Wie ich Jorinde kennengelernt habe, gehört wohl nicht ganz zur Sache. Ich will mich daher kurz fassen.
Es war vor zwei Jahren, im Frühherbst, – in demselben Monat vielleicht, in dem es jetzt zu Ende geht.
Damals kam ich nach München, um mit Professor Grothius zu sprechen. Grothius, eine der ersten akademischen Autoritäten auf dem Gebiete der Nahrungsmittelchemie, machte seit Jahren die bedeutenderen Analysen für unsere Präparate. Obwohl wir (das heißt: die Fabrik) in ziemlich regem geschäftlichen Briefwechsel mit ihm standen, war ich doch nie persönlich mit ihm zusammengetroffen. Eine außergewöhnlich wichtige Angelegenheit hatte diesmal meine Reise veranlaßt. Es handelte sich um eine uns angebotene Erfindung, in der wir Millionen investieren sollten. Die Sache drängte. Und so nötig meine Anwesenheit in unserem Berliner Betrieb jahraus jahrein war: diesmal mußte ich mich losmachen, um die mit dem Gutachten des Professors zusammenhängenden Entscheidungen an Ort und Stelle zu treffen.
Mein Gefühl, als ich zum erstenmal dem großen alten Herrn mit dem grauen Wotansbart und den leuchtenden, hellblauen, immer etwas feuchten Augen gegenüberstand, war eine Art Erstaunen darüber, daß ich es mit einem lebendigen Menschen zu tun hatte. – Von Berlin, von meinem Fabrikkontor aus gesehen, war er (wie so ziemlich alles) eine Nummer in der Registratur gewesen. Grothius, Analysen, Briefe in Schreibmaschinenschrift, Ziffern mit sehr vielen Dezimalstellen, denen man blindlings vertraute, vertrauen mußte, – eine Art Maschine, eine nützliche Institution des Vaterlandes, die den Titel „Professor“ führte. So hatte ich ihn im Kopf, war nicht darauf gefaßt, ein Wesen von Fleisch und Blut vorzufinden, das nebst den Dezimalstellen, die es produzierte, auch noch andere Interessen hatte – so zum Beispiel: mich sofort zum Abendessen einlud. Ich wußte mich zuerst gar nicht zu benehmen. Aus den Scharnieren meines Berliner Kommando- und Kompendiumtones gerissen, in dem persönliche Beziehungen nicht vorkamen, rang ich nach Haltung. Ich fand sie schließlich darin, daß ich dem gemütlichen Herrn mit einem gewissen Respekt (denn er war ja ein berühmter Hochschullehrer), schließlich aber doch nur wie einem besseren Angestellten begegnete (denn er wurde doch von meinem Unternehmen bezahlt). Es war eine Mischung von Bewunderung und Hochmut, wie sie etwa die Hausfrau dem großen Tenor gegenüber empfinden mag, der – gegen hohes Honorar – ihren Gästen nach dem Dessert zwei Arien vorsingt. – Ich erwähne dieses besondere Gefühl, weil ich es dann auch auf die Tochter des Professors übertrug. Der Tochter gegenüber überwog freilich von Anfang an bewundernde Angst und Scheu.
Dora Grothius war sehr schön – von jener Art Schönheit, über die unter Männern keinen Augenblick lang ein Zweifel bestehen kann. Ich konnte mir denken, daß sie, in einen Ballsaal eintretend, sofort alle Blicke auf sich ziehen müßte. Woran mag es wohl liegen, daß von zwei Gesichtern, die einander sehr ähnlich sehen, das eine blitzartig im Lichte der Schönheit erscheint, das andere wie in Schatten getaucht bleibt, aus dem es vielleicht erst allmählich als „interessant“ oder „eigenartig“ zum Vorschein kommt? Doras Schönheit hatte nichts von dieser Unklarheit, dieser allmählich sich durchsetzenden Wirkung an sich. Ihre hohe schlanke Gestalt, das mattglänzende Blondhaar, der fein geschnittene, blaßrosige Mund im weißen Gesicht und die blauen Augen von ebenso wundervoller Form, – das alles sprach wie ein Typus, wie die Vollendung eines Typus an. Man schlürfte diese Art von Schönheit gleichsam gelassen ein, sagte sich nach der ersten Minute: „Nun, dich habe ich ganz erfaßt, du gibst keine Rätsel auf“, – aber gerade dieses Wohlbehagen, dieses scheinbar Nicht-Irritierende betäubte wie ein Narkotikum, und ganz berauscht von dem Sicherheitsgefühl, daß man sich jeden Moment von einem so einfachen und einleuchtenden Anblick losreißen könne, kam man überhaupt nicht mehr los ...
