WeRead Powered by ReaderPub
Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur cover

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur

Chapter 6: Mißmut
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Der Erzähler zeichnet Eindrücke eines Kuraufenthalts in Baden, beobachtet Mitkurgäste, das Badealltag und die Atmosphäre eines Heilorts. Er reflektiert über Altern und körperliche Leiden wie Gicht, Rheuma und Ischias und wie gemeinsame Gebrechlichkeit Lebens- und Denkweise prägt. Persönliche Anekdoten verbinden sich mit kulturkritischen und literarischen Überlegungen, die eine Haltung des schlichten, skeptischen Wohlwollens und des intelligenten Anti-Intellektualismus hervorheben. Kleine Beobachtungen, ironische Details und philosophische Abschweifungen vermitteln eine Stimmung von milder Selbstkenntnis, Gemeinschaft der Leidenden und resignativ-besinnlicher Akzeptanz.

Mißmut

Wenn ich heute an den Optimismus meines ersten Badener Tages zurückdenke, an meine damalige kindliche Hoffnungsfreudigkeit, an mein naives Vertrauen in diese Badekur und gar an die schon mehr frivole, selbstgefällige Einbildung und knabenhafte Eitelkeit, mit der ich damals mich als verhältnismäßig jung und rüstig, als einen hoffnungsvollen Leichtkranken einschätzte; wenn ich mich der ganzen spielerisch leichtsinnigen Stimmung jener ersten Tage erinnere, meines primitiven Negerglaubens an Baden, an die Harmlosigkeit und Heilbarkeit meiner Ischias, an die warmen Quellen, an den Badearzt, an die Diathermie und die Quarzlampe: dann kann ich nur schwer dem Drang widerstehen, mich vor den Spiegel zu stellen und mir selber die Zunge herauszustrecken. Mein Gott, wie sind diese Einbildungen geschwunden, wie sind diese Hoffnungen erloschen, was ist übrig geblieben von jenem aufrechten, elastischen, wohlwollend lächelnden Ankömmling, der an seinem Malakkastock spielend und von sich selbst entzückt die Badestraße hinabtanzte! Wie ein richtiger Affe komme ich mir jetzt vor. Ja, und was ist übrig geblieben von der so optimistischen, glattlackierten, anpassungsbereiten, weltmännischen Philosophie, mit der ich damals spielte und mich zierte wie mit meinem Malakkastock!

Zwar dieser Spazierstock ist noch unverändert. Noch gestern habe ich das Anerbieten des Bademeisters, einen jener verfluchten Gummizapfen über das Ende meines hübschen Stockes zu stülpen, mit Entrüstung zurückgewiesen. Aber wer weiß, ob ich dies Anerbieten, wenn es morgen wiederholt wird, nicht annehme?

Ich habe scheußliche Schmerzen, und nicht bloß beim Gehen, sondern auch beim Sitzen, so daß ich seit vorgestern fast immer liege. Wenn ich morgens aus meinem Bade steige, so machen die zwei kleinen Steinstufen mir schwere Arbeit, keuchend und schwitzend ziehe ich mich am Geländer empor, habe kaum mehr die Kraft, das Badetuch um mich zu schlagen, und sinke dann für eine Weile im Stuhl zusammen. Das Anziehen der Hausschuhe, des Schlafrockes ist eine verhaßte schwere Pflicht, der Weg bis zum Schwefelbrunnen und später vom Brunnen zum Lift, vom Lift ins Schlafzimmer ist eine scheußlich mühsame, endlose, schmerzhafte Reise. Ich benütze bei dieser Morgenreise alle denkbaren Hilfsmittel, halte mich am Badewärter, am Türpfosten, an jeder Brüstung fest, taste mich den Wänden nach und bewege Beine und Rücken ohne jede ästhetische Rücksicht in jener schwerfällig-traurigen, idiotenhaft-häßlichen, halb schwimmenden Manier, die ich einstmals (o wie unsäglich lange ist das her!) mit humorvollem Mitleid an jener alten Dame beobachtete, die ich mit einer Seelöwin vergleichen zu müssen meinte. Wenn jemals ein frivoles Witzwort strafend auf des Spötters Haupt zurückfiel, so ist es hier geschehen.

Morgens, wenn ich auf dem Bettrand sitze und mich vor der qualvollen Aufgabe scheue, mich zu meinen Schuhen niederzubücken, oder wenn ich nach dem Bade, todmüde, halbschlummernd auf dem Stuhl in der Badezelle hänge, dann sagt mir die Erinnerung, daß es noch vor kurzem, noch vor wenigen Wochen Morgen gegeben hat, an denen ich, kaum dem Bett entschlüpft, kraftvoll und genau meine Atemübungen vornahm, den Brustkorb dehnte, den Bauch zum Riemen einzog, den gestauten Atem beherrscht und rhythmisch wie aus einer Oboe entströmen ließ. Es muß wahr sein, aber schon kann ich nicht mehr recht daran glauben, daß ich einst mit straffgestreckten Beinen und durchgedrückten Knien auf federnden Zehen zu stehen, daß ich tiefe langsame Kniebeugen und alle jene andern hübschen Turnstücke auszuführen vermochte!

