Man hört oft die Redensart: Othello, das Drama der Eifersucht. – Die so reden, haben nie erlebt, was Eifersucht ist.
Othello ist das Drama einer plumpen Täuschung. Eifersucht spielt wohl eine Rolle dabei, – doch ist Othello weit entfernt davon, den Urtyp des Eifersüchtigen darzustellen. Beweis: daß er sich zum Schluß widerlegen läßt, seine Eifersucht für durchaus unbegründet, Desdemona für vollendet treu hält. Wer so fühlen kann, ist auch vorher nie wirklich eifersüchtig gewesen. Das Wesen der Eifersucht liegt ja eben darin, daß sie unter allen Umständen unvergänglich und unwiderlegbar ist, daß sie sich vollständig außerhalb des Gebiets von Beweis und Nichtbeweis hält. So wie es ein Vertrauen gibt, das eines Beweises nicht bedarf, so wie wahrer Glauben den Versuch eines Beweises gar nicht erträgt, – so gibt es auch ein Mißtrauen ohne Beweis, das ist die Eifersucht. Wahre Eifersucht hat daher etwas vom Rang des Religiösen an sich, freilich nicht auf der Lichtseite, sondern auf der dunklen Hemisphäre des Daseins. Denn nicht das ist Eifersucht, daß man eine Frau für treulos hält, ohne genügende Beweise, auf bloßen Verdacht hin; – nein, weiter noch, der Eifersüchtige fühlt und weiß, daß es überhaupt niemals, durch kein Mittel auszumachen ist, ob die Frau treu ist oder nicht, daß es nichts in ihrem Benehmen gibt, was nicht nach beiden Richtungen hin, als Argument für Treue wie für Untreue, gedeutet werden könnte, daß auch die Frau, selbst wenn sie helfen wollte, bei der Deutung ihrer eigenen Seele ebensowenig weiß wie der, der sich um sie abhärmt, und daß daher jeder Deutungsversuch ganz zwecklos, das Eifersuchtsgefühl dagegen das einzig Sichere, das Absolute ist. – Vielleicht ist dies allerdings schon eine solche Definition der Eifersucht, wie sie nur ein Eifersüchtiger geben kann. Gut, ich stecke eben in meiner Welt, – das leugne ich ja nicht.
Das wundervolle Zusammensein mit Jorinde hatte nichts genützt. Gar nichts.
Daß sie sofort und mit Freude mein war wie nur je, – daß also diese schöne Frau mir angehörte, so oft es möglich war, – hätte mir das nicht genügen können? – War es nicht phantastisch, die ausschließliche Herrschaft über ihre Gedanken zu beanspruchen. Wann hast du an mich gedacht? Wie oft? Oh, so kindisch, danach zu fragen, – und dabei nie kontrollierbar – und dennoch, sobald ich nur wieder in Berlin war, meine Sorge Tag und Nacht.
Eine Entscheidung hatten die schönen zwei Tage in R. nicht gebracht. – Wohl sah ich Jorindes schlanken Leib in hundert lockenden Bildern vor mir, roch förmlich das rotbraune alte Hotelzimmer mit seinem schwachen Seifen- und Haarwasserparfüm, mit seiner frischgebügelten Bettwäsche, dem Metall der kleinen elektrischen Lampe auf dem Nachttisch, – erlebte nochmals Jorinde in der Pracht ihrer Hingabe, nochmals ihr Streicheln über mein Haar, ihre Anschmiegungen, süßer als die irgendeiner anderen Frau der Welt – sah mich am Morgen ihren goldenen Armreifen auf der Marmorplatte vor dem Spiegel tanzen lassen, hörte ihre lieben Scheltworte (sie war so ordentlich und sparsam, fand das kostbare Stück ein wenig zerkratzt), – das alles beruhigte nicht, belebte nur meinen sehnsüchtigen Schmerz.
Während ich mich mit Entzücken der geringsten Erinnerung hingab, dem Surren und Glitzern, Tanzen und Niederfallen dieses Goldrings auf den Marmor, – ging sie wahrscheinlich mit dem Mechaniker spazieren. Denn es war stillschweigende Übereinkunft geblieben, daß sie den Verkehr fortsetzen würde.
