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Lips Tullian und seine Raubgenossen / Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte cover

Lips Tullian und seine Raubgenossen / Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Chapter 13: X. Hans Wolf Heinrich Schöneck.
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About This Book

The narrative traces the rise and exploits of a feared outlaw leader and his band as they carry out raids, robberies, and murders across border regions. Episodic chapters follow recruitment into the gang, daring ambushes, captures and sentences to hard labor, prison escapes, internecine violence, and shifting alliances. Interwoven are personal relationships, jealousies, betrayals, and moments of recognition that complicate loyalties and provoke revenge. The work alternates action-driven set pieces with quieter scenes of imprisonment and moral consequence, charting how violent choices shape the fate of individuals and the group as a whole.

X.
Hans Wolf Heinrich Schöneck.

Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.

Jean Paul.

Es war im Winter des Jahres 1675, als mit einbrechender Nacht ein junges, kräftiges Weibsbild in die Zechstube des Gasthofes eines nahe bei Eisleben gelegenen Dorfes trat, eine große, wohlversiegelte Schachtel der Wirthin übergab und sie recht dringend bat, selbe gleich dem Dorfrichter zustellen zu lassen. — „Diese Schachtel,“ — sagte sie zur Wirthin — „hat mir der Thorschreiber in Eisleben mitgegeben und so schnell als möglich an euern Dorfrichter abzugeben geboten. Ich selbst würde sie ihm recht gern übergeben und dürfte gewiß eines guten Trinkgeldes sicher sein, da, wie mich der Thorschreiber versicherte, in dieser Schachtel ein gar angenehmes Geschenk sich befinde; aber soeben fährt ein Fuhrmann hier durch, der mich nach meinem Orte mitnimmt, und diese gute Gelegenheit darf ich nicht versäumen!“ — Kaum hatte die Wirthin die Schachtel übernommen, als das Weibsbild auch schon aus der Stube verschwunden war.

Mit freudiger Neugierde einem unerwarteten Geschenke entgegen sehend, öffnete der Dorfrichter die Schachtel. Ein allem Anscheine nach erst vor einigen Tagen geborenes Kind, in elende Lumpen gehüllt, vor Kälte fast erstarrt, war des Ueberraschten angenehmes Geschenk. Die Frau des Dorfrichters, bei vielen schlimmen Eigenschaften auch von einer wüthenden Eifersucht beherrscht, argwöhnte eine höchst frevelhafte Verletzung der ehelichen Treue, gab dem bis zur Knechtschaft an Unterwürfigkeit gewöhnten Ehemann eine tüchtige Ohrfeige und zugleich mit einem furchtbaren Blicke die strenge Weisung, den Bankert auf der Stelle aus dem Hause zu schaffen, außer dem das schlimmste Strafgericht erfolge. Schweigend und an unbedingten Gehorsam gewöhnt, schloß der Dorfrichter die Schachtel, nahm sie unter den Arm, warf den Mantel um und eilte aus dem Hause.

„Wohin mit dem Kind?“ — fragte sich selbst der Richter vor der Thüre. Dem kinderlosen Wasenmeister es zu übergeben und heimlich alle halbe Jahre einige Thaler zur Beköstigung beizutragen, war der schnelle und glückliche Einfall, worüber er sich um so mehr freute, da dieses Kind gewiß ein unehliches, mithin, nach den Begriffen und Gebräuchen jener finstern Zeiten, der Aufnahme in irgend eine Innung nicht fähig, wohl aber zum künftigen Lehrling und Knecht eines Wasenmeisters ganz geeignet sei, da Leute dieses Standes, im Geiste der dort vorherrschenden Intoleranz und Befangenheit, auch als unehrlich angesehen und bei keinem Handwerke zugelassen wurden.

Willig nahm der gutherzige Wasenmeister den hülfelosen Wurm auf, und sein nicht so gutherziges Weib glättete schnell die gefurchte Stirne, als die Geldsüchtige von dem Dorfrichter einige Thaler und die feierliche Versicherung eines gleichen halbjährigen Zuschusses, wenigstens für die ersten Jahre, erhielt.

