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Lebenswende

Chapter 8: Abschnitt 7
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About This Book

A well-off household is portrayed through tensions between an anxious sister and her pleasure-seeking brothers, whose late nights, gambling and social ambitions clash with expectations of study, work and honour. Domestic scenes, clubrooms and business encounters reveal how privilege and complacency strain family bonds and invite moral compromise as financial risks and personal vanity escalate. The narrative traces characters' gradual confrontations with the consequences of their choices, exploring themes of duty versus indulgence, the ethics of success, and the prospect of a decisive turning point that may prompt accountability or lead to downfall.

Ueber den Spieltischen des Klubs hing dichter Rauch.

Fred Tiedemann hörte mit halbem Ohr seinem Schwager zu, der eindringlich in ihn hineinredete. Seine Augen wanderten die Reihen der Sitzenden entlang, ob er nicht einen Bekannten darunter fände, der ihm Grund gab, sich der Umklammerung Lecarts zu entziehen.

Er hatte nicht Lust, jetzt von Geschäften zu sprechen; doch dem anderen galt das heute alles: »Wenn ich meine Geschäftsinteressen euch gebe und dafür schweres Geld zahle, so könnt ihr mir doch entgegenkommen!« Lecart strich aufgeregt seinen pechschwarzen Henry quatre und sah hochmütig nachdenkend vor sich nieder. »Das Bankhaus Tiedemann«, fuhr er mit heiserer Stimme fort, »wird wohl nicht auf den Verdienst mit seinen Verwandten angewiesen sein, und jetzt ist der richtigste Moment, in dem ich mich rangieren und schweres Geld dabei verdienen kann.«

»Wenn man das sicher wüßte!«

»Erlaube,« Lecart machte eine hastige Bewegung, »ich hoffe, für das Reelle der Unternehmung bürgt mein Name!«

»Natürlich, selbstverständlich; aber es handelt sich um große Summen, da habe ich die Verpflichtung, vorsichtig ans Werk zu gehen!« Fred kam sich unendlich wichtig vor, als er so sprach, trotzdem er gerade mit seinen Gedanken bei Frau Maja Wolny war und sich die Worte überlegte, mit welchen er sie morgen einladen wollte.

»Das ist mir klar. Aber die Hausse in Spiritus hält noch längere Zeit an!«

»Ist das sicher?«

Lecart erwiderte mit lebhaften Worten:

»Daran ist doch nicht zu zweifeln. Die disponible Ware ist in festen Händen und wird nicht abgegeben, weil die Eigner sich den Sommerbedarf sichern wollen, die Zufuhr mangelt. Nach der letzten Notierung ist«, er griff nach dem Börsenblatt und klemmte das Monokel ein, »jetzt bereits gegen den niedrigsten Preisstand des Vorjahres eine Steigerung von 7,80 zu verzeichnen.« Auf Lecarts bleichem hageren Gesichte begannen zwei rote Flecken zu brennen: »Wenn ich die Mansbergschen Fabriken übernähme; in zwei Tagen habe ich sie in vollem Betrieb, dann schmeiß' ich in kurzer Zeit so viel Ware auf den Markt, daß sie mir, bei den hohen Preisen, enormen Gewinn bringen muß.«

»Du drückst dir aber dann doch selbst die Preise herunter durch forcierte Abgaben!«

»Bis es so weit ist, habe ich meine Sache im Trocknen.« Immer eindringlicher und überredender wurden Lecarts Worte: »Es muß dir doch einleuchten, daß an der chose keine Gefahr, sondern nur Gewinn zu finden ist!« Wieder stand der abweisende Zug um seinen schmalen Mund, während sich seine hagere Gestalt weit vorneigte und die kalten schmalen Finger nach Freds fleischiger Hand griffen: »Schlag ein, wir haben beide Nutzen und die anderen haben das Nachsehen; sie sollen spüren, daß mit den Lecarts und Tiedemanns nicht leicht zu kämpfen ist ...« Er fuhr halb in die Höhe und grüßte einen vorübergehenden Offizier: »Mein Kompliment Durchlaucht.«

Auch Fred war instinktiv aufgefahren und hatte sich verneigt. Dunkelrot war er im Gesicht geworden.

»Kennst du ihn?« war seine Frage.

»Selbstverständlich: intim.«

»Du mußt mich vorstellen!«

»Gern! Schwager was ist's? Einverstanden?«

Freds Widerstand war gebrochen, Lecart hätte ihn für seine Pläne an keiner Stelle so leicht gewinnen können wie hier im Klub, wo Fred Tiedemann um Gleichberechtigung rang, die ihm nur schwer seines Vaters Geld verschaffte. Er nickte und besah die spiegelnde Spitze seines Lackschuhes:

»Jawohl, aber ich verlasse mich ganz auf dich! Ich habe keine Zeit, mich näher zu informieren. Du hast die Verantwortung.«

Fred stand auf, Lecart hielt ihn fest: »Treffe ich dich morgen im Geschäft?«

»Nein!« Fred Tiedemann strebte den Spieltischen zu. Lecart riß aus seinem Notizbuch einen Zettel und kratzte im flirrenden Licht, das durch den Rauchnebel schien, ein paar Worte darauf: »Da unterschreib!«

Mit gleichgültigen Augen überflog Fred die zwei Zeilen, durch die er das Bankhaus Klaus Tiedemann anwies, Herrn Baron Lecart beim Ankauf der nachgelassenen Mansbergschen Spiritusfabriken bedingungslos zu unterstützen. Mit seiner steilen Schrift setzte er seinen Namen darunter. »Wir müssen aber die erste Hypothek haben, damit wir sicher gehen!« sagte er.

»Ich bin der letzte, der euch schädigen will.«

Fürst Solt ging vorüber mit seinen langsamen, steifen Schritten und seinem tadellos sitzenden Salonrock. Tief bückte sich Fred Tiedemann:

»Durchlaucht, dürfte ich um wenige Augenblicke Gehör ersuchen?«

Solt neigte den Kopf.

»Bitte!«

Fürst Solt trat näher, er übersah Lecart, der, während sein Schwager in wohlgesetzter Rede die Einladung vorbrachte, den Zettel hastig verwahrte, der ihm wieder für ein paar Monate Luft machte und Kredit schuf.

