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Ligeia und andere Novellen; Sieben Gedichte cover

Ligeia und andere Novellen; Sieben Gedichte

Chapter 14: I.
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About This Book

A set of Gothic short stories and poems probes obsession, memory, mourning, and the porous boundary between life and death. One tale follows a bereaved narrator who remembers an enigmatic, learned woman’s beauty and intellect and encounters uncanny signs that suggest her possible return after death, blending unreliable memory with supernatural suggestion. Other narratives offer intimate first-person accounts of decay, violence, and psychological torment, while the poems echo loss, longing, and the uncanny. The collection employs ornate, melancholic prose and intense atmosphere to explore will, language, and the instability of perception.

Der Himmel war düster umwoben;

Verflammt war der Bäume Zier —

Verdorrt war der Bäume Zier;

Es war Nacht im entlegnen Oktober

Eines Jahrs, das vermodert in mir;

War beim düsteren See von Auber,

In den nebligen Gründen von Weir —

War beim dunstigen Sumpf von Auber,

In dem spukhaften Waldland von Weir.

Durch Zypressenallee, die titanisch,

Bin ich mit meiner Seele gegangen —

Bin hier einst mit Psyche gegangen —

Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch

Wie die schlackigen Ströme, die langen,

Wie die Lavabäche, die langen,

Die rastlos und schweflig den Yaanek

Hinab bis zum Pole gelangen —

Die rollend hinab den Berg Yaanek

Zum nördlichen Pole gelangen.

Unser Wort war von Dunkel umwoben,

Der Gedanke verdorrt und stier —

Das Gedenken verdorrt und stier;

Denn wir wußten nicht, daß es Oktober,

Und der Jahrnacht vergaßen wir —

Der Nacht aller Jahrnächte wir!

Wir vergaßen des Sees von Auber

(Obgleich wir gewandert einst hier),

Des dunstigen Sumpfs von Auber

Und des spukhaften Waldlands von Weir.

Und nun da in alternder Nacht

Die Sternuhr gen Morgen sich schob —

Da die Sternuhr gen Morgen sich schob —

Ward am End’ unsres Pfades entfacht

Ein Schimmern, das Nebel umwob,

Aus dem mit wachsender Pracht

Ein Halbmond sein Doppelhorn hob —

Astartes demantene Pracht

Deutlich ihr Doppelhorn hob.

„Sie ist wärmer“, so sagte ich,

„Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer

Von Seufzern — ein Seufzermeer;

Sie sah es: die Träne wich

Von diesen Wangen nicht mehr,

Und vorbei am Löwenbild strich

Als Lenker zu Himmeln sie her,

Als Leiter zu Lethe sie her;

Trotz des Löwen getraute sie sich,

Uns zu leuchten so hell und so hehr —

Durch sein Lager hindurch wagte sich

Ihre Liebe, so licht und so hehr.“

Doch Psyche hob warnend die Hand:

„Fürwahr, ich mißtraue dem Schein

Dieses Sterns — seinem bleichen Schein.

O fliehe! o halte nicht stand!

Laß uns fliegen — denn, o! es muß sein!“

Sprach’s entsetzt, und es sanken gebannt

Ihre Schwingen in schluchzender Pein —

Ihre Schwingen schleiften gebannt

Die Federn in Staub und Stein —

Voll Kummer in Staub und Stein.

Ich erwiderte: „Traum ist dies Grauen!

Laß uns weiter in Lichtes Pracht —

Laß uns baden in seiner Pracht!

Es läßt mich die Hoffnung erschauen

In kristallener Schönheit heut nacht —

Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht!

O! man darf seinem Schimmern vertrauen,

Es führt uns mit weisem Bedacht —

O! man muß seinem Schimmern vertrauen,

Es lenkt uns mit treuem Bedacht,

Da es flackert gen Himmel durch Nacht!“

Ich beruhigte Psyche und gab

Ihr Küsse und lockte sie vor —

Aus Bedenken und Dunkel hervor;

Und wir schritten den Baumgang hinab,

Bis am Ende uns anhielt das Tor

Einer Gruft — ein märchenhaft Grab.

