Der Frühling, der diesem Herbst folgte, war dann die glücklichste Zeit meines Lebens.
Nicht unheimlich wirkte Jorinde auf mich. Nein, das war durchaus nicht der Grundzug ihres Wesens. Es ist nur ein Zufall, vielmehr eine Ungeschicklichkeit von mir, daß ich gerade diese eine unheimliche Szene so ausführlich geschildert habe. – Solche Szenen wiederholten sich zwar auch später noch zuweilen. Mehr als einmal schrie Jorinde aus dem Schlaf auf, ich mußte sie dann wecken, mußte anhören, daß ihr die heilige Mutter Gottes erschienen sei, zu der sie als strenge Katholikin oft betete, und daß Strafe und Unglück aus dem verehrten Mund der Immergnädigen auf sie niedergeregnet wären. – Einmal gar, auf einer unserer kleinen Reisen, als die gänzlich überflüssige bayrische Kriminalpolizei zum Morgenbesuch in unserem Zimmer erschien und das arme Mädchen durch die Frage: „Sind Sie die Frau?“ erschreckte, – sah sie nachher bei hellem Tageslicht ihre eigene Mutter hinter dem Fenstervorhang stehen und wie aus dem Grabe hervor drohend den vom Totenhemd umwehten Arm erheben.
Doch solche Märchen- und Legenden-Schrecknisse wirkten nie lange nach, versanken zum Glück ebenso unvermittelt, wie sie gekommen waren, und überließen uns schnell unserem holderen Schicksal, einer Liebesseligkeit, wie ich sie eigentlich nie für möglich gehalten habe.
In Berlin wurde Jorinde bald ganz mein. Eine Zeitlang widerstrebte sie natürlich, doch es war kein bösartiges Sichsträuben, es gehörte nur gleichsam mit zum Laufe der Dinge und ging vorbei wie ein leichter Frühlingsregen. Nach kurzem Kampf war sie dann ebenso hingebungsvoll glücklich wie ich. Ja, ein kindlicher Frohsinn, der sie in jenen Tagen ihrer Weibwerdung ergriff, hob sie über mich hinaus. Und wie er sie verschönte! Die bläulichen Schatten um die Augen, die Schalkhaftigkeit der Mundwinkel und hübsche Röte auf den sonst so blassen Wangen, – es war eine berückende Mischung von Wehmut und gesunder Lebensfreude.
Und mit welcher Kraft ergriff sie gleichzeitig das neue, tätige Leben. Eifrig nahm sie dramatischen und Sprechunterricht, studierte bei Held, und es gehörte gewissermaßen mit zu dem Glück, mit dem mir damals alles gelang, daß sie wirklich ein außerordentliches Talent bewies und schnelle Fortschritte machte. Alle Lehrer bewunderten die Reife ihrer Auffassung, die trotz ihrer kaum zwanzig Jahre von tiefster Instinktsicherheit zeugte und nur der technischen Schule, niemals irgendwelcher prinzipieller Anweisungen bedurfte.
So kam der Plan, den ich in der Münchener Reginabar nur in die Luft skizziert hatte, ohne an ihn zu glauben, mit voller Ausführlichkeit zu wirklichem Leben. Alles traf ein, was ich mir in jener hellsichtigen Stunde vorgenommen hatte, – wie es überhaupt im Wesen unserer Beziehung zu liegen schien, daß alles Äußere, alles Umrißhafte immer tadellos „klappte“, – so zum Beispiel haben wir (um eine Kleinigkeit zu nennen), bei Verabredungen einander fast nie verfehlt, selbst bei komplizierten Reiseverabredungen nicht, zu denen wir von verschiedenen Städten aus zu bestimmter Stunde an einem bestimmten Bahnhof erscheinen mußten. Das alles ging immer exakt und so leicht, – ich selbst hatte zwar manchmal einige Angst, daß Jorinde nicht kommen würde, denn sie war keine Freundin von unterstrichenen Zusagen, warf nur wie von ungefähr ein „Ja“ hin und mochte dann über dieselbe Sache nicht zweimal reden, – aber später legte ich diese Art von Bangigkeit ab, da ich merkte, daß derartige Dinge äußerer Natur sozusagen ausnahmslos gut abliefen, daß seltsamerweise sogar dann, wenn ein Mißverständnis vorkam, die drohende Störung durch ein anderes, in entgegengesetzter Richtung wirkendes Mißverständnis gutgemacht zu werden pflegte. Übrigens diente diese Leichtigkeit des äußeren Rahmens, diese Leichtigkeit, die mir wie eine zarte Ausstrahlung von Jorindes Wesen erschien, gleichsam nur dazu, um das im Kern Unentwirrbare und Problematische unserer Liebe um so deutlicher hervortreten zu lassen. – Und dennoch: auch heute kann ich es nicht als Fehler ansehen, daß ich damals mein ganzes Herz diesem zauberhaften Geschöpf zugewendet, daß ich förmlich alles auf die eine Karte gesetzt habe. Das Glück, das sich mir anbot, war zu groß, als daß ich es nicht mit ganzer Kraft der Seele hätte ergreifen müssen. Käme ich heute noch einmal in dieselbe Lage: ich würde keinen Augenblick zögern, mich genau ebenso zu entscheiden, würde noch einmal alle Tiefen und Höhen des Gefühls in eine, eine einzige Richtung werfen, dem leuchtenden Stern entgegen, dessen blauer Blick mit so schmeichlerischem Segen und Wohlgefühl und Gelingen mich angelockt hat.