Als die Wasenmeisterin das Knäblein aus den zerlumpten Windeln nahm, fand sie einen am Halse des Kindes mit einem Bindfaden befestigten Zettel, worauf mit großen, schlecht geschriebenen Buchstaben stand: „Dieses Büblein ist getauft, und heißt Hans Wolf Heinrich Schöneck.“ — Der Dorfrichter war außer sich vor Freude, als er diese Worte las. Nun hatte er einen gültigen Beweis seiner Unschuld an dem Dasein dieses Kindes. Ueber Hals und Kopf rannte er nach Hause, hörte, vielleicht zum ersten Male seit seiner Verheirathung, den Befehl zur schnellen Anzeige, wohin der Bankert gebracht sei, nicht mit gebührender Aufmerksamkeit an, und las die inhaltreichen Worte mit seinem kräftigen Basse so laut und so oft vor, daß er die gellende Stimme seiner zürnenden Ehehälfte überschrie und endlich den Sieg errang.

Außer ihm, seiner Ehefrau und den Wasenmeisterleuten wußte im Dorfe Niemand etwas von dieser erfreulichen Bescheerung. Die Dorfrichterin, bis zur Aufgeblasenheit stolz auf den guten Ruf und die Würde ihres Mannes, ging noch in dieser Nacht zu Wasenmeisters, trug ihnen das sorgsamste Stillschweigen, zugleich die Ersinnung einer glaubhaften Angabe über die Erscheinung des Kindes auf, und unterstützte ihr Anliegen mit einem großmüthigen Geschenke. Die Wasenmeisterin erklärte auf der Stelle, das Kind mit dem frühesten Morgen zu ihrer, vier Meilen von da verheiratheten Schwester tragen und es einige Monate dort lassen zu wollen, worauf dann die Schwester bei hellem Tage und mit großer Oeffentlichkeit das Kind hierher bringen sollte, als wäre es eines der ihrigen, um hier an Kindes Statt aufgenommen zu werden.

Schöneck wuchs auf, wie er aufwachsen konnte in jenen Zeiten, wo das Kind eines Wasenmeisters von dem Besuche der Schule, von der Erlernung einer Profession ausgeschlossen und von den meisten Menschen nicht des Umganges gewürdigt wurde. Was der alte Wasenmeister noch vom Lesen und Schreiben wußte, lernte Schöneck von ihm, und erhielt von der Pflegemutter einen höchst nothdürftigen, oberflächlichen Unterricht in der Religion. Zur Arbeit herangewachsen, hatte er den Wasenknecht zum Lehrer, und von diesem wilden, liederlichen Burschen in den Anfangsgründen der Unsittlichkeit und vieler verderblichen Laster eingeweihet, bildete er sich schon in früher Jugend zu dem vor, was er in der Folge ward.

Wie in andern Ländern, so herrschte auch in diesem ein alter, selbst jetzt noch auf vielen landesherrlichen und edelmännischen Besitzungen herrschender Gebrauch, daß der Wasenmeister die Jagdhunde der Herrschaft füttern und bei Treibjagden führen mußte. Bei solchen Jagden wurde Schöneck mit einem der Jäger des Gutsherrn bekannt und von diesem nicht, wie es sonst Sitte war, verächtlich, sondern vielmehr recht freundlich behandelt.

Der im Bewußtsein der Niedrigkeit und Ehrlosigkeit seines Gewerbes fast menschenscheue Schöneck fühlte sich durch des Jägers freundliches Benehmen geehrt und ermuthigt; er wußte sich kaum vor Freude zu fassen, als der Jäger Franz ihn eines Tages mit Flinte, Waidtasche, Pulver und Blei ausrüstete, in den Forst, auf die Felder mitnahm und dort in der Behandlung des Gewehres, im Laden und Schießen unterrichtete. Schöneck, ein flinker Bursche, war bald der beste Schütze in der ganzen Umgegend.

Der Jäger Franz machte Schöneck zum sichern Schützen und immer mehr zum kundigen Waidmann, um aus dessen Kunstfertigkeit für sich so manchen Vortheil zu ziehen. Ein Heuchler, ein frömmelnder, diensteifriger Mensch vor seiner Herrschaft, war Franz da, wo es so ziemlich unentdeckt sein konnte, ein Spieler, Trunkenbold und Wollüstling.

