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Leben mit einer Göttin

Chapter 12: 11
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About This Book

A detained first-person narrator addresses his defender and confesses to killing a man who had been almost unknown even to his wife, then proceeds to narrate the events and motives that led to the deed. He interweaves factual detail with introspective reflection on obsession, desire, and guilt, exploring how an idealized female figure and strained family relations destabilize his life. The account mixes confession, philosophical rumination, and social observation as the narrator alternately seeks exculpatory facts and accepts culpability, ultimately presenting a candid psychological portrait of remorse and isolation.

 

Wie habe ich nur die zehn Stunden Eisenbahnfahrt zwischen Berlin und Augsburg überleben können!

Jemand sprach mit mir, und ich antwortete. Ein freundlicher alter Herr mit weiß umrandeter Glatze, den ich (ich wußte nur nicht, woher) ziemlich gut kannte. Seine Freude über die Fortschritte der Elektrifizierung in Deutschland konnte ich freilich nicht so recht teilen; dennoch war ich froh, daß ich mir nicht ganz allein überlassen blieb. Ich bat öfters um Entschuldigung für meine Zerstreutheit. Ich erwartete eine Frage. Es war mir unmöglich, nicht davon zu reden – und schließlich deutete ich an, daß ich sehr traurig sei und einer furchtbaren Entscheidung entgegenfahre. „Es wird schon gut ausfallen“, tröstete mich der Alte. Wie mir schien, mit echtem Mitleid. Ich war geneigt, seine Worte als Orakel zu nehmen. Es konnte ja vielleicht wirklich noch alles ins Rechte gebracht werden. Ich gestattete mir probeweise diesen Gedanken, kurz nur spielte ich mit ihm, – immerhin ertrug ich bei Tag die Unsicherheit eher als in der Nacht. „Glauben Sie das im Ernst?“ fragte ich aufatmend. Er lächelte: „Warum nicht?“ Dann sprach er wieder von der neuen Schnellbahn zwischen Leipzig und Halle.

Stundenlang hielt ich mich aufrecht. Der Mann half mir, indem er mich zwang, meine Gedanken doch einigermaßen ihm zuzuwenden. – Nur einmal noch konnte ich mich nicht enthalten, von mir zu reden. Der Zug hielt in R. Diesen Ort hatten wir so oft zum Zielpunkt unserer Ausflüge von Augsburg aus gemacht. Erregt verließ ich das Abteil, stand im Gang draußen und betrachtete, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, sehnsüchtig den Platz vor dem Bahnhof, der für einen Moment sichtbar wurde. Als ich wieder eintrat, sagte ich: „Hier in R. war ich einmal sehr glücklich.“ – „Erinnerungen?“ fragte mein Freund. – „Schöne Erinnerungen, die machen mich jetzt traurig.“ – „Ach, gehen Sie, es gibt doch nichts Besseres als solche Erinnerungen.“ Da verstummte ich, – hörte ihm aber auch nicht mehr zu.

Ich hatte Jorinde telegraphisch gebeten, sie möge mich „genau halb fünf“ im Café Königshof erwarten.

Im Grunde zweifelte ich nicht daran, daß sie nicht da sein würde. Da alles vorbei war ...

Nun mußte die Entscheidung fallen. Nur noch Minuten! – Aber die wenigen Minuten von der Bahn bis zum Café erschienen mir länger als die ganze Reise. Es war, als kämen die Pferde überhaupt nicht vorwärts. Atemlos saß ich im Wagen, atemlos wie im schnellsten Lauf. Regen schlug an die klappernden Glasscheiben. Unter diesem Regen war die Luft wie zusammengepreßt, so schwer, kaum in die Lunge einzuziehen.

Der Wagen hielt vor dem Café.

Ich trat ein, durchlief den Raum mit einem Blick, – ging dann prüfend von Tisch zu Tisch, denn das Café war dicht besetzt, es konnte also eine einzelne Person in der Menge sehr leicht dem Auge entgehen. – Nein, lauter fremde Menschen – sie war nicht da, wiewohl die Uhr schon einige Minuten über halb fünf zeigte.

