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Kreuz und Quer, Erster Band / Neue gesammelte Erzählungen cover

Kreuz und Quer, Erster Band / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 8: Fünftes Capitel. Zerronnen.
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About This Book

A collection of short narratives presenting vignettes of varied places and incidents. Pieces open with a young painter who draws a grotesque wall caricature and tells of an alpine encounter with a frightened young woman; other stories include a seafaring episode on a remote island, a comic adventure, a scene in a mission hospital, and a police patrol in Cincinnati. The tales combine lively, detail-rich descriptions and satirical character sketches, alternating brisk action with quieter reflection to examine human folly, bravery, and social manners across disparate settings.

»Das ist ja eine Gotteslästerung.«

»Doch nicht, wenn er den Teufel lobt,« sagte lachend Herr Joulard, »Excellenz irren sich, und ich bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn der Teufel wirklich so schwarz wäre wie er gemalt wird, würde ihn der liebe Gott gar nicht auf der Erde dulden. Aber meine Damen, wir müssen dem Künstler Platz machen, daß er an seine Staffelei treten kann. Vergessen Sie nur den Chinesen nicht.«

»Und meine Copie,« rief der Major.

»Vielleicht läßt sich Beides vereinigen,« versetzte der Maler in einer tollen Laune, »wollen die Herrschaften einen Augenblick Platz nehmen? Vielleicht kann ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfüllen,« und die Palette aufnehmend, die er indessen in Stand gesetzt hatte, ging er daran, mit keckem Pinsel seine Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im Hintergrund und halb im Schatten stand, also nicht zu sehr hervortrat, vortrefflich paßte.

»Aber um Gottes Willen, Kind,« rief die alte Dame, die Herr Joulard »Excellenz« genannt hatte, wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem Ofenschirm herauswuchs. »Du willst doch nicht neben Deinem eigenen Conterfey den lebendigen Satan abmalen lassen?«

»Das wird, soviel ich bis jetzt sehe,« sagte Clemence, »kein Teufel, sondern ein Faun, wenn auch mit etwas wunderlicher Ausschmückung und – ganz absonderlichen Zügen,« setzte sie langsam und mit einem forschenden Seitenblick auf ihren Bräutigam hinzu, »aber irgend ein phantastisches Bild paßt an einen solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr für mich darin.«

»Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit Hörnern und Schweif,« rief die alte Dame entsetzt, während der Major neben dem jungen, eifrig malenden Künstler stand und einmal über das andere »Bravo, ganz vortrefflich!« rief. Er amüsirte sich ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, daß eben dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend ähnlichen Züge trug. Sonderbarer Weise fiel es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht war doch immer carrikirt. Nur Clemence verglich still, aber desto aufmerksamer das Antlitz des Officiers mit der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es merkte, wich ihr aber absichtlich aus – er wollte sich nicht vor der Zeit verrathen, und malte so emsig weiter, daß in kaum einer halben Stunde das kleine Bild vollendet war. Als aber von keiner Seite weiter Einspruch gegen das Sacrilegium geschah, wurde es der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte zum Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls, um dem Maler den Platz zu überlassen, denn dieser hatte Clemence gebeten, ihm heute noch höchstens eine viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf die letzten Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte er dann mit leichter Mühe im eigenen Hause fertig machen.

Mademoiselle hatte wieder ihren gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl eingenommen – da sagte Clemence plötzlich:

»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte, im blauen Zimmer, wo meine kleine Bibliothek steht, finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte ich Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten oder vierten Fach stehen.«

Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen Morgen gestanden und sich eben erst recht bequem hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe, aber es half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, da keiner der Diener das Buch gefunden hätte.

Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence selber die lästige Zeugin entfernt, um mit ihm allein zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den günstigen Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn heute war seine Arbeit hier im Hause beendet. – Aber sein Entschluß sollte ihm erleichtert werden, denn kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei trat und den jungen Maler fest anblickend auf die Figur des Ofenschirms deutete und fragte:

»Wessen Portrait ist das, mein Herr?«

»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges Fräulein,« rief Trautenau über den entschiedenen, fast harten Ton der Stimme frappirt.

»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?«

»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der entscheidende Moment gekommen sei. »Wenn auch keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine Charakteristik geben.«

»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt –, »wie verstehe ich das?«

»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, nein die Secunden sind mir zugezählt. Fräulein, von dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich ein Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben konnte.«

»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend.

»Fürchten Sie keine Belästigung,« fuhr Trautenau fort, »lassen Sie mich ruhig ausreden, denn ich werde mich sehr kurz fassen, und es ist sogar nöthig, daß Sie es erfahren.«

»Sie sprechen in Räthseln,« erwiederte Clemence, während hohes Roth ihre Züge färbte.

»Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen. Sie sind im Begriff sich mit dem Major von Reuhenfels zu vermählen.«

»Allerdings.«

»Wissen Sie was man in der Stadt von ihm spricht?«

»Von dem Major?«

»Von demselben: Daß er ein arger Spieler und Schuldenmacher, ja mehr als das, daß er ein schlechter Mensch sei.«

»Mein Herr, Sie sprechen von meinem künftigen Gatten!«

»Ich weiß es« rief Trautenau bewegt und weich – »und nur um Unglück von Ihrem theueren Haupt abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein Freund – kein Fremder, das Recht beanspruchen durfte – wage ich Sie zu warnen.«

»Zu warnen?«

»Ja, Clemence,« flüsterte Trautenau, der vor innerer Bewegung kaum die Worte über die Lippen brachte. – »Glauben Sie mir nur, daß mich allein die Sorge – die – Theilnahme für Sie bewegt, Ihnen das zu sagen. Uebereilen Sie den Schritt nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine lebenslange Reue könnte ihn bestrafen. Sie sollen mir nicht glauben – kein Wort von dem, was ich Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprüft zu haben; aber prüfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der Stadt über Ihren künftigen Gatten ist ein schweres, und Ihr Vater wenigstens muß wissen, was man ihm zur Last legt. Die Enttäuschung später wäre nachher zu furchtbar.«

»Haben Sie geendet?« fragte das junge Mädchen kalt.

Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an.