So flößte mir Doras Erscheinung, von der ersten schlagartigen Freude abgesehen, dumpfe Angst ein.
Dies der Grund, weshalb ich sie immer „Jorinde“ genannt habe, zuerst im stillen, bald auch von Mund zu Mund. Sie erinnerte mich an eines der Grimmschen Märchen, das ich als Kind stets nur beklommen mir habe vorlesen lassen. „Jorinde und Joringel“ heißt das Märchen. Ganz habe ich ja nie verstehen können, warum ich mich vor diesem Märchen, ja schon vor den Seiten, auf denen es in meinem alten Märchenbuch gedruckt war, so sehr gefürchtet habe. Andere Geschichten handeln doch von grauslicheren Dingen! Diese freilich ist so süß-grauslich wie keine. Ach, mein Kinderherz bebte vor wonniger Bangigkeit, wenn ich die beiden jungen Leute, Joringel und seine geliebte Jorinde, dem Zauberwald zuschreiten sah, um vertraut miteinander reden zu können, wie das Märchen sagt, – in den Zauberwald, in dem die alte Hexe wohnt. Wenn jemand auf hundert Schritt ihrem Schloß nahe kam, so mußte er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach. So erging es dann auch dem Jüngling, während seine Geliebte vor seinen Augen in eine Nachtigall verwandelt wird, „zicküt, zicküt“ singt – und dann tritt die Hexe aus dem Busch, fängt die Nachtigall und trägt sie auf der Hand fort. Joringel aber kann nichts sagen, er steht festgebannt auf seinem Platz, wehrlos und fremd. – Ich weiß nicht, warum gerade dieses eine Märchen, das ich seit Kindestagen nicht mehr gesehen habe, so fest in mir haftengeblieben ist, weiß nicht, warum Dora die angstvolle Erinnerung daran in mir aufgeweckt hat. Später allerdings wurden mir einige Zusammenhänge klar. Doch das Gefühl war ja vom ersten Moment an dagewesen.
In Anwesenheit ihres Vaters sehr zurückhaltend, sprach Dora bei der ersten Begegnung im Laboratorium kaum ein Wort. Die Einladung zum Abendessen nahm ich aber nur ihretwegen an. Ich mußte, um mir den Abend frei zu machen, einem Geschäftsfreund absagen, der schon Karten für ein Kabarett besorgt hatte.
Nachmittags empfand ich dann doch ein gewisses Unbehagen vor dem Besuch, und abends wollte ich noch an der Schwelle umkehren. Ich hatte inzwischen allerlei über den alten Grothius reden gehört: daß er zu den führenden Münchener Monarchisten gehöre – wenn auch nicht zu ihren tätigen Parteigängern, so doch zu denen, die mit ihrem Namen der reaktionären Bewegung neues Ansehen verschafft hatten. – Ich selbst kümmere mich ja gar nicht um Politik. Und die Revolution hat mir in meinem Geschäftsbetrieb eher geschadet als genützt. Aber als Berliner gehöre ich gewissermaßen von selbst zu jenem andern Deutschland, das vorwärts will, und ohne mir viel Gedanken darüber zu machen, hätte ich, wenn gefragt, immer nur für linke Parteien gestimmt. Politische Auseinandersetzungen aber sind und waren mir immer unangenehm, und ich bereute schon, in persönlichen Verkehr mit dem Professor getreten zu sein und diesen Verkehr durch einen in seinem Hause verbrachten Abend nun förmlich zu bekräftigen. Aus einer Sinnesart, die mich so entlegen anmutete, mußte (so schien es mir) bei Näherrücken Verstimmung entstehen, während der Geschäftsverkehr aus unwirksamer Ferne sich immer so angenehm glatt abgewickelt hatte.
