Es war sehr gemütlich hier, und Maja Lisa fing an zu verstehen, daß die Tante sich als Bauernfrau glücklich fühlen konnte. Wie außerordentlich behaglich war es, abends mit Mann und Gesinde ums Feuer zu sitzen, jedes mit seiner Arbeit beschäftigt und alle vergnügt und zum Plaudern aufgelegt! Hier redeten Knecht und Hausherr und Hausfrau und Magd miteinander, als gäbe es keinen Unterschied zwischen ihnen. Ach, es war vielleicht gar kein Glück, wenn man sich als Herrschaft hochmütig über die Untergebenen zu erheben suchte! Erntete man jemals etwas anderes als Einsamkeit und Widerwärtigkeiten?
Wo fand sich sonst eine solche Sicherheit und Geborgenheit als in einem alten Bauernhof? Maja Lisa hätte gern gesagt, man sei da der Erde näher als anderswo, man wohne da auf einem sicheren Grund und sei nicht so vielen Umwälzungen ausgesetzt.
Ach, wie viele Veränderungen, wie viele Gefahren gab es draußen in der Welt! Jetzt, während der dunkle Schmied spielte, fiel ihr wieder ein, was sie eben heute über den Verwalter auf Henriksberg gehört hatte, diesen Verwalter, der früher ein so großer Geigenkünstler gewesen war.
Pastor Liljecrona hatte ihr alles von seinem Bruder erzählt. Er hatte ja den ganzen Tag in Svansskog auf ihn gewartet, und deshalb hatten sie wohl soviel von ihm gesprochen.
Maja Lisa hatte die Genugtuung gehabt, daß der schöne Pfarrer, der sie zuerst nur wie eine Puppe betrachtete, von dem Augenblick an, wo sie ihn sozusagen überfallen und zu ihm gesagt hatte, er müsse in Finnerud bleiben und dürfe gar nicht an Sjöskoga denken, mit den andern kaum noch ein Wort gesprochen hatte.
Er mußte doch wohl gemerkt haben, daß sie auch ein Mensch war. Von da an hatte er sich nicht mehr die Mühe genommen, sie starr anzusehen; statt dessen hatte er den ganzen Nachmittag mit ihr gesprochen, und das war ein großer Genuß für sie gewesen. Der Pfarrer von Finnerud war ein liebenswürdiger, natürlicher und offenherziger Mensch. Sie hatte sich ebenso leicht mit ihm unterhalten können wie mit ihrem Vater daheim. Am Nachmittag war er mit ihr ins Freie gegangen, denn er konnte nicht stundenlang ununterbrochen im Zimmer sitzen. Sie waren dann auf der Landstraße hin und her gewandert und hatten von seinem Bruder gesprochen, bis die Dämmerung hereinbrach.
Die Liljecronas stammten gerade wie Maja Lisa aus einem alten Pfarrergeschlecht. Gerade wie Maja Lisa sich rühmen konnte, daß ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter in derselben Gemeinde Pfarrfrauen gewesen waren, so konnte er sich rühmen, daß sein Vater, Großvater und Urgroßvater in ein und derselben Gemeinde als Pröpste einander gefolgt waren.
Wenn der Vater dieser Brüder länger am Leben geblieben wäre, hätte wohl Sven, der jüngste von ihnen, auch wie die andern studieren dürfen. Aber als die Mutter Witwe geworden war und eine Menge Kinder zu versorgen hatte, konnte sie die Studienkosten nicht aufbringen. Dagegen hatte ein alter Freund des Propstes Liljecrona, der Hüttenbesitzer Altringer auf Ekeby, angeboten, sich des Jungen anzunehmen unter der Bedingung, daß er ihn für das Hüttenwerk erziehen dürfe. Für dieses Anerbieten war die Mutter außerordentlich dankbar gewesen, und als Sven vierzehn Jahre alt war, wurde er nach Henriksberg geschickt, dem Hüttenwerk, das Altringer damals eben gekauft hatte. Auf Altringers Wunsch sollte der Junge den Hüttenbetrieb ganz von unten auf lernen, und der Anfang davon war, daß er das Kontor auskehren, Kohlen herbeischleppen und den Pudel für alle Leute machen mußte.
Dies ging ununterbrochen so fort, bis er siebzehn Jahre alt war. Aber da geschah es eines Tages, daß einer der Hammerschmiede erkrankte. Man schickte nach dem Hüttenverwalter. Dieser begab sich ins Hüttenwerk hinüber, stellte sich an die Tür des kranken Schmieds, sah ihn eine Weile an und ging dann geradeswegs ins Kontor, wo der Inspektor an seinem Pult saß und schrieb.
»Sie müssen die Verwaltung ein paar Tage übernehmen, Herr Inspektor«, sagte der Verwalter. »Ich muß hinauf in den Finnenbezirk und Kohlen einkaufen.«
Er machte sich gleich auf den Weg; der Inspektor aber dehnte sich behaglich auf dem Kontorsofa und dachte, es sei doch recht schön, für eine Weile der Herr im Haus zu sein. Aber es währte nicht lange, da wurde auch er ins Hüttenwerk gerufen. Jetzt war einer der Kleinschmiede in derselben Weise wie der Hammerschmied erkrankt. Der Inspektor begab sich sofort ins Hammerwerk, um nach dem Kranken zu sehen. Er stellte sich an dessen Tür, sah ihn eine Weile an und ging dann schnurstracks nach dem Wasserfall, wo der Lehrling meistens saß und Unkelejen fischte.
Er traf richtig Sven und sagte, er solle gleich mit ihm aufs Kontor kommen.
»Hör, Liljecrona,« sagte er da, »der Verwalter ist fort, und ich bin nach Björnidet eingeladen. Du mußt das Hüttenwerk ein paar Tage versehen. Hier hast du die Schlüssel, und hier ist die Kasse. Du hast nichts weiter zu tun als aufzupassen, daß die Leute wie gewöhnlich arbeiten.«
Damit stand er auf; der Lehrling aber setzte sich auf den Kontorstuhl, und es kam ihm großartig vor, daß er jetzt Herr auf Henriksberg sei.
Aber er hatte noch nicht lange so dagesessen, als ein Bote vom Hüttenwerk kam und meldete, den Kranken gehe es schlechter. Sven eilte ins Hüttenwerk hinunter und ging gleich in die Wohnung des Hammerschmieds; aber er blieb nicht an der Tür stehen wie die beiden andern, sondern trat zu dem Kranken, der ganz rot und aufgeschwollen dalag und schrecklich anzusehen war.
»Wißt Ihr, was Ihr für eine Krankheit habt?« fragte er den Schmied.
»Die Pocken sind’s«, antwortete dieser. »Geh nur gleich an den Schrank im Kontor, wo der Verwalter die Arzneimittel aufhebt, und gib uns Kampfer und saure Tropfen, wenn du überhaupt dazubleiben wagst und nicht eiligst auf und davon gehen willst wie die andern.«
Aber Sven war geblieben, obgleich schließlich fast alle Leute im Hüttenwerk erkrankten. Verwalter und Inspektor ließen nichts von sich hören, im Umkreis von zehn Meilen war kein Arzt aufzutreiben. Sven und eine alte Haushälterin gingen umher und gossen den Kranken alle die Arzneien ein, die sie zur Hand hatten. Einige starben und einige genasen; aber die Seuche konnte ja nicht ewig andauern, schließlich hörte sie von selbst auf. Und dann kam alles wieder ins alte Geleise. Der Inspektor blieb fünf Monate fort und ließ sich’s wohl sein. Der Verwalter kaufte ein halbes Jahr lang Kohlen auf, dann hielt er seinen Einzug im Hüttenwerk. Und nun durfte der Lehrling wieder das Kontor auskehren und Unkelejen in der Stromschnelle fischen, gerade wie vorher.
