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L'Âme aux deux patries: Sieben Studien cover

L'Âme aux deux patries: Sieben Studien

Chapter 6: V.
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About This Book

A sequence of seven reflective essays combining travel impressions, cultural observation, and political meditation. The author sketches landscapes and salons, contrasts French and German sensibilities, recalls artistic monuments and domestic scenes, and considers diplomatic tensions and historical personalities. Personal memories and aesthetic descriptions intertwine with critiques of nationalism and hopes for rapprochement, yielding a contemplative voice that alternates between nostalgia, skepticism, and yearning for mutual understanding. The pieces move between intimate anecdote and broader historical reflection, examining how art, language, and memory shape national identity and calling for more humane cross-border relations.

„Peut-être n’est il pas permis, — permis, ce mot si vague rend seul ma peur un peu mystérieuse, — que nous produisions au dehors nos pensées les plus intimes; peut-être devons-nous protéger, voiler nos réserves, de crainte qu’une source, dont nous avons écarté les branches, ne se dessèche au soleil. Mais je dois reconnaître mes obligations. La destinée qui oppose mon pays à l’Allemagne, n’a pourtant pas permis, que je demeurasse insensible à l’horizon d’outre-Rhin: J’aime la Grecque Germanisée.“

Fand jemals eine Huldigung, in ihrer scheuen Zurückhaltung, einen so wundervollen Ausdruck? Ich kenne mir nichts Edleres als jenes Geständnis, das sich einem so französischen Herzen entrang: „J’aime la Grecque Germanisée.“

Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr männlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die ihn schon durchschaute, die er noch nicht verstand. Gerade diesem Manne aber hat der Mangel an Übung und Verausgabungstalent seines Empfindungsvermögens manchen Nachteil gebracht, und manch unfreundliche Reflexe zugezogen. Wenn ihm aber der Neid, wenn seiner Sprache das Monopol des Wortes „schadenfroh“ zum Hauptvorwurfe werden konnte, so hat er dafür ein Wort, das im Widerspruch zu jenem anderen steht und es an Kraft weit überbietet, das Wort, das in keiner Sprache seinesgleichen findet und einen Zug, der viel deutscher noch ist, als sein Neid, und das ist: seine Treue. Treu aber sind die Deutschen sich selbst, nur indem sie streben.

Zwar ist von vielen Seiten behauptet worden, seit ihrem großen Siege seien sie in ihren sympathischen Eigenschaften weniger gefördert worden, als im Verhältnis die Franzosen seit ihrer großen Niederlage. Nichts scheint mir zweckloser, als darüber Worte zu verlieren, denn Glück wie Unglück liegen hinter uns. Jede Nation hat heute die Tafeln ihrer Siege und ihrer Niederlagen, und der Haß ist zwischen ihnen etwas Künstliches geworden. Die Schwelle eines neuen Zeitalters ist schon überschritten, und eine neue Stunde hat für uns geschlagen. Fluch träfe das stumpfe Auge und die verbrecherische Hand, die den Zeiger wieder zurückstellte.

V.

Ein sommerlicher Sonnenuntergang in München lebte heute in meiner Erinnerung auf. Von der Terrasse zur Friedenssäule hatte ich auf die Isar herabgesehen, die unter dem verklärten Gewölk so leuchtend und blau dahinfloß, so deutsch mit dem verträumten Gebüsch ihrer weiten Sandbänke, und zugleich so sagenhaft schön in ihrer ewigen Frische, als eile sie nach dem Meere, Galateens Muschelboot zu umspielen.

Und München erschien mir da wie eine jener herrlichen mittelalterlichen Schlaguhren, mit ihrem kunstvollen Aufbau von Säulen, Gehäusen und Vertiefungen. Zeiger und Figuren treten immer in gleicher Schönheit, gleicher Bedeutsamkeit hervor, und das Zifferblatt ist von erlesener Pracht. Aber etwas in den goldenen Speichen der Räder ist zertrümmert oder gehemmt, und die Zeit verhallt hier in zu tiefen, zu lauschenden Klängen. Und dieses Echo, diese Beschaulichkeit ist es, die wir nicht immer ertragen, denn gerade das Unveränderliche und Unverbrüchliche in uns erheischt ein schnelleres Tempo unseres äußeren Lebens.

Aber wie uns in dem trüben, und zugleich schon grellen Lichte spätwinterlicher Tage Bilder des Südens bewegen, so umwehten mich jetzt, inmitten der weiten Regungslosigkeit und Leere, die Bilder bewegterer Städte. Von den lauen Winden zu mir herübergetragen, durchschauerte mich das silberne Paris, und lächelnd wie eine verschleierte Schöne, die Place de la Concorde. Ein anderer Sonnenuntergang flammte da auf, und überflutete die weiten Champs Elysées, den surrenden Wagenstrom mit seinem gedämpften, prunkenden Gerausch, und all die strahlenden oder trügerischen, oder schnöden Silhouetten des Glücks, die er vorbeiträgt. Was immer sie quälen mag, stets sind es Schattenbilder selbstverständlichen Genusses, die sie uns malen. Wie die weithin leuchtende Front der zwei Paläste am Eingang der Rue Royale, so trägt hier die Fassade des Lebens den Stempel jenes Maßes und jener Disziplin, die wahren Formensinn kennzeichnet. Wenn andernorts Leichtsinn und Ungefähr an Äußerlichkeiten haften, so ist es hier das Auge, das zumeist sich heimisch fühlt und inmitten der Verwirrung ganz vermag sich auszuleben.

Allein hier riß mich das brutale Gellen einer Trambahnglocke aus der Ferne in die Wirklichkeit zurück. Mit furchtbarem Gepolter lärmte der umfängliche Kasten einher, und eine Dame im Reformkleid wandelte mir entgegen. Heiß und öde dehnten sich die Häuserreihen wieder vor mir hin, und jede Straße fand von neuem Muße, mit ihrer Physiognomie, ihrer Atmosphäre mich zu bedrängen. Denn ach! inmitten der seelischen Abgeschiedenheit, die München an Wintermorgen wie an Juliabenden oft bis an den Rand wie einen Schmerzensbecher füllt, war mir, als ob der Strom des Lebens sich hier zu einem See besänftigte, sich weitete, und als ahne er hier nichts von seinen reißenden Stellen, deren Hast und Getöse allen Schmerz der Besinnung so weit überrauscht!

Und wie ein Riese schien da die Sehnsucht den Weg mir zu vertreten und mich zu würgen, als müßte sie aus meinen Augen hervorbrechen beim Anblick der hoch dahinziehenden Vögel: zur englischen Küste trugen sie meinen Geist im Fluge hin, und die Lust zu wandern kam wieder über mich.

Ich gedachte der Woche, die ich in London einsam verschwelgte, und zu welcher Lust sich mein Alleinsein steigerte, angesichts der Gestalten, die uns, lebenden Statuen gleich, zu Hunderten dort begegnen. In welcher Stimmung ich da eines Nachts aus dem Theater fuhr, und wie mich fror in der warmen Sommernacht, weil angesichts so vieler, vollendet schöner Erscheinungen, derselbe Gedanke wie angesichts der Elgin Marbles mich bewegte: welch edles Ding ist doch der Mensch. Wie müde und erregt zugleich ich dann das leere Haus betrat, in dem ich wohnte und wie ich da mit geschlossenen Augen und verschränkten Armen noch lange unten verweilte, ganz in London versunken; von dem Sausen und Brausen des unendlichen, nie lärmenden London berauscht. Ja wie ich mitten in der Nacht entzückt erwachte, die stolzen Bilder zu atmen, die London entströmten. Zwar schwebte mir gerade in Frankreich, gerade in England — Deutschlands geistiges Bild so gerne vor Augen! So tags zuvor bei englischen Freunden auf dem Lande, als ich in der großen Halle mit mir allein zurückblieb, weil mir schien, als wüßte ich in letzter Zeit, durch neue Eindrücke und die Meinungen und Ansichten anderer von allen Seiten abgelenkt, oft nicht mehr, was ich selber dachte.

