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Leben mit einer Göttin

Chapter 8: 7
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About This Book

A detained first-person narrator addresses his defender and confesses to killing a man who had been almost unknown even to his wife, then proceeds to narrate the events and motives that led to the deed. He interweaves factual detail with introspective reflection on obsession, desire, and guilt, exploring how an idealized female figure and strained family relations destabilize his life. The account mixes confession, philosophical rumination, and social observation as the narrator alternately seeks exculpatory facts and accepts culpability, ultimately presenting a candid psychological portrait of remorse and isolation.

 

Im nächsten Herbst schon, vor einem Jahr also, bekam Jorinde ihr erstes Engagement. Und damit war die Blüte meines Glückes dahin. Denn nun mußte sie von Berlin weg. An ein kleines Theater, nach Augsburg.

Es war natürlich auch Freude dabei. Ich hatte es ja gewünscht, daß sie bald anfangen möge. – Der Agent, der Dramaturg, sogar der Direktor, denen sie vorsprach, erklärten sie für ein Genie. Durch diesen ersten schnellen Erfolg war ja eigentlich das erreicht, was ich immer ersehnt, was ich ihr in ihren gewissenbedrückten Stunden vorausgesagt hatte: die Hilfe, die ich ihr geboten, war geadelt, war vor jeder Selbstprüfung und dem Forum der Welt, soweit sie künstlerisch und einigermaßen vorurteilslos empfand, glänzend gerechtfertigt. Sie brauchte sich nicht mehr zu schämen, von mir Geld angenommen zu haben ...

Dieses schmutzige Geld – wie oft hatte es sie gepeinigt, aber auch mich. Denn Geld beschmutzt ja nicht nur den, der es nimmt, mehr noch (ich wiederholte ihr das so manches Mal) den, der es gibt, wenn er es als Kaufpreis für Liebe gibt. „Ich bin eine Dirne, ich nehme Geld von dir“, schrie Jorinde in einem ihrer bösen Augenblicke. „Und was bin dann ich,“ sagte ich, „wenn ich dir Geld für Liebe anbiete?“ – Es lag klar zutage: Unsere Beziehung konnte nur durch eins gerettet werden, – dadurch, daß wir wußten, wie unabhängig unsere Liebe von der zufällig danebenherlaufenden Tatsache war, daß Jorinde Geld brauchte und ich es im Überfluß besaß. Das aber war eine Angelegenheit, die jeder von uns beiden nur mit sich selbst ausmachen konnte, für seine eigene Person; dem anderen konnte er, mußte er glauben, – wiederum dieser Glaube ohne Möglichkeit eines Beweises!

Ich kann wohl sagen, daß Jorinde an all dem nie so sehr gelitten hat wie ich. Und namentlich seit ihr das Engagement in Augsburg zeigte, daß sie den richtigen Weg eingeschlagen hatte, schienen ihre letzten Skrupel verschwunden. Tatsächlich hatte sie ja niemals daran zu zweifeln gebraucht, daß meine Liebe zu ihr mit dieser ekelhaften Geldsache nicht im geringsten zusammenhing. – Wie aber stand es bei ihr? Ich hatte zuweilen das Gefühl, daß in ihre Art, mich zu lieben, viel Dankbarkeit mit hineinspiele. Sie empfand ja gewiß nicht etwa Dankbarkeit allein. Wohl aber Liebe und Dank nebeneinander, so argwöhnte ich. Mußte mir aber gleichzeitig sagen, daß es unnatürlich gewesen wäre, wenn sie von Dankbarkeit unberührt geblieben wäre. So war es also wohl richtig, wie es war, – dennoch quälte es mich. Und namentlich in der Augsburger Zeit, als das tägliche Beisammensein, der allerinnigste Zusammenhang wegfiel, als zu der allgemeinen Unsicherheit unseres Verhältnisses auch noch die furchtbare Last der Abwesenheit trat, – da wuchs sich dieser Gedanke zu einem Gespenst aus, das mir den Schlaf raubte: Wie kann man es ertragen, daß man niemals weiß, wieweit am Gefühl der liebenden Frau Liebe und wieweit Dankbarkeit Anteil hat? – O wie glücklich wäre ich gewesen, wenn ich mir hätte sagen können: ich habe sie niemals auch nur mit dem geringsten unterstützt, im Gegenteil, – ich bin auf ihren Beistand angewiesen, und dennoch liebt sie mich. Wohl wußte ich um das Nichtige meiner allzu feinen Bedenken. Sie waren so unlebendig; das Leben bleibt ja von unseren Worten „Liebe“, „Dankbarkeit“ und dergleichen unberührt, die Gefühle fließen ineinander und, was wir für unvereinbar halten, gleicht sich in steter Bewegung aus. Zudem hatte ich Jorinde in solcher Verzückung bei mir gesehen, daß es wirklich blasphemisch war, an ihr und an meinem Glück herumzukritisieren. – Warum nur kommt etwa Casanova niemals auf ähnliche Gedanken! Und viele seiner Geschichten (die ich im Gegensatz zur allgemeinen Meinung durchaus nicht für frivol, sondern für höchst erzieherisch halte) nehmen den Verlauf, daß er ein Mädchen aus schrecklicher Gefahr, aus den Händen eines gewissenlosen Entführers rettet, – oder daß er einer Pariser Bürgerfrau, die ihn zuerst gar nicht mag, ihre Waren zu teuersten Preisen abkauft, bis der Gatte selbst mit den gekauften Strümpfen auch die Frau ihm zuschickt, – was Casanova nicht hindert, das Abenteuer köstlich und die Frau sehr verliebt zu finden. Natürlich hat sie ihn dann auch wirklich geliebt, er muß ja bezaubernd gewesen sein. Sein Zauber lag aber (unter anderem) auch darin, daß er sich nie so wie ich den Kopf zerbrochen hat, ob und wie Liebe und Dankbarkeit im Herzen einer Frau miteinander auskommen.