Mit freudestrahlenden Augen sah Fred dem Fürsten nach: »Er hat zugesagt, das Fest ist gesichert.«

»Hm,« Lecart schien müde und abgespannt, »was machst du jetzt?«

»Ich suche Olthoff und werde ein kleines Spielchen probieren.«

»Dort ist er!« Lecart wies auf den Näherkommenden. »Nimm dich vor ihm in acht, er steht windschief und kann eine teuere Bekanntschaft werden.«

»Teuerer als du kann er nicht sein.«

In Lecarts Emigrantenaugen blitzte es feindselig auf. »Ich bin der Mann deiner Schwester.«

»Weiß ich. Grüß' sie mir schön!«

Fred Tiedemann eilte seinem neuesten Freunde entgegen. Lecart, mit seinen dreißig Ahnen, lehnte sich unwillig in dem Fauteuil zurück und sann auf Geschäfte.

Drunten schlich durch den fallenden Regen Leo Tiedemann auf der Suche nach Abenteuern.

Am nächsten Tage hatte sich der alte Tiedemann rasch angekleidet und war mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, bis es Frühstückszeit war. Mehr als ein Jahr hatte er sich geflissentlich vom Geschäft zurückgehalten, um Fred nicht zu beeinflussen. Es war ihm nicht leicht gefallen; doch er konnte sich recht gut zurückerinnern, wie er eine Kontrolle vertragen hätte, daher glaubte er auch, es müßte bei seinem Sohne das gleiche sein. Wohl war es ihm manchmal vorgekommen, als ob Fred eine Einmischung seinerseits gar nicht ungern sähe.

Langsam stieg er die Stufen hinunter, die er jahrelang gegangen war, in tiefen Sorgen und Gedanken. Ein weihevolles Gefühl umfing ihn.

Er lächelte darüber und vermochte doch nicht, es abzuschütteln.

Er ging auf die große, eiserne Türe zu, die er versucht hatte zu vergessen und die doch stets alte Wunden aufriß, wenn er sie sah — es war selten genug. Sie war vor dreißig Jahren, als er das Haus in seinen Besitz gebracht hatte, rostig und zerschlagen gewesen. Er hatte sie stets so gelassen. Nun glänzte sie in neuen Farben.

Mit raschen Schritten trat er ein.

Ein Diener kam geschäftig auf ihn zu; doch als er ihn erkannte, riß er die Tür nach links hin auf.

Sein Blick flog über die langen Reihen der Schreibtische; er atmete tief. Wieder einmal lag sein Leben vor ihm, das ihm hier Tag für Tag vorübergeschlichen war in unablässigem Mühen und Sinnen.

Hier saßen die Buchhalter.

Er sah unter den bekannten Gesichtern neue — wie stets, wenn er kam — die erst der Nachbar aufmerksam machen mußte, wer er sei. Dann flogen sie von den Drehstühlen in die Höhe und verneigten sich tief: »Ich habe die Ehre, Herr von Tiedemann.«

Er kam sich fremd vor in dem langgestreckten Bureau, das um das Doppelte vergrößert worden war. Sein Auge musterte mit schnellem Blick die neue Einrichtung, von der Fred so viel zu ihm gesprochen hatte. Alles war getäfelt, mit leichten, sanften Farben bedeckt. Es machte einen vornehmen Eindruck und stach ihm doch unangenehm in die Augen.

Das Leben war fortgeschritten und verlangte andere Formen. Das war stets so gewesen, und Fred stand voll in seiner Zeit: das war seine Beruhigung.

Nun sah er den alten Görnemann, welcher gebeugt an seinem Stehpult arbeitete, den weißen Kopf auf die linke Hand gestützt. So hatte er ihn jahrzehntelang gesehen; nur die Haare waren damals noch braun gewesen.

Der Ton, mit dem er ihn anredete, war wärmer, als er eigentlich wollte:

»Grüß Gott, Görnemann!« Der fuhr herum, als hörte er ein Gespenst:

»Der Herr!« Er lief nach einem Sessel. »Das ist aber schön, daß Sie wieder einmal nach uns sehen. Das ist sehr schön.« Er rieb seine mageren Hände, daß sie knackten. Klaus Tiedemann machte eine Kopfbewegung nach den Arbeitenden; er war verlegen, weil er nicht gleich den richtigen Ton fand.

»Viel neue Leute darunter?«

»Viele«, der alte Prokurist räusperte sich.

»Hat sich viel geändert?«

»Oh, sehr.«

Etwas Fremdes lag zwischen den beiden Männern, die sich ein Leben lang gekannt hatten. Der Ton des Salons ließ sich nicht hierher verpflanzen.

»Auf dem Platze vom Pfeiffer sitzt jetzt auch ein Junger.«

»Der Pfeiffer ist in Pension gegangen.« Wieder hüstelte Görnemann, um nicht sagen zu müssen, daß es den alten Mann viel Tränen gekostet habe, bis er seinen Sessel, den er dreißig Jahre gedrückt, hatte verlassen müssen; aber mit dem jungen Chef ging es nimmer! Der nahm ihm die Handkasse weg und degradierte ihn zum Schreiber. Das ertrug sein Ehrgefühl nicht.

»Hat mein Sohn die Pensionsfrage gelöst?«

»Nein, es wird noch immer fallweise bestimmt, was jeder bekommt.«

»Aber er gibt jedem von meinen alten Mitarbeitern Pension?«

Leise Angst und Besorgnis klang in der Frage. »Ja, aber es ist sehr wenig.«

»Das will ich nicht; da muß ich heute gleich mit Fred sprechen.«

Görnemann trat von einem Fuß auf den anderen; er schien in großer Aufregung; dann sagte er stockend: »Ich habe schon oft daran gedacht, mich zurückzuziehen,« wieder ließ er seine Gelenke krachen; »man hat doch seine 68 Jahre auf dem Rücken, und da wird einem das Arbeiten manchmal schwer.«

»Nichts da,« Klaus Tiedemann legte seinem ehemaligen Angestellten die Hand auf die Schulter, »davon reden wir in ein paar Jahren, das gibt's jetzt noch nicht.« Mit gutmütiger Barschheit suchte er dem anderen seine Gedanken auszureden. »Ein Mann wie Sie, ohne Frau und Kind, was soll denn der machen ohne Geschäft? Ist's mir nicht leicht gefallen, das Auf-der-faulen-Haut-liegen, was wollen denn erst Sie anfangen?«

»Ist schon wahr, Herr Tiedemann, aber ein alter Kopf kann heutzutage oft nimmer mit.«

»Papperlapapp, ein Kaufmann wie Sie! Wäre nicht übel.«

Hunderte von frohen Fältchen erschienen auf des Alten faltigem Gesicht, als er seinen Herrn so reden hörte.

