Und warum bin ich gekommen? Nun, es wäre doch lächerlich, in Augsburg zu bleiben, wenn ich schon einmal die weite Fahrt gemacht habe, und sie nichts davon wissen zu lassen. Ich komme nur, um sie zu benachrichtigen. Draußen müssen wir gar nichts miteinander reden, sehen einander nur im Einverständnis an, – dann fahren wir in demselben Zug, aber scheinbar ohne Kenntnisnahme voneinander, nach Augsburg zurück. Von dort vielleicht sofort weiter nach R. Vielleicht genügt auch ein kurzes Gespräch in Augsburg. Ich will diesmal wirklich ganz bescheiden sein. In drei, vier Sätzen muß sich alles sagen lassen. – Wenn ich aber von Augsburg zurückreiste, wenn wir einander diesmal (es wäre das erstemal) verfehlten: dann würde doch auch Jorinde dies übelnehmen, sich über mich ärgern. Sie freut sich ja, wenn ich komme. Immer hat sie sich so ehrlich damit gefreut. Und nun hätte ich am Ende sie in Bobingen lassen und nach Berlin zurückkehren sollen, ohne sie zu sehen? Undenkbar! Jorinde wäre untröstlich, wenn sie das erführe ... Bleibt nur der eine Ausweg: mich möglichst unauffällig in ihre Nähe schleichen, mich bemerkbar machen – und sie dann gleich nach Augsburg oder sonstwohin mitnehmen.
So belog ich mich auf ganz raffinierte Art. Oder war es Wahrheit? – Jedenfalls hatte ich mich in eine ganz sonderbare Situation gebracht, in der ich nun gezwungen war, eine Art ungewollter Spionage zu treiben. Der Detektiv, den ich früher als tief unter der Würde unserer Liebe stehend abgelehnt hatte, dieser Detektiv war nun – ich selbst.
Bobingen. – Ich stieg aus. Vorsichtig verließ ich den Bahnhof.
Ich brauchte nicht weit zu gehen.
Die alleeumsäumte Straße, die zum Bahnhof führte, kamen zwei Menschen in langsamem Schritt einher. Ich erkannte von weitester Ferne Jorinde in weißem Kleid – und ihn, den Mann. – Zitternd trat ich hinter einen Baum, ließ die beiden näher kommen. Sie gingen nicht im Schlußarm, sondern ungefähr einen Schritt voneinander entfernt. Ich konnte nicht unterscheiden, ob sie miteinander sprachen oder nicht. Während sie an mir vorübergingen, schwiegen sie.
Gewohnt, mit dem ersten Blick Jorindes Aussehen zu prüfen, fand ich, daß sie leicht abgebrannt war, – die blonden schlanken Augenbrauen flammten im gebräunten Gesicht. Sie sah gut aus, – auch in der Gestalt etwas voller als sonst, – die sehnsuchterweckende Kindlichkeit ihrer Arme, ihrer Hüften, ihres Schrittes war geblieben; nur gesünder und weniger zerbrechlich strahlte all diese Anmut, die einstens mein gewesen war ... Warum hatte sie nur das mit dem „Knochengerüste“ geschrieben? Es peinigte mich, weil in diesem Augenblick alles darauf ankam, ob man Jorindes Worten unbedingtes, wörtliches Vertrauen schenken könne oder nicht.
Den Mann hatte ich noch gar nicht recht angesehen, da waren die beiden schon im Bahnhofsgebäude verschwunden.
Meilenweit weg wünschte ich mich. – Überall in der Welt war es schön, nur hier nicht.
Hinter den Nadelwäldern sank die Sonne eines reinen Sommerabends. Die Landschaft schien aufzuatmen, sobald die beiden in den Bahnhof traten. – Ich aber mußte ihnen nach. Von der betäubenden Tatsache, daß ich nun wirklich wie in meinen schlimmsten Träumen meine Frau mit einem fremden Mann gesehen hatte, von diesem wahnwitzig schmerzenden Druck befreite mich weder das leise Blasen der Landluft noch der weite Ausblick in die grünen Hügel ringsum. – Zwar hatte ich nichts Böses gesehen. Und doch: ich hatte gesehen, wie es sich ausnahm, wenn meine Frau nicht an mich dachte. Das war grauenvoll. Und so leicht, so natürlich nahm es sich aus wie alles, was sie tat! Nun hatte ich also gleichsam die mir abgewendete Seite ihrer Seele gesehen. Es war mir, als stürze ich in einen Sumpf, dessen schmutzige Wellen mir über das vor Scham erglühende Gesicht schlugen ...
