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Leben mit einer Göttin

Chapter 10: 9
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About This Book

A detained first-person narrator addresses his defender and confesses to killing a man who had been almost unknown even to his wife, then proceeds to narrate the events and motives that led to the deed. He interweaves factual detail with introspective reflection on obsession, desire, and guilt, exploring how an idealized female figure and strained family relations destabilize his life. The account mixes confession, philosophical rumination, and social observation as the narrator alternately seeks exculpatory facts and accepts culpability, ultimately presenting a candid psychological portrait of remorse and isolation.

 

Die erste Erwähnung des Mechanikers geschah in einem Brief Jorindes ganz nebenbei, neben zwanzig Kleinigkeiten. Trotzdem fiel für mich diese Mitteilung sofort aus dem Rahmen des übrigen heraus.

Bei einem Ausflug nach Göggingen, so schrieb Jorinde, habe sie den jungen Mann getroffen, der dort in der großen Hessingschen orthopädischen Heilanstalt als Mechaniker beschäftigt sei. Zu ihrer Freude habe sie in ihm eine Art Jugendfreund wiedererkannt, den ehemaligen Assistenten, oder besser gesagt, Diener ihres Vater, der ihr, wenn sie als Kind ins Laboratorium kam, freundliche Worte gegeben, sie herumgeführt habe. – „Ein merkwürdiges Wiedersehen“, schloß die Bemerkung. „Mich freut es, daß er nicht nur bei meinem Vater etwas gelernt, sondern auch aus Eigenem sich weitergebildet hat, so daß er jetzt eine ganz selbständige und angesehene Stellung auf einem anderen wissenschaftlichen Gebiete ausfüllen kann. Er erzählt sonderbare Geschichten über seine Abenteuer in Amerika während des Krieges. Ich werde ihn öfters sprechen, denn Göggingen ist von Augsburg aus mit der Elektrischen in Minuten zu erreichen, und es sind sehr hübsche Spaziergänge dort.“ –

Ich las die Stelle noch einmal. Augenblicklich wußte ich, wie mit einem Gongschlag –: etwas Neues beginnt. Eifersüchtig war ich zwar auch bisher schon bei gegebener Gelegenheit gewesen, – aber nicht im Ernst, nur als „Spiel mit dem Feuer“. Ich hatte während der Eifersucht gleichsam gewußt, daß sie grundlos sei, – so wie man manchmal im Traum weiß, daß man schläft und träumt. Jetzt aber war außerdem, förmlich neben aller Eifersucht, auch noch ein Grund zu ihr da.

Ich wurde traurig. Sehr düster wurde es in meiner Seele.

Zuerst freilich raffte ich mich zusammen. Ich beschloß, gegen den eben aufgetauchten „Dritten“ zu kämpfen, indem ich ihn nicht ernst nahm. Möglichkeiten dazu gab es ja genug. Tatsächlich konnte ich mir auch wirklich kaum einreden, daß sich Jorinde mit ihren ausgesprochen aristokratischen Neigungen für einen ehemaligen Diener mehr als flüchtig und ganz von oben herab interessieren würde. Der Diener war freilich durch eigene Kraft emporgestiegen, imponierte, hatte die Welt gesehen, das deutschfeindliche Amerika während des Krieges überstanden und für seine Person in gefahrvollen Abenteuern überwunden ... Nun, wie dem auch sei: Ich unterstrich in meiner Antwort das Dienerhafte, machte gar einen alten, weißbärtigen Diener aus ihm, den „treuen Diener seines Herrn“, warnte die „Prinzessin“ vor dem „in Ehren ergrauten Pagen“ – und ähnliche Späße mehr.

Der Brief war in ganz ähnlichem Tone gehalten wie meine Neckereien, wenn Jorinde bei Ausflügen einen Herrn vom Nebentisch etwas zu lange angeschaut hatte. Und war ebenso ungeschickt. Denn aus Jorindes selbstverständlichem Widerspruch kam dann stets ein Ernst in die Sache, der vor meiner sogenannten Neckerei, in deren Kern doch eigentlich nur Angst pulsierte, ganz undenkbar gewesen wäre. – Jorinde protestierte, noch immer lustig und auf den irreführend leichten Klang meines Angriffs eingehend, gegen den weißen Bart; der Mechaniker sei im Gegenteil, so hieß es, ein junger hübscher Mann, der ihr sehr gut gefalle und auf den ich eifersüchtig sein solle ...

