Schon in seinem zehnten Lebensjahre elternlos, wurde Eckold von einem Verwandten, dem Böttiger Lohr, an Kindesstatt angenommen, sehr christlich erzogen, in der Profession des Pflegevaters unterrichtet und zum künftigen Erben bestimmt. Eckold gab die besten Hoffnungen, lernte fleißig und führte ein unbescholtenes Leben. Als Lohr durch einen furchtbaren Brand sein Haus verlor, und, von einem stürzenden Balken tödlich verwundet, bald nach dem Brande starb, verkaufte Eckold, der noch in den letzten Lebensstunden seines Pflegevaters von ihm zum alleinigen Erben durch eine gerichtliche Handlung ernannt wurde, die Brandstätte, behielt sich die auf ihn übergetragene Gewerbs-Ausübung vor, versteuerte sie gleich auf mehrere Jahre und trat die Wanderschaft an.
Von dieser zurückgekehrt, begann er gleich sein Gewerbe auszuüben und gewann durch Fleiß und Redlichkeit schon in wenigen Jahren so viel, daß er, ohne Geld aufborgen zu müssen, ein recht geräumiges Haus kaufen konnte. —
Eine alte Base von ihm, die ein kleines Vermögen besaß, hatte bisher seine Wirthschaft geführt. Nun aber fühlte Eckold von Tage zu Tage immer mehr die Wahrheit des Spruches, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist.
Ohne seinen Entschluß, sich zu verehelichen, laut werden zu lassen, spähete er mit forschenden Blicken unter den Schönen seines Geburtsortes umher.
Ueberall fiel sein Auge auf freundlich ihm zulächelnde Gesichter; er hätte nur wählen dürfen, und selbst der stolzeste und angesehenste Familienvater im ganzen Flecken würde dem schönen Böttiger — so nannte man ihn seiner ausgezeichneten männlichen Schönheit wegen — nicht die Hand der Tochter verweigert haben, da Eckold bei seinem ausgebreiteten Gewerbe, seiner rastlosen Thätigkeit und seinem untadelhaften Wandel, im schönen Vereine mit einem sehr liebenswürdigen Benehmen, aller Herzen gewonnen hatte.
Schon schwankte er zwischen zwei schönen und reichen Mädchen, als ein Augenblick eintrat, der sein Herz mit aller Macht der Liebe erfüllte und ihn jene Beiden vergessen ließ.
Es war an einem recht angenehmen Abend, als der junge Drechslermeister Blank, Eckolds einziger Freund, ihn abholte, um im Wirthshause eines nahe liegenden Dörfchens sich bei einem Glase Bier und unter traulichem Geplauder von der harten Tagesarbeit zu erholen. In die Nähe des Dörfchens gekommen, hörten sie jammernde Stimmen und sahen viele Leute vom Felde hinweg der Landstraße zueilen. Auch sie eilten dahin und fanden eine umgestürzte Kutsche, aus der man soeben eine jämmerlich schreiende Frau hervorzog, mit welcher sich besonders ein schlankes, hochgestaltetes Mädchen sehr eifrig beschäftigte. Die Frau hatte durch den gewaltsamen Sturz des Wagens den Arm gebrochen, auch mochte sie sich sonst sehr schwer verletzt haben, denn sie erbleichte plötzlich und schien eine Leiche zu sein. Trostlos, die Hände ringend, lag das Mädchen auf ihren Knieen und beträufelte die Ohnmächtige mit den Thränen ihres heißen Schmerzes. Gaffend standen die Landleute umher und murmelten unter einander.
„Bringt doch schnell eine Trage herbei mit einem Bette!“ sagte Eckold zu einem der Umstehenden und drückte ihm Geld in die Hand. Auf der Stelle lief dieser mit einigen in’s Dorf und kehrte bald mit einer hochbepolsterten Trage zurück. Unterdessen hatte Eckold aus dem nahen Bache seinen Hut mit Wasser gefüllt und das Gesicht der Bewußtlosen damit sanft gewaschen, wobei ihm das Mädchen mit zärtlichem Eifer Hilfe leistete. Behutsam wurde die nun wieder hochathmende und aufblickende Frau von Eckold und seinem Freunde auf die Trage gehoben und in das Wirthshaus geschafft, wohin auch die von den Landleuten emporgerichtete Kutsche folgte. Auf Eckolds Zureden bespannte der Wirth seinen Korbwagen und fuhr im raschen Trabe nach dem Flecken, um den dortigen Wundarzt zu holen.