Indessen verlief der Abend völlig ruhig, ohne Störung, ganz ereignislos. Was mich überraschte, war die Natürlichkeit, die im Hause Grothius herrschte, – eine Natürlichkeit, die Widerspruch nicht herausforderte, im Ernstfalle aber wohl auch nicht vertragen hätte, – eine gleichsam unscheinbare und doch kräftige Natürlichkeit, entsprechend etwa der dunklen Tönung, in der sich die mit Holz getäfelten, sonst bescheidenen Wohnräume repräsentierten. „Man muß ja nicht von allem reden“, – schien als unsichtbarer Leitspruch über Wohnung und einfacher Mahlzeit zu schweben. Ein Satz, der mir ebenso einleuchtend erschien, wie er mir bisher nie eingefallen war. Hatte ich es doch für selbstverständlich gehalten, mit dem Professor zuerst gerade von dem zu reden, was uns meiner Ansicht trennen mußte. Ihm aber genügte es scheinbar vollauf, wenn ich seinen Jagdgeschichten zuhörte. In der grauen, mit Hornknöpfen besetzten Jägerjoppe, die er als Hausrock trug, die lange Pfeife rauchend, den Maßkrug vor sich, – so schloß sich seine im weißen Laboratoriumskittel etwas bizarr auseinanderfallende Figur zu dem durchaus glaubwürdigen Bild irgendeines Gutsinspektors oder Försters zusammen.
Er sprach gelegentlich auch von seinem Heimatdorf in den Alpen, von der alten Bauernfamilie, der er entstammte. München mochte er nicht. Es war allzusehr von „Ausländern“ überschwemmt. Nur der Beruf hielt ihn da fest, die Ferien verbrachte er im Gebirge. – Was er sagte, erschien mir ganz selbstverständlich. Ein Mann, der so aussah wie er, mit solch einem faltenreichen, bärtigen Gesicht, aus dem die Äuglein wie kleine Enziane hervorzwinkerten, ein solcher Mann konnte nicht anders reden. Er sprach laut und entschieden, sagte aber nichts Aufregendes, nichts Auffallendes. Es hatte den Anschein, als sei überhaupt in diesen Zimmern jedes Hervortretenwollen, jede Unterschiedlichkeit verpönt. Sogar der jüngste Sohn, der mit am Tisch saß, Privatdozent (drei andere Söhne waren alle als Offiziere der Reichswehr auswärts garnisoniert) –, sogar dieser junge Mann mit dem glattrasierten, scharfgeschnittenen Landsknechtgesicht fiel durch nichts auf; es hatte vielmehr den Anschein, als eifere er danach, dem Vater möglichst ähnlich zu werden. Auch er trug einen Jägerrock, rauchte aus langer Pfeife, sprach laut und langsam von Hunden und Gemsböcken und, da der Vater mich freundlich behandelte, ging er noch ein Schrittchen weiter und forderte mich auf, im Sommer die Familie in ihrem dörflichen Feriensitz zu besuchen.
Dora hielt sich durchaus im Hintergrund. Auch bei diesem zweiten Zusammentreffen sprach sie nicht viel. Nur ein leises beifälliges Lachen fiel mir auf, sooft der Vater eine der vielen scherzhaften Dialektanwendungen oder Witze verwendete, die ich meist nicht verstand, wie ich denn überhaupt der fremden Mundart wegen dem Gespräch trotz seines sehr gemächlichen Tempos nur mit Anstrengung zu folgen vermochte. „Man kann doch eigentlich nicht einmal recht deutsch“, sagte ich mir ärgerlich. „Was kann man also eigentlich?“ – Übrigens machte Dorn, obwohl sie sich dem Anschein nach vollständig in diese Umgebung einfügte, doch nur einen etwas gedrückten Eindruck auf mich. Immer wurde nur von männlichen Vergnügungen geredet oder vom militärischen Rang der Söhne, der so viel Geldzuschüsse von daheim erforderte. Auf Dora nahm das Gespräch keine Rücksicht. Was mochte für sie hier übrigbleiben? Die Arbeit wohl, – die Vesorgung des ganzen Hauswesens, da die Mutter nicht mehr lebte. – Die kleine weiße Latzschürze stand ihr ausgezeichnet: dennoch dachte ich mehr als einmal daran, daß es doch eine seltsame Welt sei, in der schlanke, weiße, feingegliederte Frauen derartig ungeschlachten Männern gleichsam als Kriegsbeute anheimfallen und dies obendrein noch ganz in der Ordnung finden. Der Gedanke verfolgte mich, wiewohl er offenbar keinen rechten Sinn hatte.