Allerdings hat man mir gleich beim Beginn der Kur gesagt, daß möglicherweise solche Reaktionen eintreten könnten, daß die Bäder sehr ermüden und daß bei manchen Patienten vorerst die Schmerzen sich in der Kur noch steigern. Nun ja, ich hatte dazu genickt. Aber daß diese Ermüdung so jämmerlich, die Zunahme der Schmerzen so heftig und niederdrückend sein könnte, hatte ich nicht geahnt. Ich bin in acht Tagen ein alter Mann geworden, der in Haus und Garten da und dort auf den Bänken herumsitzt und jedesmal Mühe hat, wieder hochzukommen, der keine Treppen mehr steigt und dem der Liftboy beim Ein- und Aussteigen behilflich sein muß.

Auch von außen her kam allerlei Enttäuschendes. In Zürich, ein paar Meter von hier, sitzen mehrere nahe Freunde von mir, und sie wissen, daß ich krank und hier zur Kur bin, zwei von ihnen haben mir ihren Besuch sogar geradezu versprochen, als ich sie auf der Durchreise besuchte. Gekommen aber ist keiner, und natürlich wird auch keiner kommen; daß ich mich darauf verließ und freute, war wieder eine meiner nicht auszurottenden Infantilitäten. Nein, sie kommen natürlich nicht, ich weiß ja doch, wie viel sie zu tun haben, alle diese armen und geplagten Menschen, und wie spät sie oft ins Bett kommen, nach dem Theater, dem Restaurant, der Einladung; es war dumm von mir, daran nicht zu denken und ganz wie ein kleines Kind ohne weiteres zu erwarten, die Leute würden sich ein Vergnügen daraus machen, mir, einem kranken und langweiligen Menschen, Besuche zu machen. Aber immer setze ich das Ungeheuerste voraus, erwarte das Überschwänglichste; kaum kenne ich jemand und finde ihn sympathisch, so traue ich ihm schon auch das Allerbeste zu, ja, fordere es von ihm und bin entzaubert und betrübt, wenn es nicht stimmt. So ging es mir auch mit der ziemlich hübschen und jungen Dame im Hotel, mit der ich mich einige Male unterhalten habe und die mir recht gut gefiel. Nachdem sie mir als ihre Lieblingsbücher einige schlechte Unterhaltungsromane genannt hatte, war ich zwar einen Moment erschrocken, sagte mir aber alsbald, daß ich, der Fachmann und Kenner in literarischen Dingen, kein Recht habe, auf diesem Gebiet auch bei anderen Urteil und Verständnis vorauszusetzen. Ich schluckte jene Büchertitel, strafte mich selbst und traute weiterhin der Dame das Beste und Edelste zu. Und nun hat sie gestern abend im Salon drüben diesen Mord begangen! Sie, eine angenehme, heitere und sogar hübsche Dame, eine Frau, die in meiner Gegenwart sicher kein Kind prügeln und kein Tier quälen würde, hat in meiner Gegenwart, mit heiterer Stirn und unschuldigen Augen, am Klavier eine liebenswürdige Menuett aus dem achtzehnten Jahrhundert mit ungeübten, aber kräftigen Händen vergewaltigt und totgeschlagen! Ich war ganz entsetzt und traurig und rot vor Scham, aber es fiel niemandem auf, daß da etwas Schlimmes geschehen war, ich saß mit meinen törichten Gefühlen allein. O wie sehnte ich mich nach meiner Einsamkeit, nach meiner Höhle, die ich nie hätte verlassen sollen, wo es zwar Leiden und Nöte genug gibt, aber keine Klaviere, keine literarischen Gespräche, keine gebildeten Nebenmenschen!

Und die ganze Kur, das ganze Baden ist mir so scheußlich zuwider geworden. Von den Gästen unsres Hotels sind, wie ich weiß, die allermeisten nicht zum erstenmal in Baden, viele besuchen das Bad zum sechsten-, zum zehntenmal, und nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird es mir gehen wie ihnen, wie allen Stoffwechselkranken, daß nämlich das Leiden von Jahr zu Jahr fataler wird und daß die Hoffnung auf Heilung der bescheideneren Hoffnung weicht, durch solche Kuren wenigstens alljährlich für eine Weile etwas Erleichterung zu finden. Der Arzt zwar bleibt fest bei seinen Versicherungen, aber das ist ja sein Beruf, und daß wir Patienten äußerlich gut aussehen und den Eindruck gedeihlichsten Wohlergehens machen, dafür sorgt materiell das üppige Essen und koloristisch die Quarzlampe, die uns auf das dekorativste bräunt, so daß wir aussehen wie Leute, die soeben blühend vom Hochgebirge zurückkehren.

Dabei verkommt man auch moralisch in dieser faulen und erschlaffenden Badeatmosphäre. Meine paar guten spartanischen Gewohnheiten, die ich mir in Jahren anerzogen, das Atmen und Turnen, das Vorliebnehmen mit magerer Kost, sind mir verloren gegangen, übrigens unter direkter Unterstützung des Arztes; auch meine anfängliche Beobachtungs- und Arbeitslust ist fast ganz verschwunden. Nicht daß es um diese Psychologia Balnearia schade wäre – im Gegenteil, sie war von Anfang an ja nicht ein Opus, kein zielbewußter Gestaltungsversuch, sondern eben eine Beschäftigung, eine kleine tägliche Übung für Auge und Handgelenk. Aber auch darüber wird die Trägheit Herr, ich brauche wenig Tinte mehr. Wäre der Sieg über den Holländer nicht, der mir auch schon unverhältnismäßig schwer fiel, so müßte ich geradezu eine Verluderung und Versumpfung feststellen. Und in manchen Punkten muß ich dies wirklich. Vor allem hat sich meiner eine Trägheit, eine mißgelaunte Faulheit bemächtigt, die mich von allem Guten und Nützlichen abhält, namentlich von jeder noch so geringen körperlichen Anstrengung. Kaum zum kleinsten Spaziergang kann ich mich bringen, nach Tische liege ich, ebenso wie nach den Bädern und Behandlungen, stundenlang auf dem Bett oder im Liegestuhl, und wie es geistig mit mir steht, das werde ich später deutlich ablesen können, wenn ich diese albernen Aufzeichnungen, mit denen ich mich aus einem Rest von Pflichtgefühl noch je und je eine Stunde lang plage, einmal wieder lesen werde. Ich bestehe ganz und gar nur noch aus Trägheit, aus matter Langeweile, fauler Schlafsucht.