Jetzt, als die Kranke in dem reinlichen, freundlichen Oberstübchen des Gasthauses auf ein weiches Bett gebracht war und gleich zu schlummern anfing, jetzt erst betrachtete Eckold das Mädchen. Er konnte sich nicht erklären, wie er bisher dieses reizende Wesen übersah. Solch ein jugendlich blühendes Gesicht mit dem süßesten Liebreize, solche herrliche Formen hatte er noch nie gesehen. Der Funke eines ihm bisher unbekannten Gefühles tauchte in seinem bewegten Innern auf, und dieser Funke wurde immer mehr zur süß belebenden Flamme. Er mußte sich Gewalt anthun, das Stübchen zu verlassen, als jetzt das Mädchen ihm mit wenigen aber innigen Worten für den geleisteten Liebesdienst dankte und durch eine Verneigung und ein schweigendes Hinblicken auf die Schlummernde die Bitte, allein gelassen zu werden, zart andeutete.
In der Bohnenlaube des lieblichen Blumengartens, seinem Lieblingsplatze, saß Eckold seinem Freunde Blank gegenüber in tiefem Sinnen, nur des Mädchens holde Gestalt vor seinen trunkenen Blicken, noch immer lauschend nach den verklungenen Tönen der Silberstimme. Die Wirthin kam mit Erfrischungen und Eckold erwachte aus seinen Träumen, denn die redselige Frau war gleich nach den ersten Begrüßungen bei der Fremden und ihrer Tochter. Mit geläufiger Zunge erzählte sie, daß die Fremde, wie soeben der Kutscher ihr vertrauet habe, die Wittwe eines vor Kurzem an der böhmischen Grenze verstorbenen Försters sei, sich nun nach Preußen, ihrem Vaterlande, begebe, und während der Reise recht schmerzlich über ihre Lage geklagt habe, da sie durch die lange Krankheit ihres Gatten um all ihr Erspartes gekommen und bei so geringer Pension dem bittersten Elende ausgesetzt sei, wenn es ihr nicht gelänge, einen reichen Anverwandten, den ihr Gatte durch seine Heftigkeit auf das Tiefste gekränkt hatte, wieder zu versöhnen und von ihm unterstützt zu werden.
Bis tief in die Nacht hinein, was bei Eckolds geregelter Lebensweise fast nie geschah, blieb er in der Laube, voll Verlangen, das reizende Mädchen nochmals zu sehen und zu sprechen. Unerfüllten Verlangens und in recht wehmüthiger Stimmung kehrte er mit Blank wieder zurück, denn die Wirthin hatte ihm mit großer Betrübniß gesagt, daß die arme Frau in sehr gefährlichem Zustande sich befinde, da nach des Wundarztes Versicherung nicht nur der Arm gebrochen, sondern auch ein innerer, sehr edler Theil verletzt sei. —
Noch vor Anbruch des Tages hatte die Försterin in einem Blutsturze ihr Leben ausgeströmt.
Wilhelmine Bornfeld — so hieß die Försterstochter — war nach drei Monaten die Ehefrau des Böttigermeisters Eckold, der in dem ersten halben Jahre seiner Ehe einen Engel zu umfassen glaubte, aber dann von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag immer mehr zur qualvollen Ueberzeugung kam, in diesem geträumten Engel einen sehr gefallenen an seiner Seite zu sehen. Nachlässigkeit im Hauswesen, Abscheu vor Arbeit, Putzsucht, Eitelkeit, unbezähmbarer Widerspruch, wochenlanges Maulen und unersättliche Sinnlichkeit waren die beglückenden Eigenschaften, welche allmälig wie die üppigen Blumenblätter einer giftigen Pflanze vor den Blicken des schrecklich Getäuschten sich entfalteten.
