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Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei. cover

Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei.

Chapter 15: 4. Die Grade.
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About This Book

Das Werk ordnet und erläutert die bildhaften Sinnbilder der Freimaurerei systematisch: es behandelt Grundlagen wie Loge, Mitglieder, Arbeit, Licht und Grade; Bestandteile wie Erkennungszeichen, Zieraten, Werkzeuge sowie Symbole von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; und höhere Themen wie Meistertitel, Gestirne, Welträtsel sowie verschiedene Lehrarten und Hochgradsysteme. Dabei werden die moralischen Ziele der Symbolik dargestellt — Förderung von Brüderlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Selbstveredelung, Patriotismus und rationalem Idealismus — und vor überspannten, historisch unbegründeten Verknüpfungen mit antiken Mythologien gewarnt.

4. Die Grade.

Wer soll Meister sein?
Der was ersann.
Wer soll Geselle sein?
Der was kann.
Wer soll Lehrling sein?
Jedermann.
Handwerkerspruch.

a) Die alten Grade.

Die drei Grade der Lehrlinge, Gesellen und Meister sind die einzigen, die von der großen Gesamtheit aller Freimaurer übereinstimmend gepflegt und anerkannt werden und auch überall dieselben sind; alle anderen kommen nur vereinzelt vor und stimmen unter sich weder in Zahl noch Namen überein. Diese 3 Grade, auch nach der Farbe ihrer Abzeichen blaue oder nach dem Schutzheiligen der alten Steinmetzen Johannisgrade genannt, sind sehr alt.

Die Werkmaurer und nach ihnen die meisten Handwerker kannten sie von alters her, und die Freimaurer, die sie in der ersten Zeit nach der Entstehung des Bundes nicht übten, wohl weil sie nicht mehr bloß aus Handwerkern (wohl gar nur noch zum geringen Teile) bestanden, nahmen sie aber bald nach der Gründung des Bundes an. Diese Grade sind die Stärke und bilden die Einheit des Bundes; in ihnen liegt die Möglichkeit seines Bestandes, weil das Streben nach Emporsteigen, nach tieferen Erkenntnissen und nach fruchtbarerem Wirken der begabteren Menschenseele angeboren ist. Die Grade haben, wie ihr Name (Stufen) sagt, den Zweck, zu höherer Erkenntnis vorzuschreiten. Es ist sehr zweckmäßig, daß nur ältere, erfahrenere Männer die Leitung eines Bundes in Händen haben, und daß die jüngeren, noch unerfahrenen Brr. sich besserem Wissen fügen lernen, ehe sie ebenfalls die höheren Stufen erreichen. Diese älteren Brr. sind die Meister, die unmittelbar vor dieser Stufe stehenden die Gesellen und die erst noch zu lernen haben, was ein Maurer ist, die Lehrlinge.

Der Stufengang der 3 alten Grade versinnbildlicht das Leben des Menschen, und ihr Charakter läßt sich folgendermaßen kurz kennzeichnen.

Grade:
Lehrling:
Geselle:
Meister:
Lebensabschnitte:
Geburt.
Leben.
Tod.
Werkzeuge:
Zirkel.
Winkelmaß.
Hammer.
Arbeiten:
Roher Stein.
Quaderstein.
Reißbrett.
Tugenden:
Selbsterkenntnis.
Selbstbeherrschung.
Selbstveredlung.
Leitideen:
Schönheit.
Stärke.
Weisheit.
Soziale Ideen:
Brüderlichkeit.
Gleichheit.
Freiheit.
Weltkörper:
Erde.
Mond.
Sonne.
Weltlichter:
Menschheit.
Gewissen.
Gottheit.

Die Erklärung dieser drei mal drei Dreiheiten ist teils bereits gegeben, teils wird sie hier und weiterhin folgen.

