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Liljecronas Heimat

Chapter 19: Der Speziestaler
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About This Book

A violent winter storm on a holiday devastates a rural district, forcing a poor family—mother, a small girl and a younger sibling—to face ruined roads, overturned fences, fires and the loss of a promised Christmas feast. The child's frustration and fear provide a close, human perspective while the narrative widens to portray village life under harsh weather: embedded poverty, household improvisation, social ties and the landscape's power over daily existence. Intimate domestic detail alternates with broader scenes of destruction, and the story follows small acts of endurance and compassion as characters navigate hardship and the memories that bind their community.

Der lange Bengt wußte, wenn er etwas auf der Welt konnte, so konnte er eine Fuchsgrube herrichten. Und am gestrigen Abend hatte er diese nicht weniger pünktlich angelegt als sonst auch.

Er hatte die obere Öffnung der tiefen Grube mit einem so hinterlistigen Dach aus Birkenruten, Stroh und Schnee versehen, daß es nicht einmal die verschlagenste Füchsin vom gewöhnlichen Erdboden hätte unterscheiden können; und die Ente, die auf dem großen hohen Pfahl in der Mitte der Grube sitzen mußte, um den Fuchs herbeizulocken, war, mit einem Strick um die Flügel, so fest auf den Pfahl gebunden gewesen, daß sie sich nicht rühren konnte. Es war die beste Ente auf dem Hof gewesen, die die stärkste Stimme von allen hatte. Der lange Bengt hatte sie in der Nacht schreien hören, nachdem sie schon auf den Pfahl festgebunden war. Ihre Jammerrufe hatten gellend und ohrenzerreißend durch die Winternacht getönt.

Für den, der die Fuchsgrube gerichtet hatte, war es eine große Schande, wenn die Ente so schlecht angebunden war, daß sie der Fuchs mit fortreißen konnte; aber das war dem langen Bengt noch nie passiert. Ja, und was auch der Fuchs tat: ob er mit der Ente in den Wald entfloh oder sie mit in die Grube hinabriß, die Schande war in beiden Fällen gleich groß.

Die Stallmagd brachte die Ente immer nur sehr ungern herbei. Und das wußte Bengt genau: sollte je einmal eine verlorengehen, dann verspottete sie ihn in alle Ewigkeit jeden Tag, weil er gemeint hätte, er könne eine Fuchsgrube herrichten.

Und nun war ihm dieses Mißgeschick passiert! Als er mit der Laterne vor sich hinleuchtete, sah er, daß keine Ente mehr auf dem Pfahl war und nur noch die Strickenden daranhingen.

Vor lauter Ärger wollte Bengt schon kehrtmachen und seiner Wege gehen.

Aber wie, möglicherweise war der Fuchs doch gefangen worden! Wieder leuchtete er mit der Laterne umher. An mehreren Stellen war das Dach eingebrochen. Wenn er doch nur begreifen könnte, wie dieser Fuchs es gemacht hatte, um soviel Stroh mit sich in die Tiefe zu reißen!

Es gelang Bengt nicht, bis auf den Grund der Grube hinabzuleuchten, soviel er auch die Laterne drehte und wendete. Da ließ er den Laternenschein auf den Schnee fallen, um nach Spuren zu sehen. Wenn zwei Füchse in der Grube wären, dann könnte er besser verstehen, warum das Dach so zerrissen war, und dann wäre es auch keine so große Schande, daß die Ente mitgerissen worden war.

Er fand auch wirklich Spuren im Schnee und hielt die Laterne dicht darüber. Dann bückte er sich, tiefer und tiefer. Schließlich nahm er die Kerze aus der Laterne, ließ sich auf die Knie nieder und leuchtete auf dem Boden umher.

Als er sich wieder aufrichtete, fühlte er, daß seine Knie zitterten. Glücklicherweise sah ihn niemand in diesem Augenblick!

Nicht rasch genug konnte er in den Stall kommen, um ein Seil zu holen. Als er damit zurückkam, band er die Laterne daran und senkte sie in die Grube hinunter. Jetzt konnte er bis auf den Grund sehen, und plötzlich ging ein Grinsen über sein Gesicht. Seine Augen wurden ganz klein und funkelten, und seine Zähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen hervor. Jetzt hatte er es nicht mehr eilig, er blieb im Gegenteil mit höchst befriedigtem Gesicht über die Grube gebeugt stehen.

Nach einer Weile richtete der lange Bengt seine Schritte nach dem Wohnhaus.

Aber er nahm den Weg nicht durch die Küche, sondern stieg mit wuchtigen Schritten die Freitreppe hinauf und ging in den Flur hinein. Es war kaum fünf Uhr, und außer der alten Haushälterin war noch niemand auf. Sie hörte jemand nach der Türklinke tasten und trat ängstlich näher, um zu öffnen.

»Was in aller Welt, der lange Bengt! Was ist denn mit dir los, daß du durch den Haupteingang hereinkommst?«

Aber der lange Bengt schob sie auf die Seite, ohne sie eines Wortes zu würdigen, und steuerte geradeswegs auf die Schlafstube zu, wo der Pfarrer und die Pfarrerin noch im besten Schlafe lagen, und machte die Türe auf.

»Was gibt’s? Was gibt’s?« fragte der Pfarrer, indem er sich im Bette aufrichtete.

»Ich bin’s, der lange Bengt. Herr Pfarrer, ich wollte nur sagen, daß die Ente heute Nacht von der Fuchsgrube verschwunden ist.«

»Das ist allerdings schlimm, Bengt. Aber deshalb hättest du mich doch nicht mitten in der Nacht –«

»Alle beide, der Fuchs und die Ente, sind in der Grube drunten.«

»Ich glaube, du bist verrückt, Bengt! Du weißt doch, daß ich erst vor ganz kurzem von der Hochzeit zurückgekommen bin, und ich war eben erst eingeschlafen.«

Aber nachdem der lange Bengt eine passende Pause gemacht hatte, begann er wieder:

»Ein Wolf ging der Spur des Fuchses nach, und er ist auch in der Grube drunten.«

Jetzt erwiderte der Pfarrer rasch: »Sag’ in der Küche draußen, man solle hier Licht machen, damit ich aufstehen kann.«

Aber der lange Bengt blieb stehen, wie wenn er taub wäre.

»Ein zweiter Wolf ist der Spur des ersten Wolfs gefolgt, und der ist auch in der Grube.«

Sprach’s, machte kehrt und ging geradeswegs zur Tür hinaus.

Als es ordentlich Tag geworden war, versammelten sich alle Bewohner des Hofes um die Fuchsgrube. Alle waren da: der Pfarrer und die Pfarrfrau und die Pfarrerstochter, die Haushälterin, die fünf Mägde, die Einliegerin und die Kleine. Dann auch der lange Bengt und seine Mutter, die alte Bengta, sowie Bengts Frau, die muntre Maja, ferner die beiden Vettersbuben, der Spielmann Jöns und der alte Backmann, ein Soldat, der im Pfarrhaus auf Arbeit war.

Alle umstanden schweigend die Fuchsgrube, alle beugten sich vor, sahen ein paar Augenblicke hinunter und traten dann wieder zurück.

Die Kleine war etwas auf die Seite gedrängt worden und hatte nicht bis zum Grubenrand hingelangen können. Der Pfarrer bemerkte es und winkte sie herbei. Sie sollte auch herankommen und hinuntersehen.

Vorher hätte sie sich gerne durchgedrängt; aber jetzt konnte sie keinen Schritt machen; ein kalter Schauder rieselte ihr durch den Körper, sie wagte es nicht, die Wölfe anzusehen.

Das Kind hatte noch nie einen Wolf gesehen, aber es hatte sie im Walde um Koltorp heulen hören, und sie wußte, die Wölfe waren die schrecklichsten Ungeheuer, sie waren viel schlimmer als Basilisken.

Der Pfarrer war an diesem Morgen frischer, als die Kleine ihn je vorher gesehen hatte. Er packte sie am Kragen ihrer Pelzjacke und sagte:

»So, nun halte ich dich fest, Nora Sausewind, damit du nicht hineinfällst. Du mußt in die Grube hinuntersehen, obgleich du nur ein Kind bist, damit du, wenn du einmal alt bist, der Jugend erzählen kannst, daß wir hier auf Lövdala in einer einzigen Nacht zwei Wölfe und einen Fuchs in unserer Grube gefangen haben.«

Jetzt stand sie am Rand der Grube und sah schließlich hinunter. Die Grube war ein viereckiges, mit Brettern verkleidetes Loch, wie ein Brunnen, nur viel weiter.

Die Kleine sah hinein nach den großen Ungeheuern mit dem fürchterlichen Rachen, in dem so ein kleines Mädchen wie sie auf einen Happ verschwinden konnte. Aber sie konnte sie nicht entdecken; da wandte sie den Kopf zurück und sah den Pfarrer an.

»Sieh in die Ecken!« sagte er.

Noch einmal beugte sie sich vor. Es war ziemlich düster in der Grube, aber jetzt konnte sie etwas unterscheiden. Vier Tiere waren da drunten, in jeder Ecke eines; alle saßen regungslos da, nur ihre Augen, mit denen sie zum Tageslicht und den Menschen hinaufschauten, funkelten.

In der Ecke gerade vor ihr lag der Fuchs; der war nicht größer als ein Sofakissen. In der nächsten Ecke lag ein Tier so groß wie ein großer struppiger Hund. In der dritten Ecke stand die Ente fest und gerade auf ihren beiden breiten Füßen, und in der vierten Ecke lag noch einer von den großen struppigen Hunden.

Die vollkommene Stille da drunten war ganz sonderbar und unheimlich; und die Kleine verhielt sich ebenso still wie alle andern, als sie vom Grubenrand zurücktrat.

Als alle zur Genüge hinuntergeschaut hatten, traten die Männer zusammen, um zu beraten. Die Wölfe mußten ja getötet werden, aber sie wußten nicht, wie sie es bewerkstelligen sollten.

Natürlich wäre es ein leichtes gewesen, sie zu erschießen; aber wenn Blut in die Grube floß, wurde diese unbrauchbar, dann konnte man nie wieder ein Tier darin fangen.