Und doch mußte ich hinter den beiden her. Es war ein Verhängnis, begründet in der Logik der Situation. – Denn nun würde entweder der Mechaniker heimfahren, der Jorinde besucht hatte, und nachher könnte ich dann hier im Ort mit Jorinde sprechen (wovon nur? ich wußte eigentlich gar nicht, wovon), oder Jorinde fuhr weg, und der Mechaniker blieb bei seinen Verwandten. Dann mußte ich doch in denselben Zug springen, um gleichzeitig mit Jorinde nach Augsburg zu kommen und möglichst bald mit ihr zu reden, möglichst bald, – denn die Spannung in mir war nicht mehr lange ertragbar. Jedenfalls also hatte ich den Abschied der beiden zu beobachten, um mein weiteres Verhalten danach einzurichten. – Das aber war es, was mich eigentlich anzog, wenn ich nachträglich ganz ehrlich gegen mich sein will: es reizte mich, ihren Abschied zu beobachten. Beim Abschied mußte sich doch zeigen, in welchem Verhältnis sie zueinander standen, ob sie einander bloß die Hand drückten, kurz – oder lang, sehr lang – oder ob sie einander gar küßten ... Nun stand die Entscheidung über mein Leben unmittelbar bevor. Ausflüchte, verschiedenfache Deutung würde es dann nicht mehr geben. O wie fürchtete ich mich vor der Entscheidung, und wie wünschte ich sie herbei ...
Ich löste, nach allen Seiten spähend, eine Fahrkarte, lugte durch die Tür in den geringeren Warteraum, vergewisserte mich, daß sie nicht dasaßen, – und hatte schon die dunkle Ecke dieses Zimmers entdeckt, von der aus ich am halb offenen roten Vorhang des Büfetts vorbei in den Wartesaal zweiter Klasse blicken konnte. Dort hatten die beiden an der dem Vorhang gegenüberliegenden Wand Platz genommen, unter einem goldgerahmten Spiegel, ziemlich weit weg von mir. – Obwohl sie in der Nähe des Fensters, im Licht saßen, sah ich sie infolge der Entfernung durch die rauchige Stubenluft hin nicht deutlich. Noch weniger allerdings konnten sie mich in meinem finsteren Winkel erkennen; hätten mich selbst dann nicht erkannt, wenn sie geahnt hätten, daß ich in der Nähe war. – Sie benahmen sich völlig unbefangen, sehr ruhig. Saßen nicht nahe beieinander, sondern durch die Tischecke getrennt. Nun bemerkte ich, daß sie sprachen. Doch offenbar war es kein aufregendes Gespräch, denn sie tranken in regelmäßigen Abständen ihren Tee, – was mir natürlich nicht gelang. – Eigentlich hatte ich den Eindruck, daß sie sich miteinander langweilten. Doch gibt es ja auch ein Schweigen zuzweit, das auf den höchsten Grad der Vertrautheit hindeutet. – Ihre Gesichtszüge verschwammen, ich konnte die beiden Schatten, die, wie mir vorkam, seit einer Ewigkeit einander etwas erzählten und die noch eine Ewigkeit lang so beisammen sitzen würden, nicht enträtseln. Ich bemerkte nur, daß Jorinde ihren Hut abgenommen hatte. Ihr blondes Haar glänzte in der Halbdämmerung.
Endlich eine Bewegung! – In angestrengtem Hinschauen hatte sich das ganze Zimmer, in dem ich saß, samt dem Nebenraum, samt allen Gruppen wartender Bauern und Bäuerinnen wie in Stein verwandelt. Nun fuhr der Zug ein, und mir war es eine Befreiung, mit den anderen zusammen aufstehen, auf den Bahnsteig hinausstürmen zu dürfen.
Im Gedränge stand ich dicht hinter den beiden.
Der Zug hielt ganz kurz. Nun also mußte es geschehen! – Doch ich sollte noch länger auf die Folter gespannt werden. Eine Möglichkeit, auf die ich nicht gerechnet hatte, – aber dabei freilich von Anfang an die wahrscheinlichste von allen: der Mechaniker stieg zusammen mit Jorinde ein. – Es gab gar keinen Abschied zwischen ihnen. Es war ein gemeinsamer Ausflug gewesen, und nun fuhr er mit ihr zurück.
Ich hatte gerade noch Zeit, mich in einen anderen Waggon zu stürzen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Die unerwartete Wendung steigerte in mir das Gefühl von Jorindes Treulosigkeit, – ich gab mir keine Rechenschaft, warum. Bisher war ja nichts, rein nichts geschehen, was nicht vollständig der Darstellung in Jorindes Briefen entsprochen, worauf ich nicht hätte vorbereitet sein müssen.
