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Kreuzwege

Chapter 9: INHALT
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About This Book

The collection assembles short, tightly observed prose pieces that alternate interior monologues, vignettes, and concise narratives. It probes moments of suspended attention — silence at a table, a chance encounter in a forest — to examine memory, mortality, and the uneasy boundary between the ordinary and the uncanny. Everyday details are rendered with plain, analytic description that opens into philosophical reflection without rhetorical flourish. Recurring motifs include stillness, fragmented recollection, and the small, often ambiguous exchanges that reveal inner life.

HILFE!

Er wurde gewahr, daß er sich an einem weiten, mit schönen Bäumen bewachsenen Hange befand. Das ist ja Frankreich, erriet er plötzlich, ich bin wohl in einen falschen Zug eingestiegen. Es ist wirklich ein seltsamer Zug, — lauter fremde Gesichter, die über ihn lachen, als wäre er schlecht gekleidet; und der Zug fährt wild, daß die Fenster klirren.

Brož fuhr aus dem Traum empor. Jemand klopfte ans Fenster.

„Was ist?“ schrie Brož mit verklebter Zunge.

„Ich bitte Sie,“ sagte draußen eine zitternde Frauenstimme, „wenn Sie uns rasch zu Hilfe kämen!“

„Gehn Sie zum Teufel!“ erwiderte Brož wütend und wühlte den Kopf in die Kissen hinein. Nur den zerrissenen Faden des Traums einzufangen! den Schlummer eben dort wieder anzuknüpfen, wo er unterbrochen worden! Ein Zug, etwas von einem Zug, zwang sich Brož; und plötzlich fiel ihm peinlich klar ein: Ich hätte fragen sollen, was ihnen geschehn ist!

Er sprang aus dem Bett und lief das Fenster öffnen. Kühl, schwarz wehte die öde Nacht herein. „Wer ist da?“ rief er, aber nichts antwortete. Da schüttelte ihn die Kälte, und er ging sich legen; in den Federbetten fand er seine eigene trockene Wärme wieder und genoß sie gierig und unbegrenzt; wieder sanken ihm die Lider und die Glieder lockerten sich zu einem Komma. Ach, schlafen!

Mit weit geöffneten Augen schaute Brož in die Finsternis. Wer das wohl gewesen war? Niemand in diesem Dorf hier kümmert sich um mich. Wer hat bei mir Hilfe gesucht? Es war eine Frauenstimme. Es war eine unsäglich schmerzliche Stimme. Vielleicht ging es ums Leben. Übrigens, ich bin kein Arzt. Aber vielleicht ging es ums Leben.

Zerquält wandte sich Brož dem Fenster zu. Es zeichnete sich wie ein kaltblaues Rechteck in der schwarzen, raumlosen Dunkelheit ab. Nirgends brennt es. Es ist still, nur die Uhr zu Häupten tickt spitzig. Was ist nur geschehn? Was für ein Unglück? Vielleicht ist es in der Nachbarschaft; jemand stirbt; irgendwo wird ratlos mit dem schweren Augenblick gekämpft. Ich bin schließlich kein Arzt.

Aber das Bett knarrt und brennt ermüdend. Brož setzte sich im Bette auf und nahm gewohnheitsmäßig die Brille. Wodurch vermöchte ich überhaupt, überlegte er, zu helfen? Wie nur zu nützen? Verstehe ich mich denn auf etwas Hilfreiches? Gott, nicht einmal raten, nicht einmal trösten; nicht einmal mit Worten vermöchte ich einen Teil der Last von irgend jemandem zu nehmen; nicht einmal durch Anteilnahme jemand zu stützen. Ich will ja selber nichts, als Ruhe haben; als mich der andern zu entledigen. Was mag da geschehen sein?

Indem fiel es ihm ein, die Lampe zu entzünden. Vielleicht bemerken sie, daß ich leuchte, sagte er sich, und kommen abermals. Ich werde leuchten wie ein Leuchtturm. Kommen sie, so frage ich, was geschehn ist; wenigstens erkenne ich, daß ich wirklich nicht habe helfen können. — Im voraus getröstet bettete sich Brož die Polster hinter den Rücken; gespannt lauerte er, daß das Pförtchen knarren und dieselbe Frauenstimme hinterm Fenster bitten werde. Aber der tickende Gang der Uhr quälte ihn. Vergeblich bemühte er sich, sie zum Stehen zu bringen. Es war drei Uhr. Auf einmal schnürte ihm ein häßliches Gewicht von Unruhe und Erregung die Brust zusammen. Niemand kam.