Wenn es sich sonst nur um einen Fuchs handelte, sprang ein Mann in die Grube hinein, versetzte dem Fuchs einen Schlag auf den Kopf, daß er die Besinnung verlor, legte ihm dann eine Schlinge um den Leib und ließ ihn hinaufziehen.

Wenn man zu einem Fuchs hineinsprang, war keine Gefahr dabei; wenn sich aber zwei lebende Wölfe in der Grube befanden, war das eine ganz andere Sache.

Der lange Bengt nahm den Knüppel, dessen er sich bediente, wenn er dem Fuchs den Schlag versetzte, mit dem er ihn bewußtlos machte. Damit trat er an den Grubenrand, sah hinunter, schüttelte den Kopf und trat dann wieder zu den andern.

Nun holte einer der Knechte ein Seil und knüpfte eine Renntierschlinge. Mit dieser stellte er sich an die Grube und ließ die Schlinge dicht vor dem einen Wolf hinunter. Wenn es ihm gelang, die Schlinge über den Kopf des Wolfes zu streifen, konnte dieser leicht heraufgezogen werden.

Die Schlinge senkte sich tiefer und tiefer hinab, ja sie kam bis auf die Nase des Wolfs, ohne daß sich dieser rührte. Aber plötzlich fuhr er mit dem Kopf vor, heulte einmal laut auf, zwei Zahnreihen schimmerten, und die Schlinge fiel abgebissen auf den Boden der Grube.

Aller Herzen begannen ängstlich zu klopfen, als sie dies sahen. Nein, es war kein Vergnügen, sich mit einem Tier einzulassen, das ein Seil mit einem Schnapper durchbeißen konnte.

»Es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als in die Grube hineinzuschießen«, sagte der Pfarrer. »Wir müssen uns eben im nächsten Winter eine neue graben.«

Jetzt trat ein Mann an den Rand, der bis dahin etwas hinter den andern gestanden hatte. Es war niemand anders als der Schmied von Henriksberg, der am vorhergehenden Abend nach Loby gekommen war, um Heu zu kaufen. Aber im Hochzeitshaus hatte man so viele Gäste zu beherbergen gehabt, daß man ihm keine Lagerstatt mehr anbieten konnte, und da hatte Björn Hindriksson Pfarrers gebeten, ihn aufzunehmen.

Nun, im Pfarrhaus stand ja die Gaststube auf dem Bodenraum immer bereit, und da hatte er in der Nacht geschlafen. Aber jetzt am Morgen waren aller Gedanken nur mit den Wölfen beschäftigt gewesen, und so hatte kein Mensch mehr an ihn gedacht.

Er sah in die Grube hinunter, nahm dann Bengts Knüppel und wog ihn in der Hand; aber niemand dachte, er tue es aus einem andern Grunde als zum Zeitvertreib. Der Mann war sehr groß, aber auch sehr schlank und sah nicht gerade riesenstark aus. Seine Hände waren schmal und weiß, ganz und gar keine Schmiedsfäuste. Nein, er sah nicht aus, als habe er ordentlich Schneid. Wenn man ihn ansah, dachte man unwillkürlich, alles Leid, das dieser Mensch je erfahren habe, sei ihm in die Augen gestiegen, aber nie fortgeweint worden, und wenn er sich bewegte, hatte man auch das Gefühl, als trüge er eine Last, die ihn schwer bedrückte; denn seine Bewegungen waren langsam und müde wie die eines erschöpften Menschen.

Eine Weile noch hörte er den Beratungen der andern zu; als er aber sah, wie unschlüssig und ratlos sie waren, trat er rasch wieder dicht an die Grube und sprang geradeswegs zu den wilden Tieren hinunter.

Und ehe noch irgendeiner auch nur einen Gedanken fassen konnte, sauste der Knüppel – ein dumpfer Schlag ertönte. Da hatte der eine Wolf seinen betäubenden Schlag auf die Hirnschale bekommen – dann wieder ein Schlag – und dann noch einer.

Indessen hatte sich der andere Wolf aufgerichtet, und dieser bekam den ersten Schlag aufs Rückgrat, daß er zusammenbrach. Dann kam auch für ihn der tödliche Schlag auf die Hirnschale.

»Jetzt das Seil!« rief der Fremde den andern zu.

Der lange Bengt warf ihm das Seil mit der Schlinge zu. Der Fremde streifte es zuerst dem einen Wolf über den Kopf, dann dem andern, und dann ließ er beide miteinander hinaufziehen.

Der Fuchs war indessen lebendig geworden. Mit großen Sätzen warf er sich gegen die Grubenwand, aber der Fremde kümmerte sich nicht um ihn.

»Laßt jetzt die Leiter herunter! Der Knecht soll die beiden andern versorgen.«

Als der Fremde aus der Grube herausstieg, sah er wohl, wie bestürzt alle miteinander waren, sowohl Männer als Frauen. Niemand brachte ein Wort heraus. Die Frauen besonders waren so erschrocken, als sie ihn in die Grube hineinspringen sahen, daß sie noch immer zitterten, und die Männer schämten sich ein wenig, weil sie sich nicht selbst hineingewagt hatten.

Die Pfarrerstochter aber trat mit strahlenden Augen auf den Fremden zu:

»Jetzt hab’ ich doch einmal einen Mann gesehen«, sagte sie. »Danach hab’ ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt.«

Er sah sie mit seinen schwermütigen Augen an.

»Alles auf der Welt ist gering und wertlos,« schienen sie zu sagen, »und ich bin am geringsten von allem.«

Zugleich aber flog das gütige Lächeln wieder über sein Gesicht.

»Ich dachte, es wäre schade, wenn man in die Grube hineinschießen müßte und sie dadurch unbrauchbar machte«, sagte er.

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Der Speziestaler

Man kann wohl sagen, das sei doch nicht der Mühe wert, sich so darüber zu grämen; aber da ging nun die Pfarrerstochter tatsächlich vierzehn Tage lang verzweifelt umher, weil sie nicht wußte, wie sie sich einen Speziestaler verschaffen sollte.

Wenn sie doch nur ihren Vater, wie es ihre Absicht gewesen war, gleich am Morgen nach der Hochzeit darum gebeten hätte! Aber da war sie von der Stiefmutter für das, was sie zu dem Schmied gesagt hatte, als er aus der Fuchsgrube herausgestiegen war, hart gescholten worden. Und nicht allein für das, was sie gesagt hatte, sondern auch weil sie in so auffallender Weise auf ihn zugeeilt war. Es habe ausgesehen, als wolle sie ihm an den Hals fliegen. Wann würde sie es endlich lernen, sich wie ein anständiger Mensch zu betragen und nicht wie ein zwölfjähriges Schulmädel?

Danach war ihr der Mut, um das Geld zu bitten, vollständig vergangen. Sie hatte auch ihren Vater durchaus nicht allein sprechen können, und wenn sie es der Stiefmutter gesagt hätte, so wäre damit nur ein neues Unwetter über sie losgebrochen.

Jedenfalls war es höchst unangenehm, daß sie ihr Vorhaben aufgeschoben hatte, denn am nächsten Tag konnte keine Rede mehr davon sein, mit dem Geständnis herauszurücken.

Da erst hatte nämlich die Stiefmutter erfahren, daß die Braut und der Bräutigam mit der Hochzeitsgesellschaft von Loby im Pfarrhaus gewesen waren. Das hatte die Stiefmutter aufs höchste erregt, und sie wäre sicher noch aufgebrachter geworden, wenn sie erfahren hätte, wie verschwenderisch Maja Lisa gewesen war. Einen ganzen Speziestaler zu verschenken, unerhört!

Aber je länger die Pfarrerstochter die Aussprache über den entlehnten Taler hinausschob, desto schwerer wurde es ihr, Vater und Mutter zu bekennen, wieviel Geld sie schuldig war. Und schließlich mußte sie sich selbst sagen, sie werde wohl niemals den Mut haben, um das Geld zu bitten. Nein, es blieb ihr nichts übrig, als sich den Taler woanders her zu verschaffen.

Sie sann und sann, dachte darüber nach, wenn sie an ihrer Näharbeit saß, und grübelte darüber, wenn sie bei Nacht in ihrem Bette lag. Denn soviel war sicher und gewiß, der Schmied mußte bezahlt werden. Diese Schmach hätte sie nicht ertragen können, daß sie dem Mann, der ihr so gutherzig zu Hilfe gekommen war, das Seine nicht wiedergegeben hätte.

Wenn sie doch nur zu Anna Brogren hätte reisen können! Aber daran war ja gar nicht zu denken. Nie und nimmer würde die Stiefmutter sie zu jemand reisen lassen, der sie liebhatte.

Aber an wen sonst konnte sie sich denn wenden? Großmutter war ebenso arm wie sie selbst und hatte nichts, als was sie von Vater erhielt. Und Ulla Moreus hatte wohl überhaupt noch niemals einen Speziestaler in ihrer Hand gehabt.

Ach, sie war wahrhaftig in großer Verlegenheit! Sie konnte doch wirklich auch nicht zum nächsten besten hingehen und zu ihm sagen, sie habe den Mut nicht, Vater und Mutter um einen Speziestaler zu bitten.

Als sie nun am allerratlosesten war, fiel ihr ein, daß noch eine Schwester ihrer Mutter lebte, und daß diese ihr wohl helfen könnte. Aber ach, sie konnte fast das Lachen nicht unterdrücken, als sie sich ausmalte, welche Miene die Tante aufsetzen würde, wenn sie ankäme und um Geld bitten wollte!

Und die Tante hätte auch allen Grund, stutzig zu werden, denn die Nichte war der Tante fremder als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Ein großer, weiter, unübersteiglicher Abgrund gähnte zwischen ihr und Maja Lisa.