Nach drei Jahren einer Ehe, die auf Eckolds Moralität den allerverderblichsten Einfluß hatte, da er, überzeugt von der Unmöglichkeit der Besserung seiner Frau, die Lust zur Arbeit, die Liebe zur Ordnung, zu einem nüchternen, pflichtgetreuen Leben immer mehr verlor, den nagenden Gram meistens in hitzigen Getränken ersäufte, in der Trunkenheit mit liederlichen Dirnen ganze Nächte verschwelgte, oder in Spielhäusern geplündert wurde, hatte Eckold durch seine zerrüttete Hauswirthschaft solch eine Masse von Schulden aufgehäuft, daß er sein schönes Haus verkaufen mußte, nach Bezahlung seiner Schulden nicht mehr als 460 Gulden übrig hatte und voraussehen konnte, bald den Bettelstab ergreifen zu müssen, da er alle seine Kunden verloren, auch aus schon zu liebgewonnener Liederlichkeit gar nicht mehr Lust und Kraft hatte, sich durch erneuerte Arbeitsliebe und Moralität die Achtung, das Wohlwollen seiner Mitbürger wieder zu erwerben und den Aufschwung seines Gewerbes dadurch herbeizuführen.
Mit tiefem Abscheu hatte Eckold, als seine Frau ihre mit seiner Gewandtheit so vielfach umschleierten Neigungen und Laster zu enthüllen begann, sich anfangs von ihr abgewandt. Verachtung und Haß waren die Gefühle, von denen er gegen die liederliche Gattin beherrscht wurde. Jetzt, selbst abgewichen von der Bahn des Guten, aus einem arbeitsamen, redlichen, tugendhaften, religiösen Manne ein Faulenzer, Säufer, Wollüstling, Schwelger und Betrüger geworden, kehrte er mit erneuerter Leidenschaft, mit aller heißen Lust wilder Begierde zur Gleichgesinnten zurück. Der Giftbaum, auf Wilhelminens fruchtbarem Boden üppig emporgewachsen, hatte seine wurzelnden Zweige in des Gatten empfängliche Seele gesenkt, aus welcher immer kräftiger die verschwisterte Giftpflanze emporstieg, um gleiche Früchte zur Reife zu bringen. Durch Wilhelminens Unterricht und Anreizungen war Eckold so tief gesunken, daß er sogar anfing, zum Diebe zu werden. Ein silberner Löffel, von ihm in einem Weinhause gestohlen, wo er nach langer Zeit wieder einmal, des Scheines und des öffentlichen Geredes über sein Müssiggehen wegen, eine Arbeit vornahm, war das Probestück des angehenden Gauners, und auf einem Jahrmarkte in einem nicht fernen Städtchen hatte er durch Entwendung mehrerer Sachen von Werth sich schon als einen sehr gewandten Schockgänger[9] beurkundet. Sonst im Spiele betrogen, wurde nun er der Betrüger. Ein höchst fertiger Falschspieler, in frühern Zeiten von Eckold mit der tiefsten Verachtung vermieden, jetzt sein trauter Herzensfreund, gab ihm sehr eifrigen Unterricht, wie man Karten und Würfel mit Vortheil zu behandeln habe; der gelehrige Schüler betrog bald den wohlerfahrenen Lehrer.
Die kleinern und auch schon größern Diebstähle, mit der größten Schlauheit und an fern gelegenen Orten ausgeführt, auch der Gewinn im falschen Spiele mit Karten und Würfeln hätten zu Eckolds und seiner Frau Ernährung, wie auch zur Bestreitung sonstiger Ausgaben zur Genüge hingereicht, wären nicht Ausschweifungen und Völlerei die Götzen gewesen, denen sie mit Leidenschaft huldigten. So kam es, daß auch die 460 Gulden, jener armselige Rest einer bedeutenden Habe, schon nach einigen Monaten beinahe bis auf den letzten Thaler vergeudet waren.