„Schwester,“ sprach ich, „was schrieb man aufs Grab —

An das Tor von dem Wundertume?“

„Ulalume!“ sprach sie; „in dem Grab

Ruht verloren für dich Ulalume!“

Und mein Herz wurde düster umwoben,

Wurde dürr wie der Bäume Zier; —

Wurde welk wie der Bäume Zier;

Und ich schrie: „Es war sicher Oktober

In der nämlichen Nacht, da ich hier

Im Vorjahr gewandert — und hier

Eine Last hertrug, fürchterlich mir!

Diese Nacht aller Jahrnächte mir,

Welcher Dämon verführte mich hier?

Gut kenn’ ich den See jetzt von Auber —

Diese nebligen Gründe von Weir —

Gut kenn’ ich den Dunstsumpf von Auber —

Dieses spukhafte Waldland von Weir.“

DIE GLOCKEN

I.

Hört der Schlittenglocken Klang —

Silberklang!

Welche Welt von Lustigkeit verheißt ihr heller Sang!

Wie sie klingen, klingen, klingen

In die Nacht voll Schnee und Eis,

Während sprüh die Sterne springen,

Zwinkernd sich zum Reigen schlingen

Im kristallnen Himmelskreis:

Halten Schritt, Schritt, Schritt,

Tanzen Runenrhythmen mit

Zu der kleinen klaren Glocken süßem Singesang,

Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang,

Klang, Klang, Klang —

Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang.

II.

Hört der Hochzeitsglocken Klang —

Goldnen Klang!

Welche Welt von Seligkeit verheißt ihr voller Sang!

Wie ihr Läuten lauter lacht

Durch den Balsamduft der Nacht!

Aus dem holden goldnen Schwall,

Wie altgewohnt,

Fliegen leicht die Töne all

Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall

Schielt zum Mond.

O wie schwillt im Überschwang

Ein Guß von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang!

Hochgesang —

Hoffnungssang

Auf der Zukunft heitern Gang!

Freude treibt zu schnellerm Drang

Dieses Ringen und das Schwingen

In dem Klang, Klang, Klang —

In dem Klang, Klang, Klang, Klang,

Klang, Klang, Klang —

Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang.

III.

Hört der Feuerglocken Klang —

Bronznen Klang!

Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang!

Wie ihr Schreien Schreck entfacht

In durchbebter Luft der Nacht!

Zu entsetzt, um klar zu sein,

Können sie nur schrein, nur schrein,

Ohne Takt

Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer,

Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer.

Höher, höher, ungeheuer

Springt verlangend auf das Feuer;

In verzweifeltem Bemühn,

Bis zum Mond emporzusprühn,

Sind die Flammen steilgezackt.

O, der Klang, Klang, Klang!

Wie er grauenvoll und bang

Alles schreckt!

Wie er schauert, schallt und braust,

Daß den Lüften bangt und graust,

Wie er aller Orten lähmendes Entsetzen weckt!

Dennoch hört das Ohr sie gut

Durch das Schallen

Und das Hallen:

Ebbe der Gefahr und Flut;

Dennoch nimmt das Ohr es wahr

Durch das Zanken

Und das Schwanken:

Flutet oder ebbt Gefahr —

Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen

Glockenklang,

In dem Klang —

In dem Klang, Klang, Klang, Klang,

Klang, Klang, Klang —

Durch das Härmen und das Lärmen in dem Klang.

IV.

Hört der Eisenglocken Klang —

Eisenklang!

Welche Welt von Trauer trägt ihr monotoner Sang!

In der Grabesruh der Nacht

Wie er uns erschauern macht

Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton!

Denn die Klänge, die entrollen

Rostigen Glockenkehlen, tollen

Grollend fort.

O, die Wesen, die dort oben

In dem Glockenturme toben —

Einsam dort

Mit den monotonen Glocken —

Die da tollen, tollen, tollen,

Voll verschleiertem Frohlocken

Einen Stein aufs Herz uns rollen —

Leichenfressende Dämonen

Sind’s, die in den Glocken wohnen,

All im Sold

Ihres Königs, der da tollt,

Der da rollt, rollt, rollt,

Rollt

Triumph aus Glockenklang!

Und sein Busen schwillt im Drang

Des Triumphs aus Glockenklang.

Johlend tanzt er zu dem Sang;

Haltend Schritt, Schritt, Schritt

Tanzt er Runenrhythmen mit

Zum Triumph aus Glockenklang,

Glockenklang.

Haltend Schritt, Schritt, Schritt

Tanzt er Runenrhythmen mit

Zu dem Dröhnen in dem Klang,

In dem Klang, Klang, Klang —

Zu dem Stöhnen in dem Klang.