»Nein, da wird einstweilen nichts daraus!« Tiedemann schüttelte den Kopf. Dann aber, als käme ihm ein anderer Gedanke, fügte er hinzu: »Wenn Sie's aber einmal wirklich satt haben, Görnemann, dann lassen Sie es mich wissen. Ihre Pension soll meine Sache sein.« Er sprach rasch weiter, um des anderen Dank zu entgehen. »Uebrigens, ich habe Gerhard noch nicht gesehen.«

»Der ist im Chefzimmer; er studiert die überseeischen Berichte; der junge Herr erlaubt nicht, daß sie heraus ins Kontor kommen,« sagte Görnemann rasch ... »und für ihr Versprechen, sich meiner anzunehmen ...«

Er kam in seiner Dankrede nicht weiter, denn sein Herr fiel ihm ins Wort: »Der Berichte wegen bin ich hier. Wie sind sie ausgefallen?«

»Schlecht, sehr schlecht.« Görnemann schüttelte bedauernd den Kopf: »Ich kann mich nicht erinnern, je so schlechte gesehen zu haben.«

»So?« Tiedemanns Stimme klang, aus alter Gewohnheit, streng. »Wir werden ja sehen. Wo geht es ins Privatbureau? Man kennt sich ja nimmer aus in eurem neuen Kram.«

»Dort, gleich die nächste Tür,« Görnemann lief dienstbeflissen voraus, »dort, am Ende vom Gang.«

»Was ist das?« Klaus Tiedemann hatte eine andere Tür geöffnet und sah in ein Zimmer, das ebensogut als Damenboudoir hätte gelten können. »Das sieht ja riesig mollig aus!«

Verlegen meinte Görnemann: »Das ist des jungen Herrn Privatempfangszimmer.«

»So?« Der alte Tiedemann sagte weiter kein Wort, er nahm die Hand von der Türschnalle und ging weiter.

»Guten Morgen, Vater!«

Gerhard Tiedemann stand hinter dem Tische auf, vor dem er gesessen hatte, und schlug in seines Vaters Hand ein, die der ihm in plötzlicher Wallung entgegenstreckte: »Fleißig bei der Arbeit?«

»Solche Arbeit macht nicht viel Freude.«

»Laß sehen!« Tiedemann schob ihn zur Seite und nahm die Papiere zur Hand.

Gerhard zuckte die Achseln und blickte zu Görnemann hinüber, der den Kopf in die Schultern zog, vor dem unaufhaltsamen Entrüstungssturm, der nach seiner Erfahrung kommen mußte.

Mit unsicherer Stimme fragte der Alte:

»Von wem sind die Berichte?«

»Von Smithers Sons ...«

Nach einer Weile fragte Tiedemann: »Warum haben wir so unsinnig viel Baumwolle abgegeben? Nun leiden wir selber Mangel daran.« Görnemann trat einen Schritt näher, um zu antworten, doch der Alte fuhr ihn an: »Ich brauch' keine Erklärung.«

Tief beugte er den Kopf herab, um seines Unwillens Herr zu werden. Fred mußte da nicht viel nachgedacht haben, sonst wäre dieser Verlust hintanzuhalten gewesen. So ein grobes Versehen war Klaus Tiedemann nie unterlaufen. Das kam davon, wenn die jungen Leute stets zu Hause bei Mama saßen und sich nicht in der Welt umsahen ...

Er horchte auf, eben sagte Gerhard:

»Das ist der Fehler bei uns; man will alles vom grünen Tische aus regeln, ohne Erfahrung. Das muß man an Ort und Stelle beobachtet haben, wenn man bei den Yankees nicht hineinfallen will.« Klaus Tiedemann zwang sich zum Gegenteil:

»Das konnte niemand voraussehen. Das nächste Mal wird die Bilanz schon besser sein.«

Der alte Görnemann hörte mit offenem Munde zu, Gerhard preßte die Lippen aufeinander. Er merkte nur allzudeutlich, daß seines Vaters Widerspruch seiner Person galt. Er warf trotzig den Kopf zurück. Wenn die Stimmung gegen ihn anhielt, blieb er nicht länger hier. Man wußte seine Arbeitskraft anderswo besser zu schätzen, ihm war um sein Fortkommen nicht bange.

Klaus Tiedemann sah noch eine Weile auf die Buchstaben und Ziffern nieder, ohne sie zu lesen. Ihm waren seine Worte leid, und doch glaubte er nicht anders sprechen zu dürfen, wenn er Gerhard, Fred gegenüber, untergeordnet halten wollte. Jemand trat ein:

»Hallo, du selbst, Schwiegerpapa?« Mit hastigen Schritten kam Lecart auf Klaus Tiedemann zu. »Das trifft sich ja prächtig.« Sie sahen sich in die Augen und schüttelten sich die Hände. »Clo ist draußen im Wagen, die wird sich freuen; ich werde sie gleich holen.«

»Aber ich bitte, Herr Baron, sich nicht zu bemühen; das werde ich besorgen!« Görnemann eilte davon.

Wieder wendete sich Lecart an seinen Schwiegervater: »Du wunderst dich wohl, mich hier zu sehen?«

Klaus Tiedemann lächelte: »Ich glaube, wir sind beide seltene Gäste hier unten.«

»Das wird sich bei mir ändern! Du mußt wissen, ich habe Großes vor.« Lecart blickte zu Gerhard hinüber, unschlüssig, ob er in dessen Gegenwart weitersprechen sollte. Er sagte zu ihm:

»Bitte, bereiten Sie mir einstweilen mein Konto vor; hier haben Sie eine Bescheinigung des Chefs.«

»Ich hätte Sie ohnehin allein gelassen.« Gerhards Stimme klang in überlegener Mißachtung: »Die Bescheinigung kann ich Herrn Görnemann geben.«

Er ging mit gleichgültigen Schritten ab, den Kopf etwas vornübergeneigt, wie es auch sein Vater zu tun pflegte.

In der Tür traf er mit Frau Clo zusammen.

Er trat zur Seite und sah in ihr feines, blasses Gesicht, auf dem Sorge zu liegen schien.