Nicht etwa, daß sie in Feindschaft miteinander gelebt hätten! Nein, nein! Aber die Tante war in ihren jungen Jahren hingegangen und hatte einen reichen Bauernsohn geheiratet, der es gewagt hatte, um sie zu freien. Nach dem, was Maja Lisa darüber gehört hatte, waren die beiden indes keineswegs aus Liebe ein Paar geworden. Er war ein hochmütiger Mensch gewesen und hatte gedacht, es wäre großartig, wenn er eine Pfarrerstochter zur Frau bekäme, und sie hatte gerade herausgesagt, sie wolle lieber in einem reichen Bauernhof herrschen, als daheim sitzen und auf einen armen Hilfspfarrer warten.

Seit die Tante auf den Bauernhof gezogen war, hatte sie sich freiwillig von ihrer ganzen Verwandtschaft entfernt gehalten. Sie wollte ganz und gar nichts mehr von ihrem früheren Leben wissen, und ganz besonders paßte sie auf, daß ihr niemand von Lövdala nahe kam.

Sie wohnte nicht so sehr weit entfernt, sondern noch im Broer Kirchspiel, kam aber niemals ins Pfarrhaus. Dafür fuhr entweder der Pfarrer oder die Großmutter oder Maja Lisa jedes Jahr einmal nach Svansskog und stattete ihr einen Besuch ab.

Ach, ach, Maja Lisa mußte gestehen, daß sie über diese Besuche auf dem Bauernhofe nie besonders erfreut gewesen war! Die Tante war im Lauf der Jahre eine echte und rechte Bauernfrau geworden; aber das war es nicht, was Maja Lisa die Besuche bei ihr verleidete, sondern eher das eigentümliche Benehmen der Tante, wenn sie von Lövdala Besuch bekam. Sie ging ihnen nicht auf die Freitreppe hinaus entgegen, um sie zu begrüßen; und wenn die Gäste ins Haus traten, konnte sie die Bemerkung, sie machten sich wirklich zuviel Mühe, indem sie auf einem Bauernhof zu Besuch kämen, nie unterdrücken. Aber gleich nachher konnte sie ihnen vorrechnen, wie lange es her war, seit sie zum letztenmal dagewesen waren; doch sie sagte dies alles durchaus nicht in freundlicher Weise, sondern so, daß die Gäste sich ganz unglücklich fühlten und nicht wußten, ob sie recht getan hatten, zu kommen, oder ob sie besser zu Hause geblieben wären.

Aber war es nicht zu dumm von Maja Lisa! Eines Morgens, als sie mit Vater und Mutter am Frühstückstisch saß, ließ sie ganz zufällig ein paar Worte über die Tante auf Svansskog fallen und sagte, man dürfe sie doch wohl nicht ganz vergessen.

Der Vater sah sofort von seinem Teller Grütze auf. Die Pfarrerstochter, die eine Bauernfrau geworden war, hatte ihm von jeher leid getan, und er war sehr darauf aus, sie immer wieder wissen zu lassen, daß sie in ihrer alten Heimat nicht vergessen war. Jetzt überlegte er, wann zum letztenmal jemand auf Svansskog gewesen war. Ja, es sei wohl schon eine gute Weile her, meinte er, und sie müßten eigentlich wieder hinfahren und einen Besuch dort machen.

Die Stiefmutter schwieg, weil sie von der Bauernfamilie nicht viel wußte, und so mußte Maja Lisa antworten, daß seit letzte Weihnachten niemand mehr auf Svansskog gewesen sei. Und sie wagte sogar hinzuzufügen, Tante würde sich gewiß am meisten freuen, wenn Vater und Mutter selbst hinkämen.

Aber so leichten Kaufs kam Maja Lisa nicht weg, das merkte sie bald: Vater lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah nicht sehr erfreut aus, und er dachte wohl, auch die Verwandtenliebe habe ihre Grenzen. Schließlich erklärte er, ihn habe die Tante oft genug gesehen, er brauche nicht nach Svansskog zu fahren, um sich zu zeigen. Aber die Mutter und Maja Lisa könnten noch am heutigen Tag hinfahren; es passe auch ganz ausgezeichnet, da sowohl der lange Bengt als der Rappe frei seien.

Da wurde der Besuch nun beim Kaffeetisch ausgemacht. Ach, Maja Lisa hätte sich am liebsten die Zunge ausgebissen! Warum hatte sie von Svansskog angefangen? Wie schrecklich, mit der Mutter zwei Stunden lang in ein und demselben Schlitten fahren zu müssen!

Aber nach dem Frühstück ging Mutter mit Vater ins Studierzimmer, und als sie wieder herauskam, war alles umgestoßen. Mutter sagte, es genüge vollständig, wenn Maja Lisa allein nach Svansskog gehe. Man könne ihr zwar wohl anmerken, daß sie keine große Lust dazu habe, aber es sei nützlich für die Jugend, wenn sie das tun müsse, was ihr zuwider sei. Auch könne sie nicht fahren, sondern müsse zu Fuß gehen, weil sie selbst heute den langen Bengt in der Küche beim Talghacken nicht entbehren könne; er werde aber am nächsten Tage kommen und Maja Lisa abholen.

Nicht mit einer Miene wagte die Pfarrerstochter zu zeigen, ob ihr diese Nachricht angenehm oder widerwärtig war. Aber in ihrem Herzen mußte sie sich sagen, wenn der Besuch auf Svansskog nun doch einmal nicht zu umgehen sei, sei es ihr immerhin noch lieber, wenn sie allein hingehen dürfe, anstatt mit der Mutter fahren zu müssen.

Da sie nun aber solange fortbleiben sollte, fragte sie, ob die Kleine dann nicht ab und zu bei Großmutter einsehen dürfe, um zu fragen, ob sie etwas brauche.

Aber die Stiefmutter konnte wohl nichts beistimmen, was Maja Lisa auch immer vorschlagen mochte. Sie befahl nun sofort, die Kleine solle mit nach Svansskog gehen; Maja Lisa werde doch wohl nicht denken, sie wisse so wenig, was sich schicke, daß sie Maja Lisa den weiten Weg allein gehen lassen würde. Und sie brauche sich auch wegen der Großmutter durchaus nicht zu beunruhigen, es seien wirklich Frauenzimmer genug auf dem Hofe, die nach ihr sehen könnten.

Jawohl, die Stiefmutter setzte ihren Willen durch, und schon nach einer Stunde waren die beiden, die Pfarrerstochter und die Kleine, unterwegs.

In der Allee, und solange man ihnen von Lövdala aus nachsehen konnte, gingen sie sehr ruhig und sittsam; aber bald kamen sie in ein Tannengehölz, wo vom Pfarrhaus niemand mehr einen Schein von ihnen entdecken konnte.

Ja, so viel ist sicher, die Pfarrerstochter hatte diesen Ausflug nach Svansskog für etwas recht Langweiliges und Unnötiges gehalten; aber nun war das herrlichste Winterwetter, das man sich nur denken konnte. Und vor ihr ging es den Hügel hinab, einen langen steilen Weg. Und sie war frei und vergnügt wie seit Monaten nicht mehr, es war ihr, als sei sie einem engen Käfig entflohen. Und die junge Siebzehnjährige ergriff die Hand der kleinen Dreizehnjährigen, und dann liefen beide mit langen Sprüngen davon, bis sie in die große Schneewehe am Fuße des Hügels hineingerieten, und da lagen sie und lachten aus vollem Halse.

Als sie in Svansskog ankamen, war es erst ein Uhr mittags. Sie hatten auch recht Glück gehabt und nur die Hälfte des Weges zu Fuß gehen müssen; denn schon von Broby an ließ sie ein Knecht von Svansskog aufsitzen, der einen Fremden gefahren hatte und mit dem leeren Schlitten heimkehrte.

Svansskog war zugleich Nachtherberge, obgleich sie lange nicht so besucht war wie die auf Broby, wo die Leute beständig kamen und gingen. Nach Svansskog, das ganz im Norden des Kirchspiels lag, kam höchstens ein Reisender am Tag, und oft konnte gewiß eine ganze Woche vergehen, ohne daß jemand einen Wagen verlangte.

Hier auf Svansskog war alles unverändert. Weder die Tante noch eine ihrer Mägde erschien, um der Pfarrerstochter und der Kleinen aus dem Schlitten herauszuhelfen.

Ach, ach! es wurde Maja Lisa so bang zumute, die Angst schnürte ihr die Brust so zusammen, daß das Herz fast keinen Raum mehr zum Klopfen hatte. Unterwegs war sie hoffnungsvoller gewesen; aber als sie jetzt aus dem Schlitten stieg, hatte sie das bestimmte Gefühl, daß die Tante ihr nicht helfen werde.

Svansskog war ein großes Gebäude mit dem Eingang mitten auf der Langseite und nicht in der einen Ecke, wie das sonst bei den Bauernhäusern der Fall war. Vor der Haustür war auch eine kleine überdeckte Freitreppe mit einer Veranda, die zwar nicht ganz so groß war wie die auf Lövdala, aber ihr sonst durchaus ähnlich sah und auch ganz dasselbe Dach und ganz dieselbe Art von Pfeilern hatte.

Ja, es war wirklich sonderbar! Nun war die Pfarrerstochter schon sooft hier gewesen, aber noch nie war ihr diese Veranda mit der Freitreppe davor aufgefallen. Sie mußte erst ein Weilchen stehenbleiben, um sie zu betrachten. Ja, und auch noch anderes fiel ihr auf. Das Wohnhaus war alt, aber es war zu der Tante Zeiten renoviert und verändert worden, und da hatte sicher die Kinderheimat als Muster gedient. Es waren hier ebenso viele und ebenso große Glasscheiben in den Fenstern wie dort, und die halbrunden Bodenfensterchen hätte man ganz gut von dem einen Dach aufs andere hinübersetzen können, ohne daß jemand einen Unterschied gemerkt hätte.

Da war es Maja Lisa gleich ein wenig leichter ums Herz. Vielleicht war es schließlich doch keine so große Dummheit, daß sie hierhergekommen war! Vielleicht war die ursprüngliche Pfarrerstochter doch nicht so ganz verschwunden, wie sie sich selbst und anderen weismachen wollte!

