.«

»Dann ist sie in den falschen Zug gerathen,« sagte Herr von Plauen, »aber ich weiß es zu gewiß, denn in dem nämlichen Coupée in welchem sie mit einem Herrn und noch einer Dame saß, befand sich auch eine mir befreundete Familie, der Assessor Hörich mit seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar Secunden vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon reichte.«

»Und meine Frau war darin?«

»Gewiß! Ich bin der gnädigen Frau zwar nie vorgestellt worden, und ich weiß nicht einmal, ob sie mich kennt – bezweifle es sogar, aber die Dame ist nicht zu verkennen. Sie macht durch ihre Schönheit ja überall Aufsehen. Sie sah wieder reizend heute Morgen aus.«

»Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren sein kann?«

»Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es giebt zahllose Zwischenstationen – aber sie wird jedenfalls auf dem ersten Halteplatz wieder ausgestiegen sein, sobald sie nur merkt, daß sie in den falschen Zug gerathen ist.«

»Jedenfalls – jedenfalls« sagte Reuhenfels zerstreut – »aber – was ich Sie gleich noch fragen wollte – Passagiere für eine bestimmte Station werden gewöhnlich zusammen in ein Coupée gethan. Wohin fuhr jener Herr – der Assessor sagten Sie, glaub' ich – heute Morgen?«

»Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St. Goarshausen. Sie haben dort Verwandte, die sie erst auf einen Tag besuchen wollen.«

»So? ich danke Ihnen. Merkwürdig!«

»Ach solche Verwechselungen sind schon häufig vorgefallen,« meinte Herr von Plauen, der den Ausruf ganz anders verstand, »und auf unseren Rheinischen Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen zu viele Züge, mit denen man sich immer rasch wieder helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten, kommt sie jedenfalls mit dem nächsten Zug wieder zurück.«

»Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet sich sonst am Ende nicht zurecht.«

»Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen, sie haben ein merkwürdiges Geschick darin, sich irgendwo festzufahren. Es war ganz das nämliche im vorigen Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour nach –«

»Sie entschuldigen mich,« sagte Reuhenfels – »da kommt schon der Zug nach Coblenz und ich muß mir erst noch ein Billet lösen.«

»Oh Sie haben überflüssig Zeit,« war die Antwort – »jetzt wird erst der Zug nach Mainz expedirt und der Coblenzer hält wenigstens zehn Minuten an.«

»Ich will mich doch fertig machen, denn ich muß auch erst mein Gepäck hier unterbringen. – Guten Morgen lieber Plauen; herzlichen Dank für die Nachricht.«

»Bitte – bitte – sehr gern geschehen. Freut mich nur der gnädigen Frau wegen, daß ich Sie hier getroffen habe. Bitte mich gehorsamst zu empfehlen.«

Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu und eilte dann rasch an die Casse, um dort ein Billet für St. Goarshausen zu lösen. Hatte sich der alte Cassirer für den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb sich jetzt gleich – an einen Irrthum seiner Frau glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war jetzt nur, die Flüchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen oder in St. Goarshausen zu erfragen.

Reuhenfels hatte übrigens an dem Morgen kaum mit dem Zug Wiesbaden verlassen, als drei sehr anständig gekleidete Herren in Civil, mit einem etwas militairischen Anstrich, unten im Hôtel Kompelt nach ihm frugen, und von dem Kellner bedeutet wurden, daß der Herr Baron heute Morgen einen Ausflug – aller Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe.

»Und glauben Sie, daß er heute Abend zurückkehren wird?«

Der Oberkellner zuckte die Achseln.

»Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da,« sagte er, »aber die gnädige Frau hat ihren Koffer und anderes Handgepäck schon vor Sonnenaufgang hinunterschaffen lassen, was allerdings auf einen längeren Ausflug deutet.«

»Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?«

»Sehr unbedeutend – die Herrschaften zahlen hier im Hôtel immer jede Woche ihre Rechnungen, und der Herr Baron hat die seinige erst gestern berichtigt. Uebrigens kommt er jedenfalls zurück, denn er hat noch eine Menge von Sachen oben.«

Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, sondern schritten zusammen auf den Platz hinaus, unterhielten sich aber dabei sehr angelegentlich in französischer Sprache miteinander.

