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Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur cover

Kurgast: Aufzeichnungen von einer Badener Kur

Chapter 8: Rückblick
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About This Book

Der Erzähler zeichnet Eindrücke eines Kuraufenthalts in Baden, beobachtet Mitkurgäste, das Badealltag und die Atmosphäre eines Heilorts. Er reflektiert über Altern und körperliche Leiden wie Gicht, Rheuma und Ischias und wie gemeinsame Gebrechlichkeit Lebens- und Denkweise prägt. Persönliche Anekdoten verbinden sich mit kulturkritischen und literarischen Überlegungen, die eine Haltung des schlichten, skeptischen Wohlwollens und des intelligenten Anti-Intellektualismus hervorheben. Kleine Beobachtungen, ironische Details und philosophische Abschweifungen vermitteln eine Stimmung von milder Selbstkenntnis, Gemeinschaft der Leidenden und resignativ-besinnlicher Akzeptanz.

Rückblick

Dieses letzte Blatt schreibe ich nicht mehr in Baden. Ich bin nicht mehr dort, ich bin – den Kopf schon voll neuer Versuche und Pläne – wieder in meiner Steppe draußen, wieder in meiner Einsamkeit und Klause. Der Kurgast Hesse ist Gott sei Dank gestorben und geht uns nichts mehr an. Statt seiner ist nun wieder ein ganz anderer Hesse da, zwar ebenfalls ein Mann mit Ischias, aber er hat sie, nicht sie ihn.

Als ich Baden verließ, fiel mir in der Tat der Abschied etwas schwer. Ich hatte zu allerlei Dingen und Menschen eine Liebe gefaßt, die ich jetzt losreißen mußte, zu meinem Zimmer, zu meinem Wirt, zu den Bäumen am Flußufer, zum Arzt, der sich in der Abschiedsaudienz nochmals auf das schönste bewährte, zu den Mardern, zu den freundlichen hübschen Saaltöchtern Rösli, Trudi und den andern, zum Spielsaal, zu den Gesichtern und Figuren mancher Leidensbrüder. Leb’ wohl, freundliche, stets gutgelaunte, stets bereitwillige Helferin am Diathermie-Apparat! Lebe wohl, Riesin aus Holland, und auch du, blondlockiger Held Kesselring!

Sehr hübsch war der Abschied vom Wirt des Heiligenhofes. Lächelnd hörte er meinen Dank, meine Lobsprüche auf sein Haus an, dann fragte er, wie der Doktor mit mir und meiner Kur zufrieden sei, und als ich ihm erzählte, der Arzt habe mich sehr gelobt und ich habe Aussicht auf vollkommene Heilung, so daß ich also Baden jetzt ruhig verlassen könne, da steigerte sich das Lächeln meines Gastfreundes zu behaglicher Schelmerei, freundlich legte er mir eine Hand auf die Schulter und sagte: „Ja, reisen Sie recht vergnügt! Ich gratuliere. Aber schauen Sie, ich weiß etwas, was Sie vielleicht nicht wissen: Sie werden wiederkommen!“

„Ich werde wiederkommen? Nach Baden?“ fragte ich.

Er lachte hell.

„Jawohl. Alle kommen sie wieder, geheilt oder ungeheilt, noch jeder ist wiedergekommen. Das nächstemal sind Sie dann schon Stammgast.“