Der Flur war hier kleiner als auf Lövdala. Wie dort fanden sich auch hier halbrunde Eckschränke, die Wände waren auch grau angestrichen und mit schwarzen und weißen Ölfarbenpunkten übersät. Das Treppenhaus hatte grobe Balkenwände gerade wie daheim, und die Bodentreppe führte gefährlich steil aufwärts mit kleinen schmalen Stufen. Hier konnte man sicher ebensogut wie auf Lövdala das Geländer hinabrutschen, ohne mit den Füßen nachhelfen zu müssen.

Dem Eingang gegenüber, in der Mitte des Flurs, war eine Tür, die in ein großes Zimmer führte, das stets für die Reisenden bereitstand. Dort traf man niemals jemand von der Familie; aber die Pfarrerstochter drehte doch den Schlüssel um und warf einen Blick hinein. Ja, es war ganz so, wie sie erwartet hatte. Stühle aus gelbem Birkenholz und ein weißer Klapptisch, genau wie in dem Saal auf Lövdala, nicht einmal die große Kalla fehlte an dem einen Fenster.

Eines jedoch war verschieden. Wohl waren auch hier blaue Bodenläufer, aber die hatten nicht dasselbe Muster wie daheim. Als Maja Lisa jedoch darüber nachdachte, fiel ihr ein, daß das nicht der Fehler der Tante war; sie hatte nach den alten Bodenläufern gewoben, die in ihrer Jugend auf Lövdala gewesen waren; dort aber hatte man das karierte Muster verändert.

Die Pfarrerstochter schloß die Türe wieder zu und blieb dann noch einen Augenblick im Flur stehen. Die Tränen waren ihr in die Augen getreten; aber sie dachte, die Tante werde sicher keine Freude an irgendeiner Art von Empfindsamkeit haben, und so wollte sie mit einem ruhigen, fröhlichen Gesicht bei ihr eintreten.

Ach, auch hier verfolgte sie ihr gewöhnliches Glück! Als sie die Wohnstubentüre öffnete, sah sie, daß die Tante mitten in einer großen Wäsche war. Auf dem Feuer brodelte ein mächtiger Waschkessel, und der ganz mit Wäsche gefüllte Waschzuber, aus dem die Brühe langsam auf den Boden heraussickerte, stand mitten in der Stube. Ach, nun war die Tante gewiß noch übellauniger als sonst, wenn Gäste kamen! Es war viel Wasser auf dem Boden verschüttet, und auf einer langen Bank lagen frisch gewaschene, grobe Wäschestücke. Ja, Maja Lisa mußte zugeben, niemand würde erfreut sein, wenn er in einem Zimmer, das in solcher Unordnung war, Gäste empfangen müßte.

In diesem Zimmer erinnerte nichts an Lövdala, es war eine ganz gewöhnliche Bauernstube. Maja Lisa hatte aber doch immer gedacht, es sei ein schönes, ehrwürdiges Gemach, mit seinen großen deckenhohen Schränken, dem gewaltigen Himmelbett und den langen, an den Wänden festgemachten Bänken. Aber jetzt hatte die Wäsche alles Behagliche verscheucht.

Die Tante stand mit dem Rücken gegen die Türe und rieb und knetete aus Leibeskräften. Maja Lisa war oft erzählt worden, ihre Mutter und deren Schwestern seien ebenso groß und schlank gewesen wie sie selbst, aber die Tante war jetzt breit und untersetzt und sah durchaus nicht zart aus. Sie trug einen schwarzen Friesrock und ein rotes Leibchen mit dem dazugehörigen weißen Hemd. Die kurze weiße Schafpelzjacke, die auch zu der Tracht gehörte, hatte sie während der Arbeit ausgezogen.

Die Tante wendete sich nicht der Türe zu, als Maja Lisa diese öffnete, und sie sagte auch kein Wort. Ach, soviel war sicher, Maja Lisa wünschte sich hundert Meilen weg!

Aber es half alles nichts, sie mußte zu der Tante hingehen und ihr die Hand geben, um sie zu begrüßen.

Die Tante hatte beide Hände im Wasser drinnen. Sie zog die eine heraus, und ohne sich erst die Mühe zu nehmen, sie abzutrocknen, legte sie den Rücken ihrer Hand in die der Nichte.

»Also diesmal hat man dich schließlich geschickt«, sagte sie. »Die neue Pfarrfrau ist wohl zu vornehm, um uns Bauersleuten einen Besuch zu machen?«

Sie sagte wirklich nichts weiter als das und sprach auch nicht unfreundlicher als sonst, aber Maja Lisa konnte diesmal wohl nicht so geduldig sein, sondern brach in Tränen aus. Vielleicht nahm sie es sich auch nur deshalb sosehr zu Herzen, weil sie doch auf einem Bittgang war, und nun war es ihr, als könnte sie ihre Bitte niemals vorbringen.

Aber als sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, war sie erst recht unglücklich. Ach, ach, daß sie sich selbst auf diese Weise vor dieser Tante, die doch kein Herz für sie hatte, preisgab! Ach, und nicht ein paar Tränen drängten sich aus ihren Augen, die leicht weggewischt werden konnten! O nein, in richtigen kleinen Bächlein liefen sie ihr die Wangen herunter, und der Hals war ihr wie zugeschnürt, sie konnte kein Wort herausbringen.

Ach, sie hatte bitterlich Mitleid mit sich selbst!

Jetzt weinte sie darüber, daß sie überhaupt weinte; und das weiß man ja, wenn es erst so weit ist, dann kann man nicht mehr aufhören.

Am liebsten wäre sie auf und davon gegangen und geradeswegs wieder nach Hause gelaufen. Sie ging auch bis an die Türe; aber als sie diese erreicht hatte, versagten ihr die Knie. Dicht bei der Türe stand ein niederes Bänkchen, auf dieses sank sie nieder, und da blieb sie sitzen.

Und dabei konnte sie sich so gut vorstellen, was die Tante über diese Nichte dachte, die nur hereinkam, um gleich zu weinen, und sie mitten in der Wäsche störte. Das heißt, die Tante sah gar nicht aus, als sei sie sosehr aufgeregt. Sie hörte auf zu waschen, nahm sich aber ruhig Zeit, noch eine Schöpfkelle heißes Wasser in den Zuber zu gießen, und sie legte auch noch ein Scheit Holz aufs Feuer, ehe sie zu der weinenden Nichte an der Türe trat.

»Du wirst doch keine Angst vor mir haben«, sagte sie; »ich bin vielleicht gar nicht so schlimm, wie ich aussehe.«

Aber wenn die Tante gemeint hatte, sie werde die Pfarrerstochter mit diesen Worten trösten und den Tränenstrom zum Versiegen bringen, dann hatte sie sich verrechnet. Diese Tränen kamen aus einer so tiefen, reichen Kummerquelle, die, nachdem sie nun einmal übergeflossen war, stundenlang fortfließen mußte.

Auch jetzt noch konnte Maja Lisa kein Wort herausbringen, obgleich sie sich sagte, der Tante werde die Geduld ausgehen, und sie dürfe ihre Wäsche nicht zu lange im Stich lassen. Aber die Tante wußte sich zu helfen, sie wendete sich einfach an die Kleine, die sich die ganze Zeit dicht neben der Pfarrerstochter gehalten hatte und nun ganz erschrocken sachte deren Hand streichelte.

»Vielleicht weißt du, warum Maja Lisa weint?« fragte sie. »Sie kann sich’s doch wohl nicht so zu Herzen genommen haben, daß ich nicht gleich Zeit hatte, sie ordentlich zu begrüßen.«

Man konnte ihrer Stimme anhören, daß sie am liebsten darüber gelacht hätte, und das mußte die Kleine verstanden haben, denn diese wurde plötzlich ganz wütend.

»Soll sie nicht weinen, wenn Ihr Euch so gegen sie benehmt?« rief sie. »Da kommt sie zur leiblichen Schwester ihrer Mutter, um sie um Hilfe zu bitten, und dann sagt diese nicht ein einziges freundliches Wort zu ihr.«

Maja Lisa legte der Kleinen eiligst die Hand auf den Mund; aber das half nichts, denn die Kleine konnte es nicht ertragen, Mamsell Maja Lisa weinen zu sehen, und nun war sie in der richtigen desperaten Laune, gerade wie damals in dem Sturm.

Die Tante ließ sich nichts anmerken, ob sie über die Kleine ärgerlich wurde, aber sie sprach jetzt in breiterem Bauerndialekt als vorher, und was sie sagte, kam ängstlich und langsam heraus.

Womit sie wohl Maja Lisa helfen könnte? Maja Lisa gehe es doch wohl ausgezeichnet auf Lövdala, und sie brauche sicherlich keine Hilfe von einer armen Bauernfrau?

Etwas Besseres hätte sie nicht sagen können, um die Zunge der Kleinen recht in Gang zu bringen.

»Ihr seid gewiß aus demselben Holz geschnitten wie Mamsell Maja Lisas Stiefmutter«, sagte sie. »Im übrigen aber kann ich Euch etwas sagen; sie ist hierhergekommen, Euch zu bitten, ihr einen ...«

Aber da packte die Pfarrerstochter die Kleine so fest beim Arm, daß diese verstummte. Die Tante schien indes die Unterbrechung gar nicht zu bemerken, sondern fuhr fort:

»Ist es denn wirklich so schwer für Maja Lisa, daß sie eine Stiefmutter bekommen hat? Es heißt zwar, wer eine Stiefmutter bekommt, bekommt auch einen Stiefvater, aber so ist es ihr doch sicher nicht gegangen. Sollte es irgend etwas geben, das sie sich wünschte und nicht bekäme? Das ist doch wohl unmöglich?«

Die Pfarrerstochter machte der Kleinen alle möglichen Zeichen; aber was half das, wenn die Tante sie auf diese Weise reizte?

