Es war wohl ein natürlicher Vorgang, was sich in Jorindes Briefen ausdrückte und was nur mir in meiner Perspektive als widerspruchsvoll erschien, es war ein Naturablauf der Gefühle, wie Blühen, Reifen und Verwelken von Pflanzen. Aber diesem Naturablauf gewachsen zu sein, – das eben war die Aufgabe, die meine Kräfte überstieg. Und auf dem abwärtsgleitenden, wankenden Boden eines nur mit Mühe und äußerster Selbstbeherrschung zu führenden Briefwechsels tauchten nun überdies die Auswirkungen des „Dritten“ auf. Sie ließen sich nicht konkret feststellen, – ließen sich aber ahnen. Gab man sich Ahnungen hin, dann waren diese Emanationen, diese Überschattungen durch eine fremde Ansicht freilich überall da. So etwa in Jorindes Schrift, die schon begonnen hatte, der meinen ähnlich zu werden (süßeste Entdeckung! geheimste Freude!), und die nun wieder ihre alten, von mir unabhängigen oder ganz fremden Buchstabenformen annahm. – Oder wenn ich ihr allerlei Medikamente gegen ihre Schlaflosigkeit schickte, sie aber Medikamente überhaupt ablehnte und an den Spaziergängen als viel gesünderem Heilmittel festhielt, – was lag näher, als darin die Beeinflussung durch Meinungen eines Naturburschen zu sehen, wie dieser Mechaniker einer sein mochte! Gewiß mußten seine Ansichten (einfach die Kraft seiner Gegenwart) allmählich die Oberhand gewinnen, mich und meine besondere Ideenwelt bei Jorinde verdrängen.
Gerade das aber war es, was sie nie zugab. Ihrer Ansicht nach liebte sie mich „immer gleich“. Es gab für sie kein Auf und Ab der Gefühle. Wenn sie doch wenigstens dieses Auf und Ab zugegeben hätte, – ich glaube, dieses bloße Zugeständnis, dieses Einsehen, daß es so sei, hätte mich schon ein wenig getröstet, über das ärgste hinweggebracht. „Schau, du mußt doch selbst bemerken, daß deine Briefe vor einem Monat ganz anders geklungen haben als heute, viel inniger, viel mehr für mich Partei ergreifend, mich entschuldigend, da wo es not tat, meine Vorzüge gegen meine Schwächen ausspielend.“ Aber nein, das merkte sie nicht. „Ich liebe dich immer gleich.“ Es war mir, als trüge sie eine Maske wie aus Zement; hinter diesem Satz aber „Ich liebe dich immer gleich“, hinter der Oberfläche der Maske bröckelte es, unaufhaltsam. – Dabei war es ja durchaus keine Lüge, wenn sie „immer gleich“ sagte. Ehrlicherweise sagte sie das. Schließlich mußte ich ihr ja zugestehen, auf ihre Art zu leben und zu lieben, – und in ihren Augen waren eben gewisse Verschiebungen, Änderungen, die bei mir unendlich viel bedeuteten, so gut wie gar nichts. – Leider konnte mir auch diese Einsicht nicht helfen. Denn zugegeben, daß sie selbst überzeugt davon ist, mich „immer gleich“ zu lieben, daß sie die geringen Stufen der Abschwächung, die mich so besorgt machen, gar nicht empfindet, – so könnte es doch eines Tages geschehen, daß ihr wie mit einem Ruck das allmählich, nun aber schon merklich gesunkene Niveau ihrer Liebe fühlbar wird. Was dann!? Sie wird gleichsam in ihrer versperrten Vorratskammer von Liebe nachsehen, die sie gefüllt glaubt, und plötzlich bemerken, daß diese Kammer ausgeraubt ist. Und sie, – sie wird das so natürlich hinnehmen wie den ganzen Lebenslauf. Ich aber – ich habe ja zusehen müssen, offenen Auges, wie man aus dieser Kammer Stück für Stück das, was mir gehört, weggetragen hat, – und ich darf mich gar nicht zur Wehr setzen, denn die Herrin sieht den wochenlang fortgesetzten Diebstahl nicht, will ihn nicht sehen – und die ganze Welt lacht mich aus und schreit: „Eifersucht! Eifersucht!“
Ja, ja, – alle Qualen der Eifersucht lernte ich nun kennen. Nicht daß sie den anderen liebt, – nicht das ist ja der Schmerz des Eifersüchtigen, – sondern daß sie mich nicht mehr so sehr liebt wie früher, daß mir durch ein anderes Gefühl, sei es auch an sich gering, ein Anteil an ihrem Herzen, das vordem ganz mein eigen war, entzogen wird, daß ich nicht mehr Alleinherrscher bin und daß man nicht absehen kann, wohin, zu welcher Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse dieses Abzwacken von Nebengefühlen im Laufe der Zeit führen mag ... O mein Gott, nun war es wohl endgültig um meinen Seelenfrieden geschehen.