Ich habe dies Abschiedswort nicht vergessen. Vermutlich hat er recht. Vermutlich werde ich wiederkommen, einmal, vielleicht viele Male. Aber ich werde nie derselbe sein, der ich diesmal war. Ich werde wieder baden, werde wieder elektrisiert, wieder gut gefüttert werden, vielleicht auch wieder Depressionen haben und mißmutig werden und trinken oder spielen, aber doch wird alles ganz anders sein, ebenso wie meine Heimkehr in die Wildnis diesmal wieder eine andre war als jede frühere. Im einzelnen wird alles das gleiche sein, alles sehr ähnlich, im ganzen aber wird es neu und anders sein, andre Sterne werden drüber stehen. Denn das Leben ist keine Rechnung und keine mathematische Figur, sondern ein Wunder. So war es mein ganzes Leben lang: alles kam wieder, die gleichen Nöte, die gleichen Gelüste und Freuden, die gleichen Verlockungen, immer wieder stieß ich mir den Kopf an dieselben Kanten, kämpfte mit den gleichen Drachen, jagte den gleichen Faltern nach, wiederholte stets dieselben Konstellationen und Zustände, und doch war es ein ewig neues Spiel, immer wieder schön, immer wieder gefährlich, immer wieder erregend. Tausendmal bin ich übermütig gewesen, tausendmal todmüde, tausendmal kindisch, tausendmal alt und kühl, und nichts hat lange gedauert, alles kehrte stets wieder und war doch nie das gleiche. Die Einheit, die ich hinter der Vielheit verehre, ist keine langweilige, keine graue, gedankliche, theoretische Einheit. Sie ist ja das Leben selbst, voll Spiel, voll Schmerz, voll Gelächter. Sie ist dargestellt worden im Tanz des Gottes Shiwa, der die Welt in Scherben tanzt, und in vielen anderen Bildern, sie weigert sich keiner Darstellung, keinem Gleichnis. Du kannst jederzeit in sie eintreten, sie gehört dir in jedem Augenblick, wo du keine Zeit, keinen Raum, kein Wissen, kein Nichtwissen kennst, wo du aus der Konvention austrittst, wo du in Liebe und Hingabe allen Göttern, allen Menschen, allen Welten, allen Zeitaltern angehörst. In diesen Augenblicken erlebst du Einheit und Vielfalt zugleich, siehst Buddha und Jesus an dir vorübergehen, sprichst mit Moses, spürst Ceylon-Sonne auf deiner Haut und siehst die Pole im Eis starren. Zehnmal bin ich dort drüben gewesen, in dieser kurzen Zeit seit meiner Rückkehr von Baden.

Ich bin also nicht „gesund“ geworden. Es geht mir besser, der Arzt ist zufrieden, aber geheilt bin ich nicht, es kann jederzeit wiederkommen. Außer der tatsächlichen Besserung habe ich auch das aus Baden mitgebracht, daß ich jetzt aufgehört habe, meine Ischias allzu grimmig zu verfolgen. Ich sehe ein, daß sie zu mir gehört, daß sie wohlerworben ist wie das beginnende Grau in meinem Haar und daß es unklug ist, sie einfach ausradieren oder wegzaubern zu wollen. Seien wir verträglich mit ihr, gewinnen wir sie durch Versöhnlichkeit!

Und wenn ich wieder einmal nach Baden komme, werde ich anders in das warme Wasser steigen, andres mit meinen Nachbarn erleben, andre Sorgen und Spiele haben, andres auf meine Papiere schreiben. Ich werde auf neue Arten mich versündigen, auf neuen Wegen wieder zu Gott finden. Und immer werde ich glauben, der Handelnde, der Denkende, der Lebende zu sein, und weiß doch, daß Er es ist.

Wenn ich jetzt auf die paar Kurwochen zurückblicke, so entsteht in mir, wie bei jeder Rückschau, jene angenehme Illusion der Überlegenheit, des Verstehens und Durchschauens, die man in der Jugend bei jeder neuen Lebensstufe so innig genießt. Ich sehe die Leiden meines jüngstvergangenen Ich, die leiblichen Schmerzen und die seelischen Nöte hinter mir liegen, die fatale Situation ist überstanden, und jener Hesse, der vor kurzem in Baden sich so komisch benahm, scheint mir weit unter dem klugen heutigen Hesse zu stehen, der auf ihn zurücksieht. Ich sehe, wie übertrieben dieser Kurgast Hesse auf lächerliche Kleinigkeiten reagiert, erkenne das drollige Spiel seiner Gebundenheiten und Komplexe und vergesse, daß jene Kleinigkeiten mir klein und lächerlich nur darum erscheinen, weil sie nicht mehr aktuell sind.