»Oh, Ihr könntet recht wohl selbst sehen, wie es ihr geht,« fuhr die Kleine fort, »wenn Ihr nur die Augen aufmachen wolltet. Sie ist ja nicht besser angezogen als ich und ist nur noch Haut und Knochen. Es heißt freilich, Blut sei dicker als Wasser, aber das ist bei Euch wohl nicht so? Euch ist es einerlei, ob die Stiefmutter sie zu Tode plagt.«

All dies war sehr peinlich für die Pfarrerstochter. Es war schon schlimm genug, daß sie ihrer Tränen nicht Herr werden konnte; aber daß die Tante alles mögliche aus der Kleinen herauslockte, war noch viel schlimmer. Wer konnte wissen, wie die Tante es aufnahm! Vielleicht nährte sie einen geheimen Groll gegen die Tochter ihrer Schwester in ihrem Herzen und freute sich nur, wenn sie das alles zu wissen bekam.

Nein, Maja Lisa konnte es nicht länger aushalten! Deshalb stand sie auf und tastete nach der Türe. Aber als sie die Klinke aufmachen wollte, war irgend etwas daran nicht in Ordnung, Maja Lisa konnte sie nicht gleich aufbringen, sondern zog und rüttelte – und sank plötzlich zusammen – und fiel zu Boden – –

Als sie wieder zu sich kam, lag sie in dem Zimmer mit den blau karierten Bodenläufern im Bett. Sie ruhte auf so weichen Kissen und so feinen Laken, wie sich auf Lövdala kaum welche fanden. Neben dem Bett stand ein Tisch und auf dem Tisch ein Kaffeebrett und auf dem Brett eine Schale, die mit einem Tuch zugedeckt war.

Ja, Maja Lisa verspürte ein wenig Hunger, und rasch nahm sie das Tuch von der Schale. Aber nichts Eßbares lag darunter, nichts als ein großer, glänzender, prächtiger Speziestaler!

Zuerst konnte sie nicht begreifen, wie alles zusammenhing. Aber dann ging ihr ein Licht auf. Die Tante hatte natürlich die Wahrheit aus der Kleinen herausgelockt! Ach, Maja Lisa fühlte sich so gerührt und beglückt, daß sie wieder weinen mußte, und nachdem sie eine Weile geweint hatte, schlief sie ein.

Sie schlief ununterbrochen, bis die Wanduhr in der Wohnstube drei Uhr schlug. Als sie jetzt aufschaute, war der Speziestaler verschwunden; aber dafür stand eine Menge guter Sachen zum Essen neben ihrem Bett. Zuerst erschrak sie ein wenig, weil das Geldstück verschwunden war; aber dann dachte sie, sie sei jetzt sicher in guten Händen. Damit beruhigte sie sich, und dann aß sie.

Als sie sich satt gegessen hatte, wurde sie über diese Beweise von Güte wieder so gerührt, daß sie abermals weinen mußte, und während sie noch weinte, schlief sie aufs neue ein.

Als sie das nächste Mal erwachte, war es dunkler Abend. Im Ofen flackerte ein lustiges Feuer; die Tante aber stand vor ihrem Bett und betrachtete sie.

Das erste, was sie sagte, war, Maja Lisa solle entschuldigen, aber sie habe sich die Freiheit genommen, den Speziestaler dem Manne zu schicken, von dem er entlehnt worden sei. Es sei jetzt am Abend ein Wagen nach Henriksberg geschickt worden, und da habe sie dem Knecht den Taler gegeben mit dem Auftrag, sich zu erkundigen, welcher von den Schmieden um Weihnachten das Heu in Loby gekauft habe. Diesem solle er das Geldstück mit einem Gruß von der Pfarrerstochter übergeben. Sie habe es so fürs beste gehalten; denn Maja Lisa hätte wahrscheinlich von Svartsjö aus nicht so leicht einen Boten nach Henriksberg schicken können.

Abermals war die Pfarrerstochter tiefgerührt, sie konnte kaum antworten. Aber die Tante ließ es nicht wieder zum Weinen bei ihr kommen, sondern fing nun an, sie über Lövdala auszufragen. Sie erwähnte die Stiefmutter oder irgend etwas anderes Unangenehmes gar nicht, sondern fragte nur nach Sachen, die Maja Lisa keinen Kummer machten. Wie es der Großmutter gehe? Ob ihre Stube im Brauhaus noch immer so blitzblank sei? Wie es bei der alten Bengta im Gesindehaus aussehe. Wohl noch ebenso schmutzig wie früher? Ob das Käuzchen noch auf dem Boden hause? Ob die Drossel noch in dem Tannenwipfel über dem Ruhestein sitze und an den Frühlingsabenden so herrlich zwitschere? Ob es auch in den letzten Jahren noch Maiblumen in dem Birkengehölz hinter dem Obstgarten gegeben habe? Ob das alte, auf Pfosten errichtete Vorratshaus noch stehe? Und ob das neue Pfarrhaus, das Maja Lisas Vater hatte bauen lassen, ganz so wie das alte sei? Und ob in dem alten düsteren Schafstall auch jetzt noch Schafe seien?

Voller Verwunderung hörte die Pfarrerstochter zu. Nach allem fragte die Tante, nichts, nichts vergaß sie.

Zum Schluß sprach sie auch noch ein wenig von sich selbst.

»Siehst du, Maja Lisa, in der ersten Zeit nach meiner Verheiratung ging ich heim nach Lövdala, sooft ich nur konnte. Ich sah wohl, daß das den Leuten hier auf Svansskog nicht angenehm war; aber ich ging trotzdem, denn ich hatte Heimweh, und im Anfang war ich gar nicht glücklich hier. Es war nicht so leicht für mich, das kann ich dir sagen. Ich hatte hier eine Schwiegermutter, die gerade so gegen mich war, wie deine Stiefmutter gegen dich ist. Und noch ein anderer war auch sehr streng und hart. Wir waren damals keine so guten Freunde, wie wir später geworden sind, und das, das war das Schlimmste für mich.

Aber dann wurde mir eines klar: Sooft ich wieder nach Lövdala ging, wurde mir die Rückkehr immer schwerer. Und schließlich konnte ich nicht mehr anders, ich mußte mit mir selbst ins Gericht gehen und mich fragen, wie ich es eigentlich haben wollte. Diesen Ort hier hatte ich mir zur Heimat erwählt, und hier mußte ich leben, und da war es doch wohl dumm, wenn ich mein Leben mit dem Heimweh nach dem, was ich verlassen hatte, vertrödelte. Da faßte ich meinen Entschluß: Nie wieder wollte ich nach Lövdala gehen, und nichts mehr wollte ich mit den Leuten auf Lövdala zu tun haben, ganz und gar wollte ich vom Alten wegkommen. Und das war das Richtige für mich. Von da an wurde ich selbst ruhiger; und als die anderen begriffen, daß ich ihnen im Ernst angehören wollte, änderten sie ihr Benehmen gegen mich; sie beobachteten mich scharf, wenn ihr mich besuchtet, aber sie sahen und verstanden, daß ich mir alle Mühe gab, mich auch gegen euch fremd zu stellen.

Ja, ich hatte eine dicke, feste Mauer zwischen mir und euch aufgerichtet und meinte, nichts auf der Welt könnte sie je wieder einreißen. Aber das hatte ich allerdings nicht mit in Rechnung genommen, daß jemals eine Pfarrerstochter von Lövdala, ebenso klein und zart wie ich in ihrem Alter auch gewesen war, zu mir kommen und mich um Hilfe bitten würde. Siehst du, da war es zu Ende mit aller meiner Kraft.

Aber glaube ja nicht, ich werde deshalb irgendwelche Unannehmlichkeiten hier haben. Weißt du, was ich vorhin, als du schliefst, getan habe? Oh, da zog ich meinen Mann am Ärmel, nahm ihn mit hierher an die Türe und ließ ihn durch einen Spalt einen Blick auf dich hineinwerfen. Und dann erzählte ich ihm, wie alles zusammenhing, und fragte ihn, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich dir helfe. Aber nun sollst du hören, was er darauf sagte.

Das sagte er: ‘Die, die da drinnen liegt, sieht ganz genau so aus, wie du selbst ausgesehen hast, als du zuerst zu mir kamst; und das sage ich dir, wer der da drinnen nicht hilft und beisteht, der bekommt es mit mir zu tun.’«

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Der Finnenpfarrer

Es war wie verhext, Maja Lisa mußte immerfort an die Stiefmutter denken. Den ganzen Morgen war diese ihr nicht aus den Gedanken gekommen, und obgleich sie wußte, daß auf Lövdala das Lichterziehen in vollem Gange war, fuhr sie doch jedesmal unwillkürlich zusammen, wenn jemand die Türe öffnete, in heller Angst, die Stiefmutter könnte eintreten und sehen, wie schlecht sie sich benahm.

Denn ach, wenn Mutter wüßte, daß sie bis acht Uhr morgens geschlafen hatte! Ja, und noch mehr; die Tante war so gut gegen sie gewesen und hatte ihr selbst Kaffee ans Bett gebracht, obgleich alles Kaffeetrinken von Seiner Majestät dem König verboten war. O weh, die Stiefmutter, die so streng darauf hielt, daß allen Verordnungen aufs genaueste nachgekommen wurde, die wäre sicher über die Maßen empört gewesen, und die beiden roten Flecke hätten auf ihren Wangen gebrannt!

Oder gar, wenn Mutter gesehen hätte, wie die Tante an diesem Tag alle Arbeit liegen und stehen ließ, nur um mit Maja Lisa auf der Bank zwischen dem Fenster und dem breiten Wohnzimmertisch plaudern zu können! Ja, oder wenn sie die Tante lachen gehört hätte, als die Nichte von der Stiefmutter und allen ihren Taten erzählte!

Denn jetzt, wo Maja Lisa ausgeruht hatte, war sie gar keine Tränenliese mehr, sondern lachte nur über alle ihre Widerwärtigkeiten. Die Stiefmutter hatte wohl gedacht, die Tante werde gegen Maja Lisa geradeso sein wie sie, und sie wäre sicherlich sehr ärgerlich gewesen, wenn sie dahintergekommen wäre, wie sehr sie sich getäuscht hatte.

Aber wenn sie nun gekommen wäre und dann Maja Lisa allein mit der Tante angetroffen hätte, wäre das erst nicht so gefährlich gewesen. O nein, wäre sie später am Tag gekommen, dann hätte es schlimmer ausfallen können!