„Eifersüchtig“ – nun war das schreckliche Wort schon ausgesprochen. – An sich vielleicht nicht so schrecklich wie in meinem besonderen Fall. Meine Beziehung zu Jorinde vertrug ja keine weitere Belastung mehr; die Spannung, die sich nur eben noch an der Grenze des Ertragbaren hielt, durfte und konnte nicht weiter gesteigert werden. So viel Unsicherheit, so viel Zittern vor meiner Göttin – und nun noch ein Dritter neben uns beiden: das ging über meine Kraft.

So kehrte schon mein nächster Brief reumütig und geschlagen aus dem Witzgefecht zu aufrichtigem Ernst zurück. Ich bat Jorinde rund heraus, nicht mehr nach Göggingen zu fahren, sie solle den Verkehr abbrechen, ehe er gefährliche Formen annehme, die sie selbst heute noch nicht vorherzusehen imstande sei.

Dieser Brief kreuzte sich mit einem sehr heiteren und ironischen Schreiben Jorindes. Sie erzählte mir, daß sie bei einem Spaziergang mit dem Mechaniker in einer Bauernwirtschaft eingekehrt und dort zur Musik eines großen Orchestrions stundenlang mit ihm getanzt habe. Sie sei ganz froh, endlich wieder Gelegenheit zum Tanz gefunden zu haben, die es in Augsburg gar nicht gebe, zumindest nicht in einer Art gebe, die ihr passen könne. – Und viele, viele Küsse an mich. Ich solle mich nur nicht ärgern. Sie sei munter und quietschvergnügt ...

Tücken des Briefwechsels: niemals ist ein Gespräch mit regelmäßiger Frage und Antwort zu erzielen, sondern wenn man längst etwas ganz anderes gefragt hat, trifft die gar nicht mehr passende Antwort auf eine frühere Frage ein, völlig unzutreffend für die Stimmung von heute. Es ist, als ob ein Kranker, dem täglich etwas anderes fehlt, immer wieder mit den Heilmitteln für die Krankheit, die vorbei ist, kuriert würde. – Und doch bleibt einem nichts anderes übrig, als durch möglichst schnelles Hintereinanderherjagen der Briefe die davoneilende Zeit gewissermaßen einholen zu wollen. Ein sinnloses Unternehmen, nur zur eigenen Beruhigung für Momente gut genug, genau genommen eigentlich nur für den Moment, in dem man den wohldurchdachten neuen Brief in den Briefkasten wirft, – in diesem einen Augenblick hat man tatsächlich das Gefühl, die Angelegenheit zu beherrschen, zusammengefaßt in der Hand zu halten, – nachher aber weiß man ganz genau, daß Briefschreiben nichts hilft, daß allzu großer Briefeifer eher noch schaden kann; denn je häufiger man schreibt, desto seltener und kühler wird einem geantwortet – ein Satz von geradezu naturwissenschaftlicher Sicherheit, den ich wohl im Kopfe hatte und nach dem ich mich gleichwohl nicht zu richten vermochte.

Endlich kam Jorindes Antwort auf meine ernste Bitte. – Sie schrieb sehr rührend. Der Mangel an Vertrauen, den ich bewiesen habe, täte ihr weh. Denn Liebe sei doch nichts anderes als gegenseitiges Vertrauen. „Die ganze Sache ist eine solche Harmlosigkeit,“ fuhr der Brief fort, „daß Du wirklich nicht den geringsten Anlaß hast, Dich aufzuregen oder unruhig zu sein. Hätte ich Dir das Zusammentreffen verheimlichen wollen, – wer konnte mich zwingen, Dir überhaupt davon zu schreiben. Du hättest nie etwas davon erfahren. Aber das eben ist mein Lohn dafür, daß ich Dir alles sage – Mißtrauen meines einzigen Freundes.“