Haltend Schritt, Schritt, Schritt

An der Totenglocke Strang

Tanzt er Runenrhythmen mit

Zu dem Tollen in dem Klang,

In dem Klang, Klang, Klang,

Zu dem Rollen in dem Klang,

In dem Klang, Klang, Klang, Klang,

Klang, Klang, Klang —

Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang.

TAMERLAN

Tröstlicher Sang für Mußestunden —

Das, Vater, ist mein Thema nicht.

Ich weiß, ich werde nie entbunden

Von mehr als irdischen Hochmuts Sünde

Durch Erdenmacht für Sehnsucht finde

Ich nicht die Zeit, für Träumen nicht.

Man nennt sie Hoffen — jene Glut!

Nichts ist sie als Begehrens Wut!

Könnte ich hoffen — Gott! ja, dann

Hieß ich nicht Narr dich, alter Mann.

Begreifst du eines Geistes Scham,

Der tief gebeugt nach höchstem Flug?

O schmachtend Herz! von dir bekam

Dein Welken ich mit all dem Trug

Von Ruhmbegier, den heißen Glanz,

Um meinen Thron den Strahlenkranz,

Der Hölle Heiligenschein! und Not,

Die nicht in Hölle heißer loht.

O drängend Herz, das nach der Wonne

Verlorner Blumen, nach der Sonne

Der alten Sommerstunden schreit! —

Die ewige Glocke jener Zeit,

Die starb, sie singt nun ohne Enden

Eintönig, wie von Zauberhänden

Geläutet, deiner Nichtigkeit

Ein unsterbliches Grabgeläut.

Ich war nicht immer so wie jetzt:

Dies Diadem, das fiebrisch hetzt,

Krönt eines Usurpators Gier.

Gab gleiche feurige Erbschaft nicht

Dem Cäsar Rom — wie dieses mir?

Das Erbe königlicher Kraft

Und stolzer Mut und Zuversicht,

Die alles Menschliche errafft!

Auf Bergeserde ward ich Leben.

Nachtnebel gossen ihren Tau

Aufs Haupt mir aus dem dunklen Grau;

Ich glaube, daß der Lüfte Weben,

Zu ungestümem Sturm erregt,

Durch dies mein eignes Haar gefegt.

So spät vom Himmel — Tau — er fiel

(In Träumen unheiliger Nacht)

Auf mich herab wie Höllenspiel;

Und Flammen, glühendrot entfacht

Aus Wolken, die gleich Bannern hingen,

Erschienen halbgeschloßnem Blick

Als Prunk von Herrschermacht und Glück;

Und des Trompeten-Donners Klingen

Umbrauste mich wie Wirbelwind

Und sprach von Menschenschlacht, darinnen

Die meine Stimme — dummes Kind! —

(Was würde ich vor Lust beginnen

Bei solchem Schrei — erlebt’ ich dies!)

Schlachtruf des Sieges schallen ließ.

Der Regen kam herab auf mein

Schutzloses Haupt, und schwerer Wind

Machte mich toll und taub und blind:

Es mochten wohl nur Menschen sein,

Die Lorbeer auf mich niederwarfen,

So dachte ich; der Sturm der scharfen

Eisigen Luft hat in mein Ohr

Hineingegurgelt das Zertrümmern

Von Kaiserreichen — mit dem Wimmern

Gefangener Feinde — Stimmenchor

Des Trosses und den Schmeichelton

Ringsher um eines Herrschers Thron.

Meine Gier, seit jenen Unglücksstunden,

Ward Tyrannei, die ich erstrebte;

Man hielt sie, seit ich Macht gefunden,

Für meines Innern Grundgebot.

Nun sei’s! Doch, Vater, einer lebte,

Der damals — da ich jung und sie

In stärkerm Feuer noch geloht

(Denn Leidenschaften sterben früh) —

Der damals selbst gewußt, daß, ach,

Dies eisern Herz in Liebe schwach.

Mir fehlen Worte, um zu sagen,

Wie gutes Lieben Freude flicht!

Noch würde ich zu zeichnen wagen

Ein mehr als schönes Angesicht,

Des Züge meinem Geiste sind —

Schatten im unbeständigen Wind:

Gleich wie mein Aug’, mein zögernd mattes,

Die Lettern irgendeines Blattes

Und alle Wissenschaft darin

Zu Phantasien ohne Sinn

Oft schmelzen sah — zu Nichts dahin.