Ein noch beschämenderes Bekenntnis bleibt mir nicht erspart. Daß ich nichts arbeiten, nicht denken, kaum lesen mag, daß ich seelisch und leiblich jede Frische und Energie verloren habe, wäre schlimm genug, aber es kommt noch immer ärger. Ich habe angefangen, mich gerade der oberflächlichen und verdummenden, der öden und lasterhaften Seite dieses trägen Kurgastlebens hinzugeben. Ich esse zum Beispiel mittags all die guten fetten Bissen nicht mehr bloß so mit, spaßeshalber und mit innerer Überlegenheit oder mindestens Ironie, wie ich es zu Anfang tat – nein, ich esse, ich fresse, obwohl ich längst nicht mehr weiß, was Hunger ist, diese feinen langen Menus täglich zweimal herunter mit der unbeherrschten, dummen Völlerei des gelangweilten Menschen, des fetten, lieblosen Bourgeois, ich trinke zum Abendessen meistens auch etwas Wein, und vor dem Schlafengehen habe ich mir ein Fläschchen Bier angewöhnt, etwas, was ich seit bald zwanzig Jahren nicht mehr getrunken hatte. Ich nahm es anfangs als Schlafmittel, weil es mir empfohlen wurde, trinke es nun aber seit Tagen rein aus Gewohnheit und Völlerei. Es ist nicht zu glauben, wie schnell man das Schlechte und Dumme lernen kann, wie leicht es ist, ein Hund von Faulenzer, ein Schwein von fettem Genießer zu werden!

Aber mein Talent zum Laster hat sich keineswegs mit der Esserei und Trinkerei, mit dem Nichtstun und Herumliegen begnügt. Mit der körperlichen Verwöhnung und Trägheit geht die geistige Hand in Hand. Was ich nie für möglich gehalten hätte, ist eingetreten: ich meide, nicht bloß im Geistigen, alle anstrengenden, rauhen und gefährlichen Wege, sondern suche, auch im Geistigen, träg und fresserhaft gerade jene faden, perversen, idiotisch pompösen und inhaltlosen Vergnügungen auf, die ich von jeher geflohen und verabscheut und wegen deren ich den Bourgeois und Städter im besonderen, unsre Zeit und Zivilisation im allgemeinen zuweilen angeklagt und verachtet habe. Ich habe mich jetzt dem durchschnittlichen Niveau des Kurgastes soweit genähert, daß ich einen Teil jener Vergnügungen nicht mehr verabscheue und fliehe, sondern mitmache und aufsuche. Es wird nicht lange mehr dauern, so werde ich auch noch die Kurliste lesen (von den Unterhaltungen der Patienten ist diese mir die rätselhafteste), werde mich mit Frau Müller nachmittagelang über ihre Rheumatismen unterhalten und über alle die Arten von Tee, die es dagegen gibt, und werde meinen Freunden Ansichtskarten mit Brautpaaren oder mit jenen kühnen Rübenmenschen senden.

Die Kurkonzerte, die ich lange Zeit so sorgfältig gemieden habe, suche ich jetzt häufig auf und sitze ebenso wie alle anderen auf einem Stuhle, höre die Unterhaltungsmusik vorüberrinnen und habe das angenehme Gefühl, es rinne damit hörbar und fühlbar ein Stück Zeit hinweg, ein Stück von der Zeit, von der wir Kurgäste so viel übrig haben. Zuweilen gewinnt und bezaubert mich auch die Musik selbst, der rein sinnliche Reiz der paar gut gespielten Instrumente, wobei vom Charakter und Gehalt der gespielten Stücke nichts in mein Bewußtsein tritt. Seichte Musikstücke, deren bloße Machart und Handschrift mir sonst Ekel erregt hätte, höre ich jetzt ohne Beschwerden bis zu Ende an. Ich sitze eine Viertelstunde, zuweilen eine halbe Stunde lang, müde und in schlechter Haltung, zwischen der Schar anderer gelangweilter Leute, höre wie sie die Zeit hinfließen, mache wie sie ein gelangweiltes Gesicht, kratze mich wie sie zuweilen gedankenlos am Hals oder Nacken, stütze das Kinn auf den Stockgriff oder gähne, und nur in vereinzelten Augenblicken zuckt meine Seele erschreckt und widerstrebend auf wie ein Steppentier, das plötzlich gefangen im Stall erwacht, nickt aber bald wieder ein und schläft und träumt weiter, unterirdisch, ohne mich, denn ich bin von ihr getrennt, seit ich auf diesen Konzertstühlen sitze.