Aber wenn auch das Henriksberger Hüttenwerk noch so weltverlassen in der Wildnis lag, so wurde die Geschichte doch ruchbar und weitum bekannt. Und eines Tages kam Hüttenbesitzer Altringer angefahren. Er sagte kein Wort über die Sache, weder zum Verwalter noch zum Inspektor, sondern fragte nur, wie sich der junge Liljecrona anlasse. Der Hüttenverwalter stellte ihm ein ziemlich gutes Zeugnis aus und meinte, der Junge könnte mit der Zeit recht tüchtig im Hüttenberuf werden, wenn er nur mehr Interesse dafür zeigte. Er sei durchaus nicht unbrauchbar, aber ein Träumer, und er gehe oft umher, als ginge ihn der ganze Hüttenbetrieb gar nichts an.
Altringer verlangte nun Liljecrona selbst zu sprechen und sagte, er solle ins Kontor gerufen werden. Als Sven kam, stellte Altringer ihn vor sich hin, sah ihm fest in die Augen und fragte ihn, warum er nicht wie die andern davongegangen sei, solange die Pockenseuche wütete.
Sven gab keine Antwort, wurde aber dunkelrot, wie wenn dies die schlimmste Frage wäre, die an ihn gestellt werden könnte.
»Hatte Er denn keine Angst?«
»Doch.«
»Meinte Er, Er habe die Verantwortung für das Hüttenwerk?«
»Ach nein!«
Aber schließlich brachte Altringer die Wahrheit doch aus ihm heraus. Sven war dageblieben, weil des Verwalters Geige im Kontor an der Wand hing. Da hatte er, solange er allein war, jeden Tag darauf spielen können.
»Ach so, Er geigt also gern?« fragte Altringer. »Komm Er, wir wollen den Verwalter bitten, Ihm seine Geige noch einmal zu leihen, dann spielt Er mir etwas vor.«
Oh, davor hatte Sven keine Angst! Er stimmte die Saiten und geigte ein altes Liedchen, das er von den Schmieden gelernt hatte.
Altringer lachte zuerst, aber bald wurde er ernsthaft. Er fühlte, der Junge legte etwas in die Musik hinein, davon der alte Gassenhauer in einer ganz neuen Weise erklang.
»Hör’ Er,« sagte Altringer, »Er soll morgen mit mir kommen. Er soll nach Stockholm und Geigenspielen lernen.«
Maja Lisa fand die Geschichte wunderschön. Aber eines konnte sie nicht verstehen; und so fragte sie, ob es ihm denn in Stockholm nicht gefallen habe? Warum er denn jetzt wieder auf Henriksberg sei?
Doch, es sei ihm sehr gut dort gegangen, erwiderte Pastor Liljecrona. Fünf Jahre lang habe er in Stockholm studieren dürfen, dann sei er aber auch ein ganzer Künstler gewesen, wenigstens insofern, als ihn im Vaterlande niemand mehr etwas lehren konnte. Altringer sei zufrieden mit ihm gewesen und habe schon gedacht, er wolle ihn ins Ausland schicken, damit er später vor keinem andern zurückzustehen brauchte.
Aber vor drei Jahren sei Sven eines Tages ganz unerwartet nach Ekeby gekommen und habe Altringer gefragt, ob nicht auf einem seiner Hüttenwerke eine Inspektorstelle frei sei.
»Doch, das ist nicht unmöglich«, sagte Altringer. »Hat Er einen guten Freund, für den Er sie gern haben möchte?«
Nein, Sven wollte für sich selbst darum bitten. Er sei ja jahrelang im Hüttenbetrieb gewesen und meine eine Inspektorstelle ausfüllen zu können.
»Na, und die Musik?« fragte Altringer.
Mit der Musik sei es aus und vorbei. Er glaube nicht, daß er je wieder einen Bogen führen könne.
Nun sah sich Altringer den jungen Mann genauer an. Sven hatte immer etwas Trauriges in seinem Blick gehabt, aber jetzt war der ganze Mensch die verkörperte Melancholie.
»Ich sehe, daß Ihm etwas Trauriges widerfahren ist«, sagte Altringer. »Sag’ Er mir, was es ist. Ich muß Ihm nämlich sagen, eben vorhin, als Er bei mir eintrat, hatte ich ausgerechnet, ob ich Ihn zu seiner weiteren Ausbildung ins Ausland schicken könnte.«
Sven konnte kaum mit der Sprache heraus. Er biß sich auf die Lippe, während er sich alle Mühe gab, seine Stimme fest zu machen.
»Hat der Herr Altringer nicht gehört, wie es mir gegangen ist?«
Nein, antwortete Altringer, er habe nichts gehört, und Sven solle ihm erzählen, was geschehen sei.
Da erzählte Sven seine Geschichte: Auf einem großen Hof in Näset drunten war Tanzgesellschaft gewesen, und Sven war auch dabei. Aber es wurde nur auf einem sehr alten, verstimmten Klavier aufgespielt, und so kam kein rechtes Leben in den Tanz. Da nahm Sven seine Geige zur Hand, und dann wurde es bald anders. Die Jungen und die Alten tanzten nach Herzenslust, und so oft Sven aufhören wollte, klatschten sie in die Hände, stampften auf den Boden und riefen ihm zu, er müsse wieder anfangen. Aber es nahm ein schreckliches Ende. Eine von den Töchtern des Hauses hatte zu eifrig getanzt. Mitten im wildesten Tanz wurde sie plötzlich ganz schwer im Arm ihres Tänzers, und dann sank sie zu Boden und war tot.
Altringer sagte, er begreife wohl, daß dies schwer für Sven war, meinte aber doch, darum brauchte die Laufbahn eines jungen Mannes nicht zu Ende sein.
»Er muß darüber wegkommen, Sven«, sagte er. »Meiner Ansicht nach hat der, der mit ihr tanzte, die meiste Schuld.«
»Ach nein,« entgegnete Sven, »ich, ich hab’ sie zum Tanzen gezwungen. Den ganzen Abend hab’ ich nur für sie gespielt. Es war gar so schön, wenn sie tanzte. Sie war lebhaft und leicht wie eine Feuerflamme. Und sie tanzte nur für mich, wie ich auch nur für sie spielte.«
Altringer zuckte die Achseln.
»Das sind nur Grillen, versteht Er. Es ist vielleicht nicht verwunderlich, daß Er jetzt, gleich nachher, so denkt, aber in der nächsten Woche schicke ich Ihn ins Ausland, dann wird es schon vorübergehen.«
»Nein, Herr Altringer, es geht nicht vorüber. Wohin mich der Herr Hüttenbesitzer auch schicken mag, nie werde ich vergessen können, daß ich mit meinem Spiel einen Menschen in den Tod geschickt habe.«
Altringer sah Sven noch einmal fest an und fragte: »Hat Er sie liebgehabt?«
»Ja«, antwortete Sven; »ich hatte an demselben Abend um sie gefreit.«
Nun sagte Altringer kein Wort mehr davon, daß Sven ins Ausland reisen solle.
»Er soll jetzt so lange Verwalter auf Henriksberg bleiben, bis dies vergessen ist«, entschied er. »Zwar glaube ich nicht, daß Er alles kann, was nötig ist, um die Stelle auszufüllen, aber Er wird es wohl lernen können, und überdies weiß ich ja, daß ich mich auf Ihn verlassen kann.«
Auf diese Weise war es also zugegangen, daß Sven Liljecrona sein Geigenspiel aufgegeben und dafür Hüttenverwalter geworden war.