Zögernd und hastig begann sich Brož anzukleiden. Sicherlich, sagte er sich, werden sie dort leuchten, wo etwas geschehen ist, und ich werde ans Fenster pochen. Sowieso würde ich nicht mehr schlafen. Ich werde dort nichts nützen, aber — vielleicht sind sie so ratlos — Brož verwirrte sich in der Hast und verfluchte leise die Schuhbänder; schließlich gelang ihm ein ungewöhnlicher Knoten, und er lief vor das Haus hinaus.

Es war schwarz, durchaus schwarz. Brož begab sich die Gasse hinab und suchte ein erleuchtetes Fenster; nie zuvor hatte er ein so bis ins Bewußtlose entschlummertes Dorf gesehen, so fremd allem Wachenden, so fremd — nirgends waren klagende Nachtlampen, nirgends ein Lichtstreifen hinter den Fensterscheiben. Entsetzt hielt er inne vor der Kapelle: in den Fenstern zitterte und irrte das matte Licht einer Flamme. Die ewige Lampe, begriff er nach einer Weile und ging weiter; aber nirgends war beleuchtet; überall dunkel, nur etwas Blässe, von den Wänden ausgeschwitzt —.

Leise kehrte Brož zurück und lauschte vor den stummen Häuschen. Wird drinnen kein Jammern ertönen, wird nicht stille Ohnmacht erbeben? Wird keine Frauenstimme weinen? Bebend sondierte Brož die verschlossenen Räume des Schweigens; nichts, kein dichter Atem, nichts — fliegt nicht aus der Weite der Nacht, aus irgendeiner Ferne, von irgendeiner Seite der Welt ein herzzerreißender Schrei um Hilfe heran?

Wie fremd ist diese schlafende Welt, die nicht spricht! Die nicht vor Schmerz aufschreit! Die nicht nach Erlösung ruft! Wenn jetzt der leiseste Klageruf sich erhübe, würde er nicht feurig nach ihm langen, würde er sich nicht an ihn lehnen wie an eine Säule, würde er ihn nicht erfassen wie ein im Dunkel entzündetes Licht ...

Andern willst du helfen, ertönte es spöttisch und klar in ihm, und kannst dir selber nicht helfen! Aber was, dachte Brož in schmerzlichem Erstaunen, ist dem wirklich so? Doch eher darum, ach, gerade darum, weil du dir selber nicht helfen kannst — wer sich zu helfen vermag, wird sich selber helfen; aber du, der du dir nicht helfen kannst, hier bist es nicht eben du ...

Brož blieb wie geschlagen stehen. Dir selber kannst du nicht helfen? Aber ist es denn wirklich so? Brauch ich überhaupt Hilfe ... von mir selbst oder von irgendwem? Ist mir so schlimm? Gott, das nicht! Ich lebe ja nach meinem Sinn und mehr will ich nicht. Nur meine Tage für mich allein zu verleben. Ich habe keine unerfüllten Wünsche. Vielleicht habe ich überhaupt keine Wünsche. Mir selbst kann ich nicht helfen ... Worin auch. Nie ist es mir in den Sinn gekommen. Bleibe alles, wie es ist: Tag um Tag, bis ins Unabsehbare.

Tag um Tag? Brož setzte sich auf einen Eckstein und blickte unbewegt in die Finsternis, als träumte er heimlich den unterbrochenen Traum zu Ende; oder als träumte er ihn Tag um Tag, Monat und Jahr, bis ins Unabsehbare. — Nichts mehr verändert sich; was sollte sich auch ändern? Die Ereignisse fliehen und die Jahre vergehen; aber Tag um Tag kehrt zurück, so als geschähe überhaupt nichts. Ein Tag ist vergangen: was liegt daran? Es wird ja derselbe Tag, derselbe Tag mir morgen kommen. Nur wenn die Zeit vergeht!