»Grüß Gott, Papa!« Tiedemann drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und betrachtete sein schönes Kind vom Kopf bis zu den Füßen. Mit gezwungenem Lächeln klopfte sie ihm auf die Wange: »Gut siehst du aus, Papa!«

»Nicht wahr?« sagte Lecart, »man sieht, er hat keine Sorgen.«

»Gott sei dank, nein; ihr doch wohl auch nicht? Nun setzt euch aber!«

Frau Clo setzte sich auf den Diwan und schlug die Füße übereinander, daß der feine Knöchel ihres Fußes sichtbar wurde. »Laßt euch nur nicht aufhalten, wenn ihr Geschäftliches zu tun habt! Ich blättere einstweilen in der Zeitung,« sagte sie. Dann schob sie den Schleier in die Höhe.

Sie tat alles mit einer langsamen, eleganten Ruhe der Bewegung, die über ihrem ganzen Wesen lag und alles Leben und unmittelbare Empfinden verschleierte. So hatte es ihre Mutter gewollt, und so kam sie am besten mit ihrem Manne aus. Der hatte ein fahriges Temperament und steckte immer tief in eigenen Angelegenheiten, die ihm für sie wenig Zeit ließen. Sie hatte sich einen Wall aus Ruhe und Takt gebildet, der sie vor vielerlei schützte.

Lecart rieb die Hände:

»Ich habe jetzt furchtbar viel zu tun. Ueberall Unannehmlichkeiten. Die Kerls streiken mir wieder zur Abwechslung. Der Betrieb in den Gruben steht seit einer Woche still.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Immer nur Forderungen und keine Gegenleistung, das ist so recht neumodisch.«

»Nun, nein; die Leute haben ein Stück recht, aber,« Lecarts markiertes Gesicht belebte sich, die eingefallenen Wangen bekamen Farbe, »warum soll man ihnen das zugeben, wenn man selbst nur Schaden davon hat?«

»Wenn sie im Rechte sind, werden sie ihr Ziel erreichen«, sagte der andere bedächtig.

»Wir werden sehen. Einstweilen haben wir uns organisiert und sie im ganzen Bezirk ausgesperrt; es sind schon viele in der einen Woche mürbe geworden; mehr als ich brauchen kann. Wenn sie für Weib und Kind nichts zu fressen haben, dann kriechen sie zu Kreuze. Am Montag fange ich wieder mit vollem Betrieb an.«

»Du sagst doch, daß ihr sie ausgesperrt habt?«

»Ja, aber ich brauch' doch nur so lange mitzumachen, als ich will.«

Klaus Tiedemann schüttelte unwillig den Kopf: »Ihr müßt doch einig sein, wenn ihr 'was erreichen wollt. Die anderen sind's auch.«

»Hat sich was mit der Einigkeit! Die Hauptsache ist, daß man kein Geld verliert.«

»Hm, das weiß ich nicht.«

»Aber ich. Bitt' dich, wohin soll denn das führen? Ich muß jetzt schon meine ganzen Akzepte hergeben und teuer verzinsen, wenn ich Geld haben will. Das ist ein starker Verlust für mich, wo ich so immer sehr viel mit Rimessen arbeite.« Er schwieg, als fürchte er, zuviel gesagt zu haben. Unsicher sah der Alte auf:

»Gehen denn die Gruben schlecht? Du wirst doch nicht in Schwierigkeiten kommen?«

»Davon ist keine Rede.« Lecart nahm einen leichtfertigen Ton an. »Wo denkst du hin: Charles Lecart in Geldverlegenheiten?« Er lachte. Es klang häßlich und gepreßt, daß Clo einen schnellen Blick herüberwarf. »Im Gegenteil, ich denke jetzt die Mansbergschen Fabriken an mich zu bringen und viel Nutzen daraus zu schlagen.«

»Das ist etwas anderes.« Erleichtert atmete Klaus Tiedemann auf.

»Jetzt werdet ihr auch bald den Zinsfuß herabsetzen müssen?« sagte Lecart so nebenbei.

Der Alte schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau, da frage den Görnemann, aber ich glaube nicht, denn das Geld hat nach der amerikanischen Erdbebenkatastrophe wieder reichliche Verwendung.«

»Das kann doch nicht so viel ausmachen.« Lecart hielt einen Augenblick nachdenklich inne, dann fuhr er lebhaft fort: »Uebrigens, ich werde mich gleich erkundigen, ich habe so eine Menge mit Görnemann zu besprechen. Du bist, wie ich sehe, nicht mehr auf dem Laufenden?«

»Ich habe mir zum Prinzip gemacht, mich von dem Augenblicke an, als Fred an meine Stelle trat, um nichts mehr zu bekümmern.«

»Sehr klug. Ich glaube, Fred wäre auch nicht der Mann, der sich hineinreden ließe.« Lecart trat in gemachter Zärtlichkeit zu seiner Frau: »Servus, Clo; dein armer Mann muß jetzt arbeiten ... Dich sehe ich noch, Papa,« fügte er in einer Art herablassender Höflichkeit hinzu, die er seinem Schwiegervater gegenüber öfters zur Schau trug. »Lecart ist ein Kavalier in jeder Bewegung,« hatte Clos Mutter gesagt, wenn sie das Widerstreben der Tochter, ihrem jetzigen Manne gegenüber, besiegen wollte. Lecart ging; Tiedemann und Clo waren allein.

Es blieb für einige Augenblicke still im Zimmer, als wollten die beiden nicht an das Leben rühren, das sie selbst gezimmert hatten, dessen sie nun nicht froh werden konnten.

Klaus Tiedemann setzte sich an seines Kindes Seite und schlang den Arm um sie. »Nun, wie geht es, Clo?«

»Gut, Papa,« sie legte ihre mit Ringen bedeckte schmale Hand in die klobige Rechte ihres Vaters und sah ihm unsicher in die Augen, die so viel von Milde und ehemaliger Tatkraft sprachen.

»Dann ist's recht.« Er seufzte. »Du kamst mir vorhin verstimmt vor?«

»O nein!«

»Doch! Jeder Mensch hat etwas zu tragen.«

»Ich nicht.« Allzuschnell kam die Antwort.

»Doch Kind,« er wiegte den Kopf, daß das straffe, weiße Haar darauf zu schwanken anhub; »ist es dies oder jenes, eines ist es gewiß.« Sie schwieg; so redete er weiter: »Mutter ist schon ein Jahr tot.«

»Wirklich, ich bin schon bald zwei Jahre mit Charles verheiratet.«

Wieder saßen beide schweigend.