Nun führte also derselbe Zug uns drei dahin. – Wäre er doch entgleist! – In meinem Kopf tauchten wirre Sätze auf, wie etwa „Es könnte ja ein Eisenbahnglück geschehen“ – und andere Verdrehungen.
Wenn nun der Zug entgleiste – und ich würde nicht gerettet, stürbe mit ihr zugleich – das wäre freilich sehr schön –, aber das Totenkleid könnte ich ihr nicht nähen lassen – nach ihren Angaben: aus schwerem weißen Taft, viereckig tief ausgeschnitten, mit weißen Rosen unter der Brust, – o du liebe Eitelkeit du, ich weiß ja, daß ich es dir versprochen habe, aber nun siehst du doch: alle Versprechen habe ich gehalten, wie ich sie dir damals bei unserem ersten Abendessen in der Reginabar gegeben habe, alle, alle getreu, nur dieses eine kann ich nicht halten, weil ich doch selbst mit zerschmetterten Rippen daliege ...
Aber der Zug fuhr lustig weiter und nichts geschah.
Nur ich stand auf, setzte mich, fand keine Ruhe und stand wieder auf. – Dann begann ich den Verbindungsgang durch den ganzen Zug hinzuschreiten. Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen, in die hellerleuchteten Coupés hineinzuschauen. Obwohl dies ja nun ohne alle Beschönigungsmöglichkeit nichts als nackte Spionage war ...
Die beiden saßen in einem leeren, glänzend lackierten Abteil dritter Klasse.
Ich sah hinein, ging weiter, – kehrte zurück und sah wieder hinein. – Sie saßen nebeneinander auf derselben Bank, aber wiederum nicht dicht beisammen, nicht Hand in Hand, – sondern in ruhigem und, wie es schien, wenig angeregtem Gespräch. – Sie waren ja allerdings den ganzen Tag lang beisammen gewesen und hatten Zeit gehabt, einander über alles ihre Meinung zu sagen.
Es war ein furchtbarer Anblick. Die beiden so zusammengehörig – und ich, von Jorinde aus betrachtet, eigentlich in Berlin, – so fern, gar nicht in Betracht kommend.
Da stehe ich nun, dachte ich – und es ist wirklich wie im Märchen. Festgebannt stehe ich – und Jorinde, mein Glück, trägt man mir vor meinen Augen davon wie ein gefangenes Vöglein auf offener Hand. Und ich kann die Glieder nicht regen, nicht einmal den Mund öffnen zu schmerzlichem Schrei ...
Mit einem Male merkte ich, daß Jorinde, die am Fenster saß, vom Mechaniker halb verdeckt, ihre glänzenden blauen Augen, in die in diesem Augenblick die volle Deckenbeleuchtung einstrahlte, emporhob und auf mich zu richten begann.
Sie überlegte wohl ... eine Ahnung stieg in ihr auf ...
Ich hatte mich vom seitlichen Türpfosten aus trotz aller Vorsicht etwas zu weit nach vorn geschoben, und es war nicht ausgeschlossen, daß sie mich erkannt hatte.
So trat ich denn ein.
Im Eintreten legte ich, streng blickend, einen Finger an die Lippen – dann wandte ich mich sofort mit dem Rücken gegen die beiden, beschäftigte mich nur damit, umständlich meinen Hut im Gepäcknetz unterzubringen. So schnitt ich jede Begrüßung ab.
Ich wollte fremd sein. – Ursprünglich wohl, um ihr alle Verlegenheit zu ersparen; denn ich wußte, daß Jorinde dem Mechaniker von meiner Existenz nichts erzählt hatte. – Sie trug ja auch den Ehering oder Verlobungsring nicht an der Hand. Es war das erste, wonach ich im Eintreten sah. Hätte sie diesen Ring an der Hand gehabt, so wäre mir nicht sofort klar gewesen, daß sie dem Mechaniker gegenüber das ledige, Werbungen zugängliche Mädchen spielte, – so hätte mich das Gefühl der Fremdheit, das ja auch sonst stets gegenwärtig war, bei diesem letzten Zusammensein nicht übermeistert. Ich hätte mich einfach als ihr Mann oder ihr Verlobter vorgestellt, und alles wäre gut gewesen. Der Ring, der Ring hätte uns gerettet. Aber Jorinde trug den Ring nicht. Sie war von mir abgerückt, – ihre Art war niemals die meine gewesen, – allerdings liebte ich sie gerade darum, – doch für die maßlosen Qualen, die daraus entsprangen, mußte ich mich nun auch rächen.