Ich ging keinen Augenblick so weit, auch in meinen schwärzesten Befürchtungen nicht, zu glauben, daß Jorinde dem Mechaniker das gewährt hatte, was sie „das Materielle“ nannte und gewissermaßen verabscheute. Weit entfernt war dieser Verdacht. Ich kannte ja Jorindes Stolz. Sie schätzte sich selbst viel zu hoch ein, als daß sie sich zur Frau zweier Männer erniedrigt hätte. – Aber gab es denn nicht andere, für mich ebenso schreckliche Möglichkeiten der Hingabe? Oh, unendlich süße Möglichkeiten, wenn Jorinde es war, die in ihnen erschien, – ein Kuß etwa – unvorstellbar, wahnsinnig, daß ein anderer als ich sie küssen sollte. Und doch wußte ich ja, daß sie über Küsse ganz anders dachte als ich. „Was liegt denn an einem Kuß“ – ich konnte diesen Ausspruch von ihr aus meinem Gedächtnis leider nicht wegbringen. – Ich raste bei dieser Erinnerung! Und malte sie weiter aus. Ja, genügte denn nicht ein Händedruck, – oder der Tanz – oder ein langes, in guter Ruhe über Stunden hin geführtes Gespräch, in dem die Seele sich ergießt, Zeit hat, mit allem, was sie wünscht und hofft, ans Licht zu kommen. Oh, war es nicht fürchterlich, – ein anderer konnte mit Jorinde reden, so oft er Lust dazu hatte, und ich, ich mit all meiner Sehnsucht war eingesperrt in die Ferne der Kilometer, ein Gefangener, der gegen das Gitter des Raumes tobt. – „Denkst du immer an mich?“ Diese Frage war ja niemals zu beantworten, schon damals nicht, als nur Jorinde und ich allein einander gegenübergestanden waren, – schon damals hatten sich alle erdenklichen Gegenstände zwischen uns geschoben, um unsere Gedanken abzulenken, – schon damals war das bloße Nichtwissen um jede Minute des anderen mir wie ein fürchterlicher Mangel in der Struktur des Menschen erschienen – jetzt aber wußte ich ja überdies noch, daß sie zu gewisser Zeit ganz bestimmt nicht an mich, sondern an den anderen dachte, geistig mit ihm beschäftigt war. Es war anders nicht möglich. Sie mußte zur Haltestelle der Elektrischen gehen, seinetwegen, – mußte danach streben, die festgesetzte Stunde nicht zu versäumen, – o Qual, o Qual, – ja, fühlte sie denn nicht, waren ihre Sinne wirklich so stumpf, dies nicht zu erkennen, daß sie mit jedem Schritt zu dieser Station der Elektrischen hin einen grauenvollen Diebstahl an meinem, meinem Gut beging! Daß jede Bemerkung, dem anderen zugeflüstert, ein Verrat an mir war!
Ich konnte nicht länger an mich halten. Ich schrieb ihr offen, wie ich es fühlte.
Ihre Antwort brachte mich zur Verzweiflung. – Ich könne mir eben nicht vorstellen, so klagte sie, in welch einer peinlichen, lähmenden Umgebung sie lebe. Die unangenehmen Kollegen – und zu Hause die Wirtin, über die sie schon immer geklagt hatte, ein unfreundliches, zanksüchtiges Geschöpf. „Du mußt doch einsehen, daß man das Bedürfnis hat, einmal auch ein schlichtes, vernünftiges Wort zu reden – nicht ewig Klatsch und Niedrigkeit anzuhören. Aber Du gönnst mir die Freude nicht, obwohl ich Dir wiederhole, daß es nichts Gleichgültigeres geben kann als diesen Umgang. In den letzten Tagen war er meine einzige Rettung.“ (Welche Widersprüche in den paar Zeilen: meine Randbemerkung.) „Ich danke Gott auf den Knien, daß der Mechaniker mich nicht verlassen hat. Ich hatte Streit mit der Wirtin, ich mußte sofort ausziehen. Und da ist er vom Morgen bis zum Abend mit mir gelaufen, Wohnung suchen, bis ich endlich schlecht und recht einquartiert bin. Ich wohne jetzt in der Gabelsberger Straße, ganz nett. Ohne den Mechaniker wäre ich verloren gewesen. Du siehst also, wie unrecht es von Dir ist“ u. s. f.
