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Leben mit einer Göttin

Chapter 9: 8
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About This Book

A detained first-person narrator addresses his defender and confesses to killing a man who had been almost unknown even to his wife, then proceeds to narrate the events and motives that led to the deed. He interweaves factual detail with introspective reflection on obsession, desire, and guilt, exploring how an idealized female figure and strained family relations destabilize his life. The account mixes confession, philosophical rumination, and social observation as the narrator alternately seeks exculpatory facts and accepts culpability, ultimately presenting a candid psychological portrait of remorse and isolation.

 

Beim Zusammentreffen dann, – dieser unschuldige Blick der kindlichen Augen! Das schmale blasse Gesicht, in das der Genius der Aufrichtigkeit selbst die reinen Triumphbögen der Augenbrauen eingezeichnet zu haben schien! – Wie hatte ich da nur zweifeln können, woran denn eigentlich, ich Narr! Sagte mir nicht das erste hingebungsvolle Aufschimmern dieser Augen, an der Bahnsteigsperre, im Menschenknäuel noch, in dem sie mich erwartete: – sagte es mir nicht unverstellt und blumenrein: Ich liebe dich ... Und dieser erste Kuß, auch noch im Menschengewirr, im unterirdischen Durchgang unter den Schienen, dieser hastige, aber nicht ganz kurze Kuß, in dem sich mir mit ihren sich öffnenden Lippen die ganze Wärme ihres Inneren erschloß, gleichsam der einzige Wärme- und Lebensherd inmitten einer kalten, halb erloschenen Welt.

Nur einmal im Monat oder höchstens in drei Wochen trafen wir einander. Ich holte sie nur ab, und wir fuhren dann in eine nahe Stadt. Denn in dem kleinen Augsburg war sie schon allzu bekannt. Es hätte Aufsehen erregt, wenn sie sich mit einem Fremden gezeigt hätte. Wir hätten nirgends unbeobachtet miteinander reden oder speisen können. Am wenigsten durfte ihre Hauswirtin von mir wissen. – Kurz, wir waren lästigerweise aus ihrem Wohnort ausgewiesen, und da dann doch immer zumindest zwei, drei Tage mit solch einem Ausflug hingingen, war es nötig, die Zusammenkünfte einzuschränken; denn Jorinde konnte sich natürlich nicht leicht von Proben und abendlichem Auftreten frei machen. Um sie in den schwierigen Anfängen ihrer Laufbahn nicht zu stören, verzichtete ich lieber, drang nicht auf häufigeres Beisammensein, reiste bald ab, selbst wenn sie mich zurückhalten wollte, – reiste zurück in meine nördliche Sehnsuchtseinsamkeit.

Es gab keine Sentimentalität des Abschieds, die ich nicht mit ganzer Seele erlitten hätte. Ihr winkendes Taschentuch, das mit der Bahnhofshalle zurückblieb, verlor ich nicht eine Sekunde aus dem Auge. Verschwand es, so fühlte ich, wie im gleichen Moment der Tod in meinem Herzen sich festsetzte.

Und dann – allein sein! Wie es fassen, daß ich in Berlin, in meiner kalten Wohnung erwachte, mich wusch, um mein Frühstück klingelte ... und während dieser ganzen Zeit nicht wußte, was Jorinde tat! Oft ergriff mich grenzenloses Staunen: ich fühlte Jorinde so sehr als Teil meines Daseins, fühlte mich so ganz ihr zugetan, daß es mir unbegreiflich vorkam, kein Bewußtsein davon zu haben, was in diesem Augenblick mit ihr geschah. Unmöglich, daß ich so selbständig hier – und sie in einer anderen Stadt – jeder für sich hinlebte. Da fehlte offenbar ein Organ – ein Organ seelischen Zusammenhangs. Während in meiner Seele alles dafür vorbereitet war, mit Jorinde auch in die Ferne hin innigste Verbindung zu bewahren, war durch irgendeinen albernen Zufall rein körperlich die Vorrichtung an meinem Leib nicht vorhanden, die das ermöglicht hätte. O namenloses Grauen, das mich dann befiel; die ganze Welt erschien mir im Entwurf fehlerhaft, – mir war, als hätte ich hinter die Kulissen der Schöpfung geschaut und dort einen Fehler, ein Flüchtigkeitsversehen bemerkt. Denn eigentlich hätte es doch so sein müssen, daß ich durch Signale oder sonstwie von jedem Schritt, den Jorinde ging, Kunde erhielt. Damit, daß es so etwas nicht gab – obwohl doch in meiner Seele offenbar alle Vorbedingungen dafür gegeben waren, – mit dieser Lücke in meinem Organismus oder im Weltplan habe ich mich nie versöhnen können.