Nun aber flutete das Licht des alabastermilden englischen Himmels so beschaulich durch die weitgeöffneten Tore, und die Bäume vor dem Eingang breiteten wie schützend ihre gewaltige Ruhe über diese Erde, diesen Rasen, und über das unaufhörlich holde Gurren und Geflatter der Turteltauben!

Aber wie hoch in der stillen Luft das Laub der Bäume erst leis erzitterte, und dann in Aufruhr blieb, so wurden meine erst leis sich schwingenden Gedanken von allen Himmelsrichtungen aufgescheucht, bis sie im Sturme hin und wieder fortgetragen, wie Blätter mein Bewußtsein umwirbelten. Ich konnte sie nicht erhaschen, die eigene Verwirrung, den eigenen Zwiespalt nicht begreifen, noch jenes tiefe Echo heimatlicher Erde, das deutschem Geiste aus angelsächsischem Boden entgegenhallt; als würden jene Worte wieder zu ihm hingetragen, mit welchen Shakespeares verbannte Könige dies Land betraten:

Ich grüße mit der Hand dich, teure Erde,

— — — — — — — — — —

— — — — — — — — — —

— — — — — — — — — —

So weinend, lächelnd, grüß ich dich, mein Land

Und schmeichle dir mit königlichen Händen.

Aber Shakespeare selbst, der in seiner ausgeprägt englischen Eigenart uns so nahe stand, wie glich er diesem Boden, auf welchem geschlossenste Äußerungen unserer Rasse, so heimisch und fremd zugleich, uns entgegentreten!

An diesem Faden weiterspinnend, war es dann ein anderer wichtiger Punkt, der zumeist mich fesselte. Die Identität unserer geistigen Stellungnahme zu den Griechen: Walter Pater, in seiner Auffassung und Fühlung zur Antike mit unseren Rhode und Burckhardt, als eines Geistes Kind.

Von unseren inneren Analogien aber versank ich staunend in die Betrachtung unserer äußerlich so starken Verschiedenheiten. — Allein von allen Dingen sah und erfaßte ich da nur ihr Suchen, Fließen, Streben nach einem gleichen Ziele. Und nichts, was die Vorzüge der Engländer, Deutschen und Franzosen länger auseinanderhielt und voneinander abschloß, wollte mir da noch den Eindruck von etwas Verheißungsvollem, noch Ganzem, noch Befriedigendem gewähren.

Mein Alleinsein wurde indeß von einem der Gäste unterbrochen, einem gewichtigen Parlamentarier und Anhänger Chamberlains, der in die Halle trat. Zwar war gerade er es, dessen politisches Credo: „We are the first nation“ aus allen seinen Beweisführungen mit unfehlbarer Sicherheit hervorging.

„What are you doing?“ sagte er.

„I was thinking against protectionism“ sagte ich. Und da er mich verwundert ansah: „Because we have so many things to agree on and to exchange!“ Und da er mich anstarrte: „because if you are the first nation, then we are the first people.“

„Oh! is that so?“ sagte er.

Doch als ich ihm nun meine Gedanken auseinandersetzen wollte, da standen mir die Worte, die den Stein des Weisen, den ich doch schon zu halten glaubte, fassen sollten, nicht zu Gebote, sondern die Flammen, die im Kamin mit ihrem laut- und ruhelosen Rhythmus loderten, schienen in elementarerem Bezug zu meinen Träumen, als ich selbst. — —

Warum aber weckte ich den Nachhall so vergessener Dinge? Lag an der Wirklichkeit, lag in der Gegenwart stets ein Etwas, das des Reizes tief entbehrte, oder ihn verhüllte, da Augenblicke, die wir zu genießen uns nur flüchtig bewußt wurden, als wir sie erlebten, sich verklären, wenn sie wie abgeflossene Wellen längst verrauschten? Selbst die fiebernde Öde dieses Münchner Sommertages, täuschte mich seine spleenartige Wirkung nicht?

Still schwebte schon der Mond am klaren Himmel über die Parkanlagen, die Straßen und Plätze. Von den dunklen Baumgruppen hob sich der Hildebrand’sche Brunnen wie ein Götterzeichen ab, die immer neuen Strahlen seiner Lebensfülle milde wie der Mond ergießend. Immer neu sind dem Auge die kühnen, reichen Schweifungen des Beckens, in welchem das Wasser unter der überströmenden Schale, frei wie eine Flut sich ausbreitet und bewegt. Und immer neu blicken von dem mächtigen Sockel, wie durch rieselnde Schleier, überlebensgroße, marmorne Häupter. Aber das edel gesenkte Antlitz des Athleten, die weit getrennten Gruppen und das Quellen aus all den herrlichen Nischen, sie alle ertönen in übermächtiger Einheit zu einem rauschenden Akkord, aus welchem Münchens eigenste Seele in ihrer hohen Intellektualität und ihren reichen Gründen, echt wie der frische Strahl des Wasserstaubes, uns entgegenhaucht.

VI.

An einem Spätnovembermorgen sah ich zum ersten Male die Straßen von Berlin unter einem regnerischen Himmel tropfnaß und düster vor mir liegen, und musterte mit enttäuschten, übernächtigen Augen ihre graue, geradlinige Nüchternheit.

Auf meiner Fahrt vom Anhalter Bahnhof zum Potsdamer Platz war es zugleich das einzige Mal, daß ich in Berlin dazu kam, mich über Berlin zu besinnen. Ich weiß nicht, welch verzehrende Neugierde dort alsbald von mir Besitz ergriff und mich in eine Art von Gummiball verwandelte, der ohne Unterlaß von einem Ende Berlins zum anderen flog.

Die meisten Dinge natürlich sah ich nur im Fluge.

Im Fluge machte ich dort übrigens eine, wenigstens für mich, endgültige Erfahrung: wie sehr nämlich die Wirkung, welche die Plastik auf den künstlerischen Laien ausübt, eine von der Malerei nicht nur verschiedene, sondern ihr entgegengesetzte ist. Allerdings haben wir bis jetzt nur Glyptotheken, welche organisatorische Probleme auf siegreiche Weise lösen. Vergleichen wir aber den Zustand von Beglückung und Rast, den wir im Pergamon finden, mit der Nervosität, dem Unbehagen, das uns bei längerem Verweilen in einer Bildergalerie befällt, so will uns dabei der Maler von allen Künstlern als der glücklichste erscheinen, weil von allen Kunstwerken Bilder am rückhaltlosesten zu einer Charakteristik ihres Schöpfers, im vollsten Sinne zu „Individualitäten“ sich gestalten. Je bedeutender zwar, desto bestimmter natürlich, desto mehr Aufmerksamkeit und Spielraum beanspruchend, auch nach außen hin, desto mehr Perspektive gebietend. Wer hätte im Louvre nicht die fast schmerzliche Empfindung einer Gioconda, fast hätte ich gesagt eines Lionardo, der hier in einem licht- und luftlosen Kerker gefangen liegt? — Ich für meinen Teil kann nicht an den Giorgione im Kaiser Friedrich-Museum denken, ohne daß mir ein kaum einen Meter davon entferntes Bild durch seine schreiende Unverträglichkeit mit dem Giorgione dazwischenfährt. Aber scheinen nicht alle Wände dieses selben Saales von laut aufbegehrenden und unzufriedenen Leuten erfüllt, deren Heterogenität uns peinigt und verfolgt, und die alle zusammen das große Tizianbild umlärmen? Auf meinem Wege zu den Botticellis fesselte mich ein Gemälde durch den klangvollen, durchdringenden Reiz des Kolorits. Als ich aber auf dem Rückwege an diesem Bilde wieder vorbeiging, zog sich bei seinem Anblick — ich übertreibe nicht — wie ein eiserner Ring um meine Schläfen, von nahezu unerträglicher Erschöpfung und Qual. Wahrlich! dachte ich, die Musik ist eine stillere Kunst als die Malerei.