Und so war es neben dem Bestreben, ihr eine gesellschaftliche Peinlichkeit zu ersparen, auch noch das deutliche Bewußtsein, sie zu bedrängen, was mich erfüllte. Denn ich sah, daß sie Angst hatte. Vor meiner Miene vielleicht. Jedenfalls vor meinen Absichten, die sie nicht erraten konnte, – die freilich auch mir unbekannt waren, von Moment zu Moment neu hervorschossen.
Ein Lächeln, das sie wagte, erwiderte ich nicht.
Plötzlich erhob sie sich, streckte die Hand aus und nannte (nein, wie geistesgegenwärtig) einen falschen Namen, – fragenden Tons, als erkenne sie mich erst jetzt und nicht ganz sicher. „Herr Bühler?“ Damit wäre ich in die Unterhaltung einbezogen worden – und jede Gefahr vorbei.
Aber gerade das wollte ich nicht.
Ich verbeugte mich: „Gnädige irren wohl“ – und nannte einen anderen, gleichfalls falschen Namen.
Damit rückte ich, jede Annäherung durch eine Gebärde ausschließend, in meine Ecke ab.
Der Mechaniker nahm das unterbrochene Gespräch mit ihr wieder auf.
Ich begriff Jorindes Angst. – Wie, wenn er ein Wort sagte, das unmißverständlich eine nahe Beziehung zwischen ihnen andeutete ...
Um den Abschied hatten sie mich betrogen ... Nun aber hielt ich mehr als den Abschied in der Hand: ihr Gespräch.
Ich tat, als sähe ich durch die Tür in den Gang hinaus, in die roten Funkengarben, die draußen in der Nacht am Fenster vorbeiflogen. Dabei lauschte ich auf jedes Wort, – lauschte auf die unheimliche Stille, die bald entstand. – Denn Jorinde antwortete nicht. Blaß geworden, starrte sie vor sich hin.
Sie tat mir leid, – aber nun war es zu spät. Ich konnte doch jetzt nicht hintreten und mich nachträglich als ihr Ehemann verbeugen. Die Fremdheit, von uns wissentlich gestiftet, wuchs nun als ein eigenes lebendiges Wesen, unabhängig von uns, ins Gigantische.
Es waren ganz leere Dinge, von denen der Mechaniker sprach, – von einer Schwester erzählte er ihr, die nun bald heiraten würde, von den Vorbereitungen in seinem Dorf, – auch er würde zur Hochzeit fahren und freute sich schon darauf. – Daß Jorinde sich ängstigte, merkte er gar nicht. – Jetzt erst sah ich ihn an. Das also war er – der Dritte, die Maus im Zimmer! Er sah wirklich aus wie eine Maus. So unansehnlich, so klein. Wohl um zwei Köpfe kleiner als ich. Sein Gesicht war gelblich und mager, die Augen blaß. – Jorinde hatte einmal gesagt, daß sie helle Augen nicht mochte, nie einen Mann mit hellen Augen lieben könnte. Und einen Augenblick, ganz vorübergehend, beruhigte mich diese Erinnerung. Auch sie also liebte das Fremde wie ich. Sie liebte meine schwarzen, ich ihre blauen Augen. In einer anderen Situation hätte ich mich vielleicht daran gehalten. Hier aber war es schon zu wild!
– Ich starrte, starrte auf den Fremden. Sein Gesicht hatte einen traurigen, verfallenen Ausdruck. War das wirklich der Mann, der so große Abenteuer in Amerika bestanden hatte? – Jetzt erst merkte ich, wie diese Briefworte, über allem folgenden schwebend, seine Gestalt in mir bestimmt hatten. – Nein, der mächtige Holzfäller aus dem bayrischen Wald, wie ich mir ihn vorgestellt hatte, der braune Riese mit geschulterter Axt war er keineswegs. Vielleicht litt er nicht minder als ich. Von Jorinde gequält wie ich. Und so mußte er mich, mußte ich sie nun quälen ... „Unglückliche, die einander unglücklich machen“ – hatte ich nicht einmal mit Erkenntnisblick der ganzen Menschheit diesen Namen gegeben – und nun wir drei, in ein und demselben dahinsausenden Zugabteil, einer dem anderen zur Pein, – einer die Qual, die er vom nächsten erleidet, auf den dritten übertragend und so im Kreis rundum – oh, wir Menschen! wir unglückseligen!
Und Jorinde schwieg noch immer.
Auch der Bursche war jetzt verstummt, – es fiel ihm wohl nichts mehr ein.