Dann fragte sie lebhaft:

»Sag', Papa, hat Fred eigentlich mit dir über Charles' Absichten gesprochen?«

»Warum, Kind?«

»Es wäre mir eine Beruhigung gewesen!«

»Wenn es Wichtiges ist, so kommt Fred schon selbst. Er hängt viel zu sehr an mir, um einen wichtigen Schritt — wenn es eben einer wäre — zu verschweigen.«

»Wirklich, Papa?« Ihre Stimme klang freier. »Wie geht es überhaupt Fred? Hat er die neue Würde noch nicht satt?«

»Wo denkst du hin? Gut geht es ihm in jeder Beziehung, auch im Geschäft. Ich glaube, vor allem hilft ihm dabei sein großer Bekanntenkreis. Keine Woche vergeht, ohne daß er nicht in ein neues Haus eingeladen wird! — Er ist auch ein fescher Bursch«, fügte er wohlgefällig hinzu und lachte in befriedigtem Vaterstolz. »Seine neueste Errungenschaft ist die Wolny.«

»Die? So?«

»Kennst du sie?«

»Freilich, wir treffen sie öfters bei Behrens. Du,« sie legte die Zeitung beiseite, »ist es wahr, daß Fred sich ankaufen und die Bank mit der Zeit in eine Aktiengesellschaft umwandeln will?«

Ueber Klaus Tiedemanns Gesicht lief ein Schatten; er war bleich geworden: »Wer hat das gesagt?«

»Ich habe es bei Behrens gehört.«

»Dummes Geschwätz.«

Es litt ihn nicht länger beim Sitzen; er legte die Hände auf den Rücken und begann hin und her zu gehen mit hastigen Schritten.

»Sogar von einem Tiedemannschen Fideikommiß oder Aehnlichem sprachen sie.«

Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße: »Da sieht man, wie die Leute daherreden.«

»Das habe ich mir auch gedacht. Ich weiß doch, daß du stets dagegen warst.«

»Deine Mutter hätte es schon gern durchgesetzt! Lassen wir das,« unterbrach er sich; »es geschah ja auch von ihrer Seite nur aus Liebe,« er hustete, »wenn sie auch manchmal die Mittel vergriff.« Er senkte den Kopf und schwieg; sein Kind blickte ihn mit großen geängstigten Augen an.

»Sag, Papa,« fuhr sie fort, »war das nicht der Grund, daß du dich so schnell vom Geschäft zurückgezogen hast?« Er gab keine Antwort. »Du wolltest nicht in der Arbeit überrumpelt werden und selbst Fred überwachen, bis er aus Gewohnheit an nichts anderes mehr dachte und dein Erbe gutwillig antrat?«

Er sah sie erstaunt an.

»Du bist eine gute Beobachterin geworden.«

»Das wird jede Frau.«

»Mag sein, deine Mutter war es gewiß. Das hab' ich merken müssen.« Er lachte bitter.

»Sie war krank, Papa, und glaubte niemandem als uns Kindern trauen zu können, sie hat uns in ihrer blinden Liebe alle überschätzt. Darum war ja auch für uns Mädchen kein Mann recht! Wie das Leben so merkwürdig ist.« Mit zitternden Fingern schob sie ihr Kleid zurecht.

»Ob Fred nicht nur so daherredet bei Behrens, um den Weibern zu imponieren?« Langsam, schier unbewußt, hatte Klaus Tiedemann die Worte gesagt.

»Aber, Papa, darüber sollst du gar nicht nachdenken,« sie streckte ihm die Hand hin und lächelte, »das wird gesprochen und vergessen.«

»Hast recht — übrigens kommen Behrens Sonnabend zu uns.«

»Es soll über das Wohltätigkeitsfest gesprochen werden?«

»Gewiß! Fred hat sich die Sache ganz gut ausgedacht. Vor dem Souper ist eine kleine Komiteesitzung, in der sich die Leute besser kennenlernen. Er will die Wolny zur Präsidentin haben.«

»Fred hat wirklich Geschick zu solchen Veranstaltungen: voriges Jahr war es ein hübsches Reinerträgnis, das er erzielte.«

»Er hat eben Glück bei den Weibern, und die sind in solchen Dingen die Hauptsache. Ich habe es nie gehabt.« Der Siebzigjährige furchte die Brauen, als grollte er heute noch dem Schicksal seiner Jugend.

»Uebrigens,« er lächelte schon wieder, »Leo fängt, glaube ich, auch schon an.«

»Aber, Papa, das ist doch viel zu früh?«

»Das muß er wissen, Kind.«

»Aber das ist Unsinn!«

»Das sagt Hilde auch.«

»Aber, Papa, wirklich, da solltest du besser auf ihn achtgeben.«

»Du sprichst wie eine kleine Mutter.« Er legte ihr liebkosend die Hand auf die blasse Wange. »Dein Sohn möchte ich einmal nicht sein.«

Brennendes Rot lief wie Hauch über ihr Gesicht: »Ich glaube, Papa, wir bekommen keine Kinder.«

»Na,« er lachte gutmütig, »abwarten ...«

Sie stand auf in jäher Bewegung:

»Jetzt möchte ich zu Hilde; ich habe sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.«

»Komm, Kind, sie wird sich gewiß freuen ...«

Leo lag auf dem Diwan und horchte den Stimmen, die aus dem Nebenzimmer kamen.

Er hatte die Augen geschlossen in schwerer Mattigkeit. Der Kopf schmerzte, und sein Puls ging schwer. Man gab ihm keine Ruhe: jetzt mußte ihn auch Hilde bei Papa anschwärzen. Was wußte die von all dem, was in ihm vorging? Für sie war er der Bub, der lernen sollte. Was rechnete die mit seiner Eigenart? Schwerer Groll stieg in ihm gegen die Schwester auf, die sein Bestes wollte.

Er fuhr wider Willen zusammen und stellte sich schlafend.

Die Tür war geöffnet worden.

Er fühlte den Blick seines Vaters auf sich ruhen und regte sich nicht.

Ein Stuhl wurde gerückt; nun mochte er sich wohl zu ihm gesetzt haben. Da war einer Aussprache nicht mehr zu entgehen! Er wußte, daß Papa nun warten würde, bis er aufwachte.

