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Laubstreu

Chapter 6: Etüde
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About This Book

A series of lyrical short narratives and sketches set in rural landscapes, following chance encounters, quiet recollections, and moral reflections. Scenes move among sunlit hills, humble village churches, and modest homes, focusing on gentle acts of care, childhood memories, and the small rituals that shape daily life. Religious symbols and natural imagery recur, linking compassion, duty, and longing, while characters pause to observe graves, animals, gardens, and the passage of seasons. The pieces emphasize mood and interior feeling over dramatic action, offering contemplative portraits of human tenderness and solitude.

Sie war aufgestanden und hatte vor sich niedergesehen, mechanisch die Schürze immer schmaler zusammenlegend; nun blickte sie auf; ihre Augen waren warmdunkel geworden und der Klang der Stimme paßte zu den Augen: »Eins aber,« sagte sie, »sollen die Kinder haben, ihr Leben soll auf klarer Bahn beginnen, sie sollen mit harten Sehnen losgehen und an Wahrheit gewöhnt sein; damit, wenn je die Stunde für sie käme, wo es schwer ist, sich zur Wahrheit zu bekennen, sie auch dann ... nicht anders könnten. Was sie an Hindernissen auf ihrem Weg finden werden, das verfügt unser Herr und Gott, was von außen kommt, liegt nicht in unserer Macht. Wir können nur den Willen bereiten. Das müssen wir. Denn ich meine, das ganz Furchtbare, das, was nicht heil zu machen geht, ist, wenn der Hahn kräht und einer einsieht, daß er seinen Mann nicht gestanden hat. Erkennen, was die Hauptsache ist und was die Nebendinge sind, ja, wer das hat, was kann ihm schaden, wer kann ihn besiegen? ...«

Dem Gatten waren solche Aussprachen – die meistens als Monologe verliefen –, wenn seine Frau ihr Veledagesicht aufsetzte und das Gesetz verkündete, geradezu fürchterlich. Es fiel ihm ja gar nicht ein, gegen ihren Wunsch Entscheidungen zu treffen; man konnte aber doch wohl seine Ansicht sagen. Zum Glück kamen derartige Explosionen selten vor; für gewöhnlich war Gerta sehr zurückhaltend. Aber er fühlte immer etwas durch: Mißtrauen von vornherein und einen kindischen Eigensinn in Dingen, über die er kein Wort verlor. Gouvernantenhaft, das drückte es am besten aus. Seit der albernen Freundschaft mit den überspannten Livländerinnen wurde es immer ärger. Er war gewiß für Religion; mein Gott, wohin geriet man auch sonst, schon allein der unteren Klassen halber war sie ganz unentbehrlich. Und eine Frau ohne Religion war ja ganz wider die Natur. Aber diese Hyperfrommen hatten etwas direkt Aufwieglerisches an sich – sie konnten reden wie die rötesten Sozialdemokraten, geradezu bedenklich; und taktlos waren sie auch alle, weil in ihren Augen der höhere Zweck die ärgsten moralischen Anrempeleien rechtfertigte – ja, sogar wenn sie schwiegen, brachten sie's fertig, rechthaberisch zu sein.

Er stand auf und sagte: »Wir wollen uns doch nicht über Grundsätze und dergleichen ereifern; dazu ist es heute viel zu warm. Jedenfalls, ich bin wie eine tote Fliege und gänzlich kampfunfähig. Meine Ansicht in der Sache, die uns vor allen andern beschäftigt, kennst du. Möglichste Schonung nach allen Seiten. Auch gegen uns selbst. Auch gegen die konventionellen Hühneraugen unserer Nachbarn und Standesgenossen. Man lebt eben nicht auf einer Robinsoninsel, nur mit einem Lama und einem Papagei. Aber die Zeit ist der beste Alliierte, und die Menschen vergessen nur zu gern, wenn sie dadurch einer Unbehaglichkeit aus dem Wege gehen können. In einigen Jahren kann man das Gras mähen, das darüber gewachsen ist.«

»Ja, in Dingen der Weltklugheit rede ich nicht mit, das liegt mir nicht. Hier im Haus aber, wozu das Versteckspiel? Ich will Freud und Leid tragen, ohne Scham, wo ich doch keine empfinde. Warum auch, es liegt ja alles so einfach. Man macht so oft die Dinge kompliziert, bloß aus Furcht. Und ich hasse die Furcht. Es ist etwas Fremdes, es soll nicht an uns heran. O Thilo, du mußt mir ja recht geben. Sollen wir denn erröten, wenn das Evangelium vom verlorenen Sohn gelesen wird? Was ist uns das Geschwätz von Nachbarn und Standesgenossen? Nicht mehr als der Rauch deiner Zigarette. Denk an die großen Jagdrennen, früher, oh, wie stolz war ich auf dich, Thilo. Immer der erste, kein Gedanken an Gefahr. Willst du dich vor dem Gerede mehr fürchten als vor dem irischen Wall in Iffezheim?«

In ihre Augen war feuchter Glanz gekommen, ihre Farbe kam und ging. Ganz jung sah sie wieder aus, wie damals ... Schumanns »Widmung« fiel ihm plötzlich ein, die sein Vetter Landrat – Theo mit den Lakritzenaugen – am Polterabend hinter der kleinen Bühne gesungen hatte; er hörte noch die gaumige Baritonstimme, die ihn damals tief gerührt hatte: »Mein guter Geist, mein beßres Ich!« Und an den Tag in Iffezheim hatten ihre Worte gemahnt. Eine rasche, heiße Welle des Erinnerns ging ihm durchs Blut. Wie sie dort auf einem schmalen Brett gestanden hatte, hochgereckt, in dem weißen Sommerkleid, das der Wind fest zurückblies um ihre feinen, mädchenhaften Glieder, den Hut etwas nach hinten geschoben, das Haar verwirrt um die leuchtende Stirn, und ihre großen reinen Augen so strahlend und voll Vertrauen auf seinen Sieg, sie, die in ihrer Unschuld doch schließlich auf das Körperliche hereingefallen war und dem stählernen, furchtlosen Reiter auch Seelenstärke und Unabhängigkeit des Denkens angedichtet hatte; warum eigentlich? Weil er einen geraden, guttrainierten Körper besaß und eine gewisse Art physischer Furcht nicht kannte? Jugend, Jugend! Von ihrem Glauben getragen war er sich schließlich selbst wie ein famoser Kerl vorgekommen, auserwählt, dieses scheue und doch unendlich aufrichtige Geschöpf an sich zu fesseln ... Er seufzte auf und küßte, sich plötzlich vorbeugend, ihre herabhängende Hand. Der Schmerz zog wieder so elend in seinem Genickwirbel. Da stand er auf und ging in sein halbdunkles Zimmer zurück, wo auf dem Schreibtisch so viel angesammelte, aufgeschobene Arbeit wartete.


Das war am Dienstag gewesen, Mittwoch kam, nicht heißer, das war nicht möglich, aber noch bleierner, schon seit dem frühen Morgen. Die Pferde fuhren mit großen Tonnen zum See hinunter, es sollte heute wieder im Gemüsegarten gegossen werden; Park und Blumen mußte man ihrem Schicksal überlassen, da war für diesmal nichts mehr zu machen, die Fliederbüsche standen grau und matt und an den Wegrändern häuften sich ihre zusammengerollten Blätter, die braunen Grasflächen dehnten sich wie schäbige Löwenfelle, und auch die Linden auf der Terrasse ließen runzlige Blätter niedersinken; wär' es nicht so furchtbar heiß gewesen, es hätte Oktober sein können.

Papa saß unter den Platanen, gerade oberhalb der Wiesen, die sich bis zum See erstreckten. Er wurde stets sentimental, wenn er von diesem etwas erhöhten Platz die Landschaft überblickte.

»Hier will ich einmal ruhen, unter einem schlichten Stein,« sagte er, und seine Stimme bebte ein wenig bei dieser Vorstellung; er legte wie segnend die Hand auf Alis kleinen, frischgeschorenen Kopf (Ali wünschte sich in solchen pathetischen Momenten klaftertief unter die Erde, das Erhabene lag ihm nicht), »das ist das rechte Grab für einen ehrlichen Reitersmann.« Papas Augen blickten verschwommen. Nachdem die Post am Vormittag gekommen war, war's mit den Nerven ganz bös geworden, da hatte wieder das winzige Spritzchen helfen müssen. Ali war gerade dazugekommen. »Sage nichts an Mama,« flüsterte Papa und sah sich etwas schuldbewußt um, »du weißt ja, wie gut sie ist; sie macht sich dann immer gleich Sorgen. Aber bei dem verdammten Bohren ist es nun mal das einzige ...«

Der Himmel über dem See war blauschwarz; er schien sich immer tiefer zu senken, der große Roggenschlag jenseits leuchtete fahl, unheimlich deutlich unter dem finsteren Gewölk. Papas Hand lag noch immer schwer auf Alis braunem Maulwurfsfell. Nun kam der Knecht mit den letzten Tonnen. »Heut nacht wird's losgehen, Herr Rittmeister,« sagte er und legte militärisch grüßend die Finger an die alte, verfärbte Soldatenmütze. Die Räder ächzten, aber das hartgebrannte Wiesenland gab kaum nach unter der Last ...

Auf der Terrasse vor der Haustür stand Mama in ihrem leinenen Reitkleid; sie hatte eben noch mal nach dem Vorwerk reiten wollen, um die neue Mamsell zu beraten: da war eben das Telegramm gekommen. Mit ihrem glatt zurückgestrichenen Haar unter der Mütze glich sie einem lang aufgeschossenen Jungen, wie sie da an der Rampe lehnte, die Hände in den Jackentaschen, der Fuß ungeduldig tappend. Sie händigte ihrem Mann das Telegramm ein.

»Der Bote wartet.«

»Mein Gott, warum hast du nicht aufgemacht?«

»Bitte, es ist an dich adressiert,« sagte Mama, die in solchen Dingen äußerst empfindlich war; Tante Brunislawas naiv gründliche Art, Ansichtspostkarten zu studieren, die nicht an sie gerichtet waren, konnte ihr Gänsehaut verursachen.

»Heute, acht Uhr zwanzig,« las Papa leise. Das Blut war ihm zu Kopf geschossen. »Laß Dralle rufen, bitte,« sagte er, schon an seiner Tür im Erdgeschoß.

»Ich gehe selbst.«

Mama ging hinaus in die bleierne Glut.