Plötzlich erkannte ich oder argwöhnte, daß Jorinde vielleicht nicht aus Schreck und Reue schwieg, – sondern nur aus Klugheit. Um eben zu verhindern, daß ich dem Gespräch anmerkte, wie es zwischen ihnen stand. – Was hatten sie denn bisher geredet? Nichts Persönliches. Sogar eine Anrede war bisher nicht vorgekommen. Sagten Sie einander „Sie“ oder „Du“? Nicht einmal das hatte ich erfahren. – So redet, redet doch! Es ist doch undenkbar, daß auch diese Probe kein Ergebnis bringt, – daß wir drei, die wir einander so wichtig sind, hier auf engem Raum beieinandersitzen, äußerlich teilnahmslos und doch aufeinander lauernd, – eine Filmsituation geradezu – und daß wir wieder auseinandergehen, ohne daß sich der Knoten gelöst hätte, der uns würgt ...
Bei jedem Laut schrak ich nun zusammen. War es nur ein Stiefelknarren – oder war es ein Wort, das alles verraten konnte? – Ein Wort wie „Liebste“ oder eine Bitte um die nächste Nacht. –
Aber der Handwerksbursche (wie ein Handwerksbursche erschien er mir) schwieg beharrlich. Plötzlich fiel mir ein: Jorinde brauchte doch nur aufzustehen und mir um den Hals zu fallen, in einer großmütigen Aufwallung, die alles verziehe, auch meine Spionage und Rachsucht, – sie brauchte nur aufzustehen und wahrhaftig, der Bann wäre gebrochen! Nur schämen dürfte sie sich nicht. Müßte vor dem Mechaniker alles eingestehen, offen sagen, wer ich bin, nicht aber mich mit erfundenem Namen als „Herr Bühler“ anreden. Nein, keine Klugheit jetzt! Eine große Bewegung der Liebe, der flammenden Leidenschaft, vor der alle Vorurteile zusammenfielen, – das war es, das allein konnte noch retten! Mein Gott und Herr, warum tat sie das nicht, das einzig Richtige in diesem Augenblick! In ihrer Hand lag es, – sie konnte, sie durfte endlich einmal alle Rücksichten beiseite lassen, klar und wahr sich zu mir bekennen, – warum, warum tat sie das nicht?
Sie sah mich nicht an. Ich aber, so schien es mir, drang mit den Blicken in ihr Haar, in ihren Kopf, ich wollte ihr mit all meiner Kraft den Gedanken einflößen, den einzigen Ausweg. Jetzt, jetzt zeige, daß du mich wirklich liebst! Kein Stolz jetzt, – bestehe die Probe ... Doch ich fühlte fast, wie sie mir entwich. Die schwarzen Bäume, die draußen in der Nacht vorbeiflogen, einsame Weiler, dunkle Ebenen, das war ihr Reich. Es war mir einen Augenblick, als könne sie sich auf diese Dörfer und rauschenden Wälder, an denen wir vorbeifuhren, rechtmäßig berufen wie auf etwas, was sie beherrsche, ja was sie geschaffen habe. Ich dagegen, was hatte ich in meiner Zimmerluft hervorgebracht seit je: Geschäftsbriefe, Papier. Und da wagte ich, auf ihre Unterwerfung, Demütigung zu hoffen. Welche Vermessenheit. Und schon glaubte ich um ihre Lippen ein feindliches, ironisches Lächeln zu sehen. – War es möglich? – Auf diesen Lippen, die mich so zart und dann wieder so heißglühend zu küssen gewußt! ... Fremdheit in unserer Beziehung hatte ich ja immer zu ertragen gehabt. Aber diese auf die Spitze getriebene Fremdheit, ihr eiskaltes Lächeln zerriß die letzten Fäden meiner Widerstandskraft.
Mochte der Mechaniker auch unschuldig sein, – nicht wissen, was er angerichtet hatte, – er hatte sich eingedrängt, er hatte gestört! Alles war so schön, so herzenswarm und frei gewesen, ehe er kam. Er, er hatte alles besudelt. Er wußte nichts davon, – aber auch der Raupenfraß, der die Wälder befällt, weiß nicht, was er vernichtet, und dennoch ist er widerlich und muß ausgerottet werden.
„Da ist Göggingen“, sagte der Mechaniker. Es war das erste Wort nach langer Pause, und es durchfuhr mich wie ein Blitz.
Schon verlangsamte der Zug seine Fahrt.
„Wann sehe ich Sie wieder?“ setzte der Mechaniker fort und reichte Jorinde die Hand.
Sie! – Sie!