Ich war empört. Das wenigstens hatte ich bisher für mich in Anspruch genommen: der einzige zu sein, der ihr half. Meine Göttin war ja in einer gewissen, rein äußerlichen Hinsicht mein Geschöpf. Von dem Gespräch in der Reginabar an hatte ich ihr Schicksal bestimmt, ihre Bahn Schritt für Schritt ermöglicht. Und nun mischte sich ein anderer ein. Ich erklärte, dies unter keinen Umständen dulden zu wollen ...
Nicht daß in ihrer Antwort viel von meiner Herzlosigkeit die Rede war, daß sie sich aufs neue über mein Mißtrauen beschwerte, nicht ihre Auflehnung gegen meine „Eifersüchtelei“ (mit diesem zahmen Worte benannte sie es merkwürdigerweise) brachte mich nun vollends aus der Fassung. Ein Satz am Anfang ihres Briefes war es, der mich ganz tief erschreckte. Da hieß es: „Dein Schreiben, für das ich Dir danke, hat mich sehr gelangweilt. Es ist immer nur der alte Trödel.“ – Was für ein Ton! Es war die erste Grobheit in unserem Briefwechsel, der bisher nie verwildert, nie ausgeartet war – bei aller Erregung nie. Und nun – „gelangweilt!“ – Das hieß doch offenbar, daß der andere schon von ihrem Herzen Besitz ergriffen hatte. Liebe konnte so nicht sprechen! Es war gewiß nicht bloße Empfindlichkeit von mir, daß ich dies sofort ganz scharf spürte. Mochte sie es wissen oder nicht, sie war mir verloren. – Alle Selbstbeherrschung schwand. Berufsarbeit war lächerlich unwichtig. Ich mußte sie sehen! Retten, was zu retten ist. Mit dem nächsten Zug nach Augsburg. – An diesem Tage ging keiner mehr. – Es blieb nichts übrig, als den Morgen abzuwarten.
In schlafloser Nacht (schlaflos wie schon eine ganze Reihe von Nächten vorher, nur noch bohrender, noch fieberhafter als die anderen) gab es eine einzige Hilfe für mich, ein einziges Mittel, nicht irrsinnig zu werden. Ich mußte mir vorstellen, daß zwischen uns beiden wirklich Schluß war. Auf alle günstigen Umstände, die Zweifel an diesem düsteren Ende wecken konnten, auf die Liebesbeteuerungen (selbst noch in ihrem letzten Briefe) durfte ich vorläufig, für diese Nacht, keine Rücksicht nehmen, absichtlich mußte ich sie zu vergessen suchen. Nur kein Schwanken! Nur nicht jetzt das unermeßliche heilige Glück sehen, die große offene Fläche, gut zu leben – und im nächsten Augenblick hinuntergeschleudert, für immer aus dem Licht verdrängt sein. Gerade diese Zweifel zwischen Ja und Nein peinigten mich ja am meisten. – Zu Ende, zu Ende! Mit diesem tödlichen Schmerz des Abschieds in der Brust fand ich noch am allerehesten einen Zustand, der zwar nicht Ruhe genannt werden kann, der aber doch noch innerhalb des Faßbaren und Möglichen lag. Jorinde geht mich nichts mehr an. Weg, alle Gedanken an sie weg! Sie ist nicht, ist nie gewesen. – Da schrak ich zusammen. Das wäre doch noch gräßlicher als alles. Daß sie nicht lebt, daß das Ganze eine bloße Einbildung von mir gewesen ist – nein, lieber leiden, lieber verzichten und ganz weggehen, als ihre Existenz aufgehoben sehen. Aus diesem tiefsten „Nein“ zum bloßen Abschied, aus dunkelstem Schwarz in gemäßigtes Grau mich erhebend – so dämmerte ich dem Morgen entgegen.