Diese ganze Geldfrage spielte übrigens immer nur eine kleine Nebenrolle in der großen Unsicherheit, die ich Jorinde gegenüber empfand. Ich erwähne sie an dieser Stelle nur, weil sie in der Berliner Zeit eine gemeinsam getragene Last gewesen war, seit dem Augsburger Engagement aber auf mich allein zurückfiel. Obwohl Jorinde von da an meine Hilfe natürlich erst recht benötigte. Nicht nur als Zuspruch und männlichen Rat in den ersten Krisen mangelnden Selbstvertrauens, wie sie jeder Anfänger erlebt, – auch in ganz grob wirtschaftlichen Dingen noch, zum Beispiel für die ersten Theaterkostüme. Denn sie spielte zwar die größten Rollen, wurde aber schlecht bezahlt. (Seltsamerweise war „Iphigenie“ die erste Bühnengestalt, in der sie mir entgegentrat, – ich fühlte mit Thoas, der nicht Dank will, sondern Liebe – ich benützte ja damals, da Jorinde nicht mehr dauernd bei mir war, schon jede noch so unwahrscheinliche Gelegenheit, um mich unglücklich und verstoßen zu fühlen.) – Zunächst aber konnte ich ihr noch viel wirksamer als durch Geschenke beistehen. Ich focht ihren Kampf gegen die Familie aus. Da ihr Auftreten in dem München nahegelegenen Augsburg ohnehin nicht mehr verborgen bleiben konnte, setzte ich durch, daß man ihr alles erlaubte und das Studium, von dem man erst jetzt erfuhr, nachträglich verzieh. Ihr Verhältnis zu Vater und Brüdern wurde seither noch kühler, – hatte ja aber niemals einer besonderen Wärme bedurft, um sie zeitweilig dennoch ganz in den Bann ihrer Jugenderziehung zu schlagen und mir zu entfremden.