Ich mußte ihr innerlich recht geben. Kühl betrachtet, war es wirklich eine ganz häßliche Einmischung, wenn ich ihr vorschreiben wollte, mit wem sie verkehren dürfe, mit wem nicht. – Der erste Eindruck, den dieser Brief Jorindes auf mich machte, war denn auch ein vorzüglicher. Später aber fiel mir ein, daß sie auf die Hauptsache, ob sie nämlich den Verkehr mit dem Mechaniker aufgeben oder fortsetzen würde, überhaupt nicht eingegangen war. Ich erschrak bei dieser peinlichen Feststellung. Nun erst wurde mir klar, daß ich es eigentlich am liebsten gesehen hätte, wenn ich ihr gegenüber vollständig ins Unrecht gedrängt worden wäre, – dadurch, daß sie sich meinem Wunsche, den ich als Unrecht anerkannte, gefügt hätte. Ich wollte also gleichsam im Tatsächlichen recht behalten und nachher großmütig, reumütig mein Unrecht eingestehend, um Verzeihung bitten. Nicht aber umgekehrt. – Diesen Seelenzustand nun meiner Frau auseinanderzusetzen ... ich unternahm es wohl, es konnte aber nicht gelingen. Was sie aus meinem Brief herauslas, herauslesen mußte, war ein süßsaueres „Ja“, eine etwas verärgerte Einwilligung zu ihren Ausflügen nach Göggingen. „Wenn es sein muß, wenn es für Dein Seelenheil unbedingt nötig ist, – meinetwegen, ich wende nichts mehr ein.“ – Es war wohl ein Fehler, mit den geringen Reserven, die ich noch besaß, den Starken, den Gleichgültigen spielen zu wollen. Ganz verstohlen hoffte ich natürlich, daß meine Gleichgültigkeit dazu beitragen würde, ihr den neuen Gesellschafter uninteressant zu machen. Dazu aber reichte offenbar der Grad meiner Gleichgültigkeit nicht mehr aus. Die Richtung meines Vorgehens war vielleicht gut, aber auf halbem Wege brach ich in die Knie.

Jorinde also kam weiter mit meinem Feinde zusammen – und jeder Brief, der mir die Fortdauer dieses Umgangs erklären sollte, steigerte meine Qual. Die Gründe, die Jorinde vorbrachte, machten die Sache nur noch ärger. Übrigens führte sie diese Begründungen in aller Argslosigkeit an, – denn wiewohl ich meine Unruhe nicht ganz verhehlte, schämte ich mich doch, all meine Furcht um sie, meinen ganzen bejammernswürdigen Zustand einzugestehen. Es hätte mich in ihren wie in meinen eigenen Augen allzu tief herabgesetzt. Ihre Forderung, daß ich Vertrauen zu ihr haben müsse, war ja unwiderleglich, – kam geradezu aus dem Mittelpunkt unserer Beziehung heraus, die sich doch völlig auf Glauben, ja auf Glauben ohne Beweis aufbaute. Es hätte nur leider eines stärkeren Herzens bedurft, um diese Stellung zu halten, – das sah ich ein. Wußte aber zugleich, daß es etwas anderes als diese höchst gefahrvolle Stellung für mich, ja für jeden wahrhaft Liebenden gar nicht geben könne. So mühte ich mich denn weiter, solange es eben gehen mochte, – nahm mir vor, alle die kleinen, wahnsinnig schmerzhaften Nadelstiche, die ihre Briefe mir (in aller Arglosigkeit) zufügten, nicht zu beachten, erst bei der nächsten Zusammenkunft mündlich die ganze Sache mit ihr zu besprechen. – Zu meinem Unglück war aber gerade diesmal diese nächste Zusammenkunft in ziemliche Ferne gerückt. Bei unserem letzten Beisammensein hatten wir beschlossen, – in dem vollkommenen, geradezu kameradschaftlich wohligen Einverständnis, das damals zwischen uns geherrscht hatte, damals ganz besonders, damals mehr als je vorher – hatten beschlossen, daß wir uns vor den Sommerferien nicht mehr sehen und mit voller Kraft nur unseren schwierigen Berufsaufgaben widmen würden, um uns dann am Ende der Arbeitssaison für so viel Entsagung durch eine herrliche Sommerreise nach Holland und an die Nordsee belohnen zu können. Jorinde studierte damals zum erstenmal eine moderne Rolle, – die Hauptrolle in Max Brods neuem Lustspiel „Klarissas halbes Herz“. Die Gestalt der kapriziösen, dabei aber nicht oberflächlichen, sondern von großer Leidenschaft besessenen „Klarissa“ stellte ungeheuere Anforderungen, verlangte Blut und Mark der Schauspielerin (nebenbei bemerkt: auch diesem Stück, in dem so viel von Untreue die Rede ist, schob ich zu einem gewissen Teil die Schuld an meiner inneren Unruhe zu. Die Wankelmütigkeit der Bühnenfigur mußte ja in irgendeiner Weise auf die Darstellerin abfärben. Den Gemahl Klarissas aber beneidete ich um seine eisernen Nerven). – Und so wie meine Frau, stand auch ich vor wichtigen Entscheidungen. Meine beiden jüngeren Brüder bedrohten mich mit einem Prozeß. Ich hatte sie nach dem Tode des Vaters aus der Erbschaft vollständig abgefunden. Nun aber machten sie trotzdem Ansprüche auf die Fabrik geltend. Das Aufblühen des Unternehmens stach ihnen wohl gewaltig in die Augen. Sie wünschten als Kompagnons einzutreten, mit ganz minimalen Einlagen, die ihnen als Rest des väterlichen Vermögens geblieben waren, aber mit vollen Herrenrechten. Die Früchte meiner Arbeit, auf die Jorindes Sonnenstrahlen herabgeleuchtet hatten, sollten mir abgenommen werden. Mehr als das: meine wissenschaftlichen Experimente waren bedroht, wenn die rein kaufmännisch denkenden Brüder als gleichberechtigte Inhaber neben mich traten. – So setzte ich mich denn kräftig zur Wehr, und Jorinde hatte bisher Anteil an meinem Kampf genommen, tat dies wohl auch weiterhin ... nur ich war unterhöhlt, mich selbst beschäftigte nur noch ausschließlich die Beobachtung des „Dritten“, der, täglich und stündlich von mir verwünscht, in immer neuer Darstellung aus Jorindes Briefen hervorgrinste. Es war allerdings in diesen Briefen nicht viel die Rede von ihm. Nur hie und da widmete ihm Jorinde ein Wort. Mir aber schien es, als ob die Briefe von nichts andrem mehr handelten.