Langsam, blinzelnd schlug er die Augen auf und richtete sich verschlafen in die Höhe.

»Bleib nur liegen, Bub!« Tiedemann betrachtete ihn mit forschenden Blicken. »Du siehst elend aus, Leo.« Er furchte die Stirn.

»Aber Papa, das ist nur, weil ich Kopfweh habe, und die Tapete hierinnen macht jeden grün! Du siehst auch schlecht aus.«

»Laß die Tapete in Ruhe und sag' mir lieber, wann du heute nach Hause gekommen bist!«

»Nicht spät,« Leo brachte schnell zwei Stunden in Abzug, »es wird noch nicht zwölf gewesen sein. Ich bin von Jan Wolny direkt hierher.«

»Ist das wahr?«

»Ja.« Aus gepreßter Brust kam die Antwort.

»Du lügst mich nicht an?«

»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf.

»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...«

Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater. Es war Scham in ihm, daß er die Unwahrheit gesprochen, trotzdem ihm sein Vater vertraute, und doch sah er keinen anderen Ausweg.

»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder spät nach Hause gekommen bist. Aber jedenfalls lumpst du zu viel. Deine Gesundheit verträgt das nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu geben und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern. »Du bist doch noch zu jung und hast genug Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben daran.«

»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen und schwieg.

»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du alles sprechen, wie mit einem alten Freund!« Tiedemann drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm dankbar zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme:

»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es ist etwas anderes ... Weißt du,« brach er mit stockendem Atem los, »was es ist? Das Leben! Es ist so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon haben kann, wie alt man auch wird. Papa, wenn ich so denke, bekomme ich Riesenangst,« er ballte die Faust, »daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig anwende, und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.«

»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden und küßte ihn auf den zuckenden Mund. »Das soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem noch mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich, dann wirst du mir recht geben.«

»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst aus den Worten.

»Gewiß, mein Kind.«

»Hast du auch mal so empfunden, wie ich? Warst du auch so ungeschickt, Papa?«

»Ja«, mit einem Seufzer kam die Antwort. Tiedemann nickte in Gedanken versunken mit dem Kopfe vor sich hin. »Ich hab' auch geglaubt, jeder Tag müßte mir ein Wunder bringen, und doch habe ich nie eines gesehen. Die Menschen können nicht anders als gemein sein; sie können nichts dafür. Wir sind es selber auch.« Er raffte sich zusammen ... »Das hat jeder mehr oder weniger mitgemacht, der im Leben 'was erreichen wollte; aber glaube mir, es gibt nur eines, was dagegen hilft, und auch nur eines, was wirkliche Freude und Befriedigung gibt: die Arbeit.«

Leos Augen leuchteten auf, »Das hab' ich mir auch schon gedacht, aber ich habe ja keine,« seine Stimme schlug um; »die Schule, das ist doch keine Arbeit, wie du sie meinst, und sonst hab' ich keine!«

»Wird noch genug kommen.«

»Aber wann, Papa? Jetzt möcht' ich sie haben, damit ich etwas bin. Ich weiß nicht einmal, was ich werden soll und bin schon bald neunzehn.« Tiedemann sah zu Boden:

»Ich weiß heute noch nicht, was ich geworden bin ...«

Leo überhörte in seiner Erregung den traurigen Klang in der Stimme seines Vaters.

»Fred hat das Geschäft, Clo hat ihren Mann, Hilde wird auch bald einen haben, und nur ich weiß nicht, was aus mir wird — ich steh' ganz allein.«

»Mancher Mensch ist am glücklichsten, wenn er allein ist.«

»Ihr anderen seid aber doch alle zufrieden?«

»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu antworten, »aber wir haben dabei jeder doch auch unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir gern erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es nie alles gibt, und wenn, dann nimmt es dir gleich darauf wieder, viel mehr, als es dir gegeben hat.«

Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem Rätsel des Lebens stand, sah der Knabe seinen Vater an, der als Resultat eines langen, wie es ihn dünkte glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte seine trockenen Lippen und fragte hastig:

»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der Erde festhält, sonst würden wir uns nicht so vorm Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als es Mama so schlecht ging — wenige Stunden vor ihrem Tode — wie hat sie da geweint, daß sie fort müßte von uns allen und daß sie ihr Leben nicht besser genützt hätte.« Tiedemann erhob sich; er legte Leo die Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen:

»Der Mensch ist feig, Leo, das ist's.« Tiedemann strich ihm das Haar aus der Stirn. »Darum glaubt er immer, es sei schade um ihn, wenn er stirbt, und es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt, ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe manche Szene mit deiner Mutter deswegen gehabt, weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle lasse; und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich jeden Tag auf das Unglück gewartet, das nun über unser Haus kommen würde, — und es ist noch immer keines gekommen — und das Geschäft geht ruhig und gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.« Er senkte den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses und fuhr fort: »Nicht, daß ich es Fred gewünscht hätte, gewiß nicht; du weißt, wie gern ich euch alle habe — aber,« seine Stimme wurde heiser, »deiner Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets gegen mich recht zu haben meinte — sie hat es bisher noch immer gehabt.« Er legte die geballte Faust auf das Knie und vergaß, daß er zu seinem Kinde redete.

»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt, aus Leibeskräften. Ich wollte euch einfacher haben; mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre es nach mir gegangen, ihr wäret nie in dem Gedanken aufgewachsen, daß ihr reich seid. Eure Mutter hat es anders gewollt. Ich habe mich gebangt und gesorgt um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich stets ausgelacht und gesagt: ‚Das verstehst du nicht — und kannst es auch nicht verstehen.’ Und sie hat recht gehabt — ich stand ja den ganzen Tag im Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos, ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.«

»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn, »es ist ja nichts Schlechtes aus uns geworden. Es ist eben jetzt eine andere Zeit.«

»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines Kindes Arm von seinem Hals, »nur eines noch, und das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade darüber reden: heirate — wenn du mal so weit bist — nicht in eine andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in welcher du geboren bist.«

Mit fragenden Augen sah Leo ihn an.