»Dann ersuche ich Sie,« fuhr Clemence fort, »sich in Zukunft mit Anklagen, die meinen Bräutigam betreffen, an diesen selber zu wenden. Ich und mein Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und besonders aus Neid gegen den Herrn böswillig geklatscht und verbreitet wird. Ich will annehmen,« setzte sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung bemerkte, mit welcher der Maler emporfahren wollte, »daß Ihnen solche Gehässigkeiten fremd sind. Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke Ihnen dafür. Damit muß aber auch die Sache und zwar für immer, abgemacht sein. Ich selber wünsche wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und nun bitte, beenden Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit ist beschränkt.«

»Wie Sie befehlen,« erwiederte Trautenau kalt, denn er fühlte diese Zurückweisung doppelt scharf. – »Vielleicht wünschen Sie nun auch, daß ich die Aehnlichkeit in dem Bilde des Ofenschirmes ändern soll.«

Clemence zögerte einen Augenblick mit der Antwort: endlich flog ein leichtes, fast neckisches Lächeln über ihre Züge.

»Nein,« sagte sie – »lassen Sie es so. Haben Sie dies nämliche Bild an Ihre Wand gemalt?«

»Ja, mein gnädiges Fräulein.«

Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm ihre frühere Stellung wieder ein und in demselben Augenblick öffnete sich auch die Thür, in welcher Mademoiselle mit den Worten erschien, daß sie den ganzen Bücherschrank von oben bis unten durchgesucht habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu finden.

»Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater herausgenommen. Ich brauche es auch nicht mehr – wir sind gleich zu Ende,« sagte Clemence in einem gleichgültigen Ton.

Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden Arbeit, die er rasch vollendete und erst als sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu verlassen, sagte er herzlich und einfach:

»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich jetzt, da ich das Letzte an dem Bild in meinem eigenen Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen Sie mich, der ich so manche glückliche Stunde hier verlebte, nicht so kalt und förmlich von Ihnen Abschied nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.«

Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und während die Mademoiselle über dieses sonderbare und außergewöhnliche Verlangen große Augen machte, zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie mochte es auch nicht verweigern; schüchtern reichte sie ihm die äußersten Fingerspitzen. Der Maler nahm sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann: »Gott gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die eines Mannes lege. Seien Sie glücklich –« und seinen Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu beachten, verließ er rasch das Zimmer.

Fünftes Capitel.
Zerronnen.

Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung nach Hause gekommen und diese wurde nicht gebessert als sein Auge auf das karrikirte Bild des Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig zu machen schienen. Eine ganze Weile ging er auch mit verschränkten Armen in seinem Zimmer auf und ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl manchmal nach der verhaßten Gestalt hinüber, ja es war als ob er mit einem finsteren Entschluß ringe. Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der Sache eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit Clemence gesprochen und sie gewarnt und sie ihn auch genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch kalt abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was ihn hätte veranlassen können weiter vorzugehen, ja des jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich, daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.

Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern mit Frank ausgesprochen, denn er wußte, daß der es treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen Tagen verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder zurück erwartet; so blieb ihm Nichts übrig, als Alles was ihn quälte, in der eigenen Brust zu verschließen.

Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und als er Clemencens Bild, um es jetzt in seinem eigenen Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt bekam, schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit Niemandem, antwortete auf kein Klopfen, und grub sich den Pfeil, diesem geliebten Zeugen gegenüber nur noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen süßen Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon zurückzubehalten, er hätte sich ja sonst nicht von dem Bilde trennen können.

Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert worden. In der ganzen Zeit hörte er auch nichts von Joulard – er wollte nichts hören, bis er eines Morgens ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in welchem dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr gelungene Gemälde« dankte, und ein Honorar beifügte, das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch zu fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch eine kleine Karte zu Boden, die er vorher nicht bemerkt hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:

Major Kuno von Reuhenfels zu Berg,
Clemence von Reuhenfels zu Berg,
née Joulard.

Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er in seiner Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden und Clemence selber seine Warnung verachtet. Die Folgen kamen jetzt über sie.

Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der Stadt, er mußte fort. Um der Form zu genügen, schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin er ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend anzeigte und zugleich seine Glückwünsche für das jung verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch einen Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren sollte, packte seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften zusammen und verließ M–, um sich nach dem Süden – nach Italien, dem Paradies der Künstler, zu wenden.

Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte sich so vollkommen in seine Arbeiten, daß er von Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er mied es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung wachte und bohrte noch in ihm. Clemencens Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre lieben Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch die Züge des Majors nicht vergessen hatte.

Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war eine Scene aus der früheren italienischen Geschichte, wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich manchmal keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre Schaaren an den Strand warfen und von Menschen und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle die Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment vor, wie die Räuber wieder, während ein Theil von ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt, mit der gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben bildete eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte Gruppe, in welcher der Capitain der Räuber ein junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige Schritte entfernt liegenden Boot hinunter schleppt.

Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die Geraubte Clemencens Züge trug, während der Capitain dem verhaßten Major glich.

Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich so lebendig wieder mit den alten besser begrabenen Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die Sehnsucht nach der Heimath stärker als je. – Clemence? – er wußte recht gut, daß er mit keiner Faser seines Herzens mehr an sie denken durfte, aber er wollte doch wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie noch einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut gehe, daß sie sich glücklich fühle, und dann? Ei, dann hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung, und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen Schätzen.

Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte er ihn auch bald aus. Seine Gemälde hatte er fast alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und schon in der nächsten Woche trat er den Rückweg nach Deutschland an.

Als er M– erreichte, fuhr er vom Bahnhof in einer offenen Droschke durch die Stadt nach einem dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und wenn er sich auch keine Hoffnung machte, Clemence dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen Blick nach ihren Fenstern werfen.

Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er schrak fast zusammen, als er die Veränderung bemerkte, die mit demselben in der kurzen Zeit vorgegangen war.

Das war nicht mehr das Haus eines reichen Privatmannes, denn die Industrie hatte sich seiner bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt und zu eleganten Verkaufsräumen hergerichtet worden – in der ersten Etage hatte sich ein großes Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen riesiger Name fast die ganze Front einnahm, und oben war in der zweiten Etage eine Thür ausgebrochen und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin Waaren gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden.

»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?« frug Trautenau unwillkürlich den Kutscher; dieser zuckte aber mit den Achseln und erwiederte:

»Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben Jahre in M– und weiß gar nicht, wem das Haus früher gehörte. Jetzt ist's der Stadt und die Läden werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich weiß, mein Herr hätte gern die schönen Ställe da drin gehabt, aber sie forderten einen zu bärenmäßigen Zins dafür. Da war's denn Nichts.«

Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten Hôtel, und Trautenau's erste Frage, nachdem er sein Zimmer angewiesen bekommen, war nach dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls die Achseln.

