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Leben mit einer Göttin

Chapter 15: 14
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About This Book

A detained first-person narrator addresses his defender and confesses to killing a man who had been almost unknown even to his wife, then proceeds to narrate the events and motives that led to the deed. He interweaves factual detail with introspective reflection on obsession, desire, and guilt, exploring how an idealized female figure and strained family relations destabilize his life. The account mixes confession, philosophical rumination, and social observation as the narrator alternately seeks exculpatory facts and accepts culpability, ultimately presenting a candid psychological portrait of remorse and isolation.

 

Wie oft versuchte ich den Kern meiner Unruhe zu fassen. Etwa so: Jorinde log nicht. Richtig. Aber ihre Stimmungen wechselten. Immer wahrhaftig, war sie doch immer eine andere! Wie in ihren Briefen, deren Herzlichkeit wiederum knapp nach den Tagen in R. mich beglückt und – verwöhnt hatte, in der Folge aber dem bekannten kühleren Ton zu weichen begann. Unmöglich, diesen Prozeß, der nach jedesmaligem Zusammentreffen einsetzte, durch irgendein Kunstmittel aufzuhalten. – Manchmal glaubte ich klar zu sehen, daß ich sie ganz anders behandeln müßte, um sie mir dauernd zu sichern. Brutal, gleichgültig, selbst treulos! – Aber wäre mir auf diese Art nicht das beste meiner Liebe, die unendliche Zärtlichkeit und Verehrung, die ich für Jorinde empfand, verlorengegangen? Von allem abgesehen: meiner ganzen Natur nach war ich eben unfähig, anders zu lieben als auf diese gefahrvoll unverstellte, lautere, das ganze Herz ergreifende, auf meine Art.

Denn das ist doch das Schönste von allem: ganz aufgehen in Arbeit und Sorgfalt um die Geliebte, nicht bloß Leidenschaft für sie fühlen, sondern geradezu freundschaftliches Wohlwollen, – so daß man ihr guten Erfolg in allem wünscht, Ruhm, Zufriedenheit, Gesundheit, – so daß man fähig wird, jeden Schritt, den sie nach vorwärts macht, als Bereicherung des eigenen Seins, ja mit einer Dankbarkeit zu genießen, die über die Dankbarkeit für eigenes Glück weit hinausgeht. Erst diese wahrhaft menschliche Stufe der Liebe scheint mir wahre Liebe zu sein. Doch ist es nicht Menschlichkeit im gewöhnlichen Sinn, hat nichts mit Nächstenliebe, mit banaler, wenn auch guter Anteilnahme an unserem Nebenmenschen zu tun – es ist ja eine Göttin, an der man Anteil nimmt, nicht ein Mensch –, es ist ein frevelhaftes Emporsteigen in die heidnischen Berge Thessaliens, von denen man schnell wieder hinabgeschleudert werden kann, wie Tantalus in den Hades hinab, – o wie deutlich mischt sich das Feuer der Vermessenheit in die kühle Tugend, die Sünde der Fremdheit noch in die vertrauliche Hilfsbereitschaft. Wenn mich nun aber Jorinde beleidigte oder in ängstliche Spannung versetzte, mußte ich mich in Verteidigungszustand gegen sie setzen – und das war das Schreckliche: Da wo es mich drängte, mein Herz in süßestem Wohlwollen zu verströmen, wie Tantalus an seine göttlichen Freunde, und wo ich auch die Fähigkeit in mir fühlte, dies rückhaltlos zu tun, da mußte ich mich wehren, Böses ersinnen, vergiftenden Trotz.

Ein Glück, daß mir bei all dem immer noch klar blieb, daß die Schuld an diesem Verfall nicht auf Jorindes Seite, sondern ausschließlich, ausschließlich auf meiner Seite war. Jorinde war richtig, so wie sie war. Wäre nun auch ich richtig, wäre ich stärker, kälter, vertrauensvoller gewesen, so hätte ich den Anforderungen standgehalten, die das Leben mit einer Göttin, – oder vielleicht das Leben schlechthin stellt ...