Maja Lisa hatte schweigend zugehört, ohne den Pfarrer ein einziges Mal zu unterbrechen. Ach, es kam ihr ganz merkwürdig vor, daß sie nun den bald sehen sollte, der so Trauriges erlebt hatte und der eine so tiefe Liebe dauernd bewahren konnte!
Eine ganze Weile brachte sie kein Wort heraus; dann aber wendete sie sich plötzlich an Pastor Liljecrona und fragte, ob sein Bruder dunkel sei.
»Ja, gewiß, schwarz wie die Nacht.«
Gleich nachher fiel ihr ein, daß dies eine recht dumme Frage gewesen war. Aber während Pastor Liljecrona von seinem Bruder sprach, hatte sie sich immerfort gefragt, ob er nicht vielleicht wie der große dunkle Schmied von Henriksberg aussehe? Hatte nicht dieser ebenso tieftraurige Augen gehabt? Sie konnte nicht sagen, warum, aber die beiden waren in ihren Gedanken zu einer Person zusammengeschmolzen.
Und auch jetzt, während der Schmied dort drüben am Schrank stand und eine lustige Polka spielte, wurde es ihr schwer, sich von dem Gedanken frei zu machen, daß er nicht der sei, der alles, was ihr vorhin mitgeteilt worden war, durchgemacht hatte.
Er war an ihnen vorbeigefahren, als sie mit Pastor Liljecrona auf der Straße draußen spazierenging, gerade als die Dämmerung richtig hereinbrach und sie vom Hineingehen gesprochen hatten. Der Schlitten war so rasch an ihnen vorübergeeilt, daß sie nicht erkennen konnten, wer darin saß. Pastor Liljecrona hatte geglaubt, es sei sein Bruder von Henriksberg, der sich endlich einstellte. Maja Lisa aber hatte gemeint, der schwarze Schmied sitze im Schlitten; sie hatte aber nichts gesagt.
Und ganz richtig! Als sie auf den Hof zurückkamen, stand der Hausherr auf der Treppe und berichtete, es sei ein Mann von Henriksberg gekommen mit dem Bescheid, der Verwalter könne seinen Bruder heute nicht mehr in Svansskog treffen. Statt dessen bringe er einen Brief. Ja, der Mann sei eben mit dem Pferd im Stall drüben, falls der Herr Pfarrer mit ihm sprechen wolle.
Pastor Liljecrona begab sich gleich nach dem Stall, und Maja Lisa ging zur Tante in die Wohnstube. Diese saß schon mit ihren Mägden vor einem großen Holzfeuer an ihrem Spinnrädchen. Maja Lisa setzte sich neben die Tante und reichte ihr die Wollkämme. Gleich darauf kamen der Hausherr und die Knechte mit ihren Arbeiten, und der Kreis ums Feuer erweiterte sich. Ganz zuletzt trat Pastor Liljecrona herein und mit ihm der Schmied. Sie wollten noch an diesem Abend miteinander nach Henriksberg fahren, aber das Pferd mußte erst ausruhen. Der schöne Pfarrer setzte sich so dicht neben Maja Lisa, als es anging, der Schmied aber ließ sich im dunkelsten Winkel, möglichst weit entfernt von den andern, nieder. Und nun ging die Unterhaltung lebhaft im Kreise; das Lachen und Schwatzen und Geschichtenerzählen nahm kein Ende, bis Tante Margreta sich an den Schmied wendete und ihn fragte, ob er ihnen nicht ein paar von seinen Liedern spielen wolle. Sie habe gehört, er könne gut geigen.
Er hatte sich nicht sehr lange gesträubt. Der Hausherr hatte ihm seine schrille Geige gegeben, und nun stand er dort drüben und spielte Polkas und alte Reigen, weder besser noch schlechter als ein gewöhnlicher Spielmann vom Lande.
Maja Lisa konnte sich nicht helfen, sie fühlte sich etwas enttäuscht. Das kam daher, daß sie von einem Traum befangen war und Einbildung von der Wirklichkeit nicht recht unterscheiden konnte. Den ganzen Abend mußte sie immerfort an den denken, der seine Braut vom Leben zum Tod gespielt hatte, und immer tauchte er in der Gestalt des Schmieds vor ihr auf. Und so hatte sie ganz sicher erwartet, auch dieser werde eine so große gefährliche Macht in seinem Bogen haben, daß er die Menschen aus dem Leben in den Tod geigen könnte.
Nein, sie konnte sich nicht von dem Traum frei machen; wieder und wieder ertappte sie sich darauf, daß sie nach dem Schmied hinüberschaute und sich fragte, ob er nie und nimmer an jemand anders denke, als nur an sie allein, die er verloren hatte.
Der Schmied hatte den steifen, dicht anliegenden Fuhrmannspelz abgeworfen, um die Arme besser bewegen zu können, und jetzt, bei einem von diesen kurzen Blicken, die Maja Lisa auf ihn warf, sah sie, daß an seiner Uhrkette, die ihm aus der Tasche heraushing, eine große glänzende Silbermünze befestigt war.
Maja Lisa fuhr leicht zusammen. War dies der Speziestaler, den sie ihm geschickt hatte? Ein Schmied war doch meistens arm. Wie kam es denn, daß dieser eine Uhr besaß? Hatte vielleicht der Verwalter sie ihm geschenkt? Und selbst wenn es so war, wie konnte er einen Speziestaler ganz nutzlos an seiner Uhrkette baumeln lassen? Er war doch wohl kein – –
Maja Lisa erstaunte über sich selbst, ja sie wunderte sich, daß sie ruhig sitzenblieb und nicht aufsprang und laut verkündigte, nun verstehe sie plötzlich, wie alles zusammenhänge.
Er war es selbst! Sven Liljecrona war’s! Er, der seiner Liebsten jenen Todestanz gespielt hatte, er stand dort drüben! In einem einzigen Augenblick ward sie ihrer Sache so ganz und gar gewiß, daß sie gleich zu ihm hätte treten und sagen können, er solle sich nicht länger verstellen, sie wisse, wer er sei.
Aber warum war er vor ein paar Wochen in der einfachen Tracht eines Vorarbeiters vom Hüttenwerk nach Loby gekommen? Darüber konnte sie sich nicht recht klar werden. Vielleicht weil ihn diese Kleidung am bequemsten dünkte, wenn er auf einen Bauernhof fuhr! Und da ihn niemand erkannte, sondern alle ihn für einen Schmied hielten, hatte er sie eben auf dem Glauben gelassen; vielleicht hatte er sich auch gescheut, ihnen zu sagen, wer er sei, als er da mitten in die Hochzeitsfeier hineingeraten war.
Maja Lisa hörte auf, der Tante die Wollkämme zu reichen, und bedeckte die Augen mit der Hand. Warum hatte er sich auch heute so verkleidet?
Sie brauchte nicht lange zu grübeln. Gleich stand alles deutlich vor ihr. Jetzt wollte er etwas. Diesmal hatte er eine bestimmte Absicht. Er wünschte, daß sie und sein Bruder – –
Ach, das war gar so schön, und es war höchst wundersam! Nun begriff sie: er hatte gewollt, sie und Pastor Liljecrona sollten sich sehen und sprechen. Ja, so mußte es sein! Als ihm gestern abend der Speziestaler von ihr gegeben worden war, hatte er den Skiläufer zu seinem Bruder geschickt, um ihn nach Svansskog zu locken. Hier hatte er ihn dann den ganzen Tag auf sich warten lassen, und als er am späten Abend eintraf, kam er in dieser Tracht. Er wollte nichts vorstellen. Nein, sie sollte an niemand denken als an den Bruder.