»Das war eine faule Geschichte,« sagte er, »sind nun fast zwei Jahre, da brach der Schwindel zusammen. Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard für einen Millionär gehalten – ja wohl, eine halbe Million Schulden kam fast zusammen, es ging hoch in die Hunderttausende und auf einmal war er weg, wie Schnee im April, und kein Mensch weiß noch bis zu dieser Stunde, was aus ihm geworden ist.«

Trautenau schnürte es fast das Herz zusammen, aber er wagte nicht, den kurzjackigen, wohlfrisirten Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen wollte er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mußte sehn, ob er Frank nicht in M– traf.

Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung, dort aber war er nicht mehr zu finden. Jedoch sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber jetzt eingemiethet habe, würde Herr Trautenau wohl auf der Polizei am sichersten erfahren.

Dorthin ging er und hörte, daß Franz Rauling, Maler, sein eigenes altes Atelier bewohnte, wohin er sich denn natürlich augenblicklich begab.

Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich. Wie viel hatten sie sich auch zu sagen und zu erzählen, und doch scheuten sich Beide eine lange Weile den einen Punkt zu berühren, der jedenfalls auf Beider Lippen lag und dem doch Keiner von ihnen zuerst Worte geben mochte.

Trautenau saß in einem alten lederüberzogenen Lehnstuhl, den Kopf in die rechte Hand gestützt, das linke Bein über das rechte geschlagen, und sein Blick hing, während er mit dem Freund sprach, fest und unverwandt an seinem eigenen Teufelsbild, das heute noch wie damals die Mauer zierte – oder entstellte.

»Und was ist aus dem da geworden?« brach er endlich durch alle Schranken durch, denn er mußte ja doch wissen, was mit Clemence geschehen.

»Aus dem da?« antwortete Frank und warf den Blick über die Schulter nach dem Wandgemälde – »weißt Du schon, was aus dem alten Joulard geworden ist?«

»Sein Haus hat er verkauft.«

»Er? – nein – aber seine Gläubiger haben es gethan. Das war einer der größten Schwindler, die je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt selber angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten, die gar nichts zu wünschen übrig ließ. Er verstand wie Keiner, den Leuten Sand in die Augen zu streuen und besaß dadurch einen ganz enormen Credit. Den benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das natürlich nicht dauern – plötzlich und bald nachdem Du M– verlassen, brach es zusammen, und wie nur die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte sich auch in wenigen Tagen, ja man könnte sagen in Stunden ein so furchtbares Gewitter über seinem Haupt zusammen, daß er es für gerathen fand demselben auszuweichen. Er verschwand und hat auch keine Spur hinterlassen, was aus ihm geworden. Einige wollten behaupten, daß er freiwillig den Tod gesucht, aber ich glaube es nicht – sein Leichnam ist nirgends gefunden worden und außerdem traue ich dem berechnenden Burschen eine solche That der Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe ja nicht überrascht werden konnte. Er mußte vom ersten Augenblick an wissen, daß sie ihn früher oder später ereilen würde. Sie konnte nicht ausbleiben.«

»Und Clemence?« fragte Trautenau leise – »ist sie hier?«

Frank zögerte mit der Antwort. – »Nein« sagte er endlich, »aber ich sehe auch nicht ein, weshalb ich Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier in M– kein Geheimniß bleiben kann, denn die Sperlinge auf den Dächern haben fast ein Jahr lang davon geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden, denn das Publikum findet immer wieder etwas Neues, was die alten Geschichten vergessen läßt!«

»So ist etwas mit dem Major vorgegangen?«

»Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott des Alten ausbrach. Wärest Du nur acht Wochen länger in M– geblieben, so hättest Du die ganze Sache mit erlebt.«

»Und was war es?«

»Du weißt, welche Gerüchte schon früher über ihn umliefen, und unbegreiflich ist es, daß Joulard selber Nichts davon gehört haben sollte.«

»Ich selber habe Clemence gewarnt.«

»Du?«

»Gewiß, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie wies mich kalt und stolz zurück.«

»Dann steckt auch mehr dahinter und dies bestätigt einen Verdacht, den ich schon lange gefaßt, daß nämlich der Major sowohl, als der alte Joulard ihre gegenseitigen Verhältnisse genau kannten. Uebrigens wurde später behauptet, daß Clemence gar nicht Joulards Tochter gewesen sei.«

»Und wessen sonst?«

Frank zuckte mit den Achseln. »Es würde schwer sein, das festzustellen, und käme auch Nichts mehr darauf an, denn er ist fort aus M– und wird wohl schwerlich hierher zurückkehren.«

»Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.«

»Es ist mit kurzen Worten erzählt. Es kamen Dinge zur Sprache, die den Major auf das Aeußerste compromittirten. Er mußte seinen Abschied nehmen. Wechsel waren gefälscht worden, Cassengelder unterschlagen. Man sprach von falschem Spiel und einigen anderen Betrügereien und ging, mit Rücksicht auf den Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen, wohl schlaffer mit der Anklage gegen ihn vor, als man gegen einen Menschen aus niederem Stande vorgeschritten wäre. Auf einmal war der Major verschwunden.«

»Mit seiner Frau?«

»Mit seiner Frau, und als nun Joulard die Wechsel zahlen sollte, brach eben das ganze Kartenhaus zusammen.«

»Und wurde der Major nicht verfolgt?«

»Nein, man erzählte sich, oder wußte vielmehr, daß er bei Prinz Y– sehr gut angeschrieben stand, es gingen darüber allerlei tolle Gerüchte, die natürlich wenig ehrenhaft für den Major waren. Der Prinz zahlte, wenn auch seufzend, aber er zahlte doch, und die Klage gegen den Major, da sich die Gläubiger gern mit 50% abfinden ließen, wo sie schon gefürchtet hatten gar nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.«

»Und wo hält er sich jetzt auf?«

»Kein Mensch weiß es. Ein Bekannter von mir wollte ihn neulich in Paris gesehen haben, schien seiner Sache aber doch nicht ganz gewiß. Unmöglich wär's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in Deutschland mehr verfolgt wird, dürfte er es doch nicht wagen, sich in anständiger Gesellschaft blicken zu lassen, und ein solcher Zustand würde ihm bald unerträglich werden.«

»Und Clemence ist bei ihm?«

»Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.«

»Armes, unglückliches Geschöpf – wie furchtbar elend muß sie sich jetzt fühlen.«

Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es schien fast, als ob er noch etwas sagen wollte; Trautenau aber war zu sehr mit seinen eigenen schmerzlichen Gedanken beschäftigt, um es zu bemerken. Manche Gerüchte über Clemence hatten nämlich ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es nützen, dem Freund durch Wiederholung derselben wehe zu thun. Bewiesen war doch keins von allen worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein von jedem Fehl sei, was kümmerte das den Stadtklatsch, der überall seine Opfer suchte und dabei wahrlich nicht wählerisch in seinen Mitteln war.