Im Lauf des Vormittags fuhr plötzlich ein Reisender an der Herberge vor. Rasch wendete sich Maja Lisa dem Fenster zu, und da sah sie einen großen schönen Mann aus einem kleinen grün angestrichenen Schlitten steigen. Er trug einen Anzug aus eigengewobenem Fries, der ganz hell, ja fast weiß war; er hatte keinen Pelzrock an, aber an der freimütigen Art, mit der er dem Hausherrn die Hand schüttelte, konnte man gleich sehen, daß er ein Herr von Stand war.

Die Tante war so an die Ankunft von Reisenden gewöhnt, daß sie sich nicht einmal die Mühe nahm, zum Fenster hinauszusehen. Maja Lisa mußte sie erst auffordern, sich doch umzudrehen und ihr zu sagen, wer der schöne Herr sei.

Und die Tante konnte auch wirklich Auskunft geben. Der da draußen stand, das sei ja wahrhaftig der Pfarrer von Finnerud, Pastor Liljecrona!

Ja, nun hätte die Stiefmutter dasein sollen, um zu sehen, wie Maja Lisa bei Nennung dieses Namens zusammenfuhr! Die Tante merkte es auch gleich und wurde neugierig. Aber das tat nichts, denn ihr konnte Maja Lisa ohne Scheu die Geschichte von dem Traumpfannenkuchen und dem Traum erzählen, während sie sie der Stiefmutter niemals hätte anvertrauen können; diese hätte ja doch nur über alles miteinander verächtlich den Kopf in den Nacken geworfen.

Die Tante dagegen nahm die Sache vollständig ernst.

»Das wäre nicht das schlimmste, wenn du ihn bekommen könntest«, sagte sie. »Er ist nicht allein ein schöner Mann, sondern auch ein wirklich prächtiger Mensch.«

Maja Lisa verwunderte sich höchlich. Die Tante konnte doch wohl nicht meinen, sie solle den Pfarrer von Finnerud heiraten. Dieser Ort lag ja weit droben im Norden, noch viel weiter entfernt als Västmarken. Und es wohnten auch nur Finnen dort, die vor zweihundert Jahren hingezogen waren, aber seither noch nicht einmal Schwedisch gelernt hatten. Für Maja Lisa war Finnerud ein so unbekannter Ort, wie wenn er ganz droben in Lappland gelegen hätte.

Aber die Tante beruhigte sie. Sie solle keine Angst haben, in Finnerud brauchte sie nicht zu wohnen. Pastor Liljecrona sei schon seit elf Jahren Pfarrer dort und werde nun wahrscheinlich wegziehen, um Propst in Sjöskoga zu werden.

Da begann Maja Lisa zu verstehen, warum die Tante so eifrig geworden war. Sie, die ursprüngliche Pfarrerstochter, wußte wohl, daß Sjöskoga das beste Pastorat im ganzen Sprengel war.

Aber Maja Lisa sagte, sie kümmere sich eigentlich weder um Finnerud noch um Sjöskoga; ihr Mann müsse Pfarrer in Svartsjö sein und auf Lövdala wohnen.

»Ja, so sagst du jetzt,« meinte die Tante, »aber warte nur, bis der Rechte kommt, dann fragst du weder nach Hof noch Kirchspiel.«

Die Tante sprach mit so großem Ernst, daß sich Maja Lisa noch einmal dem Fenster zuwenden und hinaussehen mußte. Der Pfarrer war wirklich ein schöner Mann mit seiner stattlichen Figur und seinen leuchtenden blauen Augen, und er hatte eine laute, fröhliche Stimme, die bis ins Zimmer hereindrang. Der Hausherr hörte ihm mit erfreuter Miene zu, und aus Stall und Scheune eilten die Knechte herbei, das Pferd auszuspannen.

»Sieh, wie sie von allen Seiten dahergelaufen kommen, man merkt, daß der Pfarrer von Finnerud angekommen ist, alle haben ihn gern. Ich denke, er wird nicht gleich wieder wegfahren, sondern eine Weile hierbleiben, da kannst du gleich ein paar Worte mit ihm wechseln.«

Kaum hatte die Tante diese Worte gesagt, als auch schon die Tür aufging und der Pfarrer eintrat.

Schon von der Schwelle aus rief er der Tante zu, ihr Mann habe ihn in den schönen Saal hineinführen wollen, aber er wolle dort nicht ganz allein sitzen, Mutter Margreta werde wohl nichts dagegen haben, wenn er zu ihr in die Wohnstube komme, denn er müsse vielleicht eine gute Weile hier warten. Sein Bruder, der Verwalter von Henriksberg, habe ihn hierherbestellt, sei aber bis jetzt noch nicht gekommen. Er wisse nicht, was eigentlich los sei; ein Skiläufer habe ihm sehr spät in der Nacht die Nachricht gebracht, und er sei in aller Frühe aufgebrochen, der Hüttenwerkverwalter hätte eigentlich vor ihm hier sein sollen.

Gleich einem Wasserschwall strömten ihm die Worte vom Munde. Tante Margreta ging ihm entgegen, ihn zu begrüßen, und Maja Lisa dachte, sie sei mindestens ebenso erfreut wie die Knechte draußen. Schließlich bekam doch auch die Tante das Wort, und sie sagte, er dürfe im Wohnzimmer bleiben, solange er wolle. Er werde ohnedies nicht mehr oft dieses Weges kommen. Sie müßte ihm ja zu dem großen Amte, das er erhalten habe, Glück wünschen, obgleich sie ihn sehr vermissen werde, wenn er nicht mehr hier einkehre.

Der Pfarrer machte eine ungeduldige Bewegung.

»Ach, ich weiß nicht, was ich tun soll, Mutter Margreta«, sagte er. »Am liebsten würde ich ganz und gar zurücktreten. – Aber zum Kuckuck ... nein, ich will nicht fluchen, bin ja ein Pfarrer!«

Der Ausruf war ihm wegen nichts anderem entschlüpft, als weil sein Blick auf die Pfarrerstochter gefallen war. Sie war bis jetzt ganz ruhig auf der Fensterbank sitzengeblieben, und er hatte sie vorher nicht bemerkt gehabt.

Maja Lisa geriet ordentlich in Verlegenheit, als er nun mit lauter Stimme fragte: »Was ist denn das für ein Schätzchen, das ihr hier im Hause habt, Mutter Margreta?«

Die Tante sagte ihm, wer Maja Lisa war; aber deshalb führte er sich nicht ein bißchen passender auf als vorher.

Ei ja, das wolle er gleich glauben, daß sie eine von den schönen Pfarrerstöchtern von Lövdala sei. Es sei nur gut, daß er sie endlich zu Gesicht bekomme. Wie oft habe er Mutter Margreta schon gebeten, ihn mit der Nichte zusammen einzuladen, damit er selbst sehen könne, ob das, was die Leute von ihr sagten, wahr sei.

Maja Lisa wurde nicht allein verlegen, sondern sie erschrak auch bis ins Herz hinein. So etwas durfte sie gar nicht anhören, das schickte sich nicht. Die Stiefmutter – ach richtig, Mutter, war ja beim Lichterziehen auf Lövdala!

Die Tante sah wohl, daß sie ängstlich wurde, und so versuchte sie, den Pfarrer davon abzubringen, Maja Lisa immerfort anzustarren.

Das sei doch wohl unmöglich, daß er die Absicht habe, von der Bewerbung um Sjöskoga zurückzutreten? begann sie. Er müßte ja hochbeglückt sein, wenn er ein so schönes Pastorat in so jungen Jahren bekomme! Soviel sie gehört habe, seien bis jetzt immer nur ältere, gesetzte Männer zu diesem fetten Bissen gekommen.

Liljecrona zuckte die Achseln. Er habe ja nie die Absicht gehabt, dahin zu streben. Das Glück sei ihm gar zu hold gewesen. Er selbst sei mit seiner bisherigen Lage ganz zufrieden gewesen.

Aber er habe sich doch gemeldet, warf die Tante ein.

O ja, weil ihm die Verwandten gar keine Ruhe gelassen hätten.

Jetzt hatte er Maja Lisa so vollständig vergessen, als sei sie überhaupt nicht da. Er dachte nur noch an seine eigenen Angelegenheiten, während er mit gefurchter Stirne und heftigen Bewegungen im Zimmer hin und her wanderte. Eine lange Locke hing ihm über die Stirne herein; er ergriff sie, drehte sie nach oben, stellte sie auf und ließ sie dann wieder herunterfallen. Offenbar war es ihm ganz gleichgültig, wie er aussah; aber Maja Lisa dachte unwillkürlich, er sei ein so schöner Mann, daß sich bei ihm alles gut ausnehme. Endlich blieb er dicht vor der Tante stehen und fragte, ob er sie um einen guten Rat bitten dürfte, er habe jetzt schon soviel hin und her überlegt und wisse nicht mehr aus noch ein.

Bei diesen Worten stand Maja Lisa auf. Sie meinte, sie dürfe nun nicht länger hier sitzenbleiben und seine Geheimnisse mit anhören. Aber er gehörte zu denen, die auch hinten Augen zu haben scheinen. Sobald er merkte, daß sie sich bewegte, sagte er, sie solle nur sitzenbleiben, es sei ihm eine wahre Freude, etwas Hübsches zum Ansehen zu haben.

Wie sonderbar, nun hatte sie sich schon so an ihn gewöhnt, daß sie nicht einmal errötete! Aber sie brauchte auch wirklich gar nicht verlegen darüber zu werden, denn das merkte sie nur zu gut, er betrachtete sie ganz so wie eine schöne Puppe. Es fiel ihm gewiß nicht einen Augenblick ein, daß diese Puppe sehen und auch hören konnte.

Als er jetzt mit der Tante redete, setzte er sich mit dem Rücken gegen die Pfarrerstochter auf den breiten Tisch. Maja Lisa glaubte, er habe sie ganz vergessen. Aber mittendrin setzte er sich rittlings auf einen Stuhl und starrte ihr wieder gerade ins Gesicht.