»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als sie sich außer Hörweite des Kellners wußten – »daß wir auch nicht ein paar Stunden früher hier eintreffen konnten. Was nun?«

»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei brauchen wir aber nichts zu beeilen,« meinte der Andere, »denn der nächste Zug geht erst in zwei Stunden. Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine Sachen stehn, und es wäre der Mühe werth, die indessen zu untersuchen. Vor allen Dingen müssen wir nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren – vielleicht erhalten wir eine günstige Rückantwort, und dann visitiren wir das Nest da oben.«

Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter den grünen Vorhängen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:

»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol mich Dieser und Jener, Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime französische Agent, der sich hier immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als ob er sich um keinen Menschen auf Gottes Welt bekümmerte – und ob der Halunke nicht Alles weiß was vorgeht – Einer mußte ein Fremder sein, aber der dritte war ja unser liebenswürdiger Meier – die rechte Hand vom Polizeidirector. Sollten die denn hinter dem Baron her sein? – wäre nicht übel, so ein vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben könnte, aber weiß der Henker wo der jetzt steckt. – Oder hat er vielleicht gar selber Wind bekommen? – Na dann können sie schnüffeln, denn der ist von klein auf in der Welt gewesen und weiß Bescheid.« – Und mit diesen Gedanken ging er, sich wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche Morgenbeschäftigung – d. h. er setzte sich vor das große Hauptbuch und kratzte sich hinter den Ohren.

Zehntes Kapitel.
Die Entführung.

So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten verließ, so daß sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte, so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher. Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche Vorsicht, und da sie recht gut wußte, daß man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen nahm. Die List wäre auch vollständig geglückt, wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen hätte, der ihn freilich, ohne es zu wissen, auf die rechte Fährte setzte.

Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich große Dorf St. Goarshausen, einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.

Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn sogar, als sie sich flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer Athem an. Er hörte auch kaum was sie sprach; es war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das Alles enden würde! Wie hätte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die Zukunft denken mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden, was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal in St. Goarshausen, einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf den größeren Stationen, und hatte auch wohl Freunde veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er sowohl den Norden als Süden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal ein paar Tage vergangen, so mußte er sie natürlich fern glauben, und dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die französische Grenze zu erreichen.

Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, denn sie beorderte augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Träger, um ihre Sachen in das goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand, sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in früherer Zeit – gerade dem Gemeindehaus gegenüber, den behäbigen Bewohnern des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung genommen und von verwöhnten Fremden weit größere Ansprüche gemacht wurden, hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen Namen, unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur noch die alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein Dorn im Auge waren, und die ungestört von ausländischem »Kauderwälsch« einen »guten« Schoppen trinken wollten.

Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen zeigten, hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort leben können.

Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette, ihre Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mädchen – denn einen Kellner schien es im goldenen Roß gar nicht zu geben – ihnen das Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten.

Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er hätte so gerne einmal eine Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt – so Vieles war es ja, was sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich sie, für jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber entschuldigte sie aber darin – es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie sich anders gezeigt – unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser Situation doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, wo sie eine Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber nachzudenken, würde das anders – besser werden, und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich selber zu überlassen.

Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles Nöthige so leicht und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. Das Frühstück verlief ziemlich ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten, wie aber sollte er dort dem Mann, den er überdieß nicht achten konnte, als Entführer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schönen Züge der verführerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen begegnete, vergaß er alles Andere – vergaß er sich selbst. Aber als er wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge – und noch viele andere – wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so leicht abschütteln konnte.

Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung zwingen, wie er Clemence zum ersten Mal in Wiesbaden gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle, den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter ihrem Stuhl. – Er konnte den Blick nicht vergessen, den sie ihm einmal – gerade als sein Auge zufällig auf ihr haftete, zugeworfen – aber wenn ihr Mann sie nun gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und es gab eigentlich nichts Natürlicheres, denn er konnte die junge Frau in einem solchen Badeort doch nicht den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. – Aber der Blick – dieser eine Blick. – Doch wie ungerecht war sein Verdacht, denn wenn sie zu jenem auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung stand, so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen Beistand bei ihrer Flucht gebeten, und sich nicht an den vollkommen Fremden gewandt. – Fremden? – nein, sie hielt ihn nicht für fremd – sie wußte ja ihren eigenen lieben Worten nach – wie lange er sie schon im Herzen getragen, und da sie das wußte und gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch auch ein klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan haben. Wie gern hätte er sich auch mit ihr ausgesprochen; aber die verwünschte Kammerzofe ging ihr nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes kokettes Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der That, mit einem kleinen kecken Stumpfnäschen und großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie auch eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer so viel und geheimnißvoll mit Clemence? – Die Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer Vertrauten gemacht? – es war ihm das ein peinlicher Gedanke. Aber er sah auch recht gut ein, daß sie eine weibliche Begleitung haben mußte und für die kurze Zeit mochte es denn ja auch gehen.

Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch recht altväterlich gebauten Hause wurde ihm zuletzt drückend, und er beschloß, einen Spaziergang nach der Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er Clemence um ihre Begleitung gebeten; aber er wagte es nicht. Es war heute der erste Tag, und er mußte ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen. Sie blieben ja auch jedenfalls morgen noch hier, und dann erfüllte sie gewiß seinen Wunsch. Dann konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm auf dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß das erst morgen geschah; er fühlte sich dann auch selber mehr mit sich im Reinen. Der morgende Tag sollte deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch wirklich.

Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, der hinauf zu der alten prachtvollen Ruine führte – aber er traf zu viel Menschen unterwegs – Kinder aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den Wundern des Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen Wein dazu zu trinken. Er fühlte sich heute wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren und schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen Platz suchte, auf dem er ungestört ausruhen und mit dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich das prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte.

So lag er lange und träumend dicht versteckt im Gehölz, und wenn manchmal einzelne Gruppen von Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden Pfad stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so konnte er deutlich hören, was sie mit einander sprachen, ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber was interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute sprachen sich mit schaalen Phrasen über die Schönheit der Gegend aus oder zeigten sich von da oben aus die Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten sie auch von der Eisenbahn, daß der letzte, von Mainz kommende Zug entgleist und dicht vor Rüdesheim liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft wäre und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei würde – dann gingen sie weiter und bedauerten noch dabei, daß sie nun wahrscheinlich das »Frankfurter Journal« nicht erhielten.

Der Zug entgleist? – aber was kümmerte ihn das? Es konnte höchstens nur zu ihren Gunsten sein, da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch jedenfalls erschwert wurde. – Aber die Zeit verging, er wußte gar nicht wie lange er schon gelegen und die Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er denn auch seine Schützlinge so lang allein lassen? Konnte er wissen, was indessen da unten vorfiel? Wenn nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang, erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er konnte, in die Stadt zurück, um sich wenigstens darüber erst einmal zu beruhigen. Aber die Befürchtung war glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort Alles noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, daß die Damen, wie es schien, mit dem Essen auf ihn gewartet hatten.

»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die ihm auf der Treppe begegnete – »wo bleiben Sie so lange? Wir haben gewartet und gewartet und Monsieur vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der Stadt dinirt. Wir sind so hungrig, daß wir es kaum noch aushalten können.«

»Das bedaure ich in der That unendlich« rief Trautenau bestürzt, aber doch auch im Stillen erfreut, daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine Stunde früher gekommen. Haben Sie das Essen schon bestellt?«

»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu bringen, sowie wir die Nachricht Ihrer Ankunft erhielten. Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie nur hinauf zur gnädigen Frau.«

Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er mußte doch erst hinüber in sein Zimmer, um sich von der Hitze und dem Staub seines langen Spazierganges zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette schon wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen aus dem Wirthshaus eben emsig beschäftigt die bestellten Speisen aufzutragen. Wie er sich aber nun gegen Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen wollte, unterbrach sie ihn freundlich und lächelte:

»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, lieber Trautenau, wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt haben. Wir haben hier Nichts zu versäumen und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier am offenen Fenster ein paar Stunden zu plaudern, oder vielleicht auch einen kleinen Spaziergang im Mondenschein am Rhein zu machen. – Aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«

Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte Clemence noch nie zu ihm gesprochen, selbst nicht als sie ihn um seine Hülfe bat – aber die Kammerjungfer war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet; in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn sie sich auch hie und da im Zimmer zu thun machte, wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht erhielt er aber am Abend bei dem versprochenen Spaziergang Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich sie ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein paar höflichen Worten erwidernd, setzte er sich mit den Damen zu Tisch.

Es war in der That spät geworden und die Sonne selbst schon untergegangen. Trautenau mußte aber während des Essens von seinem Spaziergang erzählen und that das in so lebendiger Weise, daß Clemence ihm gespannt und aufmerksam lauschte.

Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich zwei Mal an die Thür und Jeannette fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor – Niemand antwortete – noch einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den augenscheinlichen Schrecken auch in Clemencens Zügen nicht erklären konnte, ärgerlich über die Störung »Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die Thür und in dem Dämmerlicht des Abends erkannte die kleine Gesellschaft den Major, der höhnisch lächelnd, mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit den Augen überflog.

»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner trockenen, aber unheimlich klingenden Stimme, denn die erregte Leidenschaft lauerte dahinter – »sollte mir wirklich leid thun Madame – et Monsieur aussi – da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich bei einander.«

»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der entsetzt von seinem Stuhl aufgesprungen war.

»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf ihren Stuhl zurückgesunken. Selbst Jeannette wechselte die Farbe, obgleich sie für sich selber wenig oder nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber an dem Schrecken, den seine Erscheinung unter den Flüchtigen verbreitete, mit fast teuflischer Schadenfreude zu weiden und selbst in der Ueberraschung des Augenblicks drängte sich Trautenau der Gedanke auf, daß der Major noch nie im Leben dem Bilde, das er an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen wäre, wie in diesem Augenblick.

Aber die Stille dauerte nicht lange. Haß und Rache, die in des betrogenen Gatten Augen blitzten, mußten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor Wuth heiserer Stimme sagte er endlich:

»Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame, und mein Verdacht, den ich als gutmüthiger Thor selber einzuschläfern suchte, war doch begründet? Aber Sie sollen diesen nichtswürdigen Undank bereuen – bitter bereuen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, und daß ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte ich denken – gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der Sie es gewagt haben, in das Heiligthum einer glücklichen Ehe die frevle Hand zu stecken. Ich weiß nicht, ob Sie ein Mann von Ehre sind – was ich bis jetzt davon gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafür – wenn dem so ist, so folgen Sie mir in ein anderes Zimmer, daß wir das Nöthige dort besprechen können.«

»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major,« rief Trautenau, dessen Antlitz bei den beleidigenden Worten alles Blut verlassen hatte – »wo und wann Sie wollen und werde Ihnen beweisen, daß Sie gerade der Letzte sein dürfen, einen rechtschaffenen Mann an seine Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube ich, werden wohl fortan unnöthig sein.«

»Ich glaube es auch,« zischte der Major in Haß und Bosheit, denn die Anspielung des jungen Mannes auf sein vergangenes Leben war zu deutlich gewesen um sie mißzuverstehen. »Folgen Sie mir, und Sie, Madame, werden dies Zimmer nicht verlassen, bis ich zurückkehre, um Ihnen meine weiteren Befehle kund zu thun.«

»Mein Herr!« rief jetzt Clemence erzürnt von ihrem Stuhl emporfahrend – Reuhenfels würdigte sie aber keines weiteren Blicks. »Ich weiß, daß Sie gehorchen werden,« sagte er tückisch und verließ das Zimmer, während Trautenau seinen Hut ergriff, um ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort des Abschieds konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt und zitternd vor Aufregung schritt er auf sie zu und ergriff ihre Hand.

»Fürchten Sie Nichts, Clemence,« sagte er leise und rasch – »so lange ich lebe haben Sie einen Freund, der Sie nicht verlassen soll.«

»Er wird Sie tödten,« hauchte Clemence – »er trifft mit der Pistole eine Schwalbe im Flug.«

»Ich selber bin nicht ungeübt darin,« erwiederte Trautenau trotzig, »ich schieße rasch und sicher. Noch ist es möglich, Ihnen Ihre volle Freiheit wieder zu geben.«

»Und für mich wollen Sie in den Tod gehen,« bat das junge schöne Weib, jetzt wirklich furchtbar ergriffen, »ach, ich habe es nicht um Sie verdient!« und Thränen glänzten dabei in ihren Augen.

»Jetzt komme was da wolle!« rief Trautenau jubelnd aus, denn diese Thränen waren ihm der erste Beweis ihrer Liebe – »Du weinst um mich, Clemence, und so möcht' ich sterben. Aber es lebt ein Gott! er wird mir nicht die höchste Seligkeit des Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von der Erde zu nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes Wiedersehen.« – Sie stürmisch in die Arme pressend, drückte er den ersten Kuß auf ihre Lippen, und wie er jetzt zur Thür hinauseilte, wäre er dem Bajonnetangriff eines ganzen Bataillons mit nackter Brust jauchzend entgegen gerannt.