Und jetzt stand er dort drüben und spielte Bauerntänze auf Bauernweise, um die Bauersleute zu erfreuen. Er hatte ja einst gesagt, er könne nie wieder einen Bogen führen, aber dies betrachtete er natürlich gar nicht als Geigenspiel.
Es war nicht der Verstand, der Maja Lisa dies alles sagte. Nein, das Gefühl war’s, mit diesem konnte sie alle seine Gedanken erraten. Und sie wußte nicht, ob sie über ihn lachen oder weinen sollte.
Eines war sicher, sie mußte ihm gefallen haben, wenn er diese Zusammenkunft mit seinem Bruder ins Werk gesetzt hatte. Oder hatte sie ihm nur leid getan, weil es ihr daheim so schlecht ging? Hatte er ihr einen guten, klugen Freund verschaffen wollen, der sie von aller Bedrängnis fortführen könnte?
Ja, ja, er selbst hatte seinen großen Kummer. Den konnte er nie überwinden. Seine Liebste war tot, und er würde sie nie vergessen. Maja Lisa war für ihn nur ein armes Mädchen, die, als er mit ihr zusammengetroffen war, im Ofenwinkel gesessen und geweint hatte, und der er nun zu Ehre und Glück verhelfen wollte.
Maja Lisa mußte den Kopf aufrichten und die andern ansehen. Denn wirklich, war sie nicht auf dem Punkt, in Tränen auszubrechen, als sie bedachte, daß er für sich selbst gar nichts mehr vom Leben verlangte!
Aber gerade da, als sie die Augen aufschlug, als ihre Gedanken am eifrigsten arbeiteten und ihr Herz von Schmerz und Freude zugleich erfüllt war, als sie weit, weit weg war von allem, was ihr an andern Tagen Not bereitete, wurde wieder nach der Klinke gefaßt, und jemand steckte den Kopf zur Tür herein.
Maja Lisa starrte der Eintretenden entgegen, als sei es eine ganz unbekannte Person, und sie ging auch nicht auf sie zu. Tante Margreta schob den Spinnrocken zurück und stand auf, aber Maja Lisa blieb unbeweglich sitzen und konnte nicht aus ihren Träumen erwachen. Sie begriff auch kaum, wer eigentlich gekommen war, als sie den Gast mit rauher Stimme sagen hörte, sie habe den langen Bengt begleitet, Maja Lisa abzuholen, und als die Tante antwortete, die Frau Pfarrer werde es doch nicht so eilig haben, daß sie nicht ablegen und zu Abend mit ihnen essen könnte, ehe sie wieder heimfahre.
Der Fähnrich
Die neue Pfarrfrau auf Lövdala hatte die Gewohnheit, durch alle Leute Botensendungen und kleine Aufträge besorgen zu lassen. Wenn irgend jemand am Pfarrhaus vorüberkam, einerlei ob Bauer oder Herr, stets stand die Pfarrfrau auf der Küchentreppe und winkte und rief, bis er anhielt. Dann mußte Maja Lisa oder die Kleine eiligst auf die Straße hinauslaufen und die Vorüberfahrenden bitten, doch so freundlich zu sein, ein Pfund Butter mitzunehmen, das Frau Raclitz dem Hauptmann auf Berga verkaufen wollte, oder einen Weberkamm, den sie von der alten Frau Moreus entlehnt hatte.
Bisweilen gab sie ihnen sogar Sachen mit, die schwer und groß und umständlich zu besorgen waren, und bald waren die Leute in steter Angst, wenn ihr Weg sie an Lövdala vorbeiführte. Es war ihnen unangenehm, der Pfarrfrau ihre Bitte abzuschlagen, aber ganz unmöglich war es, vorbeizukommen, ohne daß sie einen sah.
Nun, jedenfalls hatte sie ein ganz besonderes Talent, die Leute dazu zu bringen, Besorgungen für sie zu machen.
Ja selbst ein solcher Tunichtgut wie der schöne Örneclou mußte ihr notgedrungen einmal einen Gefallen tun.
Es sah indes zuerst nicht danach aus, als sollte zwischen dem Fähnrich und der Pfarrfrau große Freundschaft entstehen, als er in der letzten Januarwoche auf Lövdala eintraf. Er pflegte immer um diese Zeit zu kommen und dann acht bis vierzehn Tage zu bleiben. Aber gleich bei seiner Ankunft sagte die Pfarrfrau, sie werde es schon so einrichten, daß dieser Tagedieb nicht alt auf dem Hofe werde. Er war gerade in die strengen Arbeitstage nach den vielen Weihnachtsfestlichkeiten hineingekommen, und jetzt wollte sie keinen Gast im Hause haben, den man bedienen mußte.
Und dann mußte man ja nicht Örneclou allein aufnehmen, sondern auch noch sein Pferd; denn so arm er auch war, mit einem eigenen Pferd kam er doch angefahren. Und das Pferd mußte sein Futter und seine Wartung haben, gerade wie sein Herr.
Die Pfarrfrau tat alles, was sie konnte, um es Örneclou recht ungemütlich zu machen. Zum ersten ließ sie das Zimmermädchen den schweren Reisesack, worin er seine Brennscheren und Perücken verwahrte, in das geringere Gastzimmer tragen. Örneclou war gewöhnt, in dem guten Gastzimmer zu wohnen, wo es eine Feuerstelle und ein Himmelbett mit feinen Daunenkissen und Federpolstern gab; aber er hatte niemals so befriedigt ausgesehen, wenn er dort eingetreten war, als jetzt, wo er nur in das geringere geführt wurde.
Ei, hier habe er von jeher schlafen wollen! sagte er. Dies sei ja das Zimmer, das man im Pfarrhaus das »Nachtquartier« nenne, weil jeder beliebige Mensch, der daherkomme und um ein Nachtlager bitte, darin aufgenommen werde. Hier könne er fast sicher sein, in später Nacht noch Gesellschaft zu bekommen, er schlafe ohnedies schlecht, da brauche er jemand, mit dem er sich unterhalten könne. Und in dem großen Himmelbett im Gastzimmer sei es immer gleich so dumpfig, da liege er viel lieber hier in der schmalen Bettstelle auf Stroh.
Das allerbeste sei aber doch, daß weder Feuerstelle noch Ofen vorhanden sei, sondern daß das Zimmer seine Wärme von dem großen Kamin bekomme, der von der Küche heraufführe und beinahe die halbe Stube einnehme. Wie schön: kein Rauch und kein Ruß, nur eine gleichmäßige, behagliche Wärme den ganzen Tag hindurch!
Und eine solide, prächtige Einrichtung habe er hier auch mit dem unangestrichenen Tisch und den ungepolsterten Stühlen. Da könne er durchaus nichts verderben, wenn er seine Perücke brenne oder sich den Schnurrbart färbe.
In dieser Weise fuhr er fort, solange sich das Zimmermädchen in der Stube befand. Welches Gesicht er aber machte, als sie gegangen war, das kann niemand wissen. Es war ein kalter Tag, und es war gewiß nicht sehr warm in dem ungeheizten Zimmer, während er sich umzog und sich fein machte. Aber seine Wangen schimmerten im schönsten Rosenrot, und seine Augenbrauen waren prächtig gemalt, als er zum Mittagessen herunterkam; kein Mensch konnte sehen, daß er das Kunstwerk mit vor Kälte steifen Fingern hatte ausführen müssen.