Aber was ist groß oder klein, wichtig oder unwichtig? Die Psychiater erklären einen Menschen für gemütskrank, der auf kleine Störungen, kleine Reizungen, kleine Beleidigungen seines Selbstgefühls empfindlich und heftig reagiert, während derselbe Mensch vielleicht Leiden und Erschütterungen gefaßt erträgt, welche der Majorität sehr schlimm erscheinen. Und ein Mensch gilt für gesund und normal, dem man lange auf die Zehen treten kann, ohne daß er es merkt, der die elendeste Musik, die kläglichste Architektur, die verdorbenste Luft klaglos und beschwerdelos erträgt, der aber auf den Tisch haut und den Teufel anruft, sobald er beim Kartenspiel ein bißchen verliert. Ich habe in Wirtshäusern schon sehr häufig Menschen von gutem Ruf, die für durchaus normal und ehrenwert gelten, wegen eines verlornen Spiels, namentlich wenn sie einem Mitspieler meinten die Schuld am Verlust aufbürden zu müssen, so fanatisch, so grob, so säuisch fluchen und toben sehen und hören, daß ich sehr das Bedürfnis fühlte, beim nächsten Arzt die Internierung dieser Unglücklichen zu beantragen. Es gibt eben vielerlei Maßstäbe, die man alle gelten lassen kann; aber irgendeinen von ihnen, sei es auch der der Wissenschaft oder der der augenblicklichen öffentlichen Moral, für heilig zu halten will mir nicht gelingen.

Und der gleiche Mensch, der über die Selbstschilderung des Kurgastes Hesse lachen kann und diesen Kerl ziemlich komisch findet (worin er recht hat), würde sehr erstaunen, wenn er einen einzigen seiner eigenen Gedankengänge, wenn er irgendeine seiner alltäglichen Reaktionen auf die Umwelt genau und im Detail beschrieben und analysiert fände. Ebenso wie unterm Mikroskop etwas sonst Unsichtbares oder Häßliches, ein Flöckchen Dreck, zum wunderbaren Sternhimmel werden kann, ebenso würde unterm Mikroskop einer wahrhaften Psychologie (welche noch nicht existiert) jede kleinste Regung einer Seele, sei sie sonst noch so schlecht oder dumm oder verrückt, zum heiligen, andächtigen Schauspiel werden, weil man nichts in ihr sähe als ein Beispiel, ein gleichnishaftes Abbild des Heiligsten, das wir kennen, des Lebens.

Es wäre anmaßend, wenn ich sagen wollte, alle meine literarischen Versuche seit manchen Jahren seien nichts als ein Versuch, ein tastender Versuch nach jenem fernen Ziele hin, eine dünne schwache Vorahnung jener wahren Psychologie mit dem Weltauge, unter deren Blick nichts mehr klein oder dumm oder häßlich oder böse ist, sondern alles heilig und ehrwürdig. Und doch ist es irgendwie so.

Und wenn ich jetzt, Abschied nehmend von diesen Blättern, das Ganze meiner Badener Epoche mit einem letzten Blick übersehe, so bleibt eine Unzufriedenheit, ein Stachel, eine Trauer zurück. Diese Trauer gilt nicht meinen Dummheiten, meinem Mangel an Geduld, meiner Nervosität, meinen raschen harten Urteilen, kurz all meinen menschlichen Unzulänglichkeiten und Fehlern, von welchen ich weiß, daß sie tief bedingt und notwendig sind. Nein, meine Trauer, mein Leeregefühl und Schmerz gilt diesen Aufzeichnungen, diesen Versuchen, ein winziges Stück Leben möglichst wahr und aufrichtig aufzuzeigen. Ich bin betrübt und beschämt, so muß ich gestehen, nicht über meine Sünden und Laster, sondern lediglich über das Versagen meines sprachlichen Experimentes, über den sehr geringen Ertrag meiner literarischen Anstrengung.

Und zwar ist es ein ganz bestimmter Punkt, in dem meine Enttäuschung wurzelt. Vielleicht glückt es mir, dies durch ein Gleichnis klar zu machen:

Wäre ich Musiker, so könnte ich ohne Schwierigkeit eine zweistimmige Melodie schreiben, eine Melodie, welche aus zwei Linien besteht, aus zwei Ton- und Notenreihen, die einander entsprechen, einander ergänzen, einander bekämpfen, einander bedingen, jedenfalls aber in jedem Augenblick, auf jedem Punkt der Reihe in der innigsten, lebendigsten Wechselwirkung und gegenseitigen Beziehung stehen. Und jeder, der Noten zu lesen versteht, könnte meine Doppelmelodie ablesen, sähe und hörte zu jedem Ton stets den Gegenton, den Bruder, den Feind, den Antipoden. Nun, und eben dies, diese Zweistimmigkeit und ewig schreitende Antithese, diese Doppellinie möchte ich mit meinem Material, mit Worten, zum Ausdruck bringen und arbeite mich wund daran, und es geht nicht. Ich versuche es stets von neuem, und wenn irgend etwas meinem Arbeiten Spannung und Druck verleiht, so ist es einzig dies intensive Bemühen um etwas Unmögliches, dieses wilde Kämpfen um etwas nicht Erreichbares. Ich möchte einen Ausdruck finden für die Zweiheit, ich möchte Kapitel und Sätze schreiben, wo beständig Melodie und Gegenmelodie gleichzeitig sichtbar wären, wo jeder Buntheit die Einheit, jedem Scherz der Ernst beständig zur Seite steht. Denn einzig darin besteht für mich das Leben, im Fluktuieren zwischen zwei Polen, im Hin und Her zwischen den beiden Grundpfeilern der Welt. Beständig möchte ich mit Entzücken auf die selige Buntheit der Welt hinweisen und ebenso beständig daran erinnern, daß dieser Buntheit eine Einheit zugrunde liegt; beständig möchte ich zeigen, daß Schön und Häßlich, Hell und Dunkel, Sünde und Heiligkeit immer nur für einen Moment Gegensätze sind, daß sie immerzu ineinander übergehen. Für mich sind die höchsten Worte der Menschheit jene paar, in denen diese Doppeltheit in magischen Zeichen ausgesprochen ward, jene wenigen geheimnisvollen Sprüche und Gleichnisse, in welchen die großen Weltgegensätze zugleich als Notwendigkeit und als Illusion erkannt werden. Der Chinese Lao Tse hat mehrere solche Sprüche geformt, in denen beide Pole des Lebens für den Blitz eines Augenblicks einander zu berühren scheinen. Noch edler und einfacher, noch herzlicher ist dasselbe Wunder getan in vielen Worten Jesu. Ich weiß nichts so Erschütterndes in der Welt wie dies, daß eine Religion, eine Lehre, eine Seelenschule durch Jahrtausende die die Lehre von Gut und Böse, von Recht und Unrecht immer feiner und straffer ausbildet, immer höhere Ansprüche an Gerechtigkeit und Gehorsam stellt, um schließlich auf ihrem Gipfel mit der magischen Erkenntnis zu enden, daß neunundneunzig Gerechte vor Gott weniger sind als ein Sünder im Augenblick der Umkehr!

Aber vielleicht ist es ein großer Irrtum, ja, eine Sünde von mir, wenn ich der Verkündigung dieser höchsten Ahnungen glaube dienen zu müssen. Vielleicht besteht das Unglück unsrer jetzigen Welt gerade darin, daß diese höchste Weisheit auf allen Gassen feilgeboten wird, daß in jeder Staatskirche, neben dem Glauben an Obrigkeit, Geldsack und Nationaleitelkeit, der Glaube an das Wunder Jesu gepredigt wird, daß das Neue Testament, ein Behälter der kostbarsten und der gefährlichsten Weisheiten, in jedem Laden käuflich ist und von Missionaren gar umsonst verteilt wird. Vielleicht sollten solche unerhörte, kühne, ja erschreckende Einsichten und Ahnungen, wie sie in manchen Reden Jesu stehen, sorgfältig verborgen gehalten und mit Schutzwällen umbaut werden. Vielleicht wäre es gut und zu wünschen, daß ein Mensch, um eines jener mächtigen Worte zu erfahren, Jahre opfern und sein Leben wagen müßte, so wie er es für andere hohe Werte im Leben auch tun muß. Wenn dem so ist (und ich glaube an manchen Tagen, daß es so ist), dann tut der letzte Unterhaltungsschriftsteller Besseres und Richtigeres als der, der sich um den Ausdruck für das Ewige bemüht.

Dies ist mein Dilemma und Problem. Es läßt sich viel darüber sagen, lösen aber läßt es sich nicht. Die beiden Pole des Lebens zueinander zu biegen, die Zweistimmigkeit der Lebensmelodie niederzuschreiben, wird mir nie gelingen. Dennoch werde ich dem dunklen Befehl in meinem Innern folgen und werde wieder und wieder den Versuch unternehmen müssen. Dies ist die Feder, die mein Ührlein treibt.

Ende