Dralle saß in Hemdärmeln und gestreifter Weste auf der Bank vor der Sattelkammer und vesperte. »Dralle,« sagte die gnädige Frau, »Sie möchten zum Herrn kommen, er braucht Sie heut abend zur Bahn.« Die Hände am Gürtel stand sie vor ihm, ganz blaß in der flimmernden Luft. Reglos, aber doch bebte alles an ihr. Wäre sie ein junges nervöses Pferd gewesen, so hätte der Alte gewußt, was zu tun; mit seiner breiten, ruhigen Hand und tiefen Brummstimme verstand er's, allem, was in seine Obhut kam, Ruhe und Vertrauen einzuflößen. So aber fuhr er in die Höhe und stand still: »Zu Befehl! ...« Aber in seine Augen unter den schräghängenden Lidern war der wachsame Hundeblick gekommen, den sie kannte, und der tat ihr wohl. Denn der Alte war aus ihrer Heimat, dort im Lüneburgschen, wo die Menschen so herrlich mundfaul waren; als sie heiratete, war er, ganz selbstverständlich, mitgekommen, der sie als Kind schon reiten und fahren gelehrt hatte und wie man sein Pferd selber putzt und sattelt. Zwischen ihnen waren nie viel Worte nötig gewesen.

»Ich wollte Ihnen längst schon sagen, Dralle,« fuhr sie etwas unsicher fort, und das zuckende Grübchen in der Wange kam und ging, »wie dankbar ich Ihnen bin, daß jetzt alles in den Ställen so ruhig und ordentlich zugeht, zumal mit den neuen Leuten.« Dann wandte sie sich zum Stall. Dorthin ging sie so manchesmal.

Drinnen waren die Fenster verhängt; alles kühl dämmerig und totenstill, die Stände leer, die Pferde noch auf dem Felde. In einer Ecke, neben der Haferkiste, krochen Erdas Kinder, das Braune und das Gefleckte, auf weichen Gummibeinchen im Stroh. Sie stießen flehende Tönchen aus, wie sie Gerda kommen sahen, und blickten zu ihr auf mit dem tieftraurigen Blick und den sorgenschweren Stirnen, die jungen Hühnerhunden eigen sind. »Ihr Armen,« sagte sie, von Mitleid plötzlich überfallen; so etwas Junges, Wehrloses; ganz hoffnungslose Augen machten sie ...

Weiter zurück wieherte es leise. Das war Thilos altes Rennpferd, Cara, die schon mehrere wertvolle Fohlen gebracht hatte und dort, etwas entfernt von den robusteren Stallgenossen, das abgesonderte Dasein einer entthronten Königin führte. Feingefesselt, blank und seidig wie reife Edelkastanien stand sie in der Box und hatte den schönen, kleinen Kopf über die Wand gelegt. »Cara,« sagte die Frau und öffnete, und schon fühlte sie die warmen Nüstern an ihrer Wange. Ein Sonnenstrahl schlüpfte herein, die großen Pferdeaugen glühten wild und zärtlich auf. Sie stellte sich dicht an die alte Mutterstute und drückte das Gesicht in die warme Höhlung zwischen Schulter und Hals, wo das Netzwerk der Adern schauerte. Ihr war, als stünde sie an eine Schwester gelehnt, die verzaubert war und nicht reden konnte, aber alles verstand; alles was kühn und heiß und traurig ihr Herz aufrauschen ließ und plötzlich ihren Blick verdunkelte.

»Du und ich, Cara, du und ich –« sagte sie und wußte nicht, daß sie gesprochen hatte. Und dann mußte sie gehen, und die alte Cara legte wieder den Kopf über die Wand und sah ihr nach, diesmal ohne zu wiehern ...


Die Kinder hatten noch Aufgaben für morgen. Aber sie blieben in dem langen, hellen Gang stehen, an dessen äußerstem Ende sich ein hohes Fenster nach dem Park zu auftat. Heute waren die weißen Vorhänge zugezogen, es herrschte ein totes, weißes Licht; es war ganz still, nicht einmal eine Wespe summte. Wie auf dem Meeresgrund, dachte Ali. Er hatte zu Weihnachten ein Buch bekommen mit Bildern von Korallen und Seeanemonen, die Schatten warfen auf den glatten weißen Sand, viele hundert Faden tief.

Die Kleudchen saß dort am Fenster, klein und dunkel, wie am Ende der Welt, vor ihr der Tisch, wo sich sonst die Flickwäsche türmte. Heute stand eine Schüssel darauf, und die Kleudchen hatte Minka, ihre kleine, fette Wachtelhündin, auf dem Schoß; sie fing ihr die Flöhe.

»Da,« sagte Adallah, der gleich Feuer und Flamme wurde, solche Jagd war doch zu interessant, »du mußt den Finger naß machen, Fau Kleudchen, dann geht's besser.«

»Ja, die kleinen Schwarzen sind zu fix,« sagte die Kleudchen, »das sind die Männchen. Die großen Braunen können nicht so rennen.« Sie steckte wieder einen ins Wasser. »Da könnt ihr zappeln,« sagte sie rachsüchtig.

»Fau Kleudchen,« sagte Adallah, »Vate fäht zu Bahn; es is 'n Tegamm gekommen.« Die Kleudchen ließ Minka zur Erde gleiten. Ihr kleiner, zahnloser Mund schnurrte zart und gramvoll zusammen. Sie blickte vor sich hin. Dann stand sie auf und ging mit kleinen, knappen Altweiberschritten den Korridor hinunter; der Kamm steckte in der Tasche ihrer schwarzen Moiréschürze; Minka watschelte kurzatmig hinterdrein.

»Kinder, Kinder,« sagte die Kleudchen. Und dann: »Macht euch nun an eure Aufgaben, nicht wahr?«

Sie ging die Treppe hinauf, es krachte bei jedem Schritt, sie mußte sich am Geländer festhalten; auf halber Stiege machte sie halt. Die Kinder hörten sie in das verschlossene Zimmer gehn; dann machten sie sich an ihre Aufgaben für Herrn Pastor Gordon.


Nun war die abendliche Milchsuppe glücklich vertilgt, ein Gericht der Ewigen Wiederkehr, dem ebenso regelmäßig eine Schüssel der Jahreszeit entsprechenden Kompotts folgte. Adallah, der Obst nur in rohem, wenn möglich unreifem Zustande würdigte, hatte namentlich vor gekochten Pflaumen einen Abscheu, während ihnen Ali einen sekundären Reiz abgewann, indem er später die Kerne gegen die geschwärzten Ahnenbilder im Korridor spuckte. Er hatte sich darin zu einem wahren Scharfschützen ausgebildet.

Auch diesmal räsonierte Adallah leise mufflich vor sich hin, und die Kleudchen hatte ein Einsehen und räumte alles ohne Gegenrede weg. Sie schien heute nur auf eins zu drängen, daß die Kinder möglichst bald schlafen gingen.

Das Gewitter war noch immer zu keinem Entschluß gekommen. Auf der Seeseite zuckte es ab und zu fahl auf, und die Haufen dürrer Lindenblätter wirbelten plötzlich auseinander, wenn ein kleiner Windstoß sie aufkescherte. Die Schwüle hatte sich eine Spur gehoben, wer konnte sagen, ob heute nacht noch die Erlösung kam.

Nachdem sie ein wenig an einem Lampenschirm für Papas Geburtstag gepappt hatten, gingen die Brüder, ziemlich klebrig und deprimiert, hinauf in den Giebel, wo ihr Zimmer war. Sie schliefen dort allein. Es war eine Diele in der Mitte, auf welche drei Türen mündeten; ihnen gegenüber ein dem ihren ähnlicher Raum, wo Kleudchen die besseren Äpfel und allerhand Kräuter verwahrte, Fenchel, Krauseminze und Zitronenmelisse; es roch nach Apotheke durch die Türritzen. Im Hintergrund aber war ein Verschlag, wo Koffer und Körbe aufgestapelt standen, auch mancherlei ausrangiertes Mobiliar, kummervoll aussehende Lehnstühle und Etageren, denen Dominik bei Gelegenheit zu neuem Jugendglanze verhalf. Im Dämmerlicht gab es dort kuriose Umrisse, Schatten und Geräusche.

Die beiden genossen ihre Freiheit im Giebel, aber es gab auch Momente, wo sie lieber unten geschlafen hätten oder im Seitengebäude, wo Kleudchen ihr Reich hatte. Aber sie schämten sich, es einzugestehen. »Ich glaube gar, ihr habt Angst?« würde Mama sagen und die Augenbrauen hochziehen. Nein, lieber knackende Schränke und unmotivierte, schlurrende Geräusche als das! Heute aber, mit dem Gewitter in den Gliedern, lagen sie recht klein und kümmerlich in ihren Bettchen, mit großen Augen zum Gebälk aufschauend, wo ein pelziger Nachtschmetterling mit Gebrumm seine Kreise zog.

»Will Satan mich verschlingen,
So laß die Engel singen:
Dies Kind soll unverletzet sein,«

betete Ali mit Nachdruck; sie hatten beide eine Vorliebe für diese hochdramatische Stelle. Und »Amen« klang es leise stockschnupfig aus Adallahs Bett an der anderen Wand. Diesem war der Gedanke an »Satan« heute abend gar nicht so genußreich wie sonst.

Die Kleudchen sah mit dem Licht in der Hand mehr denn je aus wie eine treue, zuverlässige Hexe; den Kindern kam sie vor wie ihre einzige Rettungsplanke. Es war einsam und schwül hier oben, und morgen war Doktor-Löschwitz-Tag; sie würden wieder mit ihm spazierengehen müssen, so langweilig; er wollte nie aus dem stickigen Park heraus. Herr Doktor Löschwitz kam stets im Bratenrock, er führte sie bei der Hand, er sagte ab und zu: »Nun, meine kleinen Freunde, und was machen die Wissenschaften?« oder: »Nun, Freund Albrecht, wie sagt der Lateiner?« Lauter so einfältige Fragen, auf die man gar nichts zu antworten wußte; aber er ließ nicht los, und seine Hände waren heiß und knöchern in den knirschenden Zwirnhandschuhen.

»Frau Kleudchen, bleib doch da,« sagte Adallah weinerlich, er war nun schon ganz haltlos. Sie saßen noch aufrecht, vom Beten her; ihre Hälschen streckten sich nach ihr aus wie Vogelhälse über den Nestrand. Die Kleudchen stand zögernd mit dem Licht; ihr Schatten schwankte langnasig über die Tapete. »Ich komme in zehn Minuten und bring' euch noch frisches Wasser,« sagte sie. Bis dahin würden sie eingeschlafen sein. Doch die beiden wurden wohl schläfrig, aber darunter blieb eine eigentümliche Unruhe bestehen. Papa war noch vor dem Abendbrot mit Dralle weggefahren, bei der Dürre konnte man den kürzeren Sandweg nicht nehmen. Unten saßen jetzt Mama und Herr Pastor, der immer am Mittwoch zum Tee kam. Aber heute blieb er nicht, das war seine knappe Art zu reden, auf dem Vorplatz, und nun Mamas tönende Stimme: »Ja, da ist der Regenschirm;« und dann ging die Haustür und fiel ins Schloß. Nun war es totenstill, nein, war das nicht Mama, die im Gartensaal auf und ab ging? Wenn sie ans andere Ende kam, drehte sie sich mit einem kleinen Ruck. Abends trug sie immer ein seidenes Kleid, und es war ihr im Wege, und dann sagte sie: »Ach, das gräßliche Kleid ...«

Ja, die Frau im Gartensaal ging schon eine Weile auf und nieder, die Hände auf dem Rücken, den Blick geradeaus, ohne viel zu sehen. Manchmal stand sie an der Glastür still und sah in die Finsternis, und wenn ein Blitz kam, blieben ihre Augen ruhig, als schauten sie andere Dinge.