Die Pfarrfrau wußte eines recht gut: es gab keinen größeren Feinschmecker als Örneclou. Nicht genug damit, daß er immer etwas Gutes essen wollte, nein, er legte auch großen Wert darauf, das Essen in einem schönen Zimmer einzunehmen und es auf feinem Damast und blankem Silber zu bekommen.
In früheren Zeiten, darüber hegte die Pfarrfrau durchaus keinen Zweifel, war während seiner Anwesenheit im Saal gegessen worden, und man hatte ihm aufgetischt, was das Haus vermochte; aber jetzt, wo sie seinem Besuch so bald ein Ende machen wollte, deckte sie in der Küchenkammer auf richtige Werktagsweise und bot ihm nichts als Blutklöße und Kohlsuppe an.
Örneclou war in seiner allerliebenswürdigsten Laune und sagte dem Pfarrer eine Schmeichelei um die andere darüber, daß er so klug gewesen sei, sich wieder zu verheiraten. Wenn man bedenke, wie gut es der alte Propst in Sjöskoga, der so viele Jahre lang Witwer gewesen war, hätte haben können! Als er, der Fähnrich, ihn zum letztenmal besuchte, sei im Eßzimmer der Boden nicht gefegt gewesen, und sie hatten in einem der Schlafzimmer essen müssen. Kein einziges reines Tischtuch habe es gegeben, sondern alle voller Flecken, und die Mägde seien zu faul gewesen, jeden Tag zu kochen; die Kohlsuppe vom Sonntag sei jeden Tag wieder aufmarschiert, und sie hätten noch froh sein müssen, wenn sie recht lange reichte.
Da habe es sich sein alter Freund und Bruder auf Lövdala ganz anders gut eingerichtet. Eine so tüchtige Hausfrau, wie seine Gattin, könnte man weit suchen. Überall habe man ihm ihr Lob gesungen, und er sei mit großen Erwartungen aller der Leckerbissen, die er diesmal zu schmecken bekommen werde, hergereist. Und außerdem, wie gut sei es doch für Maja Lisa, daß sie nun lernen könne, wie ein Tisch gedeckt und wie die Speisen angerichtet und aufgetragen werden sollten, und zwar von jemand, der so gut wisse, wie es in feinen Häusern zugehe.
Der schöne Örneclou hatte ein besonderes Talent, Bosheiten zu sagen, und sie trafen meist auch ins Schwarze; aber Anna Maria Raclitz gehörte nicht zu denen, die sich ein paar Stichelreden zu Herzen nahmen, sondern sie sagte mit ihrer rauhen Stimme:
Wenn es dem Herrn Fähnrich bei diesem Witwer nicht gefallen habe, dann hätte er ja leicht abreisen können.
Da merkte Örneclou, daß er, wenn er nicht eine andere Taktik einschlug, weder im Saal speisen noch in dem guten Gastzimmer schlafen durfte.
Am liebsten wäre er gleich wieder abgereist; aber da war noch etwas anderes im Spiel! Ein Frauenzimmer wollte ihn verjagen, das war doch merkwürdig! In seinem ganzen Leben war ihm das noch nicht vorgekommen, und darein konnte er sich nun und nimmer finden!
Er war allerdings bald mitten in den Vierzigern, aber doch immer noch ein schöner Mann, dem bis jetzt kein weibliches Wesen hatte widerstehen können.
Und der Fähnrich blieb da. Ein paar Stunden saß er mit dem Pfarrer am Brettspiel, und als dieser in der Dämmerung hinausging, um mit dem langen Bengt etwas Landwirtschaftliches zu besprechen, ging der Fähnrich in den Saal und unterhielt sich mit der Pfarrfrau.
Frau Raclitz saß kerzengerade auf einem Stuhl am Fenster und benützte das letzte Restchen Tageslicht, ein paar Strümpfe fertig zu stopfen.
Örneclou machte nun einen Versuch, die Festung zu stürmen. Er sagte, er fühle, daß er alt werde, aber mit den Jahren sei er doch allmählich klüger geworden. Die jungen Mädchen seien alle miteinander unbeständig und flatterhaft. Er wolle nun mit diesem Schmetterlingsgegaukel aufhören, und deshalb möchte er die Frau Base fragen – er hoffe doch, er dürfe als alter Freund Base zu ihr sagen –, ob sie wohl eine etwas ältere Dame kenne, ja natürlich zu alt sollte sie auch nicht sein, aber doch einige zwanzig, die gesetzt und häuslich wäre und sich um so einen armen Kerl, wie er einer sei, annehmen würde?
Die Pfarrfrau saß unbeweglich da. In dem trüben Dämmerlicht war nicht zu erkennen, was für ein Gesicht sie machte. Aber Örneclou glaubte doch zu bemerken, daß sich ihre schmalen Lippen ein wenig verzogen. Sollte sie sich am Ende über ihn lustig machen?
Ei, das war ja eine ganz gefährliche Person, die Lyselius da geheiratet hatte! Örneclou wußte doch bestimmt, wenn man eine ältere Dame für sich einnehmen wollte, gab es kein sichereres Mittel, als daß man sie für seine Heiratspläne zu interessieren suchte.
Noch nie in seinem Leben hatte Örneclou mit einem Frauenzimmer von anderem gesprochen als von Liebe und Heirat. Es fiel ihm absolut nichts anderes ein, wovon er mit ihnen reden könnte. Deshalb fing er nun noch einmal von derselben Sache an, nur daß er jetzt gerade das Gegenteil von dem sagte, was er vorher vorgebracht hatte.
»Ich sehe schon,« fuhr er fort, »Ihr, liebe Frau Base, habt so viel von mir gehört, daß Ihr nicht glaubt, ich werde mit einer Gattin zufrieden sein, die nicht schön und auch nicht mehr ganz jung wäre.
Aber das dürft Ihr mir doch zutrauen, daß ich möchte, sie solle neben diesen anderen guten Qualitäten auch klug und verständig sein. Und ich denke, Maja Lisa Lyselius wäre jetzt, seit sie unter der Leitung der Frau Base steht ...«
Hier hielt Örneclou vorsichtigerweise inne, um herauszubringen, ob er weitergehen dürfe, oder ob er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Die Dämmerung senkte sich immer tiefer herab, und es fiel ihm immer schwerer, die Gesichtszüge der ungeselligen Person, die da vor ihm saß, zu unterscheiden.
Aber eigentlich sah es aus, als ob die Pfarrfrau verstohlen lächelte.
»Ich weiß wohl, Maja Lisa soll natürlich einen Pfarrer heiraten und hier auf Lövdala wohnen und regieren«, fuhr Örneclou fort. »Und dafür spricht ja auch vieles. Lyselius wird ihr schon einen frischen, prächtigen Mann aussuchen, der mehr versteht, als auf einer Kanzel zu stehen, und der die Landwirtschaft ebensogut betreiben kann wie er selbst. So einer wie ich würde alle Augenblicke seine Schwiegermutter um Hilfe bitten müssen, und das würde ihr wohl beschwerlich sein.
Ihr, Frau Base, möchtet wohl am liebsten, wenn Ihr Witwe werdet – und es ist ja betrüblich, in Parenthese gesagt, wie Lyselius im letzten Jahr abgenommen hat –, wie Frau Beata Spaak ruhig in Eurem Stübchen sitzen und Euch um nichts mehr kümmern.«
Die Pfarrfrau saß noch wie vorher bolzgerade da und zog die Nadel heraus und hinein. Aber jetzt wendete sie sich dem Fenster zu, um besser zu sehen, und da sah Örneclou, daß sie tatsächlich lachte.
Nun fing er an zu glauben, sie sei gegen jeden Angriff gefeit. Er stand auf, um in sein Zimmer hinaufzugehen und seine Perücken zu locken oder seine Busenkrause zu tollen, was er meistens tat, wenn er schlechter Laune war.
