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Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur cover

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur

Chapter 3: Der erste Tag
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About This Book

Der Erzähler zeichnet Eindrücke eines Kuraufenthalts in Baden, beobachtet Mitkurgäste, das Badealltag und die Atmosphäre eines Heilorts. Er reflektiert über Altern und körperliche Leiden wie Gicht, Rheuma und Ischias und wie gemeinsame Gebrechlichkeit Lebens- und Denkweise prägt. Persönliche Anekdoten verbinden sich mit kulturkritischen und literarischen Überlegungen, die eine Haltung des schlichten, skeptischen Wohlwollens und des intelligenten Anti-Intellektualismus hervorheben. Kleine Beobachtungen, ironische Details und philosophische Abschweifungen vermitteln eine Stimmung von milder Selbstkenntnis, Gemeinschaft der Leidenden und resignativ-besinnlicher Akzeptanz.

„Kurgast“

Der erste Tag

Kaum war mein Zug in Baden angekommen, kaum war ich mit einiger Beschwerde die Wagentreppe hinabgestiegen, da machte sich schon der Zauber Badens bemerklich. Auf dem feuchten Zementboden des Perrons stehend und nach dem Hotelportier spähend, sah ich aus demselben Zug, mit dem ich angekommen war, drei oder vier Kollegen steigen, Ischiatiker, als solche deutlich gekennzeichnet durch das ängstliche Anziehen des Gesäßes, das unsichere Auftreten und das etwas hilflose und weinerliche Mienenspiel, das ihre vorsichtigen Bewegungen begleitete. Jeder von ihnen hatte zwar seine Spezialität, seine eigene Abart von Leiden, daher auch seine eigene Art von Gang, von Zögern, von Stakeln, von Hinken, und jeder auch sein eigenes, spezielles Mienenspiel, dennoch überwog das Gemeinsame, ich erkannte sie alle auf den ersten Blick als Ischiatiker, als Brüder, als Kollegen. Wer erst einmal die Spiele des nervus ischiaticus kennt, nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus jener Erfahrung, welche von den Ärzten als „subjektive Sensation“ bezeichnet wird, sieht hierin scharf. Alsbald blieb ich stehen und betrachtete mir diese Gezeichneten. Und siehe, alle drei oder vier schnitten bösere Gesichter als ich, stützten sich stärker auf ihre Stöcke, zogen ihre Schinken zuckender empor, setzten ihre Sohlen ängstlicher und unmutiger auf den Boden als ich, alle waren sie leidender, ärmer, kränker, beklagenswerter als ich, und dies tat mir äußerst wohl und blieb während meiner Badener Kurzeit ein tausendmal wiederkehrender, unerschöpflicher Trost: daß ringsum Leute hinkten, Leute krochen, Leute seufzten, Leute in Krankenstühlen fuhren, welche viel kränker waren als ich, viel weniger Grund zu guter Laune und zur Hoffnung hatten als ich! Da hatte ich denn gleich in der ersten Minute eins der großen Geheimnisse und Zaubermittel aller Kurorte gefunden und schlürfte meine Entdeckung mit wahrer Lust: die Leidensgenossenschaft, das „socios habere malorum“.