Dieser Pastor gehörte also auch zu den Menschen, die »zum Guten« reden. Sie hatte Thilo beredet, die Stelle an Gordon zu geben. Seine schottische Abkunft, seine hagere, asketische Erscheinung, sein physischer Mut – damals, als sich der Bulle losgerissen hatte –, das alles hatte sich in ihr mit Vorstellungen von Cromwells ernsten Scharen zu einem Bilde puritanischer Einfalt und Furchtlosigkeit gestaltet, das eine heimliche, romantische Saite in ihr zum Schwingen brachte. Aber sie wurde seit einiger Zeit die Empfindung nicht los, daß Gordon bei allem, was er tat, in seinem eigenen Bewußtsein ein unsichtbares Publikum besaß. Es war nicht der gewöhnliche, äußerliche Ehrgeiz, den sie durchfühlte, nein, etwas Raffinierteres, den Ehrgeiz der Entsagung, der seiner Demut den heimlichen, erquickenden Stachel gab. Und sie erkannte, daß er in schwierigen Momenten versagen mußte, weil er nicht einfach genug war für all die Kompliziertheiten des Lebens.

So hatte sie denn allein, wie sie es gewohnt war, in diesen Tagen tief in die letzten Winkel ihres Herzens hineingeleuchtet, eine jener Generalrevisionen vorgenommen, wie sie ihr die frommen, livländischen Freundinnen als ordentliche und außerordentliche Exerzitien – ähnlich den Alarmübungen der freiwilligen Feuerwehr – so liebevoll eindringlich empfohlen hatten, und wenn sie dabei auch in anderem Geiste verfuhr als die sanften Gemeinschaftlerinnen, ihr war solche Übung von Zeit zu Zeit recht. In den zehn Jahren, die sie hier lebte, hatte sie Thilo mehr und mehr das Geschäftliche, die Rechnerei, die ihn so furchtbar irritierte, abgenommen, hatte mit mancher Unordnung und Unredlichkeit aufgeräumt, für die sie ihm im stillen schwerere Schuld gab als denen, die träge Vertrauensseligkeit in Versuchung führte. Dabei hatte sich ihr Blick geschärft, sich gewöhnt, Ursache und Wirkung fast gleichzeitig zu erkennen und auseinanderzuhalten. Nun wollte sie auch sich selbst nicht schonen, nein, um jeden Preis mit ihrem Gott ins reine kommen. Und da hatte sie manches gefunden, was sie beschämte, Selbstüberhebung, Herrschsucht, Heftigkeit, sogar gegen Untergebene, die sich nicht wehren konnten – recht erbärmlich war's gewesen; aber Menschenfurcht und Eigennutz waren nicht dabei. Sie hatte Thilo angefleht, hatte darum gekämpft, den Fremdgewordenen, das zertrümmerte Leben, das heute nur auf wenig Stunden hier einkehren sollte, nicht wieder von sich zu lassen. Er hatte doch nun seine Sünde verbüßt, nach dem Rechtsspruch, der bei all den braven, hochgeachteten Leuten galt, die unversucht in Ehren starben und begraben wurden, und für deren Gesetze, die trotz aller Tüftelei nie bis zu den letzten verwirrten Wurzeln einer Handlung drangen, sie dieselbe Geringschätzung empfand wie ein überzeugter Naturarzt für die Pflaster und Schlafmittel der berufsmäßigen Doktoren. Was half's, das Evangelium vom verlorenen Sohn zu bekennen, wenn man das Herz nicht hatte zu tun, was jener israelitische Vater getan? Aber das war eben die Halbheit, die Willensschwäche, dasselbe, was Thilo die unangenehmen Abrechnungen von Woche zu Woche verschieben oder ihn zu der feigen Spritze greifen ließ, sobald es stärker in der Schulter bohrte, dasselbe, was ihn seine jüdische Großmutter verleugnen ließ, aus deren Mitgift doch die Vorwerke zurückgekauft, der englische Park und die nunmehr verfallenen Treibhäuser angelegt worden waren. Unbegreiflich! Hätte sie auch nur einen Tropfen des verpönten Blutes in den Adern gehabt, nie hätte sie's verleugnet. Ach, sie hatte sie gesehen, damals, in Livland, diese heimatlosen, jüdischen Leute, auf kleinen, öden Bahnhöfen gestrandet, im rieselnden Landregen oder in Glut und Staub zusammengekauert, gleich aufgescheuchten Nachttieren, denen plötzlich das Licht scharf und ohne Erbarmen in die Augen brennt. Diese Kinder, denen das bittere Leben schon so viel unkindliche Pfiffigkeit beigebracht hatte, diese engbrüstigen Männer, die etwas Weichzähes hatten, Geschöpfe, die sich zugleich anschmiegen und festklammern müssen, um zu bestehen; diese uralten Judenmütter, unbeweglich, ganz verwittert wie Steinbrüche; nicht ihr eigenes Alter, nein, all die tausend Jahre ihres Volkes schienen in ihre Runzeln eingezeichnet. Vor wenig Wochen saßen sie zwischen Kindern und Kindeskindern, am schöngedeckten Tisch, vor sich den heiligen Leuchter, den Kuchen und den Wein, und nun hockten sie hier, die Füße im Graben! Oh, ihr Wasser Babylons! Ein junger rothaariger Jude hatte traurig auf der Ziehharmonika gespielt. Und sie hatte sich so brennend gewünscht, ein großer Maler möchte das malen, wie sie es sah, den flimmernden Staub, die trostlose Landstraße, die Jammervollen da am Graben entlang. Aber hinter ihnen, riesengroß, geisterhaft, silberglühend in der gelben Mittagsglut, ein Kreuz, und unser Herr und Heiland daran, der die blutenden Hände von den Nägeln losgerissen hat und hinunterstreckt zu den Ausgewiesenen in unendlichem Jammer! Aber sie wurden verleugnet. Und verleugnen kam doch gleich nach verraten; ja, war's nicht noch schmählicher, so etwas Passives, Bequemes? Man hielt einfach den Mund, wo man hätte reden müssen, weiter nichts!

Aber ihre eigenen kleinen Söhne dort oben – es kam ein kurzes, trockenes Aufschluchzen in ihre Kehle –, die sollten unberührt bleiben von der Welt. Sie sollten nur wahr sein und deshalb furchtlos, ganz ohne Furcht und darum wahr. Vertuschen, schweigen oder sagen: ich kenne ihn nicht – nein, das würde ihren Jungen unmöglich sein; da hatten ihre eigenen Vorfahren ein Wort mitzureden, die alten Niedersachsen, die lieber mit ihren toten heidnischen Brüdern verdammt sein wollten, als ohne sie himmlische Freuden gewinnen. Auf einen Augenblick sprühte der blaue Funken in ihren Augen auf, der die Kinder, wenn sie ihn erhaschten, eine fremde, ungezähmte Mama ahnen ließ, die ihren eigenen Weg ging, auf den so kleine Jungens nicht mitgenommen wurden.

Wahr sein! Ach, nur das, nur das, alles andere legte sie gern in Gottes Hand, wollte heiter sein, nicht sorgen um den kommenden Tag, so wie die Freundinnen es ihr anempfohlen, deren tiefe Herzensruhe alles um sie her glättete und ganz einfach machte. Aber in dieser einen Sache, da mußte sie selber Posten stehen, zur Stelle sein mit Augen und Händen und ihrem ganzen Verstand; da galt der Spruch, der ihrem Wesen entsprach: Mensch, hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Denn sie wußte, wenn es später hiermit nicht stimmen sollte, würde sie nie vermögen, sich ein X für ein U zu machen, es als eine Schickung hinzunehmen, es dem allwissenden Gott in die Schuhe zu schieben, sozusagen.

So ging sie auf und ab. Der lange Raum war halbdunkel, die Lampe über dem Teetisch machte nur die eine Ecke hell und heimlich. Aber die Blitze zerrissen die Nacht in immer kürzeren Intervallen. Unter ihrem Augenlid fing es wieder an zu zucken, das Kleid hing ihr schwer um die Glieder. Einmal griff sie nach dem Türpfosten und lehnte den Kopf auf den Arm, sekundenlang: wie mochte wohl Frauen zumute sein, die ruhevoll und ohne Zweifel den anderen entscheiden ließen und wußten, es würde gut sein, was er auch erwählte? So ein Mann wie ein großer schützender Baum! Solche Frauen mußten doch einen wunderbaren Frieden haben, so großen Frieden, daß die Werktage fast wie Sonntage wurden ... Oh, die dummen, schmerzhaft-süßen Gedanken, ganz matt wurde man davon; besser, sie nicht weiter zu spinnen.

Neben ihr auf einem Gartentisch standen allerhand blühende Töpfe. Sie knipste ein wohlriechendes Geraniumblatt ab und steckte es an den Gürtel, die herbe Süße tat ihr wohl. Sie hatte so ganz verschwiegene Vorlieben unter den Blumen. Nun war wieder ein Lächeln in ihre Augen gekommen.

Es schlug zehn. Da ging sie zu der erleuchteten Ecke. Mit ihren schönen ruhigen Händen zündete sie das Flämmchen unter dem Teewasser an, rückte Schüsseln und Blumen zurecht. Gleich würde die arme Brunislawa geschlüpft kommen und sich schüchtern und gewichtlos auf der Sofakante niederlassen, als hätte sie kein Recht dazu. So überbescheidene Menschen waren im Grunde doch nervenangreifend. Ja und nun in ein paar Minuten mußte der Wagen da sein.


Ali und Adallah waren, nachdem ihnen die Kleudchen Wasser gebracht, doch eingeschlafen. Aber nun wachten sie, ziemlich gleichzeitig, heiß und unruhig auf.

Das Gewitter schien jetzt Ernst zu machen. Das war kein Wetterleuchten mehr, sondern scharfes, bläuliches Blitzen. Der Donner kam immer näher und die Stimme des Windes hatte etwas zornig Pfeifendes, ähnlich wie der Bulle, wenn er ganz böse war und den Kopf zwischen die Vorderfüße bohrte. Die Fensterflügel zerrten in den Haken, und irgendwo war ein Laden locker geworden und klappte mit jedem Windstoß. Man hörte Baumwipfel sausen, tief und unheilvoll, Blätter huschten am Fenster vorbei; dann war es wieder ganz schwarz. Einmal mischte sich auch Rädergeroll in das Donnern. Die Haustür ging, Pferde stampften. »Oooda –« das war Dralles Stimme, die Braunen wollten nicht stehen bei dem Blitzen.