Hauptsächlich um Dora eine Freude zu machen, bat ich die Familie, mich am nächsten Abend für ihre Gastfreundschaft revanchieren zu dürfen. Ich würde eine Loge ins Theater nehmen, dann könnten wir in der Reginabar speisen. Man nahm an. Bald darauf verabschiedete ich mich.
Nach anstrengenden Geschäftskonferenzen gelangte ich am nächsten Abend ins Theater. Die Logennummer hatte ich schon am Mittag der Familie Grothius durch einen Boten bekanntgegeben.
Zu meinem Erstaunen war nur Dora da. Sie stand im Couloir vor der Loge, wartete offenbar auf mich.
„Sie haben wohl unsere Absage nicht bekommen?“ empfing sie mich.
„Nein.“
„Wir haben ins Hotel geschickt.“
„Ich war seit Mittag nicht zu Hause.“
„Mein Vater ist nämlich erkrankt –“
„Ach, das tut mir leid.“
„– so heißt es in der Absage. Aber Sie brauchen nicht besorgt zu sein. Die Krankheit ist ganz ungefährlich.“
„Wirklich?“
„Und nehmen Sie mich nun trotzdem in Ihre Loge mit?“
Ihre Augen strahlten zauberhaft lustig. Es war ein ganz anderes Gesicht, und doch, so schien es mir, hatte ich auch gestern schon hinter ihren geschlossen ernsten Zügen diesen Übermut, diese Feuerblicke aus den Augenwinkeln hervor geahnt. Sie trug auch eine andere Frisur: kurzgeschnittenes Haar fiel blondbuschig von den Schläfen in die Wangen, das übrige war in einen großen Knoten geschlungen. Die modischen kurzen Locken waren gestern wohl unter glatten Flechten verborgen gelegen. Und wie sie sich bewegte, wie gelenkig und schnell im Vergleich zu ihrer gestrigen stillen Getragenheit. Ganz eilig trat sie mit mir in die Loge ein, setzte sich an die Brüstung. „Wie konnte Ihnen nur einfallen, uns Karten zu solch einem Stück anzubieten?“
Ich unterdrückte das beschämende Geständnis, daß ich noch jetzt nicht wisse, was denn eigentlich gespielt werde.
„Zu einem Revolutionsstück“, fuhr sie fort. „Von Sternheim. Bei der Premiere war doch ein richtiger Theaterskandal, wie bei allen modernen Stücken, die man jetzt in München spielt.“
„Das habe ich nicht gewußt. Sie müssen entschuldigen.“
„Nun aber wissen Sie, warum wir nicht kommen konnten.“
Ich sah ihr ins Gesicht. Es verriet keine Spur von Ironie. „Sie sind ja aber doch gekommen“, wollte ich eben sagen, – da ging der Vorhang auf. Ich merkte, daß sie sich sofort mit ganzem Interesse der Bühne zuwandte und machte daher keine weitere Bemerkung. – Doch konnte ich keinen Augenblick lang dem Stück folgen. Mit dem schönen Mädchen allein zu sein, verwirrte mich allzusehr.
Endlich Pause.