»Und weißt Du nicht, was aus ihrem Bild geworden ist?« fragte der Andere nach einer längeren Pause. – »Sind denn auch selbst die Familienbilder unter den Hammer des Actionators gekommen?«

»Alles,« lautete Frank's Antwort, »Dein Bild soll übrigens ziemlich hoch von einem Engländer erstanden sein, der sich, Gott weiß, aus welchem Grunde, dafür interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in die Augen gestochen. Das war doch eine verwünschte Idee von Dir, Ernst, den Bräutigam als Carricatur neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht, daß Clemence selber blind gegen die wirklich frappante Aehnlichkeit blieb.«

»Sie hat sie damals entdeckt.«

»Was? und den Schirm nicht übermalen lassen?«

»Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies es zurück.«

»Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt wohl von einem ganz eigenthümlichen Humor der jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer Verehrung für den Bräutigam.«

»Sie hat sich doch keinenfalls etwas Böses dabei gedacht.«

»Wer kann wissen, was sich so ein Mädchenkopf denkt – das ist unergründlich wie der Ocean. Aber was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du hier in M–?«

»Ich weiß es nicht – weiß auch nicht, ob ich überhaupt in der nächsten Zeit Ruhe zum Arbeiten haben werde.«

»Aber Du hast gewiß eine Mappe voll prächtiger Studien mitgebracht.«

»Das allerdings, aber die können warten. Meine Casse ist ziemlich gefüllt und ich mache vielleicht noch, ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme, vorher eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine Sehnsucht nach dem Rhein.«

»Höre, Ernst, mach' keinen dummen Streich,« sagte Frank, der ihn mißtrauisch ansah – »Du hast doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen Plan, Deiner früheren Flamme nach Paris zu folgen?«

Trautenau schüttelte leise den Kopf. »Nein, Frank,« erwiderte er, »meine Seele denkt nicht daran. Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann für mich natürlich von da an nur eine Fremde sein. Ja, ich würde sogar die Stadt, in der sie wohnt, meiden, um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb auch? es hieße nur alte Wunden aufreißen, um sie frisch bluten zu sehen.«

»Ist das Dein voller Ernst?«

»Hier meine Hand darauf und mein Wort.«

»Gott sei Dank,« rief Frank, »denn ich fürchtete schon, daß die Nachricht ihres Unglücks jene alte hoffnungslose Liebe wieder anfachen könne.«

»Wenn ich sie verlassen und im Elend wüßte – ja – nicht an der Seite eines Gatten.«

»Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst,« rief Frank lebendig. »Ich habe gerade verschiedene Arbeiten beendet – bin überhaupt das letzte Jahr merkwürdig fleißig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen, diesen Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen. Wenn Du jetzt noch zwei oder höchstens drei Tage auf mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst Du dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein umher.«

»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!« rief Ernst erfreut aus – »ich warte auf Dich und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig zu werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir geschieht ein Gefallen damit, denn selbstständig kann ich doch noch Nichts arbeiten und möchte nicht die Zeit über ganz müssig liegen.«

»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete Frank lachend, »also dankbar angenommen, und hier in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch sein.«

Sechstes Kapitel.
In Wiesbaden.

Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit einander plaudernd und erzählend, frisch an die Arbeit, um einige Kleinigkeiten, die Frank noch versprochen hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden. Das wurde auch rascher erledigt, als sie selber geglaubt, denn in der gemeinschaftlichen Thätigkeit flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am dritten Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet, und um auch keinen Moment mehr zu versäumen, benutzten sie selbst den Nachtzug, daß der sie dem flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in die Berge bringe.

Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in Arm den wunderbar schönen Rhein entlang, und das Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem Gesang über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen Strom in der ganzen weiten Welt, und wem das Herz an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer, freudiger schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick öffnen – ei, der mag ruhig fortgehen und sich in der lüneburger Haide oder im berliner Sande begraben lassen – auf Erden ist er doch zu Nichts mehr nütze.

Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort verlebten, und selbst Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth neigte und sich nie wohler fühlte, als wenn er allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf in der wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft des stets fröhlichen und heiteren Frank.

Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinüber bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten, dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und nach St. Goarshausen, bis sie sich in St. Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der Lahn hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten sie dabei ungemein.

So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, als Frank zuerst an den Heimweg dachte, da er nach M– zurückkehren mußte, um einige versprochene Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Köln hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu begleiten und dann die schöne Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.

Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam es dabei nicht an, und manchen hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt übergangen, berührten sie jetzt und holten das damals Versäumte ein.

So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden hinüber zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da der Abend schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem Frühzug, der Eine wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere seine Reise nach Köln fortzusetzen.

Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das Paradies der Spielhöllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons preßte sich um die grünen Tische Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre Nähe gelangen konnte.

Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich aber doch – hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner Spieler angelockt – verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen und erst wenn die erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, das sie vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich und ihre Familien gebraucht hätten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschämt zurück und suchten sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und sobald sie sich einmal die Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren Gebrauch wurden.

Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie man sie nennen könnte, hatten ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels notirten und sich dabei so gleichgültig als irgend möglich gegen Gewinn oder Verlust zu zeigen suchten.

Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten noch weniger daran, »ihr Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt, wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen Tisch zu opfern.« Nur beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen.

Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel plötzlich in einem der anderen Säle ein Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten Tisch interessirt war, zog sich augenblicklich davon zurück, um zu sehen, was vorgegangen sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer Commis, der Geld für seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden – vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, daß er einen solchen verzweifelten Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt, und ist sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da nachher zu viel darüber gesprochen und geschrieben wird.

Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein, und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht. Was war es auch – ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte – ein ekelhafter, unangenehmer Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich entfernen, und das Blut vom Parket wegwaschen mußten. In zehn Minuten konnte das Alles beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange.

Die beiden jungen Freunde zogen sich ebenfalls und unwillkürlich jener Stelle zu, wo wieder einmal dieser »Fluch des Rheins«, das höllische Spiel, ein Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht möglich rasch dahin zu gelangen, denn durch die von den Tischen plötzlich zurückpressenden Leute wurde der Raum für kurze Zeit vollkommen angefüllt. Langsam rückten sie aber trotzdem am Tische hin und wollten eben links abbiegen um eine freiere Stelle zu gewinnen, als Frank plötzlich seinen Arm fast krampfhaft festgehalten fühlte, und als er sich erstaunt nach der Seite umdrehte, sah er des Freundes Augen, dessen Antlitz aschenbleich geworden war, an einem Punkt des noch immer besetzten Tisches haften.