Und als ich nun den Bahnsteig verließ und mich einer sanft gegen die Bäder talwärts fließenden Straße wohlig überließ, da bestätigte und steigerte jeder Schritt die wertvolle Erfahrung: überall schlichen die Kurgäste, saßen müde und etwas krummgezogen auf grüngestrichenen Ruhebänken, hinkten in Gruppen plaudernd vorüber. Eine Frau wurde im Fahrstuhl daher geschoben, müde lächelnd, eine halbwelke Blume in der kränklichen Hand, hinten strotzend und voll Energie die blühende Pflegerin. Ein alter Herr trat aus einem der Läden, in denen die Rheumatiker ihre Ansichtskarten, Aschenbecher und Briefbeschwerer kaufen (sie brauchen deren viele, und ich konnte die Ursache nie ergründen) – und dieser alte Herr, der aus dem Laden trat, brauchte zu jeder Treppenstufe eine Minute und blickte auf die vor ihm liegende Straße, wie ein ermüdeter und unsicher gewordner Mensch auf eine große ihm gestellte Aufgabe blickt. Ein noch junger Mensch, mit einer graugrünen Militärmütze auf dem borstigen Kopf, arbeitete sich an zwei Stöcken kraftvoll, doch mühsam vorwärts. Ach, schon diese Stöcke, die man hier überall antraf, diese verflucht ernsthaften Krankenstöcke, welche in unten verbreiterte Gummizwingen ausliefen und sich wie Egel oder Saugwarzen an den Asphalt ansogen! Auch ich zwar ging an einem Stocke, einem zierlichen Malakka-Rohrstock, dessen Hilfe mir höchst willkommen war, allein zur Not konnte ich auch ohne Stock gehen, und niemand hatte mich jemals mit einem dieser traurigen Gummistöcke gesehen! Nein, es war klar und mußte jedem in die Augen fallen, wie rasch und schlank ich diese angenehme Straße hinabschlenderte, wie wenig und spielerisch ich den Malakkastock, ein reines Schmuckstück, ein bloßes Ornament, benützte, wie äußerst leicht und harmlos bei mir das Kennzeichen der Ischiatiker, das ängstliche Anziehen der Oberschenkel, ausgebildet, vielmehr nur angedeutet, nur flüchtig skizziert war, überhaupt wie straff und proper ich diesen Weg daherkam, wie jung und gesund ich war, verglichen mit all diesen älteren, ärmeren, kränkeren Brüdern und Schwestern, deren Gebrechen sich so deutlich, so unverhüllbar, so unerbittlich dem Blicke darboten! Ich sog Anerkennung, schlürfte Bejahung aus jedem Schritt, ich fühlte mich schon beinahe gesund, jedenfalls unendlich viel weniger krank als alle diese armen Menschen. Ja, wenn diese Halblahmen und Hinker noch Heilung erhofften, diese Leute mit den Gummistöcken, wenn Baden auch diesen noch helfen konnte, dann mußte ja mein kleines anfängerhaftes Leiden hier schwinden wie Schnee im Föhn, dann mußte der Arzt in mir ein Prachtexemplar, ein höchst dankbares Phänomen, ein kleines Wunder an Heilbarkeit entdecken.

Freundlich sah ich den anregenden Gestalten zu, voll Mitgefühl und Wohlwollen. Aus einer Konditorei kam jetzt eine alte Frau gequollen, die hatte es offenbar längst aufgegeben, ihr Gebrechen verheimlichen zu wollen, sie verkniff sich keine kleinste Reflexbewegung, sie nahm jede denkbare Erleichterung, jedes sich anbietende Spiel einer Hilfsmuskulatur voll in Anspruch, und so turnte, so balancierte und schwamm sie, breit sich durchkämpfend, wie eine Seelöwin über die Gasse, nur langsamer. Mein Herz hieß sie willkommen und jubelte ihr zu, ich pries die Seelöwin, ich pries Baden und mein gutes Geschick. Ich sah mich rings von Mitstrebenden, von Konkurrenten umgeben, welchen ich weit überlegen war. Wie gut, daß ich so rechtzeitig hierher gekommen war, noch im ersten Stadium einer leichten Ischias, noch mit den ersten schwachen Symptomen einer beginnenden Gicht! Mich umwendend, auf meinen Stock gestützt, sah ich lange der Seelöwin nach, mit jenem bekannten Wohlgefühl, welches uns zeigt, daß die Sprache für seelische Vorgänge noch keine Ausdrücke gefunden hat, denn sprachliche Gegensätze wie Schadenfreude und Mitleiden sind hier aufs innigste verbunden. Mein Gott, die arme Frau! So weit konnte es mit einem kommen.

Auch in diesem enthusiastischen Augenblick gesteigerten Lebensgefühls, auch während dieser holden Euphorie der guten Stunde freilich schwieg jene lästige Stimme in mir nicht ganz, die wir so ungern hören und doch so nötig haben, jene Stimme der Vernunft, und sie machte mich, in ihrem unangenehm kühlen Ton, leise und bedauernd darauf aufmerksam, daß die Quelle meines Trostes lediglich ein Irrtum, eine falsche Methode sei, daß ich nämlich mich selbst, den am Malakkastock nur leicht hinkenden Literaten, dankerfüllt zwar mit jeder lahmen, jeder schwer hinkenden und entstellten Gestalt verglich, daß ich es aber versäumte, jene endlos fortlaufende Skala der Symptome in Betracht zu ziehen, welche sich jenseits meiner Person ausdehnte, daß ich alle jene Gestalten, welche jünger, aufrechter, rüstiger und gesunder waren als ich selber, gar nicht wahrnahm. Vielmehr, ich nahm sie wahr, aber ich weigerte mich, sie mit in die Vergleichung zu ziehen, ja, während des ersten und zweiten Tages war ich sogar ganz primitiv davon überzeugt, alle jene Menschen, welche ich ohne Stock und ohne merkbares Lahmen oder Hinken mit vergnügten Gesichtern dahinwandeln sah, seien keineswegs Brüder und Kollegen, seien keine Kurgäste und Konkurrenten, sondern normale, gesunde Einwohner der Stadt. Daß es auch Ischiatiker geben könne, welche ganz ohne Stock und ganz ohne krampfhafte Gebärden gehen konnten, daß es viele Gichtiker gebe, denen auf der Straße kein Mensch, auch kein Psychologe, ihr Leiden anzusehen vermöge, daß ich mit meinem leicht deformierten Gang und meinem Malakkastocke keineswegs auf der ersten, harmlosen, untersten Stufe der Stoffwechselleiden stehe, daß ich nicht bloß den Neid der richtigen Lahmen und Hinker genieße, sondern auch das spöttische Mitleid zahlreicher Kollegen, welchen ich als Trost und Seelöwe diente, kurz, daß ich mit meiner scharfäugigen Beobachtung und Vergleichung der Leidensgrade nicht objektive Forschung treibe, sondern lediglich optimistische Selbstbezauberung, diese Erkenntnis erreichte mich, auf dem üblichen langsamen Wege, erst nach mehreren Tagen.