Draußen empfing ihn der Major mit eisiger Kälte.

»Ist es gefällig?« sagte er, und öffnete eine Thür, die in einen jetzt leer stehenden düsteren Saal hineinführte. »Es ist allerdings schon etwas dunkel, aber zu dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein Licht.«

Trautenau folgte ihm, und die Thür hinter sich zudrückend, fuhr der Major mit halblauter und jetzt vollkommen leidenschaftloser Stimme fort:

»Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt, denn von dem Moment an, wo ich entdeckte, welchen frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich es mir zu, daß unser erstes Begegnen auch unser letztes sein sollte. In Wiesbaden entschlüpften Sie mir freilich. – Sie wissen selber am Besten wie, jetzt hoffe ich aber, daß wir unser Geschäft mit einander erledigen, ehe wir uns trennen, denn ich möchte Ihnen doch gern eine Erläuterung dazu geben, was es heißt, »den Teufel an die Wand malen.«

»Ich sehe dieser Erläuterung mit großer Ruhe entgegen, Herr Major,« erwiderte Trautenau kalt. »Ich werde Ihnen dann auch beweisen können, daß ich Ihnen in Wiesbaden nicht »entschlüpft« bin, wie Sie sich auszudrücken belieben, sondern nur, um eine Frau von der teuflischen Tyrannei –«

»Halten Sie ein, mein Herr,« unterbrach ihn gebieterisch der Major, »wir wollen nicht mit Worten, sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es freilich dafür zu dunkel – ich konnte leider nicht früher eintreffen, da der Zug entgleiste und ich das nächste Dampfboot benutzen mußte, um heute Abend noch den Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen früh neun Uhr von hier wieder stromauf gehen kann, bleibt es sich gleich, und wir können das Tageslicht abwarten, um unsern – wie ich jetzt vermuthen muß – beiderseitigen Wunsch zu erfüllen. Sind Sie am anderen Ufer bekannt?«

»So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen längere Zeit dort. Aber weshalb?«

»Weil ich auf nassauisches Gebiet zurückkehren muß, möchte ich unser Geschäft im Preußischen erledigt sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an der Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner offener Platz.«

»Ich erinnere mich.«

»Gut – sein Sie dort morgen früh eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, Waffen bringe ich mit. Haben Sie einen Secundanten?«

»Nein – ich kenne Niemanden hier.«

»Ich habe viele Officiere heute Abend in St. Goarshausen gesehen. Sie werden leicht einen der Herrn dazu bewegen können.«

»Ich denke ja.«

»Gut – weiteres ist nicht nöthig. Es bleibt Ihnen der ganze Abend dazu, da Ihre weitere Anwesenheit im Hôtel,« setzte er höhnisch hinzu, »doch nicht mehr verlangt wird. Für Madame werde ich selber sorgen. Sie kommen gewiß?«

»Schon die Frage ist eine unwürdige Beleidigung,« sagte Trautenau finster, »ich hoffe der Erste auf dem Platz zu sein.«

»Gut, mein Herr Maler,« erwiderte Reuhenfels sarkastisch, »ich werde Sie nicht lange warten lassen.«

Elftes Capitel.
Die Entscheidung.

Trautenau verließ das Hôtel, um an den Rhein hinab zu gehen. Wenn er aber auch sonst friedlicher, fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschießen nur als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der er nie im Leben einen ernstlichen Gebrauch erwartete, so konnte er jetzt kaum den anderen Morgen erwarten, wo er Dem gegenüberstehen sollte, den er nun als seinen ärgsten Feind kannte und haßte. Clemencens Kuß brannte ihm ja noch auf den Lippen, und er fühlte, daß Einer von ihnen Beiden – Reuhenfels oder er, die Erde räumen müsse – es war nicht Platz darauf für Beide.

Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein hinab, und es dauerte nicht lange bis er zwei nassauische Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen vortrug. Er war vollkommen fremd hier und hatte morgen früh, zum Schutz einer Dame, eine Ehrensache auszumachen – ob ihn Einer der beiden Herren dabei unterstützen wolle?

»Wie ist Ihr Name?« frug der Eine der Officiere.