Ihre Gründe, – arglos vorgebracht, wie ich schon sagte, aber um so peinigender für mich: daß sie blutarm sei, an Schlaflosigkeit leide – der Arzt habe ihr Spaziergänge verordnet – sie habe aber keine Lust, allein spazierenzugehen. Und mit Theaterleuten wolle sie außerhalb des Theaters nichts zu tun haben. „Die gehn mir schon ohnehin auf die Nerven“, schrieb sie. „Du wirst doch begreifen, daß man sich manchmal nach Abwechslung sehnt. Es ist mir so sympathisch, einmal mit einem Menschen zu reden, der mit der Hand arbeitet, nicht immer nur mit dem Kopf.“

Und ich? – notierte ich an den Rand dieses Briefes ...

Oh, ich verstand Jorinde nur allzu gut. – Hier tat sich der Abgrund zwischen ihr und mir auf. Wir gehörten eben jeder doch in eine andere Welt. Das Abendessen im Hause ihres Vaters tauchte vor meinen Augen auf. Die dunklen Möbel, – der junge Privatdozent mit dem edlen, kühnen Landsknechtgesicht, Pfeife rauchend, – der Vater, der wie ein Förster aussah, der die Stadt verabscheute und im bayrischen Wald auf die Jagd ging. Auch der Mechaniker, der seine Hand nach meiner Jorinde ausstreckte, kam aus den Tiefen dieses undurchdringlichen Waldes. Er holte nun meine Frau heim. Mit ihm war sie tief innerlich verbunden, durch ihre Einfachheit, ländliche Stille, – es war kein Zufall, daß er früher bei ihrem Vater gearbeitet hatte, daß er Kindheitserinnerungen in ihr weckte. Nein, sie gehörten beide gleichsam zu derselben großen Familie. – Ich dagegen, der schmächtige Berliner aus der glattgewalzten nordischen Sandwüste, ich, der Natur entfremdet, vergeblich bemüht, aus meinem ausgedörrten Herzen Vertrauen zur großen Mutter Erde, zu meiner Göttin heraufzupumpen ... was hatte ich im Grunde mit Jorinde gemein. Nur lieben konnte ich sie, dunkel lieben, grenzenlos, – das Herz sehnte sich nach der großen Mutter, ohne daß mein Kopf dahin nachzufolgen vermochte, wo es meinem Herzen so wohl tat. Wo war der Weg, der zu ihr führte! Wie anders hätte der Mechaniker sie besessen, – besaß sie vielleicht schon! Waldströme rauschten um seine mächtige Gestalt, wie ein brauner Holzfäller im finsteren Bergtal trat er, die blanke Axt geschultert, aus dem Dickicht, – so erschien er mir im Traum. Ich wollte mit ihm ringen. Aber er berührte mich kaum, er ging mit Jorinde vorbei; sie hatte mich gar nicht angesehen.