Nun, ich genoß dies Glück des ersten Tages in vollen Zügen, ich beging Orgien der naiven Selbstbejahung, und ich tat wohl daran. Von den überall auftauchenden Figuren meiner Mitkurgäste, meiner kränkeren Brüder angezogen, vom Anblick jedes Krüppels geschmeichelt, von jedem mir begegnenden Rollstuhl zu frohem Mitleid, zu teilnahmsvoller Selbstzufriedenheit aufgefordert, flanierte ich die Straße hinab, diese so bequeme, so schmeichelhaft angelegte Straße, auf welcher die ankommenden Gäste vom Bahnhof zu den Bädern hinabgerollt werden und die in sanfter Schwingung, mit wohligem, gleichmäßigem Gefälle zu den alten Bädern hinableitet und sich dort unten, gleich einer Flußversickerung, in die Eingänge der zahlreichen Badehotels verliert. Guter Vorsätze und froher Hoffnungen voll näherte ich mich dem „Heiligenhof“, wo ich abzusteigen dachte. Drei, vier Wochen galt es nun hier auszuhalten, täglich zu baden, möglichst viel spazieren zu gehen, sich Aufregungen und Sorgen möglichst fern zu halten. Es würde vielleicht zuweilen etwas eintönig sein, es würde nicht ohne Langeweile abgehen, weil hier das Gegenteil von intensivem Leben Vorschrift war, und für mich, den alten Solitär, dem alles Herden- und Hotelleben tief zuwider ist und äußerst schwer fällt, würde es einige Hindernisse zu nehmen, einige Überwindungen zu erkämpfen geben. Aber ohne Zweifel würde dies neue, mir völlig ungewohnte Leben, trotz seinem vielleicht etwas bürgerlichen, etwas faden Anstrich, auch heitere und interessante Erfahrungen bringen, – hatte ich es nicht wirklich in hohem Maße nötig, nach Jahren eines friedlich-verwilderten, ländlich-einsamen, in Studien versunkenen Lebens eine Weile wieder unter Menschen zu kommen? Und, die Hauptsache: jenseits der Hindernisse, jenseits dieser jetzt beginnenden Kurwochen lag der Tag, an dem ich diese selbe Straße rüstig bergan steigen, diese Hotels verlassen, an dem ich verjüngt und geheilt, mit elastisch spielenden Knien und Hüften, von diesem Baden wieder Abschied nehmen und die hübsche Straße zum Bahnhof hinantanzen würde.

Schade nur, daß es, eben im Augenblick da ich den Heiligenhof betrat, leise zu regnen anfing.

„Sie bringen kein gutes Wetter mit,“ sagte lächelnd das überaus freundliche Fräulein im Bureau bei der Begrüßung.

„Nein,“ sagte ich ratlos. Wie war nun das? Sollte wirklich ich es sein, dachte ich, der diesen Regen gerufen, der ihn erschaffen und hierher mitgebracht hat? Daß die platte, alltägliche Anschauungsweise dagegen sprach, konnte mich, den Theologen und Mystiker, nicht entlasten. Ja, ebenso wie Schicksal und Gemüt Namen eines Begriffes waren, ebenso wie ich meinen Namen und Stand, mein Alter, mein Gesicht, meine Ischias in gewissem Sinne mir selbst erwählt und geschaffen hatte und niemand außer mich dafür verantwortlich machen durfte, ebenso stand es wohl auch mit diesem Regen. Ich war bereit, ihn auf mich zu nehmen.