O verzweifelte Anstrengungen, die ich machte, um mir Jorinde in voller Lebendigkeit vorzustellen. – An den ersten Trennungstagen sah ich sie ja noch ganz leibhaftig vor mir. Einige ihrer Mienen, einige Bewegungen waren gleichsam noch an meiner Netzhaut haftengeblieben: wie sie leicht vorgebeugten Ganges in einem hellgelben Kleid vor mir aus der Konditorei trat, in der Tür die Schultern ein wenig nach vorn zog – oder ihr Lächeln, wobei in der einen Wange ein Grübchen erschien, in der anderen nur die Andeutung davon. Das alles sah ich an den ersten Tagen deutlich, ohne mein Dazutun. Dann aber konnte ich mich nur noch förmlich abstrakt an sie erinnern. Ich wußte zwar noch: „Weiße Stirn“, – aber das Weiß sah ich nicht mehr. Die ermüdete Netzhaut lieferte gleichsam keine Kopien der Originalaufnahme mehr. Auch erinnerte ich mich dann nur noch an Bewegungen, die ich mir schon in den ersten Trennungstagen vergegenwärtigt hatte; kein neues Bild kam mehr dazu, – während in den ersten Tagen die heranschwebenden Bilder wie aus einer unendlichen Fülle der kürzlich erlebten lieblichen Wirklichkeit aufzusteigen schienen, eine ganz zufällige Auswahl nur, durch andere Erinnerungen ablösbar. Aber an diese zufällige Auswahl der ersten Tage blieb ich dann unerwarteterweise gebunden. Nur noch an Erinnerungen erinnerte ich mich. Weshalb ich später schon von vornherein darauf bedacht war, mir in den ersten Tagen nach dem Abschied recht viele verschiedenartige Augenblicksansichten Jorindes ins Gedächtnis zurückzurufen. Oh, ein Wahnsinn, ein verderblicher Kult, dem ich mich da ergab. Ohne ihn aber hätte ich nicht mehr leben können. – Ich bat Jorinde auch um Photographien, erhielt eine ganze Anzahl aus früherer und letzter Zeit. Die aber halfen gar nichts. Im Gegenteil: sie hinderten nur ihr lebendiges Bild. Vertiefte ich mich ins Anschauen einer solchen Photographie, so verschwand die noch bewegliche Erinnerung, kam oft überhaupt nicht mehr zum Vorschein. Und am ehesten half mir eigentlich noch das Bild einer fremden Dame, das ich in der Reklameausstellung eines Photographen am Hochbahnhof Nollendorfplatz entdeckt hatte. – Täglich, ehe ich ins Bureau fuhr, blieb ich vor diesem Porträt stehen, in Träume verloren, die mir aus den Zügen der Unbekannten Jorindes ähnliches Antlitz nebelhaft hervortreten ließen.

Kam dann aber ein Brief von ihr, so war das Bild aufgefrischt. Namentlich wenn der Brief entzückt einen neuen Erfolg bejubelte oder auch voll Wut gegen eine Kollegin Alarm blies, die die beste Rolle weggeschnappt hatte. Jubel oder Wut, – in so extremen Gemütsbewegungen konnte ich mir Jorinde noch am ehesten vorstellen, konnte teilnehmen an ihrem Unglück oder Glück. Wie aber, wenn sie in mittlerer Stimmung war, weder besonders froh noch besonders aufgeregt, – in dieser eigentlichen Sphäre ihrer Existenz? Das fiel mir schwer. –