Die Kinder lagen steif unter ihren roten Wolldecken; der Wind fuhr ihnen abwechselnd heiß und kühl über die Haare. Oh, wenn sie doch jetzt unten wären bei den Großen, die gewiß um den runden Tisch, bei Tee und Lampenlicht saßen und sich gar nicht fürchteten, oder im Stall, wo Fritz Dralle im Verschlag schlief und die Laterne im Pferdedunst zwinkerte und Erda in der Kiste lag, das Braune und das Gefleckte liebevoll umringelnd.

Die Blitze folgten einander rascher; der Donner kam jetzt krachend, fast gleichzeitig; das war nicht mehr das tiefe Löwengebrüll des Anfangs. Unten gingen Türen, man hörte Stimmen, Papa krähend aufgeregt, Tante Brunislawas unverkennbarer Klagelaut, so perlhuhnartig, und zwischendurch die Kleudchen wie eine besorgte, vernünftige Truthenne: knapp, knapp, knapp. »Ich werde selbst hinaufgehen,« das war Mamas weicher Alt, »komm auch du, Stanja,« und Papa: »Nein, nein, später,« und wieder Mama: »Doch, Thilo, heute.«

Im selben Augenblick fuhr es blau zum Fenster herein; das Zimmer leuchtete hell auf, man sah jeden kleinen Riß in der Tapete; ein kurzes, scharfes Knistern, als ginge feines Glas entzwei, dem ein ohrenbetäubendes Knattern, eine hohe tückische Salve folgte; es roch seltsam schweflig. Aber nun prasselten schon die Regenmassen aufs Dach, in die Baumkronen hinein; sie wühlten den Kies auf; sie bildeten sofort eine Menge kleiner, aufgeregter Ströme, die über die Terrasse liefen, immer eiliger, immer wütender, die Brüstung entlang, bis sie Ritzen fanden, zu denen sie vereint wie Dachtraufen hinausschossen in den verdorrten, versengten Äpfelgarten hinunter.

Adallah hatte aufgeschrien. Ali blickte wie versteint nach der Türe. Dort, mit übergehängter Joppe, stand Mama, blaß, mit feuchtem Haar, ihre Augen glänzten so sehr, sie lächelte. Würde sie sagen: »Ich glaube gar der Junge hat Angst?« Aber sie sagte nichts dergleichen, sie wandte sich zurück, ein Fremder stand hinter ihr. »Siehst du, Stanja, deine kleinen Brüder sind wach,« sagte sie, »nun müßt ihr gleich Freundschaft schließen.« Ein langer, schlaksiger junger Mensch mit fahlem, kurzgeschorenem Haar ging verlegen von einem Bett zum anderen. Er murmelte »Guten Abend«, er lächelte, aber so als täte es ihm weh.

»Gebt eurem Bruder einen Kuß,« sagte Mama, »denn ihr müßt euch sehr freuen, daß er wieder bei uns ist.« Ihre Hände klammerten sich um Alis Bettpfosten. Die Hände dort, in die sich nun die kleinen, zerkratzten Pfoten ihrer Kinder so zutraulich legten, sie hatten Menschenblut vergossen in tierischer Wut. Und bis es soweit kam, hatten sie anderes verübt, was die Menschen milder beurteilen und das Gesetz milder bestraft, und das ihr viel schrecklicher schien, weil es ihr unbegreiflicher war. War das nun ausgelöscht durch die Strafe? Oder blieb einer, der solcher Vergehen fähig war, dadurch gezeichnet für immer, zu einer Menschenschicht gehörig, die man bedauern, aber nie begreifen konnte? Und schlief vielleicht in ihren eigenen kleinen Söhnen ebenso giftiges Samenkorn und schlief sich nach Gottes Ratschluß zu Tode oder wachte plötzlich auf, mit unbändiger Triebkraft, wenn alles sicher und befestigt schien? Aber war das ein Grund, nachsichtiger zu urteilen, weil man selbst oder das eigene Fleisch und Blut ähnlich straucheln konnte? Wie die Menschen, die feige zu allem schweigen, um ihr eigenes Glashaus nicht zu zertrümmern. Was half Denken und Abwägen? Eines war gewiß: er hatte zahlen müssen mit dem, was am kostbarsten ist, mit der unwiederbringlichen Zeit, mit Sonne und Luft und dem Rausch freier Glieder in der Morgenfrische, dort in der Enge und dem Schweigen, bei grauer, eintöniger Arbeit, ohne Kameradschaft, ohne helles Ziel. Er hatte gezahlt mit langen Jahren der kurzen Jugendzeit und die vergrämten, alten Fältchen an seinem Mund waren die Quittung darüber. Aber was an ihr lag, das sollte geschehen, auf daß er noch einmal in Klarheit, ohne Vertuschen und gerade darum nicht ganz ohne Stolz, sein schweres Leben neu beginnen konnte; und wenn es ihn jetzt in weite Ferne führte, auch dort sollte er wissen, daß sie zu ihm stand in seinem neuen Leben.

»Wo warst du denn die ganze Zeit?« fragte Adallah, dem der Fremde stumm und hilflos über den kleinen Hemdärmel strich.

Der junge Mensch wurde rot, er murmelte den Namen einer fremden Stadt.

»Stanja ist in einer Schule gewesen,« sagte Mama. »Wir Menschen müssen alle in die Schule. Aber nun hat er ausgelernt.« (Wie geschraubt das klang, dachte sie, gleich als sie's gesagt hatte.)

»Bleibst du nun hier?« piepste Adallah weiter, dem sich schon berauschende Aussichten auftaten, Kombinationen von Stanja mit dem Kahn und Haselnußexpeditionen mit Stanja und dem Gefleckten.

»Nein, morgen reise ich weiter,« sagte der neue Bruder. Er hatte eine verschleierte Stimme, die den Kindern wie ein fremdartiges Instrument vorkam; und es war da etwas Nettes mit seinen haselfarbenen, etwas schräg gestellten Augen, wenn er beim Lächeln das untere Lid so hochzog.

»Ja, aber du kommst wieder und kommst oft wieder, und schließlich bleibst du da und wirst unsere rechte Hand.« Mama hatte ihr leises Mädchenlachen und wurde rot. »Du bist ja unser Ältester. Ja, mein Junge,« und sie legte ihm die Hand auf die Schulter und strich sanft an seinem Arm herab, und aus ihrer Handfläche schoß ein heißer Strahl zurück in ihr Herz, »ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du ganz bald wiederkommst in dein Elternhaus. Wo auch deine liebe Mutter gelebt hat. Ja und siehst du, mir gehorcht man.«

Der blasse Mensch lächelte wieder gequält, es war alles so freundlich gemeint, aber oh, beinahe sehnte er sich zurück, dorthin, woher er kam, wo er selbstverständlich war und dazu gehörte wie das eiserne Bett, der Schemel, der häßliche Blechkrug auf dem Tisch. Und sie fühlte es und quälte sich auch. Was half die beste Absicht – da waren eben noch Wunden. Es war, wie wenn man einem Schwerkranken sagt: So, nun schlafe schön, morgen ist dir besser; dann lächelten die Kranken auch so mühsam, um ihren guten Willen zu beweisen. Wund war alles; was man auch sagte, es war zu deutlich. Ach, ihre Hand war nicht leicht genug für so schwere Dinge!

Sie wandte den Kopf dem offenen Fenster zu. Es hatte noch ein paarmal geblitzt, aber schwächer; der Donner klang weit ab, als habe das Ungetüm mit dem einen Schlag seine Wut verbraucht. Der Regen rauschte nieder in großen, ruhigen Wogen, ein unendlicher Segen.

»Lieber Gott, der Roggen!« sagte Mama und horchte auf; ihr Mund bebte ein wenig. »Nun ist der Regen noch zur rechten Zeit gekommen.«

Sie ging zum Fenster; sie lehnte sich hin, als wolle sie das Rauschen trinken, als sei sie selbst ganz ausgedörrt gewesen. Es war ihr lieb dazustehen, unbemerkt; so konnten ihre Augen die beiden brennenden Tränen zurücksaugen, ungesehen.

Hinter ihr, bei den kleinen Betten, war nun ein Gewisper und Gekicher entstanden; sie merkte es wie im Traum. Und sie stand regungslos, ohne sich zu wenden; sie spürte, daß dort etwas vor sich ging, ganz außerhalb ihres guten Willens, etwas, das von Recht und Unrecht nicht wußte und nicht von Belohnen oder Verzeihen. Nein, ungerufen, sanft erobernd, wie das neue Gras hier früher und dort später die verdorrten Stellen durchbricht und belebt, heilend wie der Saft, aus der Wunde selbst bereitet, den Baumschnitt überzieht, daß er nicht faulen kann. Sie fühlte, sie konnte nichts dazu tun; aber abseits stehen, sich nicht drein mischen, nicht stören, das konnte sie. Demut! Sie hatte das Wort oft gebraucht, aber doch nur auf andere angewandt. Jetzt eben meinte sie, es in sich selbst zu erkennen.

Diese ereignisvolle Nacht, die die Kinder im Halbwachen durchlebten, dieses Gemisch von Donner und Wagengeroll, die kurze Erscheinung des großen Bruders, der von nun an wie ein unsichtbarer Kriegsgott bei allen Abenteuern der Schiedsrichter war, und, fast ebenso erstaunlich, Mamas Erscheinen hier oben, ihr leiser Duft, ihre Stimme, wie von Regentröpfchen durchglitzert, als sie dort am Fenster lehnte, abseits, freundlich, schwach erhellt ... das alles wurde für Ali und Adallah zu einem unauflöslichen Ganzen, wie Dinge, die man im Nebel gesehen, sich getrennt nicht vorstellen kann.

Beinahe das allermerkwürdigste aber war, daß, als sie bei gleichmütigem Regenakkompagnement wieder allein lagen, Dralle im Gummimantel erschien, naß und wortkarg, aber doch wie ein rechter Himmelsbote, denn er hatte das Braune und das Gefleckte auf dem Arm, setzte dieselben auf die beiden Bettchen nieder und erklärte, es geschähe dies auf Befehl der gnädigen Frau.

Etüde

I

Wenn am Nachmittag die Sonne durch die Läden drang und goldene Leitern auf Tisch und Sessel malte, übte Amsel ihr Adagio. Anfangs ging es glatt, aber das war trügerisch, bald wurde es schwarz von kleinen wimmelnden Noten, die alle untergebracht sein mußten; da waren die schrecklichsten Fallstricke, sogar Triller im Baß, wie eingesperrte Brummfliegen. Aber sie arbeitete sich durch, wie ein Maulwurf durch lichtlose Gänge, und dann kam die Belohnung, das Allegretto: still gefaßt, auf feinen Füßchen, sah sich's versonnen um in dem dämmernden Raum, und irgendwie schien es den Ausdruck der Dinge umher zu haben, sich zu vermischen mit dem Duft der Herbstveilchen, mit dem sonngebleichten Gelb und Grau der Kretonnerosen; eine schöne, weiße Hand leuchtete auf, ein schleifender Schritt kam gegangen, ein Lachen war dabei, dunkel und zärtlich.