Nachdem ich dies dem Fräulein mitgeteilt und einen Anmeldezettel ausgefüllt hatte, trat ich nun in jene Verhandlungen wegen meines Zimmers ein, welche der normale Mensch nicht kennt, deren Grauen der naive Glückliche nicht ahnt, deren ganze Trübe nur dem in eine Fremdenherberge verschlagenen, an Einsamkeit und tiefe Stille gewöhnten, an Schlaflosigkeit leidenden Eremiten und Schriftsteller bekannt ist.

Ein Hotelzimmer zu nehmen, ist für normale Menschen eine Kleinigkeit, ein alltäglicher, in keiner Weise affektbetonter Akt, mit dem man in zwei Minuten fertig ist. Für unsereinen aber, für uns Neurotiker, Schlaflose und Psychopathen wird dieser banale Akt, mit Erinnerungen, Affekten und Phobien phantastisch überladen, zum Martyrium. Der freundliche Hotelier, die sympathische Empfangsdame, welche uns, auf unsre zaghaft inständige Bitte, ihr „ruhiges Zimmer“ zeigen und empfehlen, ahnen den Sturm von Assoziationen, von Befürchtungen, von Ironien und Selbstironien nicht, den dies fatale Wort in uns erregt. O wie gut, o wie schauerlich genau, wie grauenhaft profund kennen wir diese ruhigen Zimmer, diese Stätten unsrer qualvollsten Leiden, unsrer schmerzlichsten Niederlagen, unsrer heimlichsten Schmach! Wie falsch und tückisch, wie dämonisch blicken uns diese freundlichen Möbel, diese wohlgemeinten Teppiche und heiteren Tapeten an! Wie fatal, wie vernichtend grinst jene verriegelte Verbindungstür zum Nachbarzimmer, die sich unseligerweise in den meisten dieser Zimmer befindet, häufig ihrer eigenen üblen Rolle bewußt und darum schamhaft hinter einem Tuchbehang verborgen! Wie schmerzlich und ergeben blicken wir zur weiß getünchten Zimmerdecke empor, welche stets im Augenblick der Besichtigung in schweigender Leere grinst, um dann abends und morgens von den Schritten der Obenwohnenden zu dröhnen – ach, und nicht nur von Schritten, das sind bekannte und also nicht die schlimmsten Feinde! Nein, über diesen harmlos weißen Plan rollen in der Stunde des Verhängnisses, ebenso wie durch die dünne Tür und Wand, ungeahnte Geräusche und Vibrationen, weggeworfene Stiefel, zu Boden fallende Spazierstöcke, mächtige rhythmische Erschütterungen (auf hygienische Turnübungen deutend), umgeworfene Stühle, ein vom Nachttisch stürzendes Buch oder Glas, das Rücken von Koffern und Möbelstücken. Dazu die Menschenstimmen, die Gespräche und Selbstgespräche, das Husten, das Lachen, das Schnarchen! Und weiter, schlimmer als dies alles, die unbekannten, unerklärlichen Geräusche, alle jene seltsamen, geisterhaften Laute, die wir nicht deuten, deren Herkunft und vermutliche Dauer wir nicht ahnen können, jene Klopf- und Wühlgeister, all jenes Knacken, Ticken, Flüstern, Blasen, Saugen, Rauschen, Seufzen, Knarren, Picken, Sieden – weiß Gott, welch reiches unsichtbares Orchester sich in den paar Quadratmetern eines Hotelzimmers verbergen kann!