Der knappe Sold, das geringe Schußgeld reichten nicht hin für sein liederliches Leben; die Wilddieberei sollte ihm die Mittel zur Befriedigung seiner Lüste reichen. Darum bildete er Schöneck zum sichern Schützen, zum gewandten Waidmann, um an ihm einen tüchtigen Gehülfen bei der Wilddieberei und einen vertrauten Verkäufer des erlegten Wildes zu haben.

Drei Jahre hatte diese verbrecherische Freundschaft gewährt, und Schöneck von seinem Antheile an dem verkauften Wilde ein hübsches Sümmchen erübrigt, als er eines Tages, da er auf einem Weiler eine gefallene Kuh abholte, den eben vom herrschaftlichen Schlosse zurückgekehrten Bauer seinem Weibe erzählen hörte, daß an diesem Morgen der Jäger Franz auf einem Wilddiebstahle sei ertappt und gleich in Ketten gelegt worden; auch kenne man schon den saubern Patron, der Franzen Mithelfer bei seinen Wilddiebereien gewesen sei. Hier warf der Bauer einen durchbohrenden Blick auf Schöneck, der diesem zur Genüge sagte, wie es um ihn stehe. So schnell als möglich lud er die Kuh auf den Karren, und fuhr im scharfen Trabe der Meisterei zu.

Die Pflegeeltern waren bei seiner Rückkunft gerade in der Kirche. Daß er fort, auf der Stelle fort müsse, darüber war er schon bei den gehörten Nachrichten von Franzens Arretirung mit sich einig; die Abwesenheit seiner Pflegeeltern schuf in seinem verderbten Herzen einen recht schändlichen Einfall, den Einfall, die gutherzigen Leute für die ihm so reichlich gespendeten Wohlthaten noch zu berauben. Unbemerkt von der Magd schlich er in die obere Stube, wo Geld und die beste Habe verwahrt war, erbrach den Schrank, nahm alles vorräthige Geld und was sich Werthvolles vorfand, zog sein bestes Kleid an und sattelte das Pferd. Gegen die Magd, die ihn neugierig um die Veranlassung seines heutigen Aufputzes und Rittes befragte, gab er vor, eilig auf das herrschaftliche Schloß zu müssen, um nach einem plötzlich erkrankten Pferde zu sehen, schwang sich auf und trabte auf dem Wege fort, der nach dem Schlosse führte. Im nächsten Walde schlug er den entgegengesetzten ein, verkaufte im Wirthshause, wo er übernachtete, sein Pferd, stahl einem neben ihm schlafenden Handwerksburschen die Brieftasche mit der Kundschaft, und eilte gleich nach Mitternacht nach Dresden zu, wo er bei einem Trödler seinen ländlichen Anzug gegen einen städtischen mit einer Geldaufgabe vertauschte, und die Frechheit hatte, auf die Hauptwache zu gehen, sich, wie die Kundschaft lautete, als einen Strumpfwirkergesellen aus dem Badischen anzugeben und um Einreihung in das Militär zu bitten. Der junge, hochgewachsene Bursche wurde gern aufgenommen und in dem Infanterie-Regimente des Generals von Röbel eingereihet, wo er drei Jahre stand, dann auf seine Bitte zur Artillerie kam.