Ja, in dieser guten ersten Zeit gelang alles, und es ging ganz merklich aufwärts mit mir. Kräfte wuchsen mir zu, und es setzte mich nicht in Erstaunen, daß auch in meinem Beruf Erfolg auf Erfolg eintraf. Bald konnte ich die Fabrik nicht unbeträchtlich vergrößern, überseeische Verbindungen neu anknüpfen. Auch meine wissenschaftlichen Forschungen nahm ich wieder auf.
Diese Forschungen, – nun, sie haben schließlich doch zu keinem Ergebnis geführt, und so wäre es lächerlich, mich hier über sie auszulassen. Nur so viel sei gesagt, daß mir eine bessere Ausnützung der in den Lebensmitteln enthaltenen Energien vorschwebte. Verbilligung des Genusses, allgemein ausgiebigere Volksernährung und Volksgesundung wären die Folgen gewesen. – Es ist nichts, gar nichts daraus geworden. Die wahnsinnige Inanspruchnahme durch kommerzielle Sorgen für meine Fabrik hat mir niemals recht Zeit dazu gelassen, meinen Ideen und Anfangsversuchen nachzugehen. Trotzdem glaube ich (soweit man in solchen Dingen über sich selbst Klarheit haben kann), daß ich für die Fabrik nur gearbeitet habe, um Geldmittel zur Wiederholung meiner Experimente im allergrößten Umfang zu erlangen. Daneben war ich ja freilich fanatischer Geschäftsmann, von meinem Vater zu nichts anderem als kaufmännischen Interessen erzogen. Und jahrelang hatte ich mich mit einer Art von Verbohrtheit (von einer gewissen Vorliebe für Musik und besonders häusliche Kammermusikaufführungen abgesehen) ausschließlich nur im Kreis des von ihm gegründeten Familienunternehmens bewegt. Ich wäre geradezu menschenscheu geworden, wenn nicht ein gewisser Verkehr mit Geschäftsfreunden notwendig gewesen und durch diesen Verkehr der Weg in die Garderobe galanter Theaterschönheiten nahegebracht worden wäre. Meine Liebesabenteuer aber, die ich regelmäßig viel zu ernst nahm, hatte ich damals nur als Störung in dem forschen, nervenerregenden Großbetrieb der Fabrik empfunden, diese wieder als Störung meiner wissenschaftlichen Bestrebungen – und zuzeiten auch wieder umgekehrt. Erst durch Jorinde war in das ganze Chaos mit einemmal Ordnung eingezogen. Sie, sie war der Mittelpunkt, – ihr, die ich schon im Glanz des ihr sicheren Künstlerruhms sah, wollte ich mich durch große Entdeckertat an die Seite stellen, – die Fabrik sollte als sichere finanzielle Grundlage für meine wie auch ihre Bestrebungen ausgebaut werden. Nun stand plötzlich alles in dem richtigen Unter- und Überordnungsverhältnis ein für allemal fest, die Liebe als Beherrscherin inmitten meines ganzen Seins. Von diesem Zeitpunkt glaubte ich eigentlich erst mein wahres Leben zu beginnen, – vorher hatte es nur ein mechanisches Herumtappen gegeben. Erst die Liebe zu Jorinde machte mich gleichsam darauf aufmerksam, daß das Leben etwas ist, was einen tiefen Wert haben kann. Ich lebte nur um dieser Liebe willen. Um der Liebe willen wurde mir natürlich auch noch vieles andere wichtig. Aber nur um der Liebe willen. Liebe ist der Atlas, der den Menschen und alle seine Lebensäußerungen tragen muß, sollen sie nicht zur Lüge werden und sich gegen ihn und sein Aufblühen kehren. – Ich brauche nur die sinnlose, zerfahrene Art, in der ich vor Jorindes Erscheinen arbeitete, mit meinen methodischen, freudigen, innerlich als notwendig empfundenen, ehrlichen und deshalb wohl auch erfolgreichen Unternehmungen nachher zu vergleichen, – um die Wahrheit dieses Satzes (für mich wenigstens) einzusehen. Diese ganze Wandlung und das Glück, das damals alle meine Vorsätze und Wünsche begünstigte, schien mir übrigens durchaus nicht so besonders verwunderlich. Es muß doch irgendwie auch im Erfolg zum Ausdruck kommen, wenn man mit einer Göttin lebt.