»Trautenau – ich bin Maler, und nur zum Besuch an den Rhein gekommen.«

»Und wo ist das Rendezvous?«

»Dort drüben gleich hinter der Ruine; ich werde hier morgen früh etwas vor Sonnenaufgang ein Boot bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang an Ort und Stelle sein müssen.«

»Ich werde Sie begleiten,« lautete die Antwort – »mein Name ist von Klingen – haben Sie Waffen?«

»Mein Gegner wollte sie besorgen.«

»Pistolen oder Säbel?«

»Pistolen.«

»Gut – ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen mitbringen, die Herren können dann wählen – aber dann muß ich gleich nach Hause, um Alles in Stand zu setzen.«

Die jungen Leute drückten sich die Hand und Trautenau wanderte noch schweigend und seinen Gedanken nachhängend in die Nacht hinaus.

Er dachte an Frank und was der zu dem Allen sagen würde, wenn er es erfuhr. Der hatte ihn wohl genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln, als er es gethan? und würde sich Frank, an seiner Stelle, nicht genau so benommen haben? Arme Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend für ihr ganzes Leben? Doch ihr Schicksal lag ja in Gottes Hand, und dem wollte er vertrauen, daß er noch Alles zum Besten führe. Wozu sich jetzt auch unnöthige Sorgen machen, die ihn nur weich stimmten und entmannten. Mit kaltem, ruhigen Blut mußte er an die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu siegen.

Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf und in seinen Kleidern. Einen Schiffer hatte er sich noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls pünktlich ein, und schon näherten sie sich dem anderen Ufer, als die ersten Strahlen der Morgensonne die höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie durften sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und auch noch vor dem Gegenpart das Rendezvous erreichen würden, denn daß dieser schon vor ihnen aufgebrochen sei, ließ sich nicht gut denken.

Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön und klar, und der Thau blitzte von allen Zweigen und Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn er ging einen ernsten, schweren Weg, und wer wußte denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken auf diese Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet oder todt wieder zurück zum Ufer trugen. – Doch gewaltsam schüttelte er alle diese Gedanken ab – er durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger Wunsch war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu finden, um – was sie zu erledigen hatten, so rasch als möglich abzumachen.

Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch leer: nur die Vögel zwitscherten in den benachbarten Büschen und ein Zug Krähen strich krächzend von dem einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu.

»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er den Platz überschaute.

»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten haben,« erwiederte Trautenau, »er versprach, pünktlich auf dem Platz zu sein.«

»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer Zeit, aber desto besser; es ist immer ein unangenehmes Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu finden.«

Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und schritt, die Arme verschränkt, auf dem kleinen offenen Raum auf und ab, – aber Reuhenfels ließ lange auf sich warten, – höher und höher stieg die Sonne, und als der Secundant wieder und wieder auf seine Uhr sah, rief er endlich aus:

»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens schon drei Viertel Stunden hinter seiner Zeit. Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?«

»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu zweifeln, und begreife es selber nicht. Ob er am Ende kein Boot bekommen hat?«

»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte. Zwischen den beiden Orten wechseln ja die Boote fortwährend herüber und hinüber. Das kann ihn nicht zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen bestimmt?«

»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.«

»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. Wir wollen noch eine halbe Stunde warten, dann sind wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären jetzt schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.«

»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau, und wieder schritten die beiden Männer eine Zeitlang schweigend auf und ab, aber es erschien Niemand, ja noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar lautes Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft von Reisenden, die auf die Ruine gestiegen waren und jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der Nachbarschaft machen wollten.

»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier, indem er seinen kleinen Pistolenkasten unter den Arm nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre übernommene Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und jedem Gesetz der Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist – aus welchem Grunde auch immer – ausgeblieben. Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken, denn ich fange an hungrig zu werden.«

Zwischen den Büschen wurden in der That schon die hellen Gestalten der Spaziergänger sichtbar; sie durften hier gar nicht länger bleiben, wenn sie nicht auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an seines Begleiters Seite um die Ruine herum, damit sie den Fremden nicht mit dem Pistolenkasten in den Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten haben konnte; denn wie auch immer sein Charakter sein mochte, für feige hielt er ihn nimmermehr.

Unten in St. Goar angelangt, bestellten sie rasch ein Boot und setzten sich indessen in eines der nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld gepeinigt, wäre allerdings am liebsten gleich nach St. Goarshausen zurückgekehrt, aber der Officier ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit, noch eine Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der ihm geleisteten nicht versagen.

Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder über den Strom hinüber, ihrem Ziel entgegen, und Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße trugen, in das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines Wortbruchs wegen zur Rede zu stellen.

Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere Scene zugetragen, die allerdings das Ausbleiben des Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen persönlichen Muth betraf, vollkommen entschuldigte.

Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag aufgestanden und fertig zum Aufbruch, sah seine Pistolen noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in die Tasche schieben konnte, aus einem größeren, und hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch liegen, damit er den richtigen Moment nicht versäume.

Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte die Stiefeln der verschiedenen Gäste, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Fremder – zu so früher Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.

»Sagen Sie mir, lieber Freund,« redete er den Hausknecht an, »ist gestern Abend oder in der Nacht, wohl noch ein Fremder hier im goldenen Roß angekommen, der zu einem paar Damen gehört?«

»Heute Nacht nicht, aber gestern Abend,« sagte der Mann – »No. 11«.

»In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen darf?«

»Na, wie soll er aussehn – wie andere Fremde auch.«

»Trägt er einen Bart?«

»Ja, einen Backenbart glaub' ich – ein Bischen breit.«

»Aber keinen Schnurrbart?«

»Ich glaube nicht, aber da müssen Sie seinen Barbier fragen.«

Der Fremde drückte dem Hausknecht ein Guldenstück in die Hand, was dieser mit äußerstem Erstaunen betrachtete.

»Hollo?« rief er, »so früh Morgens? – der Tag fängt gut an.«

»Es war noch ein anderer Herr bei den Damen, wie?« frug der Fremde weiter.

Der Hausknecht nickte – »Ja und die Beiden haben sich mit einander gezankt,« erzählte er, denn der Gulden hatte ihn gesprächig gemacht, – »sie waren zusammen im großen Saal allein, und wie ich den fremden Herrn heute Morgen weckte, und ihm Licht ansteckte, hatte er einen offenen Pistolenkasten vor seinem Bett auf dem Stuhl stehen!«

»So? – das war der Letztgekommene?«

»Ja.«

»Und ist er noch auf seinem Zimmer?«

»Gewiß, aber lange wird er nicht mehr bleiben, denn sonst hätte ich ihn nicht vor Tag zu wecken brauchen.«

»Da kommt Jemand die Treppe herunter.«

Der Hausknecht sah hinauf, schüttelte aber mit dem Kopf, – »ne, das ist der Andere.«

Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers zurück, bis Trautenau das Haus verlassen hatte; dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und blieb dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er leise auf einem kleinen Instrument und es dauerte nicht lange, so traten auch vier andere Männer in die Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei trug.

»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der Fremde jetzt, zu diesem gewandt, »denn was ich eben von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen Zweifel. Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.«

»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete der Polizeibeamte, – »kennen Sie ihn persönlich?«

»Allerdings, – Herr von Reuhenfels, der sich in Wiesbaden »zu Berg« nannte, ist eine zu allbekannte Persönlichkeit, und war jeden Abend in der Spielbank zu treffen – ebenso wie seine schöne Frau.«

»Und was wird mit der Dame?«

»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir werden sie nicht belästigen.«

Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.

»Das ist auf No. 11,« rief der Hausknecht, – »ich soll ihm den Kasten hinunter zum Wasser tragen.«

»Gut – gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte. »Wir sind hier um den Herrn zu verhaften. – Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie verpflichtet, uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?«

»Ja wohl – gewiß.«

»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten Sie in die schlimmste Lage kommen, lieber Freund.«

»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht; der Herr da oben schien aber ungeduldig, denn eben klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker als vorher.

»Ja, ja, komme schon,« knurrte der Hausknecht, in eben nicht besonderer Laune, »na ja,« murmelte er dabei – »hier unten einen Gulden gekriegt und da oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.« – Als guter Deutscher hatte er aber viel zu großen Respect vor der Polizei, um irgend einen anderen Gedanken, als den unbedingten Gehorsams zu hegen. Was ging ihn auch der Fremde auf No. 11 an, daß er sich seinetwegen hätte in böse Händel verwickeln lassen. Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das Zimmer und ließ die Thür angelehnt.

»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm einmal den Kasten und komme mit mir zum Flußufer hinunter. Ist der andere Herr schon fort?«

»Oh wohl schon vor zehn Minuten.«

»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr zu versäumen – komm rasch.«

»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen müssen, Herr Major von Reuhenfels,« sagte in diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des französischen Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels erinnerte oft in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er auch wohl nie eine Ahnung von seiner Function hatte. Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen Raum, während sich der Hausknecht vor das Fenster zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus zu verhindern.