Vielleicht legten sie beim Gehen Hand in Hand? Und wenn sie einander nur mit dieser gewissen sehnsüchtigen Beharrlichkeit Aug’ in Aug’ schauen! – Es ist doch unmöglich für einen jungen Mann, an Sommerabenden, neben einem schönen Mädchen, – – ich zitterte vor Wut, wenn mir diese Szenerie erschien. Doch ich war wehrlos. Sie drängte sich auf.
Nun war also Jorinde wieder abgetrennt von mir, den unbekannten Einwirkungen einer fremden Welt überlassen. Das „Du“ fiel mir ein, das sie zuerst zugegeben, dann abgeleugnet hatte. Der Ausruf „Günther“. – Um wieviel beweiskräftiger jetzt all dies als in ihrer Gegenwart. – Mir wurde klar (woran ich in Augsburg und R. gar nicht gedacht hatte), daß diese beiden Umstände einander unterstützten. Wen man duzt, den ruft man auch mit dem Vornamen. – Und weiter: das Interesse an seiner selbständigen Stellung. – Ich bedauerte, nicht genauer hingehört zu haben, als sie von diesen Dingen sprach.
Manchmal dachte ich ganz kalt: „Was hätte ich davon, wenn ich nun wirklich herausbrächte, daß sie ihn mehr liebt als mich, – oder daß er einen wesentlichen Teil ihrer Gedanken in Anspruch, also mir fortnimmt. Wie könnte ich mich denn trösten? Es gibt ja nichts! Ich habe mein Leben ganz und gar auf sie gestellt. Das war eine Zeitlang so süß – immer, immer sie vor Augen zu haben, nur ganz kurz bei den dringendsten Dingen des Bedarfs zu verweilen – und dann wieder zu ihr die Gedanken! Wie ist es jetzt? Der Gedanke an sie ist Qual. Will ich mich aber von ihm ablenken, so falle ich ins Leere, – es ist einfach rund um sie nichts da, keine Interessen, keine Welt, sie schwebt als einziger bewohnbarer Fleck mitten im leeren Raum. Also bin ich ja auf sie allein angewiesen. Wozu die Zweifel, ich muß ja doch bei ihr bleiben, mag sie sein, wie sie will. – Am Ende wäre es am besten, sie anzuleiten, wie sie mir am wenigsten Verdacht einflößte. Sie brauchte ja überhaupt nichts vom Mechaniker zu schreiben. – Ob ich mir nur einreden könnte, daß ich ihr glaube: das ist die Frage dabei.“
Ich fühlte, wie ich tiefer und tiefer mich entwürdigte. – Es gab verzweifelte Stimmungen, in denen ich mich nur noch daran klammerte, daß sie, zumindest für einige Zeit noch, meine Unterstützung brauchte. Das Geld, früher ein Grund zur Unruhe in der zarteren Auffassung unserer Liebe, wurde nun eine Art von Ruhepunkt: so sehr hatte ich meine Ansprüche, meine Auffassung von Ruhe und innerer Sicherheit hinuntergestimmt. Der absurde Gedanke, die Geliebte durch einen Detektiv beobachten zu lassen, kam mir nahe. Glücklicherweise ließ ich mich niemals dazu herbei, dieser Versuchung nachzugeben. Eine solche Veranstaltung hätte ja dem ganzen Sinn unserer Beziehung geradezu ins Gesicht geschlagen. – Hielt ich mich aber auch in dieser einen Hinsicht aufrecht, so fühlte ich doch, wie sich alles Edle meiner Seele in Zersetzung befand. In widerlicher Bescheidenheit überblickte ich manchmal die Trümmerreste meines Glückes und fand sie immer noch – beträchtlich genug. Das war schlimm. Das trieb mich zu einem Gefühl, das mir vordem ganz fremd gewesen war: Selbstverachtung.
Wie aber, wenn der Mechaniker reich wurde, – wozu er ja vermöge seiner Tüchtigkeit auf dem besten Wege schien? – Dann hätte sie mich ja nicht mehr gebraucht. – So gab es für jede Gemeinheit eine Gegengemeinheit, um deren allenfalls heilsame Wirkung auf mich aufzuheben.
Nein, ich sollte kein Behagen mehr haben. Entweder auf der allerobersten Stufe der Reinheit und des Glückes – oder gar nicht atmen können – jedes Mittelding, jedes Durchschlüpfen war ausgeschlossen.