Das Wählen eines Schlafzimmers ist also für unsereinen eine äußerst heikle, wichtige und dabei ziemlich hoffnungslose Unternehmung, an zwanzig Dinge, an hundert Möglichkeiten ist dabei zu denken. In einem Raume ist der Wandschrank, im andern die Heizröhre, im dritten der okarinablasende Nachbar die Quelle akustischer Überraschungen. Und da erfahrungsgemäß bei keinem einzigen Zimmer der Welt jene so innig ersehnte Ruhe und Schlafsicherheit feststellbar ist, da das anscheinend ruhigste Zimmer Überraschungen birgt (wohnte ich nicht schon, um ja keinen Störenfried über oder neben mir zu wissen, in einer einsamen Dienstbotenkammer im fünften Stock und fand über mir, statt des vermiedenen Zeitgenossen, den klappernden Dachboden von Ratten toll belebt?!) – sollte man da nicht am Ende auf jede Wahl verzichten, einfach kopfvoran ins Schicksal springen und den Zufall walten lassen? Statt sich zu quälen und abzusorgen und nach wenigen Stunden dennoch enttäuscht und traurig dem Unvermeidlichen gegenüberzustehen, ist es nicht klüger, das blinde Geschick walten zu lassen und wahllos das erste angebotene Zimmer zu nehmen? Gewiß, das ist klüger. Wir tun es aber nicht oder tun es nur selten einmal, denn wenn Klugheit und Vermeiden von Aufregungen allein unser Tun und Lassen leiten sollte, wie sähe da das Leben aus? Wissen wir nicht alle, daß unser Schicksal uns eingeboren und unentrinnbar ist, und hängen wir nicht dennoch alle innig und glühend an der Illusion der Wahl, der Willensfreiheit? Könnte nicht jeder von uns, wenn er den Arzt für seine Krankheit, wenn er Beruf und Wohnort, wenn er eine Geliebte und Braut wählt, dies alles ebenso gut und vielleicht mit besserm Erfolge dem reinen Zufall überlassen – und wählt er nicht dennoch, wendet er nicht dennoch eine Menge von Leidenschaft, von Mühe, von Sorge an all diese Dinge? Vielleicht tut er es naiv, in kindlicher Leidenschaftlichkeit, an seine Macht glaubend, von der Beeinflußbarkeit des Schicksals überzeugt; vielleicht auch tut er es skeptisch, tief überzeugt von der Wertlosigkeit seiner Bemühungen, aber ebensosehr davon überzeugt, daß Tun und Streben, Wählen und Sichquälen schöner, lebendiger, bekömmlicher oder mindestens amüsanter sei als Erstarren in resignierter Passivität. Nun also, ebenso handle ich närrischer Zimmersucher, wenn ich, trotz tiefem Überzeugtsein von der Vergeblichkeit und drolligen Sinnlosigkeit meines Tuns, eben dennoch jedesmal wieder lange Verhandlungen über das zu wählende Zimmer führe, mich nach Nachbarn, nach Türen und Doppeltüren, nach Drum und Dran gewissenhaft erkundige. Es ist ein Spiel, das ich treibe, ein Sport, wenn ich in dieser kleinen alltäglichen Frage immer wieder mich der Illusion, der fiktiven Spielregel überlasse, als seien Dinge dieser Art überhaupt einer vernunftgemäßen Behandlung zugänglich und würdig. Ich handle dabei ebenso klug oder ebenso töricht wie ein Kind beim Einkaufen von Naschwerk oder wie ein Spieler, der seinem Einsatz mathematische Tabellen zugrundelegt. In allen solchen Lagen wissen wir genau, daß wir dem reinen Zufall gegenüberstehen, und handeln, aus tiefem geistigem Bedürfnis, dennoch so, als könne und dürfe es keinen Zufall geben, als sei alles und jedes in der Welt unsrem vernünftigen Denken und Ordnen untertan.

Also ich spreche mit dem bereitwilligen Fräulein die fünf oder sechs leerstehenden Zimmer genau durch. Von dem einen erfahre ich, daß nebenan eine Violinspielerin wohnt und täglich zwei Stunden übt – nun, das ist immerhin etwas Positives, ich tendiere nun bei der engeren Wahl nach möglichst großer Entfernung von jenem Zimmer und Stockwerk. Für Verhältnisse und Möglichkeiten der Hotelakustik habe ich ohnehin eine Sensibilität, ein Ahnungsvermögen, das manchem Architekten sehr zu wünschen wäre. Kurz, ich tat das Notwendige, das Vernünftige, ich handelte sorgfältig und gewissenhaft, wie ein Nervöser beim Suchen eines Schlafzimmers handeln muß, mit dem üblichen Ergebnisse, das etwa so zu formulieren wäre: „Es nützt zwar nichts, und natürlich werde ich in diesem Zimmer dieselben Abenteuer und Enttäuschungen antreffen wie in jedem anderen, aber immerhin habe ich nun meine Pflicht getan, ich habe mir Mühe gegeben, den Rest lege ich in Gottes Hand.“ Und gleichzeitig sprach, wie immer in solchen Fällen, eine andre, leisere Stimme zutiefst in mir innen: „Wäre es nicht besser, das Ganze Gott zu überlassen und auf dies Theaterspiel zu verzichten?“ Ich hörte die Stimme, wie gewohnt, und hörte sie doch nicht, und weil ich zur Stunde so guter Laune war, verlief die Prozedur angenehm, zufrieden sah ich meinen Reisekorb in Nummer 65 verschwinden und ging weiter, denn es war die Stunde, zu der ich beim Doktor angemeldet war.

