Lips Tullian blieb hier in dieser Schenke mehrere Monate. Durch die Bemühungen des Wirthes wurde er zuerst mit dem Studentenfritz und dem berüchtigten, wilden Hentzschel bekannt. Es war dies ein würdiges Kleeblatt, das sich ihrer gegenseitigen Bekanntschaft nicht genug erfreuen konnte, und welches wohl geeignet war, bald der Schrecken und das Entsetzen einer jeden Gegend zu werden. Diese Beiden führten ihrem neuen Anführer nun auch noch die andern berühmtesten Gauner und Räuber zu, welche es in Sachsen gab; darunter waren die vorzüglichsten und bekanntesten: Schöneck, Eckholdt (der schöne Böttcher), Schickel (der Brettbauer), und Daniel Lehmann.
Es wurden von diesen würdigen neuen Genossen Lips Tullians viele Berathungen gepflogen und Pläne geschmiedet, auch kleine Einbrüche gethan, aber nach Lips Tullians Plan wollte diese neue Bande diese Gegend und Sachsen, — wie sie sich ausdrückten — vorerst noch schonen, und sich für spätere Zeiten aufsparen. Deshalb hatten sie beschlossen, alle nöthigen Zurüstungen zu einer größeren Reise zu machen, ihre Kassen reichlich mit Gelde zu versehen, sich falsche Legitimationen zu fabriciren und dann, wenn alles gehörig vorbereitet wäre, nach Prag aufzubrechen, wohin sie dann den Schauplatz ihrer Thaten zu verlegen gedachten. Lips Tullian hatte seinen neuen Genossen die Reichthümer dieser Stadt mit so lockenden Farben geschildert, daß alle mit Begeisterung und Sehnsucht dem Augenblicke entgegensahen, wo sie dort ihre Thätigkeit würden beginnen können.
Vorerst aber sollte noch zur Füllung ihrer Kassen ein Einbruch in die Eimbecker Mühle statthaben, wo, wie sie wußten, ein Schatz von 3000 Thalern zu heben war.
Der Wirth und jene drei armseligen Schlucker, welche Lips Tullian zuerst in der Schenke auf dem Sande hatte kennen lernen, machten die Kundschafter.
Es war eine stürmische, regnerische Nacht, welche zur Ausführung ihres Vorhabens bestimmt war. Die Mühle lag einsam in einem umwaldeten Thale, einige hundert Schritte von den übrigen Häusern des Dorfes entfernt. Der Wirth mit seinen drei Kumpanen machten die Wachen, von allen Seiten waren sie um das Haus herum in der Ferne aufgestellt, um alle Störung zu beseitigen und jeden unwillkommenen etwaigen Ueberfall bei Zeiten den übrigen Räubern zu signalisiren.
Lips Tullian machte hier für seine neuen Genossen sein Probestück.
Mit seltener Umsicht hatte er alle Anstalten getroffen und an ein Mißlingen des Unternehmens war daher so leicht nicht zu denken!
Die Müllersfamilie bestand aus ihm, einem alten Manne, einem erwachsenen Sohne, der aber verreist war, der Ehefrau des Ersteren und vier Mühlknappen. Es war bei solcher Anzahl zu erwarten, daß ein heftiger Widerstand geleistet werden würde; diesen so wenig schädlich als möglich zu machen, war daher die schwierige Aufgabe, welche sie zu lösen hatten.
Mit Leitern stiegen die mit der Gelegenheit des Hauses wohl vertrauten Räuber, Lips Tullian voran, in das erste Stockwerk ein; die Fensterscheiben waren schnell und ohne alles Geräusch zerbrochen, die Fenster erbrochen und die Räuber befanden sich im Hause, ehe noch Jemand ihre Anwesenheit nur ahnte.
Zuerst begaben sich nun hierauf die Räuber in das Schlafgemach des Müllers, den sie mit seiner Frau nach kurzem Widerstande, und ehe dieselben nach Hilfe rufen konnte, banden und knebelten und hierauf beide als unschädlich im Bette liegen ließen.
Dann ging es zu der Schlafstätte der vier Mühlknappen. Hier hatten aber die Räuber einen schweren Stand, denn diese waren von dem Lärmen wach geworden und kamen, bewaffnet mit Stöcken und alten Degen, ihnen entgegen. Es entspann sich ein ernster Kampf, der leicht für die Räuber hätte gefährlich werden können; aber Lips Tullian ersah sich einen günstigen Augenblick, unterlief den Kühnsten von den Feinden, packte ihn, warf ihn zu Boden und stieß ihm sein Messer in die Kehle. Die andern wurden ebenfalls bald niedergeschlagen. So gab es also nun zwei Leichen und zwei zum Tode Verwundete, während einige von den Räubern nur leicht verletzt waren.
Diese begaben sich nun in den Keller, wo der Müller sein Geld aufbewahrt haben sollte; doch so aufmerksam sie auch suchten und das Oberste zu Unterst drehten und wendeten und umgekehrt, sie fanden nirgends das Gesuchte und auch nirgends nur eine Spur davon.
Wüthend hierüber gingen sie zu dem Müller zurück, schleppten ihn, da er nicht gestehen wollte, wo er seinen Schatz verborgen habe, in den Keller und nöthigten ihn durch Schläge und Messerstiche, ihnen denselben endlich anzugeben. Er war verscharrt und mußte erst ausgegraben werden. In einer schweren hölzernen Kiste wurde er endlich, als schon fast der Morgen tagte, gehoben und mit ihm flüchteten nun die Räuber in Sicherheit. Der Müller blieb halb todt im Keller zurück.
Bei der Theilung fand man, daß die Beute größer war, als man gehofft hatte; es fanden sich über 4000 Thaler in der Kiste. Nun hatten sie die Mittel, ihre Reise nach Prag anzutreten, was denn auch in einigen Tagen geschah. Es war dies aber auch die höchste Zeit, denn der Einbruch in der Mühle und die Ermordung der Mühlknappen hatte die Justiz auf die Beine gebracht, welche ein Commando Landdragoner in diese Gegend absandten, um alles verdächtige Gesindel aufzugreifen und auf die Räuber zu fahnden.
Die Soldaten kamen eben daselbst an, als in der Nacht vorher Lips Tullian mit seinen Genossen sich über die böhmische Grenze begeben hatte.