Herr Verteidiger! Ja, ich fühle mich schuldig.
Ein Teil der Qual, die Sie mir verursachen (obwohl, wie ich immer wieder hervorhebe, Ihr ganzes Trachten darauf abzielte, mir nicht wehezutun, – obwohl ich in Wahrheit nie einen so gütigen, so geduldigen Menschen wie Sie gesehen habe, – einen Menschen, der mich vielleicht gerettet hätte, wenn ich früher mit ihm zusammengetroffen wäre, und dem ich daher dies alles nicht seiner Berufsstellung wegen mitteile, – das war Unsinn, womit ich vorhin anfing, – nein, aus Liebe, aus Liebe zu Ihnen, zu Ihrem unbegreiflich sanften, erbarmenden Blick, der auf mir ruhte, dem „störrischen Kerl“ – aus Liebe schreibe ich dies. Ohne Liebe würde ich offenbar nicht die Nacht in ein Schreibheft schlagen, ohne Liebe würde ich überhaupt nichts tun, habe ja alles nur aus Liebe getan und beichte also auch nur, weil ich zum erstenmal etwas wie Freundschaft, wie Liebe zu einem Mann, zu Ihnen, im Herzen spüre) – die Qual also, die Sie mir verursachten, beruht vor allem darauf, daß Ihre Einstellung gegen mich eine vollständig falsche ist.
Sie suchen Entlastungsgründe für mich.
Ich aber fühle mich schuldig, und ich suche Tatsachen, die mich belasten könnten.
Nun sehe ich Sie lächeln. Belastende Tatsachen? Als wäre das Verbrechen an sich nicht belastend genug. „Seltsame Verblendung“, – höre ich Sie sagen. „Ein Mord, und noch dazu auf die furchtbare, ja bestialische Art ausgeführt, von der die Anklageschrift so viel spricht – genügt ihm das wirklich nicht zur Belastung vor Gott und Welt?“ – Nun, ganz nebenbei bemerkt, gerade diese „bestialische Art“, von der so viel Aufhebens gemacht wird, müßte meiner Ansicht nach eher für als gegen mich zeugen. Sie beweist doch ganz klar, daß ich nicht darauf ausging zu morden, daß ich auf einen solch traurigen Schluß der Angelegenheit nicht im mindesten vorbereitet war.
Hätte ich die Absicht gehabt, den Mechaniker zu töten, so hätte ich wahrscheinlich einen Revolver mitgenommen. Ich hatte aber keine Waffe bei mir. Leider! So geschah es denn, wie es geschehen mußte.
Ich sage das aber durchaus nicht zu meiner Entschuldigung. Dieser ganz nebensächliche Umstand beweist nur, wie gedankenlos die Anklageschrift gegen mich verfaßt ist, so gedankenlos und halb und unausgetragen, wie eben alles, was aus „Berufsinteresse“ geschieht. Für mich selbst jedoch und meine eigene Beurteilung meiner Schuld ist dieser Umstand vollständig bedeutungslos. Für mich ist nämlich die ganze Tatsache, daß ein Mensch, ein fremder Mensch an mir gestorben, mir zum Opfer gefallen ist, – verzeihen Sie die Aufrichtigkeit – eine Nebensache. Nicht des Mordes fühle ich mich schuldig, – obwohl ich selbstverständlich zugeben muß, ein Mörder zu sein, – aber das liegt nur an der Oberfläche meiner Schuld. Und gerade heute, wo einige Millionen junger Menschen am Weltkrieg gestorben sind, unter direkter oder indirekter Mitwirkung von uns allen, die wir ihn überlebt haben, erscheint mir ein einzelner Totschlag nicht gerade als das Aufregendste und Auffallendste an mir und unserer Zeit.
Wahrhaft schuldig fühle ich mich eigentlich einer anderen Sache wegen: – schuldig, weil ich mich bedingungslos in die Gewalt einer Frau gegeben habe, weil ich meine Wollust daraus zog, ihr zu dienen mit meinem ganzen Wesen und Wollen.
Ja, das ist wahr. Indessen: Die volle Wahrheit ist es doch nicht. – Schuldig, mich in die Gewalt einer Frau begeben zu haben? – Habe ich mich denn wirklich in diese Gewalt wissentlich und mit Willen begeben? – Ich bin seit je sehr abhängig von Frauen gewesen. – Einen „homme à femmes“ hat mich einmal ein Freund, – nein, kein Freund, ein satirischer Beobachter – genannt. Ich weiß nicht, woher er diesen Ausdruck hatte, – vielleicht ist es nicht einmal ein korrekt französischer Ausdruck, – ich verstand ihn jedenfalls so, daß ein Mann damit gemeint sei, für den Frauen das einzige sind, was er ernst nimmt. Kein Wüstling, – eher das Gegenteil eines solchen. Ich habe niemals ausschweifend gelebt. Und vor allem war mir immer die Verbindung von Zynismus und Liebe – oder Humor und Liebe – oder Alkohol und Liebe oder ähnliches ganz fremd. Liebe, die einer Verbindung mit liebesfremden Stimulantien bedarf, scheint mir geradezu verächtlich. Liebe allein, Liebe um ihrer selbst willen, Liebe und Sehnsucht und Begeisterung und zuletzt bei Jorinde sogar auch noch randvolles Glück und das unermeßliche Unglück der Liebe, – – wahrhaftig, es hat mir genügt, ein Leben auszufüllen. Andere Leidenschaften verstehe ich nicht. Es sind wohl auch noch nur unbedeutende Gemütsbewegungen, denen man diesen Namen irrtümlich, mißbräuchlich verleiht. Ich kenne sie nicht, ich verstehe sie nicht. Weder Ehrgeiz noch Spiel, weder Trinken noch Rauchen, weder Sammeln noch Reisen. Die Leidenschaft jedoch, die ich meine, – beruht sie auf meiner freien Wahl? War sie wirklich meine Schuld? Gerade die Einzigkeit, mit der ausschließlich sie allein von mir Besitz ergriffen hatte, beweist vielleicht, daß ich nicht anders konnte als ihr völlig unterliegen.