Die feine, zerbrochene Seele, die über Amsels Kindheit wachte, kam seit Jahren an diesen winters so verlassenen Ort, wo für sie in den großen Alleen, vor den Säulen des weißen, langgestreckten Kurhauses, die Erinnerung wandelte, angetan mit der Krinoline des zweiten Kaiserreichs, jener Zeit, da alles jung und erwartungsvoll gewesen und sie selbst, die schöne Anselma, den Menschen ins Herz gedrungen war wie ein Wohlgeruch. Kalte Winde ließen sie erschauern, für den Süden aber fehlten ihr die Mittel, so kam sie, wenn der Herbst zu Ende ging, immer wieder in das stillgewordene Tal. Dann taten die großen Gasthäuser die Läden zu, in den Gärten roch es nach moderndem Laub, und auf den Wegen war es menschenleer, aber oh, so voll von Erinnerung. Sie paßte nicht mehr in Menschengewühl; Gespenster, ja, die drängten sich heran, aber wie sanft gingen die mit ihr um. Und mehr und mehr zog sie sich zurück; wie ein krankes Tier, fühlend, daß der Kampf zu Ende geht, sich unter Hecken in eine Mauerritze verkriecht in der stillen Anspruchslosigkeit des Todes.

Schon zum viertenmal war sie in die Villa an der Berglehne eingezogen. Wie der Wasserfinder die Quelle, so spürte sie Häuser auf, die bessere Tage gekannt und nun, im Alter verwahrlost, einen eigenen Lockreiz hatten. Mit silbrigen Dächern, mit schönbemessenen Räumen und schlanken Fenstern hinter geflickten Marquisen, träumten sie in der Herbstsonne. Der Hausrat alt und fadenscheinig, die Kretonne gedemütigt durch allzuhäufige Wäsche; aber da waren noch schöngearbeitete Türschlösser, wie man sie nicht mehr macht, schmale Goldleisten faßten die Tapeten ein, Kamine warteten auf Winterabende, und hinter weißen Holzpaneelen, die kniehoch um die Wände liefen, raschelten die Mäuse. Alles aus einer Zeit, als die Häuser fein und zierlich und die Gärten groß waren, und die Menschen anmutig, aber ganz ohne Prunk den guten Dingen dieser Welt die Türen auftaten. Und wenn das gesternte Parkett in der Sonne knackte, ging ein Knistern alter Modenjournale durch die Zimmer und Erinnerung an Lavande ambrée, von sachttretenden Dienern auf zischende Schaufeln getröpfelt. Hier standen noch Hortensien in grünen Holzkübeln und Fuchsien mit ihrem feinen Glockenspiel; auf die gefleckten Sandsteinstufen sanken Blätter und Beeren, Pappeln säuselten golden in der stillen Luft. Der nächste Sturm würde alles mitnehmen, aber noch waren die Tage warm, die Nächte gütig, und im Grase lagen süße, wurmstichige Birnchen, und die letzten Wespen nagten sich hinein, bis der erste Frost sie lähmte.

An der Wand, gradüber dem Flügel, hing Tante Anselmas Jugendbild. Mit den leuchtenden, weich gleitenden Schultern, dem Grübchen in der Wange, dem kurzsichtigen, amüsierten Blick zwischen zusammengezogenen Lidern, in Spitzenwolken gehüllt, eine Garbe ziemlich unwahrscheinlicher Blumen im Arm, einer der schönsten unter den schimmernden Schwänen, wie sie einst, unnahbar und doch empfindsam, und alle mit einer leisen Familienähnlichkeit, aus Winterhalters Atelier hervorgerauscht kamen. Amsel starrte hinauf. Nun waren Wange und Kinn zart gewelkt, wie die Ränder der Malmaisonrose, die es so rasch verrät, ob sie am Tage vorher gepflückt ward. Aber das Grübchen war noch dasselbe, das kam und ging wie Sonnenflecken durch die leisklappenden Jalousien.

Abends, wenn das Lampenlicht die Möbel streichelte und hier und dort ein Bildrahmen, ein Türschloß aufglühte, ließ Tante die graue Häkelei sinken und ging an den Flügel, auf dem das Bild der schönen, unglücklichen Großfürstin stand. Sie blinzelte ihr zu, während sie spielte, mit zurückgeneigtem Kopf, die Zigarette im Mundwinkel. Und es war, als ob Chopins feines Filigran mit dem Rauchgekräusel zusammenflöße, aufstiege in immer leichteren, immer durchsichtigeren Spiralen. Amsel saß an der Erde, die Hände um die Knie, und feine Klingen stachen ihr ins Herz; denn süß und zögernd ging die Melodie an ihr vorbei, und sie hätte bitten mögen: »Bleibe, bleibe,« aber schon war sie in breiterflutenden Gewässern untergegangen, Dinge, die wild und herrlich waren und vergangen sind, hoch aufrauschend von ritterlichem Opfermut und goldenem Leichtsinn ... nur zum Ende noch ein paar Takte wie am Anfang, Arme, die sich auftun, schüchtern flehend. Wie stand doch unter dem Marienbild, dort in dem kleinen Bergdorf: »Mein armes Kind, wo gehst du hin, weißt nicht, daß ich deine Mutter bin?«

Tante Anselma ließ die Hände sinken; die große Müdigkeit war über sie gekommen. Stromab; wie leicht ist das, wenn man müde wird; und die Mündung war nicht mehr fern.

Wenn sie dann wieder bei ihrem Buche saß, starrte Amsel darauf hin, ohne die Blätter zu wenden. Sie mußte an so vieles denken, was ihr Tante erzählt hatte und was da, während der Musik, an ihr Herz gepocht hatte, wie Zweige ans Fenster pochen, wenn der Wind geht: Tante als kleines Ding auf dem Schoß des großen Verbannten, inmitten feurig redender Männer und Frauen mit leidvollen, brennenden Augen. Da klirrten Waffen, da zogen Revolutionen dröhnend durch die Nacht. Und andere Menschenzüge wanderten, stumm, verzweifelt, endlos durch den Schnee, und neben jedem Mann stapfte eine Frau ... dann wieder Lichterglanz und Rauschen, und immer tönte Musik, wild oder zärtlich, wie hinter einem Vorhang. Die schöne Anselma ging durch große Menschenmengen, wie heute durch die Einsamkeit, fein und etwas spöttisch und ganz ohne Furcht, Verfolgten und Geächteten hatte sie Treue gehalten. Aber auch in die Mächtigen dieser Erde hatte sie ihr Vertrauen gesetzt und war nicht getäuscht worden. Folgte sie einer Witterung, wie Tiere und wilde Völker sie haben, die sie den einen zugänglichen Punkt in eisernen Herzen finden ließ?

Ganz jung war sie mit Onkel verheiratet worden, und mit ihm hatte sie wohl so manches durchgemacht. Zeitweise mußten sie auf das verwahrloste Gut ziehen, von dem die alte Kammerfrau noch heute mit Schaudern sprach. Dann lagen ihre Perlen auf dem Leihhaus, ja schließlich kamen sie nicht wieder. Vor ein paar Jahren war Onkel noch einmal aufgetaucht; elegant und verwittert und etwas kreuzlahm, mit großen Saphiren an den nikotingelben Fingern und der ganzen überströmenden Galanterie des schlechten Gewissens. Man saß bei Tische, die Kerzen knisterten, die Malmaisonrosen, die er gekauft hatte, in ihrer Mitte. »Votre fleur, chère amie,« sagte er, und Amsel wand sich; wozu sprach er eigentlich französisch, er schnurrte das R so, dann war er ihr erst ganz antipathisch. Von Biarritz erzählte er, von Monte Carlo und den »potins de Florence«, denn jeden Winter war er an einem anderen Ort. Tante sah geistesabwesend vor sich hin; es war doch seltsam, dieser fremde Mensch, dessen Namen sie trug ... Aber voller Fürsorge war sie doch, konnte sich nicht genug tun an Aufmerksamkeiten für seine Gesundheit und sein Behagen. »Der Arme,« sagte sie, »er hat sich sehr verändert, und es hat etwas Schmerzliches, wenn jemand so begnügsam geworden ist, der früher so verwöhnt war. Ach und etwas Nachsicht und Fürsorge, das Kleingeld hat man ja immer übrig. Den andern freut es, und er hält es für gutes Gold. Nun, Gott verzeih uns allen.« Es lag ihr nun einmal nicht, mit jemand abzurechnen, mit dem sie auch nur eine gute Stunde verlebt hatte. »Es ist so schrecklich umständlich, Buch zu führen über Recht und Unrecht,« sagte sie; »das ist eine Arbeit, die ich gern unserem Herrgott überlasse.«

Nun aber kam Onkel nicht mehr. Tante ließ alljährlich eine Messe für ihn lesen, und es war aus irgendeinem Album ein Bild von ihm auferstanden, aus seiner schönen Zeit, als beau ténébreux an einer Säule lehnend, halb Taschenspieler, halb Fürst der Finsternis. Wenig Bekannte nur drangen in ihre Einsamkeit; ein paar alte Russinnen, die hier das ganze Jahr verbrachten, waren die Getreuesten. Ihr Haus lag rosenumsponnen über den großen Klosterwiesen, eingenistet in dem verwilderten Garten, in Tulpenbäumen und Linden und riesenhaftem Azaleengebüsch. Ewig froren sie, und im Salon flackerte zu allen Jahreszeiten das Feuer im Kamin. Man konnte sich kaum zu ihnen durchwinden vor fürstlichen Andenken: Malachittischchen und gestickte Wandschirme und lebensgroße Katzen aus Porzellan. Die Luft war blau von Zigaretten, und es wurden Bonbonnieren herumgereicht, unerhörte Pariser Fondants, die wie Taufkinder in gepolsterten Atlasschachteln lagen, rosa oder strohgelb oder pistaziengrün. Dort traf man bejahrte Diplomaten, wichtig und geschwollen, voll dunkler Rankünen und einer Fülle einbalsamierter Anekdoten. Oh, wie schnatterten die alten Russinnen und stießen kleine Schreie aus wie teilnahmsvolle Papageien und nannten einander beim Vatersnamen wie in den Büchern von Tourguénief, und immer die Zigarette im welken Mund, die Lippen vom ewigen Rauchen schlaff geworden, wie bei den drei Spinnerinnen im Märchen, redeten sie von Politik und Liebe und Verstorbenen. Amsel saß derweil über juchtenlederne Albums gebückt und besah sich die Menschen, wie sie früher ausgesehen hatten; Herren, romantisch schmerzlich mit ihren Vatermördern und schwarzen Halsbinden, den Zylinder in die Hüfte gestemmt, ein ganzes Adagio im Blick; und feine Frauen in seidenen Krinolinkleidern, wie die Püppchen, die man aus umgestülpten Mohnblumen macht; elegisch über Balustraden gelehnt, eine Weintraube essend: kleine erlöschende Gespenster, die in den alten duftenden Büchern langsam vergilbten.

