„Klar sah ich alles – und doch trunken“
Mein geehrter Herr Verteidiger!
Meinen Dank zuvor und meine Anerkennung. Sie haben sich sehr menschlich zu mir benommen! Dies der unmittelbare Anlaß für die folgenden Aufzeichnungen, denen Sie alles entnehmen, wonach Sie mich die letzten Wochen lang unablässig und immer wieder und immer ohne Erfolg gefragt haben.
Ja, Ihre Neugierde, vielmehr Ihre Amtsneugierde – denn ich weiß sehr gut, daß kein häßlich persönliches Motiv, sondern nur Pflichtbewußtsein Sie angetrieben hat – Ihre Amtsneugierde wird durch die Darstellung, die ich jetzt, um Mitternacht, beginne, vollkommen befriedigt werden, soweit dies in meiner Macht liegt. Und ich hoffe ernstlich, ohne alle Ironie, Ihnen damit einen Gefallen zu tun – Ihnen auf die einzige, mir noch mögliche Art für die Vornehmheit, mit der Sie mich in dieser Zeit behandelt haben, zu danken.
Sie sind von meinen Brüdern zu meinem Verteidiger bestellt.
Ich begreife durchaus Ihre Verlegenheit. Tagelang haben Sie kein Wort aus mir herausbekommen. Wie, womit, in welcher Gegend menschlicher Entschuldigungsgründe sollten Sie nun meine Verteidigung aufbauen? Ich stelle Ihnen das Zeugnis aus, daß Sie kein Mittel unversucht gelassen haben, mich zum Reden zu bringen. Sie haben freundschaftliches Zureden, Philosophie ins Treffen geführt, auch Überraschungen, auch leise Drohung. – Ganz offen gesprochen: Ihren Eifer verstehe ich nicht. Was gehe ich Sie an? – Das Honorar also? Nun, wenn ich sterbe, was doch so ziemlich sicher, hoffentlich ganz sicher ist, dann fällt mein Vermögen an meine zwei Brüder und Kompagnons, die mir ganz gleichgültig sind und denen ich so wenig bedeute, daß ich sehr bezweifle, ob man die Höhe Ihres Entgelts nach den Anstrengungen bemessen wird, die Sie zur Erhaltung meines Lebens gemacht haben. Man wird Ihnen ja gewiß auch nicht weniger geben, wenn Sie sich sehr bemühen; dazu sind meine Brüder viel zu anständig, viel zu korrekt; aber voraussichtlich auch nicht um einen Pfennig mehr. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat man bereits ein gewisses Fixum im vorhinein bestimmt, eine Post zur Tragung dieses notwendigen, wenn auch unerwarteten Aufwandes im Budget unserer Fabrik ausgeworfen. Fixum, Budgetpost, Vorausberechnung nach kaufmännisch soliden Grundsätzen – das ist ja die Welt meiner Brüder. War auch die meinige, äußerlich zumindest. Nun gut, ich wollte Sie nur vor übertriebenen Hoffnungen warnen. Ihre Funktion wird bezahlt werden, nicht die Intensität Ihres Interesses. Berufsinteresse vielleicht? Dies die Erklärung? Möglich – für mich jedoch völlig dunkel. Kommt es denn wirklich vor, daß man sich für seinen Beruf ehrlich, in voller Befriedigung interessiert? Besser gesagt: ist es möglich, sich für etwas anderes zu interessieren als für Angelegenheiten der Liebe? Von Herzen zu interessieren, meine ich, nicht nur oberflächlich, halb im Wachen und halb im Traum? – Hoffentlich verstehen Sie, was ich damit meine. Sonst lesen Sie lieber gar nicht weiter; Sie würden auch das Folgende nicht verstehen ...
Doch um eines bitte ich Sie noch, ehe ich weiterschreibe: Bitte, besuchen Sie mich nicht mehr! Nehmen Sie diesen Brief nicht etwa als mehr oder weniger verhüllten Anknüpfungsversuch, als eine Art Aufforderung, den Verkehr mit mir fortzusetzen, vielmehr eigentlich erst jetzt so richtig anzufangen; denn bisher ist es ja ein durchaus einseitiger Verkehr gewesen – Sie redeten stundenlang auf mich ein und ich antwortete nicht. Ich rechne es Ihnen hoch an, daß Sie dabei niemals grob, niemals auch nur unfreundlich gegen mich geworden sind. O das war so gut von Ihnen! Das hat Ihnen mein Vertrauen verschafft! – Nur ein einziges Mal haben Sie so etwas wie „störrischer Kerl“ zu Ihrem Begleiter geflüstert. Ich gestehe, daß mich das sehr geärgert hat. Als Chef meines Unternehmens war ich ja seit je gewöhnt, von meiner Umgebung immer mit der größten Hochachtung, ja mit einer gewissermaßen kirchlichen Bewunderung angesprochen zu werden. Angestellte wie Geschäftsfreunde, alle wollen immer etwas von einem haben, und da ergeben sich die allerhöflichsten Formen von selbst. Nun im Untersuchungsgefängnis, das weiß ich wohl, hat man ja auf eine derartig gewählte Behandlung keinen Anspruch. Dennoch hat es mich, gerade heraus, gewundert, daß Sie, ein gebildeter Mann, Akademiker sogar, sich so weit gehen ließen ... Ich muß allerdings zugeben, daß ich ziemlich empfindlich bin. Und somit basta, ich habe mich nun erleichtert, ich habe mir das einzige, was ich gegen Sie hatte, von der Seele gesprochen, – es wird mir nun hoffentlich nicht mehr schwer fallen, Ihnen ohne Rückhalt das zu erzählen, wonach Sie ein so starkes Bedürfnis an den Tag gelegt haben. Wie zu einem Freund will ich nun zu Ihnen sprechen. Was Sie dann von all meinen Mitteilungen für Ihr Plaidoyer an die Geschworenen verwenden wollen, was nicht, – bleibt Ihnen anheimgestellt. Nur fragen Sie nicht mehr, lassen Sie sich nicht mehr in meine Zelle bringen, wehren Sie doch lieber alle Besuche ab, die mir noch etwa drohen. Ich will allein sein. Die Anwesenheit von Menschen quält mich. Auch die Ihrige hat mich, trotz Ihres musterhaften Vorgehens, namenlos gequält. Ich will Ihnen gleich sagen, warum. Ich will Ihnen in diesem Brief alles sagen, was über mich, was über den rätselhaften Kriminalfall zu sagen ist, in dessen Mittelpunkt ich stehe. Ich habe einen mir ganz fremden Menschen umgebracht, einen Menschen, der, wie man sagt, auch meiner Frau fast gänzlich fremd war. Sie werden gleich lesen, wie es zu solch einer unerhörten Tat kommen konnte, kommen mußte. Alles werden Sie lesen. Nur, um Gottes willen, keine Fragen mehr, keine Besuche. Ersparen Sie mir alles Weitere! Sonst hätte auch dieser Brief sein Ziel verfehlt, – im Kleinen ebenso sein Ziel verfehlt wie im Großen mein ganzes Leben.