Gerade in dieser Zeit des höchsten Mangels der Eckold’schen Eheleute fiel die Ankunft eines Weinhändlers, der in dem Gasthause zur Sonne, das Eckolds Wohnung gegenüber lag, ein Zimmer bezog. Wilhelmine war wirklich noch so reizend, daß sie selbst in der kältesten Menschenbrust eine Neigung zu entflammen vermochte, besonders da sie mit ihrer seltenen Schönheit einen höchst gebildeten Anstand und bezaubernde Liebenswürdigkeit — wenn sie liebenswürdig sein wollte — sehr glücklich vereinte. Der Weinhändler, ein Graukopf, aber ein höchst sinnlicher Mensch, hatte Wilhelmine kaum am Fenster gesehen, als er gleich alles aufbot, die nähere Bekanntschaft dieser so schönen Frau zu machen. Das ganze Versetzstück, wo dort die Sinnlichkeit, hier die Geldgierde in den mannigfaltigsten Verwebungen nach ihrem Ziele strebten, leitete Eckold, der auf die unbefangenste Weise, und als wäre er ganz blind bei des Weinhändlers auffallenden Bewerbungen um die Gunst seiner Frau, die Freundschaft des Sinnetrunkenen bald gewonnen hatte. Der Weinhändler besaß viel baares Geld, und Eckold dachte nun an nichts mehr, als wie er die Goldstücke seines Freundes sich anzueignen vermöge.
Die Zeit der Abreise des Weinhändlers nahte heran, und noch hatte er sich keiner besondern Begünstigung der von ihm so leidenschaftlich geliebten Wilhelmine zu erfreuen. Jetzt sollten seine Wünsche gekrönt werden. In einer Nacht — der Weinhändler wollte so eben zur Ruhe gehen — pochte man an seine Thüre. Auf die Frage, wer noch so spät Einlaß fordere, tönte ihm eine Stimme entgegen, die er gleich für Wilhelminens erkannte. Der rasch Oeffnende traute seinen guten Augen beinahe nicht, als Wilhelmine nun mit Heftigkeit in das Zimmer drang, sich auf das Sopha warf, weinte, die Hände rang, dann seine Kniee umklammerte, und ihn um Schutz, um Hilfe anflehte. Der Weinhändler war außer sich, Wilhelminen zu seinen Füßen zu sehen, da er gar zu gern zu den ihrigen gelegen hätte. Er trug sie auf das Ruhelager, er nahm sie an seine Brust, er bat sie mit den süßesten Schmeichelworten, ihren Schmerz zu beschwichtigen, und sich ihm mit aller Offenheit zu vertrauen, da er sein ganzes Vermögen, selbst sein Blut willig hingebe, um ihr seine heißeste Neigung durch die That zu erproben.
Nun vertraute ihm Wilhelmine unter strömenden Thränen und mit leiser, fast zitternder Stimme, wie sehr sie von ihrem Manne mißhandelt werde, weil sie sich nicht den Umarmungen eines jungen, reichen Gutsbesitzers hingebe, der für den Genuß ihrer Reize eine sehr reiche Summe geboten habe. — „Der Bösewicht, der ehrlose Verräther hatte die Frechheit, den wollüstigen Grafen in mein Schlafgemach zu führen und mir mit den unmenschlichsten Qualen zu drohen, wenn ich dem Grafen mich länger versage. Gott hat mir schwachem Weibe männliche Kräfte gegeben, durch die ich mich den thierischen Umklammerungen des Grafen, der rauhen Faust meines Gatten entriß, glücklich die Thüre erreichte, wo ich durch rasches Vorschieben des äußern Riegels mich vor Verfolgung sicherte, und so unaufgehalten aus dem Hause kam. Seit meiner Vermählung durch die Liebe zu meinen häuslichen Geschäften, zu genügsamem Stillleben, mit den Bewohnern dieses Fleckens beinahe nie in Annäherung gekommen, als im Tempel des Herrn; in diesem Orte, mit keiner Familie verwandt, würde ich ohne Obdach, ohne Hilfe umhergeirrt sein, hätte mir nicht eine tröstende Stimme Ihren Namen zugeflüstert. Ich weiß, edler Mann, daß Sie mich lieben, aber meine Grundsätze, mein Zartgefühl gestatten mir nicht, so lange ich Gattin bin, Ihnen mehr zu sein, als die treueste Freundin, eine kindlich liebende Tochter. Führen Sie mich fort von hier, weit, sehr weit, damit mich die Luft nicht mehr erreichen kann, von welcher dieser Bösewicht, dieses Ungeheuer von Gatten, umwehet wird. Dort will ich als die niedrigste Magd dienen und bei den härtesten Arbeiten werde ich mich als die Glücklichste fühlen und unter allen Leiden immer innig Ihrer gedenken, denn meine Tugend wird gerettet sein und nur Ihnen danke ich diese Rettung!“ —
Mit diesen erheuchelten Worten, im Wechsel des Pathos mit Schmerz, mit Zärtlichkeit, mit der sanftesten Hingebung gesprochen, schloß Wilhelmine ihr wohlerzähltes Mährchen.