So war es ein Traumleben, das ich führte. Nicht das, was ich rings um mich sah, war mir wichtig – sondern das, was ich nicht sah. „Denkst du an mich – ich denke immer an dich“ – wohlgesprochen, aber es ist doch nur eine Redensart. Immer? Was soll das bedeuten? Nein, Minuten, Stunden verstrichen, in denen ich mich trotz allem mit anderen Dingen beschäftigte, beschäftigen mußte. Ein leichtes Erschrecken mahnte mich plötzlich: Nun hast du ja schon eine ganze Weile nicht an Jorinde gedacht. Es war beinahe ein Vorwurf. Und doch auch Glück dabei. Glück, weil nun Jorinde neu in mir auftauchte, eine neue Jorinde, gleichsam die Jorinde dieses Augenblicks, neu erschaffen durch mich, für mich. Wie vom Blitz erleuchtet, stürzte ich mich auf dieses Bild. Und gleich darauf: ob wohl auch Jorinde manchmal so erschrickt, jäh an mich erinnert wird? Das war der eigentliche Sinn der Frage, die ich ihr in jedem Briefe schrieb: „Denkst Du an mich?“ Und sie erwiderte regelmäßig: „Mein Liebster, ich denke immer an Dich.“ – Unmöglich, ihr zu erklären, warum diese glatte Antwort gerade in ihrer Leichtigkeit mich beunruhigte. – „Zicküt“ sang die Nachtigall. Vor dem bangen angewurzelten Geliebten trug die Hexe sie auf offener Handfläche davon ...

So häuften sich jedesmal in der Zeit, in der ich ihr fern war, eine ganze Menge ungelöster Mißklänge auf. Ganz ohne Jorindes Dazutun. Einfach nur dadurch (das wußte ich wohl), daß ich mich zuviel mit ihr beschäftigte. Daß ich die menschlichen Gefühlen gesetzten Schranken überschritt, gegen Zeit und Raum widersinnig anzukämpfen strebte ... Manche von diesen Mißklängen nahmen dennoch bestimmtere Gestalt an. Sie formten sich zu Fragen. „Was machst du am Vormittag, wenn die Probe, wie du schreibst, abgesagt war?“ Oder: „Wie ist die Sache mit dem Regisseur ausgefallen, der dich küssen wollte? Du hast dann nichts mehr davon geschrieben.“ Und ähnlich. – Da ich bei aller Reizbarkeit immer noch Takt und Stolz genug besaß, derartige Fragen, die den Anschein eines Verhörs erwecken konnten, in meinen Briefen zu vermeiden, verfiel ich auf den Ausweg, sie auf ein Blatt Papier niederzuschreiben, gewissermaßen zu sammeln und dann, wenn wir beisammen waren, gelegentlich eine nach der anderen ins Gespräch einzuflechten, wobei mich später ein Blick auf das Papier überzeugen konnte, ob ich nichts vergessen habe. Ganz erstaunlich ist es, daß dieses Mittel, das doch so gut erdacht war, nicht das geringste half. In Jorindes Gegenwart erschienen mir nämlich alle die vorbereiteten Fragen wie durch bloße Anwesenheit und Atem der Geliebten erledigt – geradezu lächerlich leicht von mir selbst beantwortbar. Einiges brachte ich vor, ich schämte mich dabei geradezu. War ich dann einen Moment allein und konnte mein Papier durchsehen, so fand ich beim besten Willen nichts, was wichtig genug gewesen wäre, um ernstlich besprochen zu werden. – Auf der Heimreise erst erhoben die ungelösten Zweifel wie neubelebt ihr drohendes Haupt. Dann fiel mir auch ein, daß ich dieses und jenes Gespräch mit ihr angefangen, aber nicht zu Ende geführt habe. Eine täuschende Ruhe, – täuschend, das merkte ich erst jetzt – hatte in ihrer Gegenwart von mir Besitz ergriffen. Es genügte fast, eine Frage zur Sprache gebracht zu haben. Überflüssig, die Antwort zu vernehmen. Oft hatte ich kaum auf sie hingehört, von der bloßen Anmut ihres sprechenden Mundes eingenommen. Oft hatte statt aller Antwort Jorinde nur Tierstimmen nachgeahmt, lustig gebellt, gekräht ... Sie hatte ja immer den einen Ausweg: sie selbst zu sein, hell und leicht. Und ich rollte wie ein Erdkloß, von ihren tanzenden Füßen aufgehoben, dann wieder zurückgeschleudert, vorbei.