Und erst jetzt, wo ich selber ganz und gar ein Teil der Menge, ein Durchschnittskurgast, ein gelangweilter müder Philister geworden bin, erst jetzt fühle ich, wie lächerlich und frivol es war, wenn ich auf den ersten Seiten dieser Schrift mich als einen normalen Vertreter dieser Welt und Mentalität aufspielte. Ich tat es ironisch, und erst jetzt, wo ich tatsächlich dieser normierten Alltagswelt angehöre, wo ich ohne Seele in einem Saal sitze und Unterhaltungsmusik zu mir nehme, wie man Tee oder Pilsner zu sich nimmt, erst jetzt fühle ich wieder ganz und gar, wie sehr, wie bitter ich diese Welt hasse. Denn jetzt hasse und verachte und verhöhne ich in dieser Welt mich selber, nichts andres mehr. Nein, mit dieser Welt zu paktieren, ihr anzugehören, in ihr Geltung zu haben und mich wohlzufühlen – ich spüre es in diesem Augenblick mit jeder Faser meines Wesens –, das ist nichts für mich, das ist mir verboten, das ist Sünde gegen alles Gute und Heilige, wovon ich weiß und woran teilzuhaben mein Glück ist. Und nur darum, nur weil ich zurzeit diese Sünde begehe, weil ich mit dieser Welt paktiert und sie angenommen habe, ist mir jetzt so sterbensschlecht zumute! Und dennoch verharre ich dabei, die Trägheit ist stärker als meine Einsicht, der fette, faule Bauch stärker als die schüchtern klagende Seele.

Zuweilen lasse ich mich jetzt auch von meinen Mitkurgästen in die Unterhaltung ziehen, wir stehen nach Tische ein wenig im Korridor herum und äußern völlig übereinstimmende Meinungen über den Stand der Politik und Währungen, über Wetter und Kur, auch über Lebensphilosophie und Familiensorgen. Daß junge Menschen eben doch eine Autorität über sich brauchen und daß es keinem schadet, wenn er zuzeiten hartes Holz bohren und bittere Brocken schlucken muß, und andres dergleichen mehr, was ich alles von vornherein bereitwillig bejahe, wozu ich, den Bauch voll guten Essens, mein volles Einverständnis äußere. Hie und da zuckt die Seele auf, das Wort im Munde wird mir zu Galle, und ich muß eilig und rücksichtslos davonlaufen und die Einsamkeit suchen (o wie schwer ist sie hier zu finden), aber so im großen und ganzen bin ich auch dieser Sünde gegen den Geist, bin auch der Sünde des dummen, nutzlosen Schwatzens, des faulen, gedankenlosen Jasagens schuldig geworden.

Eine andere Zerstreuung, an die ich mich hier zu gewöhnen beginne, ist der Kinematograph. Mehrere Abende schon habe ich im Kino zugebracht, und wenn ich es das erstemal nur tat, um irgendwo allein zu sein, keine Gespräche anhören zu müssen und dem Bannkreis des Holländers zu entkommen, so ging ich doch das zweitemal schon zum Vergnügen, aus Zerstreuungssucht (auch an das Wort „Zerstreuung“, das früher in meinem Sprachschatz fehlte, habe ich mich nun schon gewöhnt!). Ich ging mehrere Male und habe mir, durch die Augenlust am Bilderspiel verführt und abgestumpft, nicht nur das Haarsträubendste und Liebloseste an Kunstersatz und Pseudodramatik, neben einer grauenhaften Musik, widerspruchslos gefallen lassen, sondern habe auch die physisch wie seelisch üble Atmosphäre in jenem Raume ertragen. Ich fange an, alles zu ertragen, alles zu schlucken, auch das Dümmste, auch das Häßlichste. Ich habe stundenlang einen Film abrollen sehen, in dem eine antike Kaiserin samt Theater, Zirkus, Kirche, samt Gladiatoren und Löwen, Heiligen und Eunuchen gezeigt wurde, und habe es ertragen, daß die höchsten Werte und Zeichen, daß Thron und Zepter, Ornat und Heiligenschein, Kreuz und Reichsapfel samt allen möglichen und unmöglichen Fähigkeiten und Zuständen der Seele, daß Menschen und Tiere zu Hunderten zu lächerlichem Zwecke aufgeboten und ins Schaufenster gestellt wurden, daß dieser an sich prachtvolle Aufwand durch einen endlosen, völlig idiotischen Text entwertet, durch eine falsche Dramatik vergiftet und durch ein herz- und kopfloses Publikum (ich gehöre mit dazu) entwürdigt und zum Jahrmarkt verdorben wurde. Es war in manchen Augenblicken scheußlich, ich war oft nahe am Weglaufen, aber Ischiatiker laufen nicht so leicht weg, ich blieb, ich sah den Schmarren bis zu Ende und werde vermutlich morgen oder übermorgen wieder in jenen Saal gehen. Es wäre unrecht, wollte ich leugnen, daß ich auch einige entzückende Sachen im Kino gesehen habe, namentlich einen liebenswerten französischen Akrobaten und Humoristen, der bessere Einfälle hatte als die meisten Dichter. Was ich anklage, was meinen Ärger und Ekel erregt, das ist nicht der Kino, das bin einzig ich, der Kinobesucher. Wer nötigt mich, dorthin zu gehen, die grausame Musik zu erdulden, die idiotischen Texte zu lesen, das Wiehern der Menge, meiner unschuldigeren Brüder, mit anzuhören? Ich habe in jenem großen Film ein ganzes Dutzend prachtvoller Löwen, die wir zwei Minuten vorher noch lebend gesehen hatten, als starre Leichen über den Sand schleppen sehen und habe die Hälfte der Zuschauer diesen grausig traurigen Anblick mit lautem Gelächter quittieren hören! Ist denn in den hiesigen Thermalbädern etwas enthalten, ein Salz, eine Säure, ein Kalk, etwas, das den Menschen nivelliert, das Hemmungen gegen alles Hohe, Edle, Wertvolle erzeugt und Hemmungen gegen das Niedere und Vulgäre aufhebt? Nun, ich beuge mich und schäme mich, und für später, für die Zeit nach der Rückkehr in meine Steppe, habe ich einige Gelübde getan.