Um aber auf Berlin zurückzukommen: als am siebenten Tage der Zweck meines Aufenthaltes erreicht schien, reiste ich am nächsten Morgen wieder ab. Zwar wurde mir von allen Seiten, und überall auf Grund meines außerordentlichen Behagens an Berlin lebhaft davon abgeraten. Aber hierüber schien mir, mußte ich doch selbst am besten Bescheid wissen, und packte unbeirrt meine Sachen. Zwar fand ich Berlin nicht mehr so häßlich, wie bei meiner Ankunft, eine „jolie laide“ vielmehr, mit sehr grandiosen und fesselnden Einzelheiten.

Am Morgen meiner Abreise fuhr ich in einer offenen Droschke und bei dichtem Nebel noch einmal um den Schloßplatz, durch die Linden, die Wilhelmstraße, Leipziger- und Friedrichstraße, und dachte: „Berlin ist doch die uneleganteste und zugleich imposanteste Stadt, die ich je gesehen habe: als Großstadt diskutabel, aber spannend wie keine andere.“ Deutlich war jetzt der Wunsch in mir aufgestiegen, es besser kennen zu lernen und bald wiederzusehen, als mir der bedenklich vorgerückte Zeiger einer Riesenuhr ins Auge fiel, und zugleich an einer Straßenecke ein Zeichen trübseliger Vorbedeutung, das, wie meiner harrend, stille stand. Nicht länger spendete ich da mehr nach rechts und nach links halb gleichgültige, halb neugierige Blicke des Abschieds. Was konnte es an diesem Morgen Verdrießlicheres für mich geben, als meinen Zug zu versäumen, nachdem ich eigens deshalb so früh aufgestanden war? Besorgt trieb ich den Kutscher zur Eile an, stürmte zehn Minuten später die Treppen des Bahnhofs hinauf, lief zum Gepäckschalter, flog durch den Perron. Kaum war ich eingestiegen, als der Zug sich in Bewegung setzte, und ich in meiner glücklich eroberten Waggonecke zufrieden einschlief.

Und dann kam das Erwachen, — das eine unvermittelte und grenzenlose Deprimiertheit wie mit dumpfen Stößen begleitete. Draußen starrte ein totes, träges, grelles Mittaglicht wie ein Abglanz des riesenhaften und unerhörten Katzenjammers, der mich bedrückte. Es war doch gestern so gut wie ausgemacht, daß ich um diese Stunde nach Charlottenburg fahren und dann in ein Konzert gehen würde. Und abends wollte ich die Oper von Nicolai hören. Warum in aller Welt war ich denn fortgefahren? Ich konnte den Grund nicht finden. Es mußte irrtümlich geschehen sein, weil ich nicht wußte, daß ich noch bleiben wollte. Ich wußte nur, was ich jetzt vergebens wollte! Mit welchem Ungestüm ich die Lokomotive an das andere Ende des Zuges wünschte, und daß sie mich wieder nach Berlin zurückbrächte!

Und ich erwachte ganz.

Eine dumpfe, trübe Hitze erfüllte den Waggon. Ich stand auf, um das Fenster einen Augenblick zu öffnen. Aber mein Gegenüber, ein mächtiger, breitschulteriger Herr, sah mir, ohne sich zu rühren, mit so unsäglicher Empörung zu, daß ich seinen Einspruch nicht provozieren mochte, weil der Gedanke, ihn auch noch sprechen zu hören, unerträglich war. O, wie mußte der seinen Enkelkindern imponieren und seiner Schwiegertochter auf die Nerven gehen! Und ich sank zurück. Aber die Reue, der leidenschaftliche Ärger über meine unbedachte und sinnlose Übereilung, brach mit der Gewalt jener unvorhergesehenen Stürme über mich herein, wie sie über Nacht, zur Zeit der Äquinoktien sich entfesseln, Kamine wegreißen, und Steine und Ziegeln von den Dächern schleudern. Wie verträumt rauschte der Zug durch das winterliche Land, während ich unbeweglich und gramerfüllt in meiner Ecke saß. „Komm,“ sagte ich zu mir selbst, „dies ist alles nur die Reaktion irgend einer ganz abnormen Übermüdung.“ — Meine Hände lagen mutlos ineinander, meine Arme waren wie mit Gewichten behängt, an meinem Herzen hing ein großer Stein, und ein anderer saß mir am Kopfe wie ein Helm. Es war lächerlich. Es konnte nicht sein. „Trink eine Tasse Kaffee,“ schlug ich vor. „Sieh nur, wie müde du bist!“ fuhr ich ermunternd zu mir fort, als ich im Speisewagen mit zitternden Knien und mit aufgestützten Armen vor meinem Tischchen saß, und das öde Licht, das durch die angehauchten Scheiben fiel, meine Bitterkeit noch erhöhte. Warum hatte ich nur so eilig Reißaus genommen? Es lohnte sich doch wahrlich, Berlin besser kennen zu lernen! Warum aber denn jetzt eine so ungestüme und überspannte Betrübnis? — Es wurde mir immer heißer, immer fiebernder zumute, und der Kaffeegeruch machte mich vollends untröstlich. Ich kehrte also wieder auf meinen Platz zurück, zog den Vorhang zu, den Hut tiefer ins Gesicht, und wie nach dem Sturme der Regen einsetzt, so drängten da die ungeheuerlichen Wolken, die mein Gemüt umlagerten, leise, langsam und unaufhörlich, nach Art der Landregen sich zu lösen. Es war viel besser, daß ich mir’s eingestand: Der vorschnelle Abschied von Berlin machte mir eben Beschwerden. Aber wie? Was lag mir dort so sehr am Herzen?

Ich habe jedoch schon öfters erfahren, daß persönliche Momente für unsere Abneigung oder unsere Vorliebe für einen Ort, keine oder nur eine relative Rolle spielen. Und ich kann mir nicht helfen: meine Eindrücke großer Städte verdichten sich zu einem gewiß anthropomorphistischen Bilde, wie es uns in der Karikatur etwa die Münchner Bavaria entgegenhält. Eine Stadt oder eine Landschaft aufzusuchen, um dort Erinnerungen nachzuhängen, stelle ich mir deshalb als ein höchst unerfreuliches Experiment von ganz besonders öder und ausgeblasener Wirkung vor. Denn der Dämon eines Ortes ist viel zu stark für die einzelne Psyche!

Daß ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrücken so hatte täuschen lassen, und während die Schärfe ihrer intellektuellen „Aura“ mich hinriß, immer noch der Meinung war, daß sie mich abstieß? — Seit einer Woche ganz von ihr eingenommen, und mit ihr beschäftigt, wollte ich alles kennen lernen, und mir nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn sie mit einer anderen in Kollision geriet, um dann, wenn auch nur für einen Akt, schnell noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber, sobald ich allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder während einer musikalischen Soiree, zog ich unverzüglich, wie aus einer geistigen Schublade, die Schlußseiten eines literarischen Produktes hervor (mit dessen Umarbeitung ich vor meiner Abreise fertig werden mußte), korrigierte, glättete und feilte daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu besinnen.

So war ich in meinem Element, und glücklich gewesen, ohne es zu wissen. Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persönlicher Bezugnahme ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.

Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nüchterne oder Geschmacklose verdroß, welche Genugtuung mir alles Schöne, Hervorragende oder Bedeutende gewährte. Ich wußte erst, nachdem ich Berlin verließ, mit welch nationalster Anteilnahme ich es betrachtete!

Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefühl der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr auf uns selbst zurück, als das Gefühl oder das Bewußtsein, oder die Idee unrichtig taxiert, sei es nun, überschätzt oder verkannt zu werden. Diesen Berlinern aber, die mir ungewohnter, in mancher Hinsicht vielleicht auch fremder waren, als Londoner oder Pariser, schien ich eine längst bekannte Nummer, und so half alles zusammen, daß ich mir selbst gänzlich in Vergessenheit geriet.

Allein derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermögen mit so ungewohnter Schärfe nach außen wandte, währenddem er mein Bewußtsein gewissermaßen suspendierte, stürzte mich zuletzt, so unwahrscheinlich dies auch klingen mag, vor lauter Elastizität blindlings in diesen Zug.

Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.

VII.
Rufford Abbey.

Ich hatte für den August 1899 eine Einladung nach Rufford Abbey erhalten.