Aber das bewies ja nichts! – In Gesellschaft – und sei es auch in Gesellschaft Unbeteiligter – sagt ein Liebespaar einander nicht ungern und wie zum Spiele Sie. Und vielleicht hatte Jorinde ihm einen leisen Wink gegeben, ein Zeichen mit den Augenwimpern nur, während ich, von ihnen abgewendet, den Funken nachgesehen hatte. – Ja, es gab eigentlich nichts, was im günstigen Sinn beweisen konnte. Alle guten Umstände waren wegdeutbar. Ein einziges „Du“ aber, ein Kuß, eine Umarmung, – das allerdings wäre nicht mehr wegdeutbar gewesen. Ein einziger ungünstiger Umstand war vollgültiger Beweis ...
Und nun – der Zug fuhr schon ganz langsam in die Station ein – nun mußte es ja zum Abschied kommen, – nun stieg offenbar der Mechaniker aus und Jorinde fuhr nach Augsburg weiter, nun drohte die Enthüllung, nun faßte mich innerliche Bangigkeit vor ihr, nun hätte ich sie gern verhindert, – nun konnte eine einzige unbeherrschte Bewegung der beiden – oder des Burschen allein – mein Unglück besiegeln.
Und das war jener äußerste Grad von Spannung, den ich nicht mehr ertrug, – der deutlich über das Maß hinausging, dem ich gewachsen war.
Als der Mechaniker die Tür öffnete und durch Lächeln und eine Geste Jorinde, die wie erstarrt in der Fensterecke sitzengeblieben war, einzuladen schien, – ihm zu folgen oder ihm sonst irgendwie nahe zu sein –, da war mir, als stelle sich der Eisenbahnwagen auf die Spitze, rolle seine Räder oben in der leeren Luft, – meine Augen verdunkelten sich, und nur, um ein Ende zu machen, um nichts mehr zu hören und zu sehen, fiel ich den Nichtsahnenden an. – Ich tat mit ihm, wie es die Anklageschrift des näheren beschreibt.
Von allem, was folgte, sehe ich nur eines noch vor mir: die Menge stürzt sich auf mich – im kleinen Bahnhof tobt’s – alles steigt aus, drängt gegen mich los – Jorinde aber deckt mich mit ihrem Leib. Noch einmal fühle ich ihre Umarmung. Sie reißt mich mit sich, bis sie mich endlich den schützenden Beamten übergibt ...
Daß sie nun doch also ganz auf meiner Seite stand, – ach, auch dafür gibt es natürlich eine Menge einander widersprechender Erklärungen.
Ich will nicht mehr darüber nachdenken, ich will Jorinde nicht mehr sehen.
Sie könnte mir nichts sagen. – Es würde mich nicht überraschen, wenn sie mir bewiese, daß sie völlig schuldlos und daß der Mechaniker ihr wirklich gänzlich gleichgültig war, – wie es ja auch Ihre Ansicht, Herr Verteidiger, und die Ansicht der ganzen Welt ist. Beweisen läßt sich alles. Und ebenso läßt sich auch jede Ansicht der ganzen Welt als deren Ansicht in den Mund legen. – Nein, nichts mehr mit Jorinde reden. Vielleicht liebt sie mich wirklich. Nur, daß es sich nicht beweisen läßt ...
Es ist alles Sache des Vertrauens; – und mein Vertrauen ist erkrankt. Es reicht nicht hin für die schweren Aufgaben, die man ihm stellt ...
Es würde mich auch nicht überraschen, zu erfahren, daß Jorinde zu ihrem Vater geflüchtet ist, der Bühne entsagt hat, – entsetzt von ihren Erfahrungen in der Welt, in der man sich nicht zu zügeln weiß, – daß sie in die strenge Zucht ihrer braunen altbayrischen holzgetäfelten Zimmer zurückgekehrt ist, aus denen sich ja ihre Seele oder die eine Hälfte ihrer Seele nie ganz entfernt hat. Und es würde mich nicht überraschen, daß sie mich trotzdem weiterhin und vielleicht nun erst recht liebt. – All das ist möglich. Nur ich, mit meinem erkrankten Vertrauen, – ich bin das Unmögliche dabei.
Da fällt mir eben ein, daß Jorinde mehr als einmal gesagt hat: „Ohne dich bin ich nichts. Wenn du stirbst, mußt du mich mitnehmen.“ – Ja, das wäre vielleicht ein Beweis? – Nein, auch das nicht. –
Ich bin zu Ende.
Bitte, keine Fragen mehr. Ich war ausführlich genug. Lassen Sie den „störrischen Kerl“ (so haben Sie mich ja tituliert), lassen Sie ihn doch um Gottes willen am Ende aller Ende in Ruhe.
Daß ich mit niemand mehr sprechen will, – auch mit Ihnen nicht, Herr Verteidiger, – davon bin ich bei diesen Aufzeichnungen ausgegangen. Lassen Sie meine Mühe nicht verschwendet sein!