War seine Aufführung auch nicht ganz unbescholten, so hatte er sich doch in den fünf Jahren seines Militärlebens keines schlechten Streiches schuldig gemacht. Er würde vielleicht ein recht wackerer Mensch geworden sein und Beförderung erhalten haben, hätte er nicht das Unglück gehabt, mit Susanna Strobel, der jungen Wittwe eines Grenadiers, bekannt zu werden, die eine Erzgaunerin und um so gefährlicher war, da sie ihre verbrecherischen Handlungen mit der größten Schlauheit ausübte und sich mit dem Heiligenscheine der Sittsamkeit und Rechtschaffenheit so zu umgeben wußte, daß sie allgemein als eine höchst achtbare Person galt und selbst bei sonst sehr mißtrauischen Menschen das größte Vertrauen genoß. Sie war in allen ihren Handlungen so klug und vorsichtig, daß Schöneck viele Monate mit ihr im allervertrautesten Umgange verlebte, ohne nur einen ihrer geheimen Umtriebe zu bemerken, bis sie selbst, mit Leidenschaft an ihm hangend, im Rausche der Sinnlichkeit sich in wahrer Gestalt zu zeigen anfing. Männer und Weiber, Bursche und Mädchen, die er oft bei seiner Geliebten antraf, fand er immer im Handel über seidene Tücher, Silberzeug und andere Sachen, und hielt diese Leute für Geschäftsverwandte, da die Wittwe eine Trödelbude hatte. Jetzt erst, als sie selbst ihn ganz zum Vertrauten ihrer Geheimnisse machte, erfuhr er, daß diese Tugendheldin eine Diebshehlerin, selbst das Mitglied einer ansehnlichen, ausgebreiteten Diebesbande sei, der sie das Geraubte verwahre, oft ganze Ladungen davon im Auslande verkaufe, während des Umherziehens auf Kauf und Tausch die besten Gelegenheiten zum Raub, zu Einbrüchen ausforsche und aus den Chochemer-Pennen[10] die Nachrichten an die Bande ergehen lasse. —

Es kostete dieser Susanna Strobel nicht viele Mühe, Schöneck zur Theilnahme an ihrem heillosen Gewerbe zu bereden, da er, durch seines Zeitalters Geistesfinsterniß und Duldungslosigkeit von den Mitteln zur Veredlung des Herzens, zur Erweckung eines wahren Sinnes für Religion, Arbeitsliebe und Pflichterfüllung ausgeschlossen, durch die Schwäche und Nachgiebigkeit seiner Pflegeeltern, durch den verführerischen Unterricht seines ersten Lehrmeisters, des grundverdorbenen Wasenknechts, und durch den verderblichen Umgang mit dem Jäger Franz schon zum Taugenichts, Gauner und Wilddieb, zum künftigen Auswurf der Menschheit auferzogen, und, so viel als möglich, in früher Jugend dazu ausgebildet worden. —

Schon mehrere kleine Diebstähle und Einbrüche hatte Schöneck mit Gewandtheit ausgeführt, als Susanna den Vorschlag zum Einbruche bei einem reichen Krämer im Hause des Oberhüttenverwalters Heig machte. An der Wachsamkeit des Krämers scheiterte die glückliche Ausführung des Einbruches. Die Rotte wurde versprengt. Schöneck, von zwei Scharwächtern verfolgt, konnte nicht mehr das hintere Pförtchen der Kaserne erreichen, zu welchem er sich schon seit langer Zeit einen Nachschlüssel verschafft und so einen geheimen Weg zu nächtlichen verbrecherischen Ausgängen sich gebahnt hatte.

Es gelang ihm, aus der Stadt zu entfliehen, er wurde aber schon am andern Tage, wegen Mangel an gehöriger Aufweisung und der Desertion verdächtig, von den Bauern aufgegriffen und in das Stockhaus zu Dresden abgeliefert.

Von der Theilnahme an dem versuchten Einbruche in den Krämerladen wußte sich Schöneck, ungeachtet er auf die Folter gebracht und mit den Daumenstöcken gefoltert wurde, durch das beharrlichste Läugnen und durch unerschütterliche Standhaftigkeit in Erduldung der Folterschmerzen vollkommen zu reinigen. Doch, der Desertion überwiesen, mußte er Spießruthen laufen und die Unkosten seiner Untersuchung durch Arbeit im Waisenhause, wohin er aus dem Stockhause in Ketten unter Aufsicht eines Soldaten täglich geführt wurde, wieder erstatten.

Die tägliche, schwere Arbeit, mit schlechter Kost verbunden, war dem an Nichtsthun und Wohlleben gewohnten Schöneck viel zu lästig. Ueberzeugt, nicht durch Gewalt, sondern nur durch List sich frei machen zu können, bewies er solch einen rastlosen Arbeitseifer und solch einen gehorsamen, demüthigen, reuevollen Sinn, daß ihm auf Befehl des Obercommissärs die Ketten abgenommen, bessere Lebensmittel gereicht, und manche Erleichterungen gewährt wurden. —

