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Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von la Mancha, Erster Band cover

Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von la Mancha, Erster Band

Chapter 23: Drittes Kapitel Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten, die den braven Don Quijote und seinen wackern Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem Unglück für ein Kastell ansah
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About This Book

The narrative follows an aging country gentleman who, obsessed with chivalric romances, sets out as a self-styled knight and, accompanied by a pragmatic squire, undertakes a series of ill-fated adventures. Episodes range from slapstick misrecognitions to poignant encounters, alternating satire of romantic idealism with reflections on sanity, authorship, and social mores. The episodic narrative includes embedded tales and metafictional asides that blur fiction and commentary, producing a comic yet humane examination of illusion, identity, and the power of stories.

Drittes Kapitel
Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten,
die den braven Don Quijote und seinen wackern
Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem
Unglück für ein Kastell ansah

Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner Betäubung erholt und mit demselben Ton der Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen Stallmeister angerufen hatte, als er von den Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du? Schläfst du, Freund Sancho?«

»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich alle Teufel über mich hergemacht hätten.«

»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein verzaubertes ist, denn du mußt erfahren — — — Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode aufbewahren willst.«

»Ich schwöre,« antwortete Sancho.

»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort, »weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand zu kränken.«

»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es morgen schon entdecken dürfte.«

»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem Leben eine so nahe Grenze steckt?«

»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben, und es ist immer mein Wunsch, daß sie von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«

»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen Verstande? Was von anderen verborgenen Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen vergraben lasse, um die Treue nicht zu brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen, daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil, wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten Gesprächen begriffen war, ohne daß ich sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen angehörte und mir einen solchen Schlag auf den Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst. Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten Mohren bewacht und mir nicht zugedacht ist.«

»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt, daß das mit den Krippenstangen nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen haben, was man uns gereicht hat? Euer Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender Ritter und denke es auch niemals zu sein, und doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«

»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don Quijote.

»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?« rief Sancho.

»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen ganz gesund machen soll.«

Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn: »Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«

»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich vor niemand blicken.«

»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern bezeugen.«

»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten Mohren zu halten.«

Der Häscher kam näher, und da er die beiden in einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen er war, nicht regen oder bewegen konnte. Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie steht's, mein guter Kerl?«

»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden Rittern, Ihr Lümmel?«

Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden Menschen so schlecht behandeln sah, verlor die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß, gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«

»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare Phantome, so daß wir an ihnen durchaus keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf, wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein, Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die mir das Gespenst geschlagen hat.«

Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien, Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund zu machen, der dort im Bette schwer verwundet liegt, von den Händen des verzauberten Mohren, der in dieser Schenke umgeht.«

Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden, machte er die Tür der Schenke auf und rief den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück, der den Kopf auf den Händen stützte und sich über den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt hatte, denn was er für Blut hielt, war nur Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum machte, indem er sie zusammentat und eine gute Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen, da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete; bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber war stillschweigend fortgegangen, um seine Tiere abzufüttern.

Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen können und es war wohl ein Viertel Quart in dem Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel, daß er nichts im Magen behielt, und durch diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte und sich so stark fühlte und seine Schmerzen so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch noch so gefährlich, bestehen könne.

Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen besser fand, bat um das, was noch im Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war. Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel als sein Herr hinunter. Der Magen des armen Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen, wobei er schwitzte und sich quälte, daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig wurde und den Balsam und den Totschläger, der ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung, daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes bedienen dürfe.«

»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen und Martern, daß nicht bloß er, sondern alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte. Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben, sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte. Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen, die in der Schenke waren, standen umher und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer, schwer wie aus dem Innersten seines Leibes heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb, weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens dachten so diejenigen, die ihn am vorigen Abend hatten bepflastern sehen.

Als sie nun beide beritten waren, rief er am Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen, die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen. Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt, so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft, den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«

Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt: »Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das Abendessen und die Betten.«

»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don Quijote.

»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der Wirt.

»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte, es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln, von denen ich gewiß weiß (denn bisher habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten, denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen waren.«

»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem Krame gar nichts, sondern ich will das meinige haben.«

»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!« antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber, ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge, entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt, der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah, wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen, der aber die Antwort gab, daß, da sein Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm, daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte, daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen, und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten Vorwurf machen dürfen.

Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia, drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges, aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes Volk, die, wie von einem Geiste zugleich angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte, sie ihn darauflegten und dann die Augen in die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten, zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde. Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte, daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam, die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen, daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er machte also den Versuch, vom Pferde auf die Mauer zu steigen, aber er war so schwach und steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte; alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich, ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen, das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho, trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam (wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund und frisch!«

Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die Schulter an und sagte unter andern härteren Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen, daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind? Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt mich!« — Und indem er diese Worte noch sprach, fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne, ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte, denn man kann mit Recht von ihr sagen, daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren und Schatten vom Christentum behalten hatte.

Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden, daß er noch nichts bezahlt und seinen Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern geschehen war. Der Wirt behielt freilich als Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück, aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt. Der Wirt wollte, als er hinaus war, das Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote, wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei Dreier achteten.