Doch ich wurde ja zusehends schwächer. Die schlaflosen Nächte ließen einen einseitigen Schmerz in meinem ganzen Körper zurück. Auf der rechten Seite schmerzte der Kopf, das Rückgrat, die Hüfte, sogar der Schenkel. – Jorinde foltert mich! Geradezu körperlich tut sie mir weh! Es ist nicht nur die seelische Spannung, die ich nicht länger ertrage, – auch dieses Aufpeitschen fieberhafter Blutströmungen halte ich nicht mehr aus!

Als ein besonderes Mißgeschick erschien es mir, daß um diese Zeit die Photographie der unbekannten Dame, die mich immer so tröstend an Jorinde erinnert hatte, aus der Bahnhofshalle am Nollendorfplatz verschwand. Aller Trost wurde aus meinem Leben entfernt ...

Ich gab den Kampf nicht auf. Ich suchte Trost in der Religion, befaßte mich mit verschiedenen Philosophien, – doch was ich auch hörte und las, es bekräftigte mich in meiner Grundüberzeugung: Frieden ist nur im Schoß der Geliebten.

Dieser Frieden ist mir unwiederbringlich verlorengegangen, und so sterbe ich gern.

Auch die Bücher der Dichter durchstöberte ich auf der Suche nach einem beruhigenden Wort. Aber die modernen wissen nichts von der Liebe, – von verzehrender, unterjochender Liebe, wie ich sie meine, – und bei den älteren, die wohl das Wesentliche davon empfunden haben (so scheint es), stieß mich die fremdartige Umgebung ab. Nur ein einziges Mal empfing ich aus einem Kunstwerk unmittelbar das, wonach ich dürstete. An einem schönen Frühlingssonntag spielte man in einem Vormittagskonzert Beethovens letztes, schönstes Quartett, das Quartett des Abschieds. Ich kannte es längst und sehr genau, hatte es selbst wiederholt gespielt, – aber jetzt erst, in meiner ärgsten Zerrüttung, verstand ich es. Welch ein tiefer Schmerz der Anfangstakte, – dann sofort ein die Brust weitendes Hauptthema, frei herausgesungen, – gleichsam der Idealzustand der heiteren Ruhe, der für immer dahin ist. Wie Phantasmagorie tauchen leichte punktierte Figuren auf, man glaubt Anklänge an die Pastoralsymphonie gleicher Tonart zu erkennen. Oh, da war Glück, da war Verbundenheit in Gott, Frieden, Größe, Andacht. Traut aber irgendwer dem aufsteigenden Motiv, das jetzt (beim ersten Forte) Entschlossenheit, Energie vorspiegelt? Nein, nein, – bald setzen die schwermütigen Anfangstakte ein, durch harmloses Geplänkel hindurch dringen sie immer mehr an die Oberfläche, beherrschen die Durchführung, – und der arglose Schluß dieses Satzes hebt sich von drohend schwarzem Gewitterhimmel ab. Donner und Blitz, Feuerwerk aller Rhythmen, Orgie und Satire ist denn auch im Scherzosatz entfesselt. Der Violinbogen springt, die Bässe poltern monoton. Ein rasender Schrei nach Vergessen, nach Wollust, nach Betäubung und Schmerz. – Bis dann in der unbegreiflichen Eingebung des Lento der „Abschied“ wirklich da ist, in all seiner Melancholie süß und zart, Keim des Wahnsinns, der sich bis ans Sternengewölbe entfaltet. Klagt nicht das herrliche Cis-Moll-Zwischenspiel wie ein Requiem? Das Grab ist geöffnet, schwarze Fahnen wallen, von Kerzen düster erhellt, – hinab, hinab in grenzenlose Tiefe alles, was mir lieb war, alles, woran meine Gedanken sich anklammerten, woraus sie Kraft und Erquickung sogen! Das liebliche Bild der Geliebten erscheint nochmals, von Sopranfiguren umspielt. Rückhaltslos, ja rückhaltslos wird hier das Herz dem Wahnsinn geöffnet. Die trügerische Reinheit der Dur-Harmonien baut Phantasiefreuden auf, man spürt die sehnsuchtsvolle, nie mehr stillbare Leere einer Seele, die mit letzter Ausschweifung an ihren Erinnerungen hängt. – Dann aber, welch eine Erlösung, beginnt Beethoven zu sprechen: „Der schwer gefaßte Entschluß.