O, sie war all der Liebe wert!

Und so der Kindheit Liebe war,

Daß Engel neidvoll sie begehrt;

Ihr junges Herz war der Altar,

Auf dem als Weihrauch lag mein Hoffen

Und Denken — damals gute Gaben,

Denn kindlich waren sie und offen;

Ihr Beispiel strahlte rein dem Knaben.

O, warum mußte ich’s verlassen,

Um im Vertrauen auf das Feuer,

Das innen brannte ungeheuer,

Verwegen nach dem Licht zu fassen?

Wir wuchsen liebend auf — zusammen —

Durch Wildnis streifend wie das Wild;

In Frostzeit meine Brust ihr Schild,

Ihr Schild im frohen Sommerflammen.

Sie sah wohl lächelnd himmelwärts,

Mein Himmel war ihr Aug’ allein.

Der Liebe Lehrer ist — das Herz:

Wenn mitten in dem Sonnenschein

Und jenem Lächeln — nicht etwa,

Um kleine Sorgen wett zu machen

Noch über Schelmerei zu lachen —

Wenn mittendrin es wohl geschah,

Daß ich mich warf an ihre Brust

Und daß, des Grundes kaum bewußt,

Mein Geist in Tränengüssen bangte,

Da tat’s nicht not, mich zu bekennen,

Ihr tröstend meinen Schmerz zu nennen —

Sie, die nach keinem Grund verlangte,

Ließ, ohne Ängste kund zu tun,

Ihr ruhiges Auge auf mir ruhn.

Dennoch war mehr denn Liebe wert

Mein Geist, er rang in wildem Weh,

Da ihn — allein auf Bergeshöh —

Der Ehrgeiz neuen Ton gelehrt;

Ich lebte einzig nur in dir:

Die Welt und alles, was sie hier

In Erde, Luft und Meer umfaßt —

All ihre Lust — all ihre Last —

Gab neue Freude; ideale

Traumnächtig dunkle Nichtigkeiten —

Dunklere Nichtse, doch reale

(Schatten — und schattenhafteres Gleiten

Von Licht) auf Nebelschwingen kamen

Und wurden also, wirr vereint,

Dein Bildnis und — ein Name — Name!

Zwei Dinge, fremd — doch eng vereint!

Ehrsüchtig, Vater, war dein Sohn.

Kanntest du Leidenschaft? — Nein — nein!

Ein Ärmster sann ich einen Thron

Der halben Welt als mein — als mein —

Noch grollend über niedres Los.

Und doch, es waren Träume bloß,

Die mit dem Dampf des Taus verflogen

Gleich jedem andern Traum, vom Strahl

Der Schönheit lieblich angezogen,

Der meinem Geist das Dunkel stahl.

Wir schritten beide auf der Krone

Weit hohen Bergs, der niederschaute

Auf stolz getürmte Felsenthrone —

Auf Wald, der Höhen überbaute —

Auf Hügel, die sich talwärts senkten

Und tausend Quellen Leben schenkten.

Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht,

Geheimnisvoll, als sollte dies

Gerede zu nichts anderm taugen

Als nur zum Spiel; in ihren Augen

Las ich, vielleicht zu unbedacht,

Ein Fühlen, das Verstehen hieß.

Ihr klar Erröten schien zu schön

Zu kleiden königliche Höhn,

Als daß es immerfort allein

Licht in der Wildnis sollte sein.

Dann hüllte ich mich selbst in Glanz

Mit eingebildeter Krone auf —

Nicht war’s, daß Phantasie allein

Mich hold geschmückt mit ihrem Kranz,

Nein, daß im großen Menschenhauf

Der Löwe Ehrsucht lahm und klein

Sich duckt vor eines Wächters Hand.

Doch nicht in Wüsten, wo der Starke,

Der Wilde schwört, mit ihrem Marke

Zu schüren seines Feuers Brand!

Blick um dich jetzt auf Samarkand!

Ist sie nicht Königin der Erde?

Sind alle Städte mehr denn Herde

Vor ihrer hohen Herrscherhand?

Steht sie erhaben nicht, allein,

Im Glanz, den je die Welt gekannt?