Bin ich nun zu Ende gekommen mit meiner Liste von schlechten Gewohnheiten und neu gelernten Lastern? Nein, ich bin noch nicht am Ende. Ich habe auch das Hasardspiel kennengelernt, ich habe öftere Male mit Vergnügen und Spannung am grünen Tisch gespielt und auch an einer Maschine, der man silberne Frankenstücke durch verschiedene kleine Mündungen zu schlucken gibt. Ich kann leider nicht so ganz richtig spielen, weil ich wenig Geld habe, aber das mir Mögliche habe ich doch daran gerückt, und zweimal ist es mir geglückt, wohl eine Stunde lang zu spielen, ohne daß ich am Ende mehr als einen oder zwei Franken verloren hatte. Das eigentliche Spielererlebnis habe ich damit natürlich nicht gehabt, aber ich habe also auch an dieser Blüte gerochen, und ich muß gestehen, daß es mir ein großes Vergnügen gemacht hat. Ich muß auch bekennen, daß ich kein schlechtes Gewissen dabei hatte, wie bei den Konzerten, den Gesprächen mit den Kurgästen und den Kinolöwen, sondern das ein bißchen Verpönte und Antibürgerliche dieses Lasters mundete mir außerordentlich, und ich bedaure aufrichtig, daß ich nicht saftigere Einsätze machen kann.

Die Sensationen des Spieles waren für mich etwa diese: Ich stand erst eine kleine Weile am Rand des grünen Tisches, auf die Zahlenfelder blickend, und lauschte auf die Stimme des Mannes an der Roulette. Die Zahl, welche dieser Mann ausrief, die von dem rollenden Ball erwählte Zahl, welche eine Sekunde vorher noch eine blinde, dumme Zahl unter vielen ihresgleichen gewesen war, strahlte nun warm und hell auf, in der Stimme des Mannes, in dem vom Ball besetzten Loch, in den Ohren und Herzen der Hörer. Quatre, hieß es, oder cinq oder trois, und nicht nur in meinem Ohr und Bewußtsein, nicht nur auf der runden konischen Gleitbahn des Balles strahlte die Zahl auf, sondern auch auf dem grünen Tische. Wenn die Sieben herauskam, so nahm die steife schwarze Ziffer Sieben in dem ihr zugehörigen grünen Felde für Sekunden einen festlichen Schimmer an, sie drängte alle anderen Zahlen ins Wesenlose, denn alle anderen waren ja bloß Möglichkeiten, sie allein war Erfüllung, hatte Wirklichkeit. Das Wirklichwerden des Möglichen, das Daraufwarten und Daranbeteiligtsein, das war die Seele des Spiels. Wenn ich nun einige Minuten zugesehen und zugehört hatte und vom Spiele angesogen zu werden begann, dann kam der erste schöne und hold erregende Moment: es wurde die Sechs ausgerufen, und sie überraschte mich nicht, sie kam so richtig, so selbstverständlich und wirklich heraus, als hätte ich sie bestimmt erwartet, ja, als hätte ich selbst sie gerufen, sie gemacht und erschaffen. Von dieser Sekunde an war meine Seele am Spiel beteiligt, witterte das Schicksal, fühlte sich gut Freund mit dem Zufall, und das ist, muß ich gestehen, ein überaus glücklich machendes Gefühl, es ist der Kern und Magnet der ganzen Spielerei. Also ich hörte die Sieben, dann die Eins, dann die Acht herauskommen, fühlte mich nicht überrascht oder enttäuscht, glaubte gerade diese Zahlen erwartet zu haben, und nun war der Kontakt da, ich war an den Strom angeschlossen und konnte mich ihm überlassen. Ich blickte jetzt fest auf die grüne Ebene, las die Zahlen und wurde von einer von ihnen angezogen, hörte sie leise rufen (manchmal auch zwei zugleich), sah sie mir leise winken und setzte meinen Franken auf diese Zahl. Kam sie nun nicht heraus, so war ich nicht enttäuscht und entzaubert, sondern konnte warten, meine Sechs oder Neun würde schon kommen. Und sie kam, beim zweiten- oder drittenmal, sie kam richtig. Dieser Augenblick des Gewinnens ist wundervoll. Du hast das Schicksal angerufen und dich ihm anheimgestellt, du glaubst in Kontakt mit dem großen Geheimnis zu sein, hast das ahnende Gefühl, mit ihm im Bunde und befreundet zu sein – und siehe, es ist wahr, es bestätigt sich, deine stille, geheime Vorstellung, dein kleines verborgenes Wunschbild strahlt auf, es vollzieht sich das Wunder, aus der Ahnung wird Wirklichkeit, deine Zahl wird von der allmächtigen Glückskugel auserwählt, der Mann am Rad ruft sie laut aus, und der Mann am Tisch wirft dir im Bogen eine Handvoll aufblitzender Silberstücke zu. Das ist außerordentlich hübsch, es ist ein reines Glück, und es hängt nicht vom Gelde ab, denn ich, der ich dies schreibe, habe von allen meinen gewonnenen Franken nicht einen behalten, das Spiel hat alle wieder verschlungen, und dennoch leuchten jene schönen Augenblicke des Gewinnens, jene wunderbar innigen, kindhaft vollen und satten Erfüllungen ungetrübt und köstlich nach, jede war ein voll und prall geschmückter Weihnachtsbaum, jede ein Wunder, jede ein Fest, und zwar ein Fest der Seele, eine Bestätigung und Bejahung und Steigerung des innersten, tiefsten Lebensinstinktes. Gewiß, man kann dieselbe Freude, dasselbe wunderbare Glück auf höheren Ebenen, in edleren und differenzierteren Formen erleben: das Aufleuchten einer tiefen Lebenserkenntnis, der Moment eines inneren Sieges und am meisten der schöpferische Augenblick, der Augenblick des Findens, des aufblitzenden Einfalls, das triumphierende Ertasten des Treffers bei der Arbeit des Künstlers, all das ist, in höhern Regionen, dem Erlebnis des Spielgewinns ähnlich wie Bild und Spiegelbild. Aber wie selten erlebt auch der Glückliche, auch der Begnadete jene hohen göttlichen Augenblicke, wie selten leuchtet in uns ermüdeten späten Menschen eine Befriedigung, ein sättigendes Glücksgefühl, das an Stärke und Pracht sich mit den Glückserlebnissen der Kindheit vergleichen darf! Diese Erlebnisse sind es, denen der Spieler nachjagt, auch wenn er scheinbar das Geld meint. Diesen Paradiesvogel der Freude, in unsrem glatten faden Leben so selten geworden, sucht er zu erjagen, ihm gilt die lodernde Sehnsucht in seinem Blick.