Nun also, zum ersten wolle er fragen, ob Mutter Margreta gehört habe, wieviel Kummer er den Leuten in Finnerud von der ersten Zeit seines Aufenthaltes an gemacht habe? Ob sie wisse, daß schon bei seiner ersten Predigt in der Finneruder Kapelle die Finnenmänner und die Finnenweiber sich höchst verwundert gefragt hatten, was er wohl Böses getan habe, dessentwegen er zu ihnen heraufgeschickt worden sei?

Die Tante wollte antworten, aber er ließ ihr keine Zeit dazu. Ja, wahr und wahrhaftig, gerade darüber hätten sie sich gewundert, und sie hätten vielleicht auch Grund dazu gehabt! Sie wußten ja wohl, welche Art Wohnung sie ihrem Pfarrer zu bieten hatten, und welche Besoldung er bei ihnen bekam, und daß sie deshalb nur Pfarrer bekamen, die keine andere Gemeinde haben wollte. Wenn sie nun also ihn bekommen hatten, so ...

Der stattliche Mann hielt inne und wußte nicht, wie er weitermachen sollte, aber die Tante vollendete den Satz:

»Sie dachten wohl, der Herr Pfarrer sei zu jung und zu schön, um zu ihnen dahinauf zu kommen.«

Nun redete der Pfarrer rasch weiter. »Na ja, sie sahen ja, daß er noch nicht uralt war, und obgleich sie nicht verstanden, was er in seiner Predigt sagte, weil er schwedisch predigte, hörten sie doch, daß er vortragen und auch singen konnte. Und so kamen sie, Männer und Frauen, miteinander überein, er sei ein Mann, der in einem Pfarrhaus mit hohen Zimmern und großen Glasfenstern wohnen sollte, und er wäre nie und nimmer zu ihnen heraufgezogen, wenn es nicht irgendeinen Haken mit ihm hätte.

»Es wäre ihnen auch wohl nicht leicht gefallen, irgend etwas anderes zu denken«, warf die Tante ein.

»Ja, ja, es mußte einen Haken haben. Und sobald einer von ihnen in den schwedischen Bezirk hinunterfuhr, um seine Bärenhäute und Schafpelze zu verkaufen, gaben sie ihm den Auftrag, sich zu erkundigen, was es mit dem Pfarrer für eine Bewandtnis habe.«

Bei diesen Worten sprang der Pfarrer von seinem Stuhl auf und wanderte wieder im Zimmer hin und her. Er war gewiß bis auf den heutigen Tag noch empört darüber. Tante Margreta aber lachte nur und fragte, ob die Abgesandten irgend etwas erfahren hätten.

»Ach, was hätten sie denn erfahren sollen? Sicherlich konnten sie bei ihrer Rückkehr nichts weiter berichten, als daß ihr Pfarrer auf seinen eigenen Wunsch nach Finnerud geschickt worden war.

Die Finnenmänner und die Finnenweiber waren also nachher so klug wie vorher! Natürlich konnte sich nun und nimmer auch nur einer denken, der Pfarrer sei zu ihnen gekommen, weil sie ein verlassenes, verwahrlostes und von ihrem eigenen Volk geschiedenes Häuflein waren. Nein, nein, es mußte sich anders verhalten.«

»Ach, die sind eben gar so klug da droben, Herr Pfarrer. Da darf man nicht so genau mit ihnen ins Gericht gehen.«

»Nachdem sie nun aus ganz sicherer Quelle erfahren hatten, daß er nichts Böses getan hatte, mußten sie es ja glauben; aber sie gaben sich nicht zufrieden, bis sie sich eine Erklärung nach ihrem eigenen Kopfe zurechtgemacht hatten. Er sei wohl nur deshalb zu ihnen heraufgekommen, um sich an das Amt zu gewöhnen und sich darin zu üben; und sobald er sich auf einer Kanzel daheim fühle, werde er sicher auf und davon gehen.«

»Und auch darin bekamen sie nicht recht?«

»Nein, auch darin bekamen sie nicht recht. Jetzt bin ich seit elf Jahren dort,« rief der Pfarrer mit einem unwilligen Auflachen, »aber heutigestags noch können sie es nicht lassen, über mich nachzugrübeln. Im ganzen Dorfe gibt es nicht einen einzigen Mann von Stande, und wenn ich mich nun über meine Einsamkeit beklagt hätte, dann hätten sie mich verstanden. Und wenn ich mich mit meinen Büchern als einzige Gesellschaft in mein Pfarrhaus eingeschlossen hätte, so würden sie auch das verstanden haben. Aber ein Pfarrer, der spät und früh draußen war, und der sich an dem Umgang mit Finnenbauern genügen ließ! Einer, der wissen wollte, wie das Moorheu gemäht und versorgt und wie das Land abgeschwendet wurde, und der mit ihnen auf die Jagd ging, nein, aus einem solchen Pfarrer konnten sie nicht klug werden!«

Liljecrona setzte sich jetzt wieder rittlings auf den Stuhl und drehte sich mit ihm herum, daß er Maja Lisa Auge in Auge gegenübersaß. Aber er sprach fortgesetzt mit der Tante.

»Nachdem ich ein paar Jahre in Finnerud gewesen war,« erzählte er weiter, »habe ich eines Sonntags auf Finnisch zu predigen versucht. Da haben sie in der Kirche geweint, alle miteinander ohne Ausnahme, so überwältigt waren sie. Und solange der Gottesdienst dauerte, ist es auch gewiß nicht einem einzigen eingefallen, über mich nachzugrübeln. Nein, aber kaum waren sie aus der Kirche heraus, als sie auch schon in der alten Weise fortmachten. Was konnte doch der Pfarrer für eine Absicht dabei haben, ihnen jetzt finnisch zu predigen? Sie gingen dann zu Pekka, dem Knecht im Pfarrhaus, und fragten ihn, wie es denn sei, ob sich der Herr Pfarrer ein neues Pfarrhaus wünsche? Aber Pekka sagte, er habe nichts anderes gemerkt, als daß der Pfarrer mit der einfachen Finnenhütte, die nur eine Stube und keinen Schornstein hatte, so daß man eine Luke öffnen mußte, um den Rauch abziehen zu lassen, ganz zufrieden sei. Und so mußten sie wieder fortgehen und waren abermals nicht klüger als vorher.«

»Ach, Herr Pfarrer, bedenken Sie, wir Ansässigen hier sind nicht immer gut gegen die Fremden gewesen«, warf die Tante ein.

»Keiner von allen konnte etwas so Einfaches wie das, daß man ihnen wohlwollte, begreifen. Sie wären wirklich erfreut gewesen, wenn ich eine betrübte Miene aufgesetzt und wenn ich mich darüber gegrämt hätte, meine Jugend unter armen Finnenbauern vertrödeln zu müssen. Aber weil ich froh und zufrieden aussah, das regte sie auf.

In einem der Jahre hatte ich einigen Finnenkindern zugeredet, zu mir zu kommen; ich sagte, ich wolle sie Schwedisch lehren, damit sie beim Thing und bei den Jahrmärkten im schwedischen Bezirk drunten nicht so hilflos seien wie ihre Eltern. Aber als die Finnenmänner und Finnenweiber die Kinder schwedisch sprechen hörten, erwachte die alte Unruhe in ihren Herzen. Und sofort gingen sie zu Pekka. Der Herr Pfarrer möchte vielleicht eine größere Besoldung haben? Aber Pekka ließ sie wissen, er habe nie anderes gehört, als daß der Pfarrer mit seiner Besoldung, die nicht größer war, als was ein Knecht bei einem schwedischen Bauern bekommt, zufrieden sei. Pekka war der einzige da droben, der ein bißchen Verstand hatte.

Ganz das gleiche wiederholte sich, als ich die Finnenweiber Flachsbauen lehrte. Ich war mit ihnen aufs Feld hinausgegangen, hatte ihnen alles gezeigt, hatte selbst gesät, gehechelt und gebrochen. Aber als sie nun schließlich in den Finnenhütten eigenen Flachs zu spinnen hatten, da erwachte auch das alte Mißtrauen in ihren Herzen. Warum hatte der Pfarrer sie gelehrt, Flachs zu bauen? Das war absolut nicht zu verstehen. Und wieder mußten sie ihre Zuflucht zu Pekka nehmen. Der Herr Pfarrer werde doch wohl keinen neuen Weg nach dem Pfarrhaus angelegt haben wollen? Pekka antwortete, sein Herr sei zufrieden mit dem Weg, den er habe, obgleich er so uneben und ausgefahren sei, daß man außer zur Winterszeit mit einem Pferd fast nicht durchkommen könne.« – Ja, so etwas war sehr ärgerlich, das begriff Mutter Margreta recht wohl, und sie sagte, vielleicht habe er sich deshalb von dort weggemeldet?

»Ja, das hat auch dazu beigetragen. Ich habe es sehr bitter empfunden, daß ich mir ihr Vertrauen niemals erwerben konnte. Aber hauptsächlich habe ich es doch getan, weil mir meine Mutter, ja, und auch die ganze Verwandtschaft, immer mit Bitten in den Ohren gelegen haben. Sie sind ebenso unverständig gewesen wie meine Finnenbauern. Unaufhörlich haben sie mir geschrieben, ich verspiele mein Leben da droben. Immer hatten sie mich verlocken wollen, mich zu melden, sobald nur ein einigermaßen anständiges, südlicher gelegenes Pastorat aufging. Es ist mir zwar immer widerwärtig gewesen; aber früher habe ich nichts danach gefragt, denn ich wollte meinen Beruf nach Kräften erfüllen. Als dann aber Sjöskoga –«

Hier brach der Pfarrer ab, er stellte sich gerade vor die Pfarrerstochter hin und sah sie an.

»So eine, wie diese da,« sagte er nachdenklich »könnte ich natürlich nie bekommen, wenn ich in Finnerud bliebe.«

Es war ganz deutlich, er fand sie schön. Aber weiter auch nichts. Er sah sie nur an wie ein lebloses Bild. Nicht einmal die Stiefmutter hätte die geringste Spur von Zärtlichkeit in seinem Blick, der solange auf ihr ruhte, entdecken können.