Ich habe sie wohl allzusehr geliebt.

Mehr, als es einem Menschen erlaubt ist zu lieben.

Es ist und bleibt ja eine bequeme Binsenwahrheit, daß man einer Frau niemals zeigen dürfe, wie sehr man sie liebt. Daß man gerade dadurch jede Herrschaft über sie verliere. O dieses Gerede vom „starken Mann“, den die Frauen brauchen. Eine Banalität, – wie so vieles, mit dem man sich das Reich der Liebe und seinen tiefen Ernst wegzuschwatzen sucht. Ein geheimer Sinn mag ja darin liegen, daß die meisten sich scheuen, in das Innere dieses Liebesreiches einzutreten, – daß nicht viele so fühlen wie ich, – daß ihnen meine Art, mich der Liebe ganz hinzugeben, als unmännlich, weichmütig, schlaff erscheinen mag. Nun gut, das sind gepanzerte Menschen Einen Vorteil hat ja der Panzer ganz gewiß, sonst würde ihn niemand tragen. Nur für den, der sich ganz menschlich und unverstellt bewegen will, der die Wahrheit des Lebens liebt, für den taugt die schwere Rüstung nicht. – Es ist ja überdies auch fraglich, ob alle Frauen gerade nur den herrschenden bestialischen Mann wollen, oder ob nicht manche den vorziehen, der stark an Liebe ist, rückhaltlos in seiner Liebe wie ich. Jorinde (das weiß ich) liebte mich so, wie ich war. Es ist in diesen Aufzeichnungen vielleicht noch nicht ganz zum Ausdruck gekommen, daß sie mich geliebt hat, – dennoch weiß ich mit aller Bestimmtheit, daß es so gewesen ist. Unendlich und mit abschließender Kraft hat sie mich geliebt ... Und da könnte ich nun sagen oder vielmehr könnte tun, als sehe ich die Sache einmal auch von diesem Standpunkte aus: Habe ich es nicht besonders raffiniert angefangen, – habe ich nicht durch meinen Ernst und meine Güte mehr erlangt als all die hochstaplerischen und „starken“ Laffen, mit denen Jorinde bei den Dilettantenaufführungen zusammengetroffen war? Über alle habe ich triumphiert. Alle haben ohne Erfolg abziehen müssen, und mir ist das schöne Mädchen zugefallen, mir allein. Und wie oft hat sie mir dafür gedankt, daß ich mich nicht so unmenschlich gezeigt habe und „nur auf das eine los“, wie jene Gewohnheitseroberer und Verführer. Nicht flüchtigen Genuß hatte sie mir bedeutet – sondern Anbetung, einen dauernden Altar; – sollte es nicht etwa Instinkte der Frauen geben, mit denen sie eine den ganzen Mann erschütternde Leidenschaft vor allen anderen herausfühlen? Wenn ja, dann hätte also ich den richtigen Weg eingeschlagen, um Glück zu haben und die Braut heimzuführen, und vielleicht kommt es auch noch einmal an den Tag, daß ich all den Liebeswahnsinn nur – zu diesem Zweck – simuliert habe? ... Eine lustige Möglichkeit, in der Tat! Die Wahrheit aber ist: daß ich viel zu stolz war, mich zu verstellen und aus Gründen irgendeiner Taktik Jorinde gegenüber meine Gefühle zu verheimlichen. Nicht aus Schwäche geschah das, sondern aus Kraft. Weil ich mich dem Rückschlag gewachsen fühlte, der entstehen mußte, wenn ich allzu offen meine grenzenlose Liebe eingestand – weil ich wollte, daß Jorinde mich allem Rückschlag und aller Taktik zum Trotz liebe. Absichtlich trug ich mein Herz auf der offenen Hand. Ich wußte, daß mir das bei Jorinde schaden konnte, – tat es dennoch. Wie man es anstellt, um durch scheinbares Abgekühltsein eine Frau neu aufflammen zu lassen, dieses kindische, nach festen Regeln sich abwickelnde Spiel hatte ich ja in jenen Liebschaften genugsam erprobt, die gar nicht verdienen, denselben oder einen ähnlichen Namen zu tragen wie meine Beziehung zu Jorinde. – Wahrlich, mit bescheidenen Vergnügungen geben sich die Menschen zufrieden. Ich aber wollte die Lauterkeit, die schlackenlose Sonnenscheibe der Liebe, wollte das Herz meines Herzens spüren. Daß das eine Gefahr ist, ahnte ich wohl, wiewohl ich die Katastrophe damals durchaus nicht voraussah. –