Wenn sie dann wieder daheim waren, konnte es nichts Schöneres geben, als wenn Tante »Albumgeschichten« erzählte, gerade jetzt, wo es früh dunkelte. Draußen seufzten die Pappeln; die Moderateurlampe stand milde auf dem Tisch, von den Rosen löste sich ab und zu ein Blatt, und in der Lampe fiel, still und zuverlässig, ein Tropfen Öl in den Behälter. In ihrem Schein liefen Herbstmotten über den Tisch, die winzigen, perlmutternen und die großen mit weißen Pelzröckchen und Gesichtern wie kleine Eulen. Dann erzählte Tante. Und wie sie erzählte, wurden Länder und Bauten zu etwas zauberisch Kleidsamem, in dem sie herumging, jung und fremd, und war doch wie beim Träumen ganz selbstverständlich, sie durch die fernen Perspektiven kommen und schwinden zu sehen. Da war Venedig. »Dort sitzt die Markuskirche wie eine große goldene Henne,« sagte sie. Und Amsel sah alles in Gedanken, sah die braungoldenen Tiefen, wo die Säulen wie Orgeltöne aufsteigen und wieder verschwimmen in Weihrauchblau und Schatten, all das wimmelnde, traumartige Gehen und Stehen der Menschen, sanftbewegt wie Algen auf dem Meeresgrund. Draußen auf dem Platz war Musik. Da saß Tante in einem weißen Kleid mit vielen schwarzen Samtbändchen benäht und aß Eis mit den jungen österreichischen Offizieren, die so fabelhaft dünne Taillen hatten. Rauschende, wiegende Musik. Und Kähne kamen von den Inseln, mit Melonen und Trauben und Paradiesäpfeln ganz beladen, tief schwammen sie im Wasser, und andere, aus Murano, mit farbig glitzernden Glasperlen, hineingeschüttet wie Sand. Einer zog langsam vorüber, mit einer gehäuften Last von schwarzem Schmelz und Flitter – wie funkelte das traurig-prächtig. Wie der Tribut einer trauernden Königin sei es gewesen.

Compiègne! Die mächtigen Alleen, die am Ende zusammenliefen in einem grüngoldenen Punkt; die uralten Bäume bilden ein Gewölbe, unter dem Tante mit der schönen Kaiserin fährt. Beide in bauschenden Kleidern, mit gestickten Bolerojäckchen, winzige Barettchen auf dem schweren Haar, eine Feder wallt ins Genick. So, immer die breite, dämmrige Allee hinunter, trott, trott, mit schweren, glänzenden Karossiers in den grüngoldenen Punkt hinein. Dort, in der Sonne, träumt der schlanke Pavillon, mit Bildern berühmter Jägerinnen in den Stuck der Wände eingelassen; dort liest der feine, ironische Schriftsteller seine Novellen vor; Sehnen und Entsagen, wie kühl, wie knapp in Worte gekleidet ... Manchmal kommt auch der Kaiser. Fett und müde, mit schweren Augenlidern, man wußte nie, schlief er oder hörte er zu. Aber immer ritterlich und voll behäbiger Grazie.

Andere Bilder. Tante in Galizien. Um zu sparen. Das war auch eine Abwechslung. Nachher konnten wieder Smaragden und Brüsseler Spitzen an die Reihe kommen. Ihr war das Lumpenleben recht – sie lachte zu allem. Nur mit der Leibwäsche, ach Gott, ja, da war sie wohl sehr verwöhnt. Madame Céline flickte und stopfte, es war so fein, so mürbe. Und dann, daß sie immer Blumen haben mußte, auch im Winter ... Aber sonst? »Du lieber Gott,« sagte Madame Céline, »Madame gab ja alles her. Es kam ihr nicht darauf an, immer dasselbe zu tragen. Wenn sie dann den Hals so reckte, was ihr die Leute als Hochmut auslegten, aber es war doch nur, weil sie kurzsichtig war – und groß und schlank in einen Salon hereinglitt – une déesse, quoi? – wer dachte da an Kleider!«

Das Leben auf dem Gute, mit den Tanten, war ein Hauptthema für Madame Céline. »Ah le vilain pays, mademoiselle,« klagte die kleine Französin mit dem verwitterten Gesicht, den rastlosen Augen, dem glatten, korrekten Veuve-d'employé-Kleide: »Nichts als Stoppeln und Sümpfe und la boue haut comme çà. Weiden standen an den Landstraßen, schwarz von Krähen. Wie sie schrien, die Unglücksvögel. Das Haus, nur ein Stockwerk, aber lang wie eine Schlange. Wenn Madame klingelte, mußte ich erst durch sechs andere Zimmer, alle gingen ineinander wie ein Korridor. Le palais des taupes, quoi! Gott, wie es da aussah. Überall lagen die Tanten herum, auf allen Sofas, des vieilles avec des burnous, mit gelben Babuschen an den bloßen Füßen und die Hände voll kostbarer Ringe – und die Nägel gelb von Tabak. Denn immer wickelten sie Zigaretten und spielten Patience, schon am Vormittag. Et toujours un tas de petits chiens – unter den Plümos, es war wie Erdbeben. Oder sie schlampten im Garten herum in Frisierjacken und Papilloten und pflückten Beeren; dann wurde Saft gekocht oder Gurkenwasser gegen die Sommersprossen. War das nun ein Milieu für meine junge Dame, die an allen Höfen Regen und Sonnenschein gemacht hat und in allen Sprachen korrespondierte avec des personnages illustres? Aber der Engel, sie lachte nur. Abends stieg sie gern auf eine Anhöhe, wo eine Windmühle war; da stand sie, und ihr Kleid wehte ... man sah so weit ins Land, der Himmel war wie eine Feuersbrunst, die Fohlen liefen herum mit wilden Mähnen. C'est beau, sagte Madame. Nun ich konnte mir Schöneres denken, so ein Apriltag auf den Boulevards, wenn's eben noch geregnet hat, aber die Sonne scheint aufs nasse Pflaster, und die Blumenkarren mit Veilchen duften so frisch ... Ich wäre dort an Melancholie gestorben, wenn nicht der Bücherschrank gewesen wäre. Er roch nach Schimmel, der Atem verging einem, wenn man aufschloß. In dem einen Sommer las ich zweiunddreißig Bände Paul de Kock. Er rettete mich vor Tiefsinn. Kein Wort verstand ich, was diese Wilden sprachen. Die Mädchen gingen mit bloßen Beinen und hatten Ketten aus Vogelbeeren um den Hals, aber die Betten wurden von Männern gemacht; struppig waren sie comme le père Noël und hatten außer ihren gestickten Hemden auch nichts Nennenswertes an. Es war ja tief drinnen in dem barbarischen Lande, sur la route de Varsovie. Si mademoiselle voulait se tolurner un peu,« sagte Madame Céline, denn sie probierte Amsel ein neues Kleid an, aber die Stecknadeln in ihrem Munde hinderten nicht ihren Redefluß.

»Am Nachmittag,« fuhr sie fort, »kamen die Nachbarn, geritten und gefahren. Dann fuhren die Damen aus dem Mittagsschlaf, avec des cris de paon, und zogen sich endlich an. Das waren kuriose Toiletten. Aber meine junge Dame war immer duftig, und wenn ich die Nacht hätte durchbügeln müssen. Damals trug man Mullkleider mit Volants, so etagenweis bis oben ... Sie sah aus wie eine Glockenblume aus ›fleurs animées‹. Dann gab es Tee und Framboise und zwanzigerlei Konfitüren, und Melonen, nie sah ich solche Melonen. Die Damen schrieben einander Rezepte ab. Wenn dann die Lampen kamen, wurden die Karten geholt, sie spielten die halbe Nacht durch. Oft flogen Fledermäuse herein, ich hätte geschrien vor Angst, aber die Alten banden sich Antimakassars um die Köpfe und spielten ruhig weiter; das gab Schattenbilder an der Wand, die reinen Hexen; aber sie blieben totenernst dabei. Ihre Tante langweilte das ewige Kartenspielen, sie setzte sich an den Flügel, un Erard passablement vermoulu, dann sahen die alten Damen von den Karten auf und nickten den Takt mit den Köpfen. ›Ah, Beethoven, il n'y a que çà‹ – sagten sie. Aber wenn sie Chopin spielte, weinten sie, denn sie hatten ihn alle geliebt und an seinem Sterbebett gesessen. Junge Herren kamen auch, sie lagen Ihrer Tante zu Füßen, wie auch konnte es anders sein! Da war der Stefan Czartorisky, Gott, wie distinguiert, des pieds d'enfant et toujours le mot pour rire. Wir alle beteten ihn an. Aber er hatte eine viel ältere Frau, eine häßliche Viper, sie verklatschte meinen Engel, und da gab es dann des embêtements avec Monsieur le comte ... Zum Herbst wurde es ganz einsam, die Wege waren ein Morast. Da saßen sie dann im Salon und stickten auf Stramin, Rosen und Pensees, ich seh' das Muster noch, un vrai cauchemar; ›c'est un peu monotone, ma pauvre Céline,‹ sagte Madame, wenn ich alles wieder auftrennen mußte, denn mit Handarbeiten ist sie nie ein Held gewesen. Gott, sie war noch so jung. Man mußte sie lachen hören ... Ja, damals waren Sie noch gar nicht auf der Welt! ...«


Amsels Erziehung war, nächst dem Gott Zufall, einer Reihe mehr oder minder verdienstvoller Fräuleins anvertraut, deren Kommen und Gehen durch den Wechsel des Aufenthalts bedingt war, aber auch durch plötzliche Erkenntnisblitze, daß Tantes Mitleid ihrer Menschenkenntnis Dunst vorgemacht hatte. Eine Deutsche, bieder und schwärmerisch, die in Amsels Erinnerung mit dem Lied von der Glocke und einer fürchterlichen Brosche aus Elfenbein verschmolz, denn beim Hersagen jener ebenso unsterblichen wie langatmigen Dichtung hatte sie immer, wie der Vogel auf die Schlange, dorthin gestarrt. Einmal gastierte auch eine Pariserin mit dünner Taille und kleinen Füßen. Mit ihrem schmalen Kopf, ihren schwarzen, zusammengewachsenen Augenbrauen, saß sie wie ein gereizter Schwan, der gleich beißen wird, hinter den Büchern. Aber sie verschwand meteorartig. »Der himmlische Akzent war Schuld,« hörte Amsel Tante sagen, »der ist für mich wie für den Schweizer der Kuhreigen.« Nach ihr kam ein Fräulein aus dem Waadtland, mit flachem, kalvinistischem Strohhut und hüpfender Intonation, die an Heimweh litt. Sie erzählte vom Pasteur und dessen Sohn, le missionnaire, un jeune homme si bon, si doué, und wie sie zusammen im Frühling in die Berge zogen »pour cueillir la gentiane«. Durch diese junge Helvetierin wurde Amsel mit der ebenso vortrefflichen wie findigen Familie des Robinson Suisse bekannt. Nichts brachte diese Menschen außer Fassung. Denn immer, im kritischen Augenblick, spürten sie die außergewöhnlichsten Dinge auf, um ihren Hunger zu stillen, eßbare Ameisen, Stachelschweine und Schildkröten, oder auch Faultiere, die wie Räucherwaren stumpfsinnig an ihrem Aste hängen blieben, bis sie gebraucht wurden; von unerhörten Früchten zu schweigen, die den Nährwert der Kartoffel mit dem Wohlgeruch der Ananas verbanden. Man brauchte um das leibliche Wohl der Familie wirklich nicht bange zu sein. Aber auch für geistige Stärkung sorgte der Himmel. Denn im Augenblick tiefster seelischer Depression, als sie mit ihrem Schicksal zu hadern begannen, kam von dem unerschöpflichen Wrack eine Bibel angeschwommen. Beschämt sanken sie am Strande auf die Knie, und Vater Robinson sprach ein Dankgebet. Und das alles in tadellosem Passé Défini vorgetragen! Ja, es war beinahe zu viel der Tugendhaftigkeit, so als ob einer Lebertran einnähme und dazu auch noch lächeln würde.