Und täglich kann ich mir sagen: Ich habe nichts verloren als einen Tag. Nichts mehr als einen Tag! Warum also diese Angst? Brož rieb sich hart die Stirn. Ich sollte mich fassen. Ich bin unausgeschlafen. Ich bin stehengeblieben, und die Tage sind um mich gewachsen wie Mauern; Tag um Tag haben sich glatt und schwer geschichtet wie Wände. Schon erwache ich allmählich: aber wird es ein neuer und niegewesener Tag sein, den ich ringsum finde? Oder ein Tag, zusammengesetzt aus tausend vergangenen — wie Mauern? Und sage ich mir wieder: das ist also wieder ein weiterer Tag unter tausend aufgerichteten — wie Mauern? Warum ist er geworden? gestern war doch nur um einen weniger! Stand es dafür, wegen dieses einen Tages zu erwachen?

Alle Schläfrigkeit fiel plötzlich von ihm ab. Das ist ja ein Kerker, begriff er entsetzt; so viele Jahre habe ich wie im Kerker gelebt! Weit tat er die Augen auf; ihm war, als erhellten sich traurig all diese Jahre: seltsam fremd, seltsamer bekannt; alles, nichts, Tage ohne Zahl ... Ach, ein Kerker, riß sich Brož los. Werde ich denn niemals erwachen in niegewesenem Tag? Warte ich denn nicht täglich darauf (— ach, Kerker!) und habe ich nicht vielleicht immer gewartet, begriff er plötzlich (— vergangene Jahre klärten sich auf), ach, bin ich eigentlich nur deshalb stehen geblieben, um den ungeahnten Tag zu erwarten?

Vergangene Jahre klärten sich auf. Sieh, Gott, flüsterte Brož, zum Himmel emporblickend, ich verschweige es dir nicht länger; ich habe auf deine Hilfe gewartet, auf eine wunderbare Erlösung; daß ein großes Ereignis geschähe, ein jähes Licht in den Ritzen, und nach heftigen Schlägen in die Tür eine starke Stimme geböte: Lazarus, steh auf! So viele Jahre habe ich die Stimme des Siegers erwartet; du kamst nicht, und ich verlasse mich nicht mehr darauf.

Aber wenn ich noch harre, so ist es auf Hilfe und Erlösung. Auf eine Stimme, die mich aus meinem Gefängnisse ruft. Vielleicht ist sie nicht so stark, sondern so schwach, daß ich sie mit der eigenen Stimme unterstützen muß. Vielleicht ist es keine gebietende, sondern eine flehende Stimme: Lazarus, steh auf, uns zu helfen!

— Dir selbst kannst du nicht helfen: wer wird dir helfen? Wer kommt dich befreien, der du es selbst nicht vermagst? Alles schläft in unbewußtem Frieden; kindlich piept der Schmerz auf des Schlafenden Lippen; ein knabenhafter Traum, etwas von einem Zug, ein flüchtiger Traum zeichnet sich an den Wänden des Gefängnisses ab. Aber unversehens kommt er — pocht an dein Fenster und ruft dich aus dem Traume der niegewesene Tag. Ob du ihn erkennst und unverschlafen aufspringst?

Vielleicht hast du ein Weltbeben erwartet: höre ein stilles, flehendes Rufen. Vielleicht kommt der Tag, den du erwartest, gar nicht wie ein Feiertag; nur ein Wochentag, Montag des Lebens, neuer Tag.

Über den Wäldern wird es licht.

INHALT

  Seite
Stocken der Zeit 5
Historie ohne Worte 7
Verlorener Weg 10
Die Aufschrift 15
Die Versuchung 19
Spiegelung 23
Der Wartesaal 27
Hilfe! 32

Anmerkungen zur Transkription

Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

  • ... durchsichtigen Bernstein; er ist einfach eingestellt. ...
    ... durchsichtigem Bernstein; er ist einfach eingestellt. ...
  • ... Puerta de Sol, überlegte Ježek, Tor der Sonne; was hat er nur ...
    ... Puerta del Sol, überlegte Ježek, Tor der Sonne; was hat er nur ...
  • ... Sicherlich wird er etwa sagen, dachte Ježek; es ist schwer, ...
    ... Sicherlich wird er etwas sagen, dachte Ježek; es ist schwer, ...
  • ... Jahre! Und plötzlich diese Lösung: dir kommt das freudige und und ...
    ... Jahre! Und plötzlich diese Lösung: dir kommt das freudige und ...
  • ... Er war schwarz, durchaus schwarz. Brož begab sich die Gasse ...
    ... Es war schwarz, durchaus schwarz. Brož begab sich die Gasse ...