“ „Muß es sein? – Es muß sein! Es muß sein!“ Furchtbare Frage zuerst, dringender und immer dringender gestellt. Dann setzt mutig und frisch die Antwort ein. Weg mit allen kranken Gefühlen, – leben, leben, da dies nun doch einmal unser Teil ist! Wie nun mit einemmal der Bann gebrochen ist, ein quellender Strom neuer Themen einsetzt, – zart ansteigend bis zu dem in sich gefaßten, schrittweisen, wundervoll männlichen Marschthema in A-Dur. „Es muß sein, es muß sein!“ bekräftigt immer wieder eine oder die andere Stimme dazu, treibt den rüstigen Wanderer vorwärts in eine neue Landschaft. Welch ein Aufbruch! Welch eine beneidenswerte Sicherheit wiedergefundenen Selbstbewußtseins! – Was ich aber am meisten bewundere, ist Beethovens Seelenerkenntnis: sich losreißen von der Geliebten – das erscheint anfangs ziemlich leicht und einfach. So folgt auf die pathetische, doch einfach harmonisierte Frage „Muß es sein?“ recht schnell die nicht einmal sehr aufgeregte Antwort des Allegro „Es muß sein“. Gewissermaßen so: „Adieu, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein. Es war ja sehr nett, was wir miteinander erlebt haben. Aber so, wie sich die Sache jetzt gestaltet hat, geht sie ja offenbar nicht weiter. Das sehen Sie doch wohl selbst ein. Wir quälen einander nur gegenseitig. Also ist es das beste, wenn wir einander frischweg die Hände zum Abschied reichen. Nichts für ungut, vielleicht auch mal auf Wiedersehen. Adieu.“ – So etwa klingt mir der Anfang des Schlußsatzes. Aber nach der Reprise verdüstert sich das Bild sehr schnell. Das Marschthema bekommt schon einen leise sentimentalen Einschlag; sinkt dann in tiefere Lagen, sequenzartig, Moll, von tiefen Trillern untermalt, unheimlich. – Und nun die erschütterndste Episode: die Frage „Muß es sein?“ taucht nochmals auf, jetzt aber gewaltiger, im Glanz eines furchtbaren Tremolo aller Oberstimmen. Und die Antwort: „Es muß sein!“ klingt nun nicht mehr kurz und schnell, – ach, sie hat vielmehr das Tempo der Frage („Grave“) angenommen, nur leise, vorsichtig, ohne Impetus. Klage, nichts als tränenreiche, widerstandslose Klage ist die Antwort geworden. Sie muß sich auf den Baß der Frage stützen, sonst bräche sie in sich zusammen. – O Schauer, Schauer der Wahrheit! Beethoven, wie konntest du wissen, daß es so und nicht anders ist: zunächst so leicht der Entschluß, dieser Liebe ein Ende zu machen, und erst nach einiger Zeit in seinem ganzen gräßlichen Ernst, in seiner unwiderruflichen Schmerzhaftigkeit erkannt! Erst leicht, dann schwer ist der Abschiedsentschluß, – so lehrt wirkliches Erlebnis, indes schablonenhafte Stümperpsychologie das Umgekehrte voraussetzen würde. Solcherart sind die Einblicke, die das Werk des Genius von dem bloßer Talente scheiden. – Und nun zu Ende: nochmals Zusammenraffen aller guten Kräfte, um den Wahnsinnskeim zu überwinden. Sieg! Sieg! Ein Sieg in Zartheit, in stiller Einkehr. Sanft ertönt es jetzt, fragend und antwortend zugleich, in süßer, schon unirdischer Schwebe: „Es muß sein.“ Und dann pizzicato, leicht und fein trippelt der Meister aus der Welt davon, entfernt sich still aus dem Leben, ohne viel Aufhebens zu machen. Diese letzten Takte sind wohl das Zauberhafteste, was Beethoven geschrieben hat. Ein Lächeln erfüllt sie, ein sacht verspieltes, fast kindliches Lächeln, etwas spieldosenhaft Liebliches, – die Spieluhr einer anderen Welt erklingt. Ohne Leidenschaft und Leid – rein und leicht ist das Himmelreich. – Und das Herz sagt „Amen“ und sagt wohl noch: „Möge auch mir solch seliges Ende beschieden sein!“