Und siehe, auch hier ging es gut. Nachträglich kann ich ja gestehen, daß mir vor diesem Besuch etwas bange war, nicht weil ich eine niederschmetternde Diagnose befürchtet hätte, sondern weil die Ärzte für mein Gefühl mit zur geistigen Hierarchie gehören, weil ich dem Arzt einen hohen Rang zubillige und weil ich bei ihm eine Enttäuschung schwer ertrage, die ich bei einem Eisenbahn- oder Bankbeamten, auch noch bei einem Advokaten leicht hinnehme. Ich erwarte, ich weiß selbst nicht genau warum, vom Arzt einen Rest jenes Humanismus, zu welchem die Kenntnis des Latein und des Griechischen und eine gewisse philosophische Vorschule gehören und der in den meisten Berufen des heutigen Lebens nicht mehr benötigt wird. In dieser Hinsicht bin ich, sonst voll Freude am Neuen und Revolutionären, überaus rückständig, ich verlange von den höher gebildeten Ständen einen gewissen Idealismus, eine gewisse Bereitschaft zu Verständnis und Auseinandersetzung, ganz unabhängig vom materiellen Vorteil, kurz ein Stück Humanismus, obwohl ich weiß, daß dieser Humanismus in Wirklichkeit nicht mehr existiert und daß auch seine Gebärde bald nur noch in Wachsfigurenkabinetten anzutreffen sein wird.

Nach kurzem Warten wurde ich hineingeführt, ein sehr schöner, geschmackvoll eingerichteter Raum gewann sogleich mein Vertrauen. Der Arzt, der erst noch in einem Nebenraume in der üblichen Weise mit Wasser geplätschert hatte, trat herein, ein intelligentes Gesicht versprach Verständnis, und wir begrüßten einander, wie es gesitteten Boxern ziemt, vor dem Wettkampf mit herzlichem Händedruck. Vorsichtig begannen wir den Kampf, tasteten einander ab, probierten zögernd die ersten Schläge. Noch waren wir auf neutralem Gebiet, unser Disput ging um Stoffwechsel, Ernährung, Alter, frühere Krankheiten und troff von Harmlosigkeit, nur bei einzelnen Worten kreuzten sich unsere Blicke, klar zum Gefecht. Der Arzt hatte einige Ausdrücke aus der medizinischen Geheimsprache auf seiner Palette, die ich nur annähernd entziffern konnte, die aber seinen Kundgebungen ornamental sehr zustatten kamen und seine Position mir gegenüber spürbar stärkten. Immerhin war mir schon nach einigen Minuten klar, daß bei diesem Arzte nicht jene grausame Enttäuschung zu fürchten war, welche Menschen von meiner Art gerade bei Ärzten peinlich ist: daß man hinter einer gewinnenden Fassade von Intelligenz und Schulung auf eine starre Dogmatik stößt, deren erster Satz postuliert, daß Anschauungsweise, Denkart und Terminologie des Patienten rein subjektive Phänomene, die des Arztes hingegen streng objektive Werte seien. Nein, hier hatte ich es mit einem Arzt zu tun, um dessen Verständnis zu kämpfen einen Sinn hatte, der nicht nur der Vorschrift gemäß intelligent, sondern bis zu einem zunächst noch nicht bestimmbaren Grade wissend war, also im Besitz eines lebendigen Gefühls für die Relativität aller geistigen Werte. Unter gebildeten und gescheiten Menschen passiert es ja in jedem Augenblick, daß jeder die Mentalität und Sprache, die Dogmatik und Mythologie des andern als eine subjektive, als bloßen Versuch, bloßes flüchtiges Gleichnis erkennt. Daß aber jeder diese selbe Erkenntnis auch an sich selber mache und auf sich selber anwende und jeder sich selbst sowohl wie dem Gegner das Recht auf seine von innen her bestimmte und notwendige Art, Denkweise und Sprache zugestehe, daß also zwei Menschen miteinander Gedanken austauschen und sich dabei beständig der Gebrechlichkeit ihrer Werkzeuge, der Vieldeutigkeit aller Worte, der Unmöglichkeit eines wahrhaft exakten Ausdrucks, also auch der Notwendigkeit eines intensiven Sichgebens, einer gegenseitigen herzlichen Bereitwilligkeit und intellektuellen Ritterlichkeit bewußt bleiben – diese hübsche, zwischen denkenden Wesen eigentlich selbstverständliche Situation kommt ja praktisch so kläglich selten vor, daß wir jede Annäherung an sie, jede auch nur teilweise Verwirklichung innig begrüßen. Hier nun, diesem Spezialisten für Stoffwechselerkrankungen gegenüber, blitzte etwas wie die Möglichkeit solchen Verständnisses und Austausches auf.