Entfremdung, Entfremdung – das war das Leid, das damals eine neuerliche Steigerung erfuhr. Schon in unmittelbarer Gegenwart hatte ich mich ja nicht immer mit Jorinde verständigen können. Die Verschiedenartigkeit der Lebenskreise und Lebenskräfte, denen wir entstammten, kam in allem zum Vorschein. Sogar im Sprachgebrauch. Einmal hatte ich sie, halb im Scherz, halb ärgerlich ein „eigensinniges Frauenzimmer“ genannt – und sie war tief beleidigt in Tränen ausgebrochen, behauptete (und ließ es sich nicht widerlegen), daß „Frauenzimmer“ eine „Gefallene“ bedeute, was wieder mit anderen Gedankengängen zusammentraf, die ihr manchmal das Herz bedrückten. Solche Mißverständnisse, schon wenn man einander gegenüberstand! Und nun vollends, da wir auf nichts anderes mehr als Worte angewiesen waren, in Briefen, – nun lagen Fehlgriffe kaum vermeidbar nahe. Jedes einigermaßen lebhafte Wort konnte verletzen, jede stürmisch und wahrhaftig geäußerte Liebessehnsucht als „zu materiell“ mißfallen. Nach einigen Anstößen dieser Art, für die Jorinde jedesmal durch längeres Stillschweigen strafte, gewöhnte ich mir denn auch eine ängstliche, geradezu abgezirkelte Ausdrucksweise meiner Briefe an, schrieb nie mehr eine Zeile aufs Geratewohl so hin, wie mir ums Herz war, sondern bedachte Folgewirkung und Eindruck auf die Geliebte, machte Konzepte und ging so weit, Abschriften meiner Briefe zurückzubehalten, um mich nachher gegen etwaige Vorwürfe verteidigen zu können. – Solche Vorsichtsmaßregeln erschienen mir ja zunächst entwürdigend. Überlegte ich aber, welche mit nichts anderem zu vergleichende Wichtigkeit die ungetrübte Fortdauer dieser Liebe für mich besaß, so fand ich mich schließlich in das Notwendige und sagte mir dann wohl auch zuweilen, um mich zu trösten: daß ein Briefwechsel mit einer Göttin billigerweise anderen, strengeren Gesetzen unterworfen sein müsse als einer zwischen gleich und gleich.

Wären ihre Briefe wenigstens regelmäßig gekommen, dreimal in der Woche, wie wir es verabredet hatten! Aber Ordnung war in diese an sich einfach anmutende Sache auf keine Art hineinzubringen, und jeden ihrer Briefe habe ich bis in die letzte Zeit hin wie ein Geschenk aus der Hand des Briefträgers entgegengenommen – woran ja schließlich nichts Ungeziemendes war. Wäre dieses Geschenk nur immer dagewesen! Oh, alle Tücken der Post und Eisenbahn habe ich in diesen Monaten kennengelernt: Verspätungen, Fehlbestellungen, Verlust. Manchmal bildete ich mir ein, der ganze Betriebsmechanismus habe sich gegen meine Sehnsucht verschworen, – und gerade dann, wenn ich aufs allerdringlichste Antwort auf einen meiner bang fragenden Briefe erwartete, gerade dann brach etwa der Generalstreik aller Verkehrsmittel aus. Freilich, welche ihrer Antworten hätte ich nicht aufs allerdringlichste erwartet! – Dieses Warten nahm mir zuzeiten meine Arbeitslust, dörrte mich aus, ließ mich weder schlafen noch essen. Jorinde aber erschien ganz schuldlos an meiner Qual, die ihr dann immer auch sehr leid tat, sobald sie von ihr erfuhr. Warum war ich denn gar so ungeduldig und ungestüm! „Ich kann Dir nicht alle Tage dasselbe schreiben,“ lautete ihre vernünftige Antwort auf meine sinnlosen Telegramme, „es ist wohl auch nach meinem Dafürhalten infolge der sicheren Beweise, wie Du sie hast, überflüssig.“ Oder ein andermal: „Verzeih mir. Ich unterhalte mich im Geiste immer mit Dir. Da dachte ich, daß ich Deinen letzten Brief schon beantwortet hätte. Heute lese ich ihn nochmals und finde zu meinem Schreck, daß er noch unbeantwortet ist.“ – Nichts einfacher als das! Ach, in ihrem Gemüt lag ja alles so sicher und klar in einer Ruhe, die mir freilich vollständig unerreichbar blieb, die mich aber doch wenigstens einigermaßen hätte zur Besinnung bringen können und zur Anerkenntnis, daß Jorinde ihre Gefühle auf andere Art ausdrücken mußte als ich. Das verstand ich auch, theoretisch gewissermaßen; kam aber dann drei Tage lang keine neue Nachricht, so verloren ihre so lieben Worte, die geschriebenen, ihre Kraft. Eine geheimnisvolle Mattigkeit umschleierte die Buchstaben. Ich las und las die Briefe noch einmal, las alle ihre Briefe von Anfang an, aber selbst so süße unumwundene Geständnisse wie das von den „sicheren Beweisen“ erschienen mir zwar reizend, zauberten mir Jorindes ganze natürliche Unbefangenheit vor Augen, vermochten aber meinen Durst nach neuen Beruhigungen nicht zu löschen. So lebte ich statt von einem Vorrat alten Vertrauens immer nur gleichsam von der Hand in den Mund. Mein Fehler, – ich weiß es wohl. Weiß aber zugleich, wie er mit dem ganzen Aufbau dieser gefahrvollen Liebe zusammenhing.