Hin und her ging dann das Glück, für Momente war ich ganz eins mit ihm, saß selber in der rollenden Kugel, gewann, und ein Gefühl köstlicher Erregung durchrann mich schauernd. Dann war der Höhepunkt überschritten. Ich hatte eine dicke Handvoll gewonnener Münzen in der Hosentasche und setzte nun Mal für Mal weiter, und langsam ließ das Gefühl der Sicherheit nach, es sprang eine Eins, eine Vier heraus, die mich ganz und gar überraschten, mir feindlich waren und mich verhöhnten. Jetzt wurde ich unruhig und ängstlich, setzte auf Zahlen, ohne ein Verhältnis des ahnenden Gefühls zu ihnen zu haben, schwankte lange zwischen gerade und ungerade, setzte aber zwanghaft weiter, bis mein Spielgeld wieder alles verloren war. Und nicht erst nachher, sondern schon gleichzeitig, noch während des Spiels, empfand ich die Tiefe des Gleichnisses, sah im Spiel das Abbild des Lebens, wo es genau ebenso geht, wo unerforschliche, vernunftlose Ahnung uns die stärksten Zauber in die Hand gibt, die größten Kräfte löst, wo beim Erlahmen der guten Instinkte Kritik und Verstand sich einmischen, eine Weile lavieren und Widerstand leisten und schließlich geschieht, was geschehen muß, völlig ohne uns und über unsre Köpfe hinweg. Der erlahmende Spieler, der seinen Höhepunkt überschritten hat und doch nicht aufhören kann, der von keiner Intuition, keinem tiefen Glaubenkönnen mehr geleitet wird, gleicht ganz genau dem Menschen, der in wichtigen Lebensfragen nicht aus und ein sieht und, statt zu warten und die Augen zu schließen, vor lauter Kalkül und Bemühung und Verstandesüberanstrengung sicher das Falsche tut. Und eine der allersichersten Spielregeln am grünen Tisch ist diese: Wenn du einen Mitspieler siehst, der müde wird und Pech hat, der bald auf diese, bald auf jene Nummer mehreremal hintereinander setzt und dann doch wieder abspringt – dann setze jedesmal auf die Zahl, die er bisher vergeblich belagerte und die er nun im Mißmut verlassen hat, sie wird sicher herauskommen.

Seltsam anders als alle anderen Bürger- und Kurbelustigungen ist das Spiel um Geld. Hier am grünen Tisch werden weder Bücher gelesen noch fade Unterhaltungen geführt noch Strümpfe gestrickt wie in den Konzerten und im Kurgarten, es wird weder gegähnt noch am Hals gekratzt, ja, die Rheumatiker sitzen hier nicht einmal, sie stehen, stehen lang und mühsam, heroisch auf ihren eigenen, sonst so geschonten Beinen. Es werden hier im Spielsaal weder Witze gemacht, noch wird von Krankheiten oder von Poincaré gesprochen, es wird auch fast niemals gelacht, sondern ernst und flüsternd steht die zuschauende Menge um den Spieltisch, gedämpft und feierlich klingt die Stimme des Ausrufers, gedämpft und zart klirren auf dem grünen Tuch die Silberstücke aneinander, und schon dies, schon diese Andacht und verhältnismäßige Diskretion und Würde gibt dem Spiel in meinen Augen einen unermeßlichen Vorzug vor jenen anderen Arten von Vergnügungen, bei welchen die Leute so laut, so salopp und unbeherrscht sind. Hier, im Spielsaal, herrscht ernste Festlichkeit und Feiertagsstimmung, leise und etwas befangen wie in einer Kirche treten die Gäste ein, wagen nur zu flüstern, schauen andächtig auf den Herrn im Frack. Und dieser benimmt sich musterhaft, nicht wie eine Person, sondern wie der neutrale Träger eines Amtes, einer Würde.