Der Weinhändler wußte nicht, ob er sich freuen oder mit ihr trauern sollte. Das Wesen seiner heißesten Wünsche zu dieser Stunde, im freien, buhlerisch geordneten Nachtgewande, das mehr verrieth als verbarg, dicht an seiner Seite, oft im Laufe der Mittheilung an seinem stürmisch pochenden Herzen zu sehen; entzückt durch die Hoffnung, sich bald zur letzten Stufe seines heiß ersehnten Ziels aufzuschwingen, sank er durch den Redeschluß voll Keuschheit und Tugend, den der Leichtgläubige für baare Münze nahm, aus seinem geträumten Himmel recht unsanft zur kalten Wirklichkeit herab. Doch tauchte in ihm die Hoffnung schnell auf, von der Zukunft, durch sein Geld, durch die Darbringung aller möglichen Opfer, durch kupplerische Gelegenheiten einer lange währenden Reise das zu erlangen, was ihm jetzt die Gegenwart mit den ersten Eindrücken des Abscheues gegen ihren Mann, mit dieser, vielleicht noch nie versuchten Anhänglichkeit an die Pflichten der ehelichen Treue und an die Macht des Zartgefühles ihm verweigere. Schnell besonnen verhieß er Wilhelminen die herzlichste Hilfe, bestimmte den Tag seiner Abreise mit ihr, und gelobte auf das Feierlichste, sie bis dahin so verborgen zu halten, daß ihr Aufenthalt in diesem Gasthause auch noch so spähenden Augen entgehe.
In Eile weckte er den Wirth, der, des Schuldenbuches wegen, dem reichen Weinhändler in allem auf das Eifrigste zu Gebote stand, und vertraute diesem geradezu, wie höchst unglücklich die edle, tugendhafte Frau Eckold sei, wie fest er beschlossen habe, sie zu retten, und wie er nun verlange, daß sie bis zu seiner Abreise höchst verborgen in diesem Hause leben könne.
Der Wirth, ein durchtriebener Schelm, der Frau Eckold genau kannte und bei dem Lobe ihrer Tugenden beinahe in lautes Lachen ausgebrochen wäre, war gleich entschlossen, den Irrwahn und die tolle Leidenschaft seines großmüthigen Gläubigers zu irgend einem Vortheil zu benutzen, zerfloß beinahe in Thränen über die Leiden der keuschen Dulderin, und eilte mit dem Weinhändler und Wilhelminen in aller Stille nach seinem Hinterhause, wo er im dritten Geschosse ein freundliches Zimmerchen öffnete, und auf das Heiligste versicherte, Wilhelmine werde hier, wenn sie sich nicht am Fenster zeige, Jahre lang unentdeckt wohnen können, da Niemand, als seine Frau, die verschwiegenste Seele, für ihre Bedürfnisse und ihre Bedienung sorgen werde.
Schon nach einer Stunde wußte Eckold den Augenblick der Abreise des Weinhändlers mit Wilhelminen, daß dieser seinen Einspänner selbst lenke, wohin die Reise gehe, und in welchem Orte das erste Nachtquartier gehalten werde. Wilhelmine hatte, als sie sich allein sah, diese Nachricht mit Bleistift in ihre Brieftasche geschrieben und diese Eckold zugeworfen, der, wie verabredet war, das Haus umschlich.