„Sie fühlen sich wohl sehr einsam in Ihrer Familie?“
Und nun das Unbegreifliche, die erste Offenbarung des Tatbestands, der so entscheidende Gewalt über mein Leben und Schicksal gewonnen hat: – Dora verstand zuerst gar nicht, was ich meinte. Ihre tiefe Überraschung bei meiner Frage war es, was mich geradezu elementar ergriff. Einsam in der Familie, – nein, der Gedanke war ihr offenbar noch nie aufgetaucht. Nun ja, sie war ins Theater gekommen, weil Theater ihre einzige große Leidenschaft war. Was denn weiter! Daß darin zumindest eine Eigenmächtigkeit, eine Art Protest gegen die strenge Zucht zu Hause, vielleicht sogar mehr: eine gewisse Treulosigkeit gegen den Vater lag, – das kam ihr überhaupt nicht zu Bewußtsein. Und meine Sache konnte es natürlich an diesem Abend nicht sein, sie auf solche Ideen zu bringen. – Aber daß sie selbst den Widerspruch nicht merkte, daß sie mir ganz vergnügt erzählte, zu Hause glaube man sie bei einer Freundin zu Besuch, nebenher aber wieder auf „Ausländer und Juden“ schimpfte, „die die besten Plätze besetzt hätten“ (und so waren alle ihre Beobachtungen von dem abhängig, was sie zu Hause gehört haben mochte), – das hatte etwas tief Beunruhigendes, Unverständliches für mich. Und das Merkwürdigste dabei: nicht daß sie selbst ganz ehrlicherweise die Widersprüche nicht merkte, in denen sie sich bewegte, – nein, daß auch ich, wenn ich näher hinsah, sie nicht mehr oder nicht mehr immer auffinden konnte. So sehr ergriff einen die Selbstverständlichkeit, die von Dora ausging. Es gab Momente, in denen auch für mich alles in eins zusammenfloß. So etwa dachte ich: gut, sie will zur Bühne (das gestand sie mir mit beinahe kindlicher Übereiltheit sofort ein), die ist ihre größte, ihre einzige Sehnsucht, und offenbar paßt ein solcher Wunsch sehr wenig in den traditionellen Stil der Familie Grothius. Aber Dora weiß das nicht. Oder kümmert sich nicht darum. Jedenfalls gelingt es ihr, sozusagen in einem Atem, von ihrem Bruder-Major wie von geheimen Dilettantenaufführungen zu schwärmen, an denen sie teilnahm. Wie das vereinbaren? – Dann aber, wenn ich nur für einen Augenblick diesen sichtenden Standpunkt aufgab und mich in Doras schöne Hand oder den feinen Nacken „verschaute“, dann verstand ich eigentlich wieder nicht, was da unvereinbar sein solle. Konnte es denn nicht strenge, zuchtvolle Schauspielkünstlerinnen geben? Ich kannte zwar das Leben hinter den Kulissen genau – leider –, aber warum nicht an die Möglichkeit von Ausnahmen glauben! – So riß mich von Anfang an die Annäherung an Doras Gefühlswelt hin und her. Ihre Erscheinung war unklar, schwankte –, aber da ich sie selbst mit solcher Einfachheit und Leichtigkeit leben und fortschreiten sah, in einer überirdischen Leichtigkeit der Existenz, die mir das Bewundernswürdigste an ihr schien, fiel alles Unsichere, das ich ihr gegenüber empfand, auf mich selbst zurück. Ich war befangen, mußte ihre Art als etwas, was über mein Begriffsvermögen hinausging, verehren; zumindest anerkennen, daß es jenseits meines Verständnisses durch kräftige Lebensäußerung hinreichend und in aller Selbstverständlichkeit gestützt sei. Das ist es, weshalb ich den Lebensabschnitt, der an jenem Theaterabend begann, in meiner Seele so oft „Leben mit einer Göttin“ genannt habe. Unverständlich und großartig ist mir Dora immer geblieben, mochte ich ihr noch so nahe gekommen sein. So wurde sie mir zur Göttin, – freilich nicht nur aus diesem einen Grund.