Doch jetzt wendete sich die Pfarrfrau an ihn und stellte ihm auch eine Frage.
»Da Ihr, Herr Fähnrich, überall herumkommt, kennt Ihr wohl auch diesen Liljecrona, der Pfarrer in Finnerud ist?«
Der Fähnrich erschrak. Was er vorhin vom Heiraten gesagt hatte, schien doch Eindruck auf sie gemacht zu haben. Vielleicht war Liljecrona als Schwiegersohn ausersehen, und jetzt hatten am Ende seine Worte den Gedanken in ihr erweckt, er sei nicht so ganz geeignet dazu.
»Olle Liljecrona!« sagte er. »Gewiß kenne ich ihn. Ich bin sogar wiederholt bei ihm in Finnmarken gewesen. Das ist wirklich ein prächtiger Mensch, der alles versteht. Er hat ja sogar die Männer und Weiber da droben in allen möglichen nützlichen Beschäftigungen unterrichtet.«
»Ich möchte sehr gerne wissen, ob er nicht ein Auge auf unsere Maja Lisa geworfen hat,« fuhr die Pfarrfrau ganz offenherzig fort, »und man hört ja auch nichts als Gutes über ihn.«
Sie tat nur mütterlich interessiert; aber Örneclou meinte doch aus ihrem Tone etwas herauszuhören, das darauf deutete, daß sie nichts dagegen hätte, wenn sie irgendeine Klatscherei über den Freier erfahren könnte.
»Ach, Ihr, Frau Base, seid doch wohl verständig genug, Nachsicht mit der Jugend zu haben«, sagte Örneclou. »Man muß bedenken, wie einsam er es da droben unter den Finnen hat. Ich selbst bin immer der letzte, der in solchen Fällen einen Stein aufhebt. Aber leugnen läßt es sich allerdings nicht, daß Liljecrona seit Jahren ein Verhältnis in Finnerud hat. Doch kann das sehr leicht in Ordnung gebracht werden, ohne daß Maja Lisa auch nur das geringste davon erfährt.«
Die Dunkelheit hatte die Pfarrfrau endlich gezwungen, das Stopfen aufzugeben. Aber sie zündete deshalb kein Licht an, sondern griff nach einem Strickzeug, an dem sie, auch ohne die Augen zu gebrauchen, weiterarbeiten konnte. Die Nadeln bewegten sich still und gleichmäßig, aber als der junge Örneclou sagte, der Pfarrer habe ein Verhältnis, da klirrten sie in ihren Händen.
Und die Stimme der Pfarrfrau klang auch ganz verändert, als sie entgegnete:
»Was sagt Ihr da, Fähnrich? Es ist doch wohl nicht möglich, daß ein Pfarrer ... Wie kann der Bischof ...«
»Ach, Frau Base, Ihr wißt nicht, wie entlegen Finnerud ist. Und ich glaube sicher, daß außer mir niemand irgend etwas von der Sache weiß, nicht einmal seine nächsten Verwandten. Ich selbst bin auch nur durch einen reinen Zufall der Sache auf die Spur gekommen. Auch habe ich selbstverständlich gegen jedermann darüber geschwiegen und hätte auch jetzt nichts gesagt, wenn ich es nicht für meine Pflicht hielte, einer zärtlichen, fürsorglichen Mutter meine Bedenken mitzuteilen.«
Wieder klirrten die Stricknadeln heftig gegeneinander, und die Pfarrfrau sagte: »Es ist vielleicht gar nicht wahr. Heutigestags werden alle Menschen verleumdet.«
Örneclou räusperte sich, und dann begann er:
»Ihr zwingt mich, Euch mehr zu verraten, als ich möchte. Aber wie gesagt, ich halte es für meine Pflicht, der Frau Base einen klaren Einblick in die Sache zu geben. Ich versichere Euch, bis zu meinem letzten Besuch vor Weihnachten hatte ich keine Ahnung, wie es bei Liljecrona bestellt war. Er war nicht daheim, als ich ankam, aber seine Haushälterin empfing mich aufs beste und bat mich, die Heimkehr des Hausherrn abzuwarten. Na, es dauerte recht lange, bis er kam, und unterdessen ließ ich mich mit der Frau in ein Gespräch ein. Wißt Ihr, sie ist in ihrer Art eine vortreffliche Person. Nicht von finnischer Herkunft, sondern aus dem Schwedengau, wie sie da droben sagen, und wirklich überraschend tüchtig. Voller Bewunderung habe ich den unermüdlichen Eifer gesehen, mit dem sie dem armen Liljecrona das Leben in dem Finnendorf erträglich gemacht hat.
Nun, wir sitzen also beisammen und reden von dem und jenem. Nicht wahr, Ihr versteht, sie kommt nicht von besseren Leuten, ist eigentlich nur ein Bauernmädchen, aber doch recht verständig in allem, was sie sagt. Wir haben indes noch nicht viele Worte gewechselt, als ich merke, daß sie etwas bedrückt. Ich spreche ihr freundlich zu – Ihr wißt, ich verstehe mich ein wenig auf Frauenzimmer –, sie faßt Vertrauen zu mir. Da fragt sie mich geradeheraus, ob ich meine, daß Liljecrona das große Pastorat bekommen werde. Er hätte ihr versprochen, ja schon vor acht Jahren, als er zuerst da hinaufkam, sie zu heiraten, sobald er eine bessere Stelle erhalte. Nun aber habe sie große Angst, weil dieses Sjöskoga gar so großartig sei. Wenn jetzt nur Liljecrona nicht denke, sie sei zur Pröpstin nicht fein genug.
Ihr versteht, sie war ganz verzweifelt. Ich gab mir alle Mühe, sie zu beruhigen, so gut ich konnte, und versprach ihr auch, Liljecrona betreffs seiner Pläne auf den Zahn zu fühlen. Am nächsten Tag sagte ich Liljecrona geradeheraus, daß ich das Verhältnis durchschaut hätte, und fragte ihn, warum er denn eigentlich die Verbindung nicht rechtskräftig mache. Da sagte er ganz offen, dazu sei er zu arm. Wenn er seine Magd, wie er sich ausdrückte, heirate, dann werde sie ja die Frau, und dann müsse er sich zu ihrer Bedienung eine andere Magd halten. ‘Denn dessen kannst du versichert sein,’ sagte er, ‘dann melkt sie keine Kühe mehr und hilft auch Pekka nicht mehr auf dem Acker. Selbstverständlich werde ich sie heiraten, sobald ich die Mittel dazu habe.’ Ich erwiderte: wenn er nun nach Sjöskoga komme ... ‘Ach, Sjöskoga,’ versetzte er, ‘das will ich gar nicht haben. Ich habe im Sinn, zurückzutreten.’«
Örneclou schwieg. Er konnte die Pfarrfrau in der Dunkelheit kaum noch unterscheiden und hörte auch die Stricknadeln nicht mehr klirren. Es wurde ihm beinahe unheimlich zumut. Vielleicht hatte er sich hier, wenn auch nicht ein Verbrechen, doch immerhin eine sehr große Unvorsichtigkeit zuschulden kommen lassen.