Die Untersuchung, Blutprobe und Röntgen vorbehalten, brachte tröstliche Ergebnisse. Herz normal, Atmung ausgezeichnet, Blutdruck sehr anständig, dagegen fanden sich die unverkennbaren Merkmale einer Ischias, einzelne gichtische Ansätze und ein etwas tadelnswerter Zustand der ganzen Muskulatur. Eine kleine Pause trat in unsrer Unterhaltung ein, während der Doktor sich wieder die Hände wusch.

Wie erwartet, trat in diesem Augenblick die Wende ein, das neutrale Gebiet wurde verlassen, mein Partner ging zur Offensive über, mit der vorsichtig akzentuierten, mit scheinbarer Nachlässigkeit hingelegten Frage: „Glauben Sie nicht, daß Ihre Leiden zum Teil auch psychisch mitbestimmt sein könnten?“ Also da standen wir nun, das Erwartete, Vorausgewußte war eingetroffen. Der objektive Befund rechtfertigte nicht ganz den von mir gemachten Aufwand an Leiden, es war ein verdächtiges Plus an Sensibilität da, meine subjektive Reaktion auf die Gichtschmerzen entsprach nicht dem vorgesehenen Normalmaße, ich war als Neurotiker erkannt. Also wohlauf, in den Kampf!

Ebenfalls vorsichtig, ebenfalls wie beiläufig erklärte ich, daß ich nicht an „psychisch mitbestimmte“ Leiden und Zustände glaube, daß in meiner persönlichen Biologie und Mythologie das „Psychische“ nicht eine Art von Nebenfaktor neben der Physis sei, sondern die primäre Macht, daß ich also jeden Lebenszustand, jedes Gefühl von Lust und Leid, auch jede Krankheit, jeden Unglücksfall und Tod als psychogen, als aus der Seele geboren ansehe. Wenn ich an den Fingergelenken Gichtknoten ansetze, so ist es meine Seele, ist es das ehrwürdige Lebensprinzip, das Es in mir, das im plastischen Material sich zum Ausdruck bringt. Wenn die Seele leidet, so kann sie das sehr verschieden ausdrücken, und was sich bei dem einen als Harnsäure gestaltet und den Abbau seines Ich vorbereitet, das kann bei einem andern als Trunksucht dieselben Dienste tun, bei einem dritten sich zu einem Stück Blei verdichten, das plötzlich in seine Hirnschale einbricht. Dabei gab ich zu, daß die Aufgabe und Möglichkeit des helfenden Arztes sich wohl in den meisten Fällen damit begnügen müsse, die materiellen, also sekundären Veränderungen aufzusuchen und sie mit ebenfalls materiellen Mitteln zu bekämpfen.

Auch jetzt noch rechnete ich durchaus mit der Möglichkeit, vom Doktor sitzen gelassen zu werden. Er würde zwar nicht geradezu sagen: „Sehr Geehrter, was Sie da reden, ist Blödsinn“, aber er würde vielleicht mit einem um einen Grad zu nachsichtigen Lächeln mir zustimmen, ein banales Wort über den Einfluß der Stimmungen, zumal auf eine Künstlerseele, sprechen und würde außer diesen Posthaltern vielleicht auch noch gar das fatale Wort „Imponderabilien“ hervorholen. Dies Wort ist ein Probierstein, eine zarte Wage für geistige Maße, welche der Durchschnitts-Wissenschaftler schon „imponderabel“ nennt. Er braucht nämlich dies bequeme Wort stets da, wo es sich um das Messen und Beschreiben von Lebensäußerungen handelt, für welche nicht nur die vorhandenen materiellen Meßapparate zu grob, sondern auch die Gewilltheit und Fähigkeit des Sprechenden zu klein ist. Der Nurwissenschaftler weiß ja meistens wenig, er weiß unter andrem nicht, daß es gerade für die flüchtigen, beweglichen Werte, die er imponderabel nennt, außerhalb der Naturwissenschaft alte, hochkultivierte Meß- und Ausdrucksmethoden gibt, daß sowohl Thomas von Aquin wie Mozart, jeder in seiner Sprache, gar nichts anderes getan haben, als sogenannte Imponderabilien mit einer unerhörten Präzision zu wägen. Konnte ich von einem Badearzt, sei er auch auf seinem Gebiete ein Phönix, dies zarte Wissen erwarten? Ich tat es aber doch, und siehe, ich wurde nicht enttäuscht. Ich wurde verstanden. Der Mann erkannte, daß ihm in mir nicht eine fremde Dogmatik entgegentrete, sondern ein Spiel, eine Kunst, eine Musik, bei welcher es kein Rechthaben und Streiten mehr gebe, nur ein Mitschwingen oder Versagen. Und er versagte nicht, ich wurde verstanden und anerkannt, anerkannt nicht als Rechthabender natürlich, der ich ja nicht bin noch sein will, aber als Suchender, als Denkender, als Antipode, als Kollege von einer anderen, weit entlegenen, aber ebenfalls vollgültigen Fakultät.