Da er gar nicht wußte, was er aus dem Benehmen Trautenau's machen sollte, folgte er seinem Blick, konnte aber nicht das geringste Auffällige entdecken. An dem Tische saßen die gewöhnlichen Gestalten, Herren und »Damen« – wenigstens elegant angezogene Frauenzimmer, sehr decolletirt und in oft höchst unnöthigem Putz für diese Gesellschaft, dabei meist ältliche Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich erregten Gesichtern, mit aufgestellten Rollen von Gold und Silber vor sich, von denen sie dann und wann kleine Haufen, ohne sie zu zählen und nur nach dem Gefühl herunternahmen und auf irgend einen Punkt setzten, oder auch gewonnene Summen wieder sorgfältig neben die anderen häuften. Diese Leute hatte der Schuß im anderen Zimmer auch nicht gestört; was kümmerte sie irgend ein fremder, alberner Mensch, der nicht einmal Tact genug besaß, sein unbedeutendes Leben außerhalb der Spielsäle abzuschütteln. Es wäre nicht der Mühe werth gewesen, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger das »jeu« seinethalben zu vernachlässigen.

»Aber was hast Du nur?« flüsterte Frank jetzt dem Freund zu, »Du drückst mir ja blaue Flecke in den Arm.«

»Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem Tisch sitzt, gleich hinter jener Dame, die den Kopf von uns abdreht?«

»Hinter jener Dame im weißen Kleid?«

»Ja.«

»Nein, den kenne ich nicht – kann mich wenigstens nicht auf das Gesicht besinnen.«

»Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer an der Wand?«

»Der Major? Unsinn – Du träumst.«

»Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzählige Male gezeichnet habe – jeder Zug desselben steht mir so fest im Gedächtniß, daß ich es mit geschlossenen Augen mit Kohle an die Wand malen könnte. Er ist es, beim ewigen Gott.«

»Und jene Dame?«

»Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht möglich. Sie würde sich doch nicht zwischen diese Gesellschaft an den grünen Tisch setzen. Nein, sie scheint zu dem jungen Herrn zu gehören, der hinter ihrem Stuhl steht und fortwährend mit ihr flüstert. Beide pointiren wahrscheinlich zusammen.«

»Du mußt Dich irren, Ernst.«

»Glaube mir, eine Täuschung ist dieser Gestalt gegenüber nicht möglich. Ich habe mir nicht den Teufel an die Wand gemalt, daß ich ihn nicht wiedererkennen sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn noch nicht in den Zügen?«

»Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major,« sagte Frank, der ihn indessen aufmerksamer betrachtet hatte. »Er trägt nur den Bart ganz anders als früher und mehr in französischer Art; ich habe ihn auch anfangs für einen Franzosen gehalten. Du könntest wirklich Recht haben – doch was liegt daran. Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von Frankreich herüber gekommen und treibt sich hier eine Zeitlang in den Bädern herum. Laß ihn und komm – was interessirt uns der Mensch.«

»Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der Dame, die neben ihm sitzt, sehen könnte,« entgegnete Ernst, der noch immer zögerte, dem Freund zu folgen.

»So laß uns an die andere Seite hinüber gehen.«

»Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden – wenigstens jetzt noch nicht – nicht bis ich mich näher überzeugt habe.«

Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch zurückzukehren, so rasch hatte man da drüben, in dem anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten Spuren der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte unter keiner Bedingung gestört werden. Kein Mensch sprach mehr über den Selbstmord des Unglücklichen, wie denn überhaupt eine laute Unterhaltung im Heiligthum der grünen Tische gar nicht mehr geduldet wurde. Alles verkehrte in Flüstern mit einander.

Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder fester um die eigentlichen Spieler, und Trautenau wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas näher an den entdeckten Major hinanrücken. Uebrigens war kaum Gefahr da, daß er sie bemerken würde, denn seine Augen wanderten für keinen Moment von dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab. Was kümmert sich der Spieler um die Zuschauer.

Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, Trautenau dagegen hatte auf seinen verschiedenen Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr entgehen, daß der Major ziemlich hoch und zwar nach einem bestimmten Plan spiele, während die Dame an seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht hielt, bald da, bald dort pointirte und den hinter ihr stehenden jungen Mann dabei oft um Rath frug. Die Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie schien allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam Ernst aber weit stärker vor, als Clemence gewesen – auch die Contur der Wangen war voller als er sie gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen und man hätte kaum glauben sollen, daß zwei Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem nicht; es ließ sich ja auch nicht denken, daß Clemence, das stolze, schöne Mädchen, so weit gesunken sein könne, um hier am grünen Tisch –

In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite – der bis jetzt hinter ihr stehende junge Herr hatte sie einen Augenblick verlassen, um zu einem anderen Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen und ihr Blick streifte selbst Trautenau's Gestalt – wenn auch vollkommen gleichgültig, denn er trug nicht die bestimmten Formen, denen sie folgte.

»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst, indem er scheu und erschrocken einen Schritt zurücktrat – »Clemence!«

»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,« sagte Frank, »und hier der Tisch wäre der letzte, hinter dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber stärker geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher wieder hinter ihren Stuhl. – Komm Ernst; ich glaube, wir haben genug gesehen, um nicht nach Weiterem zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem neuem Beruf außerordentlich wohl zu fühlen.«

Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm das Herz zusammen, der Athem wurde ihm schwer, und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil er den Anblick nicht länger ertragen konnte.

Das Interesse für die früher Geliebte war aber doch zu frisch und gewaltig geweckt worden, um es so rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst Frank neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen Verhältnissen sich die beiden Gatten hier aufhielten, so ließen sie sich, in ihrem Hôtel angelangt, vor allen Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen aufzusuchen und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.

Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das alphabetisch geordnete und etwas voluminöse Actenstück durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels fanden sie nirgends angegeben – nicht in der alphabetischen Ordnung, nicht unter den einzelnen Hôtels. War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann kam er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im Adreßbuch stand er nicht. Da fiel, als Trautenau noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge zufällig auf den Namen »Zu Berg« – Reuhenfels hatte ja – soviel erinnerte er sich, den Namen »zu Berg« bei dem eigenen. – Das mußte er jedenfalls sein und als Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung« war Hôtel Kompelt angegeben.

Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, doch jedenfalls verstellten Namen, und das schien erklärlich, denn er mochte Ursache haben, sich der Vergangenheit zu schämen. Auch der verschnittene Bart sprach dafür, der ihn allerdings so entstellte, daß ihn selbst Frank niemals unter demselben aufgefunden hätte.

Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig geworden, etwas mehr von den alten Bekannten zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß man sich dafür in M– außerordentlich interessiren würde – und beschlossen deßhalb jedenfalls noch bis zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben und Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es dazu allerdings zu spät geworden.

Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an dem Spieltisch gesehen, nicht wieder aus dem Gedächtniß bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre verändert – wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos konnte sie allerdings nicht sein, denn sie prangte noch immer im höchsten Staat – aber wohin war der gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin jene schüchterne Jungfräulichkeit, die er sonst darin zu finden geglaubt. Sie war wohl noch schön – oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung dabei die Schuld tragen, genug ihm machte es den Eindruck, als ob sie jene holde Weiblichkeit verloren habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn im Saal umherwarf, schien weit mehr keck und herausfordernd gewesen zu sein als er es gewünscht, und an dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke in der Hand geführt und ein Blatt zum Controliren des Spiels neben sich gehabt, – ganz wie es alte Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in den wenigen Jahren schon so tief gesunken sein.

Wie ihn die Gedanken quälten – und er grübelte und sorgte sich darüber, bis endlich die Müdigkeit seine Augen schloß.

Am andern Morgen war Ernst früh auf. In einem Badeort giebt es überhaupt wenig Langschläfer, denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug oft ebenso hübsch, gewöhnlich aber in Wirklichkeit noch viel hübscher aussehen, als Nachmittags in allem Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus um den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen sprangen, ergingen sich denn auch schon eine Menge Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft ihre Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, als ob sie irgend wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit wegen solch nichtswürdiges Wasser zu trinken. Aber die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch nur ihres Vergnügens wegen, unter dem Vorwand von Nervenleiden, hierhergekommen waren und das eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, so durften sie sich doch der Kur nicht entziehen. Es hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können, daß ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen Reisespesen vorenthielt, und der Gedanke schon war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen trinken.

Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige Briefe zu schreiben, die, bei jetzt fest bestimmter Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen sollten. Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang nach dem Kurhaus, um dort erst einmal zu sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen könne. Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, um unmittelbar von demselben auf einen lustigen Schottischen überzuspringen; aber er suchte unter den dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den lieben, bekannten Zügen der jungen Frau vergebens. Er konnte sie nirgends bemerken. Es gab allerdings in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, – möglicher Weise, daß sie sich dort irgendwo befand, aber dort hinaus konnte er sie in jeder Straße verfehlen, und er beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich einiges Nähere über das Ehepaar zu erfahren.

Clemence befand sich übrigens diesen Morgen nicht in dem gewöhnlichen Gedräng der Kurgäste, weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt, sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das Grabmal der verstorbenen Herzogin steht, am Arm eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn – desselben, der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am Spieltisch gestanden, – langsam durch das Gehölz. Beide schienen auch in ernster und eifriger Unterhaltung begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft waren, um nicht dann und wann wie scheu den Blick nach rechts und links zu werfen, als ob sie fürchteten beobachtet zu werden.

»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,« sagte da die junge Frau. – »Er wird mit jedem Tage roher und unerträglicher – ein wahrer Teufel. Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der Gestalt mit auf mein Bild brachte.«

»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,« bat da Armand. »Du weißt ja, daß ich meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr Gatte zurück. Dann sinnen wir auf Mittel und Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.«

»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster, »denn gestern Abend noch hat er mir erklärt, daß wir in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.«

»Und wohin will er sich wenden?«

»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch nie sagen, weil er unser Einverständniß ahnt, oder doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er scheint auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.«

»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus – »oh, ich kann Dich nicht verlieren, Clemence, ich würde elend mein ganzes Leben werden.«

»Aber, was läßt sich, was kann ich thun, um es zu verhindern? Ach, Alles Dir zu Liebe, Armand, sag' mir nur wie?«

»Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt, und ich folge Dir dann in wenigen Tagen nach.«

»Ich fürchte, ich fürchte,« stöhnte die arme Frau, »daß er beabsichtigt, mich weit hinweg zu führen. Irgend ein Vergehen muß ihn drücken – irgend etwas muß in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich keine Ahnung habe, denn verschiedene Anzeigen sprechen dafür. Nicht umsonst trägt er seinen Bart jetzt so, daß er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat. Dann fährt er oft, mitten in der Nacht, von schweren Träumen geschreckt, empor. Auch ein Revolver liegt fortwährend über seinem Kopfkissen, geladen im Bett, als ob er fürchte überfallen zu werden. Irgend etwas ist jedenfalls geschehen und er hat auch seitdem nirgends Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten Zeit sprach er sogar manchmal von England und Amerika. Wenn er mich dort hinüber führt, bleibt mir ja Nichts übrig, als meinem elenden Leben in den Wellen ein Ende zu machen.«

»Clemence,« bat sie Armand.

»Wahrlich Armand, ich thäte es,« rief die junge leidenschaftliche Frau – »aber noch ist es nicht nöthig – noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich fest auf Dich verlassen kann.«

»Und zweifelst Du daran, Clemence?«

»Nein – dann bestimme mir nur einen Ort, wo ich Dich erwarten kann und ich reise morgen früh allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie Kuno glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn führt mich rasch fort von hier und dann –«

»Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht, als auf mich?« rief Armand, »und er würde mich nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du auch allein reisen – es geht nicht.«

»Glaubst Du, daß ich mich fürchte?«

»Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die überall auffällt, ist leicht verfolgt und wie gesagt, er hat hier so viele Späher, daß er mich augenblicklich würde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so wäre unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden hier, den Du genauer kennst – dem Du Dich anvertrauen könntest, um Reuhenfels wenigstens auf eine falsche Spur zu bringen? – Wir müssen sicher gehen oder Alles ist verloren!«

»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig, »Niemanden, als jene frechen Spielgenossen Kuno's, die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber niemals einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen würden. Du kennst sie ja selber.«

»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte Armand nach einer kurzen Pause – »es muß sein – es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben nicht, wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger wissen sollte.«

»Aber die Zeit drängt – denke Dir Armand, daß es vielleicht schon morgen zu spät ist.«