Kurz und gut ... wenn ich selbst an meiner Schuld irre werde (und Sie tun recht daran, das Vorhergehende als einen schüchternen Rechtfertigungsversuch anzusehen – nicht vor dem Gericht freilich, wohl aber vor meinem eigenen Gewissen), wenn ich selbst die belastenden Tatsachen nicht auffinden kann, die ich suche, deren ich so dringend bedarf, um zur Klarheit über mich und meine Untat zu gelangen, – dann genügt es schließlich doch immer, mir eine einzige Szene vor Augen zu stellen. Denke ich an die zurück, so ist mir allerdings meine Schuld ganz unzweifelhaft klar. Eine äußerlich sehr unscheinbare Szene, – ich sitze allein im Automobil, das an einer Straßenecke hält, im lauen Frühlingsregen und warte auf Jorinde – daran scheint ja eigentlich gar nichts zu sein, – aber der Jubel, der unermeßliche Jubel, der mich diese Stunde lang (oder vielleicht war es auch nur eine halbe, eine Viertelstunde) erfüllte! Dieser Jubel ist allerdings an sich noch keine Sünde, aber er hängt doch im Innersten mit meiner Sünde zusammen.
Ich warte auf Jorinde, und ich weiß, daß sie in wenigen Minuten bei mir sein wird, neben mir, auf dem weichen Sitz des Autos. Denn sie ist ja eben noch neben mir gesessen, hat mich nur hier warten heißen, nur für ein Weilchen, während sie ihre Sachen zusammenpackt, um dann mit mir abzureisen. Jetzt, sofort wird sie um die Ecke biegen, an der Litfaßsäule vorbei. Um ein paar Tage lang ganz mein zu sein. O diese Erwartung, diese ganz bestimmte Erwartung einer wundervollen Zeit, zum Greifen nahe vor mir. Diese Erwartung, so nahe an der Erfüllung, daß sie nicht mehr getrogen werden kann, und die ja dann auch tatsächlich in Erfüllung gegangen ist. O kaum faßbares Glück einer solchen Gewißheit, – zumal wenn man fünf Tage und fünf schlaflose Nächte vorher im Fieber der Ungewißheit gelegen ist. Diese peinvolle Zeit der Zweifel gehört ja wahrscheinlich als Vorbedingung mit dazu. Wie dem auch sei, genug, die bloße Erinnerung an meinen Herzjubel damals genügt mir auch heute noch, um mich für alle Qualen vor und nach dieser Stunde, selbst für alle Gewissensqualen und für meinen schimpflichen Tod reichlich zu entschädigen. O mehr als das! Es gibt einfach nichts, was ich nicht hingeben würde für das Erlebnis dieser einen Stunde. Meine ewige Seligkeit, – hin, hin für eine einzige Sekunde solchen irdischen Glücks! Es war kein Rausch damals; ich fühlte mich vielmehr ganz klar bei Bewußtsein, meine Gedanken jagten nur zehnmal schneller als sonst und doch in so träumerischer Gelassenheit durch meinen Kopf. Einer von ihnen etwa so: Würde ich in diesem Augenblick gelähmt werden, von einer Krankheit befallen, die mich von jetzt an bis an mein Lebensende jahrzehntelang in einem Lehnsessel festhielte, – ich wollte dennoch niemals wider Gott murren, nie mein Schicksal beklagen, immer nur danken dafür, daß ich einmal eine Stunde lang so unbeschreiblich frei und gerettet im Vollmaße der Seligkeit habe leben dürfen.
In Augsburg war es, an der Ecke der Gabelsberger- und der Frohsinnstraße. Ja, sie heißt wirklich so: Frohsinnstraße. Der Name ist nicht erfunden. – In der Dämmerung eines grauen, regnerischen Frühlingsabends ist es geschehen. Ich werde davon berichten, sobald ich an diese Stelle meiner Schicksalserzählung gelangt bin. Vielleicht kann übrigens gerade hievon nichts oder nichts Wesentliches erzählt werden. – Ich habe ja auch nichts anderes sagen wollen, als daß die Erinnerung an diesen Jubel genügt, um mir mit aller Deutlichkeit meine Sünde vor Augen zu führen. Im wesentlichen scheint es etwa darauf hinauszukommen, daß ich mich einer zu großen Sache vermessen habe. – Ich habe mehr auf mich genommen, als ich zu leisten vermag. Auch das werde ich zu seiner Zeit zu erklären versuchen.