Kaum war der Tag, welchen der Weinhändler zu seiner Abreise festgesetzt hatte, mit seinem ersten Leuchten angebrochen, als der Einspänner den Gasthof zur Sonne verließ. Man sah nur den wohlbeleibten Weinhändler in der Chaise, da Wilhelmine, um den Glauben ihres Führers an die Gefahr einer Verfolgung noch mehr zu bestärken, sich unter das Spritzleder niedergekauert hatte. Rasch ging es außerhalb des Thores nun auf der guten Landstraße fort, und früher war der Gasthof, in welchem Mittagsruhe gehalten werden sollte, erreicht, als Wilhelmine im Stillen es wünschte, da ein Zettel, welchen sie in der Nacht vor der Abreise mittelst eines Bindfadens auf ein Zeichen ihres Mannes heraufgezogen hatte, ihr den Wald angab, in welchem der Weinhändler geplündert, und daher, nach Eckolds Verlangen, die Ankunft in diesem Walde bis zur eingebrochenen Nacht von ihr verzögert werden sollte. Dieses mußte geschehen. Schon war das Mittagsmahl eingenommen, das Pferd abgefüttert und dem Hausknechte vom Weinhändler der Befehl zum Einspannen gegeben, als Wilhelmine mit einem gebrochenen Schrei langsam vom Stuhle glitt. Man trug sie auf ein Bette, man schleppte in Hast alles herbei, was man zur Belebung der Ohnmächtigen aufbringen konnte. Der Weinhändler hätte in diesem Augenblick eine Hand voll Gold für die Hülfe eines Wundarztes gegeben. Wilhelmine war nach einer Stunde wieder aus ihrer Ohnmacht erwacht und zur Fortsetzung der Reise vollkommen hergestellt, als sie berechnet hatte, daß der Wald nach dieser Verzögerung nicht vor Einbruch der Nacht erreicht werden könne.
Von der schwülen Tageshitze und dem langen Wege ermattet, schleppte das Pferd langsam die Chaise dem Walde zu. Sanft schlummerte der Weinhändler, der, als Nachmittags nochmals angehalten wurde, im Entzücken über Wilhelminens zärtliche Freundlichkeit schon auf ein wonnevolle Zukunft dem alten Burgunder gar zu tüchtig zugesprochen hatte. Aber unsanft wurde er aus seinem süßen Schlummer geweckt und erstarrte vor Schrecken, als er sich von einem Manne mit schwarzgefärbtem Gesichte gewaltig ergriffen sah. Er wollte um Hülfe rufen, sogar eine Gegenwehr versuchen, aber Wilhelmine, gleichsam ihn schützend, oder aus der höchsten Furcht, hatte ihn mit beiden Armen kräftig umklammert, und ihr Gesicht so dicht an seinen Mund gelegt, daß er sich nicht zu bewegen und nicht zu schreien vermochte. Im Augenblicke waren von dem schwarzgefärbten Manne die Hände des machtlos sich Sträubenden fest zusammengeschnürt, und als Wilhelmine, wie aus einer Ohnmacht rasch aufschreckend, sich hastig aufrichtete, hatte ihm der Räuber mit gewandter Bewegung ein breites Tuch um den Mund geschlungen. Er wurde aus dem Wagen geschleppt, und Wilhelmine, ihre Rolle fortspielend, floh in die Gebüsche. Der Weinhändler lag im Graben und Eckold — welcher Leser wird nicht gleich in ihm den Räuber vermuthet haben? — nahm in Hast die wohlgefüllte Chatulle aus dem Kutschensitze, durchsuchte die Seitentaschen, und wollte eben den kleinen Koffer vom Packbrette losbrechen, als ein Schuß fiel und er im Arme verwundet wurde.
Eckold hatte, mit dem Straßenraube noch nicht ganz vertraut, beim Binden der Hände den Knoten nicht fest genug geschürzt. Es gelang dem Weinhändler, die Hände frei zu machen, und seiner Sackpistole sich zu bemächtigen. Unglücklicherweise war er kein geübter Schütze, und nur ein leichter Streifschuß erfolgte.