Und jetzt stieg meine gute Laune, gehoben schon durch die für Blutdruck und Atmung erhaltene Zensur, bis in die höheren Grade. Mochte es nun mit dem Regenwetter, mit der Ischias, mit der Kur gehen wie es mochte, ich war nicht den Barbaren ausgeliefert, ich stand einem Menschen, einem Kollegen, einem Manne von elastischer und differenzierter Mentalität gegenüber! Nicht, daß ich darauf gerechnet hätte, häufig und lang mit ihm zu sprechen, Probleme mit ihm durchzusieben. Nein, dies war nicht nötig, wenn auch als angenehme Möglichkeit zu werten; es genügte, daß der Mann, dem ich für einige Zeit Gewalt über mich einräumte und Vertrauen schenken mußte, in meinen Augen das menschliche Reifezeugnis besaß. Mochte der Doktor mich heute noch für einen zwar geistig regsamen, doch leider etwas neurotischen Patienten ansehen, möglicherweise kam einmal die Stunde, wo er auch die oberen Stockwerke meines Gebäudes öffnen würde, wo mein eigentlicher Glaube, meine eigenste Philosophie mit der seinen in Spiel und Wettkampf treten würde. Auch meine Theorie des Neurotikers, fußend auf Nietzsche und Hamsun, würde dabei vielleicht einen Schritt weiter kommen. Aber einerlei, daran war nicht viel gelegen. Der neurotische Charakter nicht als Krankheit, sondern als ein zwar schmerzhafter, doch höchst positiver Sublimierungsprozeß gesehen – das war ein hübscher Gedanke. Es war jedoch einzig wichtig, ihn zu leben, nicht ihn zu formulieren.

Zufrieden und mit zahlreichen Kurvorschriften versehen, nahm ich vom Arzte Abschied. Der Zettel, den ich in der Brieftasche trug und dessen Befolgung morgen in aller Frühe beginnen sollte, verhieß mir mancherlei heilsame und amüsante Dinge: Bäder, Trinkkur, Diathermie, Quarzlampe, Heilgymnastik. Also mit der Langeweile kann es nicht allzu schlimm werden.

Daß auch der Abend meines ersten Kurtages schön und freundlich verlief und zu seiner Blüte kam, ist das Verdienst meines Wirtes. Das Abendessen, das sich zu meinem Staunen als ein Festmahl edlen Stils entfaltete, brachte solche gaumenschmeichelnde, mir seit Jahren nicht mehr bekannte Platten, wie Gnocchi mit Geflügelleber, Irish Stew, Erdbeereis. Und später saß ich, bei einer Flasche Rotwein, mit dem Hausherrn in lebhaften Gesprächen in einer schönen altertümlichen Stube an einem alten schweren Nußbaumtisch und hatte die Freude, in einem fremden Menschen von andrer Herkunft, andrem Beruf, andrem Ehrgeiz und andrem Lebensstil ein Echo zu finden, an seinen Sorgen und Freuden teilnehmen zu können, viele meiner Anschauungen von ihm geteilt zu sehen. Wir sangen einander keine hohen Gesänge vor, aber wir fanden schnell Berührungsflächen und kamen einander mit der Offenheit entgegen, die leicht zur Sympathie wird.

Auf einem kurzen Nachtgang vor dem Schlafengehen sah ich Sterne in den Regenpfützen gespiegelt, sah im Nachtwind am Ufer des heftig rauschenden Flusses ein paar außerordentlich schöne alte Bäume. Sie würden auch morgen noch schön sein, aber in diesem Augenblick hatten sie die magische, nicht wiederkehrende Schönheit, die aus unsrer eigenen Seele kommt und die, nach den Griechen, nur dann in uns aufleuchtet, wenn Eros uns angeblickt hat.