Um Freimaurer, also zunächst Lehrling zu werden muß der Aufnahmesuchende ein „freier Mann von gutem Rufe“, also in selbständiger Stellung und ohne Makel sein. Er ist aber in diesem untersten Grade erst ein Schüler der königl. Kunst und daher in den verschiedenen Systemen den anderen Graden an Rechten mehr oder weniger hintangesetzt, an Pflichten aber gleichgestellt, was ihn antreiben muß, emporzusteigen und seine Gleichberechtigung mit den höheren Stufen zu erringen. Die Zeit, in welcher dies geschehen kann, ist verschieden festgesetzt und hängt auch von den an den Tag gelegten Fähigkeiten und Leistungen des Lehrlings ab. Auch das Alter der Aufnahme und Beförderung ist verschieden, meist aber das der Volljährigkeit, doch können die Söhne von Meistern (Luftons genannt) früher aufgenommen werden. Da der Lehrling neu in den Kreis der Brr. tritt, ist der Zirkel sein Werkzeug, und woran er zu arbeiten hat, wird unter dem Bilde eines rohen Steines dargestellt, an dem er sich zu üben hat, die Rauheiten seines Ich zu ebnen und zu glätten, mit anderen Worten: zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Wie seine Aufnahme zeigt, entspricht sie der Geburt des Menschen, daher sein Licht die Menschheit im weiteren, die Brüderlichkeit im engeren Sinne ist. Unter den maurerischen Tugenden ist es die Schönheit im geistigen Sinne, der seine Arbeit gewidmet ist. Unter den uns näher stehenden Weltkörpern ist unsere Erde, die kein Licht gibt, ein Bild des Lehrlings. Im weiteren Sinne sind eigentlich alle Maurer Lehrlinge, da jeder Mensch noch zu lernen hat, daher die allgemeine Versammlung der Brr. Lehrlingsloge heißt.

Der Grad des Gesellen ist seinem Wesen nach eine Mittelstufe, ein Übergang, hat daher in der Loge keine besondere Bedeutung. Es gibt keine Gesellenloge, ausgenommen zum Zwecke der Beförderung eines Lehrlings zum Gesellen, als welcher er keine besonderen Rechte hat, sondern sich auf den Meistergrad vorbereitet. Desto mehr sinnbildliche Bedeutung hat dieser Grad, als dessen besonderes Werkzeug das Winkelmaß und als dessen Arbeit die Herstellung des rohen Steines zu einem kubischen betrachtet wird, d. h. er hat alle Unebenheiten abzustreifen und sich eines rechtwinkligen Verhaltens zu befleißigen, also Selbstbeherrschung zu üben, Stärke an den Tag zu legen und zu diesem Ende das Gewissen als sein Licht zu betrachten. Das Leben in seiner Blüte, das Streben nach Gleichheit ist seine Sphäre. Diese Aufgaben werden in verschiedener Weise versinnbildlicht.

Im rektif. schott. System wird das Hauptgewicht auf die Selbstbeherrschung gelegt; der zur Beförderung zugelassene Geselle sagt sich von eigensüchtigen Gelüsten los; er wirft daher bei seinen Reisen die Zeichen der Habsucht (Goldmünze), der Ruhmsucht (Bronzemedaille) und der Rachsucht (Dolch) von sich. Im englischen System ist die Blüte des Lebens der leitende Gedanke; der Geselle wird daher unter Musik und Blumenkränzen umgeführt. Da er Licht nur empfängt, aber noch kein eigenes, sondern nur entlehntes ausstrahlt, ist er dem Monde zu vergleichen.