Rufford Abbey in Nottinghamshire ist einer der ältesten Herrensitze in England. Eigentum der Zisterzienser bis zu Heinrich VIII., der ihn einem Earl von Shrewsbury verlieh, blieb er inmitten höchst wechselvoller Schicksale ein bevorzugter Aufenthalt der Könige von England, besonders Karls II. Auch heute noch wird jener traditionelle Verkehr durch Eduard VII. besonders lebhaft rege gehalten.

Hatten schon die Berichte von Ruffords Ländereien und historischen Schätzen, vom langen Saale, mit seinen elf nach Westen sehenden Fenstern, der Halle mit der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt usw, meine Erwartungen sehr hoch gestimmt, so vollends die Geistergeschichten, die über dieses Schloß im Umlauf sind. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte mich mit gespannter, aber durchaus heiterer Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen — zu welchen er zwar selbst über Nacht gehören kann — wie von etwas „Wirklichem“ Kunde erhält.

Schlaflos war ich die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Fast lautlos fuhr jetzt der Zug die trauernde Ebene dahin. Und in jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die weite Erdfläche erfüllte, wollte endlich auch mein Bewußtsein ruhen und versinken.

Aber kaum eine Minute lang!

Denn als ich erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das Land gebreitet, und zugleich rief meine erschrocken ausgestreckte Hand ein anderes Bild in mir wach, das unvergeßlich, ich wußte es wohl! zwischen mir und der Außenwelt in jenem Augenblick entstanden war.

Aber welcher Unhold hatte mich da so unvermittelt und so willenlos über eine so fremde Schwelle geführt?

Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg herein; und ich sah in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten, aber schon sehr alten Frau: — zwei langgedrehte seidne Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge; ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt, erwartungsvoll auf mich gerichtet! Als ich aber, seltsam zu ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen suchte, da zerfiel, zersetzte, zerfetzte sich ihr Angesicht vor meinen Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte ich die Hand aus um den furchtbaren Anblick von mir abzuwehren. —

Ein herrlicher Tag strahlte über das blaue Meer und Englands teure Küste.

Wer ahnt es heute nicht, in unseren so stark differenzierten Ländern, jenes wachsende, peinvoll sehnsüchtige Bewußtsein unendlichen Einsseins verwandter Rassen? — Von meinem Zuge aus sah ich Englands berückendes, in seiner Fülle so gedämpftes Licht, und mit halb verträumten, halb beglückten Augen starrte ich in diese auf den ersten Blick so schlichte, in ihrem Reiz so mächtige Natur. Denn London hatte eine Lebensfreude in mir hervorgerufen, wie ich sie noch nie empfunden!

Aber noch am selben Nachmittag fuhr ich weiter, und von Ollerton aus in einem flügelleichten Wagen durch herrliche umzäunte Wälder schnell dahin. Es ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz über Boden und Gezweig. Unter dem hohen Farren huschte und raschelte es, und ein winziger Hase, vor Schreck gelähmt, hockte mitten am Weg. Ich lachte über diesen Anblick auf. Meine lautlose Fahrt, das herrliche Gespann, der lebenflutende Wald ließen nur freudige Eindrücke zu. Zuletzt flogen die Pferde eine weite Allee im hellen Abendlicht entlang, und in einer Mulde, von einem weiten Waldesring umschlossen, und keinem unbefugten Auge sichtbar, lag Rufford Abbey ein riesengroßer, schweigsamer und strenger Bau; — hinter einer breiten kurzen Brücke trat zuerst der niedere Teil des ehemaligen Konvents hervor, dann unter steinernen wappentragenden Löwen der offene Eingang in der gedämpften gemütlichen Pracht seiner kostbar ausgeschlagenen Wände. An Rüstungen und Waffen, an der Minnesängergalerie vorbei, eilte ich in den Rittersaal. Meine Stimmung war so hoch, daß ich nicht wider sie an konnte: in einem solchen Rahmen lang entbehrte Freunde wieder zu begrüßen, war ein Erlebnis.

 

Zufällig wurde noch am selben Abend bei Tisch von den Gespenstern Ruffords gesprochen, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer gewöhnlich vermieden wird. Aber ich war hierin, wie überhaupt in allem, noch sehr wenig eingeweiht und erfuhr also auf mein neugieriges Fragen hin, daß es über Ruffords Geschichte viele, zum Teil von den Besitzern selbst verfaßte Bücher und Urkunden gab, die samt und sonders unter Ruffords Kriegsdaten, Erbschaftsprozessen und Mordtaten, — meist in demselben trocknen sachlichen Tone, — auch Ruffords Gespenster zur Erwähnung brachte. Dies rief nun unverzüglich meine eigenen Erinnerungen wieder wach. Mir hätten „rief ich“, diese Geister wohl ganz besondere Ehren zugedacht, da mir ja einer schon bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte ich das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage, und das Gesicht, das ich am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in meiner Erzählung inne, als ich die plötzliche Stille und die überraschten, gespannten Mienen rings um mich her bemerkte.

 

Ich wohnte im ersten Stockwerk nach Osten. Ein breiter Korridor trennte mich von den westlichen, sogenannten Stuartzimmern. Nach Norden hin lag wieder eine Flucht wahrhaft königlicher, zurzeit leerstehender Gemächer.

Ach die Pracht der Möbel, der Gobelins und Kamine war es nicht allein! In Nationalmuseen sieht man vereinzelt, wie ausgestopft, solche Stücke. Aber überall das Zusammentönen und -leben dieser stillen Truhen, dieser alten Teppiche und Seidenvorhänge, und überall an den Säulen und Himmelbetten, und an den Angeln der schlanken Fachkästen und Stühle das kunstvoll so rein und naiv gewundene oder skulptierte Holz! Wo an den niederen Wänden der Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Löwen ausgefüllt, oder köstliche Schreine eingelassen sind, ziehen sich durch jene Zimmer hindurch früh mittelalterliche Gobelins: lange Prozessionen schreiten da einher, Könige, Bischöfe und Heilige, edle Jungfrauen blicken rührend und ernst, und hinter dem Stuartbett, heute wie damals, eine geheimnisvoll schöne, eine große, weinende Gestalt!

Ich ging von Zimmer zu Zimmer mit einem der Gäste, der mich als Führer auf meinem Rundgang begleitete. Aber fast hatten wir einander vergessen. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit.

Und nun betraten wir die Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaus, der den Übergang bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei. Von da aus führt ein langer, schmaler Gang zu den jetzigen Privatgemächern Ruffords, die ziemlich entfernt über der Kapelle und dem ehemaligen Refektorium liegen. „Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,“ sagte jetzt mein Führer und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer höhlte sich hier in verschiedenen Windungen und Stufen, und führte plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Wir traten ein. Zwischen den Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes, schmales Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, stand davor. Zu genau war mir schon der Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre bekannt! —

Indes erfüllte es mich mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise Bestätigung eines gespenstigen Traumes mich nicht ängstigte, um so mehr, als die Inhaber der Stuartzimmer sich über die fiebernden und schlaflosen Nächte, die sie in Rufford verbrachten, unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen, sowie von dem anstoßenden Prunksaal, den der König, damals noch Prinz von Wales, bewohnen sollte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Ich hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern meine Türe führte direkt in ein großes, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagenes Paradezimmer, das für die „schwersten Gespensterfälle“ notorisch ist.

Unter sich nämlich pflegen die Gäste in Rufford Abbey solche Geschichten ohne Ende auszutauschen. Nur mußte es mich befremden, wenn von erwarteten Besuchern die Rede war, immer wieder Namen zu hören, die mit den haarsträubendsten Erlebnissen verflochten waren. Aber dies läge an dem unglaublich großen Reiz dieses Hauses, erklärte man mir. Ich sei noch zu sehr Neuling, würde ihn aber noch erfahren.