Bei lebhaftem Gespräch in den Zwischenakten gelangten wir noch so weit, daß ich ihr meine Hilfe zur Erreichung ihres Ziels anbieten konnte. – Dann fuhren wir in die Reginabar. Das Souper war ja schon bestellt. Kein Grund lag vor, es verfallen zu lassen. Im Dunkel des Wagens küßte ich sie zum erstenmal, und sie erwiderte die Küsse mit einer Leichtigkeit, für die ich ihr dankbar war. Eine glückliche Zeit sah ich vor mir aufblühen. Enttäuscht von all den Liebschaften, die ich dem Brauch meiner Kreise entsprechend mit allerlei Berliner Film- und Operettendamen gehabt hatte, sehnte ich mich seit je nach einer starken, von den Gewürzen der üblichen Koketterie verschonten Liebe. Dora war rein von Berechnungen und Unechtheiten, das fühlte ich sofort. Wie herrlich schien es mir, daß sie sozusagen keine Geschichten machte, daß sie in aller Einfachheit ihrer Jugend und ganz unbedenklich zu erkennen gab, daß ich ihr gefiel ... Die Folgerung aber, die ich daraus zog: daß keine Schwierigkeiten in diesem Verhältnis zu überwinden sein würden, erwies sich bald als der verrückteste Einfall, den ich je gehabt habe. Ohne Schwierigkeiten das Leben mit einer Göttin – welch eine geradezu gotteslästerliche Idee! Schon an jenem Abend zeigte sich das.
Noch ganz berauscht von den Küssen und Anpressungen der Wagenfahrt saß ich ihr im Restaurant gegenüber –, im hellerleuchteten Lokal aber war ihre Miene sofort wieder wohlerzogen und fromm geworden. Ich schrieb etwas auf meine Papierserviette, da ich von der in meinem Herzen erwachten Liebe über den Tisch hinweg nicht reden konnte. Sie erwiderte durch eine Bemerkung auf derselben Serviette. Eine Übertrumpfung meiner heißen Liebesworte hatte ich erwartet. Was las ich aber – in steiler, großer Mädchenschrift: „Achtung und Freundschaft.“ Mit Ernst, ohne zu lächeln, reichte sie mir diese Antwort, die mich verblüffte.
Ihre Kühle, die durchaus nicht gespielt schien, reizte mich auf. Das prinzessinnenhafte Benehmen beim Essen, beim zierlichen Erfassen des Trinkglases, der vornehme Anstand, die gleichmäßige, beherrschte Freundlichkeit ihrer Worte, – war es nicht ein geradezu unglaubwürdiger Kontrast zu dem, was eben zwischen uns vorgefallen war? Wieder solch ein Widerspruch. Und wieder einer, der bei näherem Hinsehen dahinzuschmelzen schien. Sehr einfach: benimmt man sich denn nicht im dunkeln Wagen natürlicherweise anders als in einem eleganten Restaurant? Gerade das war ja das Besondere an Dora: daß der rasche Wechsel ihrer Stimmungen nie einen launenhaft willkürlichen Eindruck machte, sondern wie eine Naturnotwendigkeit wirkte, vor der man sich ganz klein erschien. Wenigstens gedanklich wollte ich aber den innigen Zusammenhang zwischen uns festhalten, der doch nach der eben erlebten leidenschaftlichen Szene nicht sofort verflogen sein konnte. An solche Unbegreiflichkeiten habe ich mich ja späterhin gewöhnen müssen. Damals aber war mir der plötzliche Umschwung noch zu neu; so spornte ich meinen armen Kopf, um das herauszufinden, womit ich sie fester an mich binden könnte. Ich sprach von ihrer Zukunft. In dieser einen Richtung wenigstens hatte ich mich nicht getäuscht: für sie und ihre Hoffnungen gab es in der Familie wirklich kein Geld, da alles nur den Erfolgen der Söhne dienstbar gemacht wurde. So konnte ich mit dem Vorschlag herausrücken, ihr die Mittel für ihre Bühnenausbildung zur Verfügung zu stellen, leihweise natürlich, bis zum ersten großen Engagement. An ihrem Talent zweifelte sie nicht, sie hatte schon mehr als einmal berühmten Lehrern mit Erfolg vorgesprochen. Doch in München konnte sie nicht studieren. Der Vater war durchaus dagegen, hielt sie als Assistentin im wissenschaftlichen Hilfsdienst fest, der ihr nur Langeweile und Qual bereitete. – Ein Einfall! Sie könne nach Berlin kommen – unter dem Vorwande, eine Stelle im Laboratorium meiner Fabrik anzunehmen. „Das wird Ihr Vater erlauben. Denn die Fabrik zahlt besser als die Universität. Und wenn Sie erst einmal in Berlin sind, können Sie tun, wozu Sie Lust haben.