Die alten Bäume in der Allee waren braun geworden, kleine Buben in gestrickten Mützen suchten Eicheln im dürren Laub, und auf den Klosterwiesen, wo die Laienschwestern, großen Elstern gleich, das letzte Grumt geharkt hatten, standen nun die Herbstzeitlosen, blaß und zerbrechlich. Der blaue Dunst, der klares Wetter verhieß, schlug morgens in glitzernden Tröpfchen an den Fensterscheiben nieder. Der Herbst war milde hier, der Winter kurz; nur einmal ausschlafen wollte die Erde, nach all dem Blühen und Schenken; bald, schon im Februar, fing es wieder an zu wispern und zu keimen.

Tante sah still in die Luft. Hier hatte sie als junge leichtherzige Frau gute Tage erlebt und dann noch einmal, ein paar Jahre später, als das ganz große Glück Besitz nahm von ihrem Geist, ihren Gliedern, von jedem seligen Tropfen Bluts. Ach, gut war es gewesen, gut!

Auf der Promenade hatten die kleinen, eleganten Buden geschlossen, nur der Mann mit den böhmischen Gläsern und der Mann mit den Kuckucksuhren saßen noch hinter ihren Waren wie verklammte Vögel. Und der alte Tiroler mit dem Quastenhut und seine stattliche Frau, die allen Fürstlichkeiten der Erde Handschuh anprobiert hatte, waren auch noch da, aber sie packten ihre Schachteln zusammen. Vor der Bude standen Tisch und Stühle, die Blumenverkäuferin kam mit Herbstveilchen und den kleinen, ausdauernden Monatsrosen. Tante schwatzte mit ihr. Es ging immer gemütlich zu, wenn sie dabei war, das leichte Blut ihrer süddeutschen Mutter redete seine Sprache. »Wenn ich nur wüßte, warum es oft bei herzensguten und gar nicht dummen Menschen so furchtbar langweilig zugeht,« sagte sie. »Ich schwör' dir, Amsel, ich wollt' den Kaiser mit unserer Frau Schwämmle zu einem Kaffee bitten und die Stimmung sollte großartig sein. Man muß sich nur fest einbilden, daß man sich für die Antworten der Menschen interessiert, und das Kuriose ist, daß man es dann schließlich wirklich tut. Und ob's nun ein König ist oder eine Waschfrau, alle brauchen sie halt Verständnis, aber sie merken's ganz genau, ob es echt ist oder nur so Getu. Wenn ich vier Wochen lang Königin wär', ich sag' dir, ich wollte die Leute königstoll machen.«

Das Kurhaus lag weiß und langgestreckt im Nachmittagslicht. Tante ging hin und her, blieb manchmal stehen. Sie sah da wohl mehr, als für andere zu sehen war. Dort, unter dem »russischen Baum«, hatte sie oft mit den Cousinen gesessen. Sie spielten Domino mit dem alten galanten Staatsmann, und die Adjutanten des Königs stellten sich dazu, schlanke, preußische Tannen, und gaben Ratschläge, denn die alten Russinnen nahmen es furchtbar ernst mit dem Spiel.

Hier traf sich die Jugend zu Fahrten und Landpartien nach alten Jagdschlößchen und Ruinen, wo man auf Türme stieg und in die schauernden Wälder niedersah und weit in die Ebene, die glitzernde, in Sonne und Dunst. In Char à bancs und englischen Mailcoaches, vier- und sechsspännig, ging es los. Sie saß meist auf dem Bock neben dem dicken, rothalsigen Mister Tomlinson, der seines zarten Töchterchens wegen hier lebte ... Es war ein fast traumhaftes Gefühl des Ausruhens neben dem vierschrötigen Riesen. Einmal waren sie in ein Wagenknäuel geraten, die Pferde bäumten sich, alles schrie und fluchte. Der starke Mann neben ihr zupfte kaum ein wenig an den Zügeln, und seine kleinen, hellblauen Augen blitzten in dem ziegelroten Gesicht. »Sit tight, you are quite safe, little girl,« hatte er gesagt, denn in ihrer holden Jugendschlankheit kam sie ihm kaum älter vor als sein eigenes kleines Mädchen. Und dann zwang er die vier Pferde mit unmerklicher Gewalt, rückwärts zu treten, und schon hatte sich das Chaos entwirrt. Ihr war gar nicht bang gewesen, eher schläfrig; wenn er dabei war, fühlte sie sich geborgen wie einst als Kind in ihrem kleinen Gitterbett. Ach, wie gut war das Leben! An Rebenhügeln ging die Straße vorbei, die blauen, duftbestäubten Trauben wurden geerntet. Hübsche, sonnverbrannte Mädchen lachten unter roten und gelben Kopftüchern. Zwischen den Weinstöcken ragte ein großes graues Kruzifix in die Luft, und die Leute setzten ihre schweren Butten zu seinen Füßen und wischten sich den Schweiß von Hals und Stirne. Manchmal fuhr man im Tal, das Flüßchen hinauf, bis zu dem Wasserfall, wo es Forellen gab und säuerlichen Landwein. Wie flammten die Bauerngärtchen, Rosenstöcke ganz beladen, Kapuzinerkresse und blaue Winden in luftigem Gerank; große reife Kürbisse lagen in der Sonne, und unter den Dächern hingen Girlanden von Welschkorn. Aber von den Wiesen kam der Geruch vom zweiten Schnitt, der so scharf ins Herz greift, wie Anklammern an ein letztes Glück, und über den Höhen lag Dunst, damals wie heute der Bote milder Tage.

Sie hatte das alles ganz unbewußt geschaut und in die Scheuern gesammelt; heute zehrte sie davon. An Abende dachte sie zurück bei der berühmten Sängerin, die sich in einem Seitental, von Erlen umdämmert, einen kleinen Musiktempel erbaut hatte. Mit halbgebrochener Stimme trug sie die alten feierlichen Arien vor. Ihre großen, furchtlosen Gebärden, ja ihre düstere Häßlichkeit paßten zu der Meisterschaft, mit der sie Licht und Schatten breit und unbekümmert hinwarf. Oder sie sang spanische Volkslieder mit ihren Töchtern, jungen, mageren Geschöpfen, bräunlich wie Hindumädchen, aneinandergelehnt ... Wie das von ihren Lippen kam, die heiseren Rufe des Maultiertreibers, der langgezogene Schrei des Melonenverkäufers; und die Mutter am Klavier, die mit dunkler Stimme ihren Part mehr knurrte als sang ... Zerstoben, verstummt. Wer konnte sie noch singen, diese schmerzlich gefaßten Rezitative in königlichem Faltenwurf, diese gramvollen Arien, in denen es wetterleuchtet von niedergepreßtem Gefühl? Der kleine Musiktempel war abgerissen, das Wohnhaus in andere verbaut, die Bäume gefällt. Und daneben, wo der verbannte Dichter wohnte, einer der vielen seines Landes, die verfolgt wurden um der Gerechtigkeit willen; ja, das Haus war noch da, aber tot, mit geschlossenen Läden, die Wege von Moos übersponnen, stand es zwischen großen Platanen über dem kleinen Gehölz, wo im Mai die Nachtigallen im Faulbaum schluchzten. Und sie dachte an den schönen, grauhaarigen Mann, wie er, weißgekleidet, mit schweren und doch weichen Schritten, einem guten Bernhardinerhund ähnlich, im Garten auf und ab ging, wenn in dem versumpften Erlenwäldchen, ihm zu Füßen, die Frösche quarrten. »J'aime les grenouilles, ça me rappelle la Russie,« sagte er. Oft plagte ihn die Gicht, dann ruhte er im Gartensaal zu ebener Erde, sein Fuß, zu einem unförmigen Bündel gewickelt, wie eine gekränkte Gottheit auf einem besonderen Taburett. Die Wände mit Büchern austapeziert, das still brennende Kamin und auf dem Tisch ein großer Strauß Heliotrop. Dazu rauchte er die kleinen blonden Papyros seiner Heimat und bekritzelte lange schmale Papierstreifen, die den Teppich bedeckten. Hier waren viele seiner Erzählungen entstanden, mit ihrem eigenen, ureigenen Duft wie von Frühlingswald und allerkostbarstem Tee. Aber nun hing am Gitter ein Plakat: Baustellen zu verkaufen. Wie lange würden sie hier noch rauschen, die Silberpappeln, die Birken und Platanen?

Oh, wie hatten sie damals seine Bücher verschlungen, wie hatten sie geschwärmt, gehofft und prophezeit. Musik und Philosophie und Menschenrechte, alles wurde leidenschaftlich diskutiert; da war so vieles, das zum Licht begehrte, überall schäumten kleine Wirbel über dem tiefkochenden Meer. Und vieles war eingetroffen seither, was sie herbeigesehnt hatten, aber in plumperen Umrissen, mit Abzügen und Zugeständnissen, die ihrem kühnen Hoffen fremd gewesen. Denn verwirklichte Ideale sehen wohl immer aus wie die Stiefmutter, die den Schmuck der rechten Mutter trägt.

Wo waren sie hin, die zarten, rastlosen Frauen, die sich im milden September zusammenfanden, wenn die Trauben so süß und die zweite Rosenblüte noch erlesener war als die, die der Juni beschert? Wenn Johann Strauß seine Walzer dirigierte, während am Nachthimmel große Raketenbündel hoch fuhren und knisternd niedersanken, goldener Hafer und blaue strahlende Sterne, zögernd, trauernd um die eigene kurzlebige Schönheit? Viele waren tot, ach, wer nannte sie noch? Andere lebten, fern von hier, von neuen Pflichten, neuen Generationen beschlagnahmt: Großmama, Nonna, petite tante ... Ach und jene Allersüßeste, Allerkostbarste, deren Herz überschäumte in Bewunderung alles Schönen, in leidenschaftlicher Abwehr aller Enge und Halbheit, sie lebte hinter Mauern; ja, lebte sie noch? Sie, deren göttlich schöne Füße die Bildhauer toll gemacht hatten, ging sie barfuß auf kalten Steinen? »Diane vaincue« hatten die Freundinnen sie genannt, nach einer tiefgelben Rose, die damals neu war; deren schmalen, bräunlichen Knospen sie ähnlich sah. Ach, Runzeln und Gebrechen paßten nicht zu ihr, wollte Gott, daß sie schon lange in irgendeinem totenstillen Klosterhof lag, wie eine Schmetterlingspuppe in ihre kleine braune Kutte gewickelt, dort, wo die Zikaden in der Mittagsglut sägen und der Lorbeer die Luft mit bitterem Dunst erfüllt!