»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick sprechen?«

»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen Jahr zum ersten Mal trafen,« sagte Clemence nach kurzem Bedenken – »wenn Kuno heute Abend in das Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand zurückbleiben. Es wird ihm nicht auffallen, denn ich habe es schon öfters gethan, weil mir der zu lange Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen macht. Ich folge ihm dann gewöhnlich um acht Uhr – Du aber darfst im Saale nicht fehlen – halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; pünktlich zu der Zeit bin ich an der Urne, und werde auch heute Abend noch Alles packen, um jeden Augenblick bereit zu sein.«

»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,« sagte Armand herzlich – »doch noch eine Frage. Hast Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu ihm müssen wir, damit er das Band, das Dich an den rohen Burschen knüpft, wieder löse. Du sagtest mir ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen habe.«

»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet schienen, veruneinigt. Was da vorgefallen ist, weiß ich nicht, aber harte Worte fielen zwischen Beiden, und ich durfte, als wir fortreisten, nicht einmal von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien sich wieder ein Verständniß anzubahnen. Wir waren bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte viel geheim mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir selber vorher ein Wort davon zu sagen, eine Reise machte. Er sandte mir nur durch Reuhenfels Botschaft, daß er vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten werden, und da mein Mann nicht so lange warten wollte, fuhren wir an den Rhein in die Bäder – zuerst nach Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt hierher.«

»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder in Paris?«

»Ich weiß es nicht – ich habe seit der Zeit keine Nachricht bekommen, obgleich ich selber dreimal an ihn schrieb. Wir wechselten aber den Aufenthaltsort zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen sein. Ha! dort kommen Leute – verlaß mich jetzt Armand, wir dürfen nicht zusammen gesehen werden.«

»Also heute Abend halb acht Uhr.«

»An der zweiten Urne – oh, wenn der morgende Tag nur erst vorüber wäre,« seufzte sie.

Armand hatte sie an sich gezogen und drückte einen Kuß auf ihre bleiche Wange, aber sie entwand sich ihm rasch und eilte den Pfad entlang, während Armand in die nächsten Büsche glitt, und von dort ab einen andern Weg erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurückkehren konnte.

In derselben Zeit, oder etwas später, suchte Trautenau das Hôtel Kompelt auf. Er konnte ja dort eine Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen, dabei gab es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der Kellner ein Gespräch anzuknüpfen. Waren doch die untern Räume des Hôtels um diese Tageszeit fast immer menschenleer.

Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit Nichts in Gottes Welt zu thun, hinaus auf die Straße sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung mit dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die Zeit todt zu schlagen, schien ihm selber erwünscht. Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein Ziel los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im Allgemeinen, frug dann ob das Hôtel voll besetzt wäre, und blätterte in der Kurliste die Namen der dafür verzeichneten Gäste auf.

»Ah, zu Berg,« sagte er plötzlich – »die Familie ist mir bekannt, ich möchte wohl wissen, welcher Zweig derselben es ist. Können Sie mir darüber Auskunft geben, Herr Oberkellner?«

»Ein Herr und eine Dame« sagte dieser, »mit Kammerfrau – einer ganz allerliebsten kleinen Französin – zum Anbeißen sage ich Ihnen.«

»Noch jung?«

»Kaum achtzehn Jahr höchstens.«

»Nein, ich meine das Ehepaar.«

»Ach so, ich dachte, Sie frügen nach der Kammerfrau. Nun der Herr mag etwa in den vierzigern sein. Die Dame – auch eine sehr schöne, vornehm aussehende Frau, kann höchstens zweiundzwanzig sein. – Aber eine unglückliche Ehe.«

»Wirklich?«

»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause sind. Der Herr Gemahl scheint etwas eifersüchtiger Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott, in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf sich eigentlich gar nicht darum bekümmern.«

Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau blieb in tiefes Nachdenken versenkt, allein zurück. Still nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf – waren ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden – Arme Clemence! Wie Recht hatte er gehabt, als er sie vor dem Menschen warnte, aber sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was konnte er dabei thun? Ihm stand kein Recht zu, sich in die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt – daß er sie noch liebte? wie kam das in Betracht. Er stand auf – was sollte er auch länger hier in Wiesbaden, wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die Verlorene jede Stunde verbittert hätte. Er wollte noch an dem Mittag fort. Es war das Beste was er thun konnte.

Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und trat in die Thür, als er heftige Stimmen auf dem Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame, die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer Sprache mit einander unterhielten, und er verstand eben nur noch die letzten Worte der Dame, die deutlich sagte:

»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir zu, daß ich von diesem Augenblick an –« Sie schwieg plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. – Es war Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das aber rasch Farbe bekam, als ihr Blick auf den, im Moment erkannten jungen Maler fiel.

Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er es lieber vermieden hätte, Clemence zu begegnen, blieb ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben gerade aus, und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er mußte sogar grüßen, denn der jungen Frau Blick haftete starr, ja fast wie ersteckt auf ihm. Er zog den Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu haben, wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau auf ihn besinnen mochte. Nur unwillkürlich griff er ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal nach ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe hinauf, der Dame voran.

Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch einmal den Blick nach ihm zurück. Sie stieg auch die Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie stehen und wieder drehte sie den Kopf, und als sie fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie gebannt, an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas Weißes, an ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, wo es liegen blieb. Aber sie bückte sich nicht danach, und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.

Was war das? – ein Zeichen für ihn? Trautenau konnte es sich nicht erklären, denn schien es denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches hinterlassen würde? Aber er wußte wenigstens daß dort etwas liegen geblieben war. Vielleicht hatte sie irgend etwas nur zufällig verloren, und er konnte es ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.

Der Major wie Clemence waren schon oben im Gang verschwunden, und mit wenigen Sätzen sprang Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen, noch warmen Handschuh – mit einer Visitenkarte darin, auf welcher, in kaum lesbar feiner Schrift der Name Clemence zu Berg née de Joulard stand. Aber sonderbar – die Karte war oben am Rand sechsmal eingerissen.

Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg seine Beute rasch in der Hand und wollte das Hôtel verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank sprechen, wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch gekommen, daß er kaum einen Gedanken fassen konnte.

»Das waren sie,« flüsterte der Kellner, als er an ihm vorüberschritt, indem er mit dem Daumen über seine Schulter zeigte. »Famose Person, heh?« Damit blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drückte sich seine Serviette unter den Arm und verschwand damit in der Küche.

Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber er begegnete dem Freund schon unterwegs, der eben seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch ohne Weiteres seinen Arm, und erzählte ihm, während er mit ihm die Straße hinabschritt, das Begebniß der letzten Stunde sowohl, wie das, was er von dem Kellner über die beiden Gatten gehört.

»Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de Joulard – eine kleine Eitelkeit – und sechs Risse darin.«

»Sie können zufällig hinein gekommen sein.«

»Sie können, ja – aber ich glaube es nicht. Frau von Reuhenfels sieht mir nicht so aus, als ob sie etwas zufällig thut.«

»Aber was können sie bedeuten?«

»Wenn irgend etwas, natürlich nur eine Zahl – also sechs, und das kann wieder nur sechs Uhr sein. Sie wünscht ein Rendezvous mit Dir.«

»Das ist nicht denkbar.«

»Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau nicht denkbar, noch dazu wenn sie einen Tyrannen zum Gemahl hat.«

»Die wenigen Jahre können sie nicht so verdorben haben, oder ihr Mann müßte mehr als ein Teufel sein.«

»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau gekannt, und nur par distance angebetet, und dann weiß man auch in der That nicht, was Alles in der Zeit kann vorgefallen sein.«

»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine Hülfe.«

»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so gehst Du der Dame entschieden aus dem Weg. Wir wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, und wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt erfahren werden. Hat sie Streitigkeit, oder lebt sie in Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf sich da natürlich kein Fremder hineinmischen – ich wenigstens möchte dafür danken. Und dann, was könntest Du ihr auch helfen? Also folge mir, alter Freund. Heute Nachmittag halb drei oder drei Uhr – ich weiß es nicht genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten Züge nach Frankfurt und nach Köln ab. Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze Du Dich in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig allein ausessen, was sie sich dazumal eingebrockt.«

»Meine arme Clemence.«

»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,« sagte Frank, »denn Du hast gar keine Ahnung davon, in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich ein solcher Wahnsinn bringen könnte.«

»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?«

»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M– fest auf übermorgen angezeigt und reichlich noch einen halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu thun. Ich kann nicht länger bleiben.«

Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken neben dem Freund her. Er war unschlüssig, was er thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte ihm wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein Herz drängte ihn doch immer wieder, der zu dienen, die lange Jahre hindurch nicht allein sein Ideal von Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden gewesen war. Er konnte sich den Glauben an sie wenigstens nicht so rasch erschüttern lassen.

»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach Köln?«

»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut. »Ich weiß es wahrhaftig noch nicht, Frank.«

»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame durch Dein Bleiben einen Gefallen zu erzeigen.«

»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder begegnen. Nur aus der Ferne möchte ich sie noch einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll nachher maßgebend für mich sein.«

»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte da Frank, »es ist ein ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort: Wer nicht hören will muß fühlen, und Du scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte er herzlich hinzu, »mach' den kleinen Umweg über Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen zurück, und wollte zu Gott, wir hätten dies verdammte Wiesbaden im Leben nicht gesehen.«

»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle Streiche machen würde. Du darfst mir mehr zutrauen.« Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That wissen, was er selber zu thun hatte, und Beide schritten jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um wenigstens die letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank redete dem Freund allerdings selbst noch auf dem kurzen Weg nach dem Bahnhof ernstlich zu, wenigstens das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst war aber recht einsylbig geworden, denn die bezeichnete Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn Clemence nun wirklich nach ihm verlangte? – Wohl mußte er sich dabei sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder nützen könne – er wollte ja auch nur Gewißheit darüber haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle – daß seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann wieder kam das Bild der Frau dazwischen, wie er sie gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn er sie dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt hatte! Am Ende war es das Beste, er folgte Frank's Rath. Hätte er nur seine Sachen bei sich gehabt, er würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte er keine Zeit mehr.

»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er ihm aber noch in das Coupé hinein, »ich werde gewiß vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige Wirklichkeit nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt, ich werde mir eine noch bitterere Täuschung ersparen, und die Dame nicht besuchen, sondern den Handschuh einfach unten im Hotel abgeben.«

»Und versprichst Du mir das wirklich?«

»Hier hast Du meine Hand darauf.«

»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur noch die Liebe und mach' daß Du so rasch als möglich nach Köln hinunter kommst.«

Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug that den ersten Ruck – Ernst reichte dem Freund noch einmal rasch seine Hand, dann zog sich die lange Kastenreihe am Perron hin, immer rascher rollten die Räder, und wenige Minuten später zeigte nur noch in weiter Ferne eine dichte weiße Dampfwolke, welche Richtung der davonbrausende Zug genommen.

Ernst schritt langsam nach der Stadt zurück, aber es litt ihn jetzt nicht zwischen den Häuserreihen. Er wollte hinaus in's Grüne, um dort noch ein paar Stunden zu verbringen. Diesen Abend spät ging noch ein Zug nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann blieb er dort die Nacht im Rheinischen Hof, und fuhr am nächsten Morgen mit dem ersten oder zweiten Boot den schönen Strom hinab.

Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen den gefundenen Handschuh im Hotel abzugeben, und nur die Karte zum Andenken zu behalten, aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich freilich selber nicht eingestehen, doch zögerte er damit bis zur sechsten Stunde. Er war dabei fest entschlossen, Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja auch dem Freunde versprochen, aber – er wollte doch einmal sehen, ob die sechsmal eingerissene Karte wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen harmlosen – wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm in die Hand gespielt sei.

Es mußte und konnte ja auch nur ein Zufall gewesen sein. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt. Ein Zeichen? – Wie wäre die Frau nur im Stand gewesen so rasch einen Entschluß zu fassen, oder gar gleich danach zu handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh auf die Treppe fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in Anspruch genommen haben. Nein, so durchtrieben war Clemence nicht, und wäre er jetzt selber zu ihr gegangen, um ihr den Handschuh zurückzubringen, sie würde jedenfalls über ihn gelacht, oder sich auch vielleicht gar beleidigt gefühlt haben, daß er sie, einer solchen Kleinigkeit wegen, belästige; dem durfte er sich nicht aussetzen. Hätte er Frank auch das Versprechen nicht gegeben, war er doch jetzt fest entschlossen, die Rückgabe des Handschuhs durch einen Kellner zu erledigen.

Sonderbar nur, daß er sich auf dem ganzen Spaziergang immer und ausschließlich mit Clemence beschäftigte. Er passirte einige Punkte von denen man eine reizende Aussicht über die Stadt und das Thal hatte, aber er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge blieb allein auf den Weg geheftet, und fast, ohne sich der Richtung die er nahm, klar bewußt zu sein, lenkte er doch immer wieder in einem größeren Bogen zu der Stadt zurück, um eben die sechste Stunde im Hotel nicht zu versäumen.