»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur das eine nicht! Du hast es dann stets vor Augen, daß du ein anderer bist. Und wenn du hundertmal das Haus erhältst und alles tust, du bleibst doch immer der Mindere. Da kommen die Verwandten und die Freunde deiner Frau und sehen dich als weniger an — selbst wenn sie selber Lumpen sind, du scheinst ihnen doch minder.«

»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse geheiratet?«

»O nein,« fuhr Tiedemann auf, »du verstehst mich falsch. Nicht bürgerlich und adelig habe ich gemeint, sondern arm und reich. Ich bin von armen Leuten, während deine Mutter aus vermögendem Hause stammte! Darum paßten wir nicht zueinander. Lecart kommt aus vermögendem Hause und Clo auch, darum werden sie nie viel Streit haben, sie haben von Geburt dieselben Bedürfnisse. Darum muß Hilde auch so heiraten, wenn sie vielleicht auch heute noch anders denkt.«

»Sie hat Hansen gern.«

»Das wird vorübergehen. Fred sagt, daß sich Olthoff für sie interessierte; siehst du, Leo, der wäre mir als Schwiegersohn recht.«

»Er ist aber doch ganz anders als du, Papa.«

»Das ist gut, auch Lecart ist es!«

»Du denkst niedrig von der Frau.«

»Wie sie es verdient. Ich kann nicht anders reden, als wie es mich das Leben gelehrt hat. Deine Mutter war eine feine Frau, eine Mutter, wenigstens wollte sie stets das Beste mit euch, aber mir war sie nichts. Oft, am Anfang unserer Ehe, kam ich zu ihr, um dies oder das zu fragen, sie sollte mir einen Rat geben; wenn ich einen Freund brauchte, der hätte sie mir sein sollen. Ich bin stets umsonst gekommen.« Er atmete schwer. »Ihr war Toilette und Theater, kurz: alles wichtiger als meine Sorgen; die sollte ich mit mir allein ausmachen.«

»Armer Papa,« Leo streichelte seine Wange, »und Gerhards Mutter?«

Die Brust des alten Mannes hob und senkte sich in stockenden Wellen. »Die war anders ...« Er stand auf. »Ueber Tote rede ich nicht gern,« sagte er barsch und vergaß im eigenen Kummer, weshalb er gekommen war, »du,« er griff nach Leos Hand, »laß dir's gesagt sein, genieße das Leben!«

»Das will ich tun, Papa.«

»Nehmt euch die Frauen, wo ihr sie findet, und macht euch keine Gedanken, dann seid ihr glücklich; dann habt ihr keine Sorgen und seid begehrenswert.«

»Ja,« mit leuchtenden Augen sah Leo auf, »das will ich tun, und Fred macht es auch so.«

»Recht habt ihr.« Klaus Tiedemann nickte mit dem Kopfe und lachte. Mit starren Augen stierte er auf den Boden. »Rächt mich!«

Leo blickte nachdenklich zu ihm, dann fragte er langsam: »Hat dein Vater auch so zu dir gesprochen, Papa?«

»Mein Vater?« wieder lachte Klaus Tiedemann, »nein, der hat es nicht getan.«

»Warum nicht?«

»Mein Vater? Der dachte nicht an so etwas. Für den gab es nur Geld und Wut darüber, daß er keines hatte.«

»Was war Großvater?«

»Das ist's ja, Leo, von dem ich die ganze Zeit spreche — er war arm — und ging am Trunk zugrunde.«

»Da war er nicht gut mit dir?«

»Nein, Junge, aber darum bin ich es mit euch; ein Vater kann gar nicht nachsichtig und lieb genug mit seinen Kindern sein.«

»Du Guter,« Leo küßte ihn auf den Mund, »aber schau, Papa,« sagte er dann erinnernd, »wenn man nicht heiratet, dann hat man doch keine richtigen Kinder, und du hast uns doch so gern?«

»Das ist wahr.«

»Siehst du ...«

Es war dunkel geworden, und die Laternen warfen flackernde Lichter durch die Fenster. Von der Straße klang gedämpft der Lärm des Menschenstromes herauf, der sich von dem Geschäftsviertel in die äußeren Bezirke ergoß ...

Fred öffnete die Tür. »Aber, Papa, der Wagen steht bereits unten, und du bist noch nicht einmal angezogen!«

»Ich habe ganz vergessen.« Tiedemann fuhr sich über die Stirn, »wir haben ernst zusammen gesprochen und da ist die Zeit schnell vergangen.« Leo kam in Bewegung:

»Mach rasch, Pa, damit wir nicht zu spät kommen, ich bin gleich fertig.«

Er sprang davon; sein Vater drehte sich schwerfällig um, er hätte gern noch etwas gesagt, das seinem Kinde Halt geben sollte in seinen Kämpfen. Doch die richtigen Worte hatte er nicht gleich gefunden, und nun war es zu spät. Daß aber auch Leo das Konzert wichtiger war! ...

»So mach' doch weiter!« Freds Stimme hatte eine unwillige Färbung angenommen. »Es sieht unangenehm aus, wenn man jedesmal zu spät kommt, gerade als ob man es sich so aussuchen würde, um fein zu sein. Das haben wir nicht notwendig.« Er schob seinen Vater zur Tür hinaus und fand nicht eher seine Ruhe wieder, als bis sie alle im Wagen saßen. »Warum hast du keinen Schmuck genommen?« fragte er Hilde, als die Pferde anzogen und ein vorüberfahrender Omnibus mit seinem Lichte ihm diesen Fehler offenbarte.

»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.«

Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte: »Heute hättest du schon einen nehmen können, wo wir uns, seit mehr als Jahresfrist, das erstemal wieder zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ seine prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf bei seinem Vater eine schiefsitzende Krawatte entdeckten. Er richtete sie zurecht und fand dabei, daß Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette trug. Er griff hastig danach. »Das hättest du auch ablegen sollen; entweder oder: wenn wir von heute ab offiziell keine Trauer mehr tragen, so gehört sich das nicht mehr!«

»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus Tiedemann legte die Hand auf den Wagenschlag und blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich dir sagte?«

»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen Augenblick an, dann hielt der Wagen. Ein Strom geschwätziger Menschen umgab sie.

Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann seiner Schwester den Mantel ab und warf ihn dem Diener auf den Arm: »Sie warten beim Ausgang!«

Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu den schwarzen Galerien. Auf dem Podium, das den Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte von Armen waren in lebhafter Bewegung.

Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen: T. A. Hansen stand da und hatte sie gegrüßt. Für einen kurzen Augenblick hatten seine beweglichen Augen ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter, über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott.

