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Leben mit einer Göttin

Chapter 6: 5
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About This Book

A detained first-person narrator addresses his defender and confesses to killing a man who had been almost unknown even to his wife, then proceeds to narrate the events and motives that led to the deed. He interweaves factual detail with introspective reflection on obsession, desire, and guilt, exploring how an idealized female figure and strained family relations destabilize his life. The account mixes confession, philosophical rumination, and social observation as the narrator alternately seeks exculpatory facts and accepts culpability, ultimately presenting a candid psychological portrait of remorse and isolation.

 

Wie selig machte mich Jorindes Liebe; aber ihr oft überschwenglich geäußerter Dank beschämte mich. Selbstverständlich tat ich alles für sie, wonach sie nur den leisesten Wunsch äußerte, – während von ihrem Vater niemals ein Zuschuß eintraf, vielmehr verlangt wurde, daß sie die Kosten ihres Berliner Aufenthalts mit ihrem Gehalt aus dem angeblichen Posten in meiner Fabrik bestreite. Aber hätte ich nicht gern noch viel mehr für sie getan! Sie war ja so bescheiden in ihren Ansprüchen, – und obendrein auch noch Dank? Nebstdem: alle Dienste, die ich ihr erweisen konnte, verwandelten sich gleich auf der Stelle in ebenso viele Glücksfälle für mich. So war es nun einmal, weder sie noch ich wären imstande gewesen, etwas dazu oder hinweg zu tun. Von meiner Freude über ihre gut fortschreitenden dramatischen Studien war schon die Rede. Aber bis in unwichtige, halbspielerische Kleinigkeiten reichte diese seltsame Verkettung von Dienst und sofortigem Lohn. (Wer kann übrigens von Angelegenheiten der Liebe sagen, daß diese wichtig, jene unwichtig sei.) Ging ich etwa mit ihr ins Theater, – welch ein Genuß für sie; aber für mich doch nicht minder, ihre jugendliche Begeisterung einzuatmen oder dies eine nur: – ihre Gegenwart zu fühlen! Und welch ein Glück, an ihrer Seite die großen Modeateliers zu besuchen, unermüdlich Modellkleider anzusehen. Es ist seltsam: man kann derartiges nicht sagen, ohne daß sich ein frivoler Nebenton einmischte. Und doch erlebt man es in aller Innigkeit und Herzenseinfalt, ganz ohne diesen Nebenton, und gerade das ist ja das Schöne dabei. Wäre ich Schriftsteller, ich würde über der Beschreibung einer solchen Episode verrückt werden. Aber vielleicht haben gerade nur die Schriftsteller durch ihr ewiges Herabsetzen aller Gefühle, die man in der Stadt erlebt, durch ihre an sich berechtigte, aber zu absichtlicher Kontrastwirkung mißbrauchte Lobpreisung ländlichen Glückes es verschuldet, daß man diese Dinge in ihrer lauteren Süße zwar empfinden, aber nicht ausdrücken kann. Wie dem auch sei: Reinheit und unendliche Liebeserfülltheit brausten in mir bei diesen Besorgungsgängen durch Warenhäuser und das nüchterne Ankleidekabinett war mir kein unpassenderer Hintergrund für meiner Seele Entzücken als etwa einem jungverliebten Bauernpaar abends der Lindenbaum vor dem Dorf. Ja, nicht anders war mir zumute, wenn ich – als rechtmäßiger Gatte – ins Probierzimmerchen mitgenommen wurde, unter Vorantritt einer ältlichen, geschäftsmäßig lächelnden, sehr höflichen Verkäuferin, – wenn ich nun in einem Sessel zur Seite Platz nahm und, während Dora ihr Kleid abtat, ihre weißen, ganz zarten, wie für Vogelflug gebauten Schultern und das kleine, kaum sichtbare blonde Nest unter ihnen bewunderte, – die tiefe, geschmeidige Teilungslinie oben in der Mitte des Rückenanfangs –, und nun konnte ich oder mußte vielmehr recht gleichgültig tun – in einer Situation, die ich sonst nur in Zittern und Herzklopfen erlebe, – mußte mich soweit beherrschen (und es ging ja ganz leicht), nur hie und da eine sachkundige Bemerkung zu machen, nur hie und da, scheinbar ganz nachlässig und zufällig, in die Spiegel zu schauen, die im äußerst vorteilhaft aufgefangenen Tageslicht dieses sonst ganz schmucklosen Raumes meine Geliebte mit jedem neuen Kleid, das sie an- und ablegte, in immer neuer Schönheit, ja wie das Urbild alles Lächelns, aller Grazie auf Erden erstehen ließen. – Ich glaube: in einer einzigen solchen Stunde offenbarte sich mir von Kräften und Stolz der Schöpfungspracht mehr als in meinem ganzen Leben zuvor. Und es berührte mich seltsam, daß mir Jorinde nachher für ein einfaches Kostüm oder ein Sommerkleid dankte, das wir mitnahmen. Aber solches unauffälliges Hinweggleiten über den wahren Tatbestand gehörte vermutlich mit zum Wesen ihrer Göttlichkeit.