Alles dieses half ihm noch nicht zur Freiheit; für diese mußte etwas Großes gethan werden. Er legte in der vollen Scheune des Waisenhauses Feuer an, war unter den mit der Löschung beschäftigten der Allerthätigste, verschwand im Gewühle der herbeigeströmten Menge, und erreichte ungesehen und unverfolgt die Wohnung seiner Susanna. Schnell war der Züchtlingskittel gegen eine recht stattliche Bürgerkleidung vertauscht, von einem bei der Polizei Angestellten, dem vertrauten Freunde und Beschützer der schönen Wittwe Strobel, schon nach wenigen Stunden für Schöneck ein Paß mit dem Namen Gottlieb Kraus ausgefertigt, mit Susanna genaue Abrede genommen, und als der Tag angebrochen und die Stadtthore geöffnet waren, ging Schöneck, durch seine stattliche Kleidung und ein großes, schwarzes Pflaster auf dem einen Auge unkenntlich gemacht, wie ein lustwandelnder Bürger, langsam und unbefangen an der Wache vorüber zur Stadt hinaus.

Durch seinen Paß beglaubigt, und von Susanna mit 300 Thalern in Golde versehen, ließ sich Schöneck zu Mainsdorf im Brandenburgischen nieder, trieb einen Handel mit gewirkten Strümpfen, mit Hauben, Bändern und Tabak, ließ Susanna, die aus leidenschaftlicher Neigung zu ihm ihr gutes Diebsgewerbe in Dresden verlassen und eine nicht unbedeutende Summe ihm zugebracht hatte, mit seinen Waaren auf den Dörfern Handel treiben, vereinigte sich mit liederlichem Gesindel und stahl und raubte, aber mit solcher Klugheit und Vorsicht, daß der Strumpfhändler Gottlieb Kraus sowohl in Mainsdorf, als auch in ferner Umgebung für einen gar wackern Mann galt.

Unter Schönecks vertrauteste Raubgenossen gehörte Peter Blinder, der auch als Bandkrämer im Lande umherzog und einer der schlauesten und verwegensten Gauner war. Beide, sehr reizbar und jähzornig, geriethen sehr oft in Streit, der meistentheils sehr blutige Folgen hatte. So traf es sich, daß sie auf der Straße bei Hoyerswerda über eine Kleinigkeit in Wortwechsel kamen, sich schlugen und Schöneck, dem Blinder an Kräften weit überlegen, auf das Grausamste mißhandelte. Die Leute liefen von den Feldern herbei, von Blinder zur Hülfe angerufen, dem ein Auge eingeschlagen und der Kopf voll Löcher war.

Von Wuth gegen seinen barbarischen Peiniger außer sich, bat Blinder die herbeigeeilten Landleute, diesen Menschen, der als der Strumpfhändler Gottlieb Kraus umherziehe, aber jener, aus dem Stockhause zu Dresden entsprungene, durch Steckbriefe verfolgte Schöneck sei, gleich in Verhaft zu nehmen, und wohl zu verwahren. Blinder würde gewiß auch noch genauer über seines Kameraden verübte Thaten gesprochen haben, wäre er nicht aus Schwäche wegen des bedeutenden Blutverlustes ohnmächtig geworden. Schöneck und Blinder wurden von den Landleuten in das nächste Dorf gebracht, wo Blinder noch in der Nacht an den Folgen der erlittenen Mißhandlung starb, und Schöneck am andern Morgen, auf einen Wagen gebunden und von bewaffneten Bauern umgeben, in das Stockhaus zu Dresden abgeführt wurde.

Weder seine Flucht aus Dresden während des Brandes im Waisenhause, noch die Betreibung seines Strumpfhandels in Mainsdorf und sein Hausiren auf dem Lande läugnend, dabei aber im unerschütterlichen Stillschweigen über den Aussteller des falschen Passes und über seine vertrauten Verhältnisse zu Susanna Strobel auf das Hartnäckigste verharrend, hatte Schöneck allen ihm gefährlichen Verdacht früherer schwerer Verbrechen nach und nach beseitigt.