Der Meister ist zur Regierung der Loge im Vereine mit der Meisterloge berufen. In allen Dingen hat er das erste Wort, in manchen, sofern der Lehrlingsloge nicht Bestätigung zusteht, auch das letzte. Er sieht auf das Leben zurück und zugleich auf dessen Ende und auf die Unsterblichkeit voraus, daher Selbstveredlung seine Bestimmung ist. Der Hammer als oberstes Werkzeug kommt ihm allein zu; er versinnbildlicht die Macht im Bruderkreise. Die Weisheit, die seine Tugend sein soll, lehrt ihn, der rauher Arbeit nicht mehr bedarf, auf dem Reißbrett zu zeichnen, d. h. den unter ihm stehenden Brrn. ihre Arbeiten anzuweisen und ihnen in allen Dingen voranzuleuchten. Sinnbildlich also kann er, ohne sich selbst zu überschätzen, Freiheit in Anspruch nehmen, die leuchtende Sonne als sein Vorbild und den a. B. a. W. als sein großes Licht zu verehren. In Übereinstimmung mit diesen Zügen hat die Erhebung zum Meister einen hochernsten, ja düsteren Charakter und wird von dem Gedanken an den Tod und der Vorbereitung auf diesen beherrscht, mit der vorwiegenden Rücksicht darauf, daß es ein schönes, ein heldenhaftes Ende des Lebens sein möge, wobei die Hoffnung auf die Unsterblichkeit nicht außer acht gelassen, vielmehr betont wird. Die Verknüpfungen des Meistergrades mit den indischen Brahmanen, den persischen Magiern, den Priestern der ägyptischen und griechischen Mysterien, dem Salomonischen Tempel, den Tempelrittern u. s. w. sind natürlich wohlmeinende, aber grundlose Phantasien. —

b) Die Hochgrade.

Die Entstehung der über den Meistergrad hinausgehenden sog. Hochgrade, die eine den Meistern angeblich noch unbekannte höhere Kenntnis der Freimaurerei bieten sollten, ist mit der Geschichte der Lehrarten (Systeme), die uns weiterhin beschäftigen werden, innig verknüpft. Die Hochgrade haben eine verschiedene Stellung in den germanischen und in den romanischen Ländern. Dort sind sie (allerdings mit Ausnahme des sog. schwedischen Systems) von den alten Graden (soweit sie nämlich überhaupt dort bestehen) getrennt, ohne Einfluß auf sie und eine Sache der Freiwilligkeit, beziehungsweise Eitelkeit. In den romanischen Ländern dagegen beanspruchen sie eine höhere Fortsetzung der Johannisgrade und beherrschen diese vollständig.

Gewissermaßen ein Embryo der Hochgrade sind gewisse Abteilungen des Meistergrades nach den Systemen Feßlers und Schröders, die sich als Engbünde und Erkenntnisstufen bezeichnen, eine gründlichere Kenntnis der freimaurerischen Geschichte und Lehre bezwecken und auch über die Hochgrade anderer Systeme ihre Mitglieder belehren, aber keine Vorrechte vor den übrigen Meistern erstreben.

Die Hochgrade werden auch rote Grade, im Gegensatz zu den blauen, nach der vorherrschenden Farbe ihrer Abzeichen genannt. Was sie bieten, geht durchweg über die Freimaurerei hinaus und stammt aus den traurigen Zeiten ihrer Verirrungen. Den Inhalt ihrer Lehren bilden Entlehnungen, meist entstellte, aus den verschiedensten Religionen und Philosophien und aus einfachen Erdichtungen, die zum Teil von Aberglauben und geschichtlicher Unwissenheit nicht frei sind. Ihre Selbstüberschätzung zeichnet sich am besten durch die Anmaßung, die 3 alten Grade nur als Vorschule für ihren Gallimathias gelten zu lassen. Sie nennen sich „Orden“, nicht Bund.

Wir geben nun ein Verzeichnis aller Grade der beiden am weitesten verbreiteten Hochgradsysteme.

A. Das Schwedische System, in Schweden, Norwegen, Dänemark und Preußen, in jedem dieser Länder von einer Großen Landesloge geleitet, hat folgende Abteilungen.

  I. Die St. Johannisloge mit den 3 Graden: 1. Lehrling. 2. Geselle. 3. Meister.

 II. Die St. Andreas- oder Schottenloge, mit 3 Graden: 4. Andreas-Lehrling.[5] 5. Andreas-Geselle. 6. Andreas-Meister.

III. Die Stewards- (d. h. Verwalter-, mißverständlich Stuarts-) Loge oder das Kapitel (so heißen die Oberbehörden der Hochgrade), mit 4 Graden: 7. Stewardsbrüder. 8. Vertraute Brr. Salomos. 9. St. Johannis-Vertraute. 10. St. Andreas-Vertraute.

