Ich war natürlich im Augenblick entschlossen, nach Augsburg zu reisen, und zwar unverzüglich.
Es hätte des verräterischen Gleichklanges (Bobingen, Göggingen) nicht bedurft: ich wußte, noch ehe ich einen Blick auf die Landkarte geworfen hatte, daß diese beiden Orte nicht weit voneinander entfernt waren. – Was bedeutete nur die merkwürdige Nachschrift in Jorindes Brief? Sollte sie den Verdacht ablenken? – Sie konnte allerdings auch bedeutend harmloser aufgefaßt werden: Jorinde lud mich ja ein, sie in ihrem „Sommersitz“ zu besuchen. Also gab sie mir naturgemäß auch die nähere Anweisung, wie ich hinzukommen hätte. O diese teuflische doppelte Auslegung, die überall möglich war! Bedeutsam aber war das Wort „Sommersitz“ (wie es überhaupt in diesem Briefe nichts Bedeutungsloses gab). Wies „Sommersitz“ nicht auf dauernden Aufenthalt hin, – also würde Jorinde nach der Hollandreise wieder dahin, zu ihm zurückkehren? Daß sie an dieser unserer gemeinsamen Reise festhielt, sich auf sie freute, gab mir seltsamerweise keinen Trost. Alles wurde überwogen durch den Eindruck, daß sie ihren Sommerplan in einem wesentlichen Punkte dem Rate jenes Dritten angepaßt hatte, daß er schon Autorität genug besaß, sie zu raschem Entschluß zu veranlassen, – wie nahe aber sind Liebe und Autoritätsglauben bei einer Frau – und nun wohnte sie, ihm bequem erreichbar, mitten in jener bayrischen Landschaft, der sie beide entsprossen waren, wohnte ständig da, nicht zu kurzen Spaziergängen nur, und noch dazu bei seinen Verwandten! Das war es, was mich am meisten aufregte: Die vage Vorstellung von Familienvertrautheit mit jenem anderen, von dörflich anspruchslosem Leben, mir unzugänglich, von einem gemeinsamen Spiel, das ich nicht durchschauen konnte, von einer Verbundenheit, die mich ausschloß. Sie waren ja alle zusammen eine Familie gegen mich! – Und das sollte ich dulden, sollte abwarten bis zur Erledigung meiner „Geschäftssachen“, – von denen Jorinde so obenhin sprach, obwohl ich ihr von der gefährlichen Wendung, die der Prozeß gegen meine Brüder genommen, mehrmals ausführlich geschrieben hatte. – Nein, nein, sie irrte, – ich würde mich durch diese „Geschäftssachen“ nicht abhalten lassen, sofort zur Stelle zu sein, – ich hatte kein Interesse mehr an ihnen! Wozu sich in einer vorgeschobenen Position behaupten wollen, wenn der Mittelpunkt nicht mehr zu halten ist? So beauftragte ich sofort nach Empfang des Schicksalsbriefes meinen Rechtsanwalt, einen Vergleich zu schließen, – meine Brüder sollten alles nehmen, was sie wollten, mir nur einen finanziellen Anteil lassen; die geistige Leitung der Fabrik beanspruchte ich nicht mehr. Ich konnte sie ja auch nicht mehr leisten. Mußte am Ende noch froh sein, wenn ich Kompagnons bekam, die mir die Arbeit abnahmen, zu der ich mich mehr und mehr unfähig fühlte. – Der Zusammenbruch war da. Ein Plan schwebte mir vor, – in Augsburg oder sonst in Jorindes Nähe eine Wohnung für mich zu nehmen. Ich hielt es nicht länger aus, fern von ihr zu leben. Das war das einzige Klare an diesem Plan, – unbestimmte Hoffnungen schwirrten allerdings rings um ihn. Mit ihr zusammen von vorn anfangen, – vielleicht, wenn sie meine Frau war – wiewohl ich einsah, daß dies im Wesen nicht viel ändern konnte. Nun, jedenfalls ging es auf die Art wie bisher keinen Tag mehr weiter! Wie hatte ich es nur so lange ertragen können – keine Stunde, in der nicht völliger Umsturz drohte – ein Umstand, so gleichgültig wie die Tatsache, daß das Liter Milch in Bobingen um zwei Mark billiger war als in der Stadt, genügte, um mein Lebensglück, dem ich gern all mein Hab und Gut geopfert hätte, über Nacht zu vernichten, – auch hier allerdings jene verfluchte Doppeldeutigkeit, wenn ich den Brief genau las: es hieß dort, daß gute Milch in der Stadt „nie“ zu sehen war „oder nur für neun Mark“. Was bedeutete, um aller Heiligen willen, was bedeuteten hier die Worte „ober“ und „nur“? Es war nicht zu durchdringen, ebensowenig wie dieses ganze dumpfe Geheimnis zwischen Jorinde und mir. Verzaubert war ich, verzaubert die Frau, wie in jenem schauerlichen Märchen meiner Kindertage. Unmöglich, einander festzuhalten. Das ging über Menschenkraft hinaus! Und doch hatte ich auf dieser Welt nichts, nichts anderes mehr zu schaffen, als Jorinde für immer und in tiefster Einigkeit bei mir festzuhalten. –
Das Vorwärtsrütteln der Eisenbahn war doch noch eine Art Beruhigung für die tobenden Nerven.