Beim nochmaligen Lesen bemerke ich übrigens mit Genugtuung, daß meine Schrift nichts Entlastendes im Sinne der üblichen Gerichtsmoral enthält. Das Gegenteil hätte auch meiner Absicht durchaus widersprochen. Ich bestätige vielmehr nochmals und mit allem Nachdruck: ich bin schuldig – die Tat ist bei vollkommen klarem Bewußtsein geschehen – ich fühle mich schuldig. Und wenn auch nicht im Sinne der Justiz schuldig: noch viel weniger bin ich unschuldig vor mir selbst als schuldig in irgendeinem beliebigen, noch so albernen Sinn.
Ich werde Ihnen vor Gericht in die Rede fallen, wenn Sie die Tatsachen, die ich Ihnen nun wahrheitsgetreu vorgelegt habe, plädoyermäßig zu verdrehen suchen sollten. Aber ich bitte Sie, Herr Verteidiger, tun Sie das nicht. Geben Sie mir ein gutes Wort, wenn es möglich ist, – ein rechtfertigendes vermeiden Sie. Und gönnen Sie mir, der den einzigen Frieden verloren hat, den es gibt (ich habe gesagt, welches dieser Frieden ist), – mir, der den Selbstmord auf eigene Faust rechtzeitig auszuführen verabsäumt hat, – gönnen Sie mir, ich bitte darum, den Selbstmord unter staatlicher Assistenz.
Denn eigentlich bin ich ja schon längst tot – und das Papier, auf dem ich schreibe, knistert wie die Weidenbäume am Bach, wenn die Gespenster nachts aus dem Wasser steigen.
Mit allen Krankheiten im Leibe kann man leben. Nur mit erkranktem Vertrauen nicht. – Das ist die einzige Krankheit, die absolut tödlich wirkt, und zwar sofort, im ersten Augenblick, in dem sie den Menschen befällt. Manche Menschen leben nachher allerdings noch ein gespenstisches Nachspiel – wie zum Beispiel ich. Aber das ist nichts Wesentliches mehr. Geheilt wird diese Krankheit niemals. Wenn die Uhrfeder überdreht und gesprungen ist, dann kann noch so gelindes Aufziehen die Uhr nicht wieder in Gang bringen.
Und warum ist mein Vertrauen erkrankt? – Abgesehen davon, daß es Antworten auf Fragen dieser Art nicht gibt, glaube ich manchmal zu fühlen, daß ich an einer lasterhaften Ausschweifung gestorben bin: an einer besonders stark angespannten und strenge Anforderungen stellenden Liebe. An der Liebe zur Fremdheit und daher Göttlichkeit einer Frau. An der Liebe, bei der Vernunft und alle anderen Hilfen und Sicherheitsmittel versagen müssen, weil Vertrauen, – Vertrauen zur Natur das einzige ist, was verlangt wird. In dieser furchtbaren Anspannung hält das Vertrauen eben aus – oder es erkrankt. Meines ist erkrankt. Wie es Menschen gibt, die der Weinrausch zugrunde richtet, so war mein Genuß – der Genuß der Fremdheit – ein tödlicher Genuß. Dennoch ist er das einzige in der Welt, auch heute noch, was mir eines Wunsches, eines Gefühls wert erscheint. Wie dem Trinker die Flasche, die ihn vergiftet. – Nur haben die Trinker doch alle, wie ich glaube, ein schlechtes Gewissen. Es ist etwas so Schmutziges im Schnaps. Die Trinker spüren denn auch, daß sie auf dem falschen Wege sind. Ich aber – ich habe mich eigentlich, ehrlich gesprochen, auf dem guten Wege gefühlt. Haben auch meine Kräfte nicht ausgereicht, – der Weg war gut, der Weg ins Ferne, ins Fremde hin, – und auch das Fremde lieben, nichts so heiß wie das Fernste und Fremdeste und das Geheimnis des Nebenan. Ob das nicht der wahrhaftige Weg der Menschenliebe ist, – nicht derjenigen, die in den Schulbüchern steht, – nein, der brennenden, die mit sehnsüchtiger Kraft sich selbst nicht aufgibt und doch auch den anderen erfassen, umfangen will, weil alles Leben, das eigene wie das fremde, ihr wunderbar groß und leuchtend erscheint. O Jorinde, Jorinde! Wie hat mir gebangt um dich, weil ich dich immer nur außerhalb meiner gefühlt habe, – und selbst im heißesten Augenblick: „Bist du jetzt mein?“ „Ja.