Fiel sie — könnt’ nicht ihr ärmster Stein

Der Sockel eines Thrones sein? —

Und wer ihr Herrscher? — Timur — er,

Den das erstaunte Volk allda

— Gekrönten Räuber! — stolz und hehr

Hin über Reiche schreiten sah!

O Menschenliebe! Ausgegossen

Als Geist von allem, was erschlossen

Uns zeigen mag die Himmelswelt!

Die du, wie Regen frisch bestellt

Schirokko-dürres Sommerfeld,

Die Seele segnend tränkst und näßt

Und doch das Herz in Wildnis läßt!

Begriff, der alles rings, das lebt,

Mit seltsamer Musik umschwebt

Und wunderlicher Prachtgebärde —

Lebwohl! denn ich gewann die Erde.

Als Adler Hoffnung hoch im Flug

Gen Himmel nichts mehr höher sah,

Besänftigt wandte er sich da,

Daß seine Schwinge heimwärts schlug.

War Sonnenuntergang: wenn weit

Die Sonne sinkt, kommt Düsterkeit

Ins Herz ihm, der noch gern erblickte

Den Glanz, den Sommersonne schickte.

Er wird den Duft des Abends hassen,

Wird lauschend vor dem Klang erblassen

Der Nacht (den Lauschern offenbar)

Als einer, der in Traumesbann

Entfliegen möchte, doch nicht kann,

Vor einer nahenden Gefahr.

Wenn Mond, der weiße Mond, auch ganz

Ausschüttet seines Mittags Glanz,

Sein frostig Lächeln, sein Geleit

Scheint jener Zeit der Düsterkeit

Ein Bild aus Tagen nach dem Tod.

Jugend ist eine Sommersonne,

Die nichts uns läßt von Wert und Wonne,

Wenn sie verschwand, nur Nichts und Not.

Denn alles Wissen, dem wir lebten,

Ward uns; was wir zu halten strebten,

Entfloh; so laß das Erdenwallen

Mit seiner Mittagsschönheit fallen,

Die alles ist. — Ich eilte her

Zu meinem Heim — mein Heim nicht mehr —

Denn was es je dazu gemacht,

War fort; trat ich auch sanft und sacht

Durch seine moosige Tür, es drang

Vom Schwellenstein der Stimme Klang

Von einer, die ich einst gekannt.

Ich leugne, Hölle, daß dein Brand

Mehr Demut brennt als nun mein Herz,

Mehr Wehmut kennt als nun mein Schmerz!

Vater, ich glaube fest — ich weiß

Denn Tod, der kommt aus Segensferne,

Die ohne trügerisches Hoffen,

Er ließ sein eisern Tor weit offen,

Und strahlend glühn der Wahrheit Sterne

Durch Ewigkeit und flammen heiß —

Ich glaube, einen Fallstrick hat

Satan auf jedem Menschenpfad;

Denn wie sonst konnte dieses sein:

Als ich gelebt im heiligen Hain

Der Göttin Liebe, die so rein

Alltäglich salbt die schneeige Schwinge

Im Weihrauch frommer Opferbrände

Und andrer unbefleckten Dinge,

Im Haine, dessen Dach und Wände,

Wo Lücken läßt das Laubgewind,

Mit Strahlen eng vergittert sind,

Durch die kein Stäubchen, keine Mücke,

Ausweichend ihrem Adlerblicke,

Eindringen kann — wie sonst denn war

Dies möglich, daß nicht wahrnehmbar

Die Ehrsucht dort ins Glück gedrungen,

Bis dreister sie emporgesprungen

Hohnlachend in der Liebe Haar?

DAS KOLOSSEUM

Urbild des alten Rom! Reliquienschrein

Für Schaun und hohen Traum, den in die Zeit

Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt!

Nun endlich — endlich — nach so vielen Tagen

Von Wandermüdigkeit und gierem Durst

(Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst)

Ein andrer und demütiger kniee ich

In deinem Schatten nun und trinke ein

Dein ragend Düster, deinen Glanz und Ruhm.

Unendlichkeit und Öde! Schwermut, Schweigen!

Uralter Zeit Erinnern — düstere Nacht!

Ich fühl euch jetzt — fühl eure ganze Wucht —

O Zauber, stärker als Judäas König

Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane!

O Wunder, machtvoller als der Chaldäer

Jemals verzückt aus stillen Sternen zog!

Hier, wo ein Held einst stürzte, stürzt die Säule.