Eckold, wie er im Laufe seiner Untersuchung oft und auf das Feierlichste betheuerte, hatte bei diesem Straßenraube nicht die Absicht gehabt, den Weinhändler zu ermorden, sondern nur auszuplündern, dann festgebunden, mit verstopftem Munde tiefer in den Wald hinein zu schleppen und dort seinem Schicksale zu überlassen, das Pferd aber mit der Chaise auf entgegengesetzter Richtung in den Wald zu lenken, und in einem Dickicht niederzustechen. Bei aller Wahrscheinlichkeit, daß die Nacht, selbst der größte Theil des folgenden Tages hingegangen sein dürfte, bis der Weinhändler durch Köhler oder Harzsammler gefunden worden wäre, würde er der Gefahr, als Raubmörder entdeckt worden zu sein, durch gewonnenen Vorsprung entwichen sein.
Durch den Schuß war der Weinhändler rettungslos verloren, da er zugleich auch die Binde vom Munde gebracht hatte und nun aus Leibeskräften um Hülfe schrie. Diese Landstraße wurde immer stark begangen und befahren; Eckold war keinen Augenblick vor Ueberraschung sicher. Nur ein rascher Mord konnte ihn jeder Gefahr entreißen. Schnell und mit aller Kraft stieß er sein scharfes Messer dem Weinhändler in die Kehle, in die Brust, warf die geraubten Sachen wieder in die Kutsche, und trieb das Pferd gerade in den Wald hinein, wo er, vom Mondlichte begünstigt, eine weite Strecke zwischen den Bäumen dahin fuhr und an einem dichten Gebüsche still hielt.
Jetzt erst dachte er an die Leiche, die, im Straßengraben liegend, leicht gesehen werden konnte. Er schlich sich zurück, hatte aber nicht die Kraft, den schweren Körper fortzubringen. Zu seiner Hülfe eilte Wilhelmine herbei, die im nächsten Gebüsche alles mit angesehen hatte. Nur mit aller Anstrengung vereinter Kräfte gelang es ihnen, die Leiche aus dem Graben zu bringen und in die Gesträuche zu schleppen. Eine volle Börse, Uhr und Kette von großem Werthe, ein kostbarer Brillantenring und ein reiches Taschenbuch war die Beute des Raubmörders, der die Leiche mit Moos, Reisig und Laub bedeckte und dann, von Wilhelminen gefolgt, der Chaise zueilte.
Von beiden wurde nun Rath gehalten, dessen Resultat war, das Pferd ein Paar Stunden ruhen zu lassen, dann einen fahrbaren, nach entgegengesetzter Richtung führenden Waldweg zu suchen und darauf fortzueilen, bis ein Ort erreicht werde, wo man Pferd und Chaise unter einem schicklichen Vorwande verkaufen, und von da mit Extrapost nach Baiern, vor der Hand dem ersten Reiseziele, so schnell als möglich sich begeben könne.
In den Taschen der Chaise fanden sich einige Flaschen Wein, auch Schinken und Brod. Eckold, mehr auf Labung des Pferdes denkend, um es wieder zur Eile antreiben zu können, als auf sich selbst, ließ von Wilhelminen ein großes Brod in kleine Stücke schneiden, und selbe dem hungrigen Pferde reichen, worauf er ihm eine ganze Flasche Wein eingoß; dann tränkte er es aus einer tiefen Pfütze, die in der Nähe war, und ließ sich nicht die Mühe gereuen, einen grasreichen Platz aufzusuchen, wohin er das Pferd führte, und es mit kurzgebundenen Beinen weiden ließ. Als er aus dieser Pfütze sich die schwarze Farbe vom Gesichte und das Blut von den Händen gewaschen hatte, trank und aß er mit Wilhelminen so fröhlich, als laste nicht das geringste Vergehen auf seiner Seele.
Die Uhr des ermordeten Weinhändlers zeigte die zweite Morgenstunde an, und die Reise wurde angetreten.