»Jetzt habe ich der Frau Base alles gesagt, was ich weiß«, begann er wieder. »Und ich möchte Euch bitten, Euch nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen. Es gibt jedenfalls im ganzen Sprengel keinen ausgezeichneteren jungen Geistlichen als Liljecrona. Bedenket, was das heißen will, sich in dem Maße für arme Finnenbauern aufzuopfern! Mit seinen Gaben volle elf Jahre in einer Armut zu leben, wie er es getan hat! Ich möchte sagen, er ist ein Held, gerade wie der Korsikaner, von dem man in jetziger Zeit so viel Wesens macht.«
Das Schweigen dauerte weiter, und dem Fähnrich wurde es immer unbehaglicher zumut. Schon fing er wieder an, Liljecronas Lob zu singen, als die Pfarrfrau von ihrem Platz aufstand und mit einer Stimme, die einen ganz anderen Klang hatte, als während des vorausgegangenen Gesprächs, sagte:
»Ich höre Lyselius kommen. Geht nun zu ihm hinein, Örneclou, und unterhaltet Euch mit ihm, anstatt hier bei mir in der Dunkelheit zu sitzen. Er freut sich sicher auf ein Plauderstündchen unter vier Augen mit einem so guten alten Freund, wie Ihr seid.«
Und von da an war die Pfarrfrau wie ein umgewendeter Handschuh. Örneclou durfte im Saal essen, er durfte im besten Gastzimmer schlafen, und es wurden ihm so gute Gerichte aufgetischt, wie bisher nicht einmal der Pfarrer bekommen hatte.
Örneclou war indes gar nicht sosehr überrascht. Er wußte ja von alters her, daß ihm kein Frauenzimmer widerstehen konnte, wenn er sich so viele Mühe gab, wie er bei der alten Raclitz aufgewendet hatte. Aber so ganz verständlich war ihm die Sache doch nicht, und es war immer noch etwas Sonderbares daran, bis er sich schließlich herausgeklügelt hatte, daß sie sich sicherlich seinen Antrag überlegt und nun die Absicht hatte, ihn zum Schwiegersohn zu erwählen.
Na ja, Örneclou hatte sich nicht soviel bei dieser Freierei gedacht. Aber warum nicht? Es wäre gar nicht so übel, wenn er Maja Lisa bekäme. Und daß er sie bekommen konnte, war klar wie der Tag. Die Schwiegermutter war außerordentlich freundlich gegen ihn und wußte gar nicht, was sie ihm alles zulieb tun sollte.
Aber ehe er sich ernstlich band, wollte er doch noch eine Reise durch Värmland machen und alle die guten alten Plätze aufsuchen, wo er seither Gastfreundschaft genossen hatte. Wenn er einmal verheiratet war und Frau und Hof hatte, mußte er natürlich daheim bleiben. Er konnte sich deshalb auch diesmal gar nicht so lange in Lövdala aufhalten, wie er sonst zu tun pflegte, sondern mußte abreisen, je früher desto besser. Natürlich nur, um desto schneller wieder zurückzukehren.
Als er darum an einem der nächsten Morgen erklärte, er müsse abreisen, sah er der Pfarrfrau und auch der Pfarrerstochter wohl an, wie leid es ihnen tat. Sie wollten ihn zum Bleiben überreden, aber er war unerschütterlich. Vor Abend müsse er ganz notwendig in Karlstadt sein.
Natürlich sagte er nicht geradeheraus, daß er nur abreise, um bald wiederzukommen und der Herr auf dem Hofe zu werden; aber dies lag alles unter der Decke. Die Pfarrfrau, die offenbar ein ganz ungewöhnliches Frauenzimmer war, verstand sicher, was es bedeutete.
Und schon ehe er abgefahren war, fühlte er das Heimweh in sein Herz hineinschleichen. Ja, hier würde er gewiß glücklich sein!
Als er eben dabei war, seinen Pelzmantel anzuziehen, trat die Pfarrfrau zu ihm und fragte, ob er ihr wohl einen Gefallen tun würde. Die gnädige Frau auf Lökene hätte einen Hahn bei ihr bestellt, und nun möchte sie fragen, ob es ihm nicht zuviel sei, wenn sie ihm das Tier mitgebe? Wenn er doch nach Karlstadt fahre, komme er ja direkt an Lökene vorbei.
Der Fähnrich willigte gleich mit Freuden ein. Zum ersten konnte er der künftigen Schwiegermutter einen Gefallen tun. Und zum zweiten bekam er dadurch Gelegenheit, sich in Lökene zu zeigen und sich dort an einer Mahlzeit gütlich zu tun.
Aber als der Fähnrich einwilligte, wußte er natürlich nicht, daß der Hahn, den er mitnehmen sollte, lebend war.
Und da der Fähnrich in einem erbärmlichen kleinen Schlitten fuhr, so konnte er es nicht anders einrichten, als die Kiste mit dem Hahn auf den Sitz zu stellen und sich selbst hinten auf den kleinen Bock zu setzen.
Aber er behielt bis zuletzt seine gute Miene bei. Es galt ja, der alten Raclitz zu zeigen, daß sie keinen artigeren und nachgiebigeren Schwiegersohn bekommen könnte.
Als der Fähnrich abfuhr, herrschte wunderschönes helles Januarwetter. Die Sonne schien so warm wie sonst Ende März, und von Kälte war gar keine Rede.
Örneclou hatte das Gefühl, als sei er seit seiner Ankunft am gestrigen Tage ein ganz anderer Mensch geworden. Lövdala und Maja Lisa! Besitzen und regieren! Ein eigenes Heim haben und seine Freunde bei sich sehen, sooft er nur wollte! Das war etwas anderes, als das ganze Jahr hindurch von Hof zu Hof zu reisen und nie sicher zu sein, wie man aufgenommen wurde, wenn man an der Freitreppe eines Herrenhofs vorfuhr!
Der Weg war gut; es ging rasch vorwärts, und Örneclou war bald in Loby. Hier kam ihm ein alter Bauer mit einem Heuwagen entgegen. Das war gewiß Björn Hindriksson selbst.
»Dieser Björn Hindriksson ist sicher ein prächtiger Mensch«, sagte Örneclou vor sich hin, indem er das Pferd anhielt, um ein paar Worte mit ihm zu reden. Björn Hindriksson war ja der Nachbar von Lövdala, und wenn Örneclou nun doch bald der Herr dort wurde, lohnte es sich, ihn zum Freund zu haben.
Aber zum Kuckuck! Was krähte ihm denn da in die Ohren, gerade als er anhielt? Beinahe wäre er vor Schrecken von dem schmalen Kutschersitz heruntergefallen. Den Hahn hatte er ja ganz und gar vergessen gehabt!
Örneclous Fingal machte keine Bewegung. Der war bei so vielem dabeigewesen, daß ihn nichts mehr erschrecken konnte. Aber Björn Hindrikssons Brauner war gegen Überraschungen nicht so abgehärtet. Er ging durch, der Wagen fiel um, und die ganze Heulast lag in dem Straßengraben.
Das war wahrlich nicht die richtige Art, eine freundliche Nachbarschaft einzuweihen. In seinem Ärger knallte Örneclou seinem Fingal die Peitsche um die Ohren, und sobald der Schlitten wieder in Gang kam, verstummte der Hahn.
Wieder ging es rasch den Weg entlang, und wieder beschäftigten sich Örneclous Gedanken mit Maja Lisa. Sie war schön, sie war erst siebzehn Jahre alt, und halb Lövdala war ihr Eigentum! Ja, so einer wie er, Örneclou, gehörte her, um noch ein so großes Glück zu gewinnen, jetzt, wo er nicht mehr in seiner ersten Jugend stand!
Nun tauchte in der Ferne wieder etwas vor ihm auf. Diesmal ein Herr und eine Dame zu Pferd. Das konnte wohl kaum jemand anders sein als die Gräfin Dohna, die einen Ausritt machte.