Hier, wo ein goldner toter Adler glänzte,

Hält mitternächtig Wacht die Fledermaus.

Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar

Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel.

Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte,

Schlüpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus,

Vom Schein des zwiegehörnten Monds beleuchtet,

Die flinke Echse schweigend über Steine.

Doch halt! Die Mauern — diese Bogengänge,

Hochauf von altem Efeu eingekleidet,

Die schwarzen bröckeligen Säulensockel

Und düstern Schäfte, dunklen Kapitäle,

Zerfallenden und fast verblaßten Friese,

Zersprungnen Kranzgebälke — dieses Wrack —

All diese Steine — ach, die grauen Steine —

Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit

Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz

Für mich und für das Schicksal übrig ließ?

„Nicht alles —“ geben mir die Echos Antwort —

„Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen —

Und laute Klänge — ewig von uns auf,

Von allen Trümmern zu den Weisen auf,

Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne.

Wir leiten alle riesenhaften Geister!

In unumschränkter Macht beherrschen wir

Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen.

Wir sind nicht leblos — wir erblichnen Steine.

Nicht alle Macht ist hin — nicht aller Ruhm —

Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes —

Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt —

Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen —

Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand

Uns rund umhängt und überall bedeckt

Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit!“

DIE STADT IM MEER

Weh! wunderliche einsame Stadt,

Drin Tod seinen Thron errichtet hat,

Tief unter des Westens düsterer Glut,

Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut

In letzter ewiger Ruhe ruht.

An Schlössern, Altären und Türmen hat

(Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)

Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.

Von Winden vergessen, die wühlen und heben,

Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,

Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

Kein Strahlen vom Himmel kommt herab

Auf jener Stadt langnächtiges Grab.

Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf,

Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf,

Hinauf an Türmen bis zum Knauf,

Hinauf an Palästen, an Zitadellen,

An Tempeln hinauf und an Babylonwällen,

Hinauf an vergessenen Laubengängen

Mit eingemeißelten Fruchtgehängen,

Hinauf an manchem Opferstein,

Auf dessen Friesen zu engem Verein

Verflochten Viola, Violen und Wein.

Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,

Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

Die Mauern und Schatten wie Nebelduft —

Es scheint, als hänge alles in Luft.

Vom Turm, der herrschend ragt und droht,

Schaut riesenhaft herab der Tod.

Geöffnete Tempel und Totengrüfte

Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte.

Doch nicht die blitzenden Juwelen

In goldner Götzen Augenhöhlen

Und nicht der reiche Tod verführen

Die starren Wasser, sich zu rühren:

Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang

Die gläserne Einöde entlang,

Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer

Von Wind ist irgendein anderes Meer,

Nichts sagt, daß je ein Wehen war

Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.

Doch, o — es regt sich leis wie Wind!

Ein Wellen durch das Wasser rinnt —

Als ob die Türme im sachten Sinken

Die Flut verschöben zur Rechten und Linken —

Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen

Himmels Lücken zurückgelassen.

Ein roteres Glimmen steigt heran —

Die Stunden halten den Atem an —

Und wenn die Stadt hinab, hinab

Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen,

Wird ihr von eintausend Thronen herab

Der Gruß der Hölle tönen.

INHALT

Ligeia 1
Berenice 29
Morella 51
Eleonora 63
Die Insel der Fee 77
Landors Landhaus 87
Der Herrschaftssitz Arnheim 107
GEDICHTE  
Der Rabe 133
Annabel Lee 138
Ulalume 140
Die Glocken 146
Tamerlan 151
Das Kolosseum 163
Die Stadt im Meer 165

DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE DES PROPYLÄEN-VERLAGS IN BERLIN IN EINER EINMALIGEN AUFLAGE VON TAUSEND IN DER PRESSE NUMERIERTEN EXEMPLAREN IN DER BUCHDRUCKEREI OTTO ELSNER IN BERLIN GEDRUCKT

EXEMPLAR Nr 933

Anmerkungen zur Transkription

Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

  • ... mit faltenreichem schweren Goldstoff verhangen — demselben ...
    ... mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen — demselben ...
  • ... In der Tat, nichs hätte wohl einfacher — unaufdringlicher wirken ...
    ... In der Tat, nichts hätte wohl einfacher — unaufdringlicher wirken ...
  • ... entgegen seiner eigenen Anschauug, zu Taten veranlassen. ...
    ... entgegen seiner eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen. ...