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Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien cover

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Chapter 20: Rio de Janeiro, den 2. März 1882
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About This Book

Through a series of dated letters, a German governess recounts her experiences living and working on Brazilian plantations and in cities, describing travel, domestic routines, interactions with employers and with enslaved and free workers, linguistic and cultural misunderstandings, climate and landscape, social customs, and the daily joys and hardships of adapting to life abroad. Observations alternate between practical details of household management and reflective passages on loneliness, community, and moral tensions arising from the local social order. The correspondence mixes vivid sensory description with wry commentary, charting personal growth and shifting perceptions over the course of the stay.

Rio de Janeiro, den 2. März 1882.

In aller Eile ein paar Worte, Herzensgrete! Ich bin nach Saõ Paulo engagiert und zwar, denke Dir mein Glück, nach der Stadt Saõ Paulo zu einer, wie es scheint sehr netten Familie. Herr Konsul Haupt war so sehr liebenswürdig, eine Annonce für mich in das Jornal de Commercio rücken zu lassen, wo er mich wohl sehr herausgestrichen haben muß, denn dieser Herr Costa ist eigens von Saõ Paulo hergekommen, um dies Wundertier von „professora“ (vulgomestra“) zu engagieren. So geht’s denn morgen nach der „geistigen Hauptstadt von Brasilien“, wie der Paulistaner seine Stadt mit Stolz und Vorliebe nennt.

Madame war höchst ärgerlich, als ich ihr sagte, daß ich fort wolle, und hat mir kaum Adieu gesagt, aber alle, die mir wohlwollen, raten mir zu.

Weißt Du aber, was mir jetzt klar geworden ist, Gretel? Der Grund, warum meine deutschen Kolleginnen in ihrer Toilette nicht im Stande waren, den Beifall ihrer brasilianischen Mitschwestern zu erlangen! Ich werde wohl nächstens auch ohne denselben fertig werden müssen. Stelle Dir vor, wenn es Dir möglich ist, daß ich neulich für ein Kattunkleidel, das ich haben mußte und mir bei einer französischen Schneiderin anfertigen ließ, dieser edlen „Madame Victorine“ baare 78 Mark Macherlohn auf den Tisch des Hauses niederlegen mußte!! Ich war versteinert und werde nie mehr zu einer Madame Victorine gehen, wenn meine mitgebrachten Sachen nicht mehr reichen, sondern es machen, wie es wahrscheinlich meine Kolleginnen hier vielfach thun: ich werde selber zu Schere und Nadel greifen!

Der erste „Erfolg“ dieses Kattunkleidels ist, daß ich Mr. Carson anpumpen mußte, um an meinen neuen Bestimmungsort zu gelangen, und ich schreibe Dir dies als exemplum tragicum zu Nutz und Frommen aller Derer, die es bethören sollte, wenn man ihnen in Brasilien 4–5000 Mark Gehalt bietet. Jetzt werde ich übrigens nur 3000 bekommen. Aber Courage habe ich doch noch, Gretel, unterkriegen lassen wir uns nicht. Wie sagt jener geistreiche Franzose? Il faut fatiguer l’infortune!

Unverwüstlich Deine Ulla.