Unmöglich, zu ihr zu gelangen. Es war nicht meine Welt. – Eine klare Erkenntnis: sie lebte in dem „anderen Deutschland“. Es gibt ja zwei verschiedene Staaten dieses Namens. Berlin – und: Deutschland ohne Berlin. Solange man in Berlin ist, merkt man dieses andere Deutschland nicht. Aber es ist nicht minder da. Grundverschieden, trotz äußerlicher Ähnlichkeit mit Berlin, wie sie sich etwa im Bau neuer Stadtviertel zeigt oder in der sauberen Maschinenschrift der Gutachten von Professor Grothius. Das ist nur Mimikry. Alle deutschen Städte treiben eine Art Mimikry, sind berlinähnlich – im Innersten aber, ebenso wie das ganze ungeheuere Feld- und Waldland ringsum, etwas ganz anderes als Berlin. –

Es war natürlich vergebliche Mühe, durch solche Überblicke allgemeinster Art die Herrschaft über mich selbst oder gar über Jorinde erlangen zu wollen. – Jeder neue Brief warf mich aus meiner erkünstelten Ruhe. „Wäre es Dir vielleicht lieber, wenn ich meine freie Zeit mit der frivolen Theaterclique verbrächte?“ schrieb Jorinde. Gewiß wäre es mir lieber, hundertmal lieber – antwortete ich. Und ich fühlte es wirklich so. Oder bildete mir zumindest ein, so zu fühlen. Ausführlich stellte ich ihr meine Motive dar. Theater – das wäre im Umkreis ihres Berufs gelegen! Ein Verkehr, den man pflegen muß, um nicht durch Separation allzuviel Feindseligkeiten zu erregen. Der Verkehr mit dem Mechaniker aber war – freiwillig, in einem gewissen Sinn überflüssig. Gerade das war es, was mich erregte. Auf Theaterleute wäre ich nie eifersüchtig gewesen. Wiewohl ich diese Art von Verkehr kenne, – man spricht da mit einer hübschen Frau nie anders, als indem man sie streichelt, indem man mit der Hand an ihrem Ärmel auf- und abfährt. Doch gerade diese zur Konversation gehörigen Liebesbezeugungen stumpfen ab. – Nein, nein, niemals hätte ich es mir beifallen lassen, auf ihre Kollegen vom Theater eifersüchtig zu sein. So verrückt sei ich denn doch nicht ...

In ihrer Antwort lachte sie mich aus (wie sie überhaupt in ihren Briefen den guten Humor nicht verlor. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß sie seit der Begegnung mit dem Holzfäller-Mechaniker in wesentlich fröhlicherer Stimmung war als vordem). – „Du hast mich doch ganz, mit Leib und Seele“, hieß es dann an einer anderen Stelle, ernsthaft, in dem Brief. – Ja, ja, du bist mein, rief es in mir. Ein Jubel, ein frischer Atemzug, der mich erquickte nach all der Not. Wie Duft des Meeres, wenn man zerarbeitet, müde, zum erstenmal nach langem Stadttagewerk zur Düne, zum Strand hinunterläuft, direkt vom Bahnhof, – um den reinen brausenden Sturm einzuatmen, der über die ungeheuere Wasserfläche fährt. Mein Gott, Jorinde ist ja mein, ist ja noch mein. Das Holde, Unübersehbare, Unausdenkbare meines Glückes kam mir wieder plötzlich zu Bewußtsein, wie neu geschenkt. – Doch gleich darauf klemmten sich mir die Lungen ein. Ich hatte weitergelesen: „Er liebt mich, – doch weiß er, daß ich nie heiraten werde.“