 

Nach einigen Tagen reisten die Inhaber der „Stuart-rooms“, ein Ehepaar aus der französischen Schweiz, zu meiner Erleichterung ab. Denn Monsieur und Madame de X. waren drückend, fast unmenschlich konventionell, und in allen Dingen von der Mode so eingenommen und genarrt, daß sie zu ganz eigentümlichen Ideenassoziationen und Bildern den Anklang gaben: den grell beleuchteten Kursaal eines großen Badeortes, einen Dampfschiffsalon I. Klasse und derlei. Und dann genierte es mich, zu fühlen, wie sehr es sie genierte, nicht herauszubringen, was es denn puncto Mode für eine Bewandtnis mit mir habe?

Allein infolge dieser Abreise stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels leer, und meine Freunde forderten mich wiederholt und dringend auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen; ich weigerte mich aber auf das entschiedenste, denn jetzt gefiel es mir hier erst recht! — Doppelt reizvoll und anheimelnd zwar, wirkte gerade in diesen Gemächern der Kontrast hypermoderner Existenzen! Nun beruhigten und erhellten keine herumliegenden Reisetaschen, keine neuesten Hüte und Hutschachteln mehr die düstere Atmosphäre, die wie ein schwerer Himmel über diesen Räumen hing, jetzt war alles so schauerlich und schön!

Allein ich besaß für Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder „das Mädchen“, noch „der Mönch“ noch der „cuddling-ghost“, noch die „alte Dame“, die mich doch kennen mußte, bemühten sich zu mir!

 

Da — eines Nachts — fuhr ich aus tiefem Schlafe plötzlich empor, warf mich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte blitzschnell das Licht auf und stürzte dann zu Boden. Verwundert sah ich in dem hell erleuchteten Raume um mich her. Was war geschehen? Ich konnte mich auf nichts besinnen, und fühlte doch meinen Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht. Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen hatte ja in mir gelebt! Aber welch höllisches Entsetzen hatte mich dann niedergeworfen und jagte mich jetzt von neuem, bevor ich es faßte? — Ach! jenes Licht, ich hatte es entfachen müssen, damit ich die Erschütterung ertrug, die mir jetzt das Bewußtsein brachte: Ich war nicht erwacht, ich war geweckt worden!

 

Erst als Tageshelle mein Zimmer erfüllte, löschte ich und trat ans Fenster. Wohin man von dem Schloß aus blickte, das diese weiten Parkländer, diese offenen Haine und Äcker beherrschte, erstreckte sich unübersehbar ein alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wälder, die kein fremder Fuß je betrat, und im nächsten Umkreis Plane mit zauberhaften Bäumen, Terrassen, die nur ein tiefes Schönheitsbedürfnis so ins Leben rufen und erhalten konnte; und rechts dem Flüßchen entlang, die schattige und stets geheimnisvolle Straße, das niedere Tor, das alle Verlassenheit und Poesie der Erde zu atmen scheint, und den weiten Rosengarten einfriedet! Und von hier bis zu jenem Tore drang unaufhörlich und hold der Turteltauben matter Ruf. — Aber diese Mauern, — dieses Zimmer, — diese Flucht qualerfüllter, leerer Gemächer im Morgenschein! Nein! die Frühluft, die jetzt so froh zu mir hereindrang, verscheuchte nicht, wie ich es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Wohl aber lehrte mich dieser zärtlich silberne Morgenhimmel mit seinen frohlockenden Wölkchen, daß ich den Mut nicht finden konnte, ja daß ein unheimlich seltsamer Widerwille mich erfüllte, meine untatsächlichen Erlebnisse zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an mir selbst, weil ich sie erfuhr! Keine Worte, die vor dem hellen Tage nicht zerflössen, konnten mir für das trostlos Bezuglose solcher Eindrücke zu Gebote stehen. Und ich mußte alleine damit fertig werden. — Aber das Licht, das nunmehr die ganze Nacht hindurch in meinem Zimmer brannte, sowie die Furcht vor einem Erwachen, wie ich mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein zweites Mal nicht zu ertragen, hielten Nacht für Nacht meine Wachheit rege. Und ich saß aufrecht und horchte! — Gerührt vernahm ich das Rauschen der Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte! Und ich horchte entsetzt — wie ein Scheinlebender — auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruh! Welcher Sinn war in mir erwacht, für die finsteren Flammen lechzend wie das Leben reißender Tiere, vom Leben Verstoßener? Für dies Wehen wie von Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert!

Und es schien, als dürsteten sie, mich zu erreichen! Als richte sich ihr Sturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, einer Bresche in meinem innersten Selbst.

Dabei hing es oft an einem Haar, daß ich über all dies nur lachte und daß ein ängstigender Wahnkreis mich wieder freigab, wie die beengende Schlucht den Bach zur Ebene entrinnen läßt.

So drehte ich auch eines Nachts das Licht ungeduldig wieder zu und lag, vor Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem angenehmen Gefühl des raschen Versinkens und der Sicherheit anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein Riese, unser Bewußtsein davonträgt.

Allein, wie eine Beute ließ er jäh mich fallen! — In der Schnelligkeit, mit der ich nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte, hatte ich Decken und Tücher mit fortgerissen; mein Blut, wie in Flucht geschlagen, hämmerte in meinen Schläfen, als dränge es, den Augenhöhlen zu entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fühlte ich mich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden. Und wie gemartert umklammerte ich meine Knie, zu einer anderen Welt unwiderstehlich hingezogen!

 

Nach Verlauf einer Woche wurden Heimat und Vergangenheit, das eigne Leben ferne und undeutlich. Aber wer schilderte zugleich den Widerwillen vor einem solchen Zustand und vor jener wachsenden Bangigkeit, die auch bei Tage, unter freiem Himmel, nicht mehr von mir wich, die mir das Herz zusammenschnürte wegen nichts, weil ein Vogel zu nahe vorüberflog, beim Öffnen eines Gatters draußen im Walde, oder wenn ich die grauen Mauern Ruffords, die auf düsteren Gedanken wie auf Pfeilern zu ruhen schienen, von weitem, unversehens vor mir sah.

Oft verbarg ich mich nun tagsüber in dem langen Saal, ganz der verwunschenen Stimmung hingegeben, die von Norden her eine gewaltige Front finsterer Bäume über die Beauvais-Tapisserien und die Wände ergoß, und zwischen einem Watteau und einem Greuze schlief ich in einer Mauervertiefung am Fenster ein.

 

Das Wetter blieb den ganzen August hindurch heiter und schön. Vor der Ostfront des Hauses verbrachten wir einen großen Teil des Tages in Korbstühlen, unter paradiesischen Bäumen, lasen, nahmen Tee, sprachen oder schwiegen uns aus und rührten uns oft stundenlang nicht von der Stelle.

Eines Nachmittags saßen wir wieder so tief in unseren Korbstühlen vergraben, daß wir einander kaum sahen. Und willkommen war es mir! Denn meine Sinne, nach außen hin, ja mir selbst entfremdet, zogen sich, wie die Fühlhörner einer Schnecke, in ein dunkles Gehäuse immer mehr zurück.

Tod und Leben, sie konnten ja nur einer Welt gehören! Wie Raum und Zeit, war unsere Trennung von dem Geisterreiche einzig durch die unübersteigliche, aber illusorische Schranke unserer Sinne bedingt. — Schaudernd sah ich zu einer gewissen Fensterreihe empor und gedachte der vergangenen Nacht und der Gedanken, welche da auf mich eindrangen, bis ich, unfähig, mein Alleinsein länger zu ertragen, nach einem anderen Teil des Schlosses fliehen wollte, aber alsbald die Türe wieder zuwarf, wie vor einem Sturm, als sei das Dunkel dieser Gänge eine wilde Flut, vor deren Toben der hellere Raum meines Zimmers noch einzig mich beschützte! — Zum Greifen nahe war ich in dieser letzten Nacht bis zu des Todes Schranken lauschend vorgetreten. Denn des Todes Sicherheit entsendet einen Lockruf, vor welchem des Lebens unsicheres Licht in dunkler Müdigkeit erschauert.