Sie war nicht da. –

„Ich hatte es ja nicht anders erwartet.“ Mehrmals sagte ich mir das vor. – Zugleich fühlte ich, daß ich nur deshalb das Ungünstige so bestimmt erwartet hatte, um mich dann vom Günstigen überraschen zu lassen. Es geschieht ja immer das Unerwartete. Ein kluger Mann richtet seine Erwartungen demgemäß ein ...

Nur jetzt nicht wahnsinnig werden! Jetzt nicht den Kopf verlieren!

Die ganze zehnstündige Fahrt, die hinter mir lag, pulsierte mir fieberisch wüst in allen Gliedern, rüttelte an meinem Hirn.

Sie hätte eigentlich doch kommen können, – dachte ich. Wenn auch nur zum Abschied – sie hätte kommen können. So grausam brauchte sie nicht zu sein. Mich nach langer Fahrt hier einfach stehen zu lassen! – Tränen waren mir nahe. Nein, sie hätte wirklich kommen müssen. Unbedingt. Eine einfache Höflichkeitspflicht. In aller Ruhe: Adieu und ein freundliches, friedliches Abschiedswort. Das war doch das mindeste, was ich nach all der großen Liebe verlangen durfte. Ein Auseinandergehen ohne Gruß – das war hart, geradezu überraschend hart, das hatte ich eigentlich doch in meinen ärgsten Vorstellungen nicht erwartet ...

Es fiel mir ein, daß Jorinde vielleicht „Restaurant“ statt „Café“ gelesen haben konnte. Dicht neben dem Café, nur durch einen verglasten Korridor getrennt, lag ein Weinrestaurant. Ich ging hinüber. – Das Restaurant, schneeweiß gedeckt, war ganz kühl und leer.

Wie ich aber, vom Restaurant her zurückkehrend, den Korridor betrat, sah ich Jorinde die Stiegen heraufkommen, den Regenschirm schließen und eilig ins Café eintreten.

Jorinde! –

Ich rief sie. Ein heiserer, dumpfer Laut nur, – aber sie hatte mich gehört – oder sah mich. Sie blieb stehen. Ich durchschritt den Korridor, glaubte zu fallen, – fiel aber nicht, stand ganz fest und reichte ihr die Hand.

„Wie geht’s?“ sagte sie frisch. Ganz so, wie sie es immer zu sagen pflegte.

Ich nickte nur. Dann sagte ich wohl etwas, daß es im Café zu voll sei – daß ich seit gestern mittag keinen Bissen gegessen hätte –, wir könnten daher lieber ins Restaurant gehen.

Mit jener leichten Bereitwilligkeit, die ich so sehr an ihr liebte, von der ich mir aber aus ihren Briefen nie einen Begriff machen konnte, so daß ich beim jedesmaligen Zusammentreffen aufs neue überrascht war, sie so durchaus nicht widerspenstig zu finden, – ganz gutwillig also schlug Jorinde sofort den Weg nach rechts ein, durch den Korridor. – Wie bezaubert sah ich sie an. Sie war sehr blaß, schmaler als sonst, offenbar überarbeitet. Ein rosa Strohhut vermehrte noch mit seinen Reflexen den fahlen Glanz ihrer Wangen. Wie müde – – und wie schön!

Auch sie musterte mich: „Du siehst furchtbar schlecht aus.“

Ich zuckte die Achseln.

Plötzlich sah sie sich um, schüchtern, – der Korridor war leer, – da hatte sie sich zu mir gebeugt, und ich fühlte ihren weichen Kuß auf meinem Mund. Nicht ganz kurz, aber auch nicht leidenschaftlich, nicht lüstern gehaucht, – eine volle Berührung der Lippen mit ehrlicher Kraft. Es war der selbstverständliche Kuß zweier Ehegatten, ohne jeden Hintergedanken. Süßeres habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehabt als diesen unerwarteten Kuß. Nicht als ob sie mich besonders beglücken oder erlösen wollte, hatte sie mich geküßt. Nein, ein Kuß wie immer, – ein Kuß, weil Küssen zur Begrüßung unter uns üblich und weil eben alles beim alten war. Nach diesen allerqualvollsten verworrenen Stunden der Nacht und Bahnfahrt – nichts konnte so wohl tun wie dieser einfache klare wiesenblumenhafte Kuß.