Ich hatte wieder telegraphiert. Aber Jorinde war diesmal weder im Kaffeehaus noch im Restaurant. – Die Gespenstererscheinung unserer vorigen Begegnung huschte durch den bläulichen Glaskorridor, saß schattenhaft am weißgedeckten Tisch im leeren Speisesaal. – Es war natürlich diesmal damit zu rechnen gewesen, daß Jorinde gerade am Tage meiner Reise in Bobingen draußen sein und mein Telegramm nicht erhalten würde. Ich hatte es vorhergesehen. – Dennoch: was hätte ich nicht darum gegeben, von ihr auch diesmal wieder mit solch einem sanften ehelichen Kuß empfangen zu werden, der eigentlich jede weitere Auseinandersetzung überflüssig macht oder wenigstens von Anfang an in gute Bahnen lenkt ...
Was nun? – Ich irrte die Maximilianstraße hinunter, bestellte Kaffee in der prunkvollen Halle des Fuggerhauses, das jetzt das „Hotel Drei Mohren“ ist. – Die Enttäuschung hatte unerwartete Gegenkräfte in mir ausgelöst. Ich wußte plötzlich, wußte bestimmt, daß Jorinde mich liebte. Wenn solche Liebe vergehen kann, dann kann ja alles vergehen. Es war unmöglich ... Auch aus ihrem letzten Brief las ich nun einen zärtlichen Ton heraus, der mir im ersten Schreck ganz entgangen war. Die Anrede gleich „Mein guter, lieber Mann“. Unzähligemal wiederholte ich mir die vier Worte.
Sollte ich nach Bobingen hinausfahren, sie überraschen! – Der Gedanke, daß ich sie mit dem Mechaniker dort antreffen würde, war mir schrecklich. Die Situation mochte noch so unverfänglich sein; nur ihn sehen, diesen Eindringling, – das schon schien mir in seiner brutalen Tatsächlichkeit meine Kräfte zu übersteigen.
Doch vielleicht war sie gar nicht draußen? War in der Stadt – und nur ein Zufall hatte sie abgehalten, rechtzeitig zu mir zu kommen? – Eine neue Hoffnung. Ich erbebte vor Glück bei dem Einfall, daß ich sie vielleicht in ihrer Wohnung finden würde. Wiewohl es doch ersichtlich nichts Böses sein mußte, wenn sie in ihr Landheim hinausgefahren war: ich flehte Gott um die Gnade an, daß es nicht geschehen sein möge, – sonst ja, aber heute, gerade heute, möge es nicht geschehen sein!
Rasch ins Auto. – Als müßte sich alles so wiederholen, wie es damals, bei unserem letzten glücklichen Zusammentreffen gewesen war, ließ ich den Wagen an der Ecke der Frohsinnstraße halten. Oh, solche Wiederholungen haben etwas entsetzlich Leichenhaftes an sich und nützen gar nichts. – Ich ging die Gabelsbergerstraße hinein, – denselben Weg, den sie damals gegangen war, um den Koffer zu packen – an der Ecke noch hatte sie sich umgewandt und mir zugelächelt! Dann stand ich vor dem Haus, in dem sie seit geraumer Zeit wohnte. Ich sah es zum erstenmal; denn so nahe heran hatte ich sie nie begleiten dürfen. Hier also lebte sie. Wie seltsam! Dies der Erdenfleck, zu dem alle meine Briefe, all meine unendliche Sehnsucht und Bangigkeit hingeflogen waren. – Da mischte sich der wütende Gedanke ein, daß vielleicht, nein sicherlich, auch die Sehnsucht eines anderen denselben Weg, dasselbe Ziel hatte. – Wie unrein war doch alles, ach, ohne meine Schuld, – nichts in der Welt konnte sich rein erhalten!
Im dritten Stock öffnete ein graubärtiger, sehr großer und dürrer Mann die Tür, an der ich geläutet hatte. Nein, das Fräulein sei seit heute morgen nicht zu Hause gewesen. Sonst wisse er nichts, gar nichts ... Er höre auch schlecht, er bitte, lauter mit ihm zu reden ...
So blieb also doch nichts übrig, als nach Bobingen hinauszufahren.
Ohne viel zu überlegen, nahm ich den nächsten Zug. Möglicherweise verfehlte ich sie nun erst recht. Sie konnte in jedem der Züge sitzen, die jetzt gegen Abend von Bobingen in der Richtung Augsburg zurückfuhren. – Doch gab es keine Wahl mehr für mich. Das sinnlose Starren in die vorbeirasenden Gegenzüge gab ich bald auf. – So wie es kommen muß, kommt es jetzt, dachte ich. Ist sie nicht draußen, so fahre ich sofort wieder zurück. Ein tolles Ringelspiel. Nun, jedenfalls sehe ich sie heute noch vor Nacht, das ist die Hauptsache. Allerdings bringe ich sie draußen in Verlegenheit, in dem Nest. Schon ein Zusammentreffen in Augsburg fand sie unschicklich, hatte Angst um ihren Ruf. Und nun erscheint plötzlich ein Berliner Herr in dem Dorfe, besucht die Schauspielerin ... Dazu macht sich doch jeder seinen Text ... Jorinde wird sehr böse sein, ihre Einladung war vielleicht nicht ernst gemeint oder hatte gewisse Vorsichtsmaßregeln zur Voraussetzung ... Es wäre wohl das beste, mich diesmal gar nicht als ihr Bekannter einzuführen. Ich kann ihr ja ein Zeichen geben, daß ich gleichsam inkognito da bin, – ein Fremder.