Aber ich lebte ja! Um mich her war der Tag! Aus undurchdringlich seligem Gezweige drang der süße Ruf der Turteltauben durch die laue Luft! Wie sicher fühlte ich mich hier unten, inmitten der anderen, in dem still verweilenden Sommerlicht! Und ermüdet schloß ich die Augen, in dem schwindligen Doppelleben, das ich jetzt führte, versonnen, wie der an steilem Bergesabhang Träumende.

 

Als ich erwachte, war ich allein. Die Blumen, die in hohen Rabatten nach Art der Klostergärten alle Mauern des Schlosses umwuchsen, umschlossen sie jetzt wie entseelt, mit einem fahlen Ring. Im unteren Stockwerk und links über der Kapelle waren schon alle Fenster beleuchtet, der Schatten einer Zofe huschte geschäftig vorüber und der Prozeß des Ankleidens schien überall in Schwung. Ich eilte nun über den Vorplatz, Gänge und Stiegen hinauf; aber im Laufen fühlte ich die Angst gleich einem Riesenschatten wieder dicht an meiner Seite, als habe sie es gar nötig, mich in mein Zimmer zu begleiten. Zum ersten Male versagte dort das Licht; wie ein entlegener und vergessener Raum lag es in der Dunkelheit vor mir. In dem verlöschenden Tagesschein, der durch das Fenster fiel, sah ich jetzt die Draperien des Bettes heruntergerissen, und daß der Balken, der sie hielt, schräg an der Mauer herabhing. Halb tastete, halb suchte ich nach den Kerzen, fand aber nichts mehr zur Hand, und wandte mich erschrocken der Türe zu, um das Zimmer wieder zu verlassen; allein sie widerstand und die Klinke war von außen gehalten. Noch ehe ich mich besinnen konnte, drang jedoch ein Schrei durch die Türe zu mir und zugleich hing die Klinke wieder locker in meiner Hand.

Auf den Gang hinausstürzend sah ich einen Diener, der wie besessen nach der Richtung der Freitreppe rannte. (Offenbar hatte der mich für einen Geist gehalten.) Flugs holte ich ihn ein, und zwang ihn, mich zu erkennen. Als hätte ich ihn erwartet, nahm ich dann den Brief, den er mir entgegenhielt. Er enthielt eine Menge Gründe für meinen, ohne mein Wissen, schleunigst vollzogenen Umzug. Aber ich las ihn nicht zu Ende! Ob diese Gründe wahr oder erfunden, oder auch nur wahrscheinlich waren, kümmerte mich nicht. Nach meinem neuen Zimmer, das in einem anderen Stockwerk, nach einer anderen Himmelsrichtung lag, flog ich mehr, als ich ging. Dort standen wohlgeordnet alle meine Sachen; die Kerzen brannten vor dem hohen Spiegel und das Kleid, das ich für den Abend anziehen wollte, lag ausgebreitet auf dem Bett. Eine Grille zirpte vor dem Fenster, der warme Rasen duftete so sommerlich herein. Wie schön war alles, was atmete, war diese Erde, war dies Leben! Und wie am Tage meiner Ankunft, als ich im hellen Abendlicht durch die Wälder nach Rufford fuhr, war es da wieder nur ein Bild, das mein Geist begierig greifen und erfassen wollte: des Lebens, der Natur ewig tröstliches Erstehen.

Und doch sind es die schauerlichen Nächte in jenem anderen Zimmer, deren Erinnerung ich heute nicht vermissen möchte.

TORSO

Gedanken, Meinungen und Überzeugungen drängen nach Äußerung, lange bevor wir noch wissen, welchen Ausdruck wir ihnen verleihen, in welche Form wir sie bringen können. Den einen treiben sie zur Gestaltung, zur Ausführung oder zur Tat, den minder Glücklichen zwingen sie zur Schrift.

Leopardi nennt die so verbreitete Meinung von der Seltenheit der Originale einen großen Irrtum, denn bei näherer Betrachtung erweise sich fast ein jeder als ein ganz einziges, noch nie dagewesenes Exemplar! Einem solchen Begriff der Originalität fehlt freilich jedes Prestige. Aber tatsächlich ist es mit den geistigen Physiognomien der Menschen, wie mit den äußerlichen. Könnten wir jene mit den Augen sehen, wir würden da genau dieselbe Mannigfaltigkeit, aber auch dieselben Mißverhältnisse wahrnehmen, wie an den sichtbaren Gestalten; nur daß sich auf geistigem Gebiete der Wahn so bemerkbar macht, als sei hier eine Unterschiebung der eigenen Identität durch eine schönere oder bedeutendere leichter möglich, die Gesetze der Unveränderlichkeit leichter zu täuschen oder zu umgehen, als in der körperlichen Welt. Wie wenige sind denn wirklich schöne oder vollendete Typen! Und wie viele gleichen jenen Bruchstücken antiker Statuen, deren Wirkung durch einen ergänzten Kopf, eine fremde Bewegung verdorben oder gestört wird, statt daß sie bleiben, was sie sind, nämlich meist ohne Kopf und Fuß, aber echt.

 

Marie stand mit fünf Jahren eines Morgens unter einem Baum, dessen Laub im Winde rauschte, und den blauen Himmel durchblicken ließ. „Das Leben ist schön!“ dachte sie.

Da flog ein Blatt von den Zweigen herab in ihre Hand, und während sie seine groben Adern und Fasern langsam auseinanderriß, wurde sie unsäglich verstimmt. Nicht der froh bewegte Wipfel in der Höhe, das einzelne langweilige Ding in ihren Händen, war die Wirklichkeit! —

Der Grundakkord ihres Wesens schlug da zum erstenmal an ihr Bewußtsein an; denn es gibt nichts Neues im Menschen. Das fin mot eines Ich’s ist ein Motiv, und was hinzutritt, sind Amplifikationen.

Schon ein Jahr darauf lernte Marie im Kloster die Langeweile kennen, zu der sie neigte, wie ein anderer zu Gichtschmerzen oder Rheumatismen, und die sie anwehen konnte, plötzlich, unvermittelt wie ein Wind, der um die Ecke fährt.

In ihrem Kloster blies sie durch das ganze Haus, um alle Mauern, und durch den ganzen Garten, die Stelle ausgenommen, an der eine reizende Brücke über den Wildbach bog, Libellen unklösterlich schwirrten, und die Bäume parkähnlich zusammenstanden. Aber alles andere war häßlich. Zwei hohe plumpe Berge versperrten wie Riesentore nach Norden hin die Welt, und die Monatsrosen standen meist verwelkt und verweht, um ein mächtiges Kreuz vor dem Haus. Alles, was sie sah, mußte sie zugleich empfinden, doch ohne auch nur entfernt die Fähigkeit zu haben, sich dies zum Bewußtsein zu führen. Wie schmerzlich schien ihr im Frühjahr das Licht, wenn die Furchen der Berge so rauh aus dem Schnee hervorstachen, und die grünenden Bäume im Scheine eines regnerischen Tages fröstelten. Ach wie öde der Ackergeruch im Winter, die Stoppeln und Maulwurfhügel auf dem Felde, der schwere, fette Flug der Raben!

Zu ihrer Unterhaltung verfiel sie da auf ein höchst seltsames Gedankenspiel: sie setzte sich abseits, stützte die Arme auf, schloß die Augen und dachte mit immer beschleunigterem Tempo und eingezogenem Atem: „Ich bin Ich.“ An diesem Gedanken konnte sie nämlich, wie an einem Seil, immer dunklere Schlünde hinab gleiten, bis sie ein Schwindel erfaßte, und ihr Ich ihrem Bewußtsein entsank.

Wie sie das zusammenbrachte, wurde ihr später selbst ein Rätsel: ihr Geist hatte damals eine jongleurartige Geschwindigkeit, als sei er transparenter und zugleich schärfer gewesen, lösbarer von ihr? — sie wußte es nicht. Aber sie fand es „spannend“ sich selbst zu jagen, bis zu einer Wurzel, die sie nicht mehr war. — „Ich bin gefangen!“ dachte sie da wohl. „Auch nicht für eine Stunde kann ich jemals von mir fort, und wenn mir andere Menschen noch so sehr gefallen werden, kann ich sie nie sein!“

Aber einmal, als ihr diese geistige Rutschpartie besonders gut gelungen war, faßte sie ein Entsetzen, als hätte sie sich verloren, als hinge das Seil ihrer Identität in der Luft, — als harrten ihrer Gespenster in den Tiefen, in die sie geraten war, — und mühsam, wie ein Ertrinkender, so rang sie seufzend zur Oberfläche ihres Bewußtseins zurück.