„Weil aber der Verdacht noch nicht zulänglich gewesen, daß die Herren Schöppen zu einer Peinlichkeit wider ihn gelangen können: so haben dieselben in dem eingeholten Urtheil, gar vorsichtig von ihm zugleich mit angemerket:

Daß Schöneck, der allem Ansehen nach, viel Böses gestiftet, und annoch anzurichten geschickt ist, in sicherer Verwahrung eine Zeitlang, bis zu seiner Besserung enthalten, und dahin, woraus er eigenen Anziehen, fol. II. nach entkommen, wieder gebracht, auch zur Abarbeitung derer daselbst annoch rückständigen Unkosten angestrenget werden solle.

Auf besondern Befehl der Landesregierung wurde Schöneck nicht im Stockhause gelassen, sondern auf den Festungsbau gebracht.

Unter den Baugefangenen wurde bald darauf bekannt, daß der Räuber und Mörder Peter Pfützner in einigen Tagen auf dem Sande vor Alt-Dresden durch den Strang hingerichtet werde.

„Gott Lob, sie hängen meinen Hauptfeind auf!“ — sagte Schöneck halblaut in der Gaunersprache vor sich hin. Ein Frohnknecht, der Gaunersprache kundig, hatte kaum diese Worte gehört, als er dem Ober-Profosen davon Anzeige machte. Dieser berichtete Schönecks Aeußerung dem Criminalgerichte. Auf der Stelle wurde Pfützner zum Verhöre vorgeführt, und zur aufrichtigen, ausführlichen Angabe alles dessen, was er von dem Leben und Uebelthaten des Baugefangenen Schöneck wisse, auf das Dringendste ermahnt. Pfützner erklärte, er habe mit Schöneck, als dieser unter dem Namen Gottlieb Kraus sich umhergetrieben habe, in tödtlicher Feindschaft gestanden, hätte sich aber wohl gehütet, gegen ihn auszusagen, um nicht für einen rachsüchtigen Menschen zu gelten. Da er aber von einem hochpreißlichen Criminalgerichte zur Angabe der Wahrheit aufgefordert werde, und sein Gewissen ihm ohnehin dieses Stillschweigens über Schöneck wegen die heftigsten Vorwürfe schon seit längerer Zeit mache, so wolle er nun mit der strengsten Wahrheitstreue und genauester Ausführlichkeit alles angeben, was er über Schönecks Thaten während der Dauer ihrer Kameradschaft auszusagen wisse.

Und nun gab Pfützner seine sehr inhaltreiche Aussage gegen Schöneck zu Protokoll.

Nach dem Verhöre wurde Schöneck zur neuen Untersuchung in das Stockhaus abgeliefert. Wie es ihm möglich geworden, sich von seinen schweren Ketten loszumachen und aus einem der tiefsten und festesten Kerker des Tag und Nacht wohl verschlossenen, von zahlreichen Wächtern und Hunden gegen Ein- und Ausbrüche sehr geschützten Stockhauses zu entrinnen, konnte nicht ergründet werden, da er nicht nur gegen seine Kameraden, sondern auch in der Folge bis an sein Ende gegen die Untersuchungsrichter ein Stillschweigen beobachtete, welches kein freundliches Zureden, kein Ernst, selbst nicht die grausamste Folter zu brechen vermochte.

Aus dem Stockhause hinweg wurde er mit Sarberg und Schickel bekannt, von Tullian zu seinem Raubgenossen gemacht und allmälig von ihm zur höchsten Höhe der Gewissenlosigkeit, der Raubgierde und der Grausamkeit geführt. In einem furchtbaren Kampfe gegen die Uebermacht von Soldaten, Jägern und Landleuten, gerade als Lips Tullian, nur noch mit Wenigen auf dem Platze, von zwei Grenadieren entwaffnet und fortgeführt wurde, schlug sich Schöneck mit Löwenmuth und Löwenstärke durch die dichte Reihe der Soldaten und Jäger, entriß Tullian den Grenadieren, und hielt den Haufen der Angreifer so lange zurück, bis Tullian einem Jäger den Hirschfänger entrissen und den das Kommando befehligenden Officier niedergestochen hatte. Der Tod des Anführers machte den blutigen Kampf stocken. Diesen Augenblick der Ruhe benutzend, gewannen Beide die nahen Gebüsche, und waren gerettet.

Diese muthige That, im Augenblick der höchsten Gefahr ausgeführt, machte Tullian zu Schönecks treuestem Freunde.

[10] Diebsherbergen.