“ „Ganz mein“, in diesem heiligen Augenblick deines Ja-Hauches warst du mir noch durch Länder und Meere und Jahrtausende entrückt. Und dennoch flog meine Seele immer wieder gegen dieses dicke Glas zwischen uns und wollte nicht ablassen, dich zu gewinnen, nicht ablassen, sich selbst hinzugeben für dich, – und wenn es jetzt auch nur auf eine ziemlich entehrende Art geschieht: genug, es geschieht, es geschieht! Totenhochzeit wird es geben. Wenn der Henker mich packt, so will ich dein sein, – du wirst es nicht wissen, nicht ahnen, und doch will ich dann, dann erst dein sein wie noch nie. Und die großen Augenblicke meiner tödlich berauschenden Liebe ziehen noch einmal auf: ich warte an der Ecke der Frohsinnstraße – oder ich nähere mich im Eilzug dem Bahnhof Augsburg, in dem du mich erwartest, und ich sehe die Bahnhofskuppel und kann es nicht fassen, daß dieses Bauwerk dich enthalten soll, dich, Jorinde, mein Leben dich – dieses glanzlos gemeine Eisenrippenwerk, dem man von außen gar nichts ansieht, so wenig wie allen anderen Bahnhofskuppeln der Welt ... Und noch eines, Jorinde: jener Abend am Wannsee, jenes einzige Dankgebet an Gott, das ich in meinem ganzen Leben gebetet habe. Es war kurz, aber aufrichtig, dieses Dankgebet. Nachts auf der Landungsbrücke stand ich allein, – du tanztest im Restaurant drinnen, mit fremden Menschen – ich konnte dich sehen, durch die hell beleuchteten Scheiben sah ich das Schattenbild deiner Gestalt kommen und vorbeischweben. Der Himmel war schwarz, ein Gewitter zog auf. Es regnete nicht; doch wie ich nun niederkniete zum Gebet, war das Holz der Brücke naß, von einem früheren Regen vielleicht. Ich kniete nieder und dankte Gott für dich. In der Fülle meines Glücks war ich ins Freie gestürzt. Du warst so lieb zu mir gewesen, Jorinde, und wenn du nun auch mit einem anderen tanztest – nein, falsch, gerade daß du mit einem anderen tanztest, das war das süße Fremde an dir, und dennoch warst du ja mein, das fühlte ich ganz genau. Gott dankte ich, daß er mir nach all den Fehlschlägen meines Lebens endlich das gegeben, was ich brauchte. Ich dankte ihm für das fremdartige Leben dort drinnen in der leuchtenden Tanzhalle, – für dein Leben, Jorinde, das mich so beglückte gerade dadurch, daß es unabhängig von mir war, unverständlich im tiefsten Grunde, mir fern und dennoch mein. Dieser Kuß aus dunkelster Fremdheit hervor ist das Beste, was das Leben, was Gott zu geben hat, – denn dieser Kuß ist glaubhaft wahr; er kann, weil er so tief aus Fremdartigem hervorkommt, nicht anders sein als echt, kann nicht Einbildung, nicht Illusion sein! Da fühlte ich, wie Liebe mich überschwemmt, – fühlte, daß es Liebe in der Welt gibt, in Wirklichkeit, nicht bloß in meiner Phantasie, – ich fühlte diese Liebe mich heiß überrieseln, von außen her kam sie, nicht in mir war die Quelle. Die Liebe ist da, ist da, – auch wenn ich nicht da wäre, wäre die Liebe da! O jubelnde Erkenntnis! Und daß ich nun doch auch noch das unverdiente Glück hatte, da zu sein, neben dir, Jorinde, dafür dankte ich Gott in jener Minute. Ich mußte es tun, mußte niederknien, von niemand gesehen, – ganz kurz nur kniete ich, denn sowie ich den nassen Boden merkte, erhob ich mich wieder. – Sah dann noch lange das dunkle Wasser, den Himmel, die erleuchteten Fenster, den einzigen Menschenfleck im riesigen schwarzen Nichts der Nacht – und fühlte die Wärme hinter diesen Fenstern, fühlte dich, mein fernes und dennoch mein Glück! Und so danke ich dir denn, Jorinde, – denn deinetwegen ist es mir ja möglich gewesen, wenigstens einmal, minutenlang, mit voller Redlichkeit, Gott zu danken für mein qualvoll-süßes Leben in dieser fremden Welt. Ich danke dir, Jorinde, und nichts mehr tut mir weh. Ich habe das gehabt, was ein Mensch sich nur wünschen kann: meinen Rausch, meine Trunkenheit. Nun laßt mich versinken, laßt mich vorbei. Die Göttin, mit der ich gelebt habe, geleitet mich in den Tod. Keine Ablenkung mehr! Laßt mich allein.
Ende