Ein Instinkt riet ihr jedoch, dies unheimliche Spiel zu lassen und die Fähigkeit verlor sich auf diese Weise sehr rasch. Dafür fingen andere Probleme, deren Lösung sie keinen Augenblick gewachsen war, an sie zu quälen.

Starb eine Klosterfrau, und wurde es den Zöglingen freigestellt, sie auf der Bahre noch einmal zu sehen, so ließ Marie alles liegen und stehen, und marschierte zwei Schuhe hoch, allen voran. Dann starrte sie forschend in das fahle Gesicht, dem der Geist schon zu lange entschwunden war, und das ausdruckslos, ja sinnlos vor ihr lag. Und nichts schien ihr gerade auf das Klosterleben ein so trauriges Licht zu werfen, als der Tod.

Aber es kamen immer mehr Dinge, die ihr mißfielen.

Eines Sonntags fand sie in einem Bilderbuch eine Palmengruppe abgebildet, einen sprungbereiten Tiger, und ein Mädchen, das mit tödlich entsetzter Miene sich vor ihm zu verbergen suchte, aber vergebens, denn er hatte sie schon fast erreicht und mußte sie unfehlbar zerreißen.

Empört und außer sich, rannte Marie im Zimmer umher. Sie blickte zu den gemalten Inschriften auf, die an den Wänden hingen, und die ihr so gut gefielen: „Siehe, so sehr hat Gott die Welt geliebt. . . .“ „Er aber liebt die Seinen bis in den Tod . . .“ „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört . . .“ Über ihren Schrank breitete ein Pelikan seine Flügel aus mit einem ähnlichen gefühlvollen Spruch. Wie reimte sich dies? — Und sie verbiß sich von neuem in das schreckliche Bild. — Wie konnte Gott dies ertragen, wenn wir sein Ebenbild waren und seine Kinder?

Ein anderes Mal hatte die Feuerglocke wegen eines in der Nähe brennenden Anwesens wohl eine Stunde hindurch geläutet. Endlich kam, fliegenden Schrittes eine Klosterfrau den Gang heraufgeeilt, und sagte: „Gottlob Kinder, es ist kein Menschenleben zugrunde gegangen: nur 16 Kühe sind verbrannt.“

In der Nacht sah Marie die Tiere heulend durch die Flammen jagen und fuhr erschrocken aus ihren Träumen empor. Sie schlief nahe am Fenster, und der Wildbach rauschte mit düsterem Schwalle, ewig stöhnend, schwarze Klagen herauf. Was war dies für eine Welt, in der die Kinder ihre Eltern begruben, und der Herr der Schöpfung zur Beute eines niedrigen Tieres entehrt werden durfte? Schöne Menschen, die sie kannte oder gesehen hatte, und die schwerlich je in Kollision mit einem Tiger oder einem Boa constrictor kommen würden, schwebten ihr vor Augen. Allein gewisse Möglichkeiten genügten, um da ihren Weltschmerz zu einem unerhörten Fortissimo zu steigern. Es gab ja kein Entrinnen aus einer solchen Welt, keinen Tod, keine Bewußtlosigkeit mehr für unsere unsterblichen Seelen! „O wie ist das?“ dachte sie erschrocken: „Ich kann Gott nicht lieben!“

Am nächsten Morgen waren Geschenke für sie angekommen, und sie bezeigte eine solche Gier, sie alsbald in Empfang zu nehmen, daß die Oberin sie zurechtwies: „Du genußsüchtiges Kind,“ sagte sie streng. Marie hörte dies Wort zum erstenmal, und vernahm es mit Interesse. In der Tat: Warum haßte sie nichts so sehr auf der Welt, als den Schmerz? Warum ging sie stets mit abgewandtem Gesicht den unteren Gang entlang, wo die Apostel der Reihe nach in schlecht gemalten Bildern hingen, mit Kreuz, Nägel und Stricken, all den furchtbaren Zutaten ihres Sterbens? Warum erfaßte sie jede Freude mit so peinvoller Hast, und entbehrte sie mit solcher Heftigkeit? und warum waren selbst ihre schwärzesten Stimmungen so seicht, wie Wolken, die ein leichter Windstoß wieder vertreibt?

Aber ihre Grübeleien brachten ihr nur Überdruß und sie war froh, sich ihrer zu entschlagen. So fing sie mit acht Jahren an zu schwärmen, und wenn Orgelklänge und Weihrauchdüfte die Kirche erfüllten, dachte sie nur mehr an Rosa Flatz, Paula Baselli, Irene Angermaier und Livia Gelmini.

Es gibt Wesen, die in früher, unwahrscheinlicher Vollendung ins Leben hineinleuchten, gleich jenen vereinzelten Tagen inmitten langer Regenzeiten, an denen das Licht so zärtlich, das Laub so golden, der feuchte Blick der Sonne so kristallen leuchtet! Aber tags darauf haben Regen und Wind ihre trüben Lieder wieder aufgenommen . . . Flatz war von hohem Wuchs, hatte goldenes Haar und den Kopf einer Sirene. Da sie fast schon erwachsen war, wagte Marie nur im Winter, wenn die Zöglinge schweigend spazieren gehen mußten, sich zu ihr zu gesellen, ergriff ihre Hand und sah stillbeglückt von der Seite zu ihr auf. Kein Frost konnte die liebliche Röte dieser Wangen beeinträchtigen, so schön und blühend war ihr Flaum. Aber sie blühte so königlich! Wo sie ging, war kein Winter, heftige Rosensträuche blühten an allen Wegen, und an den Frühling gemahnte selbst ihr sicherer, zerstreuter Blick.

Baselli hatte einen zu tiefen Teint und ungeschmeidiges Haar. Aber der Schnitt war rein wie der eines Ägineten, und ihr stolzer Blick flammte in unbewußter oder in Zaum gehaltener Trauer. Marie hielt sich gern in ihrem Umkreis, um die edlen Augenhöhlen, die köstliche Zeichnung ihrer Lippen in der Nähe zu sehen, und wie über einen heiligen Wald schwärmte ihr inneres Auge über sie hin.

Aber Irene Angermaier war die schönste! mit braunem, weichfließendem Haar, ruhig und müd wie eine Nymphea im Mondlicht. Sie lehnte in ihrer harten Schulbank mit jener überlegenen Grazie, welche die Menge anjubelt, und vor der die Maler knien. In prunkvoll ausgeschlagener Gondel, in Palästen hätte sie ruhen sollen; ein Antlitz für Perlen und unschätzbare Schleier, ein Wesen, zu schön um zu leben, zu leicht, um im Grabe zu ruhen.

Gelmini war aus Salurn, und melodisch wie ein Glockenspiel. Ihre Achseln schienen wie mit Blütenfäden an ihren Körper gefügt, und an der Art, wie sie den Arm nach der Stiegenrampe ausstreckte, und an ihrem Gang konnte Marie sich nimmer satt sehen. So schritt wohl Julia, als Romeo sie zum erstenmal erblickte. Und wenn Livia: „il gallo, la primavera, la catena“ sagte, dann schwärmte Maries Herz, wie ein bunter Schmetterling in der Sonne. Mit Livien, die erst neun Jahre alt war, hätte sie verkehren können, aber sie gefiel ihr zu gut, und wo sie bewunderte, zerfloß sie in Verehrung. In Wirklichkeit wollte sie weder von Puppen, noch von Freundinnen etwas wissen, und mit Vertraulichkeiten war ihr nicht gedient. Sondern sie wollte höhere Wesen, die sie ihrer enthoben. Und angesichts jener vier reizvollen Gestalten, die sie so früh verlieren, und sterben oder scheiden sehen mußte, war sie vielmehr einem Zustand, als Gefühlen hingegeben. Sie sprach nie mit ihnen und suchte nie von ihnen beachtet zu werden, nur in der Nähe, im selben Zimmer mußten sie sein; sie mußte sie alle vier sehen können, wenn sie den Kopf wandte, dann war ihr Kloster ein gar schöner, gewählter und träumerischer Ort.