Ja, sie hatten sich alle mit dem Leben eingerichtet, so oder so, und da waren manche, denen das große Glück nie genaht war, oder die es nicht erkannt hatten, da waren auch die kleinen Hermeline, die nichts riskieren wollen. Aber viele hatte das Leben wissend gemacht. Und ab und zu hörten sie voneinander. Sie, die für Zukunftsmusik und Befreiung der Geknechteten geschwärmt, die über Tolstoi und Schopenhauer diskutiert hatten, als ginge es um ihr Leben, so edelmütig und verschwiegen in der Freundschaft, so weich und rückhaltlos in der Liebe ... »Ma chère belle,« so fingen ihre Briefe an; ja, aber nun mußten sie Brillen aufsetzen, um sie zu lesen.

Das große Glück, das nur wenige finden; der einsame Weg, den nur wenige gehen! Ach, mit zitternder Hand griff sie ans Herz, den Mund gespannt in unvergeßlich süßer Qual: Mein Schmerz, mein Eigen! Und wenn sie die Augen schloß, spürte sie mit suchenden Nüstern Heuduft und Jasmin in der Sommernacht, spürte die kühle Glätte des Flügels, an den sie die Stirn gelehnt hatte – oh, wie oft –, damals, wenn er ihr mit leichter, fast knabenhafter Stimme die neuen Opern sang, welche zu jener Zeit die Welt aufwühlten und in feindliche Lager teilten. Ob unter seiner Leitung das Orchester zu einem großen, gebändigten Instrument wurde, einer Republik der Stimmen, von seines Blutes Rhythmus befeuert und gezügelt, oder ob sie beide, träumend, zuhörend, schweigend genossen, es waren dieselben Schauer, es war dieselbe Weite und Enge, die sie im Herzen erlitten, eine Gemeinschaft, ein äußerstes Durchdringen, das den Menschen in dieser unfaßlichsten und doch körperlichsten aller Künste gegeben ist.

Um sie her fielen die Kastanien ins gelbe Laub; unter der Säulenhalle war es leer, die Stühle aufeinander getürmt, leer der runde Musiktempel am Eingang. »Si vous n'avez rien à me dire« – oh, diese kleine zuckerige Melodie! Damals war sie neu, und man spielte sie zum Überdruß. Nun ging sie ihr auf einmal durch den Sinn, ein kleines betrübtes Gespenst. Sie fühlte ihre Augen brennen und wie ihr Mund sich verzog. Nach Hause, nach Hause, die Sonne wärmte nicht mehr.

II

Amsel war mit Madame Céline einkaufen gegangen. »D'abord les petites brioches pour madame,« sagte die kleine Französin. Der Sommerkonditor Romplemayère, wie Madame Céline es aussprach, hatte sein Zelt schon abgerissen, aber sein Rivale, der den märchenhaften Namen Schababerle trug, gleich dem Efeu bodenständig, überwinterte hier. Eigentlich müßte es umgekehrt sein, hatte Tante gesagt, denn sie fand, daß sie beide die Jahreszeit verwechselt hätten. Rumpelmaier war doch sicherlich ein Abkömmling von Rumpelstilzchen und paßte daher weit besser zu Schnee und Christbäumen und krausem Winterspuk als zu der Côte d'Azur. Während Schababerle, den konnte man sich nur mit einem Turban denken, wie er Sorbet und Limonaden bereitete, kühl-wohlig in der Sommerschwüle, und schließlich wurde er Pastetenbäcker des Kalifen und erhielt die jüngste Tochter des Großwesirs zur Frau.

Sie gingen durch Gassen und Gäßchen, die den Berg hinaufkletterten, bis zum Schloß mit seinen Höfen und Brunnen und überdachten Treppchen und der großen Lindenterrasse. Die Tore waren verschlossen, die freundlichen, grauhaarigen Lakaien gingen nicht mehr aus und ein, und die Linden standen in einem Teppich raschelnder Blätter. Staffeln führten hinab zu kleinen Plätzen, wo im Dämmerlicht Brunnen rieselten, an sauberen Häusern vorbei mit Transparenten an den Fenstern, hinter denen Waisenratswitwen im Lehnstul saßen und sich nicht entschließen konnten Licht zu machen, ehe die Laterne an der Ecke brannte; so sahen sie vor sich hin, die Hände im Schoß, und sannen über das Alter des Kanarienvogels nach, ihr eigenes darüber vergessend. Kuriose Lädchen gab es hier, Althändler, in deren Schaufenster stockfleckige Lithographien verblichener Landesväter zwischen gestickten Klingelzügen und alten, gedemütigten Regenschirmen lächelten, daneben ein Sargtischler, der kleine Sargmodelle ausgestellt hatte, in verschiedener Ausstattung, wie für alle verstorbenen Puppen – geringe und vornehme – der Nachbarschaft. Beim Seifenhändler hingen die großen Altarkerzen aus gelbem Wachs, honigduftend, die in kühlen hallenden Kirchen von Sommergärten und summenden Bienenkörben erzählen, dazwischen die schlanken Kommunionskerzen, symbolisch umwunden mit Weinlaub und gläsernen Trauben, und am Griff ein kleines, steifes Spitzentuch für die kleinen zerkratzten Hände, die an diesem Tag in weißen Baumwollhandschuhchen prangen. Bei der Vogelhändlerin kamen sie vorbei, die in der offenen Ladentür saß, ein schwarzes Kaninchen im Schoß, und hinter ihr aus dunklen Ecken leises, unaufhörliches Trillern wie aus zarten Wasserpfeifen, das war wie im Märchen von Jorinde und Joringel und der bösen Zauberin. Zwischen Mauern ging der enge Weg hinab, über die hier und dort ein erfrorener Rosenzweig nickte, und Häuser, die auf der einen Seite einstöckig kauerten, ragten auf der anderen aus Abgründen. So denk' ich mir Capri, sagte Amsel.

Als sie heimkehrten, stand Tante, in ihren großen Orenburger Schal gewickelt, am Fenster und sah nach ihr aus. Von den Pappeln segelten gelbe, herzförmige Blätter durch die Luft, Schneebeeren lagen weich und verregnet auf den Gartenwegen, bald würde nun der Winter kommen, auf Samtpfoten, eine große, weiche, weiße Katze.

»Nun wollen wir uns einwintern,« sagte Tante. »Das alte Murmeltier und das kleine Murmeltier, eigentlich beneidenswerte Geschöpfe, so die ganze kalte Zeit zu verschlafen, so gut haben wir's nicht, und ein bißchen Französisch mußt du auch wieder treiben; der Mensch kann immer noch zulernen, und wenn er auch schon siebzehn Jahre alt ist.« Und ein paar Tage später sagte sie: »Ich habe Rächerchen gemacht, denn so sprach ich's als Kind aus, wenn ich meinem Vater vorlesen mußte; und nun hab' ich die Perle gefunden, eine schwarze Perle, denn sie ist Witwe, und nur Französinnen verstehen es, so gründlich Witwen zu sein, ich glaube, sie genießen das wie ein Moorbad; also, sie heißt Benoît und sieht aus wie ein Kokon aus Trauerkrepp, und ihr Seliger war auch Sprachlehrer, ja, sie sagte, er sei ein Vater der Syntax gewesen, und das ist doch gewiß eine Seltenheit.«

So erschien denn Madame Veuve Benoît in ihrer ganzen überzeugenden Witwenhaftigkeit, in einem Trauerschal aus Kaschmir, ein düsteres Gebäude auf dem Haupt, von Schleiern umflutet. Am Arm hing ihr ein schwarzer Beutel, der ihre Lehrbücher enthielt, wie auch ein Flakon Melissengeist und ein Döschen mit Pastillen – cachou des orateurs. Und sie saß da wie eine weiße, fette, gutgepflegte Made in all dem raschelnden Krepp und hörte lächelnd, aber unbestechlich zu, wie Amsel mit Vokabeln rang, deren sie sich wohl nur selten in Gesprächen bedienen würde, la pelouse und le bocage, le nénuphar, le guéridon und les brises embaumées; oder über den unberechenbaren Seitensprüngen des participe passé nachsann, die der verewigte professeur in einem schmalen, aber inhaltsschweren Bande festgenagelt hatte, dessen Exerzitien Spaziergängen zwischen Fußangeln glichen. Zum Schluß wurde sie mit verdienstvollen, wenn auch keineswegs kurzweiligen Autoren bekannt gemacht, der gefrorenen Langeweile Racines, den Grabreden Bossuets – Madame se meurt, Madame est morte – und den »Conseils à ma fille«, die mit dem Satze schlossen: »et maintenant, chère Sophie, pose ta plume et embrassons nous«; aber auch mit Paul und Virginies träumerischem Dasein auf einem tapetenartigen Hintergrund von Palmen und Papageien, wo die Mütter des Liebespaars, der Lehren Jean Jacques Rousseaus eingedenk, ihre Kinder im Schatten des Brotbaums säugten, und später dann Virginies vorbildliche Schamhaftigkeit sie lieber ertrinken ließ, als sich den rettenden Armen eines nackten Matrosen anzuvertrauen. »Une des plus admirables pages de la littérature française,« sagte Madame Benoît mit Grabesstimme und nahm einen cachou des orateurs, und Amsel dachte: würde wohl auch Madame lieber ertrunken sein, in all dem nassen Krepp oder würde sie ... aber das war nicht auszudenken. Und Tante kam ins Zimmer mit ihrem schleifenden Schritt und sagte: »Gott, sind denn diese vortrefflichen Philister immer noch am Leben? Mit denen wurde ich ja auch schon geplagt.« Wenn es dunkelte, wurde Madame Veuve von Monsieur Jean Claude Benoît junior abgeholt, denn der Vater der Syntax war auch Vater eines einzigen Sohnes gewesen, eines trotz Brille und Bart mädchenhaften Jünglings, der mit einer Neigung zu Bronchialkatarrhen behaftet war. Und ma mère war in tausend Ängsten: »Mon fils, as-tu mis tes mitaines? Et tes Caoutchoucs, et ton cachenez?« Aber er sagte: »Vous« zu ma mère, und überhaupt verkehrten sie mit der ganzen urbanité, wie sie einst dem Hotel Rambouillet zur Zierde gereichte, und nie irrten sie sich im Gebrauch des passé défini oder des noch eindrucksvolleren passé du subjonctif. Ja, der Vater der Syntax konnte zufrieden sein mit seinen Werken.