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Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien cover

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Chapter 27: Saõ Paulo, den 28. Juni 1882
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About This Book

Through a series of dated letters, a German governess recounts her experiences living and working on Brazilian plantations and in cities, describing travel, domestic routines, interactions with employers and with enslaved and free workers, linguistic and cultural misunderstandings, climate and landscape, social customs, and the daily joys and hardships of adapting to life abroad. Observations alternate between practical details of household management and reflective passages on loneliness, community, and moral tensions arising from the local social order. The correspondence mixes vivid sensory description with wry commentary, charting personal growth and shifting perceptions over the course of the stay.

Saõ Paulo, den 28. Juni 1882.

Denke Dir, Grete, was für ein Schlag aus heiterm Himmel mich getroffen hat! Ich muß fort aus Saõ Paulo! Das ist des Schicksals Rache für meine Flucht aus dem Collegio! Nun werde ich wieder auf eine Pflanzung wandern müssen und wieder allein sein und zwischen Schlangen und Negern hausen!

Aber höre.

Ich schrieb Dir schon in meinem letzten Briefe, den Du wahrscheinlich mit diesem zusammen erhalten wirst, daß die Römlinge ganz aus Rand und Band gewesen seien in diesen Tagen des Feuersports; wie weit das aber gegangen war, wußten wir selbst nicht. Sie müssen unbedingt „Max und Moritz“ studiert haben, sie haben so viel in’s Brasilianische übertragene Ähnlichkeit mit diesen Klassikern der dummen Streiche! Was, denkst Du wohl, war ihr Hauptstreich am Sanct Johannestage? Sie waren nach der Hauptstraße gelaufen und hatten den Pferden der Trambahn Feuerwerk vor die Füße geworfen und Knallerbsen auf die Schienen gelegt und sich dabei natürlich wie die jungen Teufel amüsiert, bis sie schließlich ein Pferd zum Stürzen gebracht hatten, das denn auch richtig ein Bein gebrochen. Gestern wurden sie nun von dem Direktor der Trambahn bei ihrem Vater verklagt, dieser muß das Pferd bezahlen und hat den Ärger gratis. Dieses vergnügliche Intermezzo hat den Republikaner und Römervater aber doch so in Harnisch gebracht, daß er seine Jungen sofort zu den Mönchen zur Erziehung schicken will; Lavinia, für die allein eine Erzieherin zu halten ihm nicht lohnt, soll in ein Collegio. Arme Lavinia! Aber auch arme Ulla, die nun wieder wandern muß! Es gefiel mir hier sonst so gut in Saõ Paulo! Da kann ich wirklich mit dem Trompeter seufzen:

„All Jahr’ wächst eine andre Pflanz’
Im Garten als vorher —
Das Leben wär’ ein Narrentanz,
Wenn’s nicht so ernsthaft wär’!“

Ach Grete, ich bin mit einem Male schrecklich mutlos geworden; ich möchte immerfort weinen. Ich habe auch nichts wie Unglück! Mr. Hall, dem ich es heute Abend erzählt — ich ging zu Fräulein Meyer, weißt Du, und er begegnete mir zufällig — meinte auch ganz betroffen: „It’s too bad, yes, this is too bad!

Fräulein Meyer glaubt eine Stelle für mich zu wissen bei den Cousinen ihrer eignen Zöglinge, aber das ist wieder auf dem Lande, und so muß ich fort aus Saõ Paulo, das ich doch so sehr liebe! Ach Grete, ich sage Dir, ich liebe Saõ Paulo schwärmerisch, ich werde unglücklich sein, wenn ich fort bin, ganz elend! Das Leben ist doch recht schwer, Grete!

Deine sehr betrübte Ulla.