Nach vielen Schwierigkeiten, oft in Gefahr zwischen enge stehenden Bäumen, oder in aufstoßenden Dickichten nicht mehr fortzukommen, wurde mit anbrechendem Tage ein breiter, viel befahrner Waldweg gefunden und nach einigen Stunden ein einsam stehendes Gebäude erreicht, welches gegen Süden von prachtvollen Gärten umschlossen, gegen Norden von den Riesenbäumen eines weit auslaufenden Parks geschützt, das stattliche Aussehen eines sehr reichen Edelsitzes hatte. Es war das Jagdschloß des Herrn von Brand, der gerade am Schloßthore stand, als Eckold heranfuhr. Gleich hatte dieser die Frechheit, dem Edelmann Pferd und Wagen zum Kaufe anzubieten, wobei er die Nothwendigkeit, sehr eilig zu reisen, durch ein recht wohl ersonnenes Mährchen darthat. Mit wenigen Worten schloß Herr von Brand den Kauf und erfüllte auch die Bedingung, die Reisenden in seiner Kutsche und mit seinen Pferden auf die nächste Poststation zu schaffen.
Glücklich hatte Eckold Regensburg erreicht, wo er in der Rolle eines reichen Edelmanns aus Sachsen erschien, eine prachtvolle Wohnung miethete, einen Jäger und Koch, und Wilhelmine eine Kammerjungfer und zwei Stubenmädchen in Dienste nahm. —
Die Chatulle des ermordeten Weinhändlers enthielt in Gold die Summe von 11,000 fl., und noch eine größere die Brieftasche in Wechseln au porteur.
Aber diese bedeutende Summe war schon in dem kurzen Zeitraume von drei Jahren durch unsinnigen Aufwand bis auf einige hundert Gulden durchgebracht. Spurlos verschwand der sächsische Pseudo-Edelmann nächtlicher Weile aus Regensburg, aber noch fortlebend im süßen Andenken geprellter Gläubiger und seiner Dienerschaft, die den Lohn eines Jahres bei der reichen Herrschaft stehen hatte.
Von nun an, wie die Untersuchungsacten angeben, wurden Eckold und Wilhelmine zu den verworfensten Bösewichten. Sie betrogen und stahlen, wo sich Gelegenheit fand, einige Zeit ohne Gehilfen, traten dann in eine Bande und trieben Straßen- und Kirchenraub, Brandstiftungen und Mord.
Es wurde im Jahre 1708 zu Leipzig in der grünen Planke auf der Petersstraße ein gewaltsamer Einbruch und sehr bedeutender Raub begangen. Die Polizei durchsuchte alle Gasthöfe, und alle verdächtigen Häuser. In einem derselben fand man Eckold mit Wilhelminen. Sie hatten keinen Paß, konnten sich über einen stabilen Aufenthalt, über den Besitz rechtlicher Erwerbsmittel nicht im Geringsten ausweisen, wurden als verdächtig arretirt und in sehr strenge, abgesonderte Haft gebracht, da man bei Beiden Dietriche und Feilen fand. Durch einen Mitgefangenen wurde Eckold als Theilnehmer an diesem und andern Diebstählen angezeigt.
Eckold läugnete mit unerschütterlicher Festigkeit und gab nie die geringste Blöße. Der Schöppenstuhl zu Leipzig erkannte über ihn die Folter. Ohne die geringsten Merkmale eines Schmerzes erduldete er die härtesten Qualen. Er wurde für ein Jahr in das Zuchthaus verurtheilt und dort zu leichten Arbeiten verwendet. Schon nach einigen Tagen entsprang er beim Straßenkehren den Wächtern, fand in der Nähe von Eilenburg Wilhelminen, die bei seiner Ablieferung in das Zuchthaus auf freien Fuß gestellt worden, als Zuhälterin des Walachen Peters, eines höchst berüchtigten Räubers, ermordete diesen aus Eifersucht und mißhandelte Wilhelmine so unmenschlich, daß sie einige Tage darauf an den Folgen der Mißhandlung starb.
An der böhmischen Grenze wurde Eckold ein Mitglied der Bande des Lips Tullian und zeichnete sich durch alle jene furchtbaren Eigenschaften, mit welchen ein vollkommener Gauner, Räuber und Mörder ausgestattet sein soll, bald so sehr aus, daß ihn Tullian seiner innigsten Cameradschaft würdigte.
[9] Budendieb.