Da nun meine Liebe von solcher Art war und ebenso echt erwidert wurde: warum haben wir denn eigentlich nicht geheiratet. Die Frage liegt nahe, und die Anklageschrift wirft sie auch tatsächlich auf, freilich nicht in redlicher Absicht, sondern um mich herabzuwürdigen, wie diese erbärmliche Darstellung meines Verbrechens überhaupt darauf ausgeht, mich als charakterlos, unzuverlässig und so weiter zu schildern. – Nun, es wäre vergeblich, einen Zusammenhang zwischen meinem Gefühl und der Sittlichkeit, wie sie die Anklageschrift im Sinne der herrschenden moderierten und ungefährlichen Liebesmoral meint, herstellen zu wollen. Ich beschränke mich darauf, eine Antwort, die sehr einleuchtend scheint, als unzutreffend abzulehnen. – Wahr ist, daß mein Beruf mich in Berlin, Jorinde als Schauspielerin in Augsburg festhielt. Daß aber dies der Grund oder ein Vorwand gewesen sein soll, um die Ehe aufzuschieben (die formelle Eheschließung, die der Anklageschrift so wichtig ist), das hat mit meinen wahren Beweggründen gar nichts gemein. Sogar das ist unrichtig, daß eine formelle Eheschließung bei getrenntem Wohnort an den tatsächlichen Verhältnissen nichts geändert hätte. Ich lehne es ab, mich auf so billige Art zu verteidigen. Im Gegenteil: schon bei bloß formeller Eheschließung, ja selbst dann, wenn Jorinde nur einen Ring von mir getragen hätte, wäre es nicht zur Katastrophe gekommen. Die letzte Spannung während der unglücklichen Eisenbahnfahrt entstand ja nur dadurch, daß Jorinde als vollständig unabhängig von mir, sozusagen als Fremde mir gegenüber saß. Und war auch diese letzte Spannung, die ich nicht mehr ertrug, nur ein Symbol für das ganze der Beziehung zu Jorinde zugrunde liegende Spannungsverhältnis: dennoch ist nicht daran zu rütteln, daß schon ein Ring genügt hätte, um die Katastrophe zu verhindern, und niemand kann ja sagen, inwieweit ein schicksalsvoller Augenblick Symbol und inwieweit es bloß rohe, zufällige Wirklichkeit ist. – Das alles also entschuldigt mich nicht. Klar ist vielmehr: ich hätte sie heiraten sollen. In der letzten Zeit, als die Zweifel in mir zu überwiegen, allzu qualvoll zu werden begannen, da dachte ich wohl auch allen Ernstes: ich muß sie heiraten, sonst habe ich sie nie. Aber gleich darauf: was heißt denn das eigentlich – „eine Frau haben“? Welch eine barbarische und überdies unwahre Vorstellung. Ich „habe“ sie – oder gar „ich habe sie gehabt“ – als könne man die Frau in einen Sack stecken und wegtragen, samt und sonders, so wie sie ist. Oh, ich begreife eigentlich das Gefühl des Lustmörders: Jetzt, jetzt gib mir alles, was du bist, was du empfindest, – bis zur Neige, bis zum letzten Tropfen – und dann stirb, dann sei nichts mehr, empfinde nichts mehr, zum Zeichen, daß du mir wirklich alles gegeben hast ... Ein verirrtes Gefühl, aber ich begreife es ganz gut. Obwohl es nicht mein Gefühl ist, nein, meines nicht. Nie könnte ich gegen das, was ich geliebt habe, die Hand erheben. – So habe ich denn auch den Mechaniker getötet; Jorinde nicht, Jorinde habe ich nicht berührt.