IV. oder 11. Grad: Höchsterleuchtete Brr. Architekten (Ritter und Kommandeure vom roten Kreuz), die Regierung des Ordens. Der oberste Beamte nennt sich Vicarius Salomonis oder weisester Ordensmeister.

B. Das Schottische System, an der Spitze der Großlogen (oder Großoriente) von Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und der mittel- und südamerikanischen Länder, — neben den Großlogen von Belgien, Ungarn, England, Schottland, Irland und Nordamerika, hat 33 Grade (wir beginnen gleich mit dem vierten):

 4. Geheimer Meister (beschäftigt sich mit dem Tempel Salomos).

 5. Vollkommener Meister (Beschäftigung: Die Bestattung des Baumeisters Hiram in Jerusalem und die Rache für seinen Mord).

 6. Vertrauter Sekretär (weiteres von Hiram).

 7. Vorsteher und Richter (Aufsicht Salomos über den Tempelbau).

 8. Intendant der Gebäude (die Ersetzung des ermordeten Hiram).

 9. Erwählter der Neun (Bestrafung derjenigen, die sich einen Grad unberechtigterweise anmaßen).

10. Erwählter der Fünfzehn (Fortsetzung).

11. Erhabener Auserwählter (die Belohnung der treuen Arbeiter Salomos).

12. Großmeister-Architekt (höhere Regeln der Baukunst).

13. Royal-Arch (königliches Gewölbe; Auslegung des apokryph. Buches Henoch und Astrologie).

14. Großer schottischer Ritter oder Erhabener Maurer (die Fabel, daß Nachkommen der salomonischen Maurer die Kreuzfahrer unterstützt hätten).

15. Ritter vom Osten (Wiederaufbau des Tempels unter Serubabel).

16. Großfürst von Jerusalem (Fortsetzung).

17. Ritter vom Westen (handelt von den Tempelrittern).

18. Souveräner Fürst vom Rosenkreuz (Verbindung der Freimaurerei mit christlicher Orthodoxie, mit Feier des Abendmahls).

19. Großer Oberpriester oder Erhabener Schotte (grübelt über die Offenbarung des Johannes und baut am Neuen Jerusalem).

20. Großmeister auf Lebenszeit (angebliche Auswanderung der christlichen Maurer unter Titus nach Schottland).

21. Noachit oder Preußischer Ritter (verhandelt nur bei Vollmond ohne anderes Licht und zwar über — die Zerstörung des babylonischen Turmes!)

22. Fürst vom Libanon oder Ritter der königlichen Axt (Fällung der Zedern im Libanon zum Bau der Arche Noahs und der beiden Tempel von Jerusalem).

23. Haupt des Tabernakels (Einsetzung des jüdischen Hohenpriestertums durch Aron).

24. Fürst des Tabernakels (Bau der Stiftshütte).

25. Ritter der ehernen Schlange (aus Anlaß des Schlangendienstes in der Wüste: über die Krankenpflege durch die geistlichen Ritterorden).

26. Fürst der Gnade (über die Bünde Gottes mit den Juden und Christen).

27. Souveräner Großkommandeur des Tempels (befaßt sich abermals mit den Tempelrittern).

28. Ritter der Sonne (Betrachtung über die Wohltaten Gottes).

29. St. Andreas-Ritter oder Patriarch der Kreuzzüge (bezieht sich angeblich auf die schottisch-stuartistischen Umtriebe).

30. Ritter Kadosch oder Ritter des weißen und schwarzen Adlers (über den Untergang der Tempelritter und Zusammenfassung des ganzen Systems, angeblich mit Bekämpfung des Aberglaubens).

31. Groß-Inquisitor-Kommandeur.

32. Erhabener Fürst des königl. Geheimnisses.

33. Souveräner General-Groß-Inspektor.

Dieser ganze Pomp ist indessen trotz seiner hochtrabenden Namen nur Schein; denn zwei einzige Grade, der 18. und der 30., haben wirkliche Gebräuche; das System hat also tatsächlich mit den 3 alten nur 5 Grade. Die drei obersten beziehen sich bloß auf die Leitung des Ordens.

[5] Nach dem Apostel Andreas, der von Johannes dem Täufer zuerst zu Jesus übergegangen sein soll.