Rechts und links grüßten Bekannte:

»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten alle Gesichter, die in wenigen Sekunden sich in ernste Falten legten, weil es die Sitte erforderte und man so über Kunst sprach ...

Der erste Bogenstrich!

Ruhe überflog den Saal, mit den ersten Tönen brach Beethovens Genius die Kleinlichkeit der Menschen und nahm sie gefangen.

Mit eiserner Hand pochte an aller Herz der Kampf der Seele gegen feindliche Gewalten und ließ sie zittern.

Das Glück lächelt und winkt, und das Schicksal wirft sich dazwischen. In wilder Gewalt brüllten die Töne und flehten und baten in heißem Sehnen.

Aufrichten, Hoffen, Verschwinden und Suchen waren des Menschen ewiges Vermächtnis ...

Klaus Tiedemann verstand nichts von Kunst und hatte auch nie darauf Anspruch erhoben, aber als die Töne auf ihn eindrangen, kam eine sonderbare Stimmung über ihn: Vielleicht war er heute zugänglicher, weil er in dem Gespräche mit Leo alte Erinnerungen geweckt, die er lange schon tot gemeint hatte! Seine Kindheit stand plötzlich vor ihm:

Der trunkene Vater schalt sein abgehärmtes Weib, weil er das Geld nicht geben wollte, das sie fürs Leben brauchten. Und daneben saß der Knabe, in Lumpen, und träumte von Geld und Glück, denn ohne Geld konnte es keines geben. Der Vater starb, der Sohn stemmte sich im wilden Trotz dem Leben entgegen, in offenem Kampfe wollte er es bestehen; doch es schlug ihm Wunden auf Wunden. Bald stand er allein. Dann schien Glück zu lächeln, er fand ein Weib. Gemeinsam trugen sie die Mühen leichter. Gerhard wurde geboren. Nun wußte er, wofür er stritt ... Seine Kraft verdoppelte sich. Erfolg kam auf Erfolg. Klaus Tiedemann stieg hoch.

Hornruf riß ihn empor.

Die Welt stand freudlos vor ihm, und die Instrumente schwiegen:

Er fuhr zusammen, als täten ihm all die Hände weh, die in die Stimmung schlugen und damit Beifall zeugten.

Lange dröhnte der Applaus.

Mit matter Handbewegung klatschte Fred: »Die Behrens sind vorn in der Loge«, sagte er nachlässig zu seinem Vater. »Du mußt sie grüßen.«

»Der erste Satz war prächtig,« Leo winkte mit dem Programm seiner Schwester zu, »nur etwas zu langsam.«

Hilde nickte, kaum bewußt, daß man zu ihr gesprochen. Die Stimmen schwirrten um sie und banden sie an die Wirklichkeit. Das Orchester setzte ein. In wildem Rasen nahm das Kunstwerk sie weiter gefangen, alles versank hinter ihr.

Der Taumel konnte betäuben, nicht täuschen über den Ernst! Das war es, was sie oft empfand, daheim, wenn sich die Ihren anders gaben, als sie waren. Bequem war es, doch es mußte sich rächen! Derbes Behagen und Selbstzufriedenheit gaben nimmer Erfolg. Vater mußte die Fehler seiner Söhne sehen und sich ihrer bewußt werden.

Ihre Blicke flogen zu ihm. Seine Gedanken gingen ähnlichen Gang:

Sollte das rastlose Suchen und Mühen nach dem Glück, das ihn zeitlebens geleitet hatte, sein Ende finden in enger Begrenzung? So dachte er damals, als er, zurückgekehrt auf Heimaterde, sein Werk, jetzt Freds Werk, geschaffen hatte. Sollte er einsam bleiben, zufrieden mit dem Besitz? Er sehnte sich wieder nach Heimat im wirbelnden Trubel des Lebens, sein Herz verlangte Liebe, und die gab die Familie! Familie? Er brauchte zu wählen. Wie klein waren die Menschen, die ihm nun ruhig ihr Kind gaben, weil er reich geworden war! Die Kinder kamen, doch nicht das erhoffte Glück. Als er es besessen hatte, in den wenigen, kurzen Jahren seiner ersten Ehe, da hatte er sich nach dem lärmenden Erfolg gesehnt; da war das Glück zerbrochen. Nun verließ ihn nicht mehr der Erfolg, doch das Glück kam nimmer! Er wurde einsam in seiner großen Familie.

Mit starren Augen blickte Tiedemann vor sich nieder. Warum? ... Warum?

Beifall hatte zweimal um ihn geklungen, er hatte sich nicht gerührt. Seine Kinder sprachen, er gab keine Antwort:

Freude klang aus Instrumenten und Stimmen!

Freude war ihm nie beschieden gewesen.

Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in seinen Kräften stand, gab er hinzu. Sie sollten haben, was ihm das Leben verwehrte!

Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten. »... Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt ...«

Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts überbrückte. Wer Großes wollte, wuchs aus seinem Kreis und nahm sich so die Kraft, die ihm bestimmt war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines Geigers hängen, einer kleinen, verkrüppelten Gestalt, an der nur die Augen lebten und flackerten. Er war glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war es auch Klaus Tiedemann ergangen:

Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden des Volkes geraubt, aus dem er gewachsen war. Und nun stand er zwischen zwei Schichten und gehörte keiner an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen Türen und wollte den Weg zurück nicht mehr gehen, weil er allzu steinig war, da er ihn wanderte, den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die Türen vor ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging zu Ende. Noch immer suchte er dessen Rätsel zu lösen. Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu sein? ...

»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin Wolny vorstellen.«

Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos geblieben, als das Konzert zu Ende war, der noch immer so saß im halbleeren Saal. Tiedemann seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete sich die Augen, in welche die Erinnerung ihres Lebens Tränen getrieben hatte. Sie gingen dem Ausgang zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah ihn nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher spricht, ist Entweihung«, hatte er einmal zu ihr gesagt.

»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?« Eine schöne Frau grüßte mit bezauberndem Lächeln: Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin, hatte der Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen, durch vier leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis. »Aber übermorgen kommen Sie doch in mein Konzert?«

»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte sich, trotzdem sein Inneres anders sprach. Er wendete sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt dich morgen gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir noch welche.«

»Ich denke schon!«

Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor Tiedemann auf, in dem er Beifall klatschen mußte, weil es die anderen taten. Mechanisch verbeugte er sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig zum Ausgang sah:

»Nun haben wir die Wolny verpaßt.«