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Lips Tullian und seine Raubgenossen / Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte cover

Lips Tullian und seine Raubgenossen / Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Chapter 35: XXXII. Neue Unthaten der schwarzen Garde.
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About This Book

The narrative traces the rise and exploits of a feared outlaw leader and his band as they carry out raids, robberies, and murders across border regions. Episodic chapters follow recruitment into the gang, daring ambushes, captures and sentences to hard labor, prison escapes, internecine violence, and shifting alliances. Interwoven are personal relationships, jealousies, betrayals, and moments of recognition that complicate loyalties and provoke revenge. The work alternates action-driven set pieces with quieter scenes of imprisonment and moral consequence, charting how violent choices shape the fate of individuals and the group as a whole.

XXXII.
Neue Unthaten der schwarzen Garde.

Hedwig
Gerechter Gott! Nein! nein! es ist unmöglich!
 
Solch teuflisch Wüthen rast in keiner Seele,
 
Die eines Menschen glücklich Antlitz trägt!
Rudolph
Bebst Du vor des Gedankens Riesenhülle,
 
Und zweifelst Du, daß er zur Wahrheit würde? —
 
Du kennst mich schlecht, wenn Du Dir träumst, ich könnte
 
Ein halber Teufel sein!

Es näherte sich die Zeit, in welcher Lips Tullian wieder in die Welt und auf die ersehnte Bühne neuer Verbrechen treten wollte. Schon lange waren die Landstraßen von Streifzügen und lauernden Dienern der Gerechtigkeit leer, dagegen wurden sie täglich belebter von Oelhändlern, vacirenden Jägern, Thierärzten, Kesselflickern, Scheerenschleifern, hausirenden Krämern, abgedankten Soldaten, Korbflechtern und verschiedenen wackern Leuten, die einer hochlöblichen Polizei so weit als möglich aus dem Wege gingen.

Sarberg, Hentzschel und Eckold waren es, die seit zwei Wochen sich an die Gränzen des Landes vertheilt, dort und da noch einen alten Kameraden aufgefunden und diesen mit der Nachricht von Lips Tullians Anwesenheit und seinen künftigen Unternehmungen wieder versendet hatten, um frühere Cameraden aufzusuchen, neue zu werben, und so schnell als möglich einzeln und verkleidet in der Waldschlucht um Tullians hochgefeierte Fahne sich zu sammeln.

Mit Mariane und sechs Genossen hatte Lips Tullian die Waldschlucht betreten; an der Spitze von mehr als 200 Gefährten trat er aus des Waldes Dunkel zu neuen Schandthaten hervor.

Die Bande hieß wieder die schwarze Garde und wurde wieder in gleichen Abtheilungen den Befehlen Eckolds, Sarbergs, Hentzschels, Lehmanns, Schönecks und Schickels untergeordnet. Lips Tullian umgab sich nur mit einigen; aber diese waren Leute, die ihre Verwegenheit, im Vereine mit der feinsten Schlauheit bei jeder Gelegenheit, und ihre Treue, ihr Stillschweigen, ihre Standhaftigkeit unter den gräßlichsten Martern der Folter schon oft und auf das zuverlässigste beurkundet hatten.

Nicht in Sachsen, sondern auch über die angrenzenden Länder ergoß sich nun dieser Räuberstrom mit seinen verheerenden Fluthen.

Das Jammergeschrei der Unglücklichen aus höhern Ständen, wie unter dem Landvolke, die nicht nur beraubt, sondern oft auf den Tod mißhandelt wurden, die Klagen der Priester über die Plünderungen ihrer Kirchen ertönten von allen Seiten. Es wurde Militär ausgesandt, die Edelleute und Beamten setzten sich an die Spitze der Jäger und Bauern; das Land wimmelte von Streifen, aber auch die allerthätigsten Bemühungen führten nur höchst unbedeutende Resultate herbei, da an der Schlauheit, der Vorsicht, dem Muthe und den raschen Bewegungen der Räuber die regsten Anstrengungen der Obrigkeiten und ihrer Beistände scheiterten.

Noch waren nicht zwei Jahre seit Lips Tullians Entweichung aus der Kasematte von Dresden verflossen, als die Bande schon 43 Kirchen, 28 Edelhöfe, 62 Mühlen und Bauerhäuser, selbst 5 landesherrliche Schlösser ausgeplündert, 87 Pferde gestohlen, eine unzählige Menge von Reisenden beraubt, 4 Weiler in Asche gelegt, und mehrere Menschen mit unmenschlicher Grausamkeit gemordet hatten.

Das Entsetzen, welches diese Rotte von Bösewichtern weit und breit durch das ganze schöne Sachsenland verbreitete, hatte den höchsten Grad erreicht, Niemand konnte sich mehr in seinem Hause für sicher halten, selbst nicht hinter den wohlverwahrtesten Schlössern, denn der schwarzen Bande widerstand kein Schloß, kein Riegel, kein festes Gebäude.