Eine großartige Dame, diese Wittib auf Borg! Es war immer ein Vergnügen, einer Reiterin zu begegnen, die so gut zu Pferd saß. Nur schade, daß sie beständig diesen kleinen schwarzbraunen Emigranten mit sich führte, den sie jetzt unter ihren Schutz genommen hatte.
Örneclou hielt an, stieg vom Bock herunter und nahm, die Mütze in der Hand, eine bewundernde Stellung ein. Da krähte der Hahn. Die Gräfin zog die Zügel an und sah sich verwundert um. Woher kam denn der Hahnenschrei? Wie war es nur möglich, daß sich ein Hahn so weit von jeglichem Hof entfernt hier auf der Landstraße befand?
Sie hätte vielleicht nichts gemerkt, wenn der Hahn nicht gleich noch einmal gekräht hätte. Aber da begriff sie. Und da sie eine etwas schadenfrohe Dame war, ließ sie sich mit Örneclou in ein Gespräch ein und zwang ihn so, volle drei Minuten lang mitten auf der Landstraße zu halten.
Und der Hahn krähte in einem fort, krähte zwischen jedem Wort, das sie sagten.
Das mußte der schöne Örneclou aushalten! Der eleganteste Kavalier in Värmland mußte es ertragen, daß sie ihn auf diese Weise zum Gespött machte!
Die Gräfin saß ruhig auf ihrem Pferd, unterhielt sich mit ihm und tat, als merkte sie gar nichts von dem Hahn. Sie schien absolut nicht zu hören, daß jedes zweite Wort durch einen Hahnenschrei unverständlich wurde.
Aber Örneclou stand wie auf Kohlen, und der Angstschweiß brach ihm auf der Stirne aus. Schließlich konnte er es nicht länger aushalten. Er warf sich auf den Bock und fuhr eiligst davon.
Da verstummte der Hahn, dafür aber hörte Örneclou sogleich der Gräfin helles, perlendes Lachen hinter sich. Es verfolgte ihn bis an die Dorfgrenze, es verfolgte ihn auf der ganzen Reise, ja es verfolgte ihn sein ganzes Leben lang.
Am liebsten hätte er den Kistendeckel aufgemacht und den Hahn fliegen lassen. Aber Örneclou dachte an Maja Lisa und an Lövdala, und so beschloß er, der Versuchung zu widerstehen und auszuhalten. Bei der Schwiegermutter durfte er beileibe nicht in Ungnade fallen! Und wenn er jetzt nur erst an der Svartssjöer Kirche vorbei war, dann führte der Weg durch eine einsame Waldgegend, da würde ihm sicher niemand mehr begegnen.
Aber unglücklicherweise war das Wetter gar zu schön. Gerade an diesem Tage wollten offenbar alle Menschen Ausflüge machen. Es dauerte gar nicht lange, da kam dem Fähnrich sein Regimentschef entgegen. Örneclou war ja längst nicht mehr im Dienst; aber trotzdem er seinen Abschied hatte, setzte er seine Ehre darein, immer mit der Noblesse und der Würde aufzutreten, die dem ansteht, der einstmals über das Feld der Ehre geschritten ist.
Aber in demselben Augenblick, wo Örneclou sich zu einem strammen Gruß aufrichtete, krähte der Hahn.
Nein, das konnte einen Menschen doch wirklich in Verzweiflung bringen! Die eine unglückliche Begegnung folgte der andern auf dem Fuß nach. Nichts als Unglück auf dem ganzen Wege!
Schließlich, weit draußen auf den Sundgårdsbergen, begegnete er dem neuen Gutsbesitzer von Björne, Melchior Sinclaire.
Das war das einzige, was noch gefehlt hatte! Das war das schlimmste von allem! Die Leute hatten Sinclaire den Spitznamen »der Gockelhahn« gegeben, weil er so hochmütig und laut und immer zum Streiten und Raufen bereit war.
Sinclaire kannte seinen Spitznamen und war durchaus nicht entzückt davon. In seiner Gegenwart wagte man kaum noch Worte wie Hühner und Eier in den Mund zu nehmen.
In dieser seiner Not beschloß nun Örneclou, bei Sinclaire nicht anzuhalten, um ihn zu begrüßen, sondern so schnell, wie Fingal zu laufen vermochte, an ihm vorüberzufahren.
Aber es fiel schlimm aus, wie er es auch machte. Der Gutsherr kam eben aus Karlstadt zurück, wo er sich ein neues Schlittengeläute gekauft hatte, und dieses klingelte nun so prachtvoll, daß der Hahn doppelt ausgelassen wurde und im Vorbeifahren gerade recht laut krähte.
Örneclou richtete sich auf, um Fingal mit der Peitsche zu erreichen, und versetzte ihm einen scharfen Schlag über die Lenden. Jetzt galt es, so rasch wie möglich weiterzukommen.
Aber es sollte ihm nicht so leicht fallen, sich aus der Schlinge zu ziehen. Melchior Sinclaire wurde wütend. Bis jetzt hatte er die vor Örneclou stehende Kiste mit dem Hahn noch gar nicht zu Gesicht bekommen, aber Örneclou hatte er sofort erkannt, und er glaubte, der Fähnrich habe im Vorbeifahren wie ein Hahn gekräht, um ihn zu ärgern.
Rasch drehte er sein Pferd um und jagte nun hinter Örneclou drein, um ihm eine Lektion zuteil werden zu lassen.
Der Fähnrich hörte ihn hinter sich und dachte, es wäre wohl am besten, wenn er ihm die Sache erklärte. Da krähte der Hahn abermals so laut, daß es im Walde widerhallte. Und der große Gutsherr, der meinte, es sei der Fähnrich, wurde so rasend, daß er wie ein wildes Tier brüllte. Da wagte es Örneclou nicht mehr, auf ihn zu warten, sondern er fuhr eiligst davon.
Nun ging es ein paar Minuten lang in wilder Jagd über die Sundgårdsberge hin. Aber der Gutsherr hatte einen flotten Traber, Örneclous Fingal dagegen war alt und verbraucht, und so war es selbstverständlich, daß er bald eingeholt wurde. Als Örneclou sich umschaute, sah er den Gutsherrn mit hocherhobenem Peitschenstiel, der nun bald auf ihn, den armen Örneclou, niedersausen würde.
Da sagte Örneclou seinen Hoffnungen auf Maja Lisa und Lövdala Lebewohl. Er beugte sich vor, ergriff die Kiste mit dem Hahn und schleuderte sie Melchior Sinclaire mitten in den Weg.
Auf diese Weise entkam er. Sonst hätte ihn der große Gutsherr sicherlich totgeschlagen; denn wenn er zornig war, gehörte er nicht zu denen, die sich auf Erklärungen einlassen und Gründe anhören.
Als der Fähnrich das Ilberger Gasthaus erreichte, war er vollständig erschöpft, und er dachte, von dieser Fahrt werde er sich wohl nie wieder ganz erholen.
Er lebte danach noch viele Jahre; aber so alt er auch wurde, fluchte er immer wie ein Wachtmeister, wenn er auf dieses Ereignis zu sprechen kam.
Auf Lövdala ließ er sich nie wieder sehen. Denn dies war das widerwärtigste Abenteuer, das er je in seinem Leben zu bestehen gehabt hatte, und er konnte es nicht ertragen, daran erinnert zu werden.
Am Werktage
Ja, nun war die Arbeit auf Lövdala in vollem Gang, und morgens und abends ertönte das Schnurren der neuen Spinnrädchen so laut wie das Klappern einer Mühle. Und während der Stunden, wo heller Tag war, durfte man auch dem lieben Gott die Zeit nicht stehlen, sondern mußte jede Minute aufs Nähen und Weben verwenden.