Da stand es nun also, schwarz auf weiß. Da stand es, was ich gefürchtet hatte. Mein Argwohn war also nicht, wie ich insgeheim doch gehofft, übertrieben gewesen, – zu einem Teil war er schon in Erfüllung gegangen, zu einem wesentlichen Teil. – Er liebte sie. Eigentlich ganz selbstverständlich. Kann man mit Jorinde verkehren, ohne von ihrer einleuchtenden Schönheit überwunden zu werden? – Und nun wuchs meine Unruhe ins Grenzenlose. Der eine Satz im Brief Jorindes eröffnete tausend Fragen. Es war klar, und es ging ja auch deutlich genug aus dem Brief hervor, daß Jorinde sich dieser neuen Liebe gegenüber abwehrend verhielt. Aber kam es denn nur auf sie an? Der Dritte war ja gleichfalls ein lebendiger Mensch, keine Puppe, – gewiß entfaltete er Kräfte, seinem Charakter gemäß, über den ich mir aus den spärlichen Andeutungen Jorindes leider gar kein Bild machen konnte. Sie betonte zwar immer, daß sie „alles schrieb“, – schrieb aber gar nichts Wesentliches, so schien es mir nun, – nicht einmal, wie der Mechaniker hieß, wußte ich bis jetzt. Nicht einmal den Namen, o mein Herr und Gott! ... Das tat freilich nichts zur Sache. Und auch auf seinen Charakter kam es eigentlich nicht so sehr an, – mochte er auch der bescheidenste, unzuversichtlichste Mensch der Welt sein, ganz ängstlich vor Jorinde, noch ängstlicher als ich, – die Tatsache, daß er ein lebendiges Wesen war, genügte ja durchaus, um mich auf das fürchterlichste zu stören. Auch eine Maus ängstigt sich ja vor Menschen, – dennoch schläft man nicht gern in einem Zimmer, in dem man eine lebendige Maus knabbern hört. Daß sie ein lebendiges Wesen ist, daß man nicht weiß, was sie im nächsten Augenblick machen, wohin sie spazieren wird, – – ja, ganz ebenso unheimlich war mir der Dritte, der sich, und sei es noch so behutsam, in meinem und Jorindes dunklem Schlafzimmer zu rühren begann.

In allem merkte ich von nun an seine Wirkungen, – Jorindes Briefe schienen mit nicht so zärtlich wie zuvor. Geheimnisvollerweise war es ja seither so gewesen, daß die Liebe, die aus ihren Briefen sprach, sich in auf- und absteigender Linie bewegte. Es nahm immer denselben Verlauf: die Briefe, die unmittelbar auf einen Abschied folgten, glühten geradezu, – es gab da Wendungen wie „Ich zittere nach Deinem Mund“ – „Ich kann die Nacht nicht überleben nach so sonnigen Tagen“ – Wendungen, wie ich selbst sie gern geschrieben hätte, hätte ich mir nicht längst schon angewöhnt, meine Gefühle brieflich nur gedämpft auszudrücken, um Jorinde nicht zu verstimmen. Doch es nutzte ja nichts. Die Abkühlung ließ nicht auf sich warten. Die folgenden Briefe waren nicht nur gleichgültiger, – das könnte man für eine bloße Einbildung halten, – nein, sie waren geradezu meßbar mit geringerer Lust, geringerem Mitteilungsbedürfnis geschrieben: nämlich kürzer, mit großem, freiem Rand, großen Buchstaben, großen Zwischenräumen zwischen den Zeilen und ohne jenen Briefschmuck, den ich am meisten liebte, nämlich ohne diese quer an den Rand gesetzten, manchmal rings um den ganzen Briefbogen herumführenden Nachschriften, die so richtig das Gefühl vermitteln, daß sich der Briefschreiber aus dem Zusammenhang mit dem Adressaten nicht lösen mag, daß er verweilt, daß ihm immer noch etwas Neues einfällt, wie in lebendigem Gespräch unter vier Augen. – Dies alles also fehlte bei späteren Briefen. Ich sah die Ebbe jedesmal kommen, wurde aber immer neu von ihr überrascht.