Dieses unauffällige, in sich verborgene Wesen, – in aller Stille hat es auf mich gewirkt, mich belehrt, in manchem vielleicht auch umgewandelt, soweit eben bei so entgegengesetzter Anlage ein Wandel überhaupt noch möglich ist. Von Anfang an war ihm ja meine großstädtische Hast, meine Nervosität, mein ewiges Drängen und Nachdrückenwollen durchaus entgegengesetzt. – Das zeigte sich sozusagen bei jedem Schritt. Fuhr ich mit Jorinde in der Elektrischen, so konnte ich sicher sein, daß ich schon einige Minuten vor der Haltestelle aufsprang, um mich zwecklos und geradezu krankhaft im Wagen zwischen den Menschen hin und her zu drehen. Jorinde dagegen blieb geduldig und mit einem gewissen Behagen auf ihrem Platz, stand erst dann auf, wenn es nötig wurde, um ruhig und ohne jemand zu stören auszusteigen. Wir sprachen nie über diese Beobachtung. Ich aber weiß seither, daß man die Menschen in zwei Gruppen einteilen kann, und daß in dieser Unterscheidung mehr Weisheit liegt als in so manchen gründlichen Charakteristiken. Es gibt Menschen, die in der Elektrischen bis zur Haltestelle sitzenbleiben und solche, die viel zu bald vorher aufstehen.

Von Jorinde habe ich gelernt, nicht immer und allem zuvorkommen, nicht immer nachhelfen zu wollen. Es kam etwa so: wenn wir stritten und ich ihr nachher gut zuredete, auch wohl manchmal mich entschuldigen wollte, so hörte sie immer nur in stummem Zorne zu oder wandte sich ganz ab. Einige Stunden oder den ganzen Tag nachher kam kein Wort von ihren Lippen. Mochte ich mich anstellen, wie ich wollte: es half nichts. Am Tag darauf aber sprach sie schon mit mir, sprach von gleichgültigen Dingen, wich auch dem eigentlichen Streitgegenstand nicht aus und redete recht vernünftig von ihm, gar nicht mehr gereizt. Auch gab sie öfters zu, unrecht gehabt zu haben, ohne dies aber für eine besonders wichtige Eröffnung zu halten. In den folgenden Tagen nahmen dann ihre Worte immer mehr den zärtlichen, weichen Klang an, der mir unentbehrlich war, und nach Ablauf seiner gewissen, bald längeren, bald kürzeren Zeit war das gute, alte Einvernehmen vollständig wiederhergestellt, – obwohl es am Anfang immer so aussah, als sei der Bruch ein endgültiger. Auch war sie dann imstande, sich ganz und gar vor mir zu demütigen, mir abzubitten oder durch ganz besonders liebevolle Einfälle ihre Hingabe auszudrücken, so daß nicht selten ein Glücksrausch, eine Steigerung, die ich gar nicht mehr für denkbar gehalten, das Ende solcher Zerwürfnisse war. Dieses glückliche Ende aber irgendwie zu beschleunigen, die qualvolle Wartefrist abzukürzen, – das lag gänzlich außerhalb aller Möglichkeiten, mochte sich dieser Vorgang noch so oft abgespielt haben und sein Verlauf immer genau derselbe sein. Spät erst erkannte ich das und lernte, daß es keinen Zweck habe, auf ein Geschehen drücken zu wollen, das seinen naturgesetzlichen Gang nehmen muß. Wie ein Gewitter losbricht und in der Zeit seines Wütens als etwas Ewiges am schwarzen Himmel steht, durch keine Macht der Welt wegzubringen, wie es aber dann doch vorbeizieht und erfrischte, klare Luft nachher den vollen Sonnenschein herausbringt, als sei gar nichts geschehen, – so schwangen bei einem gesunden Menschen wie Jorinde Gemütserregungen allmählich aus, von Argumenten freilich unbeeinflußbar, desto zugänglicher aber dem ruhigen Walten der großen Natur, die ganz von selbst auf Störungen neuen Frieden folgen läßt. Dies lernte ich. Lernte: abwarten. Lernte: nicht gleich trostlos werden, nicht gleich den Kopf verlieren, wenn Jorinde mir fern und unverständlich war. Lernte überhaupt: ein gewisses Zutrauen zur Natur. Lernte gleich auch eine ganze Fülle von Nutzanwendungen dazu.

Wenn zum Beispiel eine Frau etwas Allgemeines oder auf die Zukunft Bezügliches sagt, so gilt es doch nur für den Augenblick. „In Pärken küßt man nicht“, sagte Jorinde einmal ganz streng. Aber es war gar nicht so gemeint, es bedeutete nur: „Heute und hier habe ich zufällig keine Lust, mich von dir küssen zu lassen.“ Man muß die Ausdrucksweise der Frauen richtig verstehen. Frauen reden ja nur scheinbar dieselbe Sprache wie wir, dieselben Worte bedeuten bei ihnen oft ganz anderes als im Redegebrauch der Männer. Als wir damals auf der Reise den kleinen Konflikt mit der Kriminalpolizei hatten (schon ihr Name eine Taktlosigkeit), geriet Jorinde in begreifliche Aufregung und rief: „Nie mehr, nie mehr reise ich mit dir zusammen wie Mann und Frau.“ Es wäre ganz verfehlt von mir gewesen, daraufhin traurig zu werden, an der Fortdauer ihrer Liebe zu zweifeln und so fort. Was sie gesagt hatte, bedeutete ja, in meine Sprache übersetzt, nichts als: „Es ist mir augenblicklich etwas sehr Peinliches zugestoßen.“ Über die Gegenwart sagte es etwas aus, gar nichts für die Zukunft ... Ach, mein Gott, wie hübsch läßt sich das alles niederschreiben und dozieren. Nur vergesse ich dabei, daß mein Unglück wahrscheinlich doch nur darauf beruht, daß ich schließlich kein mehr als durchschnittlicher Schüler gewesen und Jorindes Kurs zu bald entlaufen bin.

Denn dieser Kurs war manchmal sehr schwer. – Ja, es scheint mir zuweilen, als hätte ich nur einige Äußerlichkeiten ihres göttlich stillschweigenden Unterrichts erfaßt, – die Hauptlehren aber seien mir unzugänglich geblieben. Unzugänglich, rätselhaft und so gefährlich, daß ich schließlich an Unkenntnis ihres geheimen Kerns untergehen mußte.