“ – Sie hatte gegen meinen Vorschlag, der mich selbst mit Seligkeit erfüllte, nichts einzuwenden. Doch entzückt war sie nicht. Das setzte mich aufs neue in Erstaunen. Wenn man einem Menschen die Erfüllung seines Traumes anbietet, den er eigentlich nur noch ungläubig im Herzen getragen hat, dann sollte doch eigentlich große Begeisterung zum Vorschein kommen. Dora aber sprach plötzlich von anderen Dingen. Ob ich die Glocken auf der Bühne gehört hätte, ob sie nicht auch mir wie Totenglocken geklungen hätten ... „Sie sind wahrhaftig Jorinde“, sagte ich und erzählte ihr von dem Mädchen, das plötzlich (das Märchen sagt noch gar nicht, worum) zu weinen und zu klagen beginnt. „Ja, das tue ich sehr oft“, erwiderte Dora und sah mir traurig, tief in die Augen. Da wurde mir wirklich ganz so bang wie beim Lesen des Märchens, wenn der Abend beschrieben wird, der hell ins dunkle Grün des Waldes hereinscheint, während die Turteltaube auf den alten Maibuchen gar kläglich singt, die beiden Liebenden aber sich im Sonnenschein hinsetzen (halb steht die Sonne noch über dem Berge, und halb ist sie unten) und in ihrer Bestürzung ihnen zumute ist, als ob sie sterben sollten. Da merken sie denn auch, daß sie sich schon zu nahe an das Schloß herangewagt haben, und todbang können sie sich nicht rühren, warten verzaubert auf das, was nun mit ihnen geschehen soll. – „Jorinde“, sagte ich und nahm ihre Hand. Sie hatte Tränen im Auge. „Sie sind so gut zu mir“, flüsterte sie, „und kennen mich doch noch kaum.“ Und nun ergaben wir uns beide einer süßen, schamhaften Niedergeschlagenheit, die uns näher zusammenbrachte als alle die heißen Küsse vorher; so hat es ja auch später manchmal, gerade wenn wir sehr traurig waren, solche kurze, innige Minuten gegeben, in denen das Fremde und Unverständliche zwischen uns in nichts zusammenfiel und Jorinde mir ganz menschlich, ganz so wie ich selbst erschien. „Eines versprich mir“, sagte sie dann, als ich sie durch dunkle Gassen heimbegleitete. „Wenn ich sterbe, mußt du mir ein weißes Kleid machen lassen, ganz aus schwerem, weißem Taft, – so viereckig ausgeschnitten wie das Kleid, das ich heute trage, – und eine Reihe weißer Rosen unter der Brust.“ Ich mußte es ihr versprechen, mußte die genaue Beschreibung wiederholen, auf die sie großen Wert zu legen schien. Die Sache mit dem Theater hatte sie ganz vergessen. Immer seltsamere Dinge waren es, von denen sie sprach. Ob ich nicht die Hände sähe, die nach ihr griffen, – aus den Häusern, aus den Haustoren hervor. Plötzlich begann sie zu laufen, als seien Verfolger hinter uns her. Ich durfte nichts reden. Sie hielt mir den Mund zu, jedem Wort von mir verwehrte sie durch energisches Schütteln ihres Kopfes schweigend den Weg. Sie lief sehr schnell und dabei so leicht, daß es aussah, als schwebten ihre Fußspitzen über dem nachtdunklen Pflaster. Ihr Gesicht war von furchtbarer Angst verzerrt. Mir wurde unheimlich ums Herz, denn alles, was ich ihr zum Trost begann, vermehrte nur ihr Entsetzen. So mußte ich schließlich stumm neben ihr herlaufen, um sie nur nicht ganz zu verlassen. Während sie mit ihrem Schlüssel hastig das Haustor aufsperrte, küßte ich ihre Hand. Sie sah mich nicht mehr an. „Jorinde, Jorinde“, rief ich, während sie wie geistesabwesend mit ihrer heißen Hand über meine Stirn strich und sich dann eilig an mir vorbei ins geöffnete Tor drängte.