Gleich darauf sprach er auch schon wieder von seinen Sorgen und Kümmernissen.

»Als der alte verwitwete Propst Cameen in Sjöskoga im letzten Sommer starb und das Pastorat frei wurde, fiel mir ein, ich könnte mich ja darum bewerben. Ich dachte, ich könnte meiner Mutter die Freude machen, mich zu melden, denn es war absolut keine Gefahr da, daß ich die Stelle bekommen würde. Sjöskoga ist von jeher immer einem alten Professor oder einem alten Schulrat, der sich direkt an den König wendete, gegeben worden, und außerdem hätte ich auch gerne gewußt, was meine Bauern in Finnerud für Gesichter machen würden. Aber jedenfalls reiste ich hauptsächlich aus Mutwillen mit meinen Papieren hinunter nach Karlstadt.

Während der Fahrt wurde ich immer unschlüssiger. Ach, die Leute würden mich vielleicht auslachen und sagen, es sei doch zu unverschämt von einem Finnenkaplan, sich für diese große Pfarrei zu melden! Aber dann dachte ich, da ich nun doch schon unterwegs sei, könne ich ebenso gut vollends nach Karlstadt reisen. Ich wollte auch meine Papiere gar nicht herausholen, bis ich erfahren hätte, wer sich sonst noch gemeldet hatte.

Die Reise dauerte länger, als ich angenommen hatte, und ich erreichte die Stadt gerade nur eine Stunde vor dem Ablaufen des Meldungstermins. Ich hatte eben noch Zeit, das Pferd unterzubringen, dann mußte ich eiligst aufs Konsistorium. Auf der Treppe, die zur Kanzlei hinaufführte, bereute ich die ganze Sache abermals und wollte lieber noch warten.

Aber der Konsistorialsekretär war ja mein guter Freund, und da ich nun doch einmal da war, wollte ich ihn auch begrüßen. Sjöskoga aber wollte ich gar nicht erwähnen. Ich konnte ja sagen, ich sei nach Karlstadt gekommen, um mit meiner Mutter zusammenzutreffen.

Doch kaum hatte ich den Kopf zur Tür hereingesteckt, als der Konsistorialsekretär mir auch schon entgegenrief: ‘Da kommt doch endlich einer, der sich um Sjöskoga bewerben will! Während der ganzen Meldungszeit habe ich auf dich gewartet.’

Zuerst war ich der Meinung, der andere mache sich einen Scherz mit mir, und ich sagte, ich sei nur meiner Mutter wegen in die Stadt gekommen. Wie er denn darauf komme, ich wolle mich um Sjöskoga bewerben? So auf den Kopf gefallen sei ich doch nicht, und ich wisse recht wohl, daß Seine Majestät Sjöskoga nur einer alten Leuchte der Wissenschaft von Upsala oder Lund geben werde.

‘Das mögt ihr euch alle miteinander einbilden’, versetzte der Konsistorialsekretär. ‘Ihr seid so mutlos, daß sich keiner zu melden wagt. Aber jetzt ist eine andere Zeit als zu Lebzeiten des vorigen Königs. Ich war so froh, als ich dich sah, denn ich habe bis jetzt nur zwei Meldungen bekommen, und drei müssen wir doch mindestens haben. Rück’ jetzt nur mit deinen Papieren heraus.’

Seht, auf diese Weise bin ich zu meiner Meldung verführt worden. Als ich dann wieder daheim war, fragte ich mich in den ersten Tagen öfters, ob ich wohl Aussicht hätte. Aber schon nach kurzer Zeit war ich wieder bei meinen gewohnten Beschäftigungen und hatte alles andere vergessen. Da, eines schönen Tages erhalte ich ein Schreiben vom Konsistorium. Ich war der dritte im Vorschlag, und in einigen Wochen sollte ich nach Sjöskoga fahren, meine Probepredigt zu halten.

Ich habe mich nicht darüber gefreut, nein, keinen Augenblick. Am liebsten hätte ich meine Meldung zurückgezogen, tat es dann aber doch nicht, weil ich mir nicht nachsagen lassen wollte, ich fürchte mich vor der Probepredigt in einer Gemeinde, wo so viele Großbauern und Herrschaften wohnten. Mutter Margreta, Ihr wißt ja, daß ich aus einem alten Pfarrergeschlecht stamme, und da wollte ich nicht für geringer gelten als mein Vater und mein Großvater. Ich fuhr also hin und predigte, und die Zuhörer saßen auch recht andächtig in der Kirche; aber niemand konnte wissen, was sie dachten, und als ich wieder heimwärts fuhr, war ich sehr vergnügt. Jetzt war diese Geschichte doch zu Ende. Aber siehe da, gerade vor Weihnachten erhielt ich die Nachricht, daß die Wahl stattgefunden habe und alle Stimmen auf mich gefallen seien.«

Dies sagte der Pfarrer mit so betrübter Miene, daß Mutter Margreta hell auflachen mußte.

Nun, wenn er durchaus nicht wolle, könne er ja noch zurücktreten, sagte sie.

»Ja, das habe ich auch getan; aber dann kam ein Brief vom Bischof selbst, in dem er mich aufforderte, bei meiner Meldung zu bleiben. Ich hätte alle Hoffnung, gewählt zu werden. Und meine Mutter hatte auch Wind von der Sache bekommen, und sie flehte und bat, ich solle doch mein Glück nicht von mir werfen. Ach, und nicht allein meine Mutter, nein, auch die Brüder und Schwestern und Vettern und Basen! Ich habe wahrhaftig früher gar nicht gewußt, daß ich eine so große Verwandtschaft habe.«

»Die haben ja auch ganz recht«, sagte Mutter Margreta. »Sie könnten doch auch nicht ewig ...«

Aber Liljecrona unterbrach sie schnell. Er lief nun beinahe im Zimmer hin und her und drückte sich die geballten Fäuste mit einer Art tragikomischer Verzweiflung auf die Stirne.

»Aber meine lieben Finnenbauern, Mutter Margreta! Wißt Ihr, was sie taten, als sie erfuhren, daß ich fortziehen würde? Bäume haben sie im Walde gefällt und mir vor die Haustür gefahren zu einem neuen Pfarrhaus! Meine Besoldung haben sie nicht erhöht, aber sie haben sie auf die eine oder andere Art zu bessern gesucht. Eines Tages lag eine neue Elchhaut in meinem Schlitten, und an einem andern Tag fand ich einen Kübel Butter vor meiner Tür. Sie sagten nicht viel, wenn ich mit ihnen zusammentraf; aber wenn ich auf der Kanzel stand, waren aller Blicke, die der Großen und die der Kleinen, unverwandt auf mich gerichtet, und da verstand ich, was sie dachten. So dachten sie: ‘Du kannst uns nicht verlassen wollen. Dann wäre es besser gewesen, du wärest gar nicht gekommen.’ Nun wußte ich also endlich, daß sie mich gerne behalten wollten.«

Er trat zu Mutter Margreta, setzte sich neben sie und nahm eine ihrer harten verarbeiteten Hände in die seinige.

»Denkt Euch einmal, Mutter Margreta,« sagte er so schön und innig, daß der Tante und Maja Lisa die Tränen in die Augen traten, »es würde jemand daherkommen und sagen, Ihr dürftet auf einen Herrenhof ziehen, aber Ihr müßtet den Hof hier und alles, womit Ihr Euch Euer ganzes Leben lang beschäftigt habt, dahinten lassen. Was würdet Ihr tun?«

Aber was die Tante hatte antworten wollen, bekam niemand zu wissen, denn jetzt konnte sich Maja Lisa unmöglich mehr still verhalten. Mit glühenden Wangen und einer vor Eifer zitternden Stimme rief sie, er solle doch ganz gewiß in Finnerud bleiben. Warum er denn nach Sjöskoga ziehen wolle? Dort könnte man gut ohne ihn zurechtkommen. Nun habe er soviel für seine Finnenbauern getan, wie er da nur daran denken könnte, von ihnen fortzugehen?

Sie hätte noch lange weitergeredet, wenn nicht in diesem Augenblick jemand nach der Türklinke gegriffen hätte. Da verlor sie den Faden, und obgleich es nicht die Stiefmutter war, sondern nur eine der Mägde, blieb sie doch ganz verwirrt stehen und konnte nicht weiterreden.

Aber der junge Pfarrer hatte sie verstanden. Er sprang auf, trat auf sie zu und streckte ihr die Arme entgegen. Es sah aus, als wolle er sie an sein Herz drücken, er faßte dann aber doch nur ihre beiden Hände und drückte sie zwischen den seinigen.

»Mamsell Maja Lisa, liebste Mamsell Maja Lisa!« sagte er mit großer Wärme. »Ihr seid die erste von meinem eigenen Stand, die glaubt, ich sei denen dort droben von Nutzen, und ich danke Euch von ganzem Herzen. Gewiß, gewiß, ich werde – –«

Doch in dem Augenblick, wo er das Versprechen geben wollte, brach er jäh ab. Die Stimme blieb ihm im Halse stecken, seine Hände zuckten, und als die Pfarrerstochter verwundert ihre Augen auf sein Gesicht richtete, sah sie, daß alle seine Züge in heftiger Leidenschaft bebten. Er wandte sich ab, ging einmal durchs Zimmer, trat wieder zu ihr, beugte sich zu ihr nieder und sagte mit einer Stimme, die durch die große Erregung undeutlich war: »Ich werde zurücktreten, wenn ich es vermag. Und wenn ich es nicht vermag, dann ist Fräulein Maja Lisa daran schuld.«

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Der Schmied von Henriksberg

Ein einziges kleines Weilchen lang an diesem Tag dachte Maja Lisa nicht an die Stiefmutter, nämlich am Abend, als sie mit Pastor Liljecrona und allen den andern Hausbewohnern vor einem hellen Holzfeuer in der Wohnstube saßen und dem großen dunklen Schmied von Henriksberg zuhörten, der an einem der hohen Schränke lehnte und auf der Geige des Hausherrn spielte.