Mit ihnen schwand alle Poesie aus Maries klösterlichem Leben; sie stak von neuem in Grübeleien, wie in ödem, verwirrendem Sande, langweilte sich und sehnte sich fort. Zudem wurden alle ihre Bücher, die sie gerne reglementswidrig in ihrer Schublade aufgeschlagen hielt, der Reihe nach konfisziert, und ehe sie sich versah, stand sie als Verkörperung der Insubordination von allen Zöglingen abseits. Alljährlich feierte man in ihrem Kloster das sogenannte „Königsfest“, bei dem sich das ganze Pensionat in einen Hofstaat umwandelte, und jeder Zögling, von der Königin herab zu den Köchen und Kaminkehrern, je nach Verdienst, seine Charge erhielt. Die ersten Jahre stand Marie als Page, in Korkziehlocken und Goldreif, einen ganzen Tag hindurch stumm, doch voll Entzücken in der Königin Dienst. Es war Irene Angermaier, in Silbergaze und königlicher Krone. Aber später wurde ihr dies reizende Fest verleidet: In einem schief aufgesetzten, viel zu kleinen Schäferinnenhut und einem zu engen grünen Tarlatankleid (denn es hatte als ehemalige Balltoilette eine Taille, und sie noch lange nicht) spazierte sie als „königliche Lectrice“ mit einem Riesenbuch, allein und tödlich verlegen, hinter den Landgräfinnen einher, und wenn im cortège die Reihe an sie kam, tanzte der „Bouffon“ in seiner roten Schellenkappe vor ihr her und verkündete ihre Streiche. Nun pflog sie zwar über die Weltordnung allerlei Separatanschauungen, doch für das Maß ihrer eigenen Missetaten fehlte ihr jedes persönliche Gutdünken, und sie schämte sich über Gebühr.

Aber dafür war die freie, herrliche Welt der Tummelplatz aller Freiheiten, und ihr Herz schlug hoch, als die schweren Klosterriegel auf immer hinter ihr zufielen.

 

Das Leben präludiert meist anders, als es verläuft. In der Tat: so unglaublich es ihr selber erschien: einen Monat später durchschwärmte sie, frei wie ein Waldestier, eine Mondnacht um die andere in den Bergen und kampierte am offenen Feuer, wie ein Zigeuner. Was hätte sie gesagt, die würdige Mère Supérieure, die ihre Uhr nach den Hühnern richtete? — Da hing Maries Disziplin, am hohen Klostergiebel, als leeres Fähnchen zurückgeblieben.

Folgendes müssen wir Maries eigenen Aufzeichnungen entnehmen.

„Es war zur Sommerszeit in den bayrischen Bergen, als uns vier Kinder die Wanderlust zum erstenmal ergriff. Aber der Tag ließ uns nicht weit genug gelangen; so rüsteten wir uns sorglich auf einen längeren Streifzug aus. Daß uns gerade nur soviel Geld bewilligt wurde, um 24 Stunden fernzubleiben, kümmerte uns nicht.

Erst als der späte Nachmittag golden verglühte, traten wir vor. Bald rauschte dann im Mondlicht der Fluß uns zur Seite, und schneeweiß zog sich die Straße den schwarzen bewaldeten Felsen entlang. Jeder Stein, der im Flusse die Wellen zurückwarf, die Kiesel am Wegesrand, ja das zertretene Gras am Ufer schienen verklärt, und die Mulden der Berge in Schleier gehüllt. Und wenn sich in dem mondlichen Schweigen der Schrei eines Tieres entrang, durchzitterte ein ewiges Glück dies schimmernde Tal.

Immer leichter trugen uns unsere Schritte voran! Immer eifriger berieten wir die Möglichkeiten einer einstigen großen Erbschaft, und in der großen Bergesstille schallte unser lautes Gelächter.

Als die Lichter der „Fall“ vom anderen Ufer herüberleuchteten, hielten wir Rat: denn aller Spaß wäre zu Ende gewesen, hätte unserem Auftreten etwas von dem hohen Ansehen gefehlt, von dem wir selbst so sehr überzeugt waren. So betraten wir, stets fremde Sprachen untereinander führend, das alte Gasthaus, bestellten ein wohl ausgeklügeltes, sehr zimperliches, aber sehr billiges Essen, gaben dann vor, einer Wette halber, die Nacht in keinem Hause verbringen zu dürfen, und griffen, mitten in der Nacht, mit großer Eile nach unseren Stöcken. Der Eindruck war nach Wunsch: die paar Reisenden und das Personal standen neugierig an der Türe, eine alte Dame protegierte, die Wirtin bewunderte uns, der Förster zog seine Pfeife weg und wies uns den Weg, und von freundlichen Zurufen verfolgt, von der alten Dame gewarnt, drangen wir fröhlich in den Wald, und weiter hinein in die Riß. Den Tag verschliefen wir auf Almen oder Bergeshauben. Kamen Stürme, so äfften wir sie. Von den Felsen geschützt, apostrophierten wir das finster fliegende, grandiose Gewölk, und begrüßten die Donnerschläge mit dröhnendem Gelächter.

In der Folge dehnten wir unsere Touren immer stattlicher aus. An einem Herbsttag kamen wir vom Achensee und wollten über den Schildenstein zurück. Die Alm war geschlossen. Da liefen wir in der Dämmerung den Kanten des Blauberges entlang, drangen durch das Fenster in eine leere Hütte und machten uns Feuer. Aber draußen lockte die Nacht, lockten die im Monde getauchten Tiefen des Achentales und der silberne See. Unbeweglich wie Berggeister saßen wir, in unsere Mäntel gehüllt, vor unserer Alm. War es Ahnung oder Müdigkeit, die uns verstummen ließ? Die Welt mit ihrem Spiel riesiger Schatten, schimmernder Lüfte und frohlockender Höhen atmete Gesang, aber die Leier unserer Freuden schwebte zerrissen über uns.

Bald standen wir wie ein Häuflein, das ohne den Führer trübe zerfällt. Der große Zauber jener Wanderungen hing an einem romantischen, 19jährigen, höchst merkwürdigen Wesen, in dem kein Raum war für Pandorens Trug. Reinste Vernunft gebot hier jeder Unruhe, und die Erkenntnis überstrahlte den Wunsch. Aber nie vorher hatte sich so hohe Weisheit mit solcher Grazie umkleidet, und die Taue eines so unschuldigen Lebens gelockert. In dieser fast morbiden Erscheinung, mit dem unbeschreiblichen Relief ihrer bangen Umrisse, blieb alle Schwäche ausgeschieden, war alles Schönheitssinn und Stil. Zuletzt sind Linien, die uns fesseln, solche, an die wir uns nicht gewöhnen, und stete Neugier erregte diese schmale, ernste Stirne mit den hochgezogenen Brauen, die fast leichtsinnige Anmut des kleinen Ovals, das eitel gesteckte Gold der Haare, und dabei die männliche Zurückhaltung in den durchdringenden Augen. So glich die Mischung ihrer psychischen Elemente der Stimmung eines herrlichen, aber zu zarten Instrumentes. Und so ließen sich ihre Anforderungen an ein Leben, an das sie nicht glaubte, nicht herabdrücken, und mit allen Fasern zog sie sich von ihm zurück.

„La mort est bête“ sagte Gambetta. Aber der Tod überblickt Zusammenhänge und das Leben ist befangen. In unserer Erscheinung wähnen wir unser Wesen erschöpft, währenddem die Grundlagen neuer Individualitäten schon in uns dämmern, neue Lebensformen unserer harren mögen.

Allein einzig ist der Mensch als Kunstwerk! Und mit Grauen erfahren wir, daß es Wesen gibt, die, köstlichen Schalen gleich, einmal zerschlagen, der Natur nicht wieder gelingen.“