Ich will nun den Grund sagen, warum ich nicht geheiratet habe. – Ich bin Witwer. Ich habe die Ehe verkostet. Dem Wunsche meines Vaters folgend, der eine Vergrößerung der Fabrik durch die Mitgift meiner Frau anbefahl, habe ich mit einem mir gleichgültigen Wesen zwei Jahre lang zusammengelebt, bis es starb. Es ist zu wenig gesagt (finde ich), daß Ehe mit Liebe nichts gemein hat. Sie ist das Gegenteil der Liebe, die ich als ewige Unsicherheit, als Glauben an eine Göttin, als Glauben ohne Beweis empfinde. Die Ehe dagegen – ist der Beweis ohne den Glauben. – In der Liebe wird man niemals satt. Ehe ist der Versuch, Liebe durch Sättigung zu ersetzen, wobei aber seltsamerweise weder Liebe noch Sättigung entsteht. – Wie alles, worüber man jahrelang nachgedacht hat, habe ich das zu scharf ausgedrückt. Und ich weiß auch, daß eine Ehe mit Jorinde von anderer Art gewesen wäre als eine mit einer anbefohlenen Frau. So kann ich letzten Endes nur sagen: daß ich mich vor meinem Gewissen stets als mit Jorinde vermählt betrachtet habe, – wir schrieben einander auch nie anders als: „Liebe Frau“ – „Mein lieber Mann“ – und daß es keinen treueren Ehemann gegeben hat als mich, treu nicht nur der Pflicht, sondern auch dem Gefühl nach, – denn alle anderen Frauen als Jorinde kamen mir, mußte ich schon mit ihnen reden, lästig und langweilig vor – und die Männer auch, nebenbei bemerkt, – von Jorinde entfernt führte ich nur ein Traumleben, und war ich mit ihr beisammen, so war ich doch niemals satt von ihr. Unerreichbar blieb mir ihre Seele, unerreichbar eigentlich auch ihr Leib, mochte ich ihn auch noch so oft (wie der dumme Ausdruck sagt) „besessen“ haben. Von einer schönen Frau wird man nämlich niemals satt, – gegenteilige Behauptungen gehören (wie die von den „starken Männern“ und der „Peitsche“ beim Weib) zu jenen, mit denen man sich Ernst und Abgründe des Liebesreiches wegdisputieren will.

Einmal brachte ich denn auch Jorinde einen glatten Goldreif nach Augsburg. Das Datum des Tages, an dem wir einander kennengelernt hatten, war eingraviert. Mein Vorname dazu. Ein richtiger Ehering also. – Jorinde freute sich sehr, steckte den Ring an die rechte Hand, – dann an die linke, – „als Verlobungsring,“ sagte sie, „das stimmt doch eher. Dann drückt er mich nicht so.“ – Als ich dann aber das nächste Mal kam, trug sie ihn überhaupt nicht. „Um überflüssigen Fragen auszuweichen“, erklärte sie. Ich erwiderte nichts, Verzweiflung faßte mich an. Damals nämlich war der letzte Akt schon in vollem Gang, Jorinde verkehrte schon mit dem Mechaniker ...

Lächerlich ist es natürlich, zu glauben, daß die Ereignisse, die nun eintraten, hätten ausbleiben können, wenn Jorinde meine rechtmäßige Ehefrau gewesen wäre. Die Unsicherheit, der ich schließlich erlag, war doch schließlich von ganz anderem Rang als die Bindung, die durch einen Eheschluß geboten wird. Niemals konnten diese beiden Ebenen ineinandergreifen. Das ist an sich unbezweifelbar. Und dennoch: Der Ring, – der Ring hätte die Entscheidung zumindest aufgeschoben, durch Aufschub vielleicht ganz verhindert. Das deutet darauf hin, daß hinter meinen Erwägungen doch ein letzter unauflösbarer Rest zurückbleibt. Ich sage mir das selbst – ohne jedoch über diesen Rest irgendwie klar werden zu können.