Ich kann die psychologischen Ursachen dieser Feststimmung und schönen, wohltuenden Feierlichkeit hier nicht untersuchen, denn ich habe ja längst die Fiktion aufgegeben, daß meine Psychologia Balnearia von einer anderen Psyche handle als meiner eigenen. Vermutlich kommt die heilige, flüsternd verehrungsvolle Stimmung voll Würde und Devotion im Spielsaal einfach daher, daß es sich hier nicht um Musik, Dramatik oder andere Kindereien handelt, sondern um das Ernsteste, Geliebteste und Heiligste, was die Menschen kennen, um das Geld. Aber, wie gesagt, ich will dies nicht untersuchen, es liegt außerhalb meines Problems. Ich stelle nur fest, daß, im Gegensatz zu jeder anderen Volksbelustigung, zum Konzert und Theater, zum Kino, zum Ball, hier im Spielsaal eine Stimmung vorherrscht, welche der Ehrfurcht nicht entbehrt. Und während zum Beispiel im Kino das Publikum sich in sprachlichen und auch unartikulierten Äußerungen von Lust und Unlust wenig Zwang antut, fühlt hier sogar der Akteur, der Spieler, selbst im Moment der heftigsten, der bestbegründeten und erlaubtesten Emotionen, nämlich beim Gewinnen und Verlieren von Geld, eine tiefe Verpflichtung, Haltung und Würde zu zeigen. Ich sehe hier dieselben Personen, welche beim täglichen Kartenspiel den Verlust von zwanzig Rappen mit Ausbrüchen der schlechten Laune in Flüchen und Verwünschungen begleiten, das Hundertfache verlieren, ohne – ich darf nicht sagen „mit einer Wimper zu zucken“, denn die Wimpern zucken sehr –, aber ohne laut zu werden und die Umgebung mit unanständigen Äußerungen ihrer Gefühle zu belästigen.

Da weise Regierungen sich um alles bekümmern, was die Volkserziehung zu heben vermag, und alle dazu dienenden Institute fördern und stützen, wage ich hier, obwohl auf diesem Gebiet ein vollkommener Laie, Fachleute auf die Tatsache hinzuweisen, daß von allen Spielen, Unterhaltungen und Belustigungen keine einzige die Teilnehmer so sehr zu Selbstbeherrschung, Ruhe und Anstand erzieht wie das Hasardspiel im öffentlichen Spielsaal.

So sympathisch, ja wohltätig mir also das Spiel erscheint, ich fand immerhin Gelegenheit, auch über seine Schattenseiten nachzudenken, vielmehr sie experimentell zu erleben. Die oft so leidenschaftlich mit moralistischem Pathos vorgetragenen Einwände der Nationalökonomen gegen das Spiel scheinen mir, von meinem Standpunkt aus, alle belanglos. Daß der Spieler in Gefahr gerät, zu leicht Geld zu gewinnen und darum die Heiligkeit der Arbeit verachten zu lernen, daß er andererseits in der Gefahr schwebt, all sein Geld zu verlieren, daß er drittens nach längerem Zuschauen beim Rollen der Spielbälle und Talerstücke sogar den Grundbegriff ökonomisch-bürgerlicher Moral, die unbedingte Hochachtung vor dem Gelde, verlieren kann, ist allerdings alles richtig, doch kann ich alle diese Gefahren nicht sehr ernst nehmen. Mir, dem Psychologen, schiene für sehr viele schwer seelenkranke Menschen der rasche Verlust ihres Vermögens und die Erschütterung ihres Glaubens an die Heiligkeit des Geldes durchaus kein Unglück, sondern die sicherste, ja einzig mögliche Rettung zu bedeuten, und ebenso scheint mir inmitten unsres heutigen Lebens, im Gegensatz zum alleinigen Kultus der Arbeit und des Geldes, der Sinn für das Spiel des Augenblicks, das Offenstehen für den Zufall, das Vertrauen in die Launen des Schicksals etwas durchaus Wünschenswertes, woran wir alle sehr Mangel leiden.

Nein, was nach meiner Meinung der Fehler des Geldspiels ist und es trotz seiner prächtigen Seiten schließlich doch zu einem Laster macht, das ist etwas rein Seelisches. Nach meiner persönlichen, höchst angenehmen Erfahrung gewährt es eine beglückende Anregung, sich täglich zwanzig Minuten der Spannung des Roulettespiels und der so unwirklichen Atmosphäre des Spielsaals auszusetzen. Für eine gelangweilte, leere, müde Seele ist dies ein wahres Labsal, eins der besten, die ich je probierte. Der Fehler ist nur (und diesen Fehler hat das Spiel mit dem ebenfalls so angenehmen Alkohol gemeinsam) – der Fehler ist, daß beim Spiel diese ganze hübsche Anregung von außen kommt und rein mechanisch und materiell ist, so daß die große Gefahr besteht, im Vertrauen auf diese immer wieder wirksame Anregungsmechanik die eigene Übung, die seelische Aktivität zu vernachlässigen und zuletzt einzubüßen. Wenn man, statt durch Denken, durch Träumen, durch Phantasieren oder Meditieren, die Seele bloß mechanisch durch die Roulette in Schwung setzt, so ist das ungefähr dasselbe, wie wenn man für seinen Körper zwar Bad und Masseur in Anspruch nimmt, auf eigene Leistung, auf Sport und Training aber verzichtet. Auch die Anregungsmechanik des Kinematographen, der die eigene künstlerische Leistung des Auges, das Entdecken, Auswählen und Festhalten des Schönen und Interessanten, durch eine rein materielle Augenfütterung ersetzt, beruht auf dem gleichen Schwindel.

Nein, ebenso wie man neben dem Masseur das Turnen braucht, so braucht die Seele, statt oder neben dem Spiel und allen diesen hübschen Anregungen, notwendig die eigene Leistung. Darum ist hundertmal besser als das Glücksspiel jede aktive Übung der Seele: straffe, scharfe Denk- und Gedächtnisübung, Übung im Reproduzieren gesehener Dinge bei geschlossenen Augen, abendliches Rekonstruieren des Tageslaufes, freies Assoziieren und Phantasieren. Ich füge dies bei, ebenfalls für die Freunde des Volkswohls und vielleicht zur Korrektur meines obigen laienhaften Winkes – denn auf diesem Gebiet, dem der rein seelischen Erfahrung und Erziehung, bin ich kein Laie, vielmehr ein alter, fast schon allzu gewiegter Fachmann.

Nun habe ich mich wieder weit vom Thema verirrt, wie es denn überhaupt das Schicksal dieser Aufzeichnungen zu sein scheint, daß sie, unfähig, irgendein Einzelproblem bis zur Lösung auszuarbeiten, mehr assoziativ und zufällig die andringenden Einfälle aneinanderreihen. Aber vielleicht, so nehme ich an, gehört dies eben mit zur Psychologie des Kurgastes.

Ich verließ mein Thema, mein so unerquickliches Thema, zugunsten einer kleinen Lobrede auf das Hasardspiel, welche Lobrede ich geneigt wäre, noch des weiteren auszuspinnen, denn die Rückkehr zum Thema fällt mir schwer. Allein es muß sein. Kehren wir zum Kurgast Hesse zurück, betrachten wir nochmals diesen bequem gewordenen älteren Herrn mit der unlustigen und müden Haltung und dem hinkenden Gange! Er gefällt uns nicht, der Mann, wir können ihn nicht lieben, wir können ihm nicht aus aufrichtigem Herzen eine lange oder gar eine endlose Fortsetzung seines weder vorbildlichen noch interessanten Lebens wünschen. Wir werden nichts dagegen haben, wenn dieser Herr einst von der Bühne abtritt, auf welcher er schon längst keine erfreuliche Figur mehr macht. Sollte er zum Beispiel eines Morgens im Bade der Müdigkeit erliegen, unter Wasser geraten und unten bleiben, so sähen wir darin keinen Anlaß zum Bedauern.

Wenn wir jedoch über besagten Kurgast uns so wenig interessiert aussprechen, so bezieht sich das einzig auf seine derzeitige Funktion, seinen momentanen Aggregatzustand. Nicht aus dem Auge verlieren dürfen wir die niemals erlöschende Möglichkeit, daß sein Zustand sich ändere, daß sein Wesen auf einen neuen Nenner hin umgerechnet werde. Dies Wunder, oft schon erlebt, bleibt stündlich möglich. Wenn wir den Kurgast Hesse mit Kopfschütteln betrachten und reif zum Untergang finden, so bleibe unvergessen, daß wir an Untergang nicht im Sinne der Vernichtung, nur im Sinne der Verwandlung glauben können, denn Fundament und Nährboden all unsrer Meinungen, also auch unsrer Psychologie, ist der Glaube an Gott, an die Einheit – und die Einheit kann, auf dem Weg der Gnade sowohl wie der Erkenntnis, auch im verzweifeltsten Fall stets wieder hergestellt werden. Es gibt keinen Kranken, der nicht mit einem einzigen Schritt, sei es auch der Schritt durch den Tod, wieder gesund werden und zum Leben eingehen könnte. Es gibt keinen Sünder, der nicht mit einem einzigen Schritt, sei es auch vielleicht durch die Hinrichtung hindurch, wieder unschuldig und göttlich werden könnte. Und es gibt keinen vergrämten, entgleisten und scheinbar entwerteten Menschen, den nicht ein Wink der Gnade im Augenblick erneuern und zum frohen Kinde machen könnte. Dieser mein Glaube, dies mein Wissen möge beim Schreiben sowie beim Lesen dieser Blätter niemals vergessen werden. Und der Verfasser dieser Blätter wüßte in der Tat auch nicht, woher er den Mut, die Berechtigung, die Verwegenheit zu seinen Kritiken und Launen, seinen Pessimismen und Psychologien nehmen sollte, wenn ihnen nicht in seiner Seele beständig das Wissen um die Einheit als ein unzerstörbares Gleichgewicht gegenüberstände. Im Gegenteil: Je weiter ich mich auf der einen Seite exponiere und hinauswage, je schonungsloser ich kritisiere, je elastischer ich auf Launen eingehe, desto heller strahlt jenseits, auf der Gegenseite, das Licht der Versöhnung. Wäre dieser unendliche, ständig wogende Ausgleich nicht, woher nähme ich da den Mut, ein einziges Wort zu sagen, ein Urteil zu fällen, Liebe